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Die richtige Frau für Papa

Die richtige Frau für Papa

 

von Anna Martach

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

 

„Mami, schau mal, was der Junge da bei den Elefanten macht!“, rief das kleine Mädchen, das an der Brüstung zum Elefantengehege stand, und deutete aufgeregt auf das Geschehen im Innern der Anlage.

Die Mutter unterhielt sich gerade mit einer Freundin und reagierte zunächst nicht auf die Worte ihres Kindes.

„Aber Schatz, ein Junge darf doch gar nicht zu den Elefanten“, erklärte sie geistesabwesend. Erst dann ging ihr auf, was sie gesagt hatte. Sie blickte erstaunt und dann erschreckt auf die großen imposanten Tiere. Aber auch andere Zuschauer waren mittlerweile aufmerksam geworden. Ausgestreckte Arme, laute Rufe und ein erstauntes Ah und Oh machten die Runde. Dadurch wurden auch die Tierpfleger im Innern des Elefantenhauses aufmerksam, gleich darauf wurde ein heftiger Fluch laut.

„Julian, um Himmels Willen, was machst du da? Du darfst doch nicht in das Gehege.“

Der Elefantenpfleger, der bestens mit dem Verhalten der Tiere vertraut war und jedes einzelne von ihnen gut kannte, schluckte schwer, während er sich selbst heftige Vorwürfe machte. Wie hatte es nur passieren können, dass der Sohn des Tierarztes durch alle Sicherungen hindurch geschlüpft war? Tatsache war jedoch, dass der zehnjährige Junge drinnen stand, und einige Leute hielten unwillkürlich den Atem.

Bei Elefanten handelte es sich trotz ihrer Größe um empfindsame Tiere, die auf Störungen von außen äußerst aggressiv reagieren konnten. Allein durch ihre Größe und Kraft waren sie schon gefährlich, es waren nun einmal wilde Tiere. Ganz bestimmt durfte ein Kind nicht allein in das Gehege.

Karl, der Pfleger, wusste natürlich, was er jetzt zu tun hatte.

„Gib Norbert Bescheid“, sagte er zu seinem Kollegen und meinte damit den Tierarzt, Norbert Vogt, der sich ein gutes Stück entfernt in einer anderen Anlage um das trächtige Nilpferd Malina kümmerte. Dann schnappte sich der Mann seinen Ankh und betrat das Gehege, um den Jungen herauszuholen. Jetzt in Hektik auszubrechen wäre ein großer Fehler, denn die empfindsamen Riesen verabscheuten Unruhe.

Doch eigentlich war es schon zu spät. Die große afrikanische Elefantenkuh Dschambala stand vor dem Jungen und wedelte aufgeregt mit dem Kopf hin und her, so dass der Rüssel wild pendelte. Es sah aus, als wollte sie im nächsten Moment zuschlagen.

Auch Julian hatte mittlerweile erkannt, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. Dabei hatte er die Anweisungen der Erwachsenen nur ignoriert, weil er mit dem Elefantenjungen spielen wollte. Nun stand er stocksteif da und wagte es nicht, sich zu rühren.

Karl war heran, ergriff das Kind beim Arm und behielt die Elefantenkuh dabei weiter im Auge. Er vermeinte in den kleinen Augen ein kurzes Aufblitzen zu bemerken, so als ob das Tier sagen wollte, pass gefälligst besser auf deine Kinder auf. Wir tun es doch auch. Damit hatte sie nicht so ganz unrecht.

Karl hielt weiterhin den Blick auf das Tier gerichtet und schob den Jungen langsam auf den Ausgang zu. Er atmete auf, als er endlich das Gitter schließen konnte.

Erstaunlich schnell beruhigte sich das Tier wieder, ging zurück zur Herde und tat so, als wäre nichts geschehen. Karl wischte sich den Schweiß von der Stirn und blickte Julian streng an.

„Bist du eigentlich noch gescheit? Haben wir dir nicht wieder und wieder gesagt, dass du allein in den Gehegen nichts zu suchen hast? Tiere sind kein Spielzeug, nicht einmal ein Hund zuhause wäre das. Wilde Tiere sind es schon gar nicht. Das solltest du doch mittlerweile wissen. Dein Vater sollte dich vielleicht mal gründlich übers Knie legen und dir den Hosenboden versohlen. Wenn er nicht so ein guter Tierarzt wäre, den wir hier dringend brauchen, dann würde es jetzt eine ganze Menge Ärger geben. Aber den wirst du auf jeden Fall bekommen.“

Das Gesicht von Julian hatte sich von leichenblass zu knallrot verändert, er schämte sich offenbar, aber nun blickte er auch ein wenig trotzig drein.

„Mein Vater würde mich niemals schlagen“, behauptete er.

„Verdient hättest du es nach dieser Sache aber allemal“, brummte Karl gutmütig, der schon längst wieder beruhigt war. Die ganze Sache war ja noch einmal gut ausgegangen, die Elefanten hatten sich auch längst wieder im Rudel zusammengefunden und schienen den Vorfall vergessen zu haben.

In diesem Moment kam Norbert Vogt angelaufen. Er wirkte wütend und ziemlich aufgeregt, offenbar wusste er schon Bescheid. Sein Gesicht verhieß nichts Gutes.

„Was hast du gemacht, du Unglücksrabe? Habe ich dir nicht ausdrücklich gesagt, du darfst nirgendwo allein ins Gehege? Und schon gar nicht bei Elefanten. Ist dir eigentlich klar, was alles hätte passieren können? Was soll ich denn nur mit dir anfangen? Kann man dich nicht einmal fünf Minuten allein lassen?“

Diese Vorwürfe wirkten selbst in den Augen von Karl etwas ungerechtfertigt, denn Norbert kümmerte sich seit Tagen intensiv um das trächtige Nilpferd und hatte darüber seinen Sohn schon ein wenig vernachlässigt.

Der sympathische Tierarzt mit den fröhlichen braunen Augen war hier im Zoo sehr beliebt, weil er nicht nur in seiner Arbeit aufging, sondern auch immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der anderen Mitarbeiter hatte. Der geschiedene Mann besaß das Sorgerecht für seinen Sohn Julian, und normalerweise funktionierte es recht gut, wenn er das Kind mit in den Zoo brachte. Seit mehr als zwei Wochen kümmerte sich Norbert jedoch mehr um die riskante Schwangerschaft des Nilpferdes als um die Beaufsichtigung seines Sohnes. Oft genug übernahmen im Augenblick die Tierpflegerinnen diese Aufgabe, und sie taten es gern, denn der Junge war gut erzogen und eigentlich pflegeleicht. Aber Julian schien ihnen entwischt zu sein und unter Langeweile zu leiden. So war er schnurstracks zu den Elefanten gelaufen. Das war allemal gefährlich. Hätte der Tierarzt sich ein bisschen mehr Zeit für seinen Sohn genommen, wäre es niemals soweit gekommen. Insofern sollte man nicht nur dem Kind Vorwürfe machen. Doch es war müßig jetzt noch ein Wort darüber zu verlieren.

„Nun krieg dich aber mal wieder ein“, meinte Karl und legte dem Kind eine Hand auf die Schulter. „Der Kleine hat zwar Blödsinn gemacht, aber es hat es bestimmt nicht böse gemeint. Es wird ihm einfach langweilig gewesen sein, weil du doch sehr beschäftigt bist.“

Norbert verstand diesen indirekten Vorwurf sehr wohl und seufzte. „Du hast ja recht, Karl, ich muss mir etwas einfallen lassen. Auf jeden Fall danke ich dir, dass du so schnell und vernünftig reagiert hast.“ Er nahm seinen Sohn bei der Hand und zog ihn mit sich. „Na komm, junger Mann, wir wollen mal sehen, wo wir dich unterbringen, damit du nicht wieder Dummheiten anstellst, bis ich Feierabend machen kann.“

Julian verzog das Gesicht und warf dem Tierpfleger noch einen fragenden Blick zu, doch der schüttelte den Kopf. „Nein, mein Freund, hier kannst du nicht bleiben. Aber drüben im Streichelzoo hat Ingrid bestimmt Zeit für dich.“

„Ach, das ist doch langweilig“, maulte das Kind.

„Aber wenigstens ungefährlich“, kam die trockene Antwort.

Norbert zog seinen Sohn hinter sich her und warf einen ungeduldigen Blick zur Uhr.

„Papa, wie lange dauert das eigentlich noch?“, erkundigte sich Julian.

„Was meinst du denn? Bis das kleine Kalb geboren wird? So ganz genau weiß das niemand. Bei Nilpferden kann es auch schon mal über die berechnete Zeit drübergehen.“

„Nee, das will ich auch gar nicht wissen. Ich will wissen, wann du Feierabend machen kannst, damit wir nach Hause fahren. Spielst du dann noch eine Runde Fußball mit mir?“

Abrupt blieb der Mann stehen. Erst jetzt schien ihm zu Bewusstsein zu kommen, dass er nicht nur die Verantwortung für die Tiere im Zoo trug, sondern auch für seinen Sohn. Etwas beschämt hielt er an und ging in die Hocke, damit er seinem Kind ins Gesicht blicken konnte.

„He, du bist doch schon ein großer Junge und verstehst, dass dein Vater hier eine wichtige Aufgabe hat, oder? Im Augenblick ist nun mal ganz besonders viel Arbeit, weil ich mich um das Nilpferd und das neue Baby kümmern muss. Es kommt nicht alle Tage vor, dass so eine Geburt in einem Zoo stattfindet. Und nach der Geburt muss man immer noch aufpassen, dass das Kleine nicht von den anderen Tieren verletzt wird. Nilpferde sind so groß, die merken es gar nicht, wenn sie sich auf ein Kleines setzen oder es zur Seite schubsen. Da hast du es eigentlich viel besser, denn hier gibt es ja immer noch eine ganze Menge Leute, die gern auf dich aufpassen. Nur darfst du es ihnen nicht zu schwer machen wie gerade eben. Du bringst damit nicht nur dich selbst in Gefahr. Wilde Tiere sind kein Spielzeug“, wiederholte auch Norbert unbewusst die Worte von Karl.

Julian scharrte mit dem Fuß auf dem Kiesweg herum. „Ja, ist ja schon gut, ich habe es kapiert“, erwiderte er etwas trotzig. „Aber langweilig ist mir trotzdem.“

„Pass auf, wäre es vielleicht besser für dich, wenn du ein paar Tage zu deiner Mutter gehst? Nur solange, bis hier wieder alles seinen gewohnten Gang geht?“

„Wenn es denn sein muss“, stimmte der Junge widerwillig zu.

Der Tierarzt atmete unwillkürlich auf. Er liebte seinen Sohn und hätte um nichts in der Welt das Sorgerecht hergegeben, aber im Augenblick war die Anspannung zu groß, und er wusste, dass er seiner Verantwortung nicht richtig nachkommen konnte. Da war es sicher besser, wenn Karin sich ein paar Tage um Julian kümmerte, auch wenn die durch ihre Arbeit ebenfalls stark angespannt war. Dazu kam noch, dass seit kurzem einen neuen Partner hatte, der Kinder eher ablehnte. Das ging nicht gegen Julian an sich, Walter Ehrenberg konnte mit Kindern einfach nichts anfangen. Nun, es würde eben gehen müssen. Norbert hatte schon oft genug Rücksicht auf Karin und ihre Bedürfnisse genommen.

 

*

 

Norbert Vogt freute sich darauf, seine Ex-Frau wiederzusehen. Als sie Julian vor einer Woche eher widerwillig abgeholt hatte, war sie sehr in Eile gewesen, so dass die zwei kaum ein Wort gewechselt hatten. Aber jetzt würde doch hoffentlich Zeit für einen Kaffee und ein kurzes persönliches Gespräch sein.

Gestern war endlich das kleine Nilpferd zur Welt gekommen. Auch wenn das Tier rund um die Uhr beaufsichtigt werden musste, so blieb für den Veterinär doch wieder etwas mehr Zeit, in der er sich seinem Sohn widmen konnte. Schließlich gab es ausreichend geschultes Personal im Zoo, medizinisch schien jedenfalls alles in Ordnung.

Norbert liebte seine Frau noch immer, und die Scheidung hatte ihn damals hart getroffen. Wenn es nach ihm ginge, würde er Karin auf der Stelle wieder heiraten, aber sie hatte offenbar andere Pläne.

Walter Ehrenberg, so hieß der neue Mann in ihrem Leben, war in den Augen von Norbert ein arroganter, aufgeblasener Einfaltspinsel, der als Rechtsanwalt glaubte, dass die ganze Welt nur ihm gehörte. Natürlich handelte es sich bei dieser Einschätzung um ein sehr persönliches Urteil, das nur aus der Eifersucht entstanden war. Vielleicht war er ja ein ganz netter Mensch, wenn man ihn besser kannte, aber darauf legte der Tierarzt keinen gesteigerten Wert. Für ihn kam erschwerend hinzu, dass Walter Kinder nicht ausstehen konnte, was natürlich auch für Julian galt.

Nun, vielleicht hatte der Mann ja jetzt seine Meinung geändert in dieser Woche, da Julian sich hier befunden hatte. Ein heftiger Schmerz durchzuckte Norbert, als er vor der Tür stand, denn dieses Haus hatte er für seine Familie gebaut, bei der Scheidung jedoch großzügig darauf verzichtet, so dass Karin hier weiter wohnen konnte. Er hatte mit Julian ein kleines Haus in der Nähe des Zoos bezogen und fühlte sich dort auch recht wohl. Täglich kam Mathilde, eine ältere Frau, als Haushaltshilfe und Kindermädchen für Julian, wenn der Junge es nicht vorzog, gleich im Zoo zu bleiben. Dieses Haus hier aber barg so viele Erinnerungen, dass es Norbert immer wieder schwer fiel, beherrscht und ruhig zu bleiben. Zu all dem kam hinzu, dass Walter sich hier aufhielt, der absolut nicht hierher gehörte. Aber Karin hatte sich entschieden, das musste er respektieren, mochte es ihm nun passen oder nicht.

Der Tierarzt holte tief Luft und klingelte, gleich darauf wurde die Tür aufgerissen. Julian stand da, ein Leuchten glitt in seine Augen, und er streckte die Arme aus. Aus dem Hintergrund erklang eine ärgerliche Stimme.

„Habe ich dir nicht gesagt, du sollst nicht allein an die Tür gehen? Kannst du denn gar nicht gehorchen?“

Ein wenig patzig antwortete der Junge und verzog dabei das Gesicht zu einer Grimasse. „Aber es ist doch Papa. Ich habe doch gewusst, dass er kommt.“

Nun tauchte Walter Ehrenberg, der Rechtsanwalt auf, und Norbert seufzte innerlich. Irgendwo war es verständlich, dass Karin sich für diesen Mann entschieden hatte. Er wirkte wie ein großer mächtiger Kleiderschrank, der Gedanke an Siegfried aus der Nibelungensage drängte sich auf. Aber das allein konnte es nicht sein, warum seine Frau auf diesen Mann geflogen war, den Norbert persönlich ganz einfach verabscheute, ohne ihn wirklich zu kennen.

„Ich wollte meinen Sohn abholen“, erklärte er kurz und knapp.

„Das wurde aber auch Zeit“, brummte Walter. „Dieser Junge verursacht eine Menge Unruhe und Arbeit.“

„Er ist ein Kind“, gab Norbert kühl zurück. „Wollen Sie etwa die Liebe eines Kindes gegen die damit verbundene Arbeit aufwiegen?“, entfuhr es ihm unwillkürlich, und er spürte die kleine schmale Hand von Julian, die sich vertrauensvoll in die seine schmiegte.

„Ich wiege überhaupt nichts auf. Schließlich ist er auch Karins Sohn, und ihr Wohl liegt mir sehr am Herzen.“

„Dann will ich nur hoffen, dass Sie niemals Vater werden, denn so wie es aussieht, behandeln Sie Kinder wie eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Das ist ausgesprochen schade. Sie sollten dazulernen.“ Ohne dass der Tierarzt es wollte, hatte sich in seine Stimme ein scharfer Unterton eingeschlichen, es klang förmlich aggressiv, wie er den anderen Mann angriff.

In diesem Augenblick kam Karin die Treppe herunter, und Norbert stockte unwillkürlich der Atem. Seine Frau war eine Schönheit – seine Ex-Frau, korrigierte er sich selbst. Am liebsten hätte er sie wieder in die Arme genommen, ganz gleich, was der andere Mann darüber denken mochte.

Warum hatte es mit ihrer Ehe eigentlich nicht geklappt, fragte er sich zum wiederholten Male und konnte, wie immer, die Antwort darauf nicht finden. Irgendwie hatten sie sich auseinander gelebt. Sie hatte ihre Arbeit, er die seine, vielleicht waren sie noch nicht reif gewesen, um gegenseitig Kompromisse zu schließen. Vielleicht hatte es auch zuwenig Berührungspunkte gegeben. Oder doch nicht? Keiner von ihnen beiden hatte sich ernsthaft mal die Mühe gemacht darüber nachzudenken, was denn nun nicht geklappt hatte, die Gegensätze zwischen ihnen schienen unüberbrückbar zu sein, wohl allein deswegen hatte Karin die Scheidung eingereicht. Aber Norbert liebte seine Frau noch immer, doch auch sie empfand noch eine Menge für ihn, ohne sich das allerdings anmerken zu lassen. Vielleicht, wenn er den Mut besitzen würde, sie offen darauf anzusprechen – vielleicht gäbe es doch noch einen Weg. Aber er litt lieber im Stillen und traute sich nicht, ein Wort über seine Gefühle zu verlieren. Er wollte nicht zurückgewiesen werden.

J

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