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Die reiche Zukunft hat ein Double

Das Buch

Frankfurt 2040: Unbemannte Sanitätsdrohnen, die Hilfe vorgaukeln, Kommunikatoren, die ihre Besitzer fest im Griff haben, und ein omnipotenter Überwachungsstaat. Hacker Malik Cerny versucht, so wenig wie möglich mit den Machern seiner Gegenwart in Berührung zu kommen. Doch als er zusehen muss, wie ein junger Mann fast stirbt, läuft er gegen den Technikapparat Sturm – und landet in der Höhle des Löwen. Bei der Strafarbeit in der Edelkantine eines der größten IT-Unternehmen stößt er auf ein Zukunftsszenario, das selbst seine kühnsten Horrorvorstellungen übertrifft. Er setzt alles daran, damit es weiterhin ein Leben jenseits von gnadenloser Selbstkontrolle, Anpassung und Ausmusterung geben kann.

Die Autorin

Christine Schick hat während ihres Psychologiestudiums in Berlin kurz nach dem Mauerfall ihre ersten Schritte im kreativen Schreiben gemacht. Die Kreuzung beider Leidenschaften ergab ein Aufbaustudium der Medienwissenschaft und -praxis in Tübingen. Heute arbeitet sie als Redakteurin für eine Lokalzeitung und frönt auch privat weiter ihrer Schreiblust.

Christine Schick

Die reiche Zukunft hat ein Double

Maliks Kampf gegen die schöne neue Überwachungswelt

spiritbooks

1

Wer hat denn hier Leute ausgekippt, schoss es Malik durch den Kopf. Normalerweise war niemand in seiner Straße anzutreffen, wenn er am Abend von der Schicht im Freizeitpark kam. Deshalb wohnte er ja in dieser Gegend. Er sah, wie sein Nachbar in Richtung einer Gruppe Jugendlicher schimpfte. Malik glaubte sich zu erinnern, dass sie das Haus gegenüber für ihre Treffen nutzte. Sechs Leute standen draußen vor dem Eingang.

„Verschwindet endlich. Wir wollen hier keine Elektro-Junkies!“, schrie der Alte herüber. „Miete zahlt ihr auch nicht.“ Sein Bademantel wirkte steif und fleckig, so als sei er seit Jahren nicht gewaschen worden.

Die Reaktion der Jugendlichen war abzusehen, dachte Malik, und interessierte ihn wenig. Es lief darauf hinaus, dass sich zwei unzufriedene Lager ineinander verkeilten. Er wollte nach Hause, die Tür hinter sich zumachen. Lesen, schlafen.

Der Kleinste in der Gruppe verdrehte wild die Augen, hatte Probleme, gerade zu stehen, hielt sich an seinem Kumpel fest. Ein dünnes, weißes Kabel hing ihm aus der Nase.

„Machen Sie sich doch nichts vor, alter Mann. Sie gehören auch zu den Abgehängten.“ Er spuckte die Worte förmlich über die Straße. „Wollen Sie mal nippen am neuronalen Cocktail? Aber ich befürchte, die Daten zu Ihrer Geschichte fallen zu spärlich aus. Partnerin, Kinder, ein Haustier? Nein? Deshalb sind Sie auch so mies drauf, hab ich recht?“

Der Alte machte eine resignierte Handbewegung, sah Malik genervt an, murmelte „Noch so ein Verrückter“, drehte sich um und verschwand in der Tür seiner Doppelhaushälfte. Malik wollte es ihm gleichtun und zog den Schlüssel aus der Tasche.

Gelächter drang zu ihm herüber. „Schaut mal, ein Höhlenmensch, der ist so arm, dass er sich noch nicht mal einen Highcontroller für sein Schloss leisten kann“, meinte der schlaksige Blonde, der seinen Kumpel immer noch stützte. Der lachte jetzt irre. Plötzlich fing der Jugendliche an, zu zucken, und kniff die Augen zu, als sei es ein Akt der Konzentration, den heranrollenden epileptischen Anfall abzuwehren.

„Scheiße, nicht schon wieder, Dragusch“, sagte der Blonde. Es klang genervt. „Du hast die Zeit wieder überschritten, das ist nicht in Ordnung und wir werden das nicht für dich ausbaden.“

Malik schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Als er sie wieder öffnete, löste sich die Gruppe von dem Jungen, der sich an einem rostigen Geländer festhielt, und ging die Straße in Richtung Unterdruckbahnstation hinunter.

„Das ist nicht euer Ernst. Die Negativpunkte im Sozialscore holt ihr nie wieder auf, wenn ihr euren Kumpel jetzt einfach hängen lasst“, rief Malik laut.

Keine Reaktion, die Karawane zog weiter. Der Jugendliche kauerte zuckend am Geländer, ließ los, rutschte die Stufen herunter, dann überschlug er sich.

„Scheiße, scheiße, scheiße“, fluchte Malik und rannte los.

Der Junge lag jetzt auf dem Gehweg gekrümmt und hielt den Takt. Sein Gesicht war blutverschmiert, vermutlich hatte er sich auf die Zunge oder Lippe gebissen. Malik kniete sich zu ihm herunter, hielt den Arm zur Seite und drehte das Gesicht etwas zu sich. Er holte tief Luft, griff das Kabel und zog es mit einem Ruck heraus. Der Miniaturchip war ebenfalls blutverschmiert. Die Zuckungen wurden stärker und Malik hatte einige Mühe, dem Jungen das dazugehörige Gerät aus der Tasche zu ziehen, schaffte es dann aber doch. Auf dem 3-D-Wachsglas-Display stand: Die unendliche Reise ohne mich. Level 15.

Malik schnaubte und warf das Ding in den Vorgarten. Dann setzte er sich auf den Boden, legte den Kopf des Jungen so sanft wie möglich ab und suchte nach seinem Highcontroller. Dabei bemerkte er, wie feucht sich seine Hand anfühlte. Malik schaute nach. Sein Junkie hatte eine Platzwunde am Hinterkopf.

Von Weitem sah er eine Frau auf die Straße einbiegen. Malik winkte. „Hey, können Sie die Rettung rufen?“, rief er ihr entgegen, woraufhin die Angesprochene sofort kehrtmachte. „Himmel, was für ein krimineller Tag“, fluchte er vor sich hin. Endlich fand er sein Gerät und wählte zittrig die Nummer. Sein Körper stellte ihm Weglauf-Hormone zur Verfügung. Komm, reiß dich zusammen, sagte er sich, der Typ braucht Hilfe.

„Hey, du hast ja doch einen. Wieso denn dann der Schlüssel?“

Malik zuckte zusammen. Die Augen des Jugendlichen blickten ihn nicht unfreundlich an. „Du blutest, hattest einen epileptischen Anfall, ich hole die Rettung“, er hielt inne. „Wär nicht schlecht, wenn du in eine Klinik kommst. Entzug“, sagte Malik. Er sprach total abgehackt. Es waren die Aufregung und die ungewohnte Situation, abends überhaupt noch groß reden zu müssen. Normalerweise war er einfach nur für sich.

„Ich bin noch nie über einen Drohnenkontakt hinausgekommen, ich glaube nicht, dass sie mich nehmen“, sagte der Junge. Es klang verdammt resigniert.

„Werden wir ja sehen“, murmelte Malik und gab der Rettungszentrale durch, dass ein Verletzter im Nordend einen Wagen und eine Behandlung in einem Krankenhaus benötigte.

Der Jugendliche versuchte, hochzukommen, schob sich anderthalb Meter nach links, wo er sich an eine Steinmauer anlehnen konnte. Dann tastete er seine Taschen ab. Er sah Malik fragend an. „Wo ist mein Neurodreamer?“

„Auf dem Kompost“, sagte Malik.

„Kompost?“ Sein Gegenüber blinzelte, fuhr sich mit der Hand in den Nacken und stöhnte leise. „Könnte schlecht sein, wenn sie ihn finden. Kannst du ihn in der Kanalisation versenken?“

Malik nickte, stand auf, ging die Treppen hoch und suchte auf dem Rasen nach dem Gerät. Unter einer alten Buche entdeckte er es, lief hinters Haus und schaute sich nach einem Schacht oder Kanalgitter um. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde er endlich fündig, warf Dreamer, Chip und Kabel nach unten und war erleichtert, ein Platschen zu hören. Das Wasser würde die Elektronik zerstören und das Zeug nicht wieder auffindbar machen. Ihn selbst hatte es noch nie gereizt, sich mit einem Neurodreamer die eigene Gedankenwelt aufzumischen und mit dem Neokortex Karussell zu fahren. Nicht, weil es illegal war und unter Strafe stand, sondern weil er besonders dort für sich bleiben wollte und keinen Wert darauf legte, seine grauen Zellen zu beschleunigen und in einem Multimediacocktail zu ertränken.

Als Malik wieder zurück am Haus war und auf seinen Junkie zusteuerte, nahm er das leise Surren der Drohnen wahr. Sein Blick verdüsterte sich. Er kam näher und registrierte die zwei unbemannten Sani-Flieger etwa einen halben Meter über dem Boden.

„Dragusch Winter“, sagte der Junge.

„Wie haben Sie sich die Verletzungen zugezogen?“, tönte eine Stimme aus der Drohne. Sie zog nach oben und aktivierte ihr Licht-Kommunikationssystem. Im hellgrauen Kegel kam Draguschs blutverschmiertes Gesicht gut zur Geltung.

„Hören Sie, Dragusch hatte einen epileptischen Anfall und ist gestürzt. Er muss in eine Klinik“, schaltete sich Malik ein.

Dragusch war auf seine Namensnennung hin zusammengezuckt, jetzt starrte er Malik an, was ihm unangenehm war. Es löste das Gefühl in ihm aus, als hätte er einen Kümmerervertrag unterschrieben. Er wollte ihn auch unterstützen, aber viel konnte er weiß Gott nicht für ihn tun.

Die andere Drohne stieg auf Augenhöhe. „Wie ist Ihr Name?“

Malik ignorierte die Frage. „Verbinden Sie mich mit dem nächstgelegenen Krankenhaus. Ich will mit jemand von der Notaufnahme sprechen.“

„Wie ist Ihr Name?“

Malik zog seinen Kommunikator und wählte erneut die Nummer der Rettung. Die Verbindung kam nicht zustande, dann verstand er. Die Drohnen verhinderten den Verbindungsaufbau seines Highcontrollers.

„Herr Cerny, lassen Sie uns bitte zuerst die Anamnese machen, dann schauen wir weiter.“ Malik wunderte es nicht, dass die automatisierten Rettungsflieger ihn per Gesichtserkennung nun datentechnisch auf dem Schirm hatten. Aber es regte ihn maßlos auf, dass sie überhaupt Energie damit verschwendeten, statt zu helfen.

„Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass dieser Patient eine Platzwunde am Kopf hat, die stark blutet“, sagte Malik mit unterdrückter Wut. Er schloss die Augen, um den Impuls unter Kontrolle zu bekommen, nach dem Ding zu schlagen.

„Herr Winter, sind Sie in der Lage, aufzustehen und zu gehen?“

„Ich glaube nicht“, sagte Dragusch, „mir ist ziemlich schlecht.“ Seine Stimme war leiser geworden.

Die Drohne flog nah an ihn heran, das laute Surren bedeutete, dass sie Videosequenzen in hochauflösenden Bildern machte.

„Haben Sie sich mit elektrischen Impulsen neuronal stimuliert?“

„Nein“, sagte Dragusch. Er wirkte jetzt müde und abwesend.

„Haben Sie Familienangehörige oder Verwandte, die Sie hier abholen können?“

„Verstehen Sie das unter einer Anamnese?“, schrie Malik. Genau genommen war das irrational. Er wusste, dass im Inneren der Plastikgehäuse und Elektronik nur Softwareprogramme saßen. Und damit keine teure medizinische Betreuung eingefordert werden konnte, hatten die terroristischen Drohnen seine Verbindung nach draußen lahmgelegt. Alles lief auf die Simulation heraus, sich zu kümmern, aber das Gegenteil war der Fall. Hochflexible, intelligente Abwimmeltechnik könnte man auch sagen. Malik kannte sich auf dem Gebiet aus. Er sah auf seinen Highcontroller. Immer noch keine Freigabe. Wenn er nach Hause rannte und es vor den Drohnen schaffte, die Tür zuzuknallen, hatte er vielleicht eine Chance. Aber er wollte Dragusch jetzt nicht allein lassen.

Im nächsten Moment würgte der Jugendliche, drehte sich zur Seite und übergab sich. Die Drohne nahm Abstand.

Malik ballte die Faust, mit zittriger Stimme sagte er: „Wenn Sie nicht sofort Hilfe holen, sehe ich mich gezwungen, die Sache zu übernehmen.“

„Bitte beruhigen Sie sich. Wir sind verpflichtet, abzuwägen. Wenn Sie sich aufregen, verschlimmern Sie die Lage möglicherweise.“

„Hey, Malik, lass mal, schon gut.“ Dragusch hustete, dann wischte er sich über den Mund.

„Nichts ist gut“, sagte Malik, schaute ein letztes Mal auf sein Gerät, dann rief er: „Codebefehl 1002, abgesegnet von 0863, Autorisierung erteilt, keine Rückfrage nötig.“

Die beiden Drohnen bewegten sich von ihnen weg, zogen langsam auseinander, verharrten in einem Abstand von etwa zehn Metern in der Luft. Plötzlich beschleunigten sie, flogen direkt aufeinander zu, kollidierten und fielen krachend zu Boden.

Malik tippte sich durchs Menü, wartete, hörte, wie sein Blut in den Ohren pochte.

„Malik, was gibt’s?“

„Charlie, kannst du mir bitte von unserem Standort eine Verbindung zur der Kliniknotaufnahme machen, die am nächsten liegt?“

„Alles in Ordnung bei dir?“

„Ja, ich brauche Hilfe für einen Bekannten.“

„Alles klar, ich geh übers Friendsnet. Pass auf dich auf.“

„Danke.“

„Hallo, Rettungsleitstelle 14.“

„Das ist ein Notfall, ich habe hier jemand, der kurz vor einem zweiten epileptischen Anfall steht, sich beim Sturz schwer verletzt hat. Wir brauchen einen Wagen, sofort!“

Als Malik das Gespräch beendet hatte, registrierte er, wie Dragusch ihn anstarrte. Immerhin, er hatte aufgehört, zu spucken, und im Moment zuckte er auch nicht.

„Sie sind bestimmt gleich da“, meinte Malik.

„Was bist du? Ein Geheimagent? Ein Außerirdischer?“, fragte Dragusch. Er schien sich noch nicht 100-prozentig sicher, wie unheimlich ihm die Sache war. „Ich bin nur dein fucking Nachbar“, sagte Malik.

„Da sind die Sequenzen meines Neurodreamers ja Pipifax dagegen. Dich hätte ich mal in meine Synapsen einspielen sollen!“ Draguschs Lächeln erfasste seine Augen, dann lachte er leise.

Malik fühlte sich geschmeichelt, auch er lächelte.

Dann sah er den Krankenwagen kommen, gefolgt von einem Polizeiauto. Malik ahnte, was das bedeutete. Er war trotzdem froh, dass er die Drohnen vom Himmel geholt hatte.

2

„Ich wollte doch den Canyonritt, habe ich Ihnen gerade gesagt, Herr Gott noch mal“, tönte eine maulige Frauenstimme durch den Lautsprecher.

Malik schaute auf einen der Bildschirme, dann nach vorne über die Glasscheibe in den Raum, in dem die Dame im Cyberanzug in der Elektro-Lore saß. Wie ein verärgertes Tier blickt sie mich an, dachte er. Leichthelm, Brille und sensorenbestückte, dicke Handschuhe ließen sie wegen ihrer zierlichen Statur wie ein zu groß geratenes Insekt wirken.

Er gönnte ihr die alte, schwere Ausrüstung des Freizeitparks, hob die Hand und rief: „Bitte entschuldigen Sie, wird sofort korrigiert.“ Malik klickte aufs Cowboysymbol und der Wagen bewegte sich auf seiner Bahn langsam weiter in die Halle hinein.

„Was hattest du für die charmante Besucherin vorgesehen?“, fragte Dario. Malik drehte sich zu seinem Bruder um und stand auf.

Einen Waldbrandeinsatz in Spanien oder den 11. September als Feuerwehrfrau, hätte er fast gesagt, riss sich aber zusammen. Es war ihm durchaus bewusst, dass das eher sein Thema war. Er hoffte, dass sein Termin vor Gericht nicht zum Inferno wurde.

„Aufgrund ihrer ausgesuchten Höflichkeit vielleicht eine Runde als Servicekraft in einem Schnellimbissrestaurant, sagen wir in Zentralasien um das Jahr 2000 herum“, meinte Malik.

Dario lachte, ließ sich auf den Sitz vor den Monitoren fallen und schaltete sich durch die Stationen. „Wie war die Auslastung am Vormittag?“

„Die Cyberreisen und Sportkämpfe waren gut besucht, interaktive Dokus und Gastronomie kannst du vergessen“, sagte Malik und fügte hinzu: „Danke, dass du für mich einspringst.“

„Na ja, ich hoffe, dazu beizutragen, dass du dich bei einer Süßen oder einem Süßen festhackst. Dann wäre ich als Geschäftsnachfolger endlich aus dem Schneider“, meinte Dario.

Malik schnappte sich seine Jacke. Auf dem Weg zum Ausgang stieß er mit dem Schienbein gegen eine Metallbox mit alten Brillen und Rechnergehäusen und fluchte leise. Sein Bruder zog die Augenbrauen hoch. „So unkonzentriert kenn ich dich gar nicht. Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Hab meine Tage. Ich muss los“, sagte Malik und ging aus der Tür. Er wollte nicht in die Lage kommen, irgendetwas erzählen zu müssen. Sein Bruder hatte eine große Begabung, ihm Dinge zu entlocken, die ihn beschäftigten. Er hatte aber wenig Lust, ihn und seinen Onkel Sohan nervös zu machen, das war er selbst schon genug.

Die Fahrt in der Unterdruckbahn nahm er nur schemenhaft wahr. Als er im Sozialgericht ankam, forderte eine blecherne Stimme am Check-in ihn auf, seinen Highcontroller abzugeben und sich auf die in den Boden eingelassene Glasplatte vor ihm zu stellen. „Bitte die Augen weit öffnen“, meldete sich die Stimme abermals. Malik stöhnte und blickte auf den Bildschirm gegenüber. Es war für ihn immer noch so, als würde er aufgefordert, sich auszuziehen. Dann fuhr ein heller Lichtstrahl an seinem Körper entlang.

Um sich abzulenken, überlegte er, auf welche Daten sie sich konzentrieren würden. Kleiderherkunft, Muskelzustand, Körperspannung, psychomotorische Gesichtsbewegungen vermutlich im Vergleich zu seinen bisherigen Scans auf Polizeirevieren sowie den allgemeinen Alltagsreise- und -konsumdaten. Aller Wahrscheinlichkeit nach führte kein Ergebnis daran vorbei, dass er am Rande der Gesellschaft stand.

Eine Gruppe Männer, deren Gesichter fast komplett mit Tätowierungen versehen waren, tauchte hinter ihm auf. Malik musste grinsen. Das würde den Scanner einigermaßen herausfordern. Die Gesichtserkennung so auszuknocken, war genial. Eigentlich wäre er gern dabei gewesen, aber im nächsten Moment leuchtete auf dem Display über der Tür sein Name auf. Er sog die Luft ein. Je schneller er das hier hinter sich gebracht hatte, desto besser.

Als er sich der Tür näherte, zog sie mit einem schleifenden Geräusch auf. Es wurde ein nüchterner, weiß getünchter Raum mit drei Stühlen in der Mitte und einem hufeisenförmigen Tischensemble vor ihm sichtbar, an dem ein älterer Mann saß. Mit einer kurzen Handbewegung signalisierte er Malik, sich zu setzen. Die Kameras unter der Decke richteten sich nach ihm aus.

„Mein Name ist Clemens Elderstedt. Ich verhandle heute als Richter Ihren Fall. Einen Technikbeirat erachte ich nicht für notwendig. Sie haben keinen Rechtsbeistand, Herr Cerny?“

„Nein“, sagte Malik und versuchte, sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. Die Frage ließ seine Alarmglocken angehen. Das hier war ernster, als er gedacht hatte. Warum hatte er nicht über einen Pflichtverteidiger nachgedacht? Na ja, weil er sich im Recht fühlte. Verflucht!

In seine innere Schimpftirade drang nun etwas vor, mit dem er ebenso wenig gerechnet hatte und das er nur aus alten Filmen kannte.

„Malik Cerny, 30 Jahre, letzte Ausbildung ist ein mit Auszeichnung abgeschlossenes Studium der Informatik und Soziologie. Sie kommen aus nicht ganz einfachen sozialen Verhältnissen, wachsen in einer Familie mit Fahrgeschäft und Puppenbühne auf, die aber schon vor Ihrer Geburt Geschichte ist.“

Der Richter fing an, eine Art Sozialbiografie zu entwerfen, ein Bild von ihm zu zeichnen, um fürs Protokoll klarzumachen, wer hier vor Gericht stand.

„Kein festes Zuhause, immer unterwegs. Ihr Vater verunglückt schwer, als Sie zwölf Jahre alt sind, muss als Schwerbehinderter von der Familie versorgt werden, bis er Suizid begeht. Angesichts dieser Umstände liefern Sie beste Noten in der Schule ab. Aber es gibt noch eine andere Seite. Sie machen sich schon als Jugendlicher einen Namen in der Hackerszene. Das wird publik, als Sie in die Krankenkassendatenbanken eindringen, um die medizinischen Leistungen für ihren Vater zu verbessern, nachdem die Familie vor Gericht verloren hat. Später fallen Sie durch weitere Aktionen auf, bei denen gegen Überwachung demonstriert wird, machen Erkennungssoftware und soziale Algorithmen unbrauchbar. Das zeigt die ungute Mischung aus Zorn und außergewöhnlicher Begabung, mit der Sie nicht zurechtzukommen scheinen.“

Malik konzentrierte sich auf seine Atmung. Länger aus als ein. Er würde diesem Richter nicht recht geben, indem er seine wenig freundlichen Gefühle an die Oberfläche ließ. In diesem Moment saßen sie in seinem Brustkorb, sein Herz hämmerte, seine Hände begannen, feucht zu werden. Länger aus als ein. Leider stand er hier keiner automatisierten, softwaregesteuerten Richterdrohne gegenüber.

Gegen den nüchternen Ritt durch sein bisheriges Leben hatte er noch nicht einmal etwas einzuwenden, aber er fand es anmaßend, das Schicksal seines Vaters mit drei Halbsätzen abzuhaken. Drei Halbsätze. Er lächelte unmerklich, ein Reflex, um die Bilderfetzen und die damit einhergehende Traurigkeit zurückzudrängen, die sich nun zu seiner Wut gesellten.

Das Wichtigste war, sich jetzt in den Richter hineinzudenken, zu überlegen, was er hören wollte, worauf er anspringen würde.

„Der jüngste Vorfall dazu ist recht eindeutig. Um einen Krankentransport für einen jungen Drogenabhängigen zu erzwingen, haben Sie zwei hoch spezialisierte Notfalldrohnen zerstört“, sagte Clemens Elderstedt. „Sie haben kostbare Steuergelder zunichtegemacht. Ich schließe aus Ihrem Verhalten, dass die Verwarnungen früherer Fälle nicht dort angekommen sind, wo sie es hätten sollen. Deshalb denke ich an eine einmonatige Haftstrafe.“

Malik stand reflexartig auf, blinzelte, starrte den Richter an. Seine Gedanken rasten. Knast? Vorbestraft hieße, keine Möglichkeit mehr, frei oder im Park zu arbeiten. Die Auflagen verlangten ein polizeiliches Führungszeugnis ohne Eintrag. Er würde seine Wohnung nicht halten können und sich bei Dragusch erkundigen müssen, wo er Neurodreamer verticken konnte. Spirale abwärts.

Der Richter bedeutete ihm, sich wieder zu setzen. Länger aus als ein. Er musste reagieren, dem etwas entgegensetzen. Es musste ehrlich klingen, also war es erst mal am besten, ehrlich zu sein. „Herr Elderstedt. Der Junge war in Gefahr. Er hatte einen epileptischen Anfall und stand kurz vor einem zweiten“, sagte Malik und fügte in Gedanken hinzu: … und mit epileptischen Anfällen kenne ich mich aus.

„Genau diese Situation hatten die maschinellen Helfer zu beurteilen, die Sie unbrauchbar gemacht haben. Der Wert liegt bei rund 60.000 Mittelwesteuro. Und es geht nicht nur um das Geld an sich, auch die Drohnen fehlen nun für potenzielle Einsätze. Das haben Sie zu verantworten“, sagte der Richter und sah ihn eindringlich an. „Sind Sie noch nie auf die Idee gekommen, dass die von vielen Experten entwickelten Programme die richtigen Entscheidungen treffen? Wie kommen Sie darauf, dass Sie die Situation als Nichtmediziner besser beurteilen können?“

„Jeder weiß, dass hinter diesen Programmen auch ökonomische Überlegungen stehen“, sagte Malik vorsichtig. „Was hätten Sie denn an meiner Stelle getan? Hätten Sie wirklich den zweiten Anfall, den dritten abgewartet?“, fragte er.

„Sie plädieren also auf Notwehr“, sagte Clemens Elderstedt, ohne auf Maliks direkte Ansprache einzugehen. Er tippte mit dem Stift auf seinen 3-D-Wachsglasbildschirm. „Ich muss mich allerdings auch fragen, ob es Ihnen möglicherweise nicht nur um den Jungen, sondern auch um die Lust am Zerstören ging.“

„Nein, das ist Unsinn“, meinte Malik mit fester Stimme. „Ich stand unter Zeitdruck, ich wollte schnelle Hilfe, ohne mit einem Drohnenprogramm in einer Endlosschleife festzuhängen. Also musste ich mich zwischen Dragusch und den Maschinen entscheiden. Sie wissen, wie das Ergebnis ausgefallen ist. Wenn Sie mich jetzt mit einer Haftstrafe abschießen, kann ich nicht mehr arbeiten, nicht bei meiner Familie, nicht mehr freiberuflich“, sagte er und hielt dem Blick des Richters stand.

„Dann haben Sie den Ernst der Lage ja verstanden“, sagte der und schüttelte den Kopf. „Vor dem Hintergrund Ihrer Familiengeschichte verstehe ich Ihr Misstrauen und Ihre Skepsis. Trotzdem ist es mir wichtig, dass Sie einen Perspektivwechsel vollziehen. Hinter Firmen, die Drohnen und die dazugehörige Software herstellen und betreiben, stehen Menschen und keine Monster.“

Das ist ja das Problem, schoss es Malik durch den Kopf. Aber er wusste, dass es nicht klug war, Clemens Elderstedt das auf die Nase zu binden. Er kapierte auch nicht recht, worauf der hinauswollte. Deshalb deutete er ein Nicken an.

„Dann sehe ich eine Möglichkeit darin, die Haftstrafe in Sozialstunden umzuwandeln. Die sollen Sie bei einer Firma ableisten und zwar genau bei dem Unternehmen, das die Drohnen herstellt und sie dem Gesundheitssystem kontinuierlich spendet“, sagte der Richter.

„Was?“ Malik war völlig irritiert. „Bei Kronberg?“

„Ganz genau, ich möchte, dass Sie die Perspektive derer kennenlernen, die tagtäglich für unsere Gesellschaft arbeiten und Verantwortung übernehmen“, sagte Clemens Elderstedt.

„Au ja!“ Malik hatte das Gefühl, dass seine Stimme eine Oktave nach oben verlegt worden war. Sein ironischer Ausrutscher tat ihm schon leid, als er sich selbst noch sprechen hörte. Scheiße, scheiße, scheiße! Du bist ein Idiot, dachte er und suchte fieberhaft nach einer Verharmlosungsstrategie.

Der Richter sah ihn mit einem mitleidigen Lächeln an, schüttelte den Kopf und wurde wieder ernst. „Sie müssen Ihre Arroganz und Destruktivität in den Griff bekommen.“

Malik rauschten Bilder und Halbsätze durch den Kopf. Seine Arroganz und Destruktivität? Was hätte Clemens Elderstedt gemacht, wenn Dragusch Winter zuckend vor ihm zusammengebrochen wäre? Liegen lassen? Lasst sie doch einfach alle liegen, wo sie hinfallen. Was war das für ein Land, in dem sich immer nur alles um Anpassung, Leistung und Funktionieren drehte? Wieso hatte die Generation, welcher der Richter angehörte, nie eine Maschinensteuer eingeführt? So könnten sie heute wenigstens die Sozialleistungen bezahlen, die für junge, alte und nicht hoch qualifizierte Menschen wichtig wären. Aber nein, man machte alle zu Prostituierten, die sich Firmen wie Kronberg anzudienen hatten. Unternehmen steuerten heutzutage nicht ihren Anteil zur Gesellschaft bei, nein, sie spendeten. Ganz zufällig waren diese Spenden Geräte, die sie selbst herstellten. Drohnen, die dich nie zu einer medizinischen Behandlung vordringen ließen. Kronberg war auch dafür verantwortlich gewesen, die Leistungskürzungen gegenüber seinem Vater durchzusetzen. Kostenoptimierung bis zur Windel. Als Urheber der Verwaltungssoftware, die damals bei den Krankenkassen eingesetzt wurde und seinem Vater nur die allerbilligsten Einlagen genehmigt hatte. Die Kriterien: Bewegungsfähigkeit und Wahrnehmungsmöglichkeiten unterhalb der Gürtellinie. Wie sich sein Vater beim ständigen Umziehen fühlte, weil sie nicht passten und ihren Zweck nicht erfüllten, spielte keine Rolle.

„Ich weiß, was Sie jetzt denken. Aber Sie werden nicht im Ansatz mit technischen Dingen zu tun haben, sondern in der Kantine arbeiten“, riss ihn der Richter aus seinen Gedanken.

Das war seine Chance, Himmel. Bitte, vermassel das jetzt nicht wieder, betete er ein bisschen zu sich selbst und legte eine irritierte Miene auf. „In der Kantine?“, fragte er.

„Ganz genau. Den Beiköchen assistieren, Essen ausgeben, Extrawünsche der Mitarbeiter vom Karottensüppchen bis zur sternförmig geschnittenen Kiwi erfüllen.“

Malik konnte es kaum glauben, was ihm Clemens Elderstedt da auf dem Silbertablett servierte. Selber schuld, wenn er sich als genug qualifiziert einstufte und keinen Technikbeirat für notwendig erachtete. Wer war hier eigentlich arrogant?

„Aber ich habe keine Ahnung von solchen Sachen und …“ Malik fuhr sich durchs Haar. Er wollte so wirken, als beschäftigte ihn das, was sich dort in der Küche oder beim Bedienen abspielen sollte, durfte, konnte.

„Sie sind nicht der Erste und der Einzige, der bei dieser Firma Sozialstunden ableistet. Sie werden entsprechend eingewiesen und angeleitet. Tut Ihnen vielleicht auch mal gut, etwas ganz und gar Praktisches zu machen“, sagte Elderstedt. Unglaublich. Wenn der Richter unbedingt wollte, dass er sich die Taschen voll Passwörter stopfte, Zugänge erkundete und das Unternehmen studierte, würde er sich fügen. Er hatte schließlich keine Wahl. Elderstedt saß am längeren Hebel. Malik wollte den Richter noch weiter auf Nebengleise führen. Sicher war sicher.

„Herr Elderstedt, ich finde es klasse, dass Sie mir Sozialstunden anbieten. Aber ich muss zugeben, dass ich ein bisschen unsicher bei Gesprächen und Kontakten bin. Vielleicht wäre es besser, wenn ich nur irgendwo etwas sortiere, aufräume …“, sagte er.

Der Richter schüttelte den Kopf. „Genau das ist meine Bedingung. Dass Sie mitmachen, sich integrieren, wie gesagt, ich will einen Perspektivenwechsel.“

Malik deutete ein Nicken an, was so viel heißen sollte wie es fällt mir schwer, aber ich lasse mich darauf ein.

Abgeschoben an die Kantinenfront, in Konversation verstrickt. Vielleicht war noch ein klitzekleines bisschen Zeit, sich ins Bestellsystem zu vertiefen.

Wer lieferte denn das leckere Essen an die Kronberg-Mannschaft? Da ließ sich sicher auch in den generellen Betriebsdatenbankbahnhof umsteigen und etwas über die weiteren Partnerschaften und Netzwerke herausfinden.

Welche Abschottungstaktiken griffen wo, wie kommunizierten die Mitarbeiter untereinander? Welche Schlupflöcher hatten Einzelne vielleicht nicht im Blick? Und wer in der Führungsriege arbeitete gerade an welchem Projekt zum Nachteil der restlichen Bevölkerung? Das würde auch seine Freundin Charlie brennend interessieren.

Es stand ein opulentes Mahl für ihn bereit. Malik war sicher, dass er die Zeit bei Kronberg für sich nutzen konnte. Gut nutzen konnte. Er würde den Mitarbeitern ihre Rouladen servieren und konnte sich in Ruhe in ihrer Welt umschauen. Nur erwischen lassen durfte er sich nicht. „In Ordnung. Wann fange ich dort an?“, fragte Malik.

„Wenn sich irgendetwas ereignet, Klagen zu uns vordringen, wandern Sie in wenigen Stunden hinter Gitter. Die Zeit wird dann auch nicht angerechnet. Ist das klar?“

„Völlig“, sagte Malik knapp. „Bei wem melde ich mich?“

„Sie bekommen die Unterlagen draußen am Serviceschalter“, sagte Clemens Elderstedt und sah ihn an. „Ich würde es vorziehen, wenn wir uns nicht wiedersehen. Finden Sie einen guten Platz für sich, Herr Cerny.“

Am Schalter erhielt er seinen Highcontroller von einem Justizmitarbeiter zurück. „Ich brauch noch die Daten zu meinen Sozialstunden, die ich ableisten muss“, sagte er zu dem graubärtigen Mann in Uniform vor ihm.

„Finden Sie alles auf Ihrem Gerät.“

„Könnten Sie mir das bitte ausdrucken? Zur Sicherheit.“

Der Mann sah ihn irritiert an, begab sich aber an seinen Bildschirm und wischte ein bisschen herum. Kurz darauf schob sich seitlich von ihm ein DIN-A4-Blatt aus der Wand, das er Malik reichte.

„Haben Sie vielen Dank“, sagte er und ging aus dem Gebäude. Er prägte sich die Angaben ein, faltete das Dokument und steckte es in seine Jackentasche.

Während er auf die Unterdruckbahn wartete, löschte er alle Daten seines Highcontrollers. Der Luftsog im Tunnel kündigte das Eintreffen der Linie nach Nordend an. Malik ließ sein Gerät in einen der Abfalleimer gleiten und stieg ein.

3

Malik war verdammt müde, aber es half nichts. Der Hauptstandort des Konzerns Kronberg befand sich auf einem westlich von Frankfurt gelegenen großen Gelände, das erst als Kreuzungspunkt der verschiedenen Elektrobikeschnelltrassen ausgebaut und später vom Unternehmen aufgekauft worden war. Wer von weiter her kam, nahm die Unterdruckbahn. Das waren höllisch viele.

Um 5 Uhr reihte sich Malik in die Schlangen ein und versuchte, sich aus dem Gedränge und Geschubse herauszuhalten. Das war schwer, weil immer wieder jemand in der Nähe nervös wurde, schneller nach vorne kommen wollte und sich mit dem Pulk um sich herum anlegte. Nach anderthalb Stunden steckte er in einem der Wagen.

Er konnte von Glück sagen, dass sein Onkel einigermaßen gelassen reagiert hatte. Zwar war er nicht begeistert, unter der Woche auf ihn verzichten zu müssen. Aber Malik hatte sich schon überlegt, über die drei Monate immer die komplette Wochenendschicht anzubieten, was Sohan versöhnlich stimmte. Möglich, dass auch sein Bruder noch ein gutes Wort für ihn eingelegt hatte.

Kurz nach 6.50 Uhr meldete sich Malik am Haupteingang und legte sein Dokument vor. Eine Dame mit indonesischem Aussehen hinter dem marmornen Tresen fasste den Ausdruck mit spitzen Fingern an und las. An der Wand über ihr stand in großen Lettern Kornberg – Verabredung mit der Zukunft.

„Terry, ich hab einen S 100 hier, bring ihn bitte rüber“, rief sie nach hinten.

Das Kürzel klang wie eine Mischung aus einem Automobil des 20. Jahrhunderts und der Bezeichnung für eine ansteckende Krankheit. Würde ihm jemand schräg kommen, hatte er immer noch die Möglichkeit, ganz nebenbei fallen zu lassen, dass der gerade mit einem S 100 sprach, dachte Malik. Er konnte ja nicht ahnen, dass das schneller in Erfüllung gehen würde, als ihm lieb war.

„Bitte, geben Sie mir Ihren Highcontroller, damit wir ihn kurz überprüfen können“, sagte die Empfangsdame.

„Ich habe zurzeit kein Gerät“, sagte Malik.

„Was? Das ist ein Scherz, oder?“ Die Frau wirkte irritiert und genervt. „Jeder hat einen Highcontroller.“

Malik zuckte mit den Schultern. „Brauche ich ihn denn zum Arbeiten?“

„Sie müssen erreichbar sein“, meinte die Frau knapp.

Und überwachbar, fügte Malik in Gedanken hinzu. Er hoffte trotzdem, dass sie nicht auf die Idee kam, ihn wegzuschicken. Auf keinen Fall wollte er die Geduld des Richters strapazieren, im Notfall anbieten, morgen mit einem geliehenen Kommunikator wiederzukommen.

„Gib ihm halt eines der Firmengeräte“, sagte ein Mann, bei dem es sich wohl um Terry handelte und der nun lässig am Tresen lehnte.

„Einem S 100?“

„Du meine Güte, dann soll er dir oder den Kollegen das Ding abends eben wiedergeben, wenn er das Gelände verlässt“, meinte Terry.

Darauf hatte Malik spekuliert und triumphierte innerlich, als er das Gerät ausgehändigt bekam, nachdem er auf gefühlt zehn Bildschirmen unterschrieben hatte. Aus den Voreinstellungen ließ sich einiges ableiten und er war gleichzeitig vor einem Zugriff der Firma auf seine privaten Daten geschützt.

„Können Sie damit umgehen?“, fragte die Empfangsfrau.

„Wenn ich Probleme habe, könnte ich ja die Kollegen fragen“, entgegnete Malik und dachte im selben Moment, dass er es nicht übertreiben sollte.

„Das sind nicht Ihre Kollegen“, sagte sein Gegenüber streng. „Vergessen Sie nicht, weshalb Sie hier sind.“

Terry rollte mit den Augen, winkte ihm und führte ihn in einen Raum, in dem drei Männer und eine Frau standen. Um den Arm der Dame wand sich ein Schlangen-Tattoo. Dadurch, dass sie wild gestikulierte, sah es so aus, als wolle sie das Tier auf ihr Gegenüber hetzen. Sie und ein leger gekleideter Mittfünfziger mit Basecap und Dreitagebart drehten sich zu ihm um. „Hier habt ihr den Letzten für heute“, sagte Terry und machte kehrt.

„Tagchen, mein Name ist Bartholomäus Krüger, kurz Bart, das ist meine Kollegin Sindy Oven. Bitte stellen Sie sich doch kurz vor und sagen uns, welche Qualifikation Sie mitbringen“, sagte der Typ höflich.

„Ich heiße Malik Cerny und habe gerade gelernt, dass ich ein S 100 bin.“

„Tsss, bitte“, murmelte Sindy Oven und machte eine Geste in Richtung ihres Kollegen, die wohl bedeutete, dass der Malik haben konnte.

Bartholomäus Krüger grinste. „Wie sieht es mit einer Ausbildung aus?“

„Ich habe Soziologie studiert, aber ich dachte ich werde hier in der Kantine eingesetzt“, sagte Malik. Dass er auch Informatiker war, musste er ja nicht gleich jedem auf die Nase binden.

Sindy Oven drehte sich überrascht zu ihm, doch Bart hob die Hand. „Selber schuld, wenn du so vorschnell reagierst.“

„Als ob du nicht wüsstest, dass uns auch mal ein Höherqualifizierter guttun würde“, sagte die Schlangenfrau. „Seit du die Managerküche leitest, bist du genauso arrogant wie die. Eigentlich habe ich dieselbe Weisungsbefugnis wie du. Was, wenn ich einfach darauf bestehe, den Jungen zu bekommen?“

Malik kam sich vor wie ein Sklave auf einem orientalischen Basar, bei dem der Studienabschluss von Muskeln und Zähnen als Kriterium abgelöst worden war. „Kann ich kurz auf die Toilette?“, fragte er.

„Klar, gleich hier um die Ecke, zweite Tür rechts“, sagte Bart.

Malik machte seinen Gang, schaute sich um und registrierte hinter der Tür einen Bereich, der im toten Winkel der Kameras lag. Er nahm seinen Highcontroller, öffnete die Klappe für den Akku, griff in seine Jacke und setzte ein Miniaturteil hinter den Herzverteiler. Mal sehen, was über den Tag abgerufen, weitergegeben und gespeichert wurde. Später würde er sein Analysetool wieder herausnehmen und zu Hause auswerten.

Als er zurück in den Raum kam, waren alle außer Bart verschwunden. Malik nickte ihm freundlich zu. Er würde sich jetzt nicht mehr aufregen oder provozieren lassen, sondern in Ruhe seine kleine Studie betreiben. Dabei war es vor allem wichtig, nicht groß aufzufallen. Für einen S 100 sollte das aber kein Riesenproblem sein, sagte er sich. Als Erstes bekam er den Küchenbereich zu sehen, der riesig war. Es gab mehrere Anlieferungszonen, in denen frisches Obst und Gemüse, Fisch, Fleisch und Tofu in rauen Mengen eintrafen und von dort in begehbare Kühl- und Tiefkühlschränke wanderten. Dies war im Großen und Ganzen automatisiert, ebenso wie die Arbeitsinseln der Warmküche, auf denen gegart, gebraten und gedünstet wurde. „Um krebserregende Bestandteile zu minimieren. Das ist der Bereich, dem ich am meisten nachweine“, sagte Bart. „Es gibt aber ein paar wenige Ausnahmen, die zeig ich Ihnen gleich.“

Malik hatte das Gefühl, in einer Hotelanlage zu sein. Jetzt öffnete sich ein riesiger Raum. An den Seiten in mehreren Reihen befanden sich modern und schlicht gehaltene Tische und Sitzgruppen. Die Mitte durchzog ein großes Buffet, immer wieder durchbrochen von schmalen Kochzeilen. „Das ist einer Ihrer Arbeitsplätze“, sagte Bart.

Malik schaute seinen neuen Chef überrascht an. Vorsichtig merkte er an: „Ich bin aber kein Koch.“

„Das ist ganz einfach. Sie müssen den Leuten, die etwas frisch zubereitet haben möchten, ein paar Dinge zusammenstellen. Die Zeiten sind völlig automatisiert. Eine Digitalanzeige leitet Sie an, egal, was Sie anstellen“, sagte der Mittfünfziger. „Es geht nur darum, Hygieneregeln einzuhalten, und ums Gefühl.“

„Ums Gefühl?“ Malik war irritiert.

„Ich weiß, das klingt jetzt seltsam, aber die Kantine ist aus meiner Sicht so was wie die letzte Bastion eines Miteinanders. Gemeinsames Essen. Genuss. Hier finden wichtige Gespräche, Treffen und ein Austausch statt, auch jenseits von Arbeit“, sagte Bart.

Das erschien Malik doch etwas blauäugig zu sein, aber er sagte erst mal nichts. „Später zeig ich Ihnen auch noch das Businessrestaurant für besondere Anlässe und mach Sie mit Hedi, Hedwig Schwaderer, unserer guten Seele im Team, bekannt“, sagte sein Chef. „Aber jetzt müssen wir uns an die Arbeit machen. Wir bringen die Speisen nach vorne zum Buffet. Wenn Sie einen falschen Platz erwischen sollten, meldet sich der Advisor und spielt im Display ein, was Sie korrigieren müssen.“

„Wieso machen Sie das nicht auch maschinell?“, fragte Malik.

„Weil die Führungsleute Wert auf eine ruhige Atmosphäre legen, genauso wie auf die Möglichkeit, auch mal einen Mitarbeiter außerhalb ihrer Abteilung zu sprechen. Wenn Sie mich persönlich fragen, ist es die alte Angst vor der Übernahme der Maschinen“, meinte Bart, „hat mir meinen Arbeitsplatz erhalten.“

Das Einsortieren war wirklich unkompliziert, allerdings spürte Malik, obwohl die Behälter nicht sonderlich schwer waren, nach zwei Stunden durchaus seine Muskeln. Trotzdem hätte er nichts dagegen einzuwenden gehabt, die Tätigkeit bis Arbeitsende fortzusetzen, statt in den Bedien- und Kochmodus zu wechseln.

Small Talk war ihm zuwider, und hinzu kam seine seltsame Rolle als essenanreichender, luxuriöser Maschinenersatz. Was für eine Farce, wenn er bedachte, wie er hierhergekommen war. Auch er hatte auf einer Behandlung durch ein menschliches Gegenüber bestanden und war dafür verknackt worden.

„Seien Sie locker, reden Sie mit den Leuten, wenn die entsprechende Signale aussenden“, meinte sein Chef.

Malik seufzte.

„Schon gut, war nur so eine Idee. Wenn Fragen auftauchen, ich bin direkt hier in der nächsten Foodzone, winken Sie einfach, wenn was ist, ja?“, sagte Bart mit einem Lächeln.

Malik nahm in seiner Kochnische Aufstellung. Er war froh, zunächst nicht angesprochen zu werden, und verlegte sich aufs Beobachten. Nach kurzer Zeit konnte er bereits Typen bilden und versuchte dann, vorherzusehen, welcher seiner Kategorien die Führungskraft angehörte, die als Nächstes ans Buffet trat.

Die Optimierer verbrachten längere Zeit mit ihren Highcontrollern, riefen Daten einzelner Speisen ab und verglichen diese vermutlich mit Eckdaten ihres Konsums und Tagesprogramms.

Die Zwangsvariierer achteten darauf, immer etwas Neues auszuprobieren, und stürzten sich förmlich auf die exotischen Speisen. Sie bescherten ihm auch die ersten Zubereitungseinsätze: asiatische Heuschrecken kurz angebraten, Algenpopcorn, flambierte Tibetschnecken.

Dann gab es noch eine Fraktion, die wenig Wert aufs Essen legte, ihr Menü übersichtlich und lieblos gestaltete, aber sich dem Ritual oder den Kollegen verpflichtet fühlte. Malik nannte sie die Kostverächter.

Bislang lag seine Zuordnungsquote bei 90 Prozent. Dann tauchte eine Gruppe von vier Leuten auf, die auf seine Kochzone zusteuerte. Malik kniff die Augen zusammen. Bei dem Mann, der vorausschritt, handelte es sich um keinen Geringeren als Gerald Kronberg, den Konzernchef höchstpersönlich. Er war im Gespräch mit einem Mann, der ihm nur bis zum Kinn reichte, aber einen körperlich geschmeidigeren Eindruck machte. Eine Mischung aus Gepard und Frettchen, schoss es Malik durch den Kopf.

Hinter den beiden gingen zwei Frauen, eine hochgewachsene Dame mit dunklem Teint und ein schmales Persönchen. Ihre schwarzen, glatten Haare waren in einer Art Helmform geschnitten und wippten beim Gehen. Die dunkel umrandete Brille brachte den wachen Blick der jungen Frau gut zur Geltung.

Malik war schon gedanklich dabei, eine neue Kategorie aufzumachen, und fast enttäuscht, als sie dann doch ihren Highcontroller aus der Tasche holte. Im nächsten Moment musste die Frau heftig niesen, zog ein Taschentuch aus ihrem Jackett und verfiel in ein unterdrücktes Husten.

Das Gepardenfrettchen sah genervt nach hinten, so als wolle es sagen: Gib endlich Ruhe! Dann wandte es sich wieder Kronberg zu.

Malik freute sich, dass die Mitarbeiterin dies gar nicht mitbekam, weil sie wieder hustete. Sie ließ den Blick über die Salate schweifen, blieb bei den Artischocken hängen. Malik ging hinter seiner Theke an den beiden Männern vorbei.

„Soll ich Ihnen ein paar auf einen Teller tun?“, fragte er die junge Frau. Sie blinzelte, lächelte und nickte. „Sehr gerne.“

Wieder musste sie husten. Im selben Moment entglitt ihr der Highcontroller, landete auf der Kante der Schüssel mit dem Lollo rosso und tauchte zwischen den Blättern ab. Die Besitzerin wedelte noch kurz hinterher, griff sich an die Stirn und sah Malik grinsend an. „Mist, Mist, Mist. Tut mir total leid, bitte entschuldigen Sie.“

Malik war völlig baff, wie tief ihre Stimme klang, und fragte sich, wie viel dabei der Erkältung geschuldet war. Er schaute sich nach einem Salatbesteck um. Als er fündig geworden war, schob er das Grünzeug beiseite, lächelte und die Frau nahm sich ihr Gerät heraus.

„Ich wollte gerade diesen Salat, Sie glauben aber nicht, dass ich davon noch nehme, nachdem meine Teamassistentin ihre Bazillenschleuder da reinverfrachtet hat. Beschaffen Sie mal neuen, bitte“, sagte das Gepardenfrettchen.

Im nächsten Moment stand Bart bei ihm. „Wird sofort erledigt, bei dir ist mehr los“, sagte er und reichte der jungen Frau noch ein Abtrockentuch. „Für Madame Temme, mit besten Wünschen des Hauses.“

„Danke, Herr Krüger“, sagte sie und verbeugte sich leicht. Malik sah jetzt auch ihr Minidisplay am Revers, auf dem Suri Temme stand.

„Hören Sie, das ist alles ganz wunderbar, dass Sie so nett zueinander sind und meine arme, kleine Teamassistentin hier unterstützen und zurück in die Spur bringen möchten“, meinte ihr kleinwüchsiger Kollege. „Über die Sinnhaftigkeit dieses Ziels können wir uns gerne später einmal unterhalten, jetzt würde ich es begrüßen, wenn Sie mir das magere Rinderrückensteak kurz anbraten.“

Malik hatte Hemmungen, zu Suri zu sehen, tat es dann aber doch. Ihr Mundwinkel zuckte, ansonsten blieb ihre Miene ruhig, verriet nicht viel darüber, ob sie die Bemerkung verletzt hatte. Natürlich hatte sie das. Jeder wäre verletzt.

Wenn er jetzt ohne ein Wort dazu überging, den Typ zu bedienen, würde er sich schlecht gegenüber Suri fühlen. Er wollte aber unbedingt verhindern, auf sich aufmerksam zu machen, zumal Gerald Kronberg direkt neben ihm stand. Deshalb versuchte er einen Scherz, auch wenn er wusste, dass er nicht sonderlich gut darin war.

„Ich sagʼs ungern, aber Frau Temme hat hier Maßstäbe gesetzt“, sagte Malik. „Sie hat mit ihrem Highcontroller gewählt. Ich würde Sie bitten, sich da ein bisschen einzureihen.“

Suris Mundwinkel zuckte wieder, aber ihre Augen verrieten, wie gut ihr die Intervention tat. Das spornte Malik an.

„Sie können wahlweise auch einen anderen Gegenstand nehmen. Wenn wir jetzt konsequent dranbleiben, könnten wir vielleicht eine echte Challenge draus machen“, sagte Malik.

„Sind Sie übergeschnappt, Sie Pfeife? Kümmern Sie sich lieber darum, dass der Salat herwächst.“

„Ich würde keinen Salat essen. Wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, müssten Sie sich krankmelden oder von der Homezone aus arbeiten, um sich von Ihrer Kollegin nicht anstecken zu lassen. Wäre doch eine unglaubliche Frechheit, wenn sie das täte. Ich meine, als Chef hat man ja auch Verantwortung dem Betrieb, den Mitarbeitern und der Gesellschaft gegenüber, richtig?“, sagte Malik, weil er sich einfach nicht mehr zusammenreißen konnte.

„Sag mal, willst du dir eine einfangen?“, sagte das Gepardenfrettchen mit gepresster Stimme. Gerald Kronberg drehte sich jetzt nach ihnen um und fing an, zu lachen. „Komm, Hans, lass gut sein“, sagte er und tätschelte ihm die Schulter, wohl wissend, dass der sich fügen würde.

Dann musterte er Malik. Genau das hatte er tunlichst vermeiden wollen. Woran lag es, dass er sich immer wieder in Schwierigkeiten brachte?

„Ich muss zugeben, dass es nicht alle Tage vorkommt, vom Beikoch auf Personalfragen angesprochen zu werden“, sagte der Konzernchef. Geschickt ließ er offen, wie er Maliks Initiative einordnete. „Sie tragen kein Schild?“ Gerald Kronberg tippte sich an die Brust.

„Sie auch nicht“, hörte Malik sich sagen. Wieder lachte Kronberg, jetzt noch lauter. Wenn er nicht stehen würde, hätte er sich dabei noch auf die Schenkel geklopft, dachte Malik. Dann sah Kronberg ihn auffordernd an. Malik spürte förmlich, dass jetzt ein Punkt erreicht war, an dem die Stimmung völlig umschlagen konnte. Er zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Mein Name ist Malik Cerny, und ich bin heute den ersten Tag da.“

Gerald Kronberg nickte zufrieden. Jovial schob er hinterher: „Ich mag es, wenn Menschen ihre Meinung sagen, und wie in Ihrem Fall auch noch mit einem gewissen Esprit.“

Das Entscheidende waren die Feinheiten in der Formulierung, dachte Malik. Das Adjektiv gewiss beispielsweise. Es sollte ihm signalisieren, dass er es schon über den Durchschnitt geschafft hatte, aber für die Kür noch einiges fehlte. Im nächsten Moment registrierte er Barts erschreckten Gesichtsausdruck, der ihn wieder zurück auf den Boden holte.

„Sie glauben mir nicht, hab ich recht?“, sagte der Konzernchef jetzt und lächelte.

Malik konnte physisch spüren, dass Kronberg hochsensible Antennen hatte. Er war wirklich gut beraten, ihn nicht zu unterschätzen. Fast hatte er das Gefühl, dass beim Konzernchef so etwas wie Kampfeslust erwacht war. Malik konnte nur noch nicht genau greifen, wie er ihn aufs Glatteis führen oder welche Art von Arena er ihm eröffnen wollte. Doch in diesem Moment war ihm klar, dass ihn nur eine Art Unterwerfungsgeste retten konnte. Um Zeit zu gewinnen, sah Malik kurz zu Suri und lächelte. Doch auch in ihrem Blick zeichnete sich Nervosität und Unsicherheit ab. Hatte sie Angst um ihn? Wohl kaum nach einem Kennenlernzeitraum von drei Minuten. Trotzdem hätte er sich gefreut. Auch er brauchte Unterstützung, gestand er sich ein.

„Na gut, Suri, gehen Sie nach Hause, kurieren Sie sich aus“, sagte Gerald Kronberg.

„Aber …“

„Papperlapapp.“ Es fehlte nur noch eine Geste, mit der man lästige Fliegen verscheuchte. Suri war zum Nebenschauplatz geworden.

„Herr Cerny, erzählen Sie ein bisschen was über sich! Das ist Ihre Chance. Vielleicht komme ich ja zu dem Ergebnis, dass Sie an verantwortungsvollerer Stelle eingesetzt werden sollten.“

Aha, das war es also. Er würde ihn durch die Arbeit herausfordern, ihm eine Position anbieten, die ihn leicht überfordern würde. Für die man mehr als gewisse Qualitäten benötigte, und leider nicht bestehen konnte.

Das passte. Von dem, was er von Gerald Kronberg gehört und gelesen hatte, schätzte er ihn als krankhaft ehrgeizig und leistungsorientiert ein.

Malik atmete tief durch. Er verlangt es, gib es ihm, sagte er sich. Es muss gut gespielt und getimt sein. Er zögerte, kniff die Lippen nicht zusammen. Das war zu viel. Dann blickte er langsam zu ihm auf. „Herr Kronberg, das ist wirklich sehr freundlich, und ich schätze Ihr Angebot außerordentlich, aber ich bin leider nur zu Gast hier.“

„Was soll das heißen? Sind Sie im Praktikum?“, fragte der Konzernchef. Es zeichnete sich bereits eine leichte Enttäuschung in seiner Stimme ab.

„Nicht direkt, ich bin als S 100 hier.“ Malik vermied den Blickkontakt, schaute nach unten, sodass Kronberg keine Chance hatte, Gefühle abzulesen.

„Verstehe. Dafür lehnen Sie sich ja ganz schön aus dem Fenster, mein Guter.“

Maliks Nackenhaare stellten sich auf. Er hasste diesen gönnerhaften Ton, aber da musste er jetzt durch, das hatte er sich selbst eingebrockt. Er nickte langsam und hoffte, dass Kronberg die Geste akzeptierte.

Der Konzernchef stieß ein kurzes Lachen aus, schüttelte den Kopf und sagte: „Na, dann kommen Sie auf mich zu, wenn Sie Ihre Zeit abgeleistet haben, vielleicht lässt sich ja was machen, wenn Sie sich gut schlagen.“ Dann nahm er sich vom Salat und zog weiter.

Als Malik wieder aufblickte, stand Suri immer noch da. Im Gegensatz zum Konzernchef fühlte er ihr gegenüber nun allerdings eine deutliche Scham. Kronbergs letzter Triumph sozusagen.

4

Maliks Selbstbewusstsein schwand, gleichzeitig kämpfte er innerlich dagegen an. Jetzt stand er Suri als S 100 gegenüber. In ihren Kreisen galt das vermutlich schon als Kleinkrimineller. Wenn sie wüsste, was er mit Charlie manchmal trieb, konnte er die Sache sicher noch toppen und das Klein streichen. Aber warum scherte ihn das überhaupt? Sie war sowieso in einem anderen Kosmos unterwegs. Er verstand sich selbst nicht recht.

Sie lächelte ihn wieder an, nickte und nahm sich Lollo rosso, Tomaten, Artischockenherzen und von der Balsamicosauce.

„Können Sie mir bitte ein Stück von dem Nonnengansfleisch kurzbraten?“, sprach ihn eine ältere Mitarbeiterin von der Seite an.

„Ähh, ja. Sicher.“ Malik begann, nach der Schale mit dem Vogel zu suchen, von dem er noch nie gehört hatte. Er fragte sich, wer diese Tiere, die er hier in die Pfanne haute, überhaupt fing oder in Fallen lockte. Drohnen, hoch bezahlte Jäger oder Züchter? Drohnenhersteller mit großen halb legalen Jagdgebieten vermutlich.

Während er das Fleisch nach Displayaufforderung wendete, ließ er den Blick durch den Raum schweifen und entdeckte Suri an der linken Fensterseite. Sie saß etwas abgerückt von Gerald Kronberg, dem Gepardenfrettchen und weiteren Wichtigkeit ausdünstenden Führungskräften neben ihrer hochgewachsenen Kollegin und aß schweigend. Der Tisch leerte sich nach und nach. Dann stand auch Suris Kollegin auf, sprach kurz mit ihr. Malik sah auf den Highcontroller. Es war bereits 13.30 Uhr.

Bart kam zu ihm. „Sie können auch bald mal Pause machen. Um 15 Uhr bauen wir das Buffet um. Dann gibt’s Sandwiches, Kuchen, kleine Süßigkeiten und Kaffeespezialitäten.“

Er wollte sich gerade erkundigen, wie lange er eigentlich arbeiten musste, als sich Suris Kollegin an seinen Chef wandte. Malik sah auf ihr Minidisplay. Momoko Sandgruber. Österreichische Eltern mit einem Hang zur Ethnologie, schoss es ihm durch den Kopf.

„Herr Krüger, wir haben Frau Temme ein Drohnentaxi bestellt. Könnten Sie mich kurz begleiten? Ich würde Ihnen noch schnell ihren Mantel aus dem Büro mitgeben“, bat sie ihn.

Bart blinzelte, dann schüttelte er leicht den Kopf. „Das tut mir leid, Frau Sandgruber, aber ich kann hier nicht einfach weg.“

Malik fragte sich, warum sein Chef ablehnte. Wollte er nichts mit den Führungsleuten und ihrem Bereich zu tun haben?

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