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Die purpurnen Flüsse

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1. TEIL
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  1. 2. TEIL
  2. 7
  3. 8
  4. 9
  5. 10
  1. 3. TEIL
  2. 11
  3. 12
  4. 13
  5. 14
  6. 15
  7. 16
  1. 4. TEIL
  2. 17
  3. 18
  4. 19
  5. 20
  6. 21
  1. 5. TEIL
  2. 22
  3. 23
  4. 24
  5. 25
  6. 26
  7. 27
  8. 28
  9. 29
  1. 6. TEIL
  2. 30
  3. 31
  4. 32
  5. 33
  6. 34
  7. 35
  1. 7. TEIL
  2. 36
  3. 37
  4. 38
  5. 39
  6. 40
  1. 8. TEIL
  2. 41
  3. 42
  4. 43
  5. 44
  6. 45
  7. 46
  1. 9. TEIL
  2. 47
  3. 48
  4. 49
  5. 50
  1. 10. TEIL
  2. 51
  3. 52
  4. 53
  1. 11. TEIL
  2. 54
  3. 55
  4. 56
  1. 12. TEIL
  2. 57
  3. 58
  4. 59
  5. 60

Über das Buch

In der kleinen Universitätsstadt Guernon nahe Grenoble wird die grausam zugerichtete Leiche des Bibliothekars Rémy Callois entdeckt. Der ermittelnde Kommissar glaubt zunächst an einen Ritualmord, bis ganz in der Nähe ein weiterer Toter gefunden wird: der Krankenpfleger Philippe Sertys. Gezielt gelegte Spuren haben die Polizei zu ihm geführt.

Zur gleichen Zeit versucht ein Inspektor in einem französischen Provinznest, das rätselhafte Verschwinden eines zehnjährigen Schülers aufzuklären. Als sich herausstellt, dass beide Kriminalfälle in Zusammenhang stehen, beginnt eine fieberhafte Spurensuche. Bald ist klar, dass die zwei Toten keineswegs unschuldige Opfer waren, und die »purpurnen Flüsse« erweisen sich als Chiffre für ein furchtbares Verbrechen …

Über den Autor

Jean-Christophe Grangé, 1961 in Paris geboren, war als freier Journalist für verschiedene internationale Zeitungen (Paris Match, Gala, Sunday Times, Observer, El Pais, Spiegel, Stern) tätig. Für seine Reportagen reiste er zu den Eskimos, den Pygmäen und begleitete wochenlang die Tuareg. »Der Flug der Störche« war sein erster Roman und zugleich sein Debüt als französischer Topautor im Genre des Thrillers. Jean-Christophe Grangés Markenzeichen ist Gänsehaut pur. Frankreichs Superstar ist inzwischen weltweit bekannt für unerträgliche Spannung, außergewöhnliche Stoffe und exotische Schauplätze. Viele seiner Thriller wurden verfilmt. In Deutschland bereits erschienen sind seine Romane »Der Flug der Störche«, »Die purpurnen Flüsse«, »Der steinerne Kreis«, »Das Imperium der Wölfe«, »Das schwarze Blut« und »Das Herz der Hölle.«

1

»Ganamos! Ga-na-mos!«

Pierre Niémans, das Funkgerät in der Hand, beobachtete die Menschenmenge unter sich, die über die Betontreppen des Parc-des-Princes-Stadions abwärts drängte. Tausende erhitzter Köpfe, weißer Fahnen, grellbunter Schals, die ein schillerndes, vielfarbiges Band bildeten. Wie ein Konfettischauer. Oder eine Legion irrer Dämonen. Und immerfort diese drei Silben, langsam und ohrenbetäubend: »Ga-na-mos!«

Der Polizist stand auf dem Dach des Kindergartens gegenüber dem Stadion und leitete die Manöver der dritten und vierten Brigade der CRS, der republikanischen Sicherheitstruppen. Die Männer in Dunkelblau trugen schwarze Helme und Polycarbonat-Schilde zu ihrem Schutz. Es war die klassische Methode: zweihundert Männer zu beiden Seiten jeder Gruppe von Ausgängen und zusätzliche »Abschirmkommandos«, die dafür zu sorgen hatten, dass die Anhänger der beiden Mannschaften sich nicht nahe kamen oder aufeinandertrafen, ja sich nicht einmal gegenseitig wahrnahmen …

Für das Spiel Zaragoza-Arsenal in der Champions League 96, das einzige Match des Jahres, bei dem zwei nichtfranzösische Mannschaften in Paris gegeneinander antraten, waren mehr als vierzehnhundert Polizisten und Gendarmen mobilisiert worden. Ausweiskontrollen, Leibesvisitationen und Einkreisung der vierzigtausend Fans, die aus Spanien und England angereist waren. Hauptkommissar Pierre Niémans war einer der Koordinatoren der Manöver. Diese Art von Einsatz gehörte nicht zu seinen üblichen Aufgaben, doch er schätzte solche Übungen. Überwachung und Konfrontation, im wahrsten Sinn des Wortes. Ohne Ermittlungen, ohne bürokratische Vorschriften. Ein Gratisangebot, das er in gewisser Weise erholsam fand. Und er liebte das militärische Gepräge dieser vorrückenden Armee.

Die Fans waren inzwischen auf der ersten Ebene angelangt – man sah sie zwischen den Betonträgern der Konstruktion, oberhalb der Ausgänge H und G. Niémans warf einen Blick auf die Uhr. In spätestens vier Minuten waren sie draußen auf der Straße. Dann wurde es gefährlich: Wenn die verfeindeten Fans sich begegneten, konnte die Situation außer Kontrolle geraten. Die Oktobernacht vibrierte vor Spannung.

Zwei Minuten. Instinktiv drehte Niémans sich um und sah in der Ferne die Place de la Porte de Saint-Cloud. Völlig menschenleer. Wie beunruhigende Totempfähle erhoben sich die drei Fontänen in die Nacht. Entlang der Avenue reihten sich die Mannschaftswagen der CRS aneinander, und die Männer standen daneben, die Helme an den Gürtel geschnallt, ließen die Schultern kreisen und klopften sich mit dem Schlagstock an die Beine. Die Reservebrigaden.

Das Getöse schwoll an. Die Menge strömte zwischen den Absperrgittern hindurch. Niémans konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen: Das war es, was er suchte. Wie eine Woge quollen die Menschen auf die Straße. Schrille Fanfarenstöße erhoben sich über das Stimmengewirr. Ein Donnergrollen ließ jeden Zwischenraum im Beton erbeben. »Ga-na-mos! Ga-na-mos!« Niémans schaltete sein Funkgerät ein und sprach mit Joachim, dem Chef der Kompanie Ost.»Hier Niémans. Sie kommen raus. Lenken Sie sie in Richtung Mannschaftswagen, Boulevard Murat, Parkplätze, Métroeingänge.«

Von seinem erhöhten Standort aus schätzte der Polizist die Lage ein: Auf dieser Seite war das Risiko minimal. Die spanischen Fans waren die Sieger, folglich weniger gefährlich. Die Engländer verließen das Stadion auf der gegenüberliegenden Seite durch die Ausgänge A und K, bei der Boulogne-Tribüne – der Tribüne der wilden Tiere. Sobald die Situation hier überschaubar war, nahm Niémans sich vor, wollte er einen Blick auf die andere Seite werfen.

Im Licht der Straßenlaternen sah er über der Menge plötzlich eine Flasche fliegen, sah, wie ein Schlagstock niederging, die dichten Reihen zurückwichen, Männer zu Boden fielen. Er brüllte ins Funkgerät: »Joachim, verdammt! Halten Sie Ihre Leute zurück!«

Niémans stürzte ins Treppenhaus und rannte die acht Stockwerke hinunter. Als er unten aus dem Gebäude kam, liefen schon zwei CRS-Trupps herbei, bereit, die Hooligans in Schach zu halten. Auf keinen Fall durfte dieser Zwischenfall das Pulverfass zur Explosion bringen. Niémans rannte vor den bewaffneten Männern her und schwenkte stürmisch beide Arme. Die Schlagstöcke waren wenige Meter von seinem Gesicht entfernt, als unversehens Joachim neben ihm auftauchte, den Helm auf dem Kopf festgeschnallt: Er klappte das Visier auf und warf Niémans einen wutentbrannten Blick zu.

»Gott im Himmel, sind Sie bescheuert, oder was? In Zivil – die machen Sie fertig …«

Niémans ignorierte die Frage.

»Was ist das für eine Scheiße? Halten Sie Ihre Männer in Schach, Joachim! Sonst ist hier in drei Minuten die Hölle los.«

Der stämmige Hauptmann keuchte, sein Gesicht war hochrot, und sein kleiner Schnauzbart, Modell Jahrhundertwende, erzitterte unter den stoßweisen Atemzügen. Das Funkgerät meldete sich: »Aufruf an alle Einheiten … Aufruf an alle Einheiten … Die Boulogne-Kurve … Rue du Commandant-Guilbaud … Ich … Wir haben hier ein Problem!« Niémans fixierte Joachim, als wäre der allein an dem allgemeinen Chaos schuld. Er drückte auf den Sprechknopf: »Niémans hier. Wir kommen.« Dann befahl er dem Hauptmann in beherrschtem Ton: »Ich gehe hinüber. Schicken Sie so viele Männer wie möglich. Und riegeln Sie hier ab.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, hastete der Kommissar davon, auf der Suche nach dem Rekruten, der ihm als Fahrer zugeteilt war. Mit langen Schritten überquerte er den Platz und sah aus dem Augenwinkel, wie die Kellner der Brasserie des Princes hastig das eiserne Rollgitter herunterließen. Panik lag in der Luft.

Endlich entdeckte er den dunkelhaarigen kleinen Mann mit Lederjacke, der neben einer schwarzen Limousine auf und ab ging. Niémans schlug mit der Faust auf das Verdeck des Wagens und brüllte: »Schnell! Die Boulogne-Kurve!«

In derselben Sekunde sprangen die beiden Männer in den Wagen und fuhren mit quietschenden Reifen davon. Links neben dem Stadion bog der Rekrut ab, um auf dem freigehaltenen Sicherheitsstreifen den Ausgang K auf dem kürzesten Weg zu erreichen.

Doch Niémans hatte eine jähe Eingebung. »Nein«, schnaubte er, »fahr außen herum. Die Schlägerei wird auf uns zukommen.«

Der Wagen vollführte eine Kehrtwendung, schlitterte durch die Pfützen rund um die Wasserwerfer, die sich zur Niederschlagung eines Aufruhrs bereithielten, und raste durch die schmale Schneise zwischen den grauen Mannschaftswagen die Avenue du Parc-des-Princes entlang. Die behelmten Männer, die in dieselbe Richtung liefen, wichen zur Seite, ohne einen Blick auf sie zu werfen. Niémans hatte das magnetische Blaulicht aufs Dach geheftet. Nach dem Gelände des Claude-Bernard-Gymnasiums bog der Rekrut nach links ab, umrundete die Auteuil-Tribüne und folgte der dritten Flanke des Stadions.

Als Niémans die ersten Gaswolken aufwallen sah, fühlte er sich bestätigt: Der Zusammenstoß hatte sich bereits bis zur Place de l’Europe ausgeweitet.

Der Wagen durchquerte die weißlichen Schwaden und musste sich durch die ersten flüchtenden Opfer kämpfen. Die Schlägerei war unmittelbar vor der Präsidententribüne ausgebrochen. Männer mit Krawatten, herausgeputzte Frauen liefen stolpernd davon, die Gesichter tränenüberströmt. Manche versuchten, auf die Straße zu entkommen, während andere in Richtung Galerie flohen und die Stufen wieder hinaufrannten.

Mit einem Satz sprang Niémans aus dem Wagen. Auf dem Platz prügelte sich eine geballte Masse ineinander verkeilter, um sich schlagender Leiber. Hin und wieder blitzten die grellen Farben der englischen Mannschaft auf, dazwischen waren die dunklen Gestalten der CRS zu erkennen, von denen manche blutend über den Boden krochen wie Schnecken; andere hingegen hielten sich abseits und wagten nicht, die Anti-Riot-Gewehre einzusetzen, um ihre verletzten Kollegen nicht zu gefährden.

Der Kommissar nahm die Brille ab und band sich ein Tuch vors Gesicht. Er trat auf den nächststehenden CRS-Mann zu und entriss ihm den Schlagstock, während er ihm mit der anderen Hand seinen Dienstausweis unter die Nase hielt. Der Mann starrte ihn verdattert an; Dunst beschlug das Visier seines Helms.

Pierre Niémans lief auf das Handgemenge zu. Die englischen Fans schlugen mit Fäusten und Stangen, traten mit eisenbewehrten Absätzen, und die CRS-Trupps wichen zurück und versuchten, ihre eigenen Leute zu schützen, die bereits zu Boden gegangen waren. Arme fuchtelten, Gesichter streiften einander im Gasdunst, Kieferknochen zersplitterten auf dem Asphalt. Schlagstöcke wurden geschwungen und bogen sich unter der Wucht des Aufpralls.

Der Polizist stürzte sich ins Gewühl.

Er prügelte mit der Faust, mit dem Stock. Mähte einen stämmigen Kerl nieder und schlug weiter, als sein Gegner schon auf dem Boden lag. In die Rippen, in den Unterleib, ins Gesicht. Plötzlich traf ihn ein Fußtritt von rechts, und er richtete sich brüllend auf. Sein Stock fuhr gegen die Kehle des Angreifers. Unter seiner Schädeldecke hämmerte das Blut, sein Mund fühlte sich taub an und schmeckte nach Metall. Er dachte nichts mehr, empfand nichts mehr. Er war im Krieg, das war das Einzige, was er wusste. Aus dem Augenwinkel bemerkte er plötzlich eine merkwürdige Szene. In hundert Metern Entfernung nahmen zwei Hooligans einen Mann in Zivil in die Mangel, der bereits übel zugerichtet war und sich heftig wehrte. Niémans sah das blau geschlagene Gesicht des Fans, die mechanischen Bewegungen der anderen, die vor Hass bebten. Nach einer weiteren Sekunde hatte Niémans begriffen: Der Einzelkämpfer und die beiden anderen trugen auf ihren Jacken die Abzeichen verfeindeter Clubs.

Eine Abrechnung.

Bis Niémans die Situation überblickte, war das Opfer seinen Angreifern entkommen und floh in die Rue Nungesser-et-Coli. Die beiden Schläger hefteten sich an seine Fersen. Niémans ließ seinen Stock fallen, bahnte sich einen Weg durchs Gewühl und lief den dreien hinterher.

Die Verfolgung begann.

Niémans rannte die stille Straße entlang, gleichmäßig atmend, und verkleinerte rasch den Abstand zu den beiden Verfolgern, die ihrerseits ihrer Beute nachsetzten.

Sie bogen nach rechts ab und hatten bald das vollständig ummauerte Molitor-Bad erreicht. Inzwischen hatten die Angreifer ihr Opfer eingeholt. Niémans kam in Sichtweite der Place de la Porte Molitor über der Unterführung des Umgehungsrings und traute seinen Augen nicht: Einer der beiden hatte ein Klappmesser gezogen.

Im grünlichen Licht der Straßenbeleuchtung sah Niémans die Klinge aufblitzen – gnadenlos stach sie auf den Mann ein, der in die Knie gebrochen war und bei jedem Stich zusammenzuckte. Kurz darauf hoben die Angreifer den nun leblosen Körper auf und hievten ihn auf das Geländer.

»Nein!«

Niémans brüllte auf und zückte im selben Moment seinen Revolver. Er lehnte sich gegen einen geparkten Wagen, stützte die rechte Faust in die linke Handfläche und zielte mit angehaltenem Atem. Der erste Schuss. Daneben. Der Messerstecher drehte sich verdutzt um. Ein zweiter Schuss. Wieder daneben.

Niémans begann wieder zu laufen, die Waffe in Kampfposition an den Schenkel gedrückt. Er war erbost: Zweimal hatte er sein Ziel verfehlt. Ohne Brille war er ungefähr so gefährlich wie eine Seifenblase. Als er die Brücke erreichte, hatte sich der Mann mit dem Messer bereits seitwärts in die Büsche geschlagen, während sein Komplize so verschreckt war, dass er sich nicht von der Stelle rührte. Niémans schlug ihm mit dem Kolben des Revolvers gegen die Kehle, schleppte ihn an den Haaren zu einem Verkehrsschild und fesselte ihn mit Handschellen an den Pfosten. Erst dann beugte er sich über die Brüstung und schaute auf die Straße hinunter.

Der Körper des Opfers lag zerschmettert auf der Fahrbahn, und mehrere Autos hatten ihn überrollt, ehe eine Reihe von Autounfällen den Verkehr völlig zum Erliegen gebracht hatte. Ineinander verkeilte Wagen, zerbeultes Blech … Der Stau löste ein wildes Hupkonzert aus. Im Scheinwerferlicht sah Niémans einen Fahrer, der schwankend neben seinem Wagen stand, beide Hände vors Gesicht geschlagen.

Der Kommissar richtete den Blick über den Umgehungsring und sah den Mörder mit seiner farbigen Armbinde durchs Dickicht hasten. Auf der Stelle rannte Niémans wieder los; im Laufen steckte er seine Waffe ein.

Durch die Bäume warf der Killer immer wieder einen raschen Blick über die Schulter. Der Polizist ging nicht in Deckung: Der Mann sollte ruhig wissen, dass er verfolgt wurde. Er sollte wissen, dass Hauptkommissar Pierre Niémans ihm an den Kragen wollte. Mit einem Haken seitwärts erklomm der Hooligan eine Böschung und verschwand. Doch das Geräusch von Schritten auf Kies verriet Niémans, dass er sich durch die Gärten von Auteuil davonmachte.

Der Kommissar lief denselben Hang hinauf und sah die endlose graue Kiesfläche des Parks, matt schimmernd im Widerschein der Großstadtnacht. Er rannte an den Gewächshäusern entlang, und am anderen Ende entdeckte er die Gestalt, die in dem Moment über eine Mauer kletterte. Er nahm Anlauf, und weil er sehr viel größer war, bezwang er das Hindernis auf Anhieb.

Das Tennisstadion Roland-Garros.

Die Gittertore zwischen den Plätzen waren nicht verriegelt, und so gelangte der Killer mühelos von einem Tennisplatz zum nächsten. Niémans riss ein Tor auf und überquerte den roten Sand. Der Mann fünfzig Meter vor ihm wurde bereits langsamer und verriet deutliche Anzeichen von Erschöpfung. Inzwischen war er bei der Treppe zwischen den Sitzreihen angelangt und stolperte hinauf. Niémans lief ihm nach, doch er erklomm die Stufen rasch und geschmeidig, kaum außer Atem. Es fehlten nur noch wenige Meter, als der Schatten vor ihm vom oberen Rand der Tribüne ins Leere sprang.

Niémans beugte sich über die Brüstung und sah, dass der Mann auf dem Dach eines Privathauses gelandet war und gleich darauf verschwand. Der Kommissar trat einen Schritt zurück und stürzte sich ebenfalls in die Tiefe. Auf einer bekiesten Dachterrasse kam er auf. Unter ihm Rasen, Bäume, Stille.

Von dem Mörder keine Spur.

Der Polizist ließ sich von der Terrasse fallen und rollte sich im feuchten Gras ab. Es gab nur zwei Möglichkeiten: das Hauptgebäude, von dessen Dach er gesprungen war, und ein weitläufiges Holzgebäude am Ende des Gartens. Er zückte seinen MR 73 und lehnte sich gegen die Tür direkt hinter ihm. Sie bot keinen Widerstand.

Der Kommissar ging ein paar Schritte, dann hielt er verblüfft inne. Er stand in einer marmornen Halle. An der Stirnseite prangte eine Steinplatte mit einer Inschrift in unbekannten Lettern, und eine Treppe mit vergoldetem Geländer führte in die Dunkelheit der oberen Stockwerke hinauf. Tapeten aus kaiserlich rotem Samt erstreckten sich im Schatten, überdimensionale Vasen schimmerten feierlich … Niémans begriff, dass er anscheinend in eine asiatische Botschaft eingedrungen war. Hier wehte der Geruch der Steppe.

Im selben Moment hörte er draußen ein gedämpftes Geräusch. Der Mörder war im anderen Gebäude. Niémans überquerte geduckt den Rasen und hatte bald den aus Holzlatten gezimmerten Schuppen erreicht. Die Tür pendelte noch hin und her. Er trat ein, ein Schemen in der Finsternis, und sah sich verblüfft um: Es war ein Stall mit fein ziselierten Boxen, in denen kleine Pferde mit kurzer Mähne standen.

Bebende Pferderücken, raschelndes Stroh. Pierre Niémans ging vorwärts, die Waffe in der Hand, vorbei an einer, zwei, drei Boxen … Ein dumpfer Laut zu seiner Rechten. Er fuhr herum, doch es war nur ein stampfender Huf. Links ein Schnauben. Wieder drehte er sich um. Zu spät – die Klinge sauste herab. Niémans wich im letzten Augenblick aus. Das Messer streifte seine Schulter und fuhr in die Kruppe eines Pferds, das sofort ungestüm ausschlug: Das Hufeisen traf den Killer mitten ins Gesicht. Der Polizist nahm seinen Vorteil wahr, warf sich auf seinen Gegner, drehte den Revolver um und benutzte den Kolben als Hammer.

Er drosch auf den Mann ein, schlug, schlug, dann hielt er jäh inne und starrte auf das blutige Gesicht. Zwischen Fleischfetzen ragten Knochenteile hervor, ein Augapfel hing nur noch an einem Faserstrang. Der Mann, der noch immer die Mütze in den Vereinsfarben trug, rührte sich nicht mehr. Niémans packte wieder seine Waffe, umklammerte den blutigen Kolben mit beiden Händen und stieß den Lauf in den aufgeplatzten Mund des Mannes. Er spannte den Hahn, schloss die Augen und wollte schießen … als ein schrilles Signal ertönte.

In seiner Tasche läutete das Mobiltelefon.

2

Im Hauptquartier der Kriminalpolizei des Innenministeriums, in den neuen und symmetrischen Straßen des Viertels Nanterre-Préfecture, brannte drei Stunden später eine vereinzelte kleine Lampe. Es war ein grelles, aber konzentriertes Licht mit sehr kleiner Abmessung und leuchtete niedrig, beinahe unmittelbar über dem Schreibtisch von Antoine Rheims, der im Schatten saß. Ihm gegenüber, außerhalb des Lichtkreises, ragte die hohe Gestalt von Pierre Niémans auf. Lakonisch hatte er eine Zusammenfassung seines schriftlichen Berichts über die Verfolgungsjagd im Bois de Boulogne vorgetragen.

Rheims war skeptisch. »Wie geht es dem Mann?«, fragte er.

»Dem Engländer? Koma. Zahlreiche Brüche der Gesichtsknochen. Er liegt im Hôtel-Dieu. Ich habe gerade dort angerufen: Sie wollen eine Hauttransplantation im Gesicht versuchen.«

»Und was ist mit dem Opfer?«

»Von mehreren Autos überfahren. Auf dem Ring, Höhe Porte Molitor.«

»Jesusmaria. Erzähl mir genau, was passiert ist.«

»Es war eine Abrechnung zwischen Hooligans. Unter den Anhängern von Arsenal waren zwei von Chelsea. Sie nutzten den allgemeinen Aufruhr, um ihren Feind niederzustechen.«

Rheims nickte ungläubig. Nach kurzem Schweigen fragte er: »Und dein Opfer? War es tatsächlich ein Huftritt, der den Mann so zugerichtet hat?«

Niémans gab keine Antwort, sondern stand auf und trat ans Fenster. Im fahlen Mondlicht waren die seltsamen pastellfarbenen Motive auf den Fassaden der benachbarten Gebäude zu erkennen: Wolken und Regenbogen, die über den dunkelgrünen Hügeln des Parks von Nanterre schwebten.

»Ich versteh dich nicht, Pierre«, fuhr Rheims fort. »Warum lässt du dich auf solche Geschichten ein? Deine Aufgabe war die Überwachung des Stadions – wirklich, ich …«

Er brach ab. Niémans schwieg beharrlich.

»Du bist allmählich zu alt dafür«, fing Rheims wieder an. »Und außerdem nicht zuständig. Unser Abkommen war klar: kein persönliches Eingreifen, keine Gewaltakte …«

Niémans drehte sich um und ging auf seinen Vorgesetzten zu. »Komm zur Sache, Antoine. Warum hast du mich mitten in der Nacht herbestellt? Als du mich angerufen hast, konntest du noch gar nicht wissen, was im Park passiert ist. Also, worum geht’s?«

Die Schattengestalt saß reglos da. Breite Schultern, leicht gekräuselte graue Haare, ein Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Das Aussehen eines Leuchtturmwärters. Der Sektionschef leitete seit mehreren Jahren die Zentrale Dienststelle zur Bekämpfung des Menschenhandels, OCRTEH genannt – ein recht komplizierter Name, der lediglich eine übergeordnete Instanz der Sittenpolizei bezeichnete. Niémans hatte ihn schon vor vielen Jahren kennengelernt, lange bevor Rheims seine Herrschaft über dieses administrative Reich angetreten hatte, als sie beide noch Streifenpolizisten gewesen waren, Patrouillengänger, schnell und schlagkräftig.

Niémans beugte sich nieder und wiederholte: »Worum geht es?«

Rheims schnaubte. »Um einen Mord.«

»In Paris?«

»Nein, in Guernon. Einer Kleinstadt im Isère, in der Nähe von Grenoble. Einer Universitätsstadt.«

Niémans packte einen Stuhl und setzte sich dem Abteilungsleiter schräg gegenüber. »Ich höre.«

»Sie haben die Leiche gestern am späten Nachmittag gefunden. Eingeklemmt zwischen Felsen über einem Fluss, der am Campus entlangführt. Alles deutet darauf hin, dass es sich um die Tat eines Wahnsinnigen handelt.«

»Was weißt du über die Leiche? Ist es eine Frau?«

»Nein. Ein Mann. Ein junger Bursche. Offenbar der Bibliothekar der Uni. Die Leiche war nackt und zeigt Folterspuren: Schnitte, Risse, Verbrennungen … Sie sei außerdem stranguliert worden, heißt es.«

Niémans stützte die Ellenbogen auf den Schreibtisch. Schob einen Aschenbecher hin und her.

»Und warum erzählst du mir das?«

»Weil ich vorhabe, dich hinzuschicken.«

»Was? Wegen diesem Mord? Die Kripo von Grenoble wird den Mörder innerhalb einer Woche verhaften, und …«

»Pierre, red keinen Unsinn. Du weißt sehr gut, dass es nie so einfach ist. Nie. Ich habe mit dem Untersuchungsrichter gesprochen. Er will einen Spezialisten.«

»Einen Spezialisten wofür?«

»Für Mord. Und Sitten. Er vermutet ein sexuelles Motiv oder irgendwas von der Art.«

Niémans reckte den Hals zum Licht und spürte die sengende Hitze der Halogenlampe.

»Antoine, du verschweigst mir doch was.«

»Der Richter ist Bernard Terpentes. Ein alter Kumpel. Wir sind beide aus den Pyrenäen, er und ich. Er regt sich ziemlich auf, kapierst du? Er will natürlich nicht, dass die Sache Wellen schlägt, will den Medienrummel und den ganzen Mist möglichst vermeiden. In ein paar Wochen fängt das Semester wieder an, und bis dahin muss die Sache abgeschlossen sein. Das brauche ich dir ja nicht eigens zu erklären.«

Der Hauptkommissar stand auf und kehrte zum Fenster zurück. Er musterte die leuchtenden Stecknadelköpfe der Straßenlaternen in der Ferne, die dunklen Kuppeln der Bäume im Park. In seinen Schläfen hämmerte noch die Gewalt der vergangenen Stunden: die Messerstiche, der Mord auf dem Umgehungsring, die Verfolgungsjagd durch Roland-Garros. Zum tausendsten Mal dachte er, dass ihn der Anruf von Rheims vermutlich daran gehindert hatte, einen Menschen umzubringen. Er grübelte über diese Anfälle unkontrollierbarer Gewalttätigkeit nach, die sein Gewissen ausschalteten und jeden Begriff von Zeit und Raum tilgten, sodass er zum Schlimmsten fähig war.

»Und?«, fragte Rheims.

Niémans drehte sich um und lehnte sich an den Fensterrahmen. »Seit vier Jahren habe ich keine Ermittlungen dieser Art mehr durchgeführt. Wieso willst du mir diesen Fall anvertrauen?«

»Weil ich einen tüchtigen Mann brauche, einen, der durchgreifen kann. Und du weißt, dass das Zentralbüro jeden seiner Mitarbeiter abordnen und an jeden beliebigen Ort in Frankreich schicken kann.« Seine breiten Hände gestikulierten im Zwielicht. »Diese kleine Macht nutze ich aus.«

Niémans lächelte.

»Du lockst den Wolf aus seiner Höhle.«

»Genau, ich locke den Wolf aus seiner Höhle. Für dich ist das ein frischer Wind, und ich erweise damit einem alten Freund einen Gefallen. Zumindest wirst du inzwischen niemanden verprügeln …«

Rheims griff nach den Faxblättern, die eingerollt auf seinem Schreibtisch lagen.

»Die ersten Ergebnisse der Gendarmen. Nimmst du an oder nicht?«, fragte er.

Niémans trat an den Schreibtisch und strich über das Thermopapier.

»Ich ruf dich an«, sagte er. »Um zu hören, was das Krankenhaus sagt.«

Von der Rue des Trois-Fontanot kehrte Niémans sofort nach Hause zurück. Er bewohnte ein weitläufiges, nahezu leeres Appartement mit gebohnertem Parkett in der Rue La Bruyère im neunten Arrondissement. Er stellte sich unter die Dusche, versorgte seine Wunden – die nur oberflächlich waren – und musterte sich im Spiegel. Kantige, gefurchte Züge. Kurz geschorene Haare, grau und glänzend. Eine Brille mit Metallrahmen. Niémans lächelte seinem Spiegelbild zu. Einer Visage wie dieser würde er in einer menschenleeren Straße nicht gern begegnen.

Er stopfte ein paar Kleidungsstücke in eine Sporttasche, zwischen Hemden und Socken schob er eine Remington-Pumpgun Kaliber 12, eine Schachtel Patronen und ein paar Schnellader für seinen Manurhin. Zuletzt holte er den Kleidersack hervor und legte zwei Winteranzüge und mehrere grellbunt gemusterte Krawatten hinein.

Auf dem Boulevard de Clichy blieb er vor einem McDonald’s-Lokal stehen, das durchgehend geöffnet hatte, und schlang zwei Cheeseburger in sich hinein, ohne seinen Wagen aus den Augen zu lassen, den er in zweiter Reihe abgestellt hatte. Drei Uhr morgens. Im weißlichen Neonlicht schlurften vertraute Schemen durch den schmierigen Saal. Schwarze in viel zu weiten Klamotten, Prostituierte mit langen jamaikanischen Zöpfen, Drogensüchtige, Obdachlose, Säufer. Alle diese Wesen stammten aus seiner einstigen Welt: dem Universum der Straße. Diesem Universum, das Niémans für einen Bürojob hatte aufgeben müssen, einen gut bezahlten und angesehenen Posten. Für jeden anderen Polizisten wäre die Versetzung in die Zentrale Dienststelle eine Beförderung. Für ihn bedeutete es, dass er nun zum alten Eisen gehörte – er saß in einem goldenen Käfig und fühlte sich tief gedemütigt. Er warf einen letzten Blick auf die zwielichtigen Gestalten. Diese Erscheinungen waren die Bäume in seinem Wald gewesen, seinem einstigen Jagdrevier.

Niémans fuhr ohne Pause durch, mit Fernlicht und ohne auf Radarfallen und Geschwindigkeitsbeschränkungen zu achten. Um acht Uhr morgens verließ er die Autobahn an der Ausfahrt Grenoble. Er durchquerte Saint-Martin-d’Hères, Saint-Martin-D’Urriage und fuhr weiter in Richtung Guernon, der kleinen Stadt am Fuß des steilen Gipfels Belledonne. Entlang der gewundenen Straße wechselten Nadelwälder mit Gewerbegebieten. Hier herrschte diese leicht morbide Stimmung, wie immer außerhalb der Großstadt, wenn es der Landschaft nicht mehr gelingt, ihre tiefe Einsamkeit hinter den Schönheiten der Natur zu verbergen.

Der Kommissar fand die ersten Wegweiser zur Universität. In der Ferne zeichneten sich die hohen Bergkämme im milchigen Licht des stürmischen Morgens ab. Hinter einer Kurve, am Grund des Tals, entdeckte er dann die Universität: eine Ansammlung großer moderner Gebäude, Blöcke aus Stahlbeton, auf allen Seiten umgeben von langen Rasenflächen. Niémans dachte an ein Sanatorium, einen Komplex von der Größe einer Kreisstadt.

Er bog von der Nationalstraße ab und fuhr ins Tal hinunter. An den Felsen im Westen sah er Wasserfälle und Bachläufe, die sich miteinander vereinigten und wieder trennten und die dunklen Flanken der Berge mit silbrigen Spuren überzogen. Niémans fuhr langsamer: Er schauderte, als er auf dieses eisige Wasser starrte, das senkrecht in die Tiefe stürzte, sich unter Gestrüpp verbarg, um gleich wieder aufzutauchen, grellweiß, und von Neuem zu verschwinden …

Niémans entschloss sich zu einem kleinen Umweg. Er bog in einen Feldweg ein, fuhr eine Weile unter einem Gewölbe aus Lärchen und Tannen dahin, auf denen der Morgentau glitzerte, und gelangte schließlich zu einer weiten Ebene, die von hohen schwarzen Felswänden gesäumt war.

Er hielt an, stieg aus und griff nach seinem Fernglas. Lange suchte er die Landschaft ab: Er hatte den Fluss aus dem Blick verloren.

Doch bald begriff er, dass der Wasserlauf, in der Talsohle angekommen, offensichtlich direkt hinter der Felswand floss. Hinter etlichen Einschnitten im Stein konnte er ihn sogar ahnen.

In diesem Moment fiel ihm ein anderes Detail auf, und er spähte angestrengt durch das Fernglas. Nein, er hatte sich nicht getäuscht. Er kehrte zum Wagen zurück, ließ den Motor an und fuhr auf die Schlucht zu. In einer Felsspalte hatte er das neongelbe Absperrband entdeckt, wie es die Gendarmerie benutzt:

BETRETEN VERBOTEN.

3

Durch die Felsspalte fuhr Niémans in die Schlucht, wo sich ein schmaler, gewundener Pfad abzeichnete. Doch er kam nicht weit, denn die Wände rückten eng zusammen, für eine Limousine war der Weg bald zu schmal. Er stieg aus, duckte sich unter der Plastikabsperrung hindurch und ging zum Fluss.

Der Wasserlauf wurde hier durch einen natürlichen Damm gestaut. Niémans hatte einen sprudelnden und schäumenden Wildbach erwartet, doch vor ihm lag ein kleiner Teich, klares, besänftigtes Wasser. Wie ein Gesicht, aus dem auf einmal aller Zorn gewichen ist. Rechter Hand, ein Stück weiter abwärts, wurde aus dem Teich wieder ein Fluss, der vermutlich die Stadt durchquerte: Trüb und grau lag sie in der Talsenke.

Niémans blieb jäh stehen. Links von ihm war schon jemand, ein Mann, der am Wasser kauerte. Mit reflexartiger Geste öffnete Niémans den Klettverschluss an seinem Holster, und dabei klirrten leise die Handschellen. Der Mann drehte sich um und begann sofort zu lächeln.

»Was machen Sie da?«, fragte Niémans barsch.

Der Fremde lächelte weiter, ohne zu antworten, stand auf und wischte sich die Hände ab. Es war ein junger Mann mit feinen Gesichtszügen und blonden Haaren, die wie die Borsten eines Pinsels von seinem Kopf abstanden. Lederjacke und Bundfaltenhose. Mit heller Stimme gab er zurück: »Und Sie?«

Dieser Anflug von Dreistigkeit entwaffnete Niémans. In mürrischem Ton antwortete er: »Polizei. Haben Sie die Absperrung nicht gesehen? Sie haben hoffentlich einen guten Grund, die Absperrung zu verletzen, denn …«

»Eric Joisneau, Kripo Grenoble. Ich bin sozusagen als Aufklärer hier. Im Lauf des Tages kommen drei weitere Beamte.« Niémans trat neben ihn an den schmalen Uferstreifen. »Wo sind die Wachen?«, fragte er.

»Ich habe ihnen eine halbe Stunde freigegeben. Damit sie frühstücken können.« Er zuckte unbekümmert die Achseln. »Ich hatte hier zu tun und wollte ungestört sein … Kommissar Niémans.«

Der grauhaarige Polizist zuckte zusammen. In selbstsicherem Ton fuhr der junge Mann fort: »Ich habe Sie gleich erkannt. Pierre Niémans. Ehemaliger Star des RAID. Ehemaliger Kommissar der BRB. Ehemaliger Mörder- und Dealerjäger. Mit anderen Worten: ehemaliger Tausendsassa …«

»Steht Frechheit inzwischen auf dem Lehrprogramm für Polizeiinspektoren?«

Joisneau verbeugte sich mit ironischer Pose: »Entschuldigen Sie, Herr Kommissar. Ich versuche nur, den Heiligen vom Sockel zu holen. Sie wissen doch, dass Sie ein Star sind, der Superbulle, der in den Träumen sämtlicher Junginspektoren herumgeistert. Sind Sie wegen des Mordes hier?«

»Weshalb denn sonst?«

Joisneau verbeugte sich erneut. »Es wird mir eine Ehre sein, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.«

Niémans starrte auf die spiegelglatte Wasserfläche vor seinen Füßen, die im Morgenlicht gläsern wirkte. Ein jadegrünes Leuchten schien aus der Tiefe emporzusteigen.

»Sag mir, was du über den Mord weißt.«

Joisneau hob den Blick zur Felswand. »Die Leiche war dort oben eingeklemmt.«

»Dort oben?«, wiederholte Niémans und musterte die Wand, in der jäh vorspringende Felsnasen scharfe Schatten warfen.

»Ja. In fünfzehn Metern Höhe. Der Mörder hat die Leiche in eine Felsspalte geklemmt, noch dazu in einer höchst sonderbaren Haltung.«

»Das heißt?«

Joisneau kauerte sich nieder, legte das Kinn auf die Knie und kreuzte die Arme vor seinem Oberkörper.

»In Fötalposition.«

»Außergewöhnlich.«

»An diesem Fall ist alles außergewöhnlich.«

»Es war die Rede von bestimmten Wunden, von Verbrennungen«, sagte Niémans.

»Ich habe die Leiche noch nicht gesehen. Aber offensichtlich weist sie tatsächlich zahlreiche Folterspuren auf.«

»Waren die Folterungen die Todesursache?«

»Im Moment weiß man noch nichts Genaues. Auch an der Kehle sind tiefe Einschnitte oder Quetschungen. Strangulierungsmale.«

Niémans wandte sich wieder dem kleinen Tümpel zu, in dem sich in deutlichen Umrissen seine Gestalt spiegelte, das bartlose Profil, der blaue Mantel.

»Und hier? Hast du was gefunden?«

»Nein. Seit einer Stunde suche ich nach irgendeinem Detail, einem Hinweis. Aber es ist nichts zu finden. Meiner Ansicht nach hat der Mord nicht hier stattgefunden. Der Mörder hat sein Opfer lediglich hier aufgehängt.«

»Warst du oben bei dieser Spalte?«

»Ja, aber dort gibt es nichts Bemerkenswertes. Der Mörder ist vermutlich von der anderen Seite aufgestiegen, wie ich auch, und hat die Leiche an einem Seil die Wand hinuntergelassen. Mit Hilfe eines zweiten Seils stieg er dann selbst ein Stück ab und klemmte sein Opfer ein. Er hat einiges auf sich genommen, um diese theatralische Haltung zu inszenieren. Völlig unverständlich.«

Niémans musterte von Neuem die Wand, die mit scharfen Felskanten gespickt und von tiefen Einschnitten gekerbt war. Von seinem Standort aus konnte er die Entfernungen nicht eindeutig abschätzen, doch die Nische, in der die Leiche gefunden worden war, schien sich etwa auf halber Höhe der Wand zu befinden, vom Boden gleich weit entfernt wie von der Spitze des Felsens.

Er wandte sich abrupt ab.

»Gehen wir.«

»Wohin?«

»Ins Klinikum. Ich will die Leiche sehen.«

Der Mann war nackt, nur bis zu den Schultern abgedeckt, und lag seitlich auf dem blanken Metalltisch, in gekrümmter Haltung, als fürchtete er sich vor einem Blitzschlag. Die Schultern waren nach vorn gewölbt, der Kopf gesenkt, und seine Arme lagen zwischen den angewinkelten Knien, die geballten Fäuste ans Kinn gedrückt. Die weißliche Farbe, die ausgeprägten Muskeln, die wundenübersäte Haut verliehen dem Toten eine beinahe unerträgliche Gegenwart und Realität. Der Hals wies lange Einschnitte auf, als hätte jemand versucht, ihm die Kehle aufzuschlitzen. Unter den Schläfen breiteten sich geplatzte Adern aus wie Flüsse, die über die Ufer getreten sind.

Niémans hob den Blick und musterte die übrigen Männer in der Leichenhalle: den Untersuchungsrichter Bernard Terpentes, einen schnauzbärtigen Mann mit hochgewachsener, schmaler Gestalt, Hauptmann Roger Barnes, kolossal und behäbig wie ein Öltanker und Chef der Gendarmerie von Guernon, und schließlich Hauptmann René Vermont, abgeordnet von der Fahndungsabteilung der Gendarmerie, ein kleiner Mann mit schütterem Haar, rot geäderter Haut und bohrendem Blick. Joisneau hielt sich im Hintergrund und trug die Miene eines lernbegierigen Neulings zur Schau.

»Wurde er identifiziert?«, fragte Niémans die Versammlung.

Barnes trat einen Schritt vor, sehr militärisch, und räusperte sich, ehe er feierlich anhob: »Das Opfer heißt Rémy Caillois, Herr Kommissar. Fünfundzwanzig Jahre alt. Er war seit drei Jahren Chefbibliothekar an der Universität von Guernon. Die Leiche wurde heute Morgen von seiner Frau Sophie Caillois identifiziert.«

»Hat sie ihn als vermisst gemeldet?«

»Ja, gestern, Sonntag, am späten Nachmittag. Ihr Mann war am Vortag zu einer Klettertour ins Gebirge aufgebrochen, er wollte zum Gipfel des Muret hinauf. Allein, wie an jedem Wochenende. Manchmal übernachtete er in einer Berghütte. Deshalb hat sie sich zunächst keine Sorgen gemacht. Bis gestern Nachmittag, und …«

Barnes verstummte. Niémans hatte das Tuch zurückgeschlagen und den Rumpf der Leiche entblößt.

Ein stummes Entsetzen breitete sich aus, tonlos, wie ein in den Kehlen steckengebliebener Schrei. Unterleib und Brustkorb des Opfers waren übersät von schwärzlichen Wunden unterschiedlicher Form und Tiefe. Schnitte mit bläulichen Rändern, schillernde Verbrennungen, schwärzliche Flecken, die aussahen wie Russwolken. An den Armen und Handgelenken waren Quetschungen zu erkennen, weniger ausgeprägt als am Hals, als wäre der Mann mit Stricken gefesselt worden.

»Wer hat den Toten gefunden?«

»Eine junge Frau …« Barnes warf einen Blick in seine Akten und fuhr fort: »Fanny Ferreira. Eine Professorin an der Universität.«

»Wie hat sie ihn entdeckt?«

Barnes räusperte sich erneut.

»Sie ist eine sportliche Frau, eine Wildwasserfahrerin, Sie wissen schon – mit Kajak und Taucheranzug fährt sie durch Stromschnellen und Wasserfälle … Ein äußerst gefährlicher Sport.«

»Und?«

»Nach dem natürlichen Staudamm des Flusses ist sie ans Ufer geklettert, am Fuß der Felswand, die den Campus abschließt. Dabei entdeckte sie die Leiche in der Felsnische.«

»Hat sie Ihnen das erzählt?«

Barnes warf einen unsicheren Blick in die Runde. »Tja, also, ja, ich …«

Der Kommissar deckte den Toten ab. Er umrundete die zusammengekrümmte weißliche Leiche, deren Kopf mit den kurz geschorenen Haaren wie ein steinerner Pfeil aus dem Rumpf ragte.

Niémans griff nach dem Totenschein, den Barnes ihm hinhielt. Er überflog den maschinengeschriebenen Bericht, der vom Klinikchef persönlich verfasst worden war. Über den Todeszeitpunkt hatte der Arzt sich nicht geäußert, sondern sich damit begnügt, die sichtbaren Wunden zu beschreiben und als Todesursache Erdrosselung anzugeben. Um Näheres zu erfahren, musste man das Ergebnis der Autopsie abwarten.

»Wann kommt der Gerichtsmediziner?«

»Wir erwarten ihn jeden Moment.«

Der Kommissar trat auf den Toten zu. Er beugte sich nieder und betrachtete sein Gesicht: Recht gut aussehend, jung, mit geschlossenen Augen; auffällig war vor allem, dass es keine Spur von Schlägen oder Misshandlungen aufwies.

»Das Gesicht hat niemand angerührt?«

»Niemand, Herr Kommissar.«

»Die Augen waren geschlossen?«

Barnes nickte. Mit Daumen und Zeigefinger zog Niémans die Lider ein wenig auseinander, und daraufhin geschah das Unfassbare: Eine Träne floss klar und langsam aus dem rechten Auge. Der Kommissar prallte erschrocken zurück: Dieses Gesicht weinte.

Niémans sah auf. Das verblüffende Detail war offenbar niemandem aufgefallen. Er ermahnte sich zur Ruhe und wiederholte die Geste, und noch immer bemerkten die anderen nichts. Was er sah, bewies ihm, dass er nicht verrückt war, sondern dass dieser Mord vermutlich das war, was jeder Polizist seine gesamte Laufbahn hindurch je nach seiner Persönlichkeit entweder befürchtet oder erhofft. Er richtete sich wieder auf und schlug mit einer raschen Geste das Tuch über die Leiche. An den Richter gewandt, murmelte er: »Wie weit sind die Ermittlungen?«

Bernard Terpentes straffte den Rücken.

»Meine Herren, Sie werden begreifen, dass dieser Fall heikel und … ungewöhnlich zu werden droht. Deshalb haben der Staatsanwalt und ich beschlossen, neben der Kriminalpolizei von Grenoble auch die nationale Gendarmerie mit den Ermittlungen zu betrauen. Ich habe auch den hier anwesenden Hauptkommissar Pierre Niémans angefordert, der freundlicherweise aus Paris gekommen ist. Seinen Namen werden Sie sicher alle kennen. Heute gehört der Kommissar einer übergeordneten Instanz der Pariser BRP an, der Brigade zur Bekämpfung von Kuppelei. Über das Motiv des Mörders können wir derzeit nicht einmal spekulieren, doch möglicherweise handelt es sich um ein Sexualverbrechen. Jedenfalls ist es die Tat eines Geisteskranken. Und die große Erfahrung von Monsieur Niémans wird uns bei der Aufklärung sehr nützlich sein. Deshalb schlage ich vor, dass der Kommissar die Leitung der Ermittlungen übernimmt …«

Barnes nickte kurz und bereitwillig, Vermont ebenso, allerdings mit sichtlich geringer Begeisterung. Joisneau hingegen antwortete: »Für mich ist das kein Problem. Aber meine Kollegen von der Kripo werden bald kommen, und …«

»Ich werde es ihnen erklären«, unterbrach Terpentes. Er wandte sich an Niémans: »Wir hören, Herr Kommissar.« Die nachdrückliche Steifheit dieser Szene ging Niémans auf die Nerven, und er konnte es kaum erwarten, fortzukommen und mit den Ermittlungen zu beginnen – allein.

»Capitaine Barnes, wie viele Männer haben Sie?«, fragte er.

»Acht. Nein … Entschuldigung, neun.«

»Sind sie routiniert in der Zeugenvernehmung, der Spurensicherung, der Organisation von Straßensperren?«

»Tja … Also, mit so etwas beschäftigen wir uns normalerweise nicht …«

»Und Sie, Capitaine Vermont, wie viele Männer haben Sie?«

Die Stimme des Gendarmen donnerte wie ein Salutschuss: »Zwanzig! Erfahrene Leute. Sie werden das Gelände rund um den Fundort durchkämmen und …«

»Sehr gut. Ich schlage vor, dass sie auch sämtliche Personen befragen, die an den Zufahrtsstraßen zum Fluss wohnen, dass sie außerdem die Tankstellen, Bahnhöfe, die Häuser in der Nähe von Bushaltestellen aufsuchen … Caillois hat auf seinen Wanderungen manchmal in Berghütten übernachtet: Sie müssen durchsucht werden. Vielleicht wurde das Opfer in einer Hütte überfallen.«

Niémans wandte sich an Barnes: »Capitaine, ich möchte, dass Sie per Rundfunk die gesamte Bevölkerung um sachdienliche Hinweise bitten. Noch vor Mittag will ich eine Liste der Landstreicher, Obdachlosen und aller anderen, die sich in der Gegend herumtreiben. Dann überprüfen Sie bitte im Umkreis von dreihundert Kilometern alle, die in der letzten Zeit aus dem Gefängnis entlassen wurden. Die Wagendiebstähle und überhaupt alle Diebstähle und Einbrüche. Befragen Sie sämtliche Hotels und Restaurants. Verschicken Sie Fragebogen per Fax. Ich will jedes Detail erfahren, auch wenn es noch so unbedeutend scheint, jedes verdächtige Vorkommnis, jeden Hinweis. Außerdem will ich eine Liste sämtlicher Vorfälle, die sich in den letzten zwanzig und mehr Jahren hier in Guernon ereignet haben und in irgendeiner Weise mit unserem Fall zusammenhängen könnten.«

Barnes notierte sich sämtliche Forderungen in seinem Notizbuch.

Dann wandte sich Niémans an Joisneau: »Setz dich mit dem Nachrichtendienst in Verbindung. Lass dir von ihnen sämtliche Sekten, Teufelsanbeter und Hexer nennen, die in der Gegend bekannt sind.«

Joisneau nickte. Terpentes nickte ebenfalls, zum Zeichen seiner überlegenen Billigung, als habe Niémans nur ausgesprochen, was er sich die ganze Zeit gedacht hatte.

»So, damit sind Sie beschäftigt, bis das Obduktionsergebnis vorliegt«, schloss Niémans. »Ich brauche Sie wohl nicht eigens darauf aufmerksam zu machen, dass wir absolutes Stillschweigen wahren müssen. Kein Wort zur lokalen Presse. Kein Wort zu irgendjemandem.«

Auf dem Vorplatz des Universitätskreiskrankenhauses trennten sie sich und gingen rasch auseinander. Es nieselte. Im Schutz des hohen Gebäudes, das mindestens zwei Jahrhunderte alt zu sein schien, ging jeder zu seinem Wagen, mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern, ohne ein Wort oder einen Blick.

Die Jagd begann.

4

Pierre Niémans und Eric Joisneau fuhren zunächst zum Universitätskomplex außerhalb der Stadt. Joisneau möge in der Bibliothek im Hauptgebäude auf ihn warten, bat der Kommissar; er selbst wolle zuvor noch dem Rektor einen Besuch abstatten. Dessen Räume lagen in der obersten Etage des Verwaltungsgebäudes, hundert Meter entfernt.

Niémans betrat ein gewaltiges Bauwerk aus den siebziger Jahren, das offensichtlich bereits renoviert worden war. Sehr hohe Wände, jede in einer anderen Pastellfarbe gestrichen. Im obersten Stockwerk fand er eine Art Vorzimmer, in dem eine Sekretärin an ihrem Schreibtisch saß. Niémans stellte sich vor und bat um eine Unterredung mit Monsieur Vincent Luyse.

Während er wartete, hatte er Gelegenheit, die Fotos an den Wänden zu betrachten: stolze Studenten, die auf Skipisten oder neben tosenden Wildbächen standen und der Kamera ihre Pokale und Medaillen präsentierten.

Ein paar Minuten später stand Pierre Niémans vor dem Rektor, einem Mann mit Kraushaaren und abgeflachter Nase, doch kalkweißer Haut: Vincent Luyse war eine sonderbare Mischung aus negroiden Gesichtszügen und anämischer Blässe. Draußen vor dem Fenster brachen ein paar Sonnenstrahlen durch die Gewitterwolken und streuten Lichtsprenkel über die Landschaft. Der Rektor forderte Niémans auf, sich zu setzen, und begann sich nervös die Handgelenke zu massieren.

»Nun?«, fragte er kurz angebunden.

»Nun, was?«

»Haben Sie eine Spur?«

Niémans streckte die Beine aus. »Ich bin eben erst angekommen, Herr Rektor. Lassen Sie mir Zeit, mich zu orientieren. Beantworten Sie lieber meine Fragen.«

Luyse versteifte sich. Sein gesamtes Büro war mit ockerfarbenem Holz eingerichtet, und dazwischen hingen zwei Mobiles aus Metall, die wie Blütenknospen auf einem stählernen Planeten wirkten.

»Sind an der Universität schon einmal verdächtige Ereignisse vorgekommen?«, fragte Niémans in gelassenem Ton.

»Verdächtig? Keineswegs.«

»Keine Drogengeschichten? Diebstähle? Schlägereien?«

»Nein.«

»Es gibt auch keine Banden oder Clans? Junge Leute, die sich in irgendetwas verrannt haben?«

»Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen.«

»Ich denke beispielsweise an irgendwelche Rituale oder Zeremonien – irgendwelche Rollenspiele, Sie wissen schon …«

»Nein. So etwas gibt es bei uns nicht. Unsere Studenten sind vernünftige Menschen mit klarem Verstand.«

Niémans schwieg. Der Rektor musterte ihn, seinen Bürstenhaarschnitt, die hohe, breitschultrige Gestalt, den Griff des MR 73, der aus dem Mantel ragte. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und sagte in zweifelndem Ton, als könne er es selbst nicht recht glauben: »Man hat mir gesagt, Sie seien ein hervorragender Polizist.«

Niémans starrte den Rektor stumm an.

Luyse wandte den Blick ab und fing wieder an: »Ich wünsche nur eines, Herr Kommissar: dass Sie den Mörder so schnell wie möglich finden. Bald ist Semesterbeginn, und …«

»Im Moment sind keine Studenten auf dem Campus?«

»Nur ein paar Interne – Studenten und Dozenten, die hier wohnen. Im Dachgeschoss des Hauptgebäudes. Auch ein paar Professoren sind da, die ihre Vorlesungen vorbereiten.«

»Kann ich ihre Namen haben?«

»Aber …« Er zögerte. »Ja, selbstverständlich …«

»Und Rémy Caillois, wie war er?«

»Ein sehr verschwiegener und zurückhaltender Bibliothekar. Ein Einzelgänger.«

»War er bei den Studenten beliebt?«

»Aber ja … natürlich.«

»Wo hat er gewohnt? In Guernon?«

»Hier, auf dem Campus. Im obersten Stock des Hauptgebäudes, mit seiner Frau. Im Stockwerk der Internen.«

»Rémy war fünfundzwanzig. Heutzutage ist das ziemlich jung, um zu heiraten, nicht?«

»Rémy und Sophie Caillois sind ehemalige Studenten unserer Universität. Sie haben sich, glaube ich, im Kollegium des Campus kennengelernt, das den Professorenkindern vorbehalten ist. Sie sind … waren Freunde seit ihrer Kindheit.«

Niémans stand abrupt auf.

»Sehr gut, Herr Rektor. Haben Sie vielen Dank.« Der Kommissar entfernte sich eilig, um dem Geruch der Angst zu entgehen, der hier herrschte.

Bücher.

Im Neonlicht der riesigen Universitätsbibliothek standen Hunderte von Bücherregalen. Die Fächerböden aus durchbrochenem Metall trugen in vollendeter Ordnung regelrechte Festungsmauern aus Papier. Buchrücken in gedämpften Farben, goldene oder silberne Prägungen, jeder Band mit seiner Signatur und dem Kürzel der Universität Guernon versehen. In der Mitte des menschenleeren Saals waren Reihen kunststoffüberzogener Tische mit gläsernen Trennwänden aufgestellt, die kleine Boxen bildeten. Als Niémans den Lesesaal betrat, musste er an den Besucherraum eines Gefängnisses denken.

Es herrschte eine merkwürdig widersprüchliche Atmosphäre – lichterfüllt und ungastlich, geräumig und beengt zugleich.

»Die herausragendsten Professoren lehren an dieser Universität«, erklärte Eric Joisneau. »Die bessere Gesellschaft des französischen Südostens. Jura, Wirtschaft, Literatur, Psychologie, Soziologie, Physik … Und vor allem Medizin – sämtliche Cracks des Departements Isère unterrichten hier und sind gleichzeitig Berater am Klinikum, dem CHRU. Das Krankenhaus ist übrigens in den ehemaligen Universitätsgebäuden untergebracht – natürlich nach Umbauten und kompletter Renovierung. Das halbe Département kommt zur Behandlung hierher, und sämtliche Bewohner der umliegenden Bergdörfer sind auf der Säuglingsstation zur Welt gekommen.«

Niémans hört ihm zu, die verschränkten Arme auf einen Lesetisch gestützt.

»Du redest wie einer, der sich auskennt.«

Joisneau zog aufs Geratewohl ein Buch aus einem Regal.

»Sicher. Ich hab hier studiert. Jura. Ich wollte mal Anwalt werden.«

»Aber dann bist du Polizist geworden?«

Joisneau sah ihn an, und seine Augen funkelten im grellen Licht. »Kurz vor dem Examen hatte ich plötzlich das Gefühl, ich würde mich tödlich langweilen. Deshalb habe ich mein Studium abgebrochen und mich an der Polizeischule von Toulouse eingeschrieben. Weil ich dachte, Polizist sein, das ist ein Beruf, in dem was los ist, der auch mal gefährlich ist. Ein Beruf, der Überraschungen bereithält …«

»Und, bist du enttäuscht?«

Joisneau stellte das Buch ins Regal zurück. Sein Lächeln war verschwunden.

»Heute nicht, nein. Vor allem heute nicht.« Er starrte Niémans an. »Diese Leiche … Wie kann man so etwas tun?«

Niémans ging auf die Frage nicht ein.

»Wie war denn die Stimmung an dieser Uni? Irgendwas Besonderes?«

»Nein. Eine Menge Bürgerkinder mit dem Kopf voller Klischees über das Leben, unsere Zeit, voller vorgefertigter Gedanken … Aber auch Kinder von Bauern und Arbeitern. Die übrigens noch idealistischer waren. Und aggressiver. Na ja, es stand uns sowieso nur eine Laufbahn als arbeitslose Akademiker bevor, und so …«

»Gab es nichts, was merkwürdig war? Irgendwelche Klüngel?«

»Nein. Nichts. Oder doch, ja – es gab und gibt eine Art Elite. Einen Mikrokosmos, der aus den Kindern der Professoren besteht. Manche sind tatsächlich hochbegabt und raffen Jahr für Jahr sämtliche Auszeichnungen an sich. Sogar im Sport. Zu meiner Zeit waren sie eher unbeliebt.«

Niémans dachte an die Aufnahmen der Champions im Vorzimmer des Rektors und fragte: »Hatten diese Studenten irgendeine Art von Zirkel, waren sie eine Clique für sich? Könnten sie sich im Namen irgendeines verschrobenen Ziels verbündet haben?«

Joisneau begann zu lachen. »Woran denken Sie denn? An eine Art … Verschwörung?«

Nun stand Niémans auf und wanderte die Regale entlang.

»Auf den Bibliothekar einer Universität wie dieser sind ziemlich viele Blicke gerichtet. Er ist eine ideale Zielscheibe. Stell dir eine Gruppe von Studenten vor, die sich in irgendeine Verrücktheit versponnen haben. Eine Opferung, ein Ritual … was weiß ich. Als es daran ging, das Opfer zu bestimmen, hätte ihre Wahl doch ganz selbstverständlich auf Caillois fallen können.«

»Na, dann können Sie die Hochbegabten aber vergessen. Sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, bei den Prüfungen alle Kommilitonen abzuhängen, um sich auf irgendetwas anderes einzulassen …«

Niémans betrat den schmalen Gang zwischen zwei Regalen, die mit braunen und rötlichen Büchern gefüllt waren. Joisneau folgte ihm.

»Ein Bibliothekar«, dozierte Niémans, »ist auch derjenige, der Bücher ausgibt … Der weiß, was jeder liest, womit jeder sich beschäftigt … Vielleicht wusste er etwas, das er nicht hätte wissen dürfen.«

»Man ermordet doch nicht jemanden auf diese Weise, um … Und was für ein Geheimnis sollten Studenten wohl in ihren Büchern verbergen?«

Niémans drehte sich abrupt um.

»Weiß ich doch nicht. Den Intellektuellen traue ich nicht über den Weg.«

»Haben Sie denn eine Idee? Einen Verdacht?«

»Ganz und gar nicht. Im Augenblick ist alles denkbar. Ein Streit. Eine Rache. Irgendein Krach unter Akademikern. Oder unter Homosexuellen. Oder es war ganz einfach ein Irrer, der sich in der Gegend herumtreibt und Caillois zufällig in den Bergen begegnet ist … Siehst du, ich bin kein Sektierer. Aber wir werden damit anfangen.« Der Kommissar schnappte mit dem Finger gegen die Buchrücken. »Wir werden sämtliche Bücher durchforsten, die irgendeinen Zusammenhang mit dem Mord haben könnten.«

»Welche Art von Zusammenhang?«

Durch einen anderen Gang kehrte Niémans in den Lesesaal zurück. Er ging auf den Schreibtisch des Bibliothekars zu, der am anderen Ende des Raums erhöht auf einem Podium stand und sämtliche Lesetische überblickte. Auf der Fläche thronte ein Computer, und in den Schubladen lagen Spiralhefte.

Niémans klopfte auf den schwarzen Bildschirm.

»Da drin muss eine Liste aller Bücher sein, die Tag für Tag ausgeliehen oder in den Lesesaal bestellt wurden. Setz ein paar Leute dran. Die Belesensten, die du auftreiben kannst – falls sie existieren. Bitte auch die Universitätsangestellten um Mithilfe. Sie sollen dir sämtliche Bücher nennen, in denen vom Bösen die Rede ist, von Gewalt, Folter, auch von Opferungen, religiösen Morden und so weiter. Beispielsweise muss die ethnologische Literatur geprüft werden. Ich will auch die Namen der Studenten, die solche Werke öfter ausgeliehen haben. Außerdem soll sich jemand die Doktorarbeit von Caillois vornehmen.«

»Und … ich?«

»Du vernimmst die Internen. Einzeln. Sie halten sich Tag und Nacht auf dem Unigelände auf und kennen sich zwangsläufig sehr gut aus. Ich will wissen, welche Gepflogenheiten hier herrschen, welche Stimmung und Geisteshaltung, wie die Leute als Kinder waren … Und wie Caillois von den anderen eingeschätzt wurde. Außerdem erkundigst du dich nach seinen Bergwanderungen. Finde heraus, mit wem er unterwegs war und wer wusste, auf welchen Strecken. Wer ihn dort oben hätte treffen können …«

Joisneau warf dem Kommissar einen skeptischen Blick zu. Niémans trat einen Schritt auf ihn zu und senkte die Stimme.

»Ich sag dir, wie’s aussieht. Wir haben einen äußerst ungewöhnlichen Mord, eine bleiche, glatte, zusammengekrümmte Leiche, die Spuren grenzenloser Leiden aufweist. Eine Sache, die auf hundert Kilometer nach Wahnsinn stinkt. Das ist im Moment unser Geheimnis. Um es zu lüften, haben wir ein paar Stunden, hoffentlich noch ein bisschen länger. Danach werden sich die Medien darauf stürzen, dann erhitzen sich die Gemüter, und von allen Seiten wird Druck ausgeübt. Konzentrier dich. Lass dich auf diesen Albtraum ein. Gib dein Bestes. Auf die Weise werden wir das Gesicht des Bösen entlarven.«

Joisneau schien entsetzt. »Glauben Sie wirklich, dass wir in ein paar Stunden …«

»Willst du mit mir zusammenarbeiten oder nicht?«, fiel ihm Niémans ins Wort. »Dann werde ich dir meine Sichtweise erklären. Wenn ein Mord geschieht, musst du sämtliche Elemente in der Umgebung als Spiegel ansehen. Den Zustand des Toten, die Leute, die ihn kannten, den Tatort … Das alles spiegelt eine Wahrheit, einen bestimmten Aspekt des Verbrechens, verstehst du?« Er legte die Hand auf den Computer. »Dieser Bildschirm zum Beispiel. Wenn er eingeschaltet ist, spiegelt er den Alltag von Rémy Caillois, seine täglichen Beschäftigungen, wahrscheinlich seine Gedanken. Darin sind Details, Bilder enthalten, die uns interessieren könnten. Man muss sich darauf einlassen. Und die Rückseite des Spiegels betrachten.«

Er richtete sich auf und breitete die Arme aus.

»Wir sind in einem Eispalast, Joisneau«, fuhr er fort. »In einem Spiegelkabinett! Also schau genau hin. Sieh dir alles an. Denn irgendwo zwischen diesen Spiegeln, in einem toten Winkel, sitzt der Mörder.«

Joisneau starrte ihn mit offenem Mund an. »Für einen Mann der Praxis sind Sie aber ziemlich vergeistigt …« Der Kommissar schlug ihm leicht mit dem Handrücken gegen die Brust.

»Das ist keine Philosophie, Joisneau, das ist Praxis«, sagte er.

»Und Sie? Wen werden Sie vernehmen?«

»Zuerst unsere Zeugin, Fanny Ferreira. Und anschließend Sophie Caillois, die Frau des Opfers.« Er zwinkerte ihm zu. »Lauter Mädels, Joisneau. Praxis, wie gesagt!«

5

Unter dem trübseligen Himmel führte die asphaltierte Straße kreuz und quer über den Campus und verband die einzelnen Gebäude miteinander, graue Betonkästen mit blau gestrichenen, rostfleckigen Fensterrahmen. Niémans fuhr mit Schrittgeschwindigkeit – er hatte sich einen Plan des Universitätsgeländes besorgt und suchte die abseits gelegene Sporthalle. Er hatte sie bald gefunden: ein Gebäude aus Stahlbeton, das noch mehr wie ein Bunker wirkte. Niémans stieg aus und holte tief Luft. Es fiel ein feiner Nieselregen.

Er sah sich um und ließ den Blick über den Campus und die Institutsgebäude schweifen, die sich in ein paar hundert Metern Entfernung erstreckten. Auch seine Eltern hatten unterrichtet, allerdings als Lehrer an kleinen Gymnasien in der Vorstadt von Lyon. Er erinnerte sich kaum noch an seine Kindheit. Den Kokon der Familie hatte er schon sehr früh als Schwäche empfunden, als eine Lüge. Sehr früh hatte er geahnt, dass er zum Einzelkämpfer bestimmt war, und je eher er sich abnabelte, desto besser war es. Bereits im Alter von dreizehn hatte er den Wunsch geäußert, Internatsschüler zu werden. Man hatte nicht gewagt, ihm dieses freiwillige Exil zu verwehren, doch er erinnerte sich noch an das Schluchzen seiner Mutter hinter verschlossenen Türen: Es war ein Laut in seinem Kopf und gleichzeitig eine körperliche Empfindung, etwas Feuchtes und Warmes auf seiner Haut. Er hatte sich aus dem Staub gemacht.

Vier Jahre Internat. Vier Jahre Einsamkeit und Leibesertüchtigung parallel zum Unterricht. Damals hatten sich alle seine Hoffnungen auf ein einziges Ziel, einen einzigen Zeitpunkt gerichtet: die Armee. Mit siebzehn hatte sich Pierre Niémans nach einem brillanten Abitur der Musterung unterzogen und seine Aufnahme in die Offiziersschule beantragt. Als der Stabsarzt ihm verkündet hatte, er sei untauglich, und ihm den Grund seines Urteils erklärte, hatte Niémans begriffen. Seine Ängste waren so offenkundig, dass sie ihn verraten und seinen größten Wunsch vereitelt hatten. Sein Schicksal würde immer dieser lange Flur sein, ein enger Korridor ohne Fluchtweg, der Boden blutüberströmt, und am anderen Ende heulende Hunde in der Dunkelheit …

Andere Jugendliche hätten auf das Urteil der Psychiater gehört und die Waffen gestreckt. Nicht so Pierre Niémans. Jetzt erst recht, sagte er sich, nahm seine sportlichen Aktivitäten wieder auf, verdoppelte seine Wut und seine Entschlossenheit. Wenn er nicht Soldat werden durfte, würde er einen anderen Kampf aufnehmen: den Krieg der Straße, den anonymen Widerstand gegen das alltägliche Böse. Mit Leib und Seele wollte er sich einem Kampf verschreiben, der keinen Ruhm und keine Fahne für ihn bereithielt, doch den er bis zur letzten Konsequenz auf sich nehmen würde: Er würde Polizist werden. Dieses Ziel vor Augen, übte er monatelang, um die psychologischen Tests zu bestehen. Die Polizeischule von Cannes-Ecluse nahm ihn auf. Nun begann die Ära der Gewalt: die Schießübungen, seine außergewöhnlichen Ergebnisse. Niémans hörte nie auf, an sich zu arbeiten, immer besser und immer stärker zu sein. Er wurde ein herausragender Polizist. Zäh, gewalttätig, bösartig.

Er arbeitete zunächst auf verschiedenen Polizeirevieren, dann wurde er Eliteschütze in der Brigade, aus der später die BRI hervorging, eine Ermittlungs- und Eingreiftruppe. Die Sondereinsätze begannen. Er brachte seinen ersten Menschen um. In diesem Augenblick dachte er zum letzten Mal über den Fluch nach, der auf ihm lag, und schloss einen Pakt mit sich selbst. Nein, er würde nie ein herausragender Soldat, ein tapferer Offizier sein. Doch ein städtischer Krieger konnte er sein, rasend, verbissen, einer, der seine Ängste in der Gewalt und der Wut des Großstadtdschungels ertränkte.

Niémans atmete tief die kühle Gebirgsluft ein. Er dachte an seine Mutter, die vor Jahren gestorben war. Dachte an die Vergangenheit, die mit dem rasenden Gefälle eines Wildbachs an ihm vorbeigerauscht war, an seine Erinnerungen, die rissig geworden und schließlich verblasst waren, verdrängt und vergessen.

Unversehens war er vor ihm: pechschwarz auf dem bläulichen Teer. Wie im Traum vernahm Niémans die trabenden kleinen Pfoten. Der Hund war gedrungen, ein einziges Muskelbündel, sein kurzes Fell schimmerte feucht, und seine Augen waren zwei schwarze Lackkugeln. Schwanzwedelnd trottete er auf ihn zu. Niémans erstarrte. Der Hund kam ihm bis auf ein paar Schritte nahe. Seine feuchte Schnauze bebte, dann fing er an zu knurren, und seine Augen funkelten. Er hatte die Angst gewittert. Die Angst, die dieser Mensch ausschwitzte.

Niémans stand wie versteinert.

Sämtliche Gliedmaßen schienen gelähmt von einer unbekannten Kraft. Aus der oberen Körperhälfte sackte alles Blut nach unten, irgendwohin in den Bauch. Der Hund kläffte jetzt mit gefletschten Lefzen. Niémans kannte den Vorgang. Angst produziert Geruchsstoffe, die jeder Hund wahrnimmt und die bei ihm Furcht und Feindseligkeit auslösen. Angst erzeugt Angst. Aus der Kehle des Hundes drang ein scharfes Grollen, er knirschte mit den Zähnen. Niémans zog die Waffe.

»Clarissa! Clarissa! Komm her, Clarissa!«

Niémans erwachte aus seiner Eisesstarre. Durch einen roten Nebel erkannte er einen grauen Mann mit Rollkragenpullover, der mit raschen Schritten auf ihn zukam.

»Sind Sie wahnsinnig oder was?«

Niémans murmelte zwischen den Zähnen: »Polizei. Verschwinden Sie. Und nehmen Sie Ihren Köter mit.«

Der Mann war wie vom Donner gerührt.

»Jesus, ich kann’s nicht fassen. Komm, Clarissa, komm mit, meine Alte …«

Herr und Hund trotteten davon. Niémans versuchte, Speichel zu schlucken. Seine Kehle war rau, ausgedörrt wie ein heißer Ofen. Er schüttelte den Kopf, steckte den Revolver wieder ein und machte sich auf den Weg rund um das Gebäude. Als er um die erste Ecke bog, versuchte er sich zu erinnern: Wie lange war er nicht mehr bei seinem Psychiater gewesen?

Bereits bei der zweiten Ecke der Sporthalle entdeckte er die Frau. Fanny Ferreira kauerte vor einem offenen Tor auf dem Boden und war damit beschäftigt, die Unterseite eines roten Kajaks mit Sandpapier abzureiben. Damit also fährt die Frau Wasserfälle hinunter, dachte Niémans.

»Guten Morgen«, sagte er mit einer leichten Verbeugung.

Er hatte sein Selbstbewusstsein wiedergefunden, und seine Temperatur hatte sich normalisiert.

Fanny schaute auf. Sie wirkte kaum älter als zwanzig. Ihre Haut war matt und das Haar eine wilde Lockenmähne, die sich in winzigen Korkenziehern um die Schläfen kräuselte und in schweren Kaskaden auf die Schultern herabfiel. Ihr Gesicht war dunkel und samtig, ihre Augen jedoch von einer verstörenden, beinahe unanständigen Helligkeit.

»Ich bin Pierre Niémans, Hauptkommissar. Ich ermittle im Mordfall Rémy Caillois.«

»Pierre Niémans?«, wiederholte sie ungläubig. »Das darf doch nicht wahr sein. Nicht zu fassen.«

»Wieso?« Mit einer Kopfbewegung deutete sie auf das kleine Radio, das neben ihr auf dem Boden stand.

»In den Nachrichten war gerade von Ihnen die Rede. Es heißt, Sie hätten heute Nacht in Paris in der Nähe des Fußballstadions zwei Mörder verhaftet. Das ist schön. Es heißt aber auch, Sie hätten den einen total verunstaltet, und das ist eher übel. Besitzen Sie die Gabe der Allgegenwart oder was?«

»Ich bin einfach die ganze Nacht gefahren.«

»Und was tun Sie hier bei uns? Ist unsere Polizei etwa nicht gut genug?«

»Sagen wir, ich komme als Verstärkung.«

Fanny nahm ihre Arbeit wieder auf, befeuchtete die lange Fläche des Bootes und presste mit beiden Händen das gefaltete Sandpapier darauf. Ihr Körper wirkte stämmig und kräftig; allerdings war sie nicht sehr elegant gekleidet – eine eng anliegende Neoprenhose und darüber ein Matrosenhemd, hohe Schnürstiefel aus hellem Leder. Der verhängte Himmel tauchte die ganze Szene in ein sanft schillerndes Licht.

»Sie scheinen den Schock gut verkraftet zu haben«, sagte Niémans.

»Welchen Schock?«

»Na ja … die Entdeckung des …«

»Ich versuche, nicht daran zu denken.«

»Macht es Ihnen nichts aus, noch mal davon zu reden?«

»Deswegen sind Sie doch hier, oder?« Sie sah ihn nicht an. Unermüdlich fuhren ihre Hände über die Fläche des Bootes. Ihre Bewegungen waren schroff und ungestüm.

»Beschreiben Sie mir, wie Sie den Toten gefunden haben.«

»Ich fahre jedes Wochenende den Wildbach hinunter.« Sie deutete auf den umgedrehten Kajak. »Mit diesem Ding hier. Ich hatte gerade eine Fahrt hinter mir. In der Nähe des Campus ist eine Felswand, ein natürlicher Staudamm, der das Gefälle bremst, sodass man ohne Schwierigkeiten landen kann. Ich habe ihn entdeckt, als ich das Boot ans Ufer zog …«

»In der Wand?«

»Ja, in der Wand.«

»Das stimmt nicht. Ich war selber an der Stelle. Das Ufer ist dort so schmal, dass es unmöglich ist, in fünfzehn Metern Höhe irgendetwas an der Felswand zufällig zu entdecken …«

Fanny warf das Sandpapier in den Eimer, wischte sich die Hände ab und zündete eine Zigarette an. Diese belanglosen Gesten lösten bei Niémans ein jähes, intensives Verlangen aus.

Die junge Frau stieß eine bläuliche Rauchwolke aus.

»Die Leiche war sehr wohl in der Felswand. Aber dort habe ich sie nicht gesehen.«

»Sondern?«

»Im Wasser. Als Spiegelbild. Als blauen Fleck an der Oberfläche des Sees.«

Niémans entspannte sich. »Genau das hatte ich vermutet.«

»Ist das wichtig für Ihre Ermittlungen?«

»Nein. Aber ich hab gern klare Verhältnisse.«

Niémans schwieg eine Weile, dann fragte er: »Klettern Sie?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Ich weiß es nicht. Aber hier in der Gegend … Außerdem wirken Sie sehr … sportlich.«

Sie drehte sich um, zu den Bergen über dem Tal, und breitete weit die Arme aus. Zum ersten Mal lächelte sie.

»Das ist mein Reich, Herr Kommissar! Vom Grand Pic de Belledonne zu den Grundes Rousses kenne ich alle diese Berge auswendig. Wenn ich nicht Wildbäche hinunterfahre, steige ich auf Gipfel.«

»Was meinen Sie – muss man klettern können, um die Leiche in der Felswand unterzubringen?«

Fannys Miene wurde wieder ernst, und sie musterte das glühende Ende ihrer Zigarette.

»Nein, nicht unbedingt. An der Stelle gibt es Stufen im Fels, eine Art natürliche Treppe. Allerdings muss man verdammt stark und geschickt sein, um dieses Gewicht zu schleppen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.«

»E

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