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Die schöne Helena

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1. KAPITEL

Northumberland, England 1852

Adam Mannion zügelte sein Pferd, sobald es um eine Kurve der festgestampften Sandstraße gebogen war. Verwundert musterte er das weitläufige Gebäude.

Das sollte Rathford Manor sein?

Der Wallach, eben erst erworben und eher lebhaft als fügsam, begann unruhig zu tänzeln. Spürte auch er die unheimliche Aura des Hauses? „Brrr, alter Junge!“ murmelte Adam, umfasste die Zügel etwas fester und brachte das Pferd unter Kontrolle. Nervös spitzte das Tier die Ohren.

Als besonnener, praktisch veranlagter Mann, hatte Adam Mannion in seinen zweiunddreißig Jahren nichts gesehen, was ihn veranlassen mochte, an irgendetwas außerhalb der greifbaren gegenständlichen Welt zu glauben. Nur beim Kartenspiel vertraute er hin und wieder auf gewisse Ahnungen. Doch in diesem Fall teilte er das sonderbare Unbehagen seines Pferdes.

Das Haus wirkte … tot, zumindest verlassen. Im Garten bückte sich keine Menschenseele, um Gemüse oder Kräuter zu ernten. Niemand kam aus dem Gebäude oder den Stallungen, um ihn zu begrüßen. Ungehindert wucherten die Büsche und Rankgewächse, die der majestätischen Fassade vielleicht einmal heitere Anmut verliehen hatten. Aus den Steinmauern quollen Flechten und gediehen prächtig in der Atmosphäre der Vernachlässigung, die wie ein Leichentuch über dem Anwesen lag. Trotz des milden Wetters waren die meisten Fensterläden geschlossen. Also wurden die Räume dahinter nicht benutzt.

„Das Dornröschen von Northumberland“, flüsterte Adam belustigt. Nun, er war wohl kaum der Prinz, der sich durch das Dornengestrüpp kämpfen würde, um die Prinzessin zu wecken.

Nur das Geld hatte ihn in diesen gottverlassenen Winkel von England gelockt, wo der Nordwind über unbelebtes Moorgebiet fegte. Viel lieber würde er den Sommer mit seinen Gefährten in Cornwall verbringen – oder in Südfrankreich oder Italien, wie einige seiner wohlhabenden Freunde. Bedauerlicherweise war er nicht reich. Und deshalb war er hier. Wegen des Geldes. Weil er heiraten wollte.

Keine Geringere als das Dornröschen von Northumberland.

Das Pferd wieherte, was etwas spöttisch klang, als könnte es die Gedanken seines Herrn erraten. Seufzend nickte Adam. „Ganz meine Meinung. Welch ein Unsinn!“ Er schüttelte den Kopf, dann drückte er seine Fersen in die Flanken des Wallachs. „Jedenfalls müssen wir dieses gespenstische Bauwerk erforschen.“

Widerstrebend ritt er durch das hohe Unkraut, das den Rasen vor dem Haus bedeckte, und gewann den Eindruck, um Mitternacht einen nebelverhangenen Friedhof zu durchqueren. Eine Gänsehaut überzog seine Arme. Beinahe erwartete er, einem Gespenst zu begegnen.

Nachdem er sich aus dem Sattel geschwungen hatte, wischte er den Staub von seinen Breeches und rückte die Krawatte zurecht. Dann lachte er über seine uncharakteristische Pedanterie. Offenbar war er genauso nervös wie sein Pferd.

Er ging zur Tür, hob einen mit Grünspan überzogenen Klopfer, der aus dem Maul eines grotesken eisernen Fabeltiers ragte, und ließ ihn gegen das Holz fallen. Wie leiser Donner hallte das Geräusch durch das Haus.

Eine Zeit lang geschah gar nichts. Er klopfte noch einmal und wartete. Die Stirn gerunzelt, starrte er den hässlichen Wachtposten an, der seine Metallzähne fletschte. Hatte man ihn falsch informiert? Oder war er dem schwarzen Humor seiner „Busenfreunde“ zum Opfer gefallen? Diesen liederlichen Schurken würde er einen so üblen Scherz durchaus zutrauen. Womöglich saßen sie jetzt im White’s Club und lachten sich krank über Adam, der in diese Einöde geritten war, um einem Märchen nachzujagen.

Dornröschen? Er hatte fantastische Geschichten über ihre Schönheit gehört, ihren Charme, ihre unvergleichlichen Liebreiz und – am allerwichtigsten – ihr Vermögen, das er so dringend brauchte.

Geld, Schönheit, eine Landpomeranze, die ein zurückgezogenes Leben führte und seine Amüsements in der Stadt nicht behindern würde. Zweifellos eine perfekte Ehefrau …

Welch ein alberner Gedanke! Ich bin doch kein Grünschnabel mehr, überlegte er ärgerlich. Auf dieser Welt war nichts perfekt. Das müsste er mittlerweile wissen.

Allmählich gestand er sich seine Niederlage ein. Man hatte ihn hereingelegt. Wenn er jetzt zurückritt, würde er bei Einbruch der Dunkelheit den Gasthof im nahen Dorf Strathmere erreichen.

Aber als er die Marmorstufen hinabstieg, schwang die Tür hinter ihm auf. Erstaunt drehte er sich um und blinzelte. Finstere Schatten umgaben die Gestalt auf der Schwelle, und er sah nur, dass es eine Frau war. Wahrscheinlich eine Dienerin.

„Was wollen Sie?“

Diese Unverschämtheit, die seine ohnehin schon düstere Laune noch verschlechterte, irritierte ihn. In gebieterischem Ton verkündete er: „Ich wünsche die Herrin des Hauses zu sprechen, Lady Helena Rathford, wenn Sie so freundlich wären.“

Nun entstand ein kurzes Schweigen. „Wer sind Sie?“ Hastig unterbrach sie sich und fügte in etwas höflicherem Ton hinzu: „Ich meine … wen darf ich melden?“

Die Stimme klang kultiviert und passte nicht zu einer Dienerin. Aber er kannte diese Gegend nicht. Vielleicht war der hiesige Dialekt weniger ausgeprägt als in anderen Regionen. „Adam Mannion, Esquire.“ Die Arme vor der Brust verschränkt, nahm er an, die Frau würde ihn endlich ins Haus bitten. Doch darauf hoffte er vergeblich. „Holen Sie Ihre Ladyschaft!“ befahl er. War sie schwachsinnig? „Lassen Sie mich nicht länger warten!“

„Was wollen Sie von Ihrer Ladyschaft?“ erkundigte sie sich herausfordernd.

„Das braucht Sie wohl kaum zu kümmern.“

„Im Augenblick möchte sie nicht gestört werden. Gehen Sie!“

Zu seiner Verblüffung begann sie die Tür zu schließen. Zweierlei bewog ihn, blitzschnell die Initiative zu ergreifen – einerseits seine Empörung über diese dreiste Person, andererseits die Mitteilung, dass hier tatsächlich eine Lady Helena Rathford anzutreffen war. Daran hatte er angesichts des beklagenswerten Zustands, in dem sich das Haus befand, gezweifelt. Er sprang die Stufen hinauf und schob einen polierten Reitstiefel in den Türspalt. Eine Sekunde später wäre das massive Eichenportal ins Schloss gefallen.

„Großer Gott, Mädchen!“ rief er und unterdrückte einen Fluch, als ein heftiger Schmerz durch seinen Unterschenkel fuhr. „Wollen Sie einen Krüppel aus mir machen?“

„Entfernen Sie Ihr Bein!“

„Impertinentes kleines Ding! Verständigen Sie sofort Ihre Herrin! Ich habe etwas Wichtiges mit ihr zu besprechen, das keinen Aufschub duldet und …“ Abrupt verstummte er. Das qualvolle Pochen in seinem Fuß schürte seinen Zorn. Mit einer seiner breiten Schultern warf er sich gegen das Eichenholz, das Mädchen taumelte zurück, und die Tür prallte krachend gegen die Innenwand. Sichtlich verwirrt starrte ihn die unbotmäßige Dienerin an. In ihren blauen Augen lag ein grüner Glanz, der sie fast türkis wirken ließ. Adam schenkte ihr sein charmantestes Lächeln. „Sicher verstehen Sie, dass ich lieber drinnen warte.“

Sie war gertenschlank und größer, als er vermutet hatte. Hoch aufgerichtet stand sie vor ihm und straffte empört die Schultern. Aus dem nachlässig hochgesteckten Haar hingen einige blonde Strähnen herab und verdeckten teilweise ihr Gesicht. Nur eine schmale Nase und ein wohlgeformtes Kinn waren deutlich zu sehen. Unwillig stellte er fest, dass sie attraktiv war, wenn sie auch nicht so volle Brüste besaß wie seine bevorzugten Bettgenossinnen.

„Verschwinden Sie sofort!“ fauchte sie und wich in die Schatten der Eingangshalle zurück. „Bevor ich meinen … meinen Herrn rufe!“

„Tun Sie das“, erwiderte Adam und folgte ihr ins Dunkel. „Dafür wäre ich Ihnen sogar dankbar. Wo sind Sie? Warum verstecken Sie sich?“

„Ich verstecke mich nicht, Sie Laffe! Gehen Sie endlich!“

„Wie können Sie es wagen, so mit mir zu reden? Ihr Benehmen ist unentschuldbar.“

Statt zu antworten, seufzte sie verächtlich.

Wie ein ungeduldiges Raubtier drang er weiter in den Raum vor. Was er mit der frechen Dienerin machen würde, wenn er sie aufstöberte, wusste er noch nicht. Jedenfalls hatte er noch nie eine Frau geschlagen. „Wo sind Sie?“ Tiefe Stille. Vielleicht hatte sie erkannt, wie schändlich sie sich verhalten hatte, und war angstvoll geflohen. Nun, dann würde er ihren Herrn eben selbst aufsuchen.

Inzwischen hatten sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt. Er blieb stehen, sah sich in der Rundhalle mit der Kuppel um und pfiff anerkennend. Reliefs im neoklassizistischen Stil, neuerdings sehr beliebt, schmückten die Wände. Dazwischen hingen kostbare Gemälde, edle Teppiche bedeckten den Marmorboden. Lächelnd rieb sich Adam die Hände. Der Reichtum, der hier zur Schau gestellt wurde, entzückte ihn. Offensichtlich war er am richtigen Ort.

„Sind Sie immer noch da?“

„Das sollte ich Sie fragen!“ entgegnete er und spähte erfolglos in den düsteren Hintergrund des Raums.

Jetzt erklang eine andere Stimme. „Mylady? Was ist los? Wer ist denn gekommen?“

Mylady?

„Lady Helena!“ rief Adam. „Sind Sie hier?“ Lebhaftes Getuschel lenkte seine Aufmerksamkeit auf zwei weibliche Gestalten, die in den Schatten beisammen standen. „Lady Helena?“

Plötzlich flammte Licht auf und erschreckte alle drei. Ein hoch gewachsener Mann, bärenstark gebaut, trat neben Adam und hielt mit einer kraftvollen Faust eine Öllampe hoch, die buschigen Brauen indigniert zusammengezogen.

„Was zum Teufel geht hier vor, Helena?“

Adam wandte sich wieder zu den beiden Frauen, die er jetzt, im gelben Lichtschein, deutlich sah. Die junge Dienerin starrte ihn angstvoll an … mit gutem Grund. Sicher war der Neuankömmling ihr Herr, der ihr rüdes Benehmen mit einem strengen Tadel strafen würde.

Triumphierend erwiderte Adam ihren Blick, ehe er die Dame inspizierte, die er für Lady Helena hielt. Die Lippen missbilligend gekräuselt, schaute sie ihn an. Unter einem Spitzenhäubchen zeigten sich widerspenstige rote Haarsträhnen. Zahllose Sommersprossen übersäten das faltige Gesicht. Ihrem Alter entnahm er ebenso wie ihrer offenkundigen irischen Herkunft, dass sie nicht die Frau war, die er suchte.

Nicht Lady Helena.

In wachsendem Entsetzen betrachtete er die Dienerin, die ihn so kühn herausgefordert hatte.

Lady Helena?

Helena erbleichte, als seine Miene offenbarte, welche Erkenntnis er gewonnen hatte. Jetzt wusste er, wer sie war. Was drückte sein Gesicht aus? Bestürzung, Argwohn … und Abscheu?

Warum sollte sie das stören? Wegen meiner Eitelkeit, vermutete sie. Die war ihr noch nicht völlig abhanden gekommen, trotz der letzten fünf Jahre.

Immerhin fand sie den Mann sehr attraktiv. Dunkles, fast schwarzes Haar, braune Augen, exquisit gekleidet – zweifellos ein Londoner Dandy, der seine Garderobe in der Savile Row schneidern ließ. Obwohl sie sich um eine arrogante Pose bemühte, flatterten ihre Nerven. Seit sie ihn vor dem Haus gesehen hatte, übte er eine verwirrende Wirkung auf sie aus.

Was ihn hierher führte, war unschwer zu erraten. Dazu brauchte man keinen brillanten Verstand. Nur ein einziger Grund konnte einen Mann in den abgeschiedenen Norden des Landes locken. Und er war nicht der erste Mitgiftjäger. Aber er unterschied sich von den Speichelleckern, die sie mit scheinheiligen Komplimenten zu umgarnen suchten. Dieser Mann ist kein Heuchler, entschied sie. In seinen braunen Augen las sie ungläubiges Staunen – und unverhohlene, wenig schmeichelhafte Gedanken. Ein markantes Kinn und eine gerade Nase verliehen seinen Zügen eine gewisse Würde. Kein hübscher Mann. Aber er strahlte eine bezwingende Vitalität aus.

Über seine sinnlich geschwungenen Lippen kam kein einziges Wort. Verlegen berührte sie ihr zerzaustes Haar und fragte sich, ob ihre Wangen Schmutzflecken aufwiesen. Die plötzliche Sorge um ihre äußere Erscheinung ärgerte sie. Mit solchen Dingen befasste sie sich schon lange nicht mehr.

Zum Teufel mit ihm! Hastig ließ sie die Hand sinken. Wahrscheinlich ist er nur ein elegant gekleideter Hochstapler. „Vater“, würgte sie hervor, „bitte, du musst diesem Gentleman die Tür weisen.“

Verwundert hob George Rathford, Earl of Rathford, die Brauen. „Was soll das, mein Kind?“

„Wie du siehst, bin ich nicht in der Lage, irgendjemanden zu empfangen. Schau mich doch an! Wir haben im Keller gearbeitet.“

Formvollendet verneigte sich der Gentleman vor Seiner Lordschaft. „Sir, es ist mir eine Ehre, Sie kennen zu lernen. Wenn ich mich vorstellen darf – Adam Mannion, Esquire, zu Ihren Diensten.“

Helena musterte ihn kritisch. Trotz der Verbeugung blieb sein Kopf stolz erhoben. Anscheinend widerstrebte es ihm, eine unterwürfige Haltung einzunehmen. Versteckte sich ein Rebell hinter der manierlichen Fassade?

Voller Genugtuung wartete sie die Reaktion ihres Vaters ab, der Mannions Absichten sicher ebenso durchschauen würde wie sie selbst.

„Ich bin gekommen, um mit Ihrer Tochter zu sprechen, Mylord“, fügte der Besucher hinzu, „und ich …“

„Mit meiner Tochter?“ unterbrach ihn George Rathford. „Kennst du diesen Mann, Helena?“

„Nein, Vater. Als du in die Halle kamst, wollte ich ihn gerade wegschicken.“

Unwillig sah sich der Earl um. „Wie dunkel es hier ist! Warum sind alle Fensterläden geschlossen? Ich kann den Burschen kaum sehen.“

„Im Sonnenschein fliegen Staubwolken herum, Mylord“, erklärte die Irin. „Wenn die Läden geschlossen sind, lässt sich das Haus leichter sauber halten.“

„Verdammt!“ Die Augen zusammengekniffen, wandte sich Lord Rathford wieder an Adam. „Also möchten Sie mit meiner Tochter reden?“

„Wenn es gestattet ist“, lautete die höfliche Antwort.

Helena beobachtete, wie ihr Vater an seiner Unterlippe kaute – ein untrügliches Zeichen. Jetzt dachte er nach. Er warf ihr einen kurzen Blick zu, dann erwiderte er: „Offenbar will das Mädchen nichts mit Ihnen zu tun haben, Mr. Mannion.“

„Das … habe ich bereits gemerkt, Sir.“

„Die Frauen können furchtbar hartherzig sein. Verstehen Sie was vom weiblichen Geschlecht?“

Überrascht starrte Helena ihren Vater an. Das war nicht die wortkarge Verabschiedung, mit der sie gerechnet hatte. Jetzt las sie sogar ein gewisses Amüsement in den blassen Augen des alten Mannes.

„Leider viel zu wenig“, erwiderte Adam Mannion.

Welch eine kluge Antwort, dachte sie.

„Wer kennt die Frauen schon …?“ seufzte Seine Lordschaft. „Möchten Sie mich in die Bibliothek begleiten … nachdem Sie die weite Reise auf sich genommen haben und meine Tochter Sie nicht empfangen will? Ich will meine trockene Kehle benetzen. Vielleicht könnten Sie auch einen Schluck vertragen.“

„Vater!“ rief Helena schockiert.

Während Mannion ihrem Vater folgte, warf er ihr einen kurzen Blick über die Schulter zu – einen kampflustigen Blick. „Tut mir Leid, Lady Helena, Sie müssen noch etwas warten, bis Sie an die Reihe kommen.“ Und dann verschwanden die Männer hinter der eichenen Bibliothekstür.

Verwirrt wandte sie sich zu ihrer Dienerin Kimberly, die nachdenklich auf die geschlossene Tür starrte.

Zu Helenas Bestürzung räusperte sich die Irin vielsagend. „Gehen wir nach oben.“

2. KAPITEL

„Nehmen Sie Platz!“ befahl Lord Rathford bärbeißig.

Adam sank in einen Sessel. Die Fußknöchel gekreuzt, schlang er seine Finger vor der Brust ineinander. Der Raum wirkte kaum angenehmer als der frostige Empfang, den man ihm in der dunklen Halle bereitet hatte. Wenigstens war es hier etwas heller. In den Regalen standen unzählige Bücher wie graue Geister, von einer dicken Staubschicht überzogen. Doch die Einrichtung sah sehr komfortabel aus.

„Whisky oder Port?“ fragte Rathford.

„Whisky, bitte. Vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft … und die Zeit, die Sie mir opfern.“

„Freut mich, dass ich Ihr Wohlgefallen errege“, erwiderte der Hausherr und füllte zwei Gläser.

Schweigend nahm Adam den Sarkasmus zur Kenntnis.

„Jetzt könnte ich Sie fragen, was Sie von meiner Tochter wollen“, fügte George Rathford hinzu. „Aber da würden Sie mir wahrscheinlich eine Menge Unsinn erzählen.“ Er reichte dem Besucher ein Glas, dann setzte er sich ans Fenster und schaute in den verwilderten Garten hinaus. „Also lassen Sie mich sagen, was Sie von meiner Tochter wollen … ihr Vermögen.“ Beinahe verschluckte sich Adam an seinem Whisky, und der alte Mann grinste, ohne seinen Blick von der Aussicht abzuwenden. „Das weiß sie natürlich auch. Glauben Sie etwa, Sie wären der Erste? Keineswegs! Und falls Sie Helena mit Ihrem Charme zu betören hoffen … vergessen Sie’s. Dafür ist sie unempfänglich.“

Bevor Adam antwortete, entstand eine kurze Pause. „Wenn das so ist, warum schicken Sie mich nicht einfach weg?“

„Weil Sie sich vielleicht nützlich machen können, Sie arroganter Bursche.“

Der bittere Unterton in Lord Rathfords Stimme ließ Adam aufhorchen. „Was erwarten Sie von mir?“

Da begann der alte Mann zu lachen und prostete ihm zu. „Nun, ich wünsche mir dasselbe wie Sie.“ Als Adam verblüfft die Brauen hob, erklärte der Earl: „Jeder Vater einer Tochter möchte seinen Schwiegersohn respektieren. Sie sind doch hierher kommen, um Helena zu heiraten, nicht wahr?“

Natürlich war es sinnlos, Ausflüchte zu suchen. „Nun … ja …“, stammelte Adam.

„Brauchen Sie Geld?“

Adam nippte an seinem Whisky. „Ja.“

„Warum? Eine anspruchsvolle Geliebte? Spielschulden? Zu viel Alkohol?“

„Neuerdings hat mich die Glücksgöttin verlassen“, erwiderte Adam vorsichtig, „und das wirkt sich am Spieltisch aus.“

„Wie hoch sind Ihre Schulden?“

„Viertausend.“

„Großer Gott! Jetzt verstehe ich, warum Sie den weiten Weg nach Northumberland nicht gescheut haben.“ Rathford holte tief Luft. „Fünftausend gebe ich Ihnen sofort. Damit begleichen Sie Ihre Schulden. Außerdem bekommen Sie vierteljährlich fünfzehnhundert. Die werden Sie benötigen, wenn Ihnen die Glücksgöttin weiterhin untreu bleibt.“

Adams Puls beschleunigte sich. „Sir … ich weiß nicht, was ich sagen soll …“

„Als Gegenleistung …“ Der Whisky hatte George Rathfords Sinne nicht hinreichend betäubt, um ein schmerzliches Flackern in seinen Augen zu übertünchen. „Als Gegenleistung verlange ich etwas von Ihnen.“

„Ja, Sir, ich verstehe.“

„Wenn ich Ihnen erlauben soll, meine Tochter zu heiraten, müssen Sie mir dreierlei versprechen.“

Der Earl leerte sein Glas in einem Zug – keine ungewohnte Tätigkeit, was Adam der Knollennase des alten Mannes und dem Spinnennetz der roten Äderchen auf den faltigen Wangen ansah.

Aber er las auch eiserne Entschlossenheit in den rot geränderten Augen – und noch etwas anderes, drängende Ungeduld. Angespannt wartete Adam, sein Kinn in eine Hand gestützt.

„Erstens“, begann Rathford, „dürfen Sie Helena nicht in dieser ländlichen Einsamkeit allein lassen. Mindestens zwei Mal im Jahr müssen Sie meine Tochter besuchen, vor und nach der Saison, wenn Sie wollen. Dann brauchen Sie nicht auf Ihre gesellschaftlichen Amüsements zu verzichten. Bei jedem Besuch bleiben Sie zwei Monate in Rathford Manor.“

Adam runzelte die Stirn. Eigentlich hatte er geplant, überhaupt nicht in diese Einöde zurückzukehren.

„Zweitens … Sie werden Ihrer Gemahlin Kinder schenken, so viele sie will. Während Ihrer Besuche müssen Sie ein ausgefülltes Eheleben mit ihr führen …“ Was es den alten Mann kostete, diese Forderung auszusprechen, verriet ein zuckender Muskel in seinem Kinn. „Und drittens … Sie werden Helena stets gut behandeln, niemals anschreien oder die Hand gegen sie erheben. Sollten Sie Ihr Wort brechen, lasse ich Sie in das finsterste Verlies von ganz England werfen, wo Sie niemand finden wird. Dabei werde ich natürlich nicht zu legalen Mitteln greifen.“

Was diesen Punkt betraf, hatte Adam keine Bedenken. „Sir, ich schwöre Ihnen, Ihrer Tochter freundlich und rücksichtsvoll zu begegnen. Ich bin nicht grausam.“

„Leider hat der Reichtum schon oft genug den Charakter eines Mannes verändert“, wandte George Rathford ein. Aber er nickte und akzeptierte Adams Beteuerung. „Und die anderen Versprechen?“

Unbehaglich rutschte Adam in seinem Sessel umher. „Wie ich zugeben muss, missfällt mir der Gedanke, jedes Jahr vier Monate in Northumberland zu verbringen. Trotzdem bin ich dazu bereit, Sir. Was die dritte Bedingung angeht … selbstverständlich werde ich meine ehelichen Pflichten erfüllen, solange Ihre Tochter das wünscht. Allerdings könnte ihre zarte Konstitution …“

„Keine Ausreden!“ unterbrach ihn Seine Lordschaft. „Sie werden mit ihr … schlafen und Kinder zeugen!“

Adam wollte zu bedenken geben, vielleicht würde eine Schwangerschaft die Gesundheit der jungen Frau gefährden. Aber daran hinderte ihn die sichtliche Erregung des alten Mannes, die schwellenden Adern an den Schläfen, die bebenden Lippen. „Gewiss, Sir.“

Kraftlos sank George Rathford in seinem Sessel zusammen, wie eine Wachspuppe, die zu nahe beim Kaminfeuer saß. „Also gut, Sie kriegen Helena und das verdammte Geld.“

In der Stille ihres Schlafzimmers beugte sich Helena vor, um die Karten zu betrachten. „Was sehen Sie?“

„Spüren Sie’s denn nicht?“ flüsterte Kimberly. „Ihre Mutter ist hier!“

Über Helenas Rücken lief ein eisiger Schauer.

Aufmerksam studierte Kimberly die drei Karten, die vor Helena lagen. „Suchen Sie noch eine aus.“

Mit bebenden Fingern nahm Helena eine Karte vom Päckchen und legte sie an die Stelle, auf die Kimberly zeigte.

„Tiefes Dunkel.“ Die Dienerin runzelte die Stirn. „Sehr schlecht.“ Dann schloss sie die Augen, um sich auf die Zwiesprache mit der längst verstorbenen Portia Rathford zu konzentrieren. „Sie ist sehr böse. Fühlen Sie ihren Zorn?“

Schon immer hatte sich Helena vor ihrer Mutter gefürchtet. Doch der Zorn der lebenden Lady Rathford war längst nicht so grausig gewesen wie die Vorstellung, sie könnte noch aus dem Grab heraus Gift und Galle spucken.

Kimberly legte ihre Hände auf die Karten und warf ihren Kopf in den Nacken, während sie mit der anderen Welt in Verbindung trat. „Vergeltung!“ stöhnte sie.

Zitternd umklammerte Helena die Tischkante.

Nach einer Weile öffnete Kimberly die Augen und erschreckte sie mit einem glasigen Blick. „Dieser Mann ist Ihr Schicksal.“

„Nein, unmöglich!“

„Ihre Mutter hat ihn hierher gerufen, über Raum und Zeit hinweg.“

„Will sie mich bestrafen? Hasst sie mich?“

„Niemals wird eine Mutter ihr Kind hassen. O nein, Helena, Lady Rathford liebt Sie wie eh und je.“

Welch ein schwacher Trost … Viel zu qualvoll hatte Helena unter dem Joch dieser Mutterliebe gelitten. „Aber er ist ein Bürgerlicher. Und ziemlich ungehobelt.“

Statt zu antworten, presste Kimberly die Lippen zusammen – ein Zeichen, dass sie genug gesagt hatte. Dann stand sie auf, legte die Karten in den Schrank zurück und verließ das Zimmer.

Auch Helena erhob sich, ging zum anderen Ende des Raums und sank auf die breite, in die dicke Mauer eingelassene Fensterbank. Hier pflegte sie zu sitzen, wenn sie nachdenken wollte. Natürlich glaubte sie nicht an Kimberlys Prophezeiung. Aber die listige Irin hatte wieder einmal schmerzliche Schuldgefühle geweckt.

Wie kann ich diesen arroganten Pfau heiraten, fragte sich Helena, einen Fremden, der sich offenbar nur für meine prall gefüllte Börse interessiert? Dieser Mann soll mein Schicksal sein?

Fröstelnd verschränkte sie die Arme vor der Brust. Vergeltung … War es an der Zeit, für ihre Tat zu büßen?

Als ihr ein Dienstmädchen den Wunsch ihres Vaters mitteilte, sie möge sich umkleiden und in den Wintergarten kommen, erschrak Helena zutiefst. Sie hatte gehofft, er würde Adam Mannion nur ein wenig hinhalten, um ihn zu verhöhnen. Und jetzt? Nahm er den fragwürdigen Heiratsantrag ernst? Was hatte das zu bedeuten?

Erst Kimberlys Weissagung … und nun die Forderung des Vaters …

Sie ging zum Toilettentisch und starrte ihr Spiegelbild an. Sobald sie in ihr Schlafzimmer gekommen war, hatte sie in der Sitzbadewanne gebadet und ihr Haar gewaschen. Früher hatten weizenblonde, kunstvoll frisierte Löckchen ihr Gesicht umrahmt, jetzt fiel das immer noch feuchte Haar schlaff auf die Schultern. Sie besaß immer noch einen makellosen Teint. Aber kein rosiger Hauch belebte die bleichen Wangen, und die Lippen wirkten blutleer.

Nein, sie war keine Schönheit mehr. Und das ist gut so, dachte sie. Nie wieder wollte sie jene andere Helena im Spiegel sehen, das Geschöpf ihrer Mutter. Und doch – die unscheinbare Frau, die ihr jetzt entgegen blickte, kam ihr wie eine Fremde vor. Vielleicht war es die richtige Helena, die sie noch gar nicht kannte.

Zum ersten Mal, seit sie den Zwang der Schönheit und Anmut – jahrelang von der Mutter auferlegt – abgeschüttelt hatte, wollte sie die einstige Helena zurückholen. Der Gedanke, ohne jene reizvolle Aura in den Wintergarten zu gehen und ihn wiederzusehen, erschien ihr zu schrecklich. Von der Mutter hatte sie gelernt, Aufmerksamkeit und Bewunderung zu erregen. Jetzt brauchte sie diese Fähigkeit.

Entschlossen bürstete sie ihr Haar trocken, und als es zu glänzen begann, kehrte zumindest ein Teil ihres früheren Selbstvertrauens zurück. Dann biss sie sich in die Lippen, kniff in ihre Wangen, um sie zu röten, und inspizierte den Inhalt ihres Schranks.

Staubig und formlos hingen die Kleider herab, an manchen Stellen von Motten zerfressen. Außerdem waren sie längst aus der Mode. Schließlich griff sie nach einem gelben Musselinkleid mit goldener Stickerei, schüttelte es und wirbelte eine Staubwolke durch die Luft. Beinahe gewann sie den Eindruck, sie würde die Melancholie der letzten Jahre verscheuchen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Schicksal hin, Schicksal her, sie würde Mr. Adam Mannion, Esquire, einiges klar machen. Vor allem, dass sie keine Galeone voll kostbarer Schätze war, eine leichte Beute für jeden dahergelaufenen Piraten.

Und so schlüpfte sie ermutigt in das gelbe Musselinkleid.

3. KAPITEL

Begeistert schaute sich Adam in dem exquisiten Wintergarten um.

Was würde sein Vater sagen, wenn er ihn hier sehen könnte – drauf und dran, eine schwerreiche Erbin zu heiraten? Noch ist es nicht so weit, ermahnte er sich zur Vorsicht. Erst einmal musste er die schöne Lady Helena erobern.

Als hohe Absätze über den Fliesenboden klapperten, erhob sich Lord Rathford aus einem Korbsessel und stellte sein Whiskyglas beiseite. Adam setzte eine stoische Miene auf, um den Aufruhr seiner Gefühle zu überspielen.

Bei Helenas Ankunft stockte ihm der Atem. Unglaublich, wie verändert sie aussah … Das schimmernde blonde Haar, ordentlich hochgesteckt, umrahmte ein fein gezeichnetes Gesicht mit leuchtend blauen Augen und vollen rosigen Lippen. Aber ihre zierliche, viel zu dünne Gestalt beunruhigte ihn. Unter dem zarten gelben Musselin zeichneten sich die Schulterknochen ab. Formlos hing das altmodische Kleid an ihrem Körper. Trotzdem strahlte sie Anmut und Würde aus, während sie hoch erhobenen Hauptes den Wintergarten durchquerte.

„Du wolltest mich sprechen, Vater?“ fragte sie und ignorierte Adam.

Er lächelte. Wenn sie sich auch äußerlich verwandelt hatte – in ihrem Herzen blieb sie ein eigenwilliges und selbstbewusstes Mädchen.

Liebevoll nahm der Earl seine Tochter in die Arme und flüsterte ihr etwas zu.

„Nein!“ hörte Adam Lady Helena protestieren.

Angelegentlich betrachtete er seine Fingernägel. Die müsste er endlich wieder schneiden. Seufzend wartete er, schaute zur Decke des Wintergartens hinauf und zählte die Spinnweben.

Wie ihm ein schriller Schrei und raschelnde Röcke verrieten, entfernte sich Helena von ihrem Vater. Adam entdeckte sie in einer Ecke, wo sie schmollend hinter einer verkümmerten Topfpflanze stand. Wütend starrte sie ihn an.

Zu Rathford gewandt, beobachtete er, wie der alte Mann die Lippen zusammenpresste, um seinen Unmut zu bekämpfen. Dann nickte ihm Seine Lordschaft kurz zu und eilte zur Tür. Adam vermutete, Lady Helena hätte die erfreuliche Neuigkeit erfahren. Offenbar wollte ihr Vater alles Weitere ihm überlassen.

Während Adam auf sie zuging, begann sie ohne Umschweife: „Er hat gesagt, ich soll Sie heiraten.“

Abrupt blieb er stehen. Ihr unverhohlener Zorn überraschte ihn nicht so sehr wie die kalte Angst, die er in ihren Augen las, und er hob beschwichtigend die Hände. „Wenn wir uns besser kennen, werden Sie diesen Gedanken nicht mehr so abwegig finden.“

„Warum nicht? Gewinnen Sie bei längerer Bekanntschaft?“

„Vielleicht haben wir einen schlechten Anfang gemacht.“

„Wann genau war das? Als Sie die Tür aufstießen und mich beinahe umwarfen?“

„Ich glaube, als Sie mich einen Laffen nannten.“

Erbost kehrte sie ihm den Rücken.

Adam bezähmte seine eigene Wut und entsann sich, dass er die Wogen glätten und nicht aufwühlen sollte. Vielleicht wäre es hilfreich, an Helenas Stolz zu appellieren. Für fünftausend Pfund und zusätzliche sechstausend im Jahr würde er das bereitwillig tun. „Ich muss gestehen … ich hielt Sie für eine Dienerin. Gewiss, das war unverzeihlich, und ich kann mich nur mit der schwachen Beleuchtung entschuldigen.“

Langsam drehte sie sich zu ihm um, und er trat ermutigt einen Schritt näher. Zu seiner Genugtuung wich sie nicht zurück.

Aus der Nähe sah er einen heftigen Puls an ihrem Hals pochen, die Konturen der kleinen Brüste unter dem zu weiten Oberteil ihres Kleides. Hastig wandte er seine Augen von diesem seltsam erregenden Anblick ab. „Sie sind nicht dumm, das habe ich längst erkannt. Natürlich misstrauen Sie mir, und ich bin vermutlich ein Rüpel – aber wenigstens ein ehrlicher. Wenn Sie mir nicht glauben, bedenken Sie, wie sehr Ihr Vater Sie liebt. Niemals würde er Sie täuschen. Er wird Ihnen in allen Einzelheiten erzählen, was er mit mir vereinbart hat. Also muss ich Ihnen wohl oder übel die Wahrheit sagen.“

Unsicher biss sie in ihre Unterlippe. Als sich die kleinen weißen Zähne in das zarte rosige Fleisch gruben, schluckte er mühsam. „Wenn Sie’s auf mein Geld abgesehen haben, bezahle ich Sie, damit Sie abreisen.“

„Wäre ich nur am Geld interessiert, hätte ich in den Salons vom Belgravia oder Mayfair eine Erbin betören und mir die weite Reise ersparen können.“

„Und warum sind Sie hierher gekommen?“

Adam zögerte. „Ganz London spricht von der Schönheit und dem beachtlichen Charme einer Frau, die im einsamen Norden lebt und …“

Mit frostiger Stimme fiel sie ihm ins Wort. „Glauben Sie, ich würde auf so alberne Schmeicheleien hereinfallen?“

„Jetzt sehe ich, dass Sie tatsächlich bildschön und bezaubernd sind“, fuhr er unbeirrt fort und wagte sich noch näher, bis er ganz dicht vor ihr stand. Sie war so zart gebaut – und sie erschien ihm so zerbrechlich wie eine kostbare Porzellanpuppe.

„Und reich“, ergänzte sie.

Adam zuckte mit keiner Wimper, obwohl es ihm schwer fiel, seine Fassung zu bewahren. „O ja … reich.“

Nach einem kurzen drückenden Schweigen bemerkte sie: „Ich nehme an, mein Vater belohnt sie überaus großzügig.“

Diese Worte missfielen ihm. Vor allem, weil sie der Wahrheit entsprachen. „Das gebe ich zu. Wie ich bereits sagte, ich bin ehrlich. Also können Sie mich nicht in Verlegenheit bringen, indem Sie auf meine Habgier anspielen.“

„Wirklich nicht?“

„Wie raffiniert Sie sind!“ stieß er zwischen den Zähnen hervor.

„Wurde das nicht erwähnt, als man in London meine Schönheit und meinen Geist rühmte?“

„Ihre Schönheit und Ihren Charme. Auf gewisse andere Dinge wurde ich allerdings nicht hingewiesen.“

Ihre Mundwinkel bebten. Dann presste sie die Lippen zusammen und bezähmte jedes Anzeichen einer schwachen Belustigung. „Sicher zürnen Sie den Leuten, die Sie hierher geschickt haben.“

„Im Augenblick gelten meine Gedanken nur Ihnen.“

„Ja, selbstverständlich … Aber Sie können mich wohl kaum entführen und zur Heirat zwingen.“

„Da mich Ihr Vater für einen geeigneten Bewerber hält, sollten Sie seine Meinung ernst nehmen.“

Verächtlich schüttelte sie den Kopf. „Mein Vater ist ein Trunkenbold, der seine Liebe zu mir längst im Whisky ertränkt hat.“

Mir erschien er sehr vernünftig. Immerhin nahm er mir das Versprechen ab, Sie gut zu behandeln, Lady Helena, Sie nicht allein zu lassen und … für Ihre Bedürfnisse zu sorgen.“

„Wunderbar!“ Aus ihren Augen schienen blaugrüne Funken zu sprühen. „Dann ist ja alles geregelt.“

„Dieser Sarkasmus steht Ihnen nicht.“ Ganz im Gegenteil – sobald ihre Gesichtszüge Gefühle verrieten, wirkten sie sehr ausdrucksvoll. Viel lebhafter. Er musterte wieder ihre kleinen Brüste, die schmale Taille. Was war bloß in ihn gefahren? Warum fragte er sich, wie dieser gertenschlanke Körper nackt aussehen würde? Nur Haut und Knochen? Würden rosige Knospen ihre Brüste schmücken? Würden sanft geschwungene Hüften die Liebkosung eines Mannes herausfordern?

„Wie schade!“ spottete sie. „Wo ich mich doch so bemühe, Ihnen zu gefallen!“

Über seine eigenen Gedanken erschrocken, riss er sich zusammen. Helena gehörte keineswegs zu dem Frauentyp, der ihn normalerweise reizte. Dafür war sie viel zu hochnäsig und zu dünn. „Jedenfalls beeindrucken Sie mich.“

„Warum sollte mich das interessieren? Die Meinung anderer Leute ist mir längst egal.“

„Offensichtlich“, erwiderte er gedehnt.

„Gar nichts dürfen Sie für offensichtlich halten, Mr. Mannion. Nichts in diesem Haus ist so, wie es scheint. Falls Sie einen guten Rat annehmen wollen … verlassen Sie Rathford Manor so schnell wie möglich, und seien Sie froh, dass Sie ungeschoren davonkommen.“

„Tut mir Leid, Helena, ich bleibe hier.“

„Soweit ich mich entsinne, habe ich Ihnen nicht erlaubt, mich mit meinem Vornamen anzureden.“

„Finden Sie das unpassend, obwohl wir bald heiraten werden?“

„Oh, ich habe mich keineswegs bereit erklärt, Sie zu heiraten!“ Entrüstet begann sie umherzuwandern. „Sie haben keine Ahnung, worauf Sie sich einlassen … Sie wissen nichts … Vielleicht werden Sie Ihr fabelhaftes Abkommen mit meinem Vater bald bereuen.“

„Was weiß ich nicht? Warum Sie sich mit Ihrem Vater in diesem halb verfallenen Haus verkriechen? Nun, dieses Rätsel werde ich in absehbarer Zeit lösen.“ Verwirrt wandte sie sich zu ihm, und er empfand den sonderbaren Wunsch, sie zu trösten. Stattdessen fügte er in scharfem Ton hinzu: „Soll ich Sie wirklich diesem trostlosen Leben ausliefern? Gefällt es Ihnen so gut?“ Mit bebenden Fingern griff sie an ihre Kehle. „Vermutlich hat Ihr Vater nur deshalb meinen Antrag für Sie angenommen, um Ihnen eine etwas angenehmere Zukunft zu ermöglichen. Werden Sie seinen Wunsch erfüllen? Heiraten Sie mich? Sie sind doch eine pflichtbewusste Tochter, nicht wahr?“

Mit großen Augen starrte sie ihn an, und er erkannte ihre Verletzlichkeit. In diesem Moment gewann er den vagen Eindruck, dass sie ihn brauchte. Ein erregendes Machtgefühl stieg in ihm auf.

Entschlossen verdrängte er seine Gewissensqualen und nutzte die Gunst der Stunde. „Werden Sie mich heiraten?“ wiederholte er. Angespannt wartete er auf die Antwort.

Angst und Resignation schienen ihren Kampfgeist zu verdrängen. Kraftlos und resignierend ließ sie die Schultern hängen. „Gehen Sie.“ Es war kein Befehl, sondern eine Bitte. „Lassen Sie mich in Ruhe.“

„Antworten Sie!“

„Wahrscheinlich habe ich keine Wahl“, flüsterte sie.

Erleichtert und triumphierend atmete er auf. Er hatte sein Ziel erreicht, ihr Vermögen gehörte ihm.

„Falls Sie in Ihrem Erfolg schwelgen wollen, tun Sie’s woanders, Mr. Mannion.“ Geringschätzig fuhr sie fort: „Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar. Freuen Sie sich nicht zu früh. Bald werden Sie die Frucht, die Sie heute erbeutet haben, schrecklich sauer finden.“

Lächelnd ergriff er ihre kühle Hand und zog sie an die Lippen. „Oh, Sie schmecken sogar köstlich.“ Wütend entriss sie ihm ihre Finger, und er lachte leise. „Darf ich mich vorerst verabschieden? Ich lasse mein Gepäck aus dem Gasthof hierher bringen.“

„Bleiben Sie etwa in diesem Haus?“

„Ihr Vater hat mich eingeladen.“ Boshaft hob er die Brauen. „Das müsste Sie beglücken. Auf diese Weise können Sie Ihren künftigen Gemahl besser kennen lernen.“

Ihrer düsteren Miene entnahm er, dass sie ihm am liebsten die Augen ausgekratzt hätte. Wortlos stürmte sie davon. An ihrem Rücken bauschte sich das viel zu große Musselinkleid. Eigentlich müsste sie albern aussehen, wie eine Zwölfjährige, die ein Kleid ihrer Mutter trug. Trotzdem wirkte ihre Haltung würdevoll. Nichts an ihr forderte seinen Spott heraus.

Unbehaglich starrte Adam ihr nach. Welche Schwierigkeiten würde sie ihm bereiten? Bei seinem Abkommen mit ihrem Vater hatte er nicht erwartet, seine Braut würde ihn bekämpfen.

Aber dann lenkte er seine Gedanken in angenehmere Bahnen. Sechstausend Pfund pro Jahr! Lachend setzte er seinen Hut auf und eilte aus dem Haus.

4. KAPITEL

George Rathford war nicht annähernd so betrunken, wie er es wünschte. Vielleicht gab es auf dieser Welt nicht genug Whisky, um ihm das ersehnte Vergessen zu schenken. Verdammt, er war seiner Schmerzen und des hoffnungslosen Elends müde.

An seinem Unglück gab er Portia die Schuld, obwohl es sinnlos war, die tote Gemahlin für seine Probleme verantwortlich zu machen. Trotzdem hasste er sie, und es drängte ihn, seiner Tochter zu helfen, die er über alles liebte.

Hatte er an diesem Tag richtig gehandelt? Das wusste er nicht. Wenn man verzweifelt war, hörte man nur selten auf die Stimme der Vernunft.

Jetzt blieb ihm nicht mehr viel Zeit.

Mrs. Kent, die Haushälterin, trat ein. „Mylord, Sie wollten mich sprechen?“

„Weisen Sie das Personal an, diesem Mr. Mannion höflich und respektvoll zu begegnen. Sein Zimmer muss ordentlich hergerichtet werden. Und lassen Sie ihm warme Mahlzeiten servieren. Gewiss, wir haben nur noch wenige Dienstboten, Mrs. Kent. Aber ich bitte Sie, einen möglichst guten Eindruck zu erwecken.“

„Soll auch Kimberly im Haushalt arbeiten, Sir?“

Die Stirn gerunzelt, zögerte Rathford. Die Anwesenheit der alten Irin lastete wie ein Fluch über dem Haus. Alle Bewohner fürchteten ihre „übersinnlichen Kräfte“. Das hielt er für Unsinn. Aber er konnte sich nicht dazu durchringen, der Frau die Tür zu weisen. Sie gehörte einfach hierher. Vielleicht benutzte Portia sie als Werkzeug ihrer Rache, weil sie ihm die Freude über den Tod seiner Gemahlin heimzahlen wollte. „Kimberly hat andere Pflichten“, erklärte er und nahm einen großen Schluck Whisky, um seinen Ekel vor sich selbst zu bekämpfen.

Mühsam verbarg Mrs. Kent ihre Missbilligung. „Sehr wohl, Mylord.“

„Noch etwas. Sorgen Sie dafür, dass unserem Gast keine Klatschgeschichten zu Ohren kommen. Wahrscheinlich interessiert es ihn, warum meine Tochter ein so zurückgezogenes Leben führt, und er könnte die Dienstboten befragen. Niemand darf über den Unfall reden. Falls jemand das Thema erwähnt, wird er sofort entlassen.“

„Das wäre grausam, Mylord.“

„In der Tat. Nur damit die Leute wissen, wie ernst ich es meine. Das Geheimnis meiner Tochter soll unter allen Umständen gewahrt bleiben.“

„Also gut, ich gebe der Dienerschaft Bescheid.“

„Und sagen Sie Charles, er soll mir noch eine Flasche bringen.“

„Ja, Mylord“, antwortete die Haushälterin widerstrebend.

Den Großteil des Nachmittags verbrachte Adam im Stall, weil sein Zimmer „gelüftet“ werden musste. Immer wieder sah er Staubwolken aus den Fenstern fliegen. Offenbar umschrieb man mit der „Lüftung“ eine gründliche Säuberungsaktion.

Während das Personal arbeitete, genoss er die Gesellschaft der erstklassigen Pferde und inspizierte zwei schöne Araber, deren herabhängende Bäuche auf Überfütterung und mangelnde Bewegung hinwiesen. Da er nichts Besseres zu tun wusste, führte er sie auf die Koppel und ließ sie umhertrotten. Als sich ein Gewitter zusammenbraute, kehrte er mit den beiden Hengsten in den Stall zurück und striegelte sie.

Hungrig und müde ging er ins Haus. In der Küche traf er niemanden an, nahm sich aber eine geräucherte Wurst aus der Speisekammer. Nachdem er sie verspeist hatte, schlenderte er durch die Räume des Erdgeschosses.

Von verfrühtem Besitzerstolz erfasst, schaute er sich um und überlegte, wie die römischen Büsten ohne die Staubschichten aussehen mochten, wie schön das Blattgold schimmern würde, wenn die Fenster geputzt wären.

Angesichts der schmutzigen Möbel und der zerschlissenen, von Motten zerfressenen Vorhänge verflog seine gute Laune. Dornröschen … Ja, er fühlte sich tatsächlich wie in einem verzauberten Schloss. Unwillkürlich erschauerte er. Der Regen, der gegen die Fensterscheiben prasselte, verstärkte die geisterhafte Atmosphäre. Mit langsamen Schritten durchquerte er ein Musikzimmer, eine Ahnengalerie, den Ballsaal, der offensichtlich als Abstellraum benutzt wurde.

In einem kleinen Salon erregte ein Porträt, das über dem Kamin hing, seine Aufmerksamkeit. Er trat näher und hielt kurz inne, als sich das Rascheln fliehender Mäuse ins Geräusch seiner leisen Schritte mischte. Dann betrachtete das gemalte Gesicht.

Helena … Oder doch nicht?

Die Frau auf dem Gemälde glich ihr. Aber die Augen erschienen ihm kälter. Leer. Ohne Glanz. Über den Wangenknochen lag ein rosiger Schimmer. Die vollen Lippen wirkten etwas zu sinnlich für die ansonsten ernsten Züge. In einem Kleid, das aus dem letzten Jahrzehnt stammte, blickte sie hochmütig in die Ferne, als würde ihr die Kunst des Malers nichts bedeuten.

Ja, eindeutig Helena – diese Arroganz war unverwechselbar.

Im tiefen Ausschnitt zeigte sich ein üppiger Busenansatz. Bei diesem Anblick verspürte Adam ein heftiges Verlangen. Offenbar war sie nach der Entstehung des Porträts abgemagert.

Welch eine reizvolle Frau … Hatte der Maler seinem Modell geschmeichelt? Oder hatte sie wirklich die unglaubliche Mischung aus abweisender Kälte und verhaltener Leidenschaft ausgestrahlt?

Und warum hatte sie sich dermaßen verändert? Warum glich Rathford Manor einer Gruft? Wieso kleidete sich die Herrin des Hauses wie eine gewöhnliche Dienerin? Warum versteckte sich eine so hinreißende Schönheit vor der Außenwelt?

„Mr. Mannion!“ Von der Tür her erklang eine weibliche Stimme, und er wandte sich zu einer Frau in mittleren Jahren, die einen karierten Rock und eine Bluse trug. Um die gebeugten Schultern hatte sie ein Tuch gelegt. Mit ihren funkelnden Augen und der Stupsnase sah sie wie ein Kobold aus. Lächelnd stellte sie sich vor. „Ich bin Mrs. Kent, die Haushälterin. In Ihrem Zimmer ist alles für Sie vorbereitet, Sir, und Ihr Gepäck wurde aus dem Gasthof hierher gebracht. Ein Dienstmädchen hat Ihre Sachen schon ausgepackt. Soll ich Ihnen den Weg zeigen?“

„Ja, bitte.“ Bevor er den Raum verließ, warf er einen letzten Blick auf das Porträt, und seine Neugier wuchs.

Was war geschehen?

Auf der Schwelle des Speisezimmers holte Helena tief Atem und straffte die Schultern. Aber als sie eintrat, traf sie nur ihren Vater an, der am Kopfende der langen polierten Tafel saß. Ärgerlich musterte sie das edle Leinentischtuch, die funkelnden Kristallgläser und das kostbare Porzellan. „Heute war Mrs. Kent sehr beschäftigt“, bemerkte sie und nahm zur Rechten ihres Vaters Platz.

„Wird auch langsam Zeit für gewisse Veränderungen“,

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