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Die rubinrote Frau

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Zitat
  9. Danksagung
  10. Prolog
  11.   1. Kapitel
  12.   2. Kapitel
  13.   3. Kapitel
  14.   4. Kapitel
  15.   5. Kapitel
  16.   6. Kapitel
  17.   7. Kapitel
  18.   8. Kapitel
  19.   9. Kapitel
  20. 10. Kapitel
  21. 11. Kapitel
  22. 12. Kapitel
  23. 13. Kapitel
  24. 14. Kapitel
  25. 15. Kapitel
  26. 16. Kapitel
  27. 17. Kapitel
  28. 18. Kapitel
  29. 19. Kapitel
  30. 20. Kapitel
  31. Epilog

Weitere Titel der Autorin

Die Frauen von Carson Springs:

Besuch im Paradies

Bittersüßer Honig

Gezeiten des Glücks

Über dieses Buch

Ein bewegender Roman über Verlust und Rache, die Suche nach Erlösung und wie die Vergangenheit uns dabei helfen kann …

Als Alice Owen White sieht, zögert sie nicht lange: Sie drückt das Gaspedal durch und fährt genau auf ihn zu. So, wie er auf ihren acht Jahre alten Sohn David zugefahren ist und ihn getötet hat. Neun Jahre später: Alice wird aus der Haft entlassen und versucht, ihr Leben neu zu ordnen. Aber als ihr anderer Sohn Jeremy einer Vergewaltigung bezichtigt wird, droht der Neubeginn zu scheitern. Um die Unschuld von Jeremy zu beweisen, wendet sich Alice an den ehemaligen Staatsanwalt Colin. Die gemeinsame Aufgabe bringt die beiden einander näher – ebenso wie ein Gemälde von Colins Großvater, das die Großmutter von Alice zeigt. Doch was hat die beiden miteinander verbunden?

eBooks von beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.

Über die Autorin

Eileen Goudge lebt in New York City und ist mit dem Rundfunkmoderator Sandy Kenyon verheiratet, den sie während eines Radio-Interviews kennenlernte. Ihre Bücher erscheinen regelmäßig auf der Bestsellerliste der New York Times und wurden bereits in mehr als zwanzig Ländern veröffentlicht. Neben der Carson-Springs-Trilogie ist bei beHEARTBEAT ihr Familiengeheimnis-Roman »Die rubinrote Frau« lieferbar.

Besuchen Sie die Homepage der Autorin unter https://eileengoudge.com/.

 

Alle sind Teile eines gewalt’gen Ganzen nur,
In dem Gott die Seele ist, Körper die Natur.

Aus An Essay on Man (Versuch vom Menschen) von
ALEXANDER POPE.

Danksagung

Zuallererst möchte ich meinem Verleger Roger Cooper von Vanguard Press danken, weil er den Weitblick hatte, Neuland zu beschreiten und mich aufzufordern, ihn dabei zu begleiten. Ich schulde dir ewigen Dank, Roger, weil du mir dabei geholfen hast, meinen Traum zu verwirklichen, und mich den ganzen Weg dorthin mit unermüdlicher Energie und Begeisterung ermutigt hast.

Wie immer möchte ich auch meiner Freundin und Agentin Susan Ginsburg danken, ohne die kein Buch möglich gewesen wäre. Susan, du bist die, die alles zusammenhält.

Ohne die Leute, die mir bei der Recherche geholfen haben, wäre dieses Buch nicht so authentisch geworden. Ich danke Robin Schwarz für ihre unschätzbare Hilfe in rechtlichen Fragen. Und ich danke Char Bawden von der Austernfarm Judd Cove Oysters, der mich nicht nur in alle Einzelheiten der Austernzucht eingeweiht hat, sondern sich auch die Zeit genommen hat, mir drei Dutzend der saftigsten Austern zu bringen, die ich je gegessen habe. Mein Dank gilt ebenfalls Holly King von der Leihbücherei auf der Insel Orcas, die mich unermüdlich unterstützt und mir damit uneingeschränkt Zeit für meine Schreibarbeit verschafft hat. Und zu guter Letzt gilt mein besonderer Dank Bill und Valerie Anders, weil sie es mir möglich gemacht haben, meinen Traum wahr werden zu lassen.

Prolog

VOR NEUN JAHREN

Erheben Sie sich!«

Bewegung um sie herum, das Scharren von Stühlen und Füßen. Alice reagierte langsamer, ihre Sinne waren durch die zwei Tage andauernden Zeugenaussagen abgestumpft: trockene, logisch aufgebaute Ausführungen über Bremsspuren, Blutalkoholspiegel und den Grad von Fahrzeugschäden in Verbindung mit Körperverletzungen, die mit ihrem Sohn David so viel zu tun zu haben schienen wie die Kreideumrisse auf dem Pflaster mit dem lebendigen, atmenden Menschen, dessen Leben so grausam beendet worden war.

Sie drückte die Handflächen flach auf den Tisch, an dem sie saß, und stand mühsam auf. Ihr Anwalt, Warren Brockman, warf ihr aus seinen grauen Augen einen freundlichen und besorgten Blick zu, und sie nickte fast unmerklich, um ihn wissen zu lassen, dass sie in Ordnung war. In Wahrheit war sie das keineswegs. Das Blut strömte ihr aus dem Kopf, und sie fühlte sich zittrig, in ihren Ohren erklang ein schwaches ununterbrochenes Summen, und ihre Beine zitterten, als wäre sie eine Meile weit gerannt.

Alles Lügen!, hatte sie stumm geschrien, als der Mörder ihres Sohnes im Zeugenstand saß, sichtlich reuevoll, wie nur ein unschuldiger Mann aussehen würde – oder einer, der sich besondere Mühe gab, unschuldig zu wirken –, und seine verdrehte Version der Ereignisse lieferte. Sie hatte zugehört, und sie hatte innerlich geschrien, wobei sie sich auf die Zunge gebissen hatte, bis es blutete, um zu verhindern, dass ihr Mund sich öffnete und sie ihre Empörung in den Gerichtssaal spuckte.

Jetzt waren die Geschworenen mit dem Urteilsspruch zurückgekehrt.

Sie warf einen Blick nach rechts. Owen Whites Anwältin, eine untersetzte, reizlose Frau in einem unvorteilhaften hellgrünen Kleid, stand neben ihrem Mandanten und hatte ihm leicht die Hand auf den Rücken gelegt. Ihre Strategie war gewesen, ihn als das Opfer hinzustellen, als einen unschuldigen Mann, der von einer von Schmerz verstörten Mutter unbarmherzig verfolgt wurde. Er sah sogar so aus, sanft und harmlos, mit seinem blassen Allerweltsgesicht und seinen unschuldigen blauen Augen, seinem schütter werdenden Haar, das dieselbe fahle Farbe wie seine Haut hatte, und dem Anzug von der Stange, der seinen Wohlstand Lügen strafte. Er hätte einer jener namenlosen, gesichtslosen Männer mittleren Alters sein können, denen man ständig begegnete, in Banken und Versicherungsvertretungen und Leasingfirmen, einer jener Männer, die einen anlächelten und zwanglos plauderten, während sie einem ein Formular über ihren Schreibtisch schoben, das man unterschreiben sollte.

Im Zeugenstand hatte er die Fragen ihres Anwalt in einem ruhigen und respektvollen Ton beantwortet. Sie hatte keinen Schweiß auf seiner Stirn entdecken können, und seine Augen hinter der metallgefassten Brille waren so klar wie das Gewissen eines Babys gewesen; nur wenn sie von Zeit zu Zeit auf Alice ruhten, sahen sie bekümmert aus, als hätte er Verständnis für ihren schlimmen Zustand.

Aber sie kannte die wahre Geschichte. Deshalb hatte sie die vergangenen achtzehn Monate und fast ihre und Randys gesamten Ersparnisse für den Versuch aufgewendet, den Mann zur Rechenschaft zu ziehen, der für den Tod ihres Sohnes verantwortlich war.

Wenn Randy jetzt bloß hier wäre! Ihr Mann war in dem dunklen Tunnel der Tage nach Davids Tod kaum von ihrer Seite gewichen. Aber nachdem die polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen waren, war er zunehmend ungeduldiger mit ihr geworden, als die Monate ins Land gingen und ihr Streben nach Gerechtigkeit nicht erlahmte. Als sie darauf bestand, einen zivilen Schadensersatzprozess wegen schuldhafter Tötung anzustrengen, hatte er lediglich zugestimmt, um sie zu beschwichtigen, und war zu den darauf folgenden Gerichtsverhandlungen nur sporadisch erschienen, wobei er vorschob, es sich nicht leisten zu können, weitere Arbeitstage zu versäumen.

In gewisser Hinsicht konnte sie ihm keinen Vorwurf machen. Er hatte nichts weiter gewollt, als in Frieden um ihren Sohn zu trauern. Randy war nicht einmal davon überzeugt, dass sie überhaupt einen Fall hatten. Ist es nicht möglich, dass du dich getäuscht hast?, hatte er sie herausgefordert. Zu der Uhrzeit hatte es bereits begonnen, dämmrig zu werden, und David hatte sich am anderen Ende der Häuserzeile befunden, mindestens hundert Meter entfernt. Er war ein kleiner Junge gewesen, der, wie sie beide wussten, dazu geneigt hatte, Risiken einzugehen; er hätte durchaus mit seinem Fahrrad auf die Straße geflitzt sein können, genau so, wie Owen es berichtet hatte.

Aber sie wusste, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Und jetzt stellte sie auf einmal fest, dass sie Randy fast so sehr verabscheute wie den Mann, der für dies alles verantwortlich war. Warum war er nicht ebenso aufgebracht wie sie? Was war das für ein Vater, der zuließ, dass der Mörder seines Sohnes frei herumlief? Randys demonstrative Abwesenheit hatte vielleicht sogar einige der Geschworenen zugunsten Owens beeinflusst. Wie musste es für sie wirken? Eine verrückte Frau, die nicht einmal ihren eigenen Ehemann überzeugen konnte.

Wirke ich verrückt?, fragte sich Alice. Nein, dachte sie, nachdem sie in Gedanken eine Bestandsaufnahme von sich gemacht hatte. Sie hatte ihr dunkelgraues Kostüm mit der marineblauen Paspelierung und ein Paar marineblaue Pumps mit niedrigen Absätzen für ihr heutiges Erscheinen im Gerichtssaal ausgewählt. Ihr braunes Haar war zurückgekämmt und wurde im Nacken von einer Schildpattspange gehalten, und der einzige Schmuck, den sie trug, waren eine einfache Perlenkette und die winzigen Diamantstecker in den Ohren.

Während der Gerichtsverhandlungen war sie ein Muster an Zurückhaltung gewesen, jemand, auf den ihre Eltern stolz sein konnten. Sie hatte sich keine Gefühlsausbrüche erlaubt, und außer dem einen Mal, als sie leise in ihre Hände geweint hatte, während der Gerichtsmediziner Davids Verletzungen beschrieben hatte, war sie nicht in Tränen ausgebrochen. Es war, als hätte sie ihr ganzes Leben hierfür trainiert; das war es, was sie getan hatte, worin sie gut gewesen war. Selbst bei der Beerdigung hatte sie es als ihre Aufgabe betrachtet, den anderen Trost zu spenden. Trauern war etwas, was man nicht in der Öffentlichkeit tat. Man tat es zu Hause und machte möglichst wenig Aufhebens darum.

Sie sah über die Schulter zu ihren Eltern. Ihre Mutter blickte gespannt und erwartungsvoll zur Richterbank, als wäre sie zuversichtlich, dass der Richter, ein großer Mann mit fleischigem Gesicht, der sich jetzt auf seinem Stuhl niederließ, dafür sorgen würde, dass die Geschworenen das Richtige taten. Lucy Gordon glaubte, dass man mit der richtigen Einstellung alles bewältigen konnte. Wie damals, als Alice klein gewesen war und ihr beim Autofahren immer schlecht geworden war. Ihre Mutter war davon überzeugt gewesen, dass man mit Willenskraft dagegen angehen konnte, und hatte Alice gedrängt, auf langen Fahrten mit ihr zusammen zu singen und Spiele wie Ich sehe was, was du nicht siehst zu spielen, um sie abzulenken, bis die Übelkeit verging. (Obgleich es weniger mit positivem Denken zu tun gehabt hatte, wenn es Alice gelungen war, sich nicht zu übergeben, als mit der tiefsitzenden Furcht davor, eine Schweinerei zu veranstalten.) Jetzt stand Lucy da mit ihrem ewigen Schulmädchengesicht, umrahmt von krausem, ergrauendem, kastanienbraunem Haar, mit einem festen entschlossenen Lächeln, und weigerte sich wieder einmal, den Pessimismus die Oberhand gewinnen zu lassen.

Im Gegensatz dazu stand Alices Vater steif an Lucys Seite, und sein ernstes Gesicht war zu einer Art Grimasse erstarrt. Ist er böse auf mich, weil ich die Familie so viel Leid ausgesetzt habe?, fragte sich Alice. Man konnte es bei ihrem Dad schwer sagen. Das einzige Mal, dass sie ihn je hatte weinen sehen, war gewesen, als der Sarg seines Enkelsohnes in die Erde gesenkt worden war. Und selbst dann wäre es ihr nicht aufgefallen, hätte sie nicht die Tränen unter seiner dunklen Brille hervorquellen sehen.

Denise, die im sechsten Monat schwanger mit ihrem zweiten Kind war, stand neben ihnen und hatte die Hand auf den dunklen Schopf von Alices jüngerem Sohn Jeremy gelegt. Es mochte Leute geben, die vielleicht Alices Urteilsvermögen infrage stellten, weil sie ihren siebenjährigen Sohn zur Urteilsverkündung mitgebracht hatte, das war ihr bewusst. Aber Alice hielt es für wichtig, dass Jeremy an diesem Moment teilhatte, der so oder so den Rest ihres Lebens bestimmen würde.

Sie drehte sich um und richtete den Blick jetzt auf den verzierten Rahmen des Gemäldes rechts hinter der Richterbank, um ihren Magen davon abzuhalten, sich in den freien Fall zu begeben, als der Richter mit einem Hammerschlag die Sitzung wieder eröffnete. Ironischerweise war es ein Porträt von Owens Vater, Lowell White, der den Grund gestiftet hatte, auf dem das Gerichtsgebäude stand – ein geschichtliches Detail, von dem sie hoffte, dass es die Geschworenen bei ihrer Entscheidungsfindung nicht beeinflusst hatte. Er war ein attraktiver, blühend aussehender Mann mit dicken schwarzen Augenbrauen und dunklem welligem Haar gewesen, das an den Schläfen ergraut war, und hatte wenig Ähnlichkeit mit seinem Sohn. Er schien ihr in die Augen zu sehen, und sein Blick wirkte amüsiert, als wüsste er etwas, was Alice nicht wusste; sie erinnerte sich an das ungelöste Geheimnis um sein Verschwinden, als Owen ein kleiner Junge gewesen war, ein Geheimnis, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurde und Teil der Geschichte der Insel Grays Island geworden war.

»Ist die Jury zu einem Urteil gekommen?«, fragte der Richter.

Der Sprecher der Geschworenen, ein schwerer Mann mit militärischem Haarschnitt und einer ehemals muskulösen Statur, die allmählich aus dem Leim ging, erhob sich. »Ja, Euer Ehren.« Wie die Gesichter der meisten Geschworenen war auch seines Alice vertraut. Er war leitender Angestellter bei der Bank, bei der Randy und sie ein Konto hatten, jemand, den sie vor dieser Verhandlung im Vorbeigehen freundlich gegrüßt und ihm dann keinen weiteren Gedanken geschenkt hätte.

Der Richter wies den Gerichtsdiener an, ihm das Urteil zu bringen. Der Sprecher der Geschworenen reichte dem kleinen untersetzten Mann in Uniform das gefaltete Blatt Papier, auf dem das Urteil stand, und dieser brachte es dem Richter. Der Richter warf einen kurzen Blick darauf, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, bevor er es laut vorlas: »Wir, die Geschworenen, befinden den Angeklagten für nicht schuldig.«

Die Worte trafen Alice wie ein Schlag in einen weichen ungeschützten Teil ihres Körpers. Sie spürte, wie sie keine Luft mehr bekam. Schwarze Flecke wimmelten am Rande ihres Blickfeldes, und einen beängstigenden Augenblick lang dachte sie, sie würde in Ohnmacht fallen. Trotzdem zeigte sie keine Gefühlsregung; ihr Gesicht war so glatt wie eine Glasscheibe. Ihre Seele war ebenfalls wie aus Glas, an dem die volle Bedeutung dieser Worte abperlte wie Regentropfen an einer Fensterscheibe. Sie dachte: Wenn ich ganz, ganz ruhig bleibe, wird es sein, als wäre nichts von all dem je passiert.

Warren legte ihr den Arm um die Schultern und sagte leise: »Es tut mir so leid, Alice. Wir haben unser Bestes getan.« Aber sie war nicht in der Lage zu antworten. Es war wie bei der Geburt ihrer Kinder, ein riesiger Druck unter der Gefühllosigkeit der Epiduralanästhesie.

Dann war ihre Schwester Denise bei ihr, eine dickliche Gestalt, die in ihrem gesmokten Umstandskleid plump und unförmig aussah. Ihre braunen Augen schwammen in Tränen und schienen ihr ganzes Gesicht auszufüllen, ein Gesicht, das wie das eines Kindes unfähig war, Gefühle zu verstecken. Denise schüttelte nur den Kopf, weise genug, um zu verstehen, dass es nichts zu sagen oder zu tun gab, was die Situation verbessern könnte.

Es war ihre Mutter, die herbeieilte, um Alice zu umarmen, während ihr Vater sich im Hintergrund hielt. Er trug immer noch diesen strengen Gesichtsausdruck, aber Alice konnte jetzt erkennen, dass sein Groll sich nicht gegen sie richtete – er starrte hart auf Owens Rücken, als würde er gern einen Dolch hineinrammen. »Oh, Liebling.« Lucys Stimme klang erstickt. »Nimm es nicht zu schwer. Sieh die gute Seite. Jetzt könnt ihr euer Leben weiterleben, Randy und du.«

Als ob so etwas möglich wäre.

Erst als Alices Blick auf Jeremy fiel, der neben seinem Großvater stand und mit einem erschöpften, besorgten Gesichtsausdruck zu ihr aufsah, stand sie auf.

»Mir geht es gut«, sagte sie mit einer ruhigen Stimme, die ihr vorkam, als würde sie nicht ihr, sondern einem Arzt gehören, der ihnen versicherte, dass der Patient sich gut erholte. »Ich will jetzt nach Hause.«

»Lass mich dich fahren«, sagte Denise.

»Nein, wirklich, mir geht’s gut«, versicherte sie ihr. In Denises derzeitigem aufgelösten Zustand war das Risiko, dass sie in einen Unfall verwickelt wurde, offensichtlich höher als bei Alice.

Einen Augenblick lang sah es so aus, als würde Denise darauf beharren, aber dann gab sie nach. Sie war vier Jahre jünger als Alice, und Alice war immer diejenige gewesen, die seit ihrer Kindheit auf sie aufgepasst hatte. Als die anderen Kinder in der Schule sich über Denise und ihre pummelige Figur lustig gemacht hatten, hatte Alice dafür gesorgt, dass die Rüpel wussten, mit wem sie es zu tun hatten. Und als ihre Schwester ihr erstes Kind bekommen hatte, war es Alice gewesen, nicht Denises Mann, der zu der Zeit mit einem Bandscheibenvorfall im Bett lag, die ihr bei der schwierigen Geburt beigestanden hatte. Nun, da die Rollen vertauscht waren, wussten beide nicht, wie sie damit umgehen sollten.

Alice brachte ein kleines bitteres, resigniertes Lächeln zustande, als wollte sie sagen, ja, es war ein Schlag, aber er kam nicht völlig unerwartet. Und in gewisser Hinsicht war sie auch nicht überrascht. Owen White war ein angesehenes Gemeindemitglied, Erbe eines der größten Vermögen auf der Insel, und sie … nun, sie galt jetzt als die Verrückte im Ort. Selbst jene Nachbarn, die sich besondere Mühe gegeben hatten, ihr in den Tagen nach Davids Tod ihre Unterstützung zu zeigen, sahen sie jetzt schief von der Seite an. Ja, es ist tragisch, schienen ihre Augen zu sagen, aber sie war zu weit gegangen. War es fair, einen Mann zu bestrafen, dessen einziges Verbrechen darin bestand, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein?

Als sie zu ihrem Auto ging und Jeremys Hand fest in ihrer hielt, dachte sie, dass, wenn es wirklich eine Hölle gab, sie jetzt darin war. Die Ereignisse jenes schrecklichen Tages liefen wie ein Film immer wieder in ihrem Kopf ab, ein Film, von dem sie immer hoffte, dass er ein anderes Ende haben würde, aber es war nie so.

Es war früher Abend gewesen, und Randy hatte angerufen und gesagt, dass er lange arbeiten würde und sie nicht auf ihn warten sollten. Als sie hinausgegangen war, um David zum Abendessen hereinzurufen, hatte er nicht in der Einfahrt mit dem Basketball Körbe geworfen, wie er es das letzte Mal getan hatte, als sie nach ihm gesehen hatte, und er war nirgends zu sehen gewesen. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, und der Gehsteig vor ihrem Haus wurde von den Schatten der Ginkgobäume verschluckt, die ihre Straße säumten. Trotzdem hatte sie sich keine Sorgen gemacht, noch nicht. Sie erinnerte sich, dass sie verärgert gewesen war. Mit achteinhalb Jahren war David viel selbstständiger, als gut für ihn war. Während es Jeremy genügte, stundenlang zufrieden in seinem Zimmer zu spielen, konnte David nicht stillsitzen, seit er laufen gelernt hatte; sie hatte das Gefühl, genauso viel Zeit damit zu verbringen, nach ihm zu suchen, wie sie brauchte, auf ihn aufzupassen.

Sie war auf den Gehsteig gegangen und hatte seinen Namen gerufen. Sie war bis zur Hälfte der Häuserzeile gekommen, als sie ihn entdeckte, einen kleinen blonden Jungen in einem weißen T-Shirt und Jeans, der heftig in die Pedale seines Fahrrades trat und auf sie zukam. Er hatte eine Hand gehoben, um ihr zuzuwinken, und fast im selben Moment war ein Auto in ihre Straße eingebogen, ein silberner Mercedes, der viel schneller als erlaubt fuhr. Alice hatte den Mund geöffnet, um dem Fahrer zuzurufen, langsamer zu fahren, doch die Worte blieben ihr in der Kehle stecken, wurden von dem Kreischen der Bremsen und dem darauf folgenden scheußlichen dumpfen Aufprall verschluckt. Das Geräusch ging ihr durch und durch, als hätte sie den Aufprall am eigenen Körper verspürt.

David, hatte sie gedacht und war losgerannt.

Sie hatte ihn reglos mit dem Gesicht nach unten auf der Straße liegend gefunden. Sein Fahrrad, ein altes Raleigh, das Randy gehört hatte und das David über alles liebte, war in die Mitte der Straße geschleudert worden, verbogen zu etwas, das wie kaputte Kleiderbügel aussah. Später würde Owen behaupten, dass der Junge mitten auf die Straße geflitzt war und er es nicht geschafft hatte, rechtzeitig zu bremsen. Aber das war nicht das, was Alice beobachtet hatte. David hatte sich auf dem Fahrradweg befunden, für dessen Einrichtung sie sich zusammen mit den anderen Nachbarn mit kleinen Kindern eingesetzt hatte; von ihrem Standort aus hatte sie ihn deutlich sehen können.

Aber ihr Wort stand gegen das von Owen; bis die Nachbarn herausgekommen waren, um zu sehen, was der Tumult zu bedeuten hatte, war alles vorbei. Als Alice berichtet hatte, dass der Fahrer betrunken gewesen sei, hatte ihr das auch niemand geglaubt. Owen White hatte den Ruf, ein rechtschaffener Kirchgänger zu sein, nicht wie sein extravaganter Vater, der dafür bekannt gewesen war, sich gern einen hinter die Binde zu gießen. Trotzdem hatte Alice den Alkohol an ihm gerochen, selbst von dort aus, wo sie gekniet und den schlaffen Körper ihres Sohnes an ihre Brust gedrückt hatte. Sie hatte Owen angeschrien, er solle Hilfe holen, aber er hatte nur mit betäubtem Gesichtsausdruck dort gestanden, als würde er nicht ganz begreifen, was das alles mit ihm zu tun hatte, bevor er schließlich zu seinem Auto gestolpert und davongefahren war.

Es dauerte mehrere Stunden, bis die Polizei ihn schließlich aufgriff, und bis dahin war Owen wieder nüchtern und hatte sich seine Geschichte zurechtgelegt. Wenn er sich zu dem Zeitpunkt seltsam benommen habe, hatte er erklärt, dann hätte das nur daran gelegen, dass er unter Schock gestanden habe. Er hätte den Unfallort nur verlassen, um ein Telefon zu suchen. Nach einer flüchtigen Untersuchung, die mehr eine Formsache als sonst etwas war, wurde als offizielle Todesursache ein Unfall festgestellt. Ein weiterer tragischer Fall eines kleinen Jungen, der dort Rad gefahren war, wo er es nicht hätte tun sollen.

»Mommy, warum fahren wir nicht los?«

Alice wurde aus ihren Gedanken gerissen und stellte fest, dass sie hinter dem Steuer ihres Wagens saß; Jeremy saß angeschnallt neben ihr. Ein kleiner Junge mit einem ernsten Gesicht, der ihre dunklen Haare und ihre helle Haut hatte, in dem Anzug, dem sie ihm für die Beerdigung seines Bruders gekauft hatte und aus dem er bereits herauswuchs. Er beäugte sie zweifelnd und sah so tief besorgt aus, wie sie es in der letzten Zeit zu oft an ihm gesehen hatte. Jeremy war immer der nachdenklichere und sensiblere ihrer beiden Jungen gewesen, aber seit Davids Tod war er so verschlossen, dass es manchmal fast so war, als hätte sie beide Söhne verloren.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Wir fahren jetzt los, mein Schatz. Ich habe bloß noch eine Minute gebraucht, das ist alles.«

»Fahren wir nach Hause?«, fragte er, als sie den Motor anließ.

»Ja, mein Schatz. Direkt nach Hause.« Wohin sollte sie sonst fahren? Zum Lebensmittelgeschäft, um einen Liter Milch zu kaufen? Zum Postamt, um ihre Post abzuholen? Banale Aufgaben, von denen sie sich nicht vorstellen konnte, sie jemals wieder zu verrichten, ganz zu schweigen davon, sie jetzt in Angriff zu nehmen.

»Wird Daddy da sein?« In seiner Stimme war ein weinerlicher Ton, der beinahe panisch klang.

Alice begriff jetzt, dass es ein Fehler gewesen war, ihn heute mitzunehmen. Aber sie hatte so sehr glauben wollen, dass die Geschworenen die Dinge mit ihren Augen sehen würden, dass sie nicht mehr klar hatte denken können. Jetzt war sie zu allem anderen auch noch eine schlechte Mutter. Der Gedanke durchbohrte sie wie ein Schuss ins Herz.

Sie gab sich größte Mühe, in normalem Ton zu sprechen, als sie erwiderte: »Daddy ist arbeiten, das weißt du doch. Aber wir rufen ihn an, sobald wir nach Hause kommen.« Während sie sprach, stieg die Wut wieder in ihr hoch. Wo war Randy, als sie ihn am meisten gebraucht hätte? Wo war er jetzt?

Alice fuhr rückwärts aus der Parklücke und dann in Richtung Ausfahrt, als sie Owen am anderen Ende des Parkplatzes erblickte. Sie fuhr sofort langsamer und hielt an. Er ging neben seiner Frau, die ihn jeden Tag zum Gericht begleitet hatte. Elizabeth White, eine groß gewachsene, spindeldürre Frau, erinnerte Alice mit ihrem schmalen Gesicht und dem langen gebogenen Hals und den weit auseinanderstehenden, hervorquellenden Augen an einen Windhund. Sie sahen beide entspannt aus und lächelten über ihren Sieg, als sie Arm in Arm dahinschlenderten. Sie würden nach Hause gehen und ihren Sieg mit einem Abendessen feiern und eine geruhsame Nacht verbringen, während Alice sich selbst überlassen blieb, um die Scherben aufzusammeln. Sie sah, wie Mrs. White auf die Fahrerseite ging, als sie ihren Wagen erreichten, denselben silbernen Mercedes, der David umgemäht hatte, während Owen stehen blieb, um die Schlüssel aus der Tasche zu kramen.

Später würde Alice fast keine Erinnerung mehr an das haben, was als Nächstes geschah. In diesem Moment jedoch war jede Einzelheit überdeutlich: eine Ölpfütze auf dem Pflaster neben Owen; das Spiegelbild von Bäumen, das über die Windschutzscheibe eines Chevy Malibu schwamm, der hinter ihm ausparkte; die unschuldigen Geräusche von Kindern, die in dem kleinen Park neben dem Gerichtsgebäude spielten. Das waren die letzten Wegweiser der bekannten Welt, bevor diese sich um ihre eigene Achse drehte und Alice ins Leere stürzen ließ.

Es wurde Alice nicht bewusst, dass ihr Fuß das Gaspedal durchtrat; es war, als würde das Auto von einer unkontrollierbaren Kraft angetrieben. Dann gab es nur noch das entsetzte Gesicht des Mörders ihres Sohnes, als sie auf ihn zuschoss, und Jeremys schrillen Aufschrei.

1. Kapitel

HEUTE

Der Hund wartete an der Anlegestelle, als die Fähre ankam. Er war schwarz, hatte weiße Pfoten und einen weißen Brustlatz. Colin dachte unwillkürlich an einen englischen Butler im Stresemann, der bereitstand, um die Gäste zu begrüßen, die zur Moorhuhnjagd im Herrenhaus des Lords eintrafen. Er sah aus wie ein Border-Collie, eine Rasse, die man häufiger auf Schaffarmen als in der Wildnis des pazifischen Nordwestens antraf. Dennoch schien er sich vollkommen heimisch zu fühlen, wie er dort im späten Nachmittagslicht saß, das schräg auf den sonnengebleichten Asphalt fiel.

»Der Hund des alten McGinty«, sagte der Mann neben Colin ungefragt.

Colin drehte sich zu ihm um. Der Mann war selbst nicht mehr jung und hatte wässrige Augen und dünnes weißes Haar, das in der steifen Brise wehte. »Der Künstler McGinty?«, erkundigte er sich.

Der Mann nickte traurig. »Traurig, dass er gestorben ist. Es kam überall in den Nachrichten. Hier in der Gegend kannten wir ihn einfach als den alten McGinty. Ihn und seinen Hund, man sah nie einen ohne den anderen.« Er schüttelte den Kopf und betrachtete den Collie. »Armer Kerl. Jeden Tag, egal ob es regnet oder die Sonne scheint, kommt er hierher, um die Vier-vierzig aus Anacortes abzupassen.« Colin musste verwirrt ausgesehen haben, denn er erklärte: »Der alte Mann fuhr etwa einmal im Monat zum Festland rüber, und er ist immer mit der gleichen Fähre zurückgekommen. Nur dieses letzte Mal nicht. Als er nicht auftauchte, wussten wir, dass ihm etwas zugestoßen sein musste. Denn nichts hätte ihn von diesem Hund fern halten können, nicht, so lange er noch atmen konnte.«

Armer Dickie, murmelte Colin beinahe laut, bevor ihm klar wurde, dass es nicht derselbe Hund sein konnte, an den er sich aus seiner Kindheit erinnerte. Außerdem hätte es das Interesse seines Mitpassagiers geweckt, und Colin erkannte ein Klatschmaul, wenn er eines sah. Er war noch nicht so weit, dass die ganze Insel wissen sollte, was er hier wollte. Wenn die Leute sich überhaupt an ihn erinnerten, dann als den Jungen, der jeden Sommer seinen Großvater besucht hatte. Sie würden in dem hochgewachsenen Mann mit dem ernsten Gesicht, dessen dunkles Haar vorzeitig mit Grau gesprenkelt war, nicht den lebhaften, leichtfüßigen Jungen erkennen, außer vielleicht an der schwachen Ähnlichkeit mit seinem Großvater – hauptsächlich um die Augen und den Mund herum. Dort zeigte sich dieselbe Traurigkeit wie bei dem Mann, den sie als den alten McGinty gekannt hatten. »Wer kümmert sich denn jetzt um ihn?«

»Der Nachbar die Straße hoch hat ihn aufgenommen.« Der alte Mann sah stolz aus, als wollte er sagen: Hier in der Gegend kümmern wir uns umeinander. »Aber ein Tier zu füttern und es zu umsorgen, ist nicht dasselbe. Der da braucht einen Menschen, zu dem er gehört.« Er zeigte mit einem Finger, der wie ein krummer Zweig aussah, auf den Border-Collie, der jetzt aufstand und in Erwartung der Ankunft seines Herrchens die Ohren spitzte und die Nase hob.

Der Mann verabschiedete sich und schloss sich dem Strom der Passagiere an, die zur Ausstiegsrampe gingen, aber Colin nickte nur gedankenverloren als Antwort. Er blieb auf dem Oberdeck, denn er hatte keine besondere Eile auszusteigen, während der Menschenstrom sich zu einem Tröpfeln von Nachzüglern verringerte. Die Kühle des Herbstes lag in der Luft, aber es waren die Erinnerungen an die Sommer, die seinen Geist beschäftigten, als er sich an die Reling lehnte und zur Küste schaute, während der scharfe Wind zum Sund hin wehte und an dem hochgeschlagenen Kragen seiner Jacke zerrte.

Seit seinem letzten Besuch waren mehr als zehn Jahre vergangen, aber es hatte sich anscheinend nicht viel verändert. Bell Harbor sah noch genauso wie in seiner Erinnerung aus, mit seinem Ansichtskarten-Hafen und den malerischen, jahrhundertealten Gebäuden, die das Ufer säumten – Geschäfte und Restaurants, wie der »Rostige Anker« mit seinem Namensvetter vor der Tür, wohin sein Großvater ihn immer sonntags zu Fish and Chips mitgenommen hatte; und der Souvenirladen voller Gegenstände, die einen Jungen faszinierten. Weiter oben, auf dem Hügel, machten die Gewerbebauten Häusern und Farmen Platz, dann folgten unbesiedelte Gebiete mit immergrünem Bewuchs, während die Insel zu ihrem höchsten Punkt anstieg, dem Mount Independence. Schon jetzt, Mitte Oktober, war seine Spitze mit Puderzucker aus Schnee bedeckt. Das erinnerte ihn an eine Gelegenheit, als sein Großvater ihn mit seinem alten Jeep zum Gipfel gefahren hatte, in dem Jahr, als Colin ihn zur Weihnachtszeit besucht hatte. Der Stadtjunge hatte die unberührten weißen Flächen wunderbar gefunden, da er sonst an Schneepflüge und schmutzigen Schneematsch in Klumpen am Straßenrand gewöhnt war.

»Ich bin oft mit deinem Dad hier oben gewesen«, hatte William bemerkt. »Hat er dir mal davon erzählt?«

»Er spricht nicht viel über die Zeit.« Colin hatte das Unangenehme dieses Augenblicks deutlich gefühlt. Zu der Zeit war er vierzehn gewesen, und seine Stimme klang aufgrund der Veränderungen in seinem Körper leicht schrill. Er war scheinbar über Nacht dreißig Zentimeter in die Höhe geschossen.

»Das habe ich mir schon gedacht.« William hatte mit einem traurigen resignierten Ausdruck auf dem Gesicht in die Ferne geschaut. Nur das Knirschen des Schnees unter ihren Stiefeln und das Schwingen von Flügeln waren zu hören, als ein Kardinalvogel von den Ästen einer Hemlocktanne in der Nähe davonflog.

Sein Großvater neigte dazu, lange vor sich hin zu schweigen; diese Schweigephasen gehörten zu ihm wie sein weißer Haarschopf und die alte Beinverletzung, infolge der er gehinkt hatte. Trotzdem fühlten sie sich dabei nur selten unbehaglich, selbst wenn Colin unterschwelliges Leid spürte; es war wie das Geräusch des Windes in dem Bäumen auf dem kalten Berggipfel, gleichzeitig einsam und friedvoll.

Während die Jahre verrannen, blieben Colins Erinnerungen an jene Sommer seiner Kindheit und Jugend schärfer als die an jüngere Ereignisse. Er stellte sich seinen Großvater über seine Staffelei gebeugt vor, Dickie schlafend zu seinen Füßen zusammengerollt, und er sah den Jungen, der er selbst gewesen war, mit seinem Fernglas zur Bucht hinunterrennen, wenn ein Wal gesichtet worden war. Ein anderer Junge hätte vielleicht Heimweh gehabt oder wäre einsam gewesen und hätte sich die Gesellschaft anderer Kinder seines Alters gewünscht, aber für Colin waren jene Sommer eine willkommene Abwechslung gewesen. Er hatte eine Art von Freiheit erlebt, der er vorher oder nachher nie wieder begegnet war. Wenn sein Großvater sich für viele Stunden in seinem Studio verkroch und Colin sich selbst überlassen blieb, dann war dies genau das, was ein Junge gebraucht hatte, der der Enge eines Reihenhauses in Queens entkommen war, wo die freie Natur aus einer verkümmerten Grasfläche hinter dem Haus bestand. Grays Island mit all seinen Ecken und Winkeln, die es zu erkunden galt, hatte wie ein Zauberteppich vor seinen Füßen gelegen, und an jenen endlosen Sommertagen war er nur selten im Haus gewesen.

Aber das war vorher gewesen. Bevor die Welt, in diesem Fall in ziemlich wörtlichem Sinne, um ihn herum zusammengebrochen war.

Colins Geist schloss sich wie eine Faust um den Gedanken, und die Kühle der Luft drang in seine Knochen vor. Die Hoffnung, dass er der jüngeren Vergangenheit entfliehen konnte, indem er herkam, schien ihm mit einem Mal albern zu sein. Nirgendwo wäre es weit genug weg von der nächsten Flasche, in der er seinen Kummer ertränken konnte.

Ein letzter Aufruf über den Lautsprecher riss ihn aus seinen Gedanken, und er kehrte ins Innere der Fähre zurück und ging die Treppen hinunter. Er war unter den letzten Fahrgästen, die ausstiegen, und als er den Steg betrat, der parallel zur Laderampe verlief, wurde sein Blick von der Frau direkt vor ihm angezogen. Schlank, dunkelhaarig, etwa in seinem Alter – Ende dreißig – und so tief in Gedanken versunken, während sie ihren Trolley hinter sich herzog, dass sie ihre Umgebung anscheinend kaum wahrnahm. Sie kam ihm bekannt vor, aber er konnte sie nicht einordnen. Jemand, den er auf der Insel kennengelernt hatte? Oder vielleicht erinnerte sie ihn auch nur an jemanden, den er kannte. Zurzeit rief jede Frau, die auch nur eine vage Ähnlichkeit mit Nadine hatte, ein schmerzhaftes Wiedererkennen und Sehnsucht in ihm hervor.

Der Gedanke, der zuvor schon gedroht hatte hochzukommen – der Teil seiner Vergangenheit, den er am liebsten sofort vergessen hätte –, bahnte sich so unvermittelt einen Weg in sein Bewusstsein, dass Colin stehen bleiben musste, um durchzuatmen, weil er nicht nur aufgrund der schwankenden Bewegung des Stegs ins Taumeln geriet. Ein tiefer Schrecken ergriff Besitz von ihm. Was, wenn er entdecken müsste, dass er den langen Weg nur gereist war, um festzustellen, dass er seinen Dämonen nicht entkommen konnte?

Als er die Frau schließlich einholte, schien auch sie sich gegen eine unsichtbare Macht zu wappnen. Sie stand an der Anlegestelle und suchte mit ihrem Blick den Wartebereich für die Passagiere ab; sie trug den besorgten, äußerst aufmerksamen Gesichtsausdruck von jemandem, der sich nicht ganz sicher ist, wie er sich verhalten soll. Ihr bodenlanger Wollmantel, der möglicherweise aus einem Secondhand-Laden stammte, und der billige Koffer aus Kunstleder passten nicht zu ihrem kultivierten, wenn auch etwas mitgenommenen Erscheinungsbild. Für das Auge eines Anwalts, der geschult war, derartige aufschlussreiche Details zu konstatieren, erweckte sie den Eindruck, aus einer privilegierten Schicht zu stammen, jedoch harte Zeiten erlebt zu haben.

Er blieb neben ihr stehen und erkundigte sich freundlich: »Ihr erster Besuch auf der Insel?« Normalerweise hatte Colin nicht die Angewohnheit, Fremde anzusprechen, aber etwas an ihr zog ihn an. Obwohl sie ihr hellbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden hatte und außer einem Hauch Lippenstift nicht geschminkt war, konnte er erkennen, dass sie einmal sehr hübsch gewesen war. Sie war es immer noch auf eine nüchterne Art und Weise, als wäre sie nur schwierigen Umständen ausgesetzt gewesen, wie ein Berggipfel den Elementen. Ihre weit auseinanderstehenden Augen, deren unbestimmte Farbe von Grün zu Grau changierte, waren von einer tiefen Traurigkeit überschattet, und ihre zarten Gesichtszüge passten nicht zu dem entschlossenen Gesichtsausdruck – nicht den großen Ehrgeizes, sondern der Ausdruck einer Frau, die in sich gehen muss, um Mut zu fassen, den nächsten Schritt zu tun.

Sie warf ihm einen erstaunten, beinahe erschrockenen Blick zu, dann glätteten sich ihre Gesichtszüge. »Nein. Es ist nur eine Weile her. Ich komme nicht darüber hinweg, wie wenig sich alles verändert hat«, erwiderte sie mit einer Handbewegung. Ihr Ton klang wie der eines Menschen, dessen eigenes Leben sich so drastisch verändert hat, dass es kaum möglich zu sein schien, dass die Zeit hier auf der Insel mehr oder weniger stillgestanden hatte.

Das war etwas, das er nur zu gut verstand. Ihr Gesicht hätte eines jener Gesichter sein können, in die er in zahllosen Treffen der Anonymen Alkoholiker geblickt hatte, für die Verzweiflung zu einer Lebensform geworden war und für die die Anstrengung, alltägliche Verrichtungen durchzuführen, fast mehr war, als sie bewältigen konnten. Trotzdem machten sie irgendwie weiter, genau wie er, einen Tag nach dem anderen, einen Schritt nach dem anderen.

»Ich bin als Kind immer hergekommen«, bemerkte er. »Für mich ist es auch eine Weile her.«

Sie warf einen Blick zum Himmel, wo eine dicke graue Wolkendecke herangezogen war, die Regen zu bringen drohte. »Nicht gerade Touristensaison.«

Wie aufs Stichwort ließ ein plötzlicher kalter Windstoß eine locker befestigte Plane in der Nähe flattern. Die Frau schlug ihren Kragen hoch und hielt ihn am Hals zusammen, während sie sich zitternd in ihren Mantel kuschelte. »Genau genommen bin ich geschäftlich hier. Familiengeschäfte.«

»Dann sind wir schon zu zweit.« Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das ihre Augen aber nicht erreichte. Offensichtlich hatte sie in letzter Zeit nicht viel Übung darin gehabt.

»Colin McGinty.« Er streckte die Hand aus.

Sie zögerte, bevor sie sie ergriff. »Alice«, sagte sie und nannte ihren Nachnamen nicht. Ihre Hand, schmal und langfingrig, hätte elegant wirken können, wie die einer Pianistin oder einer Ballerina, wäre sie nicht auf eine Art und Weise rau gewesen, die von harter körperlicher Arbeit zeugte.

»Werden Sie abgeholt?« Wenn sie Verwandte auf der Insel hat, dann ist das mehr als wahrscheinlich, dachte er.

»Nein«, sagte sie einfach, ohne eine Erklärung zu liefern.

»Ich würde Ihnen ja eine Mitfahrgelegenheit anbieten, aber mein Abholer scheint noch nicht hier zu sein«, meinte Colin und suchte unter den Autos am Straßenrand nach dem weißen Chevy Suburban, nach dem er gemäß Clark Findlay, dem Anwalt seines Großvaters, Ausschau halten sollte.

»Danke jedenfalls, aber ich habe es nicht weit.« Nach einem Moment, in dem sie seine Anwesenheit anscheinend vergessen hatte, straffte sie die Schultern und kippte ihren Koffer auf die Räder. »Nun, ich muss jetzt weiter. Schön, Sie kennengelernt zu haben! Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.«

Als er ihr nachsah, machte er sich weiter Gedanken über sie. War sie irgendwo im Leben den falschen Weg gegangen? Hatte sie sich mit dem falschen Mann eingelassen? Oder war ihr etwas zugestoßen, so wie ihm? Bevor Colin weiter darüber nachgrübeln konnte, bog sie um die Ecke und war nicht mehr zu sehen.

Er setzte seinen Rucksack auf. In dem Moment bemerkte er den Border-Collie, den er zuvor gesehen hatte. Er stand ein paar Meter entfernt und hielt den Blick seiner intelligenten braunen Augen mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis auf ihn gerichtet. Colin hockte sich hin und streckte eine Hand aus. »Hier, Junge. Es ist okay. Ich beiße nicht.«

Der Collie – ein Rüde, wie er sah – schob sich näher. Obwohl er aussah, als würde man sich gut um ihn kümmern, war er auf eine Art und Weise scheu, wie man sie bei Haustieren antraf, die sich selbst überlassen waren. Es dauerte eine gute Minute, bis er nahe genug gekrochen war, um vorsichtig an der Hand zu schnüffeln. »Guter Hund«, murmelte Colin aufmunternd. »Siehst du? Es gibt nichts, wovor du Angst haben musst.« Er tätschelte Dickie den Kopf – er konnte nicht aufhören, Dickie in ihm zu sehen–, der schwarz war bis auf die weichen geknickten Spitzen seiner Ohren und die weißen Stellen um die Augen und zu beiden Seiten der Schnauze. Der Hund ließ es zu, aber es war klar, dass er es nur aus Höflichkeit tolerierte. Entweder das, oder er glaubte, Colin könnte vielleicht etwas über den Verbleib seines Herrchens wissen. Als klar wurde, dass Colin in dieser Hinsicht keine große Hilfe sein würde, zog er sich zurück und hockte sich hin, um Colin beinahe vorwurfsvoll zu betrachten.

Colin stand auf. »Ich würde dich ja mitnehmen, aber vermutlich kennst du den Weg.« Der Hund legte den Kopf schief und fixierte Colin, als würde er ihn verstehen. Wie lange würde er wohl noch auf sein totes Herrchen warten? Der Gedanke beschäftigte Colin. Aber war es besser zu wissen, dass es keine Hoffnung mehr gab? Wenn er von Nadine träumte, Nadine mit ihrem Lächeln, das so breit war wie die Welt, in der sie gelebt hatte – eine Welt, in der jeder eine gute Seite hatte und jede schlechte Sache auch Grauschattierungen besaß –, wachte er unweigerlich mit einem bohrenden Verlustgefühl auf, weil er wusste, dass dies alles war, was er von nun an von ihr haben würde: Erinnerungen.

Als mehrere Minuten vergangen waren, ohne dass Findlays Geländewagen zu sehen war, fischte Colin den Zettel mit der Nummer des Anwalts aus der Tasche. Aber sein Handy fand kein Netz, und als er ein Münztelefon suchte, war keines zu finden. Der Mangel an modernen Errungenschaften auf Grays Island schien eine Art Verschwörung zu sein, eine sanfte Ermahnung, es langsamer angehen zu lassen, es nicht so eilig zu haben. Hier bewegten sich die Leute in ihrem eigenen Tempo, nicht nach Zeitplan, und wenn man jemanden telefonisch nicht erreichen konnte, würde man ihm oder ihr irgendwann später begegnen.

Der Anwalt seines Großvaters bildete da keine Ausnahme. Augenblicke später hielt ein mit Matsch bedeckter Suburban, der einmal weiß gewesen sein mochte, am Straßenrand. Der Fahrer, ein Mann mit einer Fischermütze, der einem Anwalt sehr unähnlich sah, steckte den Kopf zum Fenster heraus. »Sie müssen Colin sein«, sagte er grinsend. »Steigen Sie ein.«

Colin kletterte auf den Beifahrersitz. »Danke, dass Sie mich abholen.« Er streckte die Hand aus, die mit einem festen, trockenen Griff geschüttelt wurde. Clark Findlay sah aus, als wäre er Ende vierzig, Anfang fünfzig, hoch aufgeschossen wie eine Spätsommerpflanze, und sein Gesicht war mit Sommersprossen übersät.

»Kein Problem. Tut mir leid, dass ich so spät komme.« Der Anwalt sagte das so beiläufig, als wäre es die Regel. »Ich bin im Büro aufgehalten worden. Mrs. Brunelli. Ihr Mann Frank ist vor ein paar Monaten gestorben. Sie ist einsam und unterhält sich gern. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, sie zu unterbrechen. Wie war die Reise?«

»Lang«, antwortete Colin mit einem müden Lächeln. Der Flug von JFK in New York hatte Verspätung gehabt, sodass er in Seattle hatte übernachten müssen, und dann war die vierstündige Fahrt mit der Fähre gefolgt.

»Ist das Ihr ganzes Gepäck?« Findlay deutete mit dem Daumen auf Colins Rucksack.

»Ich reise mit wenig Gepäck«, sagte er.

»Kluger Mann. Sie werden ohnehin nicht viel brauchen. Ein paar Sachen zum Wechseln, eine warme Jacke, Stiefel, das war’s schon.« Als müsste man Colin an die Kleidervorschriften auf der Insel erinnern, oder an die Tatsache, dass es keine gab. »Natürlich hängt es davon ab, wie lange Sie zu bleiben beabsichtigen.« Findlay warf ihm einen neugierigen Blick zu, als er sich wieder in den fließenden Verkehr einfädelte.

Colin gab keine Antwort. Er wusste genauso wenig wie Findlay, wie seine Pläne aussahen.

Sie verließen den Ort Bell Harbor und begannen, Crestview zu erklimmen. Auf der Kuppe stand das Herrenhaus im Queen-Anne-Stil, das einst das Heim des Schifffahrtunternehmers Henry White gewesen und inzwischen in eine Frühstückspension umgewandelt worden war. So oft es auch im Laufe der Jahre den Eigentümer gewechselt hatte, für die Einheimischen würde es immer das White-Haus bleiben, ein Gebäude, dessen Platz am örtlichen Firmament so fest verankert war wie die Legenden, die sich um seine ursprünglichen Besitzer rankten, insbesondere um Henrys Sohn Lowell. Als Colin jetzt die erleuchteten Fenster und die mit Lichterketten geschmückte Lebkuchenhausfassade des Gebäudes sah, die einen einladenden Lichtschein in die heraufziehende Dämmerung warfen, fragte er sich kurz, ob er nicht besser daran getan hätte, sich dort ein Zimmer zu nehmen, statt in dem kalten, verlassenen Cottage zu wohnen, in dem die Gegenwart seines Großvater so deutlich zu spüren sein würde.

Findlay bog oben auf dem Hügel links ab und fuhr in die Richtung von Ship’s Bay. »Ich habe Edna hingeschickt, damit sie das Häuschen gründlich sauber macht. Es ist alles in allem in einem ziemlich guten Zustand. Der letzte Sturm hat ein paar Schäden angerichtet – am Dach und an einigen Bäumen –, aber Orin hat sich darum gekümmert.« Orin Rayburn und seine Frau Edna hatten, wie Colin sich erinnerte, für seinen Großvater gearbeitet. »Dabei fällt mir ein, er möchte wissen, ob Sie planen, ihn weiterhin zu beschäftigen, wenn alles geregelt ist.« Findlay bezog sich auf die Tatsache, dass der Zeitraum für die Testamentsvollstreckung beinahe abgelaufen war. »Sie haben nicht gesagt, ob Sie das Haus verkaufen wollen oder nicht.«

»Ich habe mich noch nicht entschieden«, erwiderte Colin.

»Was immer es auch wert sein mag, die Grundstückspreise sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Fünfzehn Morgen erstklassiges Land direkt an der Küste könnten einem Mann für den Rest seines Lebens sein Auskommen bieten«, fuhr der Anwalt fort.

Oder sein Leben retten, dachte Colin schweigend.

Dieser Gedanke war ihm durch den Kopf gegangen, seit er von seiner Erbschaft erfahren hatte. Der Großteil des Vermögens war an seinen Vater gefallen, auch wenn Daniel nicht einmal die Beerdigung besucht hatte. (Colin übrigens auch nicht, aber das war eine ganz andere Geschichte.) Das Haus und das Land, auf dem es stand, waren Colin hinterlassen worden, und sein Bruder Patrick hatte ebenfalls einen kleinen Erbteil bekommen. Colin konnte damit tun und lassen, was er wollte, wenn er auch vermutete, dass der Grund, warum ihm der alte Mann Haus und Land hinterlassen hatte, war, dass er von allen Familienmitgliedern am meisten davon profitieren würde – auf eine Art und Weise, die wenig mit finanziellem Gewinn zu tun hatte.

Auch wenn Colin sich in den letzten Jahren sehr zurückgezogen hatte, nicht nur von William, sondern von der ganzen Welt, weil er sich in den Korridoren seiner Verzweiflung so sehr verloren hatte, dass er sogar sich selbst fremd geworden war, so schien sein Großvater doch gewusst zu haben, was Colin brauchte. So, wie William vor vielen Jahren Verständnis gezeigt hatte, als Colin aufgehört hatte, ihn regelmäßig zu besuchen, weil sein Leben sich zu der Zeit nur um das College und Mädchen und die ichbezogenen Belange junger Männer gedreht hatte. Nicht einmal hatte William seinem Enkel das Gefühl gegeben, deswegen ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Stattdessen hatte er Colin ermuntert, in die Welt hinauszuziehen und sich selbst zu finden. Als Colin seinen Abschluss in Haverfort gemacht hatte, war Williams Geschenk für ihn eine Reise nach Griechenland gewesen. In seinem Brief hatte er geschrieben: Du bist nur einmal jung. Genieße es, so lange du kannst. Fast so, als hätte sein Großvater über den sechsten Sinn verfügt und geahnt, was kommen würde.

»Ich habe nicht an das Geld gedacht«, antwortete Colin jetzt. Obwohl er es, ehrlich gesagt, brauchen könnte. Er hatte seit mehr als fünf Jahren keine feste Stelle mehr gehabt. Der einst aufgehende Stern im Büro der Staatsanwaltschaft in Manhattan, der Spitzenkandidat auf den höchsten Posten, wenn sein Chef in den Ruhestand gehen würde, besaß im Moment noch genau dreihundert Dollar. Zweihundertfünfzig, korrigierte er sich, indem er den Betrag abzog, den er von seinem Girokonto abgehoben hatte, um die Überfahrt mit der Fähre und die Hotelübernachtung zu bezahlen.

Jedenfalls machte es keinen Sinn, seine Zukunft zu diskutieren, wenn er zurzeit zu kaum mehr in der Lage war, als einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er starrte auf die dämmrige Landschaft, die vorbeizog. Häuser und Scheunen und Weideland hatten dem tiefen, unergründlichen Grün der Hemlocktannenwälder Platz gemacht, in denen die blassen Stämme von Erlen geisterähnlich aufleuchteten und gelegentlich der Spiegel eines Rehs aufblitzte. Sie bogen um eine Kurve und sahen sich plötzlich dem Kiesstrand gegenüber, der sich um die Bucht zog. Die letzten feurigen Strahlen der untergehenden Sonne brachen durch die Wolken und warfen eine schimmernde Lichtbahn auf das Wasser. Wäre das hier ein Kinofilm, dachte Colin, würde ich das als billigen Effekt abtun. Doch jetzt trieb ihm dieses Bild die Tränen in die Augen. Er hatte vergessen, wie schön es war.

Nach wenigen Minuten bogen sie in den Feldweg ein, der den steilen bewaldeten Hang hinaufführte, bevor dieser sich zu der Lichtung senkte, in deren Mitte das Haus seines Großvaters stand und auf die Bucht hinunterblickte. Nachdem der Wagen gehalten hatte, stieg Colin aus und verharrte einen langen Moment, um alles in sich aufzunehmen. Das schindelgedeckte rustikale Cottage mit der Veranda, deren kantige Pfosten von Glyzinien umrankt waren, die schöne Eichenholztür mit der aufwendigen Verglasung, das alles sah genau so aus, wie er es in Erinnerung hatte, wenn auch ein bisschen verwitterter. Ein Stück zurück lagen das Atelier, in dem sein Großvater so viele Stunden an seiner Staffelei verbracht hatte, und die Hochbeete. Sie waren eingezäunt, um die Rehe fernzuhalten und lagen dort, wo einst der Küchengarten gegrünt und geblüht hatte. Sein Großvater hatte es genossen, im Garten zu arbeiten, wenn er nicht gemalt hatte, wie Colin sich erinnerte. Er lächelte, als er daran dachte, was William ihm einmal gesagt hatte: Der einfachste Weg, Resultate zu erzielen, sei es, Samen auszusäen. Das konnte man auch als Hinweis verstehen, dass das Beste im Leben oft die einfachen Dinge waren.

Hinter den Beeten wand sich ein Pfad durch vom Wind flach gedrücktes Gras und Gestrüpp den Hügel hinunter zur Bucht. Sie war von allen Seiten von großen Felsen umgeben und nur von hier aus oder mit dem Boot zugänglich. Die einzigen Lebewesen, die den mit Treibholz übersäten Strand bevölkerten, waren die Seevögel, die um diese Zeit das Futter für ihre Abendmahlzeit suchten.

Colin zeigte auf die glitzernde Fläche, wo die Flut sich zurückgezogen hatte. »Als ich Kind war, hat ein Mann dort Austern gezüchtet«, meinte er. Sein Großvater hatte das Land gegen einen kleinen Anteil von jedem Fang verpachtet.

Diese Erinnerung rief ein anderes Bild so klar in ihm wach, dass er fast glaubte, Mr. Deets dort am Strand hocken zu sehen, wie er eine noch vom Meerwasser tropfende Auster öffnete, damit Colin sie probieren konnte. Er hatte sie mehr aus Angeberei gegessen, weil er geglaubt hatte, er könnte damit Patrick gegenüber prahlen, wenn er nach Hause zurückkehrte. Doch als er ihren Geschmack auf seiner Zunge gespürt hatte, war er angenehm überrascht gewesen. Er ähnelte nichts anderem, was er je probiert hatte; die Auster schmeckte wie das Wesen des Meeres selbst.

»Das wird Frank Deets gewesen sein«, entgegnete Findlay. »Er ist vor ein paar Jahren gestorben. An Lungenkrebs.« Er tippte sich auf die Brust. »Ich habe mich für seine Nichte um den Nachlass gekümmert.«

»Das tut mir leid«, sagte Colin. Bei den wenigen Malen, die sie in den letzten Jahren miteinander telefoniert hatten, hatte sein Großvater es nicht erwähnt, und jetzt empfand Colin ein echtes Verlustgefühl. Mr. Deets war ein exzentrischer alter Bursche gewesen, aber Colin hatte ihn gemocht.

Er betrachtete nachdenklich die Aussicht, während alles in der Dunkelheit versank, bis Findlay schließlich anregte: »Möchten Sie sich das Haus ansehen?« Als würde Colin sich hier nicht auskennen.

Was er wollte, war, allein gelassen zu werden, doch er wollte nicht unhöflich erscheinen. Also zuckte er die Schultern und ging mit Findlay den Weg zum Haus hinauf.

Das Innere des Hauses war sauber und ordentlich, aber die Atmosphäre strahlte deutlich ein Gefühl des Unbewohnten aus. Während Colin von Zimmer zu Zimmer ging, stellte er betroffen fest, wie still es war; jedes Knarren einer Diele schien überdurchschnittlich laut zu sein. Der Kamin, in dem an kühlen Sommerabenden immer ein Feuer gebrannt hatte, war sorgsam gekehrt; vom Alter vergilbte Zeitungen waren am Kamin aufgestapelt, daneben stand ein Korb mit Anmachholz. Die Küche war ebenfalls kahl, abgesehen von der Hand voll Lebensmitteln, die in Erwartung seiner Ankunft gekauft worden waren.

An einigen Stellen im Haus stachen dort helle Rechtecke an den Wänden hervor, an denen Gemälde gehangen hatten. Das einzige Werk seines Großvaters, das nicht verkauft worden war, war das Porträt über dem Kamin. Die rubinrote Frau war vielleicht das bekannteste Bild seines Großvaters und auch das begehrteste. William hatte es zwar gelegentlich an Museen ausliehen, hatte jedoch alle Kaufangebote abgelehnt, die man ihm im Laufe der Jahre unterbreitet hatte.

Colin konnte verstehen, warum es seinem Großvater so schwer gefallen war, sich davon zu trennen. Die namenlose Frau auf dem Porträt trug ein rotes Kattunkleid. Sie saß auf einem Sofa und hatte die nackten Füße untergeschlagen. Die Frau war auf eine Art und Weise schön, die seine Fantasie als Junge beschäftigt hatte und ihn auch jetzt noch berührte. Ihre nackten Füße verkörperten sowohl Unschuld als auch Sinnlichkeit, das Kleid bedeckte sittsam die Knie; das glänzende kastanienbraune Haar war am Hinterkopf zu losen Locken hochgesteckt worden, einzelne Strähnen fielen ihr in den Nacken. Das Licht, das durch das Fenster hinter ihr hereinfiel, ließ ihre Haut erglühen und machte ihre Augen – tiefgrün und mit goldenen Flecken wie sich verfärbende Blätter – auf eine Art und Weise durchscheinend, die beinahe überirdisch wirkte. Selbst ihr Gesichtsausdruck, nachdenklich, doch mit der Andeutung eines Lächelns auf den Lippen, ließ auf verborgene Tiefen schließen.

Vor langer Zeit einmal hatte Colin seinen Großvater nach der Frau gefragt. Der Blick des alten Mannes hatte sich nach innen gekehrt, und nach einer langen Pause hatte er rätselhaft geantwortet: »Das ist eine lange Geschichte für einen anderen Tag, mein Kind. Warum heben wir sie uns nicht auf, bis du alt genug bist und ich sie dir bei einer Flasche von diesem guten Kognak erzählen kann, den deine Familie mir jedes Jahr zu Weihnachten schickt?«

Leider war dieser Tag nie gekommen.

Er hätte seinen Vater danach gefragt, aber Daniels Stimmung sank immer auf einen Tiefpunkt, wenn die Rede auf seinen alten Herrn kam. Colin hatte früh gelernt, dass er dieses Thema am besten gar nicht anschnitt. Er hatte nie verstanden, warum sein Vater einen derartigen Groll gegen William hegte, er wusste lediglich, dass es etwas mit der Scheidung seiner Großeltern zu tun hatte. Colin war neun gewesen, als er endlich den Großvater kennenlernte, den er bis dahin nur von den Geburtstags- und Weihnachtskarten kannte, die er ihm und Patrick schickte, immer mit einem Zwanzigdollarschein darin. Seine Mom, die der Meinung war, dass Familie Familie war, gleichgültig, was passiert sein mochte, hatte Daniel schließlich überredet, Colin und Patrick für einen einwöchigen Besuch hinfliegen zu lassen. Sein Bruder, der zu der Zeit dreizehn und der Star seines Footballteams gewesen war, hatte sich geweigert. Von da an war es zur Regel geworden, dass Colin jeden Sommer zu immer längeren Besuchen herkam, während Patrick zu Hause blieb und seinen Lieblingsbeschäftigungen nachging: Sport, Mädchen und später Autos.

Als Colin jetzt das Porträt betrachtete, dachte er wieder daran, dass William nie dazu gekommen war, ihm die Geschichte zu erzählen … Und er dachte daran, dass auch er nie dazu gekommen war, seinem Großvater seine Geschichte zu erzählen: Die Geschichte darüber, wie er alles verloren und sein Leben sich in Nichts aufgelöst hatte.

Sein Blick wanderte weiter zu dem Spiegel an der Wand rechts neben dem Kamin, von wo ein düsteres Gesicht ihn anblickte – ein Gesicht, das sich auf den ersten Blick nicht sehr von dem gerahmten Foto seines Collegeabschlusses unterschied, das auf dem Sims stand. Dieselben dunkelblauen Augen und die Römernase, die er von seinem Großvater mütterlicherseits geerbt hatte. Bei näherem Hinsehen erkannte er jedoch die Falten, die vorher nicht da gewesen waren. Sein Lächeln, das einst voller Erwartung gewesen war, wirkte jetzt betrübt. Er wusste, was er zu erwarten hatte: kein Leben voller Verheißungen, sondern eines, in dem das Einzige, was zwischen ihm und dem sprichwörtlichen Abgrund stand, ein Klappstuhl im Aufenthaltsraum einer Kirche oder in einem Veteranenheim war, wo sich andere Leute mit ähnlichen Schwierigkeiten versammelten.

Er drehte sich um und stellte fest, dass Findlay ihn neugierig musterte. In dieser kleinen Gemeinde mussten einige Mutmaßungen über die Rückkehr des Enkels des alten McGinty kursieren. Nicht, dass es Colin interessierte. Es war eine willkommene Abwechslung von dem weniger harmlosen Gerede über ihn, das während seiner Alkoholexzesse im Büro der Staatsanwaltschaft über ihn im Umlauf gewesen war.

»Ich habe mir schon immer Gedanken über sie gemacht«, sagte er und betrachtete wieder das Porträt. »War sie von hier, wissen Sie das?«

Findlay nickte. »Sie hieß Eleanor Styles.«

Colin warf ihm einen kurzen Blick zu. »Sie kannten sie?«

»Ich würde nicht so weit gehen, das zu behaupten. Ich habe sie gesehen, sicher, aber sie ist nicht oft ausgegangen, ihr Mann war sehr krank. Und dann ist sie selbst krank geworden.« Er schüttelte bedauernd den Kopf und hatte denselben Gesichtsausdruck wie schon zuvor, als er über Deets’ Tod gesprochen hatte. »Mein Dad kann sich noch erinnern, wie unvergesslich sie für jeden war – man sagt, sie war das schönste Mädchen der Insel.«

»Sie war in der Tat wunderschön«, stimmte Colin zu.

»Mein Dad hat erzählt, die Hälfte der Männer im County San Juan sei in sie verliebt gewesen«, fuhr Findlay fort. »Niemand konnte es fassen, als sie Joe Styles geheiratet hat. Nicht, dass er kein netter Kerl gewesen wäre, aber er hatte einfach nicht ihre Klasse, wenn Sie verstehen, was ich meine. Dann brach der Krieg aus …« Seine Stimme wurde leiser. »Joe ist zwar wieder nach Hause gekommen, aber er war nicht mehr derselbe. Irgendeine Kopfverletzung. Sicherlich ist es auch für Eleanor nicht leicht gewesen, aber sie blieb bei ihm, bis zum Ende.«

»Wie haben sie und mein Großvater sich kennengelernt?«

»Sie hat Hunde gezüchtet, um etwas dazuzuverdienen. Border-Collies. Ihr Opa hat einen Welpen gekauft. Ich vermute, dass sie sich danach angefreundet haben.« Das blasse sommersprossige Gesicht des Anwalts wurde rot. »Nicht, dass ich damit andeuten will, dass etwas zwischen ihnen war«, beeilte er sich hinzuzufügen. »Es war nur … Sie wissen schon … der Krieg. Und die Leute haben in jenen Tagen sehr darauf geachtet, was der Nachbar tut.«

Wegen der Art und Weise, wie Findlay erzählte, als hätten sich diese Geschehnisse erst gestern ereignet und nicht vor langer Zeit, erwartete Colin fast, jeden Moment den jungen und lebenssprühenden William ins Zimmer schlendern zu sehen, Dickie auf den Fersen. Aber natürlich wäre es damals nicht Dickie gewesen. Im Laufe der Jahre hatte es eine ganze Reihe von Hunden gegeben, alle Border-Collies. Jeder von ihnen hatte ein reifes Alter erreicht und war hinter dem Holzschuppen begraben worden.

Colin wandte sich wieder an Findlay. »Ich würde Ihnen ja gern etwas zu trinken anbieten, aber ich weiß nicht, was da ist.« Er betrachtete den Vitrinenschrank aus Kirschbaumholz, in dem William, der selbst kaum Alkohol getrunken hatte, einen kleinen Vorrat an hochprozentigen Getränken für Besucher aufbewahrt hatte.

Wie er gehofft hatte, griff der Anwalt das Angebot als Stichwort zum Aufbruch auf. »Danke, aber ich muss los. Meine Frau wird bald das Abendessen auf dem Tisch haben, und wenn ich es kalt werden lasse, gerate ich in Erklärungsnot. Sie wissen ja, wie sie sind.« Findlay zwinkerte ihm zu, Ehemänner unter sich, bevor er sich erinnerte, dass Colin Witwer war und sein kumpelhafter Gesichtsausdruck Verlegenheit Platz machte.

Colin fühlte sich schutzlos, als seine ganze traurige Geschichte offengelegt wurde. Natürlich wussten alle Bescheid. In den Tagen voller Entsetzen nach dem 11. September hatten die Leute über nichts anderes gesprochen als darüber, wer aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis von der Tragödie betroffen war – der Freund eines Freundes, der Cousin eines ehemaligen Mitbewohners aus dem College, der Onkel eines früheren Mitarbeiters. Auf Grays Island hatten die Leute sich sicher darauf gestürzt und die Geschichte brandheiß weitererzählt. Du kennst doch den alten McGinty? Schrecklich, das mit seinem Enkel, nicht wahr? Er hat seine Frau verloren. Es heißt, sie war in dem ersten Turm, als er getroffen wurde. Sie hatte nicht mal Zeit zu beten.

Der alte Schmerz erwachte wieder zum Leben, doch Colin setzte ein Lächeln auf und sagte, als er Findlay zur Tür begleitete: »Nochmals vielen Dank, dass Sie mich abgeholt haben. Ich weiß Ihre Hilfe wirklich sehr zu schätzen.«

»Gern geschehen.« An der Tür übergab Findlay ihm die Schlüssel für den alten Volvo seines Großvaters. »Ihr Großvater hat ihn in den letzten Jahren meistens in der Garage stehen lassen, weil seine Augen ziemlich nachgelassen hatten. Aber der Wagen ist noch gut beieinander, und ich habe Orin gebeten, ihn zu tanken. Wenn Sie sonst etwas brauchen, melden Sie sich einfach. Ich habe diese Papiere für Sie zum Unterschreiben vorbereitet, wenn Sie im Laufe der Woche bei mir vorbeikommen wollen.«

Nachdem er gegangen war, seufzte Colin erleichtert auf. Natürlich war er Findlay dankbar, aber das Bedürfnis, allein zu sein, war so hartnäckig wie ein Hund, der an der Tür jaulte, um rausgelassen zu werden. Was ihn an etwas erinnerte … Ob der Border-Collie von der Anlegestelle wohl den Weg nach Hause geschafft hatte? Es war ein langer Marsch, und bei hereinbrechender Dunkelheit musste er unbeleuchtete Straßen entlanglaufen, wo die Gefahr groß war, von einem vorbeifahrenden Auto erwischt zu werden. Aber Colin hatte im Moment dringlichere Probleme als die Sorge um einen Hund, der anscheinend besser als er gerüstet war, für sich selbst zu sorgen. Was sollte er beispielsweise mit sich anfangen, nachdem er nun tatsächlich hier war? Bis zu diesem Augenblick hatte Colin es nicht gewagt, so weit vorauszudenken.

Nun, es gab eine Sache, die er tun konnte. Es würde nicht alles klären, aber es wäre ein Anfang. Er zog das Telefonbuch aus der Schublade des alten Schrankes, in dem die Stereoanlage untergebracht war und auf dem das Telefon stand. Es war eine Weile her, seit er zuletzt ein derart dünnes Telefonbuch gesehen hatte – es würden nicht einmal alle »A’s« aus dem Verzeichnis von Manhattan hineinpassen–, und das erinnerte ihn daran, wie klein die Insel eigentlich war. In den Gelben Seiten, unter der Auflistung der Gesundheitsdienste, fand er, was er suchte, und wählte die Nummer der Anonymen Alkoholiker.

Es gab pro Woche zwei Treffen, jeden Dienstag- und Donnerstagabend um sieben, teilte man ihm mit. Wenn er jetzt losfuhr, konnte er in der Stadt schnell eine Kleinigkeit essen und es trotzdem noch zum heutigen Treffen in der Lutherischen Kirche schaffen. Als er auflegte, ertappte er sich beim Gedanken an die Frau, die er bei seiner Ankunft kennengelernt hatte. Alice. Und plötzlich fiel ihm wieder ein, woher er sie kannte. Es hatte in allen Zeitungen gestanden, und er rechnete im Kopf nach. Ja, die Zeit musste ungefähr stimmen.

Möge Gott ihr beistehen, dachte er und griff nach seiner Jacke. Sie würde eine schwere Zeit vor sich haben. Denn er wäre nicht der Einzige, dessen jede noch so kleinste Bewegung genau beobachtet werden würde.

2. Kapitel

Alice beugte sich über das Waschbecken der Damentoilette bei Svenigan’s und starrte auf den Wasserhahn. Es gab keinen Handhebel. Wie stellte man das Wasser an? In einer der Kabinen lief die Toilettenspülung, eine ältere Frau kam heraus und trat ans Waschbecken. Alice gab vor, ihren Lippenstift aufzufrischen, während sie aus dem Augenwinkel beobachtete, wie die Frau eine Hand unter dem Wasserhahn hin- und herschwenkte und das Wasser daraufhin zu fließen begann. Alice erinnerte sich an die Bewegungssensoren: Sie waren in öffentlichen Toiletten gerade in Mode gekommen, damals, vor ihrer Inhaftierung.

In diesen Tagen fühlte sie sich wie eine Fremde in ihrem eigenen Land, in dem alles schneller lief, als sie es begreifen konnte: Reklamewände warben für unbekannte Markennamen; an Verkaufsständen, an denen vormals freundlich lächelnde Kassierer und Kartenabreißer ihre Arbeit gemacht hatten, standen jetzt Automaten; wenn sie eine Firma anrief, wurde sie von einer Vielzahl elektronischer Ansagen und Anweisungen begrüßt. Die kleinste Sache konnte Alice durcheinanderbringen, selbst etwas derart Simples wie ein Wasserhahn.

Die Frau schien ihr einen neugierigen Blick zuzuwerfen, als versuchte sie, sie einzuordnen. Alice fragte sich, ob sie paranoid war; sie hielt das Gesicht abgewandt, als sie sich die Hände wusch und trocknete. Sie war einen Tag früher gekommen in der Hoffnung, mit Jeremy reden zu können, bevor der Rest der Familie sich auf sie stürzen würde. Ohne dass die anderen dabei waren, würde es weniger kompliziert werden. Insbesondere für Jeremy. Es war schwierig genug, ein Teenager zu sein, und sie wollte am Leben ihres Sohnes teilhaben und keine weitere Komplikation darstellen.

Sechzehn. Er ist sechzehn. Sie bemühte sich, diese unglaubliche Tatsache zu begreifen. Mithilfe der Fotos, die Randy und ihre Schwester geschickt hatten, hatte Alice jeden seiner Geburtstage miterlebt und sein Heranwachsen verfolgt – jeden neuen Wachstumsschub, jedes neue Zeichen des Erwachsenwerdens. Beides war eine Quelle der Verwunderung und des Schmerzes – und hatte etwas Unwirkliches an sich gehabt. Sie konnte nicht aufhören, ihn sich als den kleinen Jungen vorzustellen, der er gewesen war, als wäre die Zeit stehen geblieben wie auf dem Foto, das sie in dem Medaillon um den Hals trug. Sie hatte ihn seitdem nicht mehr gesehen. Randy hatte aufgehört, sie mit ihm zusammen im Gefängnis zu besuchen. Er hatte ihr in einem Brief mitgeteilt, dass es so am besten wäre; Jeremy hätte sich so sehr zurückgezogen, dass er kaum noch sprach, und die Besuche hätten alles nur noch schlimmer gemacht. Sowohl er als auch Dr. Turner, der Psychologe, bei dem Jeremy zu der Zeit in Behandlung war, machten sich Sorgen wegen Jeremys Gemütszustand.

Es hatte Alice beinahe umgebracht, ohne Kontakt zu ihrem Sohn zu sein, aber am Ende hatte sie zugestimmt. Welche Wahl hätte sie gehabt? Jetzt wünschte sie, sie hätte härter gekämpft. Ihr Urteilsvermögen war durch ihre Schuldgefühle getrübt gewesen, und sie hatte nicht erkannt, dass sie es dadurch nur einfacher für Randy gemacht hatte. Randy hatte seine Gründe gehabt, sie nicht sehen zu wollen, Gründe, die bald klar wurden, als ihr die Scheidungspapiere zugestellt wurden. Infolgedessen war sie jetzt gewissermaßen eine Fremde für ihren Sohn. Schlimmer noch, Jeremy hatte anscheinend kein Interesse daran, sie zu treffen. Ihre Briefe waren zum größten Teil nicht beantwortet worden. Wenn er einmal schrieb, waren es nur ein paar oberflächliche Zeilen. Wie geht es dir? Mir geht es gut. Er unterschrieb diese Briefe immer mit: Dein Sohn Jeremy. Als würde sie ihr eigenes Kind nicht kennen. Bei dem Gedanken krampfte sich ihr Magen zusammen, und sie atmete tief ein, um ihre Aufregung vor dem Wiedersehen in den Griff zu bekommen.

Es macht keinen Sinn, etwas ungeschehen machen zu wollen. Genauso gut kann man versuchen, ein Ei in ein Huhn zurückzustopfen, nachdem es bereits gelegt ist, sagte eine schleppende Stimme in ihrem Kopf, die von Calpernia King. Die große schwarze Calpernia, so hart wie der Radschlüssel, mit dem sie ihren Freund, der sie missbraucht hatte, fast zu Tode geprügelt hatte. Sie war so ungefähr der letzte Mensch, den Alice in ihrem alten Leben als ihre Freundin bezeichnet hätte. Doch in den neun Jahren, die sie in Pine River gewesen war, hatte sie Calpernia kennen und schätzen gelernt. Calpernia, die trotz ihrer rauen Worte Alice immer den Rücken gestärkt hatte. Sie wünschte, Calpernia wäre jetzt hier. Sie konnte jede Unterstützung brauchen, die sie bekommen konnte.

Alice ging zum Eingang des Cafés zurück, um den Koffer zu holen, den sie hinter dem Garderobenständer zurückgelassen hatte. Glücklicherweise war Svenigan’s um diese Uhrzeit fast menschenleer. Die Dinnergäste würden erst auftauchen, wenn die Geschäfte in der Innenstadt schlossen und die Gedanken sich Ina Svenigans Fleisch-Lasagne, gefolgt von einem Stück ihrer selbst gemachten Brombeertorte, zuwandten. Die füllige Frau mittleren Alters an der Kasse hielt inne und sah Alice vielleicht einen Herzschlag zu lang an, und Alice konnte nur hoffen, dass die Jahre das Ihre getan hatten, damit man sie nicht sofort wiedererkannte.

Als sie die Harbor Street entlangging und ihren Trolley hinter sich herzog, kehrten ihre Gedanken zu Jeremy zurück. Er müsste inzwischen aus der Schule zurück sein; sie würde ihn anrufen, sobald sie in der Frühstückspension eingecheckt hatte. Der Gedanke daran ließ ihre Schritte schneller werden, als sie den Hügel hinaufging, und ihr Herz schlug in ihrer Brust Purzelbäume wie ein aufgeregtes Kind. Dann fiel ihr sein Job nach der Schule ein – Denise hatte ihr davon geschrieben –, und ihre Aufregung legte sich ein wenig. Der Anruf würde warten müssen.

Der Wind frischte auf und brachte Regen, der gegen ihre rauen Wangen peitschte. Sie hatte ein Zimmer im Harbor Inn gebucht, das im Ort White House genannt wurde – ein kleiner Trotzakt ihrerseits, obwohl es sich seit Jahrzehnten nicht mehr im Besitz der Familie White befand. Es stand oben auf dem Hügel wie eine erleuchtete Signalstation, und sein runder Turm und die Giebel ließen es wie ein Haus aus einem Märchen wirken. Ein Märchen, in dem eine Prinzessin weggezaubert wird und dann in ihr Königreich zurückkehrt, um dort glücklich bis an ihr Lebensende zu leben, dachte Alice und lächelte grimmig.

Es war der Ort, an dem Randy und sie ihre Hochzeitsnacht verbracht hatten – ein Märchen, das am Ende schiefgegangen war. Seit damals hatte sich nicht viel verändert, bemerkte sie, sobald sie das Haus betrat. Ein geräumiger eichengetäfelter Eingangsbereich, der von antiken Messingwandleuchtern erhellt wurde, ging in den Empfangsbereich über, wo sich einst das Wohnzimmer befunden hatte, ein großer gemütlicher Raum mit Gemälden, auf denen Segelschiffe zu sehen waren. Im Kamin brannte ein Holzfeuer, und ein Tablett mit Käse und Crackern stand neben einer Karaffe Rotwein bereit.

An der Rezeption war niemand zu sehen, deshalb läutete Alice mit der Messingglocke. Augenblicke später eilte geschäftig eine lächelnde weißhaarige Frau in einer dunkelgrünen, mit Kürbisgesichtern bestickten Wolljacke durch den Seiteneingang herein. Ihr Lächeln verblasste, sobald Alice ihren Namen nannte.

»Alice Kessler?« Sie sah prüfend in ihr Reservierungsbuch. »Ich fürchte, da ist etwas schiefgelaufen. Wir haben keine Reservierung unter diesem Namen. Sind Sie sicher, dass es nicht ein anderer Gasthof war?« Sogar wenn sie aufblickte, schien ihr Blick Alice auszuweichen.

»Ganz sicher.« Alice machte ein ratloses Gesicht, obwohl sie eine ziemlich gute Vorstellung davon hatte, was hier vor sich ging. Es ist nur die erste von vielen derartigen Zurückweisungen, dachte sie mit sinkendem Mut. »Der Herr, mit dem ich telefoniert habe, sagte, es gäbe jede Menge freie Zimmer«, fuhr sie mit fröhlicher und freundlicher Stimme fort. »Gibt es ein Problem?«

»Ich fürchte ja. Wir sind momentan ausgebucht«, teilte man ihr mit.

»Ich verstehe.« Alice sprach leise, aber auf eine Art und Weise, die ihren Unmut zeigte. Sie hätte darauf vorbereitet sein müssen. Es war eine kleine Gemeinde, und die Leute hatten ein gutes Gedächtnis, und viele von ihnen hatten Verbindungen zur Familie White.

Hitze stieg ihr in die Wangen, als sie mit übertrieben höflicher Stimme sagte: »Wenn dem so ist, dürfte ich dann Ihr Telefon benutzen? Wenn das nicht zu viel verlangt ist.«

Ziemlich ungnädig schob die Frau ihr das Telefon hin. Alice wählte Denises Nummer, die sie auswendig kannte, und betete, dass ihre Schwester zu Hause war. Sonst hätte sie Pech gehabt, denn sie hatte kein Geld für ein Taxi – das wenige Geld, das sie dabei hatte, war in Form von Reiseschecks –, und die nächste Unterkunft war ein gutes Stück entfernt. Ihre Mutter konnte sie auch nicht anrufen; Lucy traf sich donnerstags immer mit ihrer Lesegruppe. Außerdem rechnete Lucy erst morgen mit ihr, und wie sie sie kannte, hatte sie sicher alles Erdenkliche für ihre Heimkehr vorbereitet, was durch Alices verfrühte Ankunft nur verdorben werden würde.

Zum Glück antwortete Denise nach dem dritten Klingeln. »Mein Gott! Warum hast du mir nicht gesagt, dass du früher kommst?«, rügte ihre Schwester sie, klang aber nichtsdestotrotz entzückt, von ihr zu hören.

»Ich habe gehofft, ich würde eine Gelegenheit haben, mit Jeremy zu reden, weißt du, bevor ich allen anderen gegenübertreten muss«, erklärte Alice.

»Nun, dein Timing ist miserabel.« Denise lachte gutmütig, aber frustriert. »Ich habe momentan das ganze Haus voll Neunjähriger – Taylors Pfadfindergruppe, falls du dich über den ganzen Lärm wunderst«, fügte sie hinzu und hob die Stimme, damit man sie über den schrillen Chor im Hintergrund verstehen konnte. »Gary arbeitet noch, und Ryan hat Football-Training, deshalb habe ich niemanden, der auf sie aufpassen könnte. Ich hasse es, dich warten zu lassen, aber …«

Alice versicherte ihr schnell: »Das ist in Ordnung. Komm her, sobald du kannst.« Sie hatte neun Jahre gewartet, also konnte sie auch noch eine weitere halbe Stunde warten.

Es war völlig dunkel und regnete heftig, als Denise in ihrem alten Honda Prelude vor dem Gasthof hielt. Mit einer gelben Regenjacke über dem Kopf eilte sie auf Alice zu und schloss sie in die Arme. Die Umarmung war feucht und roch schwach nach Schokoladenplätzchen, was Alice an all das Warme und Gute erinnerte, das sie vermisst hatte.

»Du bist ja eiskalt!«, rief Denise. »Warum hast du nicht drinnen gewartet?«

»Sagen wir mal, die Temperatur drinnen war auch nicht viel höher.« Alice zitterte in ihrem Mantel, als sie einen Blick über die Schulter auf die hell erleuchteten Fenster des Gasthauses warf.

Ihre Schwester fragte nicht nach, aber Alice hatte das unbehagliche Flackern in ihren Augen nicht übersehen – es war keine normale Heimkehr, das wussten sie beide. »Na ja, obwohl du blau gefroren bist, siehst du trotzdem gut aus!«, bemerkte Denise und fuhr sich verlegen mit der Hand durch ihr ungekämmtes Haar.

»Du meinst, für jemanden, der gerade aus dem Gefängnis kommt«, sagte Alice.

»Sei jetzt still!«, schalt Denise in dem gleichen Ton, den ihre Mutter benutzt hätte. Resolut nahm sie Alices Koffer, zog ihn zum Honda und hob ihn in den Kofferraum, der mit Aufklebern gepflastert war wie: Brave Frauen schreiben selten Geschichte, und Ein Volk, ein Planet, eine Zukunft.

Die Beständigkeit ihrer Schwester war beruhigend in dieser neuen misstönenden Welt, die Alice betreten hatte. Denise war immer noch dasselbe Mädchen, das über jeden zermalmten pelzigen Haufen am Straßenrand geweint hatte und das bei jeder Demonstration mitmarschiert war, nur dass sie jetzt älter und Mutter von zwei Kindern war. Als Denise sie das letzte Mal besucht hatte, hatte es Alice schockiert, dass ihr kleines Schwesterchen vorzeitig grau wurde.

»Erinnerst du dich an den alten VW-Käfer, den du früher hattest?«, fragte Alice, als sie losgefahren waren.

»Mein Gott, ja. Dad hat gedroht, Opa in seine alte Uniform aus dem Zweiten Weltkrieg zu stecken, um mich so zu blamieren, dass ich den Käfer loswerde.« Denise lachte, aber es klang irgendwie gezwungen. Sie beugte sich über das Lenkrad, als würde sie sich den Weg durch einen schweren Schneesturm statt durch den Regen suchen, der in diesem Teil der Welt ein Bestandteil des täglichen Lebens war. »Ich habe mich früher immer gefragt, ob das etwas damit zu tun hatte, dass er und Mom sich ineinander verliebt haben, weil sie beide Väter hatten, die im Krieg verwundet wurden. Sie hatten weiß Gott sonst nicht viel gemeinsam, wenn man die Tatsache außer Acht lässt, dass sie wahrscheinlich die beiden einzigen Menschen auf diesem Planeten waren, die Kohlrüben mochten.«

»Sie hatten auch uns«, erinnerte Alice sie. Sie dachte daran, wie seltsam es sein würde, ihr Elternhaus zu betreten, das Haus, in dem ihre Schwester und sie aufgewachsen waren, und ihren Vater nicht vorzufinden. Es war einer der schlimmsten Momente im Gefängnis gewesen, als sie von seinem Tod erfahren hatte. Jetzt rief sie sich die Worte in Erinnerung, die er ihr ins Ohr geflüstert hatte, bevor sie sie in Handschellen abgeführt hatten. Mach dir keine Sorgen um Jeremy. Wir werden uns um ihn kümmern.

Er hatte sich zurückgelehnt, um sie anzusehen, und die strengen Linien in seinem Gesicht hatten einer grenzenlosen Traurigkeit Platz gemacht. Du wird immer mein Mädchen sein. Vergiss das nie.

Und sie hatte es nie vergessen. Aber jetzt war er tot, und sie würde keine Gelegenheit mehr haben, es wiedergutzumachen. Als sie so im Wagen saß, in die Dunkelheit hinausstarrte und dem Zischen des Wassers unter den Rädern lauschte, empfand sie ein erneutes Gefühl des Verlustes.

Nach einer Weile fragte sie. »Wie geht es Mom?«

»Besser. Du kennst sie ja, sie ist nie lange niedergeschlagen. Außerdem ist sie so aktiv, dass sie kaum einen Moment für sich allein hat. Sie ist Mitglied in so vielen Clubs, dass ich sie nicht mehr auseinanderhalten kann. Hat sie dir erzählt, dass sie sich zu einem Kochkurs angemeldet hat? Oh, das erinnert mich an etwas. Sie plant ein Essen für die ganze Familie. Du hast doch am Sonntag noch nichts vor, oder?«

»Meine Güte, ich weiß nicht. Ich muss erst in meinem Kalender nachsehen«, antwortete Alice trocken.

Denise reagierte nicht, und eine bedrückende Stille breitete sich aus, schwer von all den Dingen, die unausgesprochen blieben. Ihre Schwester musste an die Veränderungen denken, die kommen würden, nicht nur die guten, sondern auch die Tatsache, dass der Status quo, der neun Jahre lang geherrscht hatte, zu Ende sein würde. Zum einen war Denises Mann Gary stellvertretender Polizeichef; so sehr er Alice auch mochte, ihre Anwesenheit würde ihn in eine unangenehme Lage bringen. Zum anderen hatten die Kinder, die Denise in der Schule unterrichtete, alle Eltern, die es missbilligen könnten, wenn sie einen entlassenen Sträfling beherbergte.

»Danke übrigens. Dass du mich abgeholt hast«, meinte Alice schließlich in einem Ton, der Dankbarkeit für mehr als nur das Abholen ausdrückte. Danke, dass du mich nicht im Stich gelassen hast. Dass du mich in all den Jahren immer wieder besucht hast. Dass du mir einen Grund gegeben hast zu leben. »Es macht Gary doch nichts aus, wenn ich bei euch übernachte?«

»Bitte! Du bist meine Schwester.« Denise tat ihre Sorge mit einer Handbewegung ab, aber Alice hatte bemerkt, dass sie keine direkte Antwort gegeben hatte. Jetzt plauderte sie weiter: »Warte, bis du siehst, wie groß die Kinder geworden sind. Ryan ist so groß wie Gary. Er hat es gerade in die Schulmannschaft geschafft, habe ich dir das schon erzählt? Wir sind alle völlig begeistert. Natürlich haben wir ihm gesagt, dass er über dem Football seine Hausaufgaben nicht vernachlässigen darf, wenn er ein anständiges College besuchen will.« Alice wusste, dass er ein Stipendium brauchte oder auf ein staatliches College gehen musste, weil Denise und Gary mit ihrer beider Einkommen gerade so über die Runden kamen.

»Da wir gerade von Schule reden, will Taylor immer noch die vierte Klasse boykottieren?«, wollte sie wissen. Ihre Schwester hatte ihr erzählt, dass Taylor oft gehänselt wurde und häufig weinend aus der Schule nach Hause kam.

»Oh. Na ja. Du weißt ja, wie Kinder sind. Sie wird es verwinden«, sagte Denise mit einer Leichtigkeit, die ihre Besorgnis Lügen strafte. »Ryan hat mich auch als Lehrerin, und es hat sein gesellschaftliches Leben nicht beeinträchtigt. Wenn die Mädchen nicht aufhören anzurufen, brauchen wir eine zusätzliche Telefonleitung.«

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