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Die scharlachrote Spionin

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. 1. Kapitel
  6. 2. Kapitel
  7. 3. Kapitel
  8. 4. Kapitel
  9. 5. Kapitel
  10. 6. Kapitel
  11. 7. Kapitel
  12. 8. Kapitel
  13. 9. Kapitel
  14. 10. Kapitel
  15. 11. Kapitel
  16. 12. Kapitel
  17. 13. Kapitel
  18. 14. Kapitel
  19. 15. Kapitel
  20. 16. Kapitel
  21. 17. Kapitel
  22. 18. Kapitel
  23. 19. Kapitel
  24. 20. Kapitel
  25. 21. Kapitel
  26. 22. Kapitel
  27. 23. Kapitel
  28. 24. Kapitel
  29. Epilog
  30. Über die Autorin

 

Für Frances Jalet-Miller

Danke für Deinen aufmerksamen Blick

und die klugen Anmerkungen!

Du hast wirklich geholfen,

die Merlins fliegen zu lassen!

1. Kapitel

Kerzenlicht küsste funkelndes Kristall. Raschelnde Seidenröcke wirbelten im Takt des Wiener Walzers, und der schmeichelnde, süße Klang der Violinen vermischten sich mit dem Duft nach Rosen und Jasmin. Das Lachen der Lady strahlte so hell wie die Perlen an ihrem Hals.

»Lass deine Hand ein wenig tiefer gleiten …« Ihr Partner, ein dunkelhaariger Gentleman mit engelsgleichen Augen und teuflischem Lächeln, ließ die behandschuhten Finger auf seine Hüfte gleiten. »Sí, sí! Ach, wenn ich dich nur darum bitten dürfte, sie in meiner Hose verschwinden zu lassen, bella!«

Sie zwang sich zu einem Lachen. »Du bist ein Flegel! Ich …«

»Non, non, NON!« Der Tanzmeister klopfte mit seinem Elfenbeinstock gegen das Pianoforte. »So plump wie ein Elefant! Ich habe gesehen, wie Ihre Hand in seine Westentasche geschlüpft ist.«

»Verzeihung.« Die Schülerin, die nur unter dem Namen Sofia bekannt war, senkte zerknirscht den Kopf.

»Versuchen Sie es noch einmal!« Klopf. »Und Sie, Marco, hören Sie endlich auf, Sofia zu verwirren!«

»Ah, aber ich kann nichts dagegen tun.« Marcos Lippen zuckten. »Wir Italiener haben eine Schwäche für himmlische Schönheit, und die Signorina ist nichts als ein Kunstwerk, eine ätherische Venus in Samt. Botticelli persönlich hätte nicht besser …«

Ein Schlag unterbrach die blumige Erwiderung. »Wenn Sie Ihre lebhafte Einbildungskraft nicht zügeln können, ständig zu Sofias Hintern zu schweifen, werden Sie den Rest des Unterrichts damit verbringen müssen, die Ställe auszumisten!«

»Diese Hände sind nicht dazu geschaffen, im Dung zu wühlen«, murmelte Marco und lupfte die wohlgeformten Brauen.

»Die Meisterklasse ist kein Kinderspiel, Monsieur Musto! Sofia muss nicht nur die raffinierte Etikette im Ballsaal beherrschen, sondern auch raffiniert in die Tasche eines Gentlemans greifen können. Der Erfolg einer Mission könnte davon abhängen.«

»Es war mein Fehler, Monsieur Lemieux!«, meldete Sofia sich rasch zu Wort. »Ich fürchte, dass mir Hirschlederhosen und Stiefel viel bequemer sind als Satin und Tanzschuhe. Und meine Hände sind es viel mehr gewohnt, ein Schwert zu greifen als einen Goldsplitter.«

»Wenn du doch nur nach meinem Schwert greifen würdest, bella«, murmelte Marco.

»Halt die Klappe!« Mit einem diskreten Tritt an sein Schienbein verlieh sie ihren Worten Nachdruck. »Sonst sorgst du noch dafür, dass wir beide unsere Hände tief in den Dreck tauchen müssen.«

Marco bemühte sich um eine ernsthafte Miene. »Prego, bella! Ich möchte nicht, dass du für meine Sünden büßen musst.«

»Die, wie der Himmel weiß, im Überfluss vorhanden sind«, murmelte Sofia, als die Musik wieder zu spielen begann. »Versuch wenigstens, dich zu benehmen, Marco! Ein dunkler Fleck in meiner Akte ist kein Grund zum Lachen. Schlechte Bewertungen kann ich mir nicht erlauben.«

Disziplin. Pflicht. Die Akademie verlangte mehr von ihren Schülerinnen als die meisten anderen Internate. Aber schließlich bestand der Auftrag von Mrs. Merlins Academy for Select Young Ladies auch nicht darin, die hochgeborenen Töchter der Salons zu Diamanten allererster Güte zu schleifen. Nein, es ging vielmehr darum, eine Truppe von Waisenkindern - wegen ihres Muts und ihrer Klugheit sämtlichst handverlesen aus den Londoner Armenvierteln - zu einer Geheimwaffe zu formen, zu der nur weibliche Krieger zählten. Tanz und Benehmen im Salon gehörten zum Unterricht. Und das galt auch für Fechten, Schießen und Reiten - nicht zu vergessen die geheimen Kriegskünste und die Kunst der Verführung. Die Lektionen, die im Klassenzimmer gelehrt wurden, konnten den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.

»Attendez-vous! Die Violinen und Cellos setzen erst in der letzten Strophe ein.«

Sofia zwang sich zur Entspannung. Der Erfolg des Kunststücks hing davon ab, genau den richtigen Moment zu erwischen. Eine Drehung, ein Herumwirbeln …

Diesmal glitten ihre Finger in Marcos Westentasche hinein und wieder hinaus, ohne auch nur einen einzigen Faden zu berühren. Als die Melodie zum finalen Crescendo anschwoll, hielt Sofia die goldene Taschenuhr in die Höhe.

Der Tanzlehrer - ein früherer Juwelendieb, der mit seiner Ausbeute ganz Paris hätte erpressen können, bis der Terror seiner Karriere ein Ende setzte - nickte grimmig. »Schon besser! Gleichwohl lässt sich immer noch an den Feinheiten arbeiten.«

»Aber heute ist unsere Zeit leider begrenzt.« Mrs. Merlin, die Direktorin der Akademie, erhob sich. »Nun, ich habe für morgen eine Doppelstunde angesetzt. Es ist erheblich wichtiger, ein Dokument oder einen Brief aus der Westentasche eines Gentlemans zu fischen, ohne dass irgendjemand etwas bemerkt.« Gekleidet in taubengraue Seide, die zu ihren silbrigen Locken passte, sah sie so zerbrechlich aus wie eine Feder. Aber hinter ihrem Lorgnon glitzerten ihre Augen immer noch mit falkenhafter Aufmerksamkeit, als sie den Blick durch den Ballsaal der Akademie schweifen ließ.

Sofia schaute sich ebenfalls um. Vom polierten Tanzparkett bis zur verzierten Decke war jedes Detail wie das Duplikat eines prächtigen Herrenhauses in Mayfair gearbeitet. Die Direktorin war der festen Überzeugung, dass die Schülerinnen ihre Fähigkeiten unter solchen Bedingungen erwerben sollten, wie sie sie im echten Leben vorfinden würden. Dem Auge einer Lady würde es nicht entgehen, wenn die Blüte einer Rose oder die Falten eines Samtvorhangs sich nicht am rechten Platz befänden.

Sichtlich zufrieden wandte Mrs. Merlin den Blick von den dekorativen Vasen am Eingang ab. »Scheint so, als würden Sie gute Fortschritte machen, Sofia! Sie dürfen sich eine kurze Pause gönnen, bevor die nächste Stunde beginnt.«

Gute Fortschritte. Aber auch gut genug? Sofia unterdrückte einen Seufzer.

»Ich habe veranlasst, dass Erfrischungen serviert werden. Probieren Sie den Champagner! Sie sollten sich mit seinem Geschmack vertraut machen und mit seiner Wirkung. Er steigt Ihnen zu Kopfe.« Die Direktorin entfernte sich, um sich mit dem Tanzmeister zu beraten, als der Diener sich mit dem Tablett voller Getränke näherte.

»Ich muss ehrlich gestehen, dass es mir schwerfällt zu entscheiden, welchen Unternehmungen ich außerhalb des Unterrichts am liebsten nachgehe - dem Tanz oder der Kunst.« Giovanni Marco Mustos, der ›Marco‹ all seinen übrigen Namen vorzog, offizielle Pflichten an der Akademie bestanden darin, dem Reit- und Fechtlehrer zu assistieren. Er wurde jedoch ebenso oft gebeten, der fortgeschrittenen Kunstklasse Modell zu stehen; eine Aufgabe, die er mit schamlosem Vergnügen erfüllte, denn schließlich wurde verlangt, dass er nackt posierte. Mit seinen dunklen Augen, dem sinnlichen Mund und den schwarzen Locken, die sich wie zur Zeit der Renaissance um seinen Kragen kringelten, war er der Inbegriff männlicher Schönheit.

Und war sich darüber nur zu sehr im Klaren.

»Ich würde meine Fähigkeiten viel lieber am Säbel erproben«, murmelte Sofia.

»Sí?« Marco neigte den Kopf. »Du hast doch ein ausgesprochen talentiertes Händchen für raffiniertere Übergriffe.«

»Die habe ich mehr als genug geübt.« Sofia zwang sich zu einem ironischen Lächeln, obwohl sie sich nicht oft um die Erinnerung an ihr früheres Leben bemühte. »Diebstahl gehört zu den grundlegenden Fähigkeiten, die man beherrschen muss, wenn man auf der Straße überleben will. Wer nicht gut stehlen kann, hält nicht lange durch.«

Trotz seines Hangs zur Prahlerei und seiner schlüpfrigen Scherze war Marco aufmerksam genug, um die Anspannung in ihrer Stimme wahrzunehmen. »Es ist nichts Beschämendes daran, am Leben zu bleiben, bella«, erwiderte er sanft, »und Signorina Merlin ist offenbar der Meinung, dass diese frühen Lektionen gut genutzt werden könnten.«

»Ich würde viel lieber an meiner kriegerischen Ausbildung arbeiten.«

»Nur Arbeit, niemals Vergnügen, das ist eine trostlose Existenz, bella.« Im Bruchteil einer Sekunde war seine Prahlerei zurückgekehrt. Marco drückte ihr ein Glas Champagner in die Hand und zog sie in die ferne Ecke des Ballsaales. »Lass uns anstoßen und trinken. Schließlich gehört es zu deiner Ausbildung, dass du lernst, wie man in feiner Gesellschaft einen guten Wein genießt.«

»Ich frage mich immer wieder, warum all das zum notwendigen Teil des Unterrichts gehört. Merlins werden im Kampf gebraucht.« Sofia wartete, bis sie hinter einem marmornen Pfeiler verborgen war, bevor sie eine Grimasse zog. »Es ist viel wichtiger, Klingen und Kugeln zu beherrschen.«

»Aber Schönheit kann auch zur tödlichen Waffe werden.« Grinsend hob der Italiener das Kristallglas an die Lippen. »In der Tat, die Wirkung der Schönheit auf Männer kann tödlich sein.«

»Ich habe nicht vor, jemandem einen tödlichen Stoß ins Herz zu versetzen«, bemerkte Sofia ein wenig schnippisch. Normalerweise war Marcos Spott recht amüsant. Aber in letzter Zeit war ihre Stimmung angeschlagen, obwohl sie nicht genau den Finger darauf legen konnte, woran es lag. Abgesehen von dem kleinen Stolpern auf dem Parkett erntete sie nichts als höchste Auszeichnungen in jedem Unterrichtsfach. Und doch, so ungern sie es sich auch eingestehen mochte: Die tägliche Routine war tatsächlich etwas trostlos geworden. »Anders als du versuche ich, an mehr zu denken als nur an die Freuden des Fleisches.«

»Nun, deine Gedanken scheinen dich nicht besonders glücklich zu machen. Wenn du mich heute Nacht in meinem Bett besuchst, würde ich mich glücklich schätzen, den verdrießlichen Zug um deinen Mund in ein Lächeln zu verwandeln.«

Sofia musste unwillkürlich lachen.

»Va bene - schon viel besser!« Marco neigte den Kopf. »Was beschäftigt dich, bella?«

»Nichts«, log Sofia. »Nur dass Siena und Shannon niemals in diesem Maße im Ballsaal ausgebildet worden sind.«

Sie wandte den Blick ab und glättete ihre Röcke, versuchte, den Gedanken an ihre früheren Zimmergenossinnen zu verscheuchen. Während der Jahre in der Akademie waren die drei sich so nahe gekommen wie Schwestern. Das Elend, das sie geteilt hatten, war vielleicht doch ein stärkeres Band als Blut. Allen dreien war es gelungen, die rauen Armenviertel zu überstehen, ohne Familie, ohne Freunde. Namenlos. Schülerinnen, die in die Akademie aufgenommen wurden, führte man vor einen großen verzierten Globus, und während sich die Kugel um ihre eigene Achse drehte, wählten sie einen Namen aus den wirbelnden goldenen Lettern der Städte. Siena, Shannon, Sofia.

Und jetzt … Jetzt waren ihre Kameradinnen plötzlich verschwunden. Innerhalb der vergangenen acht Monate hatte man beiden schwierige, gefährliche Missionen anvertraut. Nicht nur, dass sie die Aufgaben mit Bravour erledigt hatten; sie hatten ebenfalls ein neues Leben begonnen und neue Verantwortlichkeiten außerhalb der Mauern der Akademie übernommen.

Und sie als Einzige des eng zusammengeschweißten Trios zurückgelassen, als Einzige, die man nicht aufgefordert hatte, ihre Flügel in einer echten Mission zu spreizen.

Sofia unterdrückte das aufwallende Selbstmitleid. Sie konnte nicht anders, als sich ein wenig einsam, ein wenig verloren zu fühlen. Unter den drei Freundinnen hatte sie immer die Stimme der Vernunft und der Zurückhaltung verkörpert, hatte die Waghalsigkeit ihrer Zimmergenossinnen gezügelt, um sie vor disziplinarischen Strafen zu schützen. Waren die Vorgesetzten etwa der Meinung, dass es ihr an Schneid fehlte, um ein echter Merlin zu sein?

Rasch spülte sie die Zweifel mit einem kleinen Schluck Champagner hinunter, als sie sah, dass Marco die Augen besorgt zusammenkniff. »Ihre Siege bestehen in verwegenen Kämpfen und nicht in einem Griff in die Westentasche eines Gentlemans beim Walzer«, fuhr Sofia fort, »mag sein, dass ich das Schwert nicht ganz so scharf führen kann wie sie, aber im Reiten und Schießen kann ich ihnen auf jeden Fall das Wasser reichen. Und ich wage die Behauptung, dass ich im Kampf mit dem Feind durchaus bestehen kann.« Ihre Stimme klang eine Spur hitzig, ganz im Gegensatz zu ihrer gewöhnlich kühlen Selbstbeherrschung. »Es scheint, als wäre ich in letzter Zeit so tief gesunken, dass ich nur noch Pflichten der Salons übernehmen darf.«

»Jeder Merlin wird für eine andere Mission in Anspruch genommen, Sofia.« Wie durch einen Zauber erschien plötzlich der Marquis of Lynsley im Bogen eines Alkovens. Gekleidet in düsteres Kohlenschwarz und Grau war er in der Dunkelheit kaum zu erkennen. Zweifellos kein Zufall; der Marquis verbrachte die meiste Zeit in der Schattenwelt.

»Eine Mission, die ihren einzigartigen Talenten und Fähigkeiten angemessen ist«, fuhr er fort, »denn nicht jeder Feind kann mit Stahl oder Schießpulver zur Strecke gebracht werden. Sie besitzen eine natürliche Würde und Eleganz, die viel schwieriger zu erlernen sind als Fechten oder die Schießkunst. Fähigkeiten, die es Ihnen gestatten, sich in höchsten Kreisen der Gesellschaft zu bewegen, ohne unnötig die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.«

Sofia spürte, wie ihr Herz flatterte. »Soll das heißen, dass Sie etwas ganz Bestimmtes im Sinn haben, Sir?« Lord Lynsley war nicht nur der Gründervater und wichtigste Wohltäter der Akademie, sondern auch der oberste Befehlshaber über die Elitetruppe der weiblichen Kriegerinnen, die innerhalb ihrer Mauern ausgebildet wurden. Er war es, der jedes Kind persönlich aussuchte und ihm einen Platz in der Schule anbot; und er war es, der beschloss, welche Angehörige der Meisterklasse so weit war, gegen Englands Feinde kämpfen zu können.

»Vielleicht.« Im flackernden Kerzenlicht war es schwer, seine Miene zu erkennen. »So sehr ich Mrs. Merlins ausgezeichnete Erdbeertörtchen auch schätze - ich bin nicht nur dafür aus London hierhergereist.«

»Musst Du mich wirklich schon verlassen, mein kleiner Teufel?«

Lord Deverill Osborne schwang die Beine von den Laken aus Satin und setzte sich auf. Blinzelnd versuchte er, den trüben Schatten des Gegenstands auf der Messingkommode genauer in den Blick zu nehmen. Konnte es sein, dass es sich um eine dritte Flasche Brandy handelte? Oder doch nur um den kristallenen Flakon von Colettes französischem Parfum? Bedachte man den mehr als betäubenden Duft, der am Bettzeug und seinem Körper klebte, dann musste der Flakon ebenso leer sein wie das Glas, das auf den Teppich gefallen war.

»Es ist schon nach Mittag.« Sein Blick hatte sich genügend geklärt, um die Zeiger auf der teils vergoldeten Bronzeuhr zu erkennen.

»Dann bleib doch bis morgen! Denk nur an all die kleinen Sünden, denen wir uns hingeben könnten, bevor der nächste Tag anbricht.« Die Kurtisane senkte die Stimme. »Kannst du dir eigentlich vorstellen, welche ungezogenen Dinge man mit einer Straußenfeder anstellen kann?«, murmelte sie rauchig.

»Ich hege nicht den geringsten Zweifel daran, dass ein Käferchen mit deinen Talenten es damit zu einem beachtlichen Einfallsreichtum bringt.« Er lachte sanft, als sie mit den Fingern über seinen Unterleib glitt. Genau wie alles andere an ihr waren diese Finger weich, anschmiegsam, sinnlich … und in letzter Zeit ein wenig zu gierig. »Aber ich fürchte, meine Kapazitäten sind erschöpft, Süße.«

»Du brauchst nur ein bisschen Ruhe und einen kleinen Champagner. Ich bin überzeugt, dass ich dich dann wieder zu neuem Leben erwecken kann.«

»Ich habe genug getrunken.« Osborne zog sein Hemd unter der zerwühlten Tagesdecke hervor. Die Hose hatte ein ähnliches Schicksal erlitten. »Wie dem auch sei, ich muss gehen. Ich bin mit Lord Harkness bei Tattersall's verabredet, und es sieht danach aus, als müsste ich kurz bei meinem Stadthaus einkehren, um die Kleidung zu wechseln.« Er atmete tief durch. Und um ein Bad zu nehmen.

»Kommst du heute Abend zurück?«

Er schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Aber ich habe versprochen, zu Lady Havertons Ball zu erscheinen.«

Colette zog einen Schmollmund. »Deverill, ich habe nicht die Absicht, für immer und ewig dein Zeitvertreib zu bleiben. Mit einer Hochzeit könntest du eine respektable Lady aus mir machen, und dann könnte ich dich in die glitzernden Ballsäle von Mayfair begleiten!« Ihre Augen glänzten; ein Funken Gier blitzte auf. »Stell dir nur vor … Wir könnten essen und trinken bis Sonnenaufgang, und jeden Nachmittag, wenn du aufwachst, liege ich an deiner Seite!«

Hochzeit?

Osborne unterdrückte einen Schauder. Höchste Zeit, La Belle Colette den Abschied zu geben. Länger als alle anderen war sie seine Geliebte gewesen; vielleicht lag es daran, dass es zu anstrengend schien, nach einem Ersatz zu suchen.

»Ach, Süße, du bist die schönste Frau der Welt!« Er fand seine Schuhe unter dem Bett und zog sie an. »Lass uns offen sprechen. Wir ziehen beide einen Vorteil aus unserem Arrangement. Und das wird nicht darin gipfeln, dass wir in der St. George am Hanover Square zum Altar schreiten.«

»Aber du findest mich doch très amüsant, n'est-ce pas?«

»Nein. Nicht wenn du klingst wie ein zänkisches altes Weib.« Er knotete sich das Halstuch über dem Kragen, hatte das Gefühl, als würde sich eine Schlinge um seinen Nacken spannen. Plötzlich war die Luft stickig geworden, und er bekam fürchterliche Kopfschmerzen. »Das Gejammer steht dir nicht gut zu Gesicht.«

»Pfui! Was bist du nur für ein undankbarer, gefühlloser Kerl! Nach all dem, was ich getan habe, um dir vergnügliche Stunden zu schenken … Wie kannst du es wagen, mir vorzuwerfen, ich würde jammern!«

Inzwischen klang ihre Stimme eher kreischend als jammernd.

Osborne hatte genug gehört. Er drehte sich weg, um nach seinem Mantel zu greifen, duckte sich gerade noch rechtzeitig, um der Figur aus Sèvres-Porzellan auszuweichen, die sie ihm an den Kopf schleuderte. Er bahnte sich den Weg durch die Scherben, hielt inne, um eine Hand voll Banknoten auf die Kommode zu werfen.

»Such dir bei Rundell and James ein Abschiedsgeschenk aus«, sagte er ruhig, bevor er die Tür hinter einer Tirade französischer Beleidigungen schloss.

Puh. Die Süße hatte ein Vokabular, das jedem hartgesottenen Matrosen die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Sie hielt sich nicht länger damit auf, was sie mit der Straußenfeder anstellen würde - vielmehr ließ sie sich nun darüber aus, dass sie seine Kronjuwelen am liebsten mit Knoblauch und Olivenöl sautieren würde.

Osborne nahm an, dass er sich glücklich schätzen konnte, zwar nicht besonders würdevoll, aber doch mit heilen Gliedmaßen geflüchtet zu sein. Seufzend fuhr er sich mit der Hand durch das zerwühlte Haar und stopfte die hinteren Hemdzipfel in seine Hose. Früher hätte er solche Szenen höchst unterhaltsam gefunden. Aber jetzt erschienen sie ihm nur noch höchst … deprimierend.

Er trat auf die Straße, hielt eine vorbeifahrende Droschke an und lehnte sich auf dem Weg zurück zum Grosvenor Square in die Polster. Die Müdigkeit steckte ihm in den Knochen, und das lag nicht nur an der leidenschaftlichen Nacht. Um die Wahrheit zu sagen, das verwegene Leben, das er führte, drohte ihn zu erschöpfen. Kann es sein, dass ich alt werde? Oder nur übersättigt? Schließlich war ihm doch früher immer alles so leichtgefallen.

Zu leicht? Mag sein. Osborne befürchtete, dass er Gefahr lief, seiner Umgebung achtlos und kaltschnäuzig gegenüberzutreten. Es ist schwer, die Dinge wertzuschätzen, für die man sich nicht anstrengen muss, um sie zu besitzen, dachte er. Das Studium in Oxford hatte er in Windeseile durchlaufen und es dabei zu höchsten akademischen Ehren gebracht; also sollte er doch wohl klug genug sein, um den Grund seiner misslichen Stimmung herauszufinden. Aber irgendwie schien sich dieser Grund jeder Logik zu entziehen. Nüchtern betrachtet besaß er alles, was ein Mann sich nur wünschen konnte. Und doch schien das Wesentliche zu fehlen.

Im Fenster erhaschte er einen Blick auf sich, starrte ein paar Sekunden auf das verschmutzte Glas. Blondes Haar, blaue Augen, die Gesichtszüge wie gemeißelt und so klassisch, dass die Ladys sie gewöhnlich als engelsgleich beschrieben. Ihm war klar, dass er als Liebling der Salons galt, ein begehrter Gast bei jeder Gesellschaft. Sein Gesicht hielt man für höchst attraktiv, seine Plaudereien für höchst amüsant, sein Benehmen für höchst einnehmend - sowohl die Frauen als auch die Männer. Zusammen mit einer makellosen Ahnentafel öffneten solche Eigenschaften die Türen zu den höchsten Kreisen.

Attraktiv. Geistreich. Charmant. Die gewisperten Worte hinterließen einen schalen Geschmack in seinem Mund. Das alles klang so unglaublich hohl. Oberflächlich, ohne Tiefgang anstelle echter Substanz.

In einem plötzlichen Regenschauer löste sich das Bild auf. Und worin bestand das wahre Bild dessen, was er wirklich verkörperte?

Osborne schloss die Augen, presste die Fingerspitzen an die Schläfen und dachte darüber nach, wie er seine Zeit verbrachte. Einige Stunden in der Woche sah er militärische Dokumente für den Geheimdienst durch; das war der Teil seines Lebens, der sich am meisten lohnte. Diese Herausforderung wies die Langeweile in ihre Schranken. Vielleicht konnte er seinen Freund in Burrands Generalstab überzeugen, ihm mehr Arbeit zu geben.

Der Gedanke half ihm, die grüblerische Stimmung abzuschütteln. Höchstwahrscheinlich würde er Major Fenimoore heute Abend beim Ball treffen. Und falls nicht, konnte er immer noch auf dem Heimweg im White's vorbeischauen.

»Die Lage ist eher ungewöhnlich.« Mrs. Merlin schenkte sich eine Tasse Tee ein, bevor sie das Notizbuch öffnete.

»So könnte man es auch nennen.« Lynsley stand auf und ging zum Kamin. Aber auch das lodernde Feuer konnte nichts daran ändern, dass ihm das Blut eiskalt durch die Adern zu rinnen schien. »Der Duke ist auf rein persönlicher Ebene an mich herangetreten. Wir kennen uns bereits seit Jahren. Obwohl er nicht die geringste Ahnung hat, worin meine wahren Pflichten in Whitehall bestehen, dachte er, ich könne ihm ganz vertraulich raten, was er tun solle.«

»Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine private Tragödie, dass sein Großsohn an einer Überdosis Opium verstorben ist. Und nicht wie eine Angelegenheit, um die die Regierung sich zu kümmern hätte.«

Der Marquis nickte. »Das dachte ich auch. Obwohl Sterling darauf beharrte, dass der junge Mann düstere Machenschaften entdeckt hatte, die hier in London am Werk sein sollen.«

»Trauer kann die seltsamsten Einbildungen hervorrufen«, bemerkte die Direktorin sanft, während sie sich ein paar Notizen machte. Mit ihren angenehmen Manieren und der gekräuselten Seide wirkte sie wie der Inbegriff einer sittlichen und anständigen älteren Dame - abgesehen von der rasiermesserscharfen Dolchspitze, die aus ihrem Ärmel hervorlugte.

»In der Tat«, stimmte Lynsley zu. »Gleichwohl habe ich ein paar interne Erkundigungen eingezogen. Ich dachte, für den Fall, dass ich tatsächlich Hinweise auf ein falsches Spiel finden kann, könnte ich seinen Schmerz ein wenig lindern, indem ich dafür sorge, dass die Schurken ihre gerechte Strafe bekommen.«

Mrs. Merlins Stift glitt über die Seite. »Und?«

Lynsley stieß den Atem aus. »Und ich fürchte, dass die Anschuldigungen ein Körnchen Wahrheit enthalten könnten.« Die Kohlen knackten, während er nachdenklich in die Flammen blickte. »Es gibt ein altes Sprichwort … wo Rauch ist, ist auch Feuer. In diesem Fall hat es sehr beunruhigende Erkenntnisse zutage gefördert, ein paar Opiumhöhlen zu besuchen, die von den Salons bevorzugt werden. Lord Robert Woolsey war nicht der erste Gentleman, der unter verdächtigen Umständen zu Tode gekommen ist. In den letzten sechs Monaten hat es insgesamt sieben getroffen, eingeschlossen einen Diplomaten aus Antwerpen und einen Gesandten aus Venedig.«

»Beunruhigend, in der Tat. Aber nichts, wofür Ihre Abteilung der Regierung die Befugnis zum Eingreifen besäße. Es scheint mir eher ein Fall für die örtliche Verwaltung zu sein als einer für unsere Merlins.« Mrs. Merlin hielt kurz inne. »Wie auch immer, falls es sich nur um eine schmutzige Geschichte um Drogen und Ausschweifungen handelte, wären Sie nicht hergekommen.« Für einen kurzen Augenblick, als sie lächelte, wurden ihre Lippen weicher. »So sehr ich Ihre Gesellschaft zum Tee auch schätze, Thomas, mir ist durchaus bewusst, dass Sie Ihre Zeit nicht mit Aufwartungen verschwenden.«

»Sie haben ganz recht. Es liegt ein tieferes, dunkleres Geheimnis in der Sache«, antwortete der Marquis. »Ein Netz von Intrigen, das sich von den Armenvierteln in St. Giles bis zu den herrschaftlichen Anwesen in Mayfair zieht. Der Himmel allein weiß, wohin es sich von dort aus erstreckt.« Lynsley seufzte. »Opium ist nur ein kleiner Teil der Mixtur. Meinen Informanten sind Gerüchte über ein ausgefeiltes System von Unterschlagungen zu Ohren gekommen. Ein System, das irgendwie Geld aus rechtmäßigen Regierungsverträgen abzieht und in ein privates Konsortium einspeist. Manche Lieferungen werden abgelenkt und auf private Rechnung verkauft, während andere mit minderwertigem Material beladen werden, sodass die Differenz als Profit eingesteckt werden kann.«

Es entstand eine kurze Stille, als Lynsley die Handflächen an den marmornen Kaminsims presste. »Unglücklicherweise weiß ich nicht näher, was genau betroffen ist. Aber wenn die Sache stimmt, dann werden wesentliche Dienste und die militärische Versorgung in Mitleidenschaft gezogen, während ein kleiner Kreis von Verschwörern ein Vermögen macht.«

»Das wirft ganz sicher ein anderes Licht auf das persönliche Leid des Dukes.« Mrs. Merlin stellte die Teetasse ab. »Falls es der Wahrheit entspricht.«

»Wir können es uns nicht leisten, der Spur zu folgen, um zu sehen, wohin sie uns führt«, erwiderte er, »wenn hohe Regierungskreise versucht sind, sich korrumpieren zu lassen, könnte es die heftigsten Erschütterungen für unser Land nach sich ziehen. Ein Skandal zu diesem Zeitpunkt würde unsere Anstrengungen, Napoleons Marsch nach Osten aufzuhalten, ernsthaft schwächen.«

»Dennoch zögern Sie.«

»Es fällt mir niemals leicht, eine unserer Schülerinnen der Gefahr auszusetzen. Ganz besonders dann nicht, wenn der Feind zwar bösartig ist, aber nichts weiter als eine Wolke aus Rauch und Schatten.«

»Natürlich ist es nicht leicht, Thomas«, stimmte Mrs. Merlin zu, »ja, es ist ein schwieriges, schmutziges Geschäft, England vor allen seinen Feinden in Sicherheit zu bringen. Aber genau deshalb gibt es die Akademie.« Als sie sah, wie er die Finger um den polierten Marmor schloss, fügte sie hinzu: »Vielleicht ist es ein Trost, dass die Mädchen die Gefahren begreifen, denen sie ausgesetzt sind, und die Herausforderung annehmen. Sie glauben so stark wie wir daran, dass unsere Freiheit lohnt, in den Kampf zu ziehen.«

»Sehr wortgewandt, wie immer. Sie sind also der Meinung, ich sollte ein reines Gewissen haben?« Der Marquis hob den Kopf und betrachtete das gerahmte Porträt des Sir Francis Walsingham, aber auch die strengen Gesichtszüge des ersten englischen Meisterspions boten ihm wenig Mitgefühl. »Obwohl ich darüber nachdenke, eine unserer Merlins in ein Schlangennest zu schicken, mit kaum mehr in der Hand als ein paar Gerüchten und dunklen Andeutungen?«

»Wenn Sie mich um eine zweite Meinung bitten, dann würde ich Ihnen antworten, dass kaum etwas anderes übrig bleibt. Ich nehme an, dass Sie Ihrer Einschätzung nach diesmal nicht über die gewöhnlichen Kanäle in Whitehall ermitteln können.«

Er nickte. »Bedenkt man die heikle Natur dessen, was auf dem Spiel steht, dann würde ich nicht darauf vertrauen, andere Abteilungen einzubeziehen.«

Mrs. Merlin öffnete ein Dokumentenschränkchen auf ihrem Tisch und zog einen Stapel Papier heraus. »Einer unserer Agenten, der in den ostindischen Häfen tätig ist, hat kürzlich einen Bericht über die Einfuhr illegaler Waren aus Indien und China vorgelegt. Das sollte uns auf ein paar nützliche Spuren führen. In der Tat, an einen Hinweis erinnere ich mich sofort. Es gibt eine neue, noch nicht identifizierte Quelle eines überaus starken Opiums, das aus dem Osten kommt. Gleichzeitig hat die Levant Company unter dem Verlust einer ganzen Reihe Sendungen zu leiden, wodurch der Preis gestiegen ist.«

Lynsley runzelte die Stirn. »Ich werde einen meiner Männer anweisen, genau im Auge zu behalten, was sich rund um die Mincing Lane abspielt. Und an der nächsten Versteigerung im Garraway's Coffee House teilzunehmen, die alle vierzehn Tage stattfindet.« Er dachte kurz nach. »Außerdem sollte ich eine Probe des Narkotikums, das ich neben Lord Roberts Leiche gefunden habe, zu Lady Sheffield schicken, um die Substanz analysieren zu lassen. Die Lady könnte in der Lage sein, die Herkunft zu identifizieren.«

»Lady Sheffield?« Mrs. Merlin kniff die Brauen zusammen. »Ist das nicht die Frau, die kürzlich angeklagt wurde, ihren Ehemann vergiftet zu haben?«

»Boshaftes Geschwätz«, entgegnete Lynsley. »Der Earl war ein brutaler Kerl, der sich selbst zu Tode getrunken hat. Was die Lady betrifft, sie ist eine ernst zu nehmende Gelehrte, ein hochrespektables Mitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft und eine brillante Chemikerin. Ich habe früher schon mit ihr zu tun gehabt, und sie leistet tadellose Arbeit.«

»Ich hätte mir die Wahrheit auch denken können. Die Salons sind immer rasch dabei, wenn es gilt, eine Frau mit reicher Einbildungskraft und Intelligenz anzugreifen.« Die Direktorin griff nach einem Blatt Kanzleipapier. »Diese Ermittlungen sollten uns ein paar Antworten bringen. Was ist mit den Verdächtigungen des Dukes, hat er Ihnen irgendwelche Hinweise darauf verschafft, wonach wir überhaupt suchen?«

»Wir haben nicht viel in der Hand«, gab Lynsley zurück und schürzte die Lippen. »Aber im Zimmer des jungen Mannes wurde ein Tagebuch gefunden. Sterling ist überzeugt, dass sein Großsohn einer Gruppe auf die Schliche gekommen ist, die sich selbst Scarlet Knights nennt - scharlachrote Ritter. Sie sind berüchtigt für ihre scharlachroten Westen und wilden Gelage.«

»Mir sind Gerüchte über ihre Ausschweifungen zu Ohren gekommen.« Mrs. Merlin tippte sich mit dem Stift ans Kinn. »Zechen, Glücksspiel und in den weniger begüterten Teilen der Stadt einen höllischen Krach schlagen … nicht ungewöhnlich für die Rotzlöffel aus den Salons. Aber man behauptet, die Knights würden die Ausschweifungen auf die Spitze treiben.«

Lynsley drehte sich vom Feuer weg und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. »Es könnte als jugendlicher Übermut durchgehen, wenn nicht andere Menschen betroffen wären. Es heißt, Lord De Winton gehöre als Stammgast dazu, genau wie einige ausländische Adlige. Lord Robert hat die Namen mit roter Tinte in sein Tagebuch eingetragen.« Er zog einen kleinen Gegenstand aus seiner Westentasche und legte ihn auf die lederne Unterlage. »Das hier hat man ebenfalls gefunden.«

Die Direktorin nahm den goldenen Schlüssel in die Hand. Sorgfältig betrachtete sie die blutrote emaillierte Mohnblüte am Ende. »Wozu dient das?«

Lynsley presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. »Genau das müssen wir herausfinden. Unglücklicherweise hat Lord Robert uns in seinen Aufzeichnungen keinerlei Hinweise hinterlassen. Aber mich beschleicht das unabweisbare Gefühl, dass dieser Schlüssel die Tür zu unseren Geheimnissen aufschließen wird.«

»Wenn wir ihn in die richtigen Hände legen.«

»Ja. In die richtigen Hände.« Der Marquis sprach so leise, dass das Zischen der glühenden Kohlen ihn beinahe übertönte.

Die Direktorin nahm sich einen Augenblick Zeit, um die Feder zu spitzen. »Ich denke, wir sollten Sofia zu uns rufen.«

2. Kapitel

Sofia wischte einen Krümel Schießpulver von ihrer Hirschlederhose und setzte sich auf die hölzerne Bank vor dem Privatzimmer der Direktorin. Die dunkle Wandvertäfelung und der Steinfußboden boten dem Blick einer ängstlichen Schülerin wenig Ablenkung. Denn hinter der Aufforderung, zum Rapport bei der Direktorin zu erscheinen, steckte niemals nur der Wunsch nach einem reinen Höflichkeitsbesuch. Üblicherweise ging es um ernste Störungen des Schulbetriebs - und um Disziplinarstrafen, Arrest, Tadel. Oder die Entlassung stand bevor, weil man sich den strengen Anforderungen an die Ausbildung nicht gewachsen gezeigt hatte.

Sie atmete tief durch und berührte die Tätowierung über ihrer linken Brust. Nur wenige Schülerinnen hatten es überhaupt jemals in die Meisterklasse geschafft und das kleine schwarze Abzeichen erhalten, den Falken, der sie als echten Merlin auszeichnete. Den übrigen vertraute man die weniger anspruchsvollen Verpflichtungen an; die jungen Frauen dienten England, indem sie rund um den Globus Augen und Ohren aufsperrten.

Konnte es sein, dass Mrs. Merlin und der Marquis an ihren Fähigkeiten zweifelten? Vielleicht wollte Lord Lynsley seine verblümten Worte als freundliche Warnung verstanden wissen? Obwohl seine ernste Miene nur selten irgendwelche Gefühle zu erkennen gab, glomm in den blauen Augen immer ein Fünkchen Wärme, wenn er den Blick über die Schülerinnen schweifen ließ. Schließlich war er es gewesen, der sie alle ausgesucht hatte - dürre kleine Waisenkinder, die sich in den Armenvierteln herumtrieben -, und er hatte ihre Entwicklung über viele Jahre beobachtet. In mancher Hinsicht war er wie der Vater, den keine unter ihnen jemals kennengelernt hatte.

Habe ich ihn etwa enttäuscht? Unwillkürlich überlegte Sofia, ob die Tatsache, dass man in jüngster Zeit größeren Wert auf ihre Ausbildung zu einer Lady gelegt hatte, sich ungünstig auf ihre kriegerischen Fähigkeiten auswirkte. Sie schaute aus dem Fenster nach draußen, wo sich die Fechtböden, die Ställe, die Schießstände und Übungsgelände so weit erstreckten, wie das Auge blicken konnte. Ein Merlin musste jedem Mann im Kampf gewachsen sein, sei es mit Waffen oder im Handgemenge. Vielleicht zweifelten die Direktorin und der Marquis an ihrer Entschlossenheit. Vielleicht wollten die beiden sie sogar aus ihrer Ausbildung entlassen?

Sofia beruhigte ihre Nerven, indem sie an ihrer Halskette unter dem verschwitzten Hemd herumnestelte. Die filigrane Kette war neu, erstanden bei einem Ausflug zu den extravaganten Läden in der Bond Street, aber das goldene Medaillon war schon in ihrem Besitz, seit … seit sehr langer Zeit.

Mit den Jahren hatte sich Patina über das flache Etui gelegt: Die Gravur war kreuz und quer mit Kratzern überzogen, die schwache Kontur eines Großbuchstabens unleserlich. Sofia gefiel der Gedanke, es könnte ein S sein, das einst auf das kostbare Metall graviert worden war. Aber um welchen Buchstaben auch immer es sich handeln mochte - in schwierigen Zeiten hatte ihr das Medaillon als Talisman gedient. Als Glücksbringer. Es hatte sie sicher durch die rauen Straßen geleitet; es hatte ihr bei der schwierigen Gewöhnung an das Leben in der Akademie geholfen.

Sofia zog es aus dem Hemd, öffnete das abgegriffene kleine Etui und betrachtete das Porträt. Die Farbe war mit den Jahren verblasst, hatte die Gesichtszüge verschwimmen lassen, das Lächeln, die schwarzen lockigen Haare, die das feine Gesicht umrahmten; und doch hatte sich das Bild unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingeprägt. Jede Einzelheit kannte sie auswendig. Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte sie sich eine Ähnlichkeit zwischen der jungen Lady und sich selbst eingebildet. Und jetzt?

Ihr meergrüner Blick löste sich von dem Bildnis. Es war nicht besonders klug, sich den Kopf über kindliche Träumereien zu zerbrechen. In der Akademie hatte sie gelernt, dass man stets praktisch und pragmatisch denken musste. Leidenschaftslos. Gefühle hatten keinen Platz, wenn es darum ging, seinen Pflichten nachzukommen. Es spielte keine Rolle, woher sie kam, sondern einzig und allein, was aus ihr geworden war.

Seltsam, aber ihre Zimmergenossinnen hatten niemals besondere Gedanken an ihr Erbe verschwendet. Es hatte sie nicht gestört, nichts über ihre Herkunft zu wissen, über ihre Eltern. Weil sie nicht zu sentimental erscheinen wollte, hatte Sofia ebenfalls so getan, als würde sie sich den Teufel für all das interessieren. Aber insgeheim war es, als würde das Bild ihr immer dieselbe Frage ins Ohr wispern …

Wer bin ich?

»Sofia, Mrs. Merlin möchte Sie jetzt sehen.«

Rasch ließ sie das Medaillon wieder in die Falten des Leinenhemdes zurückgleiten, erhob sich und straffte die Schultern. Nein, sie würde sich keinerlei Blöße geben. Schließlich war sie ein geborener Merlin.

»Melde mich zum Dienst.« Sofia nickte zum Gruß, als sie vor dem Eichenholzschreibtisch angekommen war.

»Sofia.« Die Direktorin betrachtete die militärische Bekleidung und die schmutzigen Stiefel mit gerunzelter Stirn, bevor sie die Feder in ihrer Hand beiseitelegte. »Ich gemeinte nicht, dass Sie schnurstracks von den Ställen hierhermarschieren sollen, meine Liebe!« Sofia bemerkte, dass die Direktorin einen raschen Blick auf Lord Lynsley warf, der am marmornen Kamin stand. »Gehen Sie zurück in Ihre Unterkunft und wechseln die Kleidung! Sie könnten zum Beispiel das indigoblaue Seidenkleid tragen, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Der Marquis und ich haben es nicht eilig.«

Sofia hatte das Gefühl, dass man ihr die Kehle zuschnürte, machte auf dem Absatz kehrt und hielt dann inne. Zum Teufel noch mal mit all der Etikette und dem damenhaften Benehmen. Wenn sie schon aus der Akademie geworfen wurde und kein Merlin mehr sein durfte, dann wollte sie keinesfalls kleinlaut das Feld räumen.

»Ich möchte lieber so angezogen bleiben, wie ich bin.« Trotzig schob sie das Kinn nach vorn. »Bei allem gebotenen Respekt, ich empfinde es als ungerecht, dass mir die Beherrschung der Etikette übel angekreidet wird. Mag sein, dass ich den Säbel oder das Stilett nicht so flink handhaben kann wie Siena oder Shannon, aber ich kann besser schießen, und ich bin viel geschickter, wenn es um Täuschungen und Tarnungen geht. Es nicht gerecht, mich in den Rang einer bloßen Beobachterin zurückzustufen, ohne mir die Gelegenheit zu geben, mich in einer Mission zu beweisen.«

»Sie glauben also, dass wir Sie nicht für geeignet halten, in einer echten Mission zu bestehen?« Mrs. Merlin stellte den Teller mit den Erdbeertörtchen beiseite und wischte sich die Zuckerkrümel von den Fingerspitzen.

»Warum sonst sollten Sie den Wunsch äußern, mich in Seide und Spitze zu sehen?«, erwiderte Sofia zaghaft. »Ich … ich hatte angenommen, dass Sie mich für niedere Tätigkeiten in Anspruch nehmen wollten … wie zum Beispiel als Zofe in die Dienste einer Lady treten zu lassen. Einer Lady, die mit einem ausländischen Diplomaten verheiratet ist.«

»Alle unsere Schülerinnen verrichten wichtige Arbeiten«, entgegnete die Direktorin eine Spur vorwurfsvoll, »ganz gleich, ob als Schankwirtin oder als Straßenmädchen.«

Sofia errötete. »Ich hatte nicht die Absicht, meine Mitschülerinnen zu entwürdigen. Ich … ich hatte nur befürchtet, dass …« Sie brach ab, unschlüssig, wie sie ihr Missbehagen ausdrücken sollte.

»Sie hatten befürchtet, dass es im Vergleich mit Ihren früheren Zimmergenossinnen so aussehen könnte, als hätten Sie versagt?« Es war Lord Lynsley, der das unangenehme Schweigen durchbrach.

Sofia nickte, wagte aber nicht, seinem Blick zu begegnen.

»Wie ich früher bereits erwähnte, jeder Merlin besitzt besondere Fähigkeiten. Das ist ja gerade die Stärke dieser Schule.« Seine Lippen zuckten. »Wenn all unsere Schülerinnen solch ein explosives Temperament besäßen wie Shannon, dann wäre dieser Ort schon längst in Rauch aufgegangen.«

»Und Siena hätte sich mit einer Rätselhaftigkeit umwoben, die für viele Missionen einfach untragbar wäre«, fügte Mrs. Merlin hinzu.

Shannon lässt tatsächlich gern die Funken sprühen, dachte Sofia. Aber ihr frisch gebackener Ehemann, dieser geheimnisvolle russische Spion namens Alexandr Orlov, schien sie gezähmt zu haben. Die beiden arbeiteten wunderbar zusammen, hielten sich im Moment irgendwo in Preußen auf und hinderten Napoleon daran, noch weiter nach Osten vorzudringen.

Auch Siena hatte sich jüngst verheiratet. Ja, tatsächlich, und zwar mit einem Earl - zusammen waren sie zu einer geheimen Mission nach Italien aufgebrochen. Sofia seufzte lautlos. Zwar war sie Lord Kirtland noch nie begegnet, aber Shannon hatte behauptet, dass Byrons poetische Helden im Vergleich zu diesem Earl mit rabenschwarzem Haar recht blass aussahen …

»… ich meine, dass Sie keinen Grund haben werden, sich zu beklagen. Vertrauen Sie mir«, schloss die Direktorin.

»Ich bitte um Verzeihung.« Sofia riss sich aus ihren Grübeleien.

»Mrs. Merlin will nur sagen, dass Sie Ihre Situation genauso herausfordernd finden werden wie die, denen Ihre Freundinnen sich gegenübersahen.« Das Kerzenlicht fing sich in den tiefen Sorgenfalten seiner Augenwinkel, als Lynsley sich umdrehte. »Und nicht weniger gefährlich. In der Tat, um aufrichtig zu sein, ich habe lange gezweifelt, ob ich überhaupt jemanden bitten soll, den Auftrag zu übernehmen. Es ist vielleicht eine Unmöglichkeit, sogar für einen Merlin.«

»Worum auch immer es sich handelt, ich würde es gern versuchen, Sir«, meinte Sofia, und als sie sah, wie er die Stirn in Falten legte, fügte sie rasch hinzu: »Was habe ich schon zu verlieren?«

»Ihr Leben, zum Beispiel.« Lynsley sah ernster aus, als sie ihn je zuvor gesehen hatte. »Und was die restlichen Konsequenzen betrifft, so wünschte ich, ich wüsste selbst Bescheid. In diesem besonderen Fall kann ich Ihnen leider nicht den Namen des Feindes nennen oder sein Gesicht beschreiben. Ich muss Sie in das Herz der Londoner Gesellschaft stoßen … in ein Spinnennetz, wie seidig auch immer es gesponnen sein mag … und darauf hoffen, dass Sie selbst in der Lage sein werden, die Lügen und Intrigen zu durchschauen.«

»Sir, es ist mir gelungen, hier an der Akademie einige schwierige Situationen zu meistern.« Sofia versuchte, ruhig zu bleiben und sich zu beherrschen, obwohl das Herz ihr wie wild an die Rippen pochte. »Ich bin recht geschickt darin, sowohl meine Waffen als auch meinen Verstand zu benutzen. Was auch immer verlangt wird, ich werde Sie nicht enttäuschen.«

»Ich mache mir keine Sorgen um mich selbst«, erwiderte er Marquis sanft. »Ich schicke keinen Merlin in den Kampf, ohne nicht wenigstens eine kleine Chance zu sehen, dass unser Falke den Sieg erringen kann.«

Sofia konterte rasch. »Wir haben gelernt, mit Widrigkeiten zurechtzukommen, nicht wahr? Wir existieren doch nur aus dem einzigen Grund, nämlich just in dem Augenblick eine Aufgabe zu übernehmen, wenn es aussichtslos erscheint, sie auch bewältigen zu können.«

»Sie hat ins Schwarze getroffen, Thomas«, stimmte Mrs. Merlin zu.

Lynsley seufzte und gestattete sich ein kleines Lächeln. »Sofia, ich sehe, dass Sie das Wort genauso geschickt führen können wie das Schwert. Was den Zweck der Akademie angeht, so haben Sie recht. Aber das macht es keineswegs leichter, Sie einer tödlichen Gefahr auszusetzen.« Er griff in seine Tasche und zog ein schmales, mit schwarzem Wachs versiegeltes Paket heraus. »Lesen Sie diese Dokumente, bevor Sie in London ankommen.«

Das Papier in ihren Händen ließ ihre Haut prickeln.

»Unglücklicherweise kann ich nicht bleiben, um Ihnen genauere Instruktionen zu geben. Ich habe eine dringliche Verabredung heute Abend in der Stadt. Mrs. Merlin wird die Grundlagen des Auftrags mit Ihnen durchgehen und mit Ihnen daran arbeiten, die Fertigkeiten zu verfeinern, die Sie brauchen, um in der Maskerade einer Lady von edler Geburt zu glänzen.«

»Ich habe Sie allerdings nicht darum gebeten, die Kleidung zu wechseln, weil ich mein Sofa vor dem Dreck schützen wollte«, bemerkte Mrs. Merlin trocken. »Sobald Sie die Lederhosen gegen blaue Seide eingetauscht haben, werden wir jede Stunde des Tages nutzen, um Ihren glänzenden Auftritt zu verbessern. Lord Lynsley möchte, dass Sie übermorgen bereit sind, nach London aufzubrechen.«

»Anders als die meisten anderen Missionen wird diese uns die Gelegenheit verschaffen, uns in der Gesellschaft zu begegnen«, kündigte der Marquis an. »Denn schließlich werden Sie die Salons auf dem Höhepunkt der Saison betreten, und als Witwe eines italienischen Grafen werden Sie sich rasch auf den Gästelisten der besten Häuser finden.«

»Wie …«, begann Sofia.

»Ich hoffe, dass die Einzelheiten geklärt sind, wenn Sie in der Stadt eintreffen.« Lynsley griff nach seinem elfenbeinernen Spazierstock und den grauen Handschuhen. »Bis es so weit ist, hören Sie genau auf jedes Wort, das Mrs. Merlin Ihnen noch auf den Weg mitgibt.«

Sofia schwirrten tausend Fragen im Kopf herum, aber sie hielt ihre Antwort schlicht und einfach. »Ja, Sir.«

»Vielen Dank für den ausgezeichneten Tee und die Törtchen, Charlotte!« Lynsley schob sich eine große Ledertasche unter den Arm. »Und für die verschwenderische Portion Weisheit, die Sie mir außerdem noch serviert haben.«

»Schöne Beine … wohlgeformte Brust … gutes Stehvermögen … hält lange durch, meinst du nicht auch?«

»Ein bisschen zu lange.« Osborne zuckte zusammen. »Puh, ich glaube, dass ihr Kreischen bis weit nach Kew Gardens zu hören gewesen ist.«

»Ich spreche über das Pferd, Dev.« Lord Nicolas Harkness schnaubte leise. »Verdammt, versuch doch wenigstens, dich zu konzentrieren! Das Angebot wird dich einiges kosten.«

»Colette auch«, witzelte er, »hat mich eine hübsche Stange Geld gekostet, der Affäre ein Ende zu setzen.«

»Du kannst von Glück sagen, dass es dich nicht dein bestes Stück gekostet hat.« Harkness lachte leise, als er von dem Hengst zurücktrat und sich mit einem Fuß auf den Zaun stützte. »Nach deinen Worten zu urteilen, hatte sie es darauf abgesehen, dich um etwas ganz anderes zu erleichtern als nur um ein bisschen Geld.«

»Bin ihr um … um Haaresbreite entkommen.« Osborne grinste und zuckte wieder zusammen, als der mächtige Hengst ein scharfes Wiehern ausstieß. Sein Mund fühlte sich so trocken an wie Stroh, und der Missklang der stampfenden Hufe und schrillen Gebote, die quer über den Hof hallten, verschlimmerte noch das Pochen in seinem Kopf. Ganz zu schweigen von dem durchdringenden Gestank. Die Versteigerung erstklassiger Pferde bei Tattersall's zog immer zahlreiche Gentlemen an, die kaufen oder verkaufen wollten.

Osborne nahm auf einem Heuballen Platz und massierte sich die Schläfen. »Tut mir leid, dass ich keine angenehme Gesellschaft bin, Nick. Gib mir ein paar Minuten, damit ich mich sammeln kann. Ich möchte gern einen genaueren Blick auf das Tier werfen.«

»Es lohnt sich, sich ein wenig Zeit zu nehmen. Ich vertraue auf dein Urteil.« Harkness zündete sich eine Zigarre an. »Selbst wenn dein Hirn noch halb in Brandy getaucht ist.«

In seiner gegenwärtigen Stimmung war Osborne nicht so hoffnungsvoll wie sein Freund. In letzter Zeit hatte sein Urteilsvermögen oft kläglich versagt. Die Szene mit seiner Geliebten war nicht mehr als der jüngste in einer ganzen Serie beschämender kleiner Vorfälle. Bei Lady Haversticks Hauskonzert hatte er die Limericks, die er über ein korpulentes Mitglied hochadliger Kreise verfasst hatte, ein wenig zu lautstark vorgetragen; zwar hatte er die Reime klug gewählt, und die Gäste hatten gelacht, aber er hatte eine Bekanntschaft öffentlich bloßgestellt und war am nächsten Morgen beschämt aufgewacht.

»Ich bin mir nicht ganz sicher, dass ich in der Verfassung bin, irgendeinen Makel an deinem Hengst zu entdecken, wenn ich bedenke, dass ich mich in der letzten Zeit benommen habe wie ein Esel.«

Harkness zog die Stirn kraus. »Kann es sein, dass sich da eine düstere Wolke über dem Kopf unseres Lord Sunshine zusammenballt?«

Osborne fluchte laut genug, um einen ältlichen Gentleman zu erschrecken, der in der Nähe ein Paar Zugpferde für die Kutsche begutachtete. »Wenn du mich noch einmal so nennst, kannst du deine Zähne aus einem Haufen Pferdedreck raussuchen.« Es lag an den blonden Haaren und an seinem überschäumenden Temperament, dass mehrere Ladys ihm diesen Spitznamen gegeben hatten. Gewöhnlich schob er den Spott anderer Männer mit Gelächter beiseite, aber im Moment war ihm überhaupt nicht nach Lachen zumute.

»Schlechte Laune?«

Osborne stieß einen unterdrückten Fluch aus.

»Gibt es irgendeinen besonderen Grund dafür?« Sein Freund stieß einen blauen Rauchkringel aus. »Abgesehen davon, dass du deinen Platz in Colettes Bett verloren hast.«

Osborne zuckte nur die Schultern. Mochte sein Freund nur denken, die schlechte Stimmung wäre auf Sex zurückzuführen - oder auf den drohenden Mangel daran.

»Nicht dass es dir an eifrigen Anwärterinnen fehlen wird, den Verlust auszugleichen. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Lady Pierson gestern aus Yorkshire zurückgekehrt ist. Den alten Lord hat sie auf dem Land bei seinen Pferden und Hunden zurückgelassen.«

»Die lüsterne Lucinda?« Osborne schauderte spöttisch. »Ich habe keine Lust, vom Regen in die Traufe zu geraten. Neben ihrer ausladenden körperlichen Ausstattung neigt sie zu gefühlsmäßigen Exzessen.«

»Lady Wellton scheint schon immer ein Auge auf dich geworfen zu haben. Du bist ein Glückspilz!« Harkness hustete leise. »Mag sein, dass dir schon längst höchstpersönlich aufgefallen ist, wie sehr sie sich für dich interessiert.«

»Und wenn es so wäre, würde ich mich wie ein Gentleman benehmen und kein Wort darüber verlieren.«

»Schon gut, schon gut!« Sein Freund drückte den Zigarrenstumpen an der Stiefelsohle aus. »Vielleicht ist es das Beste, wenn du eine Nacht ohne weibliche Gesellschaft verbringst, um die düstere Wolke über deiner Stirn zu vertreiben. In den Armenvierteln gibt es ein paar neue Spielhöllen, die einen Besuch wert sein sollen, wie ich gehört habe. Und du hast doch immer ein teuflisches Glück mit den Karten.« Harkness senkte die Stimme. »Man sagt, der Laden in Seven Dials soll recht ungewöhnlich sein.«

Osborne schüttelte den Kopf. »Verlockend. Aber ich habe versprochen, mich bei Lady Havertons Ball zu präsentieren. Sie zählt auf mich, um Silliman und Morse davon abzuhalten, sich zu prügeln.«

»Du liebe Güte, droht immer noch die Gefahr, dass sie sich wegen eines Streits um das Muster auf dem Stoff ihrer Weste gegenseitig den besten Bordeaux aufs Hemd kippen?«

»Mode ist für die beiden eine ausgesprochen ernste Angelegenheit. Aber ich glaube, ich habe eine Idee, wie ich einen Waffenstillstand zurechtflicken kann.«

Harkness verdrehte die Augen. »Nun, wenn überhaupt jemand verletzte Gefühle besänftigen kann, dann du.«

Nur dass ich mich in meiner eigenen Haut leider nicht besonders wohlfühle.

»Aber jetzt zum Pferd, Dev.«

»Genau. Lass uns mal einen Blick darauf werfen …«

»Ich kann Ihnen gar nicht genug danken!« Das Licht aus den glitzernden Kandelabern fing sich im Lächeln der Lady, als sie die letzten Drehungen des Walzers herumwirbelte. »Ohne Ihre Hilfe hätten die beiden sich gleich hier auf dem Parkett zum Duell aufgefordert. Es hätte uns den ganzen Abend verdorben.«

»Nichts auf der Welt hätte eine solch zauberhafte Gesellschaft verderben können.« Osborne ließ den Blick durch den überfüllten Ballsaal schweifen. »Die Musik ist großartig, die Blumenarrangements sind ganz ausgezeichnet.«

Lady Havertons Wangen wurden so rosig wie ihre Pfingstrosen. »Sie gefallen Ihnen?«

»Umwerfend«, murmelte er, wohl wissend, dass die Lady, eine altjüngferliche Botanikerin, die Dekoration selbst entworfen hatte.

Die Röte auf ihren Wangen verstärkte sich. »Sie sind zu freundlich …«

»Osborne!« Kaum waren die letzten Takte des Tanzes verklungen, löste sich eine dralle Blonde aus den Armen ihres Partners und tippte ihm auf die Schulter. »Gleich morgen müssen Sie mich besuchen und mir raten, für welches Blau ich mich bei den neuen Vorhängen im Salon entscheiden soll.«

Er verbeugte sich leicht. »Es ist mir ein Vergnügen.«

»Osborne!« Die freudige Begrüßung drang von einer Gruppe Gentlemen herüber, die am Punschkrug stand.

»Wie immer verlangt man nach Ihnen.« Lächelnd nahm seine Gastgeberin die behandschuhte Hand von seinem Arm. »Ich will Sie Ihren Freunden nicht länger vorenthalten.«

»Ich komme wieder. Auf Ihrer Tanzkarte habe ich mich für den Tanz nach dem Abendessen eingetragen.«

»Sehr zum Missfallen aller übrigen Ladys hier im Raum.« Lady Haverton tätschelte seinen Ärmel. »Gehen Sie schon!«

»Osborne!«

»Osborne!«

Langsam bahnte er sich den Weg durch die Menge, hielt immer wieder kurz an, um ein paar höfliche Worte zu wechseln. Als es ihm schließlich gelungen war, sich hinter der Abschirmung mehrerer Orangenbäume zu verbergen, seufzte er hörbar auf und gönnte sich einen Schluck Champagner.

»Sie sind äußerst beliebt, wie ich sehe.«

Osborne drehte sich um und entdeckte Lord Lynsley neben sich. »Scheint so, als hätte ich ein Talent, die Leute zu amüsieren«, erwiderte er leichthin, obwohl die Worte in seinen Ohren einen kaum hörbaren, scharfen Beiklang besaßen.

Der Marquis musterte ihn nachdenklich, bevor er antwortete. »Major Fenimore ist überzeugt, dass Ihre Talente eine ernsthaftere Beschreibung verdient haben als amüsant. Er meinte, dass Ihre Analyse der Taktik der französischen Kavallerie bei der Schlacht von Marengo sich für unsere östlichen Verbündeten als unschätzbar erweisen wird.«

»Das freut mich.« Osborne trank noch einen Schluck Champagner. Er wusste nicht, was er sonst hätte sagen sollen.

Lynsleys offizielle Stellung in Whitehall war nicht besonders bedeutend, aber Osborne war sich darüber im Klaren, dass die wahren Aufgaben des Mannes in der Regierung ein wohlbehütetes Geheimnis waren. Die vagen Gerüchte über die früheren Heldentaten des Marquis' reichten aus, um einem Mann die Haare zu Berge stehen zu lassen. Obwohl Lynsley inzwischen die meiste Zeit am Schreibtisch verbrachte, war Osborne überzeugt, dass er mit gänzlich anderen Dingen beschäftigt war als nur damit, Papiere hin und her zu schieben.

»Ich frage mich … ob Sie vielleicht interessiert wären, uns in noch anderer Weise auszuhelfen?« Im Spiel von Licht und Schatten war es unmöglich, die Miene des Marquis zu erkennen. »Es geht allerdings nicht um eine militärische Expertise.«

»Vielleicht«, erwiderte Osborne und bemühte sich ebenfalls um einen unlesbaren Gesichtsausdruck. »Natürlich würde ich gern hören, was Sie im Sinn haben.«

»Eine diplomatische Antwort.« Kein Zweifel, Lynsleys Lippen hatten gezuckt. »Es handelt sich um eine recht einfache Angelegenheit, in der Tat, besonders für einen Gentleman Ihres Ranges in der Stadt. Sie würden mir einen großen Gefallen tun, wenn Sie eine italienische Gräfin in die Gesellschaft einführen würden. Bei der Lady handelt es sich um eine wohlhabende junge Witwe, die hier in London niemanden kennt.«

»Und Sie wünschen, dass sie in die Salons eingeführt wird«, ergänzte Osborne bedächtig, »dass sie zu allen Abendgesellschaften eingeladen wird. Und auch in die Runde der vormittäglichen Aufwartungen.«

»Genau. Meine nächsten Verpflichtungen erlauben es mir leider nicht, die Aufgabe selbst zu übernehmen.«

»Scheint tatsächlich so, als handelte es sich um eine leichte Aufgabe.« Viel zu leicht. Gemessen an der Aura des Geheimnisvollen, die den Marquis umschwebte, vermutete Osborne, dass Lynsley den wichtigeren Teil des Arrangements unausgesprochen ließ. Aber trotz der Fragen, die ihm plötzlich durch den Kopf wirbelten, bemerkte er nur: »Ist sie hübsch?«

»Sehr sogar«, erwiderte Lynsley.

»Das sollte es noch einfacher machen. Ich werde …«

»Ah, Osborne, da sind Sie ja!« Zwei Gentlemen in Uniform winkten ihn zu sich heran. »Kommen Sie, und helfen Sie uns, den Streit zu schlichten, wer besser mit der Pistole umgehen kann. Manton oder Purdey, dieser Emporkömmling.«

»Verzeihen Sie, aber Captain Tolliver wird sich mit einer Ablehnung nicht zufriedengeben«, meinte Osborne sanft, »ich sollte lieber gehen, bevor die beiden sich halb tot schießen und Lady Havertons Abend ruinieren.«

»Vielleicht sollten Sie in Erwägung ziehen, eine Stellung im auswärtigen Dienst anzutreten«, murmelte der Marquis. »Denken Sie mal darüber nach …«

»Nicht nötig.« Osborne leerte sein Glas und stellte es beiseite. »Wann möchten Sie, dass ich die Lady kennenlerne?«

»Übermorgen. Wenn es Ihnen recht ist, treffen wir uns um zwei Uhr im White's.«

»Großartig.« Eine kleine Abwechslung im Alltag mochte genau das sein, was er brauchte, um seine schlechte Stimmung loszuwerden.

3. Kapitel

Schreiten Sie nicht so weit aus, meine Liebe!«, mahnte Mrs. Merlin leise. »Eine Lady gibt sich niemals den Anschein, in Eile zu sein.«

»Verzeihung.« Sofia schluckte einen Seufzer hinunter, während sie noch eine Runde durch den Salon in der Akademie drehte. »Ich gebe mir Mühe, nicht noch einmal zu stolpern.«

Die Direktorin lächelte. »Das machen Sie sehr gut.«

»Si, si, bella.« Marco beobachtete sie mit offenkundiger Anerkennung. »Heb das Kinn einen Hauch höher, und dann solltest du noch eine Spur arroganter lächeln … Ja, genau so. Jetzt siehst du so hoheitsvoll aus wie eine echte Contessa.«

»Du siehst aber auch recht anständig aus«, gab sie zurück. Das gestärkte Halstuch bildete einen reizvollen Kontrast zu seinem gebräunten Teint, und die maßgeschneiderte Eleganz seines Abendanzugs betonte die breiten Schultern und die schmale Taille. Sogar das Haar war ihm geschnitten worden, obwohl es immer noch bis fast auf die Schultern reichte. Sofia musste zugeben, dass der Anblick bestechend war. »In der Tat, ich bin überzeugt, dass du dich sogar noch besser tarnen kannst als ich.«

»Was macht dich so sicher, dass ich nur Theater spiele?«, fragte er und vollführte eine tiefe Verbeugung.

Sofia brach das Gelächter mit einer leichten Unsicherheit ab. Die Lehrer an der Akademie bestanden aus einer früheren Kurtisane König Carlos', einem verurteilten Falschspieler, einem dunkelhäutigen Boxer und einem indischen Yoga-Guru. Man musste seine Einbildungskraft also nicht allzu sehr strapazieren, um sich vorstellen zu können, dass der Fechter aus Mailand …

»Achten Sie auf Ihre Schritte, Sofia!«, erinnerte Mrs. Merlin wieder.

Achten Sie auf Ihre Schritte. Die Worte könnten das Mantra für die kommenden Wochen bilden.

»Sie müssen stets ruhig, souverän und beherrscht wirken«, fügte die Direktorin hinzu.

Sofia nickte, obwohl es in ihrem Innern rumorte. Die Reisekoffer standen bereits in der Halle, vollgestopft mit kostbarer Seide und glitzernden Juwelen, durch die sich ein Niemand in eine noble Lady verwandeln würde. Mit den Fingerspitzen befühlte sie das flache goldene Medaillon unter dem mit Spitzen verzierten Schultertuch. Anders als im Märchen gab es keinen goldenen Zauberstab, um ihr bei der Verwandlung zu helfen.

Alle miteinander konnten nur hoffen, dass Mrs. Merlins Zauberei ausreichen würde.

»Ausgezeichnet!« Die Direktorin setzte ihr Lorgnon ab und zwickte sich in den Nasenrücken. »Ich denke, wir können den Unterricht beenden. Lassen Sie uns noch einen Tee trinken, bevor die Kutsche eintrifft.«

Sofia nahm auf dem Sofa Platz und zupfte die Seide zurecht. »Danke«, erwiderte sie mit einem Hauch Arroganz, »Sie haben ja keine Ahnung, wie schwer es ist, in Rom einen anständigen Tee zu bekommen! Nur wenn ich mich in meiner Sommerresidenz in der Nähe von Venedig aufhalte, will es meinem Koch gelingen, eine ordentliche Oolong-Mischung aus Ceylon zu besorgen.«

»Der Akzent ist perfekt«, gratulierte Marco, »du hast ein gutes Ohr für das Italienische, bella.«

Sofia lächelte. »Schließlich habe ich dir lange genug gelauscht, wenn du mir deine süßlichen Nichtswürdigkeiten ins Ohr geraunt hast. Es ist, als ob man sich reibt, und irgendwann bleibt etwas kleben.«

»Ein Jammer, dass die Zärtlichkeiten nicht meinen Händen anvertraut worden sind!«

»Benimm dich!«, murmelte Sofia.

»Ah, ja, beinahe hätte ich es vergessen. Ich muss wie ein Gentleman auftreten. Wie unendlich …« Mit den Lippen formte er das Wort »langweilig« und zwinkerte ihr zu.

Sofia unterdrückte ein Lachen. »Bald geht es los.«

Dampf wirbelte auf, als Mrs. Merlin heißes Wasser über die Teeblätter goss. »Nun, Marco wird ebenfalls nach London reisen. Lord Lynsley kümmert sich darum, dass Ihnen eine englische Begleitung zur Seite steht, die Ihnen den Weg in die Gesellschaft erleichtern wird. Aber in Anbetracht der Schwierigkeiten dieser Mission haben wir entschieden, dass es nicht schaden kann, einen Verbündeten an der Hand zu haben. Außerdem werden seine amourösen Aufmerksamkeiten das Interesse der übrigen Gentlemen entfachen und deren Blicke auf Sie ziehen.«

Marco verkniff sich ein boshaftes Lächeln.

»Ich vertraue darauf, dass ich Sie nicht daran erinnern muss, es mit dem Theater nicht zu übertreiben«, mahnte die Direktorin mit erhobenem Finger.

»Non, non. Wenn ich mich anstrenge, Signora Merlin, kann ich mich an sämtliche Regeln der Etikette erinnern.«

Sofia zog zweifelnd die Brauen hoch. »Es schaudert mich, wenn ich daran denke, wo du deine Ausbildung absolviert hast.«

Marco warf ihr einen übertrieben vorwurfsvollen Blick zu. »Meine Familie trägt einen der ältesten und respektabelsten Namen in der gesamten Lombardei.«

Zweifelnd wandte Sofia den Blick zu Mrs. Merlin und bemerkte, dass die Direktorin nickte. »Ich denke, es ist höchste Zeit, dass wir einige Missverständnisse bezüglich unseres zweiten Fechtmeisters aus dem Weg räumen. Marco heißt mit vollem Namen Giovanni Marco Musto della Ghiradelli, Erbe des Conte of Como und seines Vermögens.«

»Ein verdammter Graf?« Sofia konnte ihre Erschütterung kaum verbergen.

Marco sah sie entschuldigend an. »Eine Lady sollte nicht fluchen, bella!«

»Stimmt. Wenn ich es genau bedenke, sollte ich dich lieber mit bloßen Händen erwürgen.« Sofia fühlte sich betrogen. In Marco hatte sie stets eine verwandte Seele erkannt - einen verwegenen Kerl, der sich nirgendwo auf der Welt zu Hause fühlte.

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