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Die neuen Weltwunder

BERND INGMAR GUTBERLET

DIE
NEUEN
WELTWUNDER

IN 20 BAUTEN
DURCH DIE
WELTGESCHICHTE

mit Illustrationen
von Krisztina Bradeanu

INHALT

  1. VORWORT
  2. STONEHENGE, ENGLAND
  3. AKROPOLIS VON ATHEN, GRIECHENLAND
  4. PETRA, JORDANIEN
  5. KOLOSSEUM, ROM/ITALIEN
  6. HAGIA SOPHIA, ISTANBUL/TÜRKEI
  7. CHICHÉN ITZÁ, MEXIKO
  8. ANGKOR, KAMBODSCHA
  9. ALHAMBRA, GRANADA/SPANIEN
  10. TIMBUKTU, MALI
  11. OSTERINSEL, PAZIFIK/CHILE
  12. MACHU PICCHU, PERU
  13. MOSKAUER KREML, RUSSLAND
  14. GROSSE MAUER, CHINA
  15. TAJ MAHAL, AGRA/INDIEN
  16. KIYOMIZU-DERA, KYOTO/JAPAN
  17. SCHLOSS NEUSCHWANSTEIN, BAYERN/DEUTSCHLAND
  18. FREIHEITSSTATUE, NEW YORK/USA
  19. EIFFELTURM, PARIS/FRANKREICH
  20. CRISTO REDENTOR, RIO DE JANEIRO/BRASILIEN
  21. OPER VON SYDNEY, AUSTRALIEN

VORWORT

Hitlisten und Rankings sind keine Erfindung unserer Tage. Die früheste Aufzählung jener Hotspots der Antike, die man als Reisender auf gar keinen Fall verpassen dürfe, stammt in ihrer ältesten erhaltenen Form aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert. In einem altgriechischen Text, der vor hundert Jahren in der Verschalung eines Mumiensarges entdeckt wurde, werden diverse solcher Hitlisten aufgeführt, allerdings sind sie nur noch in Teilen vorhanden. Unter den schönsten Seen, Inseln und Bergen, zwischen den wichtigsten Bildhauern und Architekten findet sich eine Aufstellung der wichtigsten Bauwerke der damaligen Zeit: die erste verbriefte Nennung der antiken Weltwunder. Auch der Begriff Weltwunder wurde erst etwas später eingeführt – erlangte aber offenbar einige Popularität in der antiken Welt.

Die antiken Weltwunder, mit denen so mancher Schüler im Geschichtsunterricht herzlich wenig anfangen kann, haben einen gewichtigen Nachteil: Bis auf die Pyramiden von Gizeh existieren sie allesamt nicht mehr. Was einstmals den antiken Bildungsreisenden an die richtigen Stätten führen sollte – und durchaus auch führte –, besitzt in Zeiten des modernen Tourismus nicht mehr allzu viel Anziehungskraft. Der zweite Nachteil liegt in der für heutige Verhältnisse vollkommen unzeitgemäßen Konzentration auf die europäische Antike. Wer mühelos die ganze Welt bereist, versteht so etwas wie Weltwunder als global und der Kulturenvielfalt in aller Welt entsprechend.

Insofern hat das Bemühen, zu Anfang des 21. Jahrhunderts ein neues Weltwunder-Ranking zu erstellen, das große Bauwerke rund um den Erdball versammelt, einiges für sich. Ebenso ist plausibel, in eine solche Liste nur Bauwerke aufzunehmen, die noch vorhanden sind. Trotzdem sorgte die Initiative für viel Unmut und zog allerhand Kritik auf sich. Dazu mehr im Nachwort.

Die Neuen Weltwunder erzählt die Geschichten von jenen zwanzig erhaltenen Bauwerken der Menschheitsgeschichte, aus denen die weltweite Wahl der letzten Runde die »Neuen Sieben Weltwunder« gekürt hat. Eine erste Liste umfasste noch rund zweihundert Kandidaten und wurde dann auf 77 eingedampft. Die hier vorgestellten zwanzig ermöglichen eine ebenso kurzweilige wie umfassende Reise durch die Menschheitsgeschichte in ihrer Vielfalt und ihren Epochen. Die letztlich gekürten sieben sind mit einem Sternchen gekennzeichnet.

STONEHENGE, ENGLAND

Stonehenge

Wer zu Anfang des 21. Jahrhunderts den Süden Englands besucht, ob eines der viktorianischen Seebäder oder die quirlige Metropole London, tut gut daran, einen Abstecher in die südwestenglische Grafschaft Wiltshire einzuplanen. Denn dort, nur 130 Kilometer von der britischen Hauptstadt entfernt, kann man Stonehenge bestaunen, das wohl berühmteste Bauwerk aus der Vorgeschichte der Menschheit. Es liegt – einigermaßen unpassend zwischen zwei wichtigen Fernstraßen eingeklemmt, damit aber gut erreichbar – östlich des Städtchens Amesbury in der hügeligen Kreidekalklandschaft des Salisbury Plain. Imposant und rätselhaft sind wohl die passenden Adjektive, um zu beschreiben, was vor vielen tausend Jahren errichtet wurde. Den einstigen entrückten Zauber der majestätischen Anlage zu erahnen, erschweren allerdings Autoverkehr und Massentourismus.

In seiner heute erhaltenen Gestalt besteht Stonehenge aus kreisförmigen, nur noch mit Mühe erkennbaren Graben- und Wallanlagen von insgesamt rund 115 Meter Durchmesser, in deren Mitte in konzentrischen Kreisen riesige Steine aufgestellt wurden – von Wissenschaftlern als Megalithen (griechisch mega = groß, lithos = Stein) bezeichnet. Am bekanntesten ist die Ansicht des äußeren der vier Steinkreise, das heißt, wo von den einst lückenlos über die dreißig Pfeilersteine gelegten Tragsteinen noch einige vorhanden sind. Das ermöglicht eine Vorstellung davon, wie beeindruckend die Anlage gewirkt haben muss, als sie noch intakt war: kunstvoll, entschieden übermenschlich, ja magisch. Aber diese riesigen Steine wurden schon vor mehr als viertausend Jahren aufgestellt, und seither hat der Zahn der Zeit an Stonehenge genagt − gebeutelt von Witterungseinflüssen oder zweckentfremdet als willkommener Steinbruch für Häuslebauer. Wer Stonehenge von Bildern kennt und schließlich vor Ort in Augenschein nimmt, ist zunächst überrascht oder gar enttäuscht, weil die Steinkreise kleiner sind, als Foto- oder Filmaufnahmen vermuten lassen.

Das äußere Steinrund hat einen Durchmesser von knapp dreißig Metern und besteht aus rechteckig behauenen Felssteinen − jeder ungefähr vier Meter hoch, zwei Meter breit und ein Meter dick. Von den Decksteinen, die jeweils über zwei der im Abstand von gut einem Meter aufgestellten Tragsteine reichen, befinden sich noch sechs an ihrem ursprünglichen Platz, ebenso fünfzehn der Tragsteine. Weitere sind im Laufe der Zeit umgestürzt oder zerbrochen, andere fehlen ganz. Diese grünlich-grauen Steine werden Sarsen genannt; die Gesteinsart kommt in der Umgegend vor. Die Kolosse wurden sorgfältig bearbeitet: Nach oben hin verjüngen sie sich leicht, was sie größer erscheinen lässt. Die rechteckigen Decksteine dagegen sind auf ihrer Innenseite leicht gekrümmt, entsprechend der Rundung des Kreises, zudem wurden sie nicht einfach nur über die Tragsteine gelegt, sondern mittels Spund und Zapfen auf ihnen fest verankert.

Erheblich kleiner, weniger sorgfältig angelegt und nie fertiggestellt ist der zweite Steinkreis innerhalb des ersten. Seine sechs aufrecht an ihrem Platz erhaltenen, bläulichen Steine sind nur ca. zwei Meter groß; vermutlich waren es ursprünglich sechzig, von denen noch einige auf dem Areal herumliegen. Decksteine gab es in diesem Fall nicht. Diese sogenannten Blausteine kommen in der Gegend von Stonehenge eigentlich nicht vor. Schließlich zeigt sich, wie bei einer Matrjoschka, innerhalb dieses zweiten Kreises abermals eine Steinformation, aufgestellt in Form eines rundlichen Hufeisens. Es besteht aus den sogenannten Sarsen-Trilithen, das heißt Steinpaaren, die jeweils einen Deckstein trugen. Insgesamt fünf dieser Trilithe von sechs bis sieben Metern Höhe gab es einstmals, doch nur noch drei von ihnen sind vollständig, die restlichen Steine liegen verstreut, teilweise zerbrochen. Der schwerste wiegt stattliche 45 Tonnen. Zu dieser Gruppe gehört der sogenannte Altarstein, ein ehemaliger Deckstein, der in die Mitte der Gesamtanlage gefallen ist und seine Bezeichnung nicht seiner Funktion, sondern diesem markanten Zufallsstandort verdankt. Diese Sandsteinart ist ebenfalls blaugrau, wie auch die bis zu knapp 2,50 Meter hohen Steine der letzten Hufeisen-Formation ganz innen.

Innerhalb der Wallanlage, aber außerhalb der beschriebenen Steinkreise, befinden sich noch weitere markante Megalithe: zum einen der Slaughter Stone am nordöstlichen Eingang zur Anlage, dessen Vertiefungen auf eine Verwendung als Opferstein schließen ließen. Inzwischen ist aber klar, dass es sich um einen weiteren umgefallenen Sarsenstein handelt und die ursprünglich angenommene Funktion daher nicht infrage kommt. Seinen prägnanten Namen durfte er aber behalten. Innen am Wall existieren außerdem noch zwei sogenannte Station Stones; für zwei weitere lassen sich zumindest die Standorte nachweisen. Und schließlich findet sich außerhalb der kreisrunden Wallanlage, auf der zum nordöstlichen Zugang führenden Avenue, die ebenfalls von einem Wall begrenzt wird, der berühmte Heel Stone, über fünf Meter hoch und unbehauen. Er wurde ein Stück neben der Achse der Gesamtanlage aufgestellt − oder stand dort bereits, als mit dem Bau der Anlage begonnen wurde.

Außer mit Steinen müssen sich die Archäologen von Stonehenge auch mit ehemaligen oder noch vorhandenen Löchern auseinandersetzen, insbesondere mit drei konzentrischen Erdlochkreisen, deren Löcher Aubrey- (außen), Y- bzw. Z-Löcher (innen) genannt werden. Und natürlich mit weiteren Funden wie Ascheresten, Tierknochen oder Werkzeugen, die weitere Rückschlüsse auf die Geschichte von Stonehenge erlauben − oder erschweren.

Stonehenge von oben

Was also war Stonehenge? Ein aufwändig gestalteter Begräbnisort? Ein Treffpunkt kultischer Versammlungen, an dem archaische Riten vollzogen wurden? Oder ein steinernes Gebilde zur Beobachtung der Himmelskörper, um den Kalender zu bestimmen oder gar astronomische oder astrologische Vorhersagen zu treffen? Oder könnten die mysteriösen Steinkreise womöglich eine ganz andere Funktion gehabt haben − befassten sich dort vielleicht vorzeitliche Weise mit den Geheimnissen der Welt? Worin auch immer seine ursprüngliche Bedeutung bestand: Es muss eine mächtige Motivation vorhanden gewesen sein, diese monumentale Anlage ohne allzu große technische Möglichkeiten, mit erstaunlicher Genauigkeit und bewundernswerter Geduld und Anstrengung über viele Generationen zu errichten. Und das von Menschen, die wir für primitive Höhlenwesen halten, die sich mit rohen, tierisch klingenden Lauten notdürftig untereinander verständigten.

Nun ist schon der Name Stonehenge eine vergleichsweise neue Bezeichnung, mag sie auch aus dem uns fernen Mittelalter stammen und selbst bereits ein knappes Jahrtausend alt sein. Schon damals jedoch lag die Entstehung des Bauwerks zweieinhalb Jahrtausende zurück, schon damals gehörte Stonehenge seit Menschengedenken zum Landschaftsbild in dieser Gegend Südenglands. Und schon damals war die Anlage ein einziges Rätsel, weil ihr Zweck vergessen wurde, bevor eine Schriftkultur ihn hätte festhalten können. Stonehenge muss bei seinen jungsteinzeitlichen Erbauern und Nutzern einen anderen Namen gehabt haben, aber der ist auf immer verloren gegangen.

Alles in allem also wussten die Menschen nichts über Stonehenge, als zu Anfang des 12. Jahrhunderts – ein Dreivierteljahrhundert nach der normannischen Eroberung Englands – der neue Bischof von Lincoln, Alexander von Blois, seinen Erzdiakon Henry von Huntingdon mit der Abfassung einer Geschichte Englands beauftragte. Darin nennt der Chronist als eine der vier Sehenswürdigkeiten des Landes »Stanenges«, wo Steine von erstaunlicher Größe wie große Tore aufgestellt seien, ohne dass man sagen könne, wie das vonstattengegangen sein könnte. Der Begriff »Stanenges« bedeutet im Altenglischen entweder »hängender Stein« − bezogen auf die Decksteine, die über den Tragsteinen sozusagen »hängen« − oder Steingalgen.

Mindestens seit dem 12. Jahrhundert also rätseln die Menschen, was es mit Stonehenge auf sich hat. Fast zur gleichen Zeit lieferte ein anderer britischer Autor eine Erklärung: Geoffrey von Monmouth, dessen Geschichtsbuch die mittelalterliche Sicht auf England und seine Vergangenheit maßgeblich beeinflusste. Er erzählt, im Jahr 485 n. Chr., das heißt zur Zeit der Eroberung Englands durch die Angelsachsen (mehr als tausend Jahre vor der Invasion der Normannen), habe der sagenhafte Zauberer Merlin zur Erinnerung einer Schlacht und zur grenzenlosen Verblüffung der anwesenden Sterblichen die steinerne Anlage aus Irland hergeschafft und in Wiltshire wieder aufgebaut. Aufgrund anderer historischer Ungenauigkeiten zweifelten jedoch bereits Zeitgenossen am Wahrheitsgehalt von Geoffreys Chronik. Aber sein Buch wurde ein voller Erfolg und die Geschichte von Merlin und Stonehenge eifrig tradiert und weiter ausgeschmückt. Noch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts verweist der italienische Gelehrte und Humanist Polydore Vergil, der lange in England lebte, auf den wohl bekanntesten Zauberer und Lehrer des sagenhaften Königs Artus, Merlin, als Bauherrn von Stonehenge.

Im Laufe der Zeit erfuhren die alten Steinkreise weitere Deutungen: als römischer Tempel, als Krönungsort der dänischen Könige Englands (zwischen 1016 und 1042), als Bauwerk der Phönizier oder auch als Hinterlassenschaft der unvermeidlichen Kelten – was zuerst Ende des 17. Jahrhunderts der Forscher John Aubrey ins Spiel brachte. Aubrey, nach dem die Löcher eines der konzentrischen Kreise benannt wurden, hielt die Anlage für einen Tempel der Druiden, der berühmten Priesterkaste der Kelten, von der sich so viel weniger mit Bestimmtheit sagen lässt, als ihre Bekanntheit bis in unsere Tage vermuten ließe. Bis heute dient Stonehenge außerdem der Fantasy-Literatur als spektakuläre Kulisse oder Inspiration mehr oder weniger abwegiger Geschichten.

Es bedurfte der erst im 18. und vor allem 19. Jahrhundert wissenschaftlich etablierten Disziplin der Archäologie, um in Sachen Stonehenge Neues zutage zu fördern. Wenn eine Kultur keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen hat, kommt archäologischen Befunden eine besondere Schlüsselfunktion zu: Die Ergebnisse der Altertumsforscher bilden die Grundlage, auf der Aussagen über eine Kultur aus grauer Vorzeit getroffen werden müssen. Werkzeugfunde und Spuren an den Steinen legten nahe, dass die Sarsensteine im späten Neolithikum errichtet worden waren, also am Ende der Jungsteinzeit, auf die die Bronzezeit folgte.

Als bedeutend populärer denn öde Untersuchungen über mikroskopisch kleine Spuren am Stein oder Auslegungsstreitereien unter Archäologen – deren Bedeutung interessierte Laien gar nicht ermessen konnten – erwiesen sich jedoch Mutmaßungen über den astronomischen Charakter der Anlage von Stonehenge: Aufgrund von Erkenntnissen, die man an griechischen und ägyptischen Kultstätten gewonnen hatte, kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine astronomische Ausrichtung der Anlage ins Gespräch. Für wirkliche Furore aber sorgte in den dafür besonders empfänglichen Sechzigerjahren ein Buch, das Stonehenge als eine Art vorzeitlichen Computer zur Berechnung von Mondfinsternissen und ähnlichen Himmelskonstellationen beschrieb. Dahinter steht, abgesehen von Sensationslust, eine menschliche Schwäche, vor der selbst Historiker, Altertumsforscher und Archäologen nicht immer gefeit sind: Der Blick auf lang zurückliegende Zeiten ist oft genug beeinflusst vom eigenen Erfahrungshorizont und der eigenen Kulturzugehörigkeit, weshalb den Menschen anderer Epochen mitunter ganz falsche Eigenschaften und Motivationen zugeschrieben werden. Denn wozu hätten die Menschen der Vorzeit eine derart aufwändige Astronomie betreiben sollen? Mochte das Buch auch als mathematisch ungenau und archäologisch unsauber entlarvt werden – die interessierte Öffentlichkeit nahm begeistert die Vorstellung auf, geerdete, weise Vorfahren des jämmerlichen, der Natur und der Weltgeheimnisse entfremdeten modernen Menschen hätten inmitten der rätselhaften Steinkreise, mit mathematischer Präzision, die Augen gen Himmel gerichtet und ganz ohne die Errungenschaften der Moderne durchschaut, was die Welt im Innersten zusammenhält. Je mehr Erkenntnisse die moderne Wissenschaft gewinnt und je mehr den Menschen die Welt entzaubert und ungemütlich erscheint, desto empfänglicher sind sie für esoterische Ideen. Und Stonehenge als vermeintlicher astronomischer Vorzeitkalender mit dem Grusel alter Kulte und der Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit einer fernen Vergangenheit eignet sich dafür ganz vorzüglich.

Wenn aber trotz aller spannenden und unterhaltsamen Mutmaßungen eine seriöse Deutung der Anlage von Stonehenge nur auf Grundlage archäologischer Erkenntnisse erfolgen kann: Was sagen denn die unzähligen Archäologen, die sich mit dem imposanten Bauwerk befasst haben?

Von der modernen Archäologie und ihren Hilfswissenschaften sind wir längst erstaunliche Erkenntnisse gewohnt: Da lässt sich bestimmen, wann ein Mensch beerdigt wurde, von dem nur noch ein Häufchen ausgebleichter Knochen übrig ist, woher er stammte und woran er gestorben ist. Da lässt sich mittels Pollenanalyse des Erdreichs die Ackerbaugeschichte einer Fläche über Jahrtausende rekonstruieren. Da lässt sich anhand vorzeitlicher Abfallgruben genau nachvollziehen, was in einer steinzeitlichen Siedlung so alles auf den Tisch kam. Und schließlich − von besonderem Nutzen im Fall Stonehenge − wurde die Radiokarbonmethode entwickelt, mit der sich anhand der Zerfallsprozesse des Kohlenstoffisotops C14 das Alter organischer Materialreste sehr genau bestimmen lässt.

In unermüdlicher Kleinarbeit anhand vieler Tausend Funde und bei gelegentlicher Handreichung des Gehilfen Zufall haben Archäologen die Baugeschichte von Stonehenge zwar beileibe nicht erschöpfend, aber doch recht umfassend rekonstruiert. Besonders wichtig war dabei die Erkenntnis, dass die Anlage über lange Zeit genutzt, verändert, zwischendurch aber auch zeitweise völlig vernachlässigt, wenn nicht aufgegeben wurde. In vielen Details sind die Fachleute leidenschaftlich uneins – das ist nicht nur eine bleibende Motivation für neue Forschergenerationen, sondern auch unausweichlich: Ab einem gewissen Grad sind archäologische wie andere historische Erkenntnisse Auslegungssache, und wenn es zur Interpretation der Befunde kommt, gehen die Meinungen der Experten rasch auseinander. In Stonehenge kommt das Problem hinzu, dass es sich nicht gerade um eine Bilderbuchstätte für Archäologen handelt, bei der in zeitlich klar unterscheidbaren Erdschichten eindeutig zuzuordnende Fundstücke fein säuberlich sortiert auf ihre Entdecker warten. Die berühmteste vorgeschichtliche Stätte macht es uns vielmehr ausgesprochen schwer, denn die verschiedenen Zeitschichten sind schwer zu unterscheiden, das Gelände ist ausgedehnt und die Fundschicht vergleichsweise dünn.

Lange vor der Errichtung von Stonehenge selbst wurden einen Viertelkilometer nordwestlich der Anlage drei Holzpfähle aufgestellt – bereits zwischen 8000 und 7000 v. Chr., also noch in der Mittleren Steinzeit (Mesolithikum), als es in der Gegend eine kleine Bevölkerung von Jägern und Sammlern gab. Ob sie als Orientierungshilfen dienten oder religiösen Zwecken, ist unklar. Die eigentlichen Arbeiten an Stonehenge I begannen um 3000 v. Chr., also vor nunmehr fünf Jahrtausenden, als der äußere Wall aufgeschüttet wurde, der damals knapp zwei Meter hoch gewesen sein muss, auch wenn davon fast nichts mehr erkennbar ist. Vermutlich bediente man sich der einfachsten Methode, um einen regelmäßigen Kreisbogen zu schlagen: Man rammt einen Pfahl in die Erde, befestigt daran ein Seil, in diesem Fall von ca. 55 Metern Länge, und markiert damit ein Kreisrund. Entlang der Kreislinie hob man einen Graben aus, mit dessen Abraum der Wall aufgeschüttet wurde – leuchtend weiß und daher weithin sichtbar, denn unterhalb der Graswurzeln stößt man sogleich auf Kreideboden. Die Anlage erhielt mindestens zwei Zugänge: einen im Nordosten und einen im Süden.

Aus dieser ersten Periode, zu einer Zeit, in der das Land von den nunmehr Ackerbau betreibenden Menschen der Jungsteinzeit zunehmend kultiviert wurde und die Gegend von Stonehenge längst kultische Bedeutung erlangt hatte, wie beispielsweise benachbarte Grabstätten zeigen, stammen auch die 56 kreisrund angelegten Aubrey-Löcher, deren Funktion allerdings rätselhaft bleibt. Später, in der zweiten Bauphase bis Mitte des dritten Jahrtausends, wurde dort, wie auch in der Nähe des äußeren Grabens, die Asche Verstorbener beigesetzt, ursprünglich jedoch könnten die Löcher als Fundamente kleiner im Kreis angeordneter Holzpfähle gedient haben. Solche Holzkreise sind von anderen Orten Englands aus derselben Zeit durchaus bekannt, aber aufgrund des Materialverfalls nur noch in ihrem Grundriss nachvollziehbar. Außerdem wurde für Stonehenge II wenigstens ein Teil des Zugangsweges zum Nordosteingang gebaut.

Um 2500 v. Chr., mit Beginn der markantesten dritten Bauphase, verlegten sich die Architekten von Stonehenge vom bisherigen Baumaterial Holz auf Stein, dem das Bauwerk seinen heutigen Namen verdankt. Die zweite wichtige Maßnahme bestand in der Neuausrichtung der Achse der Anlage in nordöstliche Richtung, das heißt auf den Sonnenaufgang zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende – beziehungsweise in entgegengesetzte Richtung, orientiert auf den Anbruch des kürzesten Tages des Jahres, die Wintersonnenwende.

Zunächst wurden etwa 85 Blausteine, von denen jeder Einzelne um die vier Tonnen wog, aus knochenbrecherischen zweihundertfünfzig Kilometern Entfernung herbeigeschafft – aus den Preseli Mountains in Westwales. Wie diese riesigen Felsbrocken ihren Weg in die Grafschaft Wiltshire fanden, blieb lange Zeit ein Rätsel. Auch deshalb war im Mittelalter der Zauberer Merlin ins Spiel gekommen, denn ihm traute man ohne Weiteres zu, den Transport bewerkstelligt zu haben – den einfachen Menschen sprach man ein entsprechendes Know-how rundweg ab. Einer Theorie zufolge kamen die Steinblöcke schon viel früher durch Gletscherbewegungen nach Südengland, aber diese Vorstellung wird von den Fachleuten mehrheitlich abgelehnt. Vermutlich waren die Steine eine erzwungene oder freiwillige Gabe der Menschen in den Preseli Mountains, und wahrscheinlich haben die Menschen der Jungsteinzeit diesen Transport tatsächlich selbst auf sich genommen – entweder mit Booten entlang der englischen West- und Südküste und weiter nach Norden über den Fluss Avon, der Stonehenge fast streift. Oder ein Stück des Weges wurde zu Land bewältigt – ganz ähnlich wie im Falle der riesigen Steinquader der ägyptischen Pyramiden auf Schlitten und mit untergelegten Holzpfählen als Transportwalzen.

Aus diesen Blausteinen errichteten die Menschen von Stonehenge einen doppelten Kreis um den Mittelpunkt der Anlage, die aus 82 Steinen bestanden hätte, jedoch nie fertiggestellt wurde. Zu dieser Zeit wurde auch der Zufahrtsweg zum nordöstlichen Eingang bis zum Avon verlängert.

Um 2400 v. Chr., als sich etwa die Hälfte der Steine an ihrem Standort befand, änderte sich der Bauplan von Stonehenge III, das nun in seine zweite Phase tritt. Aus Gründen, über die sich nur spekulieren lässt (beispielsweise könnten Beziehungen zwischen verschiedenen Gegenden eine Rolle gespielt haben und die nun verwendeten Sarsensteine ein Geschenk gewesen sein), wurde jetzt der uns aus unzähligen Abbildungen vertraute Steinkreis aufgebaut, der nach seiner Fertigstellung aus dreißig Säulensteinen und ebenso vielen (kleineren) Decksteinen bestand. Diese Konstruktion stellt auch für die Spezialisten jungsteinzeitlicher Steinanlagen eine Besonderheit dar, denn mit diesem steingedeckten Megalithkreis, für den die gewohnte Holzbauweise auf den Werkstoff Stein angewandt wurde, ist Stonehenge einzigartig. Hinzu kommt das innere Sarsen-Hufeisen aus fünf Trilithen. Die Sarsensteine stammen aus dem Norden von Wiltshire, etwa vierzig Kilometer von Stonehenge entfernt. Schwierig war insbesondere, die Decksteine nach oben zu hieven – vermutlich baute man dafür unter dem Deckstein ein Holzgerüst, das immer höher wuchs, bis der Stein die Oberkante der Säulensteine erreichte. Eine andere Möglichkeit besteht im Aufschütten eines Erdwalls unter dem Deckstein.

Und schließlich wurden in weiteren Bauphasen von Stonehenge III in den Jahrhunderten um 2000 v. Chr. die walisischen Blausteine im Einklang mit der neuen Steinkreisformation in zwei Reihen (Kreis und Hufeisen) neu aufgestellt. Um 1700 v. Chr. kamen die beiden weiteren Ringe der Z- und Y-Löcher hinzu, aber zu jener Zeit versiegen auch die Funde zu Aktivitäten an Bau und Nutzung von Stonehenge.

Diese Baugeschichte gilt als einigermaßen gesichert, auch wenn abweichende Forschungsmeinungen dazu existieren. Schwerer tun sich die Fachleute damit, den Zweck der Anlage und den Grund für ihre Aufgabe näher zu bestimmen. Das hängt mit der Notwendigkeit zusammen, in diesem Fall ohne eindeutige Aussagen lieferndes Material Mutmaßungen anstellen zu müssen, was insbesondere Archäologen berufsbedingt zuwider ist. Eine mögliche Annäherung lässt sich aber versuchen über die Erkenntnisse, die die Forschung gewinnen konnte über die Entstehungsepoche insgesamt und die bedeutsamen Veränderungen jener Zeit, in der auch Stonehenge errichtet wurde.

In der langen Geschichte der Menschheit hat es immer wieder einschneidende Wendepunkte gegeben, seien es der Übergang zum aufrechten Gang, die Aneignung des Feuers, die Erfindung des Rads, des Ackerpflugs oder des Steigbügels – oder auch, in uns weniger fernen Epochen, die Entwicklung des Buchdrucks, die von der Erfindung der Dampfmaschine angestoßene industrielle Revolution oder der Computer. All diese Neuerungen stellen wichtige Wegmarken dar, weil sie dem Menschen ganz neue Perspektiven eröffnet und damit einen bedeutsamen Entwicklungsschub ermöglicht haben. Diesen grundlegenden Erfindungen der Menschheit ließe sich, jedenfalls aus gänzlich glaubensfremder Perspektive, noch eine weitere bedeutsame hinzufügen: die Religion. Und auch wenn man religiöse Vorstellungen nicht als etwas im Angesicht der Angst vor dem unausweichlichen Tod menschlich Fabriziertes ansehen will: In jedem Fall ist religiöses Denken eine der frühesten menschlichen Geistesübungen.

Das religiöse Denken der vorgeschichtlichen Menschen zu verstehen ist mangels Schriftquellen nicht leicht, aber Lebensbedingungen und sichtbare Überreste sowie anthropologische und religionswissenschaftliche Erkenntnisse geben Hinweise. Religiöses Denken beginnt mit dem Nachdenken des Menschen über seine Umwelt, mit der Suche nach Erklärungen für all das Unerklärliche, das ihn umgibt. Das nachzuvollziehen fällt uns modernen Menschen schwer, weil wir zwar auch nicht alles verstehen von dem, was auf der Erde und im Universum geschieht – aber zumeist erstaunlich unbeschwert davon ausgehen, dass es bereits erforscht wurde oder dereinst erforscht werden wird. In der Tat steht uns heute ein reiches Wissen zur Verfügung, das zu gewinnen Jahrtausende Menschheitsgeschichte benötigte, und wir vertrauen gern darauf, dass schlichtweg alles irgendwie erklärbar sei. Während wir also frei entscheiden können, ob wir einer Religion anhängen wollen oder nicht, war den Großteil der menschlichen Geschichte über die Entscheidung für den Glauben alternativlos, weil man sich dem spezifisch menschlichen Drängen, die eigene Existenz und ihre beängstigende Endlichkeit zu begreifen, nicht entziehen konnte. Vielmehr war das religiöse Denken der Menschen unausweichlich, weil nur so die Rätsel der Welt und des menschlichen Daseins erklärt werden konnten. Mit einiger Berechtigung gehen manche Fachleute davon aus, dass die religiöse Erfahrung ganz zuvorderst, am Anbeginn des Menschseins, also an den Anfängen menschlichen Bewusstseins steht.

Die sich entwickelnde Religiosität war eine kosmische, nach der die Welt eine beseelte, heilige Ganzheit darstellt. Darin war allem sein Platz zugewiesen: In jeder Pflanze und in jedem Menschenleben kam das Prinzip der ewigen Wiederkehr zum Ausdruck, wie auch im unerschütterlichen, gleichwohl geheimnisvollen Treiben am nächtlichen Himmel oder im Fortgang der Jahreszeiten. Entsprechend war der Tod nicht endgültig, sondern notwendig für die Wiedergeburt, beim Menschen wie bei jedem Grashalm. Seit vielen Zehntausend Jahren bestatten die Menschen ihre Toten – Zeichen für eine religiöse Weltsicht, die im physischen Ableben eines Menschen kein absolutes Ende erkennen will. Aus den Grabstätten geht klar hervor, welch wichtige Rolle der Tod im Denken der Menschen spielte, andernfalls hätten sie ihren Verstorbenen weniger Achtung entgegengebracht. Die Verbindung zu den Ahnen war sinnstiftendes Element für Gegenwart und Zukunft.

Während die »Erfindung« der Religion kaum mehr als nur grob datierbar ist, lässt sich eine weitere bedeutende Wende zeitlich vergleichsweise gut verorten: Um 8000 v. Chr., also vor nunmehr zehn Jahrtausenden, setzte die Epoche der Jungsteinzeit ein, in deren später Phase der Bau von Stonehenge begonnen wurde. Sie dauert in Europa ungefähr bis 2500 v. Chr. und geht dann in die Bronzezeit über. Die Fachleute sprechen vom Neolithikum, und den Meilenstein, an dem die Menschheit damals vorbeizog, bezeichnen manche als die »neolithische Revolution«. Der Begriff ist zwar streng genommen fehl am Platz, weil sich, im Unterschied zum pfeilschnellen Umsturz einer Revolution, die Veränderungen über viele Jahrhunderte vollzogen; andererseits ging da, wenn auch gemächlich, durchaus Revolutionäres vonstatten: Der Mensch entwickelte sich vom Jäger und Sammler zum Bauern und Tierzüchter und wurde dadurch – und vor allem – sesshaft. Sich dauerhaft niederzulassen und an einem festen Ort gestalterisch aktiv zu werden, statt eher reaktiv der Nahrung hinterherzuziehen und wenig Ortsbindung zu entwickeln, war eine grundlegende Vorbedingung für den weiteren Weg des Menschen: Städtebau, Staatenbildung, Hochkultur, Industrialisierung, Moderne. Die Entwicklung zur produzierenden Wirtschaftsweise des Tiere züchtenden Ackerbauern vollzog sich, ausgehend vom Vorderen Orient, in unterschiedlichen Regionen zu unterschiedlichen Zeiten.

Dieser Entwicklungsschub hatte auch mittelfristig weitreichende Folgen: Der Ackerbau, also der planmäßige Anbau von Pflanzen, die bisher als Wildwuchs gesammelt wurden, verlangte biologische Kenntnisse und neue Werkzeuge, die jetzt nicht mehr nur aus dem Fels geschlagen, sondern aufwendig und mit wachsendem Geschick geschliffen wurden. Für das Leben an einem Ort wurden feste Behausungen gebaut, für die Vorratshaltung geeignete Gefäße hergestellt. In den menschlichen Siedlungen bildete sich eine Arbeitsteilung heraus; die allmähliche Intensivierung der Lebensmittelproduktion schuf Spielraum, manche Menschen von der Sorge um die unmittelbare Existenz frei- und für gemeinschaftliche Arbeiten abzustellen. Die Zeichensymbolik machte Schritte in Richtung Schriftentwicklung. Ackerbau und Viehhaltung ermöglichten eine wachsende Bevölkerung, was zusammen mit der entstehenden Bindung ans eigene Land wiederum Konfliktpotenzial zwischen größeren Menschengruppen schuf – vom stammelnden Höhlenmenschen kann also längst nicht mehr die Rede sein.

Anfangs waren die Gesellschaften noch von sozialer Gleichheit geprägt, wie an Wohnbauten und Grabbeigaben erkennbar ist. Wann sich Schichten herausbildeten, Autoritäten maßgeblich und Unterschiede wichtiger wurden, ist schwer zu bestimmen. Im Falle von Stonehenge liegt zwar auf der Hand, dass es sich um eine enorme Gemeinschaftsleistung über viele Generationen handelt. Ob die beteiligten Menschen die vielen Millionen Stunden harter Arbeit in das Monument freiwillig oder gezwungenermaßen investierten, lässt sich allerdings nicht mehr klären.

Diese beiden revolutionären Errungenschaften der frühen Menschheitsgeschichte, Religion und Sesshaftigkeit, ermöglichen eine plausible Einordnung des Steinzeitmonuments Stonehenge, die ohne Zauberer und ähnlich Übermenschliches auskommt. Denn mit dem sesshaften Leben, das so ganz anders war als das beständige Umherziehen vom einen Jagdgebiet ins nächste, vom einen Sammelgebiet ins andere, erfuhr die Religiosität der Menschen eine Veränderung. Während ihre unmittelbaren Vorgänger als Nomaden naturgegebene Orte für religiöse Zwecke nutzten, weil sie ja immer weiterzogen, schufen sich die Bauern des Neolithikums für kultische Zwecke feste Plätze, die sie gestalteten. Und ein bis heute besonders imposanter sind die Steinkreise von Stonehenge in der jahrhundertelang heiligen Landschaft des Salisbury Plain mit ihren vielen weiteren sakralen Stätten.

Mit dem Übergang zur sesshaften Lebensweise wuchs mit der Bedeutung des Jahreszyklus das Interesse am Gang der Gestirne, allen voran der Sonne: Wer vom Ackerbau abhängig ist und an einem festen Ort die Veränderungen der Natur übers Jahr miterlebt, misst dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen eine besondere Bedeutung bei. Gleichzeitig ermöglichte der feste Ort verbindliche Himmelsbeobachtungen, und der Blick der Menschen richtete sich gen Himmel, der voller Geheimnisse war, aber ebenso Hinweise gab auf wiederkehrende Veränderungen auf der Erde, auf den richtigen Zeitpunkt für Aussaat und Ernte. Daher brachten die Menschen dem Himmel ebenso religiöse Verehrung entgegen wie der fruchtbaren Erde, die sie ernährte.

Der symbolische Stoff der unerschütterlichen Beständigkeit des Daseins in seinem unendlichen Zyklus von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt war Stein, sozusagen ein unvergänglicher Ort für die Seele der Toten. Davon zeugen neben den Steinkreisen, von denen es in Europa viele Hundert gibt – wenn sie auch zumeist erheblich weniger spektakulär als Stonehenge sind –, weitere archäologische Fundstätten. Während für uns heute Gestein eher als tote Materie gilt und der Tod wiederum als Ende, steckte für die zyklisch denkenden Menschen der Jungsteinzeit im Tod der Keim für neues Leben, für Wiedergeburt − so wie nach dem Winter die Natur zu neuem Leben erwacht. Insofern barg auch der vermeintlich tote Stein neues Leben in sich, was der Grund gewesen sein dürfte, für Grabstätten, aber auch für die Anlage von Stonehenge das Material Stein zu verwenden. Und weil unvergänglich, besaß Stein im rituell-symbolischen Denken ungeheure Kräfte. Die Verwendung großer Steine ist also nicht grundlos ein Markenzeichen jener Zeit, weshalb zu Recht von der Megalithkultur die Rede ist.

In diesen Zusammenhang müssen wir Stonehenge stellen, wenn auch eindeutige Aussagen schwierig bleiben und die strittigen Fragen so umfänglich, dass die Bücher darüber viele Regalmeter füllen. Gleichwohl: Stonehenge war ein religiöses, kultisches Monument, das als Grab- und Opferstätte sowie als Versammlungsort diente. Für die Ausrichtung hatten die Menschen des Neolithikums ebenso religiöse Gründe. Den sichtbaren Himmelskörpern kam in der religiösen Vorstellungswelt der Jungsteinzeit besondere Bedeutung zu, weil sie rätselhaft waren und weil sie das Leben strukturierten: allen voran die Sonne, die den Tag und den Jahresablauf bestimmte, aber ebenso der Mond mit seinem Zyklus. Im Falle von Stonehenge, das nicht das einzige vorzeitliche Bauwerk zur kultischen Himmelsschau ist, wurde die Ausrichtung von der möglicherweise anfänglichen Beobachtung des Mondes später auf die Sonne hin verändert.

Stonehenge lässt sich also wohl nur sehr vorsichtig als vorzeitliches Observatorium bezeichnen, denn für eine astronomische Tätigkeit nach unserer Vorstellung wurde es nicht errichtet – und auch nicht, um vermeintlichen Weltgeheimnissen auf die Spur zu kommen. Die astronomische Orientierung des Baus diente religiösen, kultischen Zwecken. Gleichwohl mag ein solches, in jahrhundertelanger Gemeinschaftsarbeit errichtetes Bauwerk auch lebensnah genutzt worden sein, um aus der Beobachtung von Sonne und Mond und anderer mit bloßem Auge erkennbarer Gestirne kalendarische Schlüsse für Aussaat und Ernte und für den Zeitpunkt regelmäßig wiederkehrender Festtage zu ziehen. Die Grenzen zwischen »profanem« und religiösem Zweck von Stonehenge waren dabei so fließend, wie tägliches Leben und Mythos ununterscheidbar eng verwoben waren. Die konkrete Sicherung der Lebensgrundlagen besaß ebenso eine kultische Dimension, wie die Erde als Nährboden und die Sonne als Lebensspender kultische Verehrung genossen. Höchstwahrscheinlich waren insbesondere die Äquinoktien, also Winter- und Sommersonnenwende, als Scheitelpunkte des Jahreszyklus besonders wichtige kultische Festtage − und eben auf diese Himmelskonstellationen und ihr visuelles Erleben war Stonehenge ausgerichtet. Über diese Zwecke hinausgehende Erklärungen für den Zweck von Stonehenge bleiben spekulativ und sind wenig geeignet, den neolithischen und bronzezeitlichen Menschen und ihrer Lebenswelt gerecht zu werden.

So rätselhaft das komplexe Bauwerk in vielen Detailfragen auch bleibt, es lässt sich vorstellen, wie vor allem an einem Tag sich in seiner Mitte ein erlesener Kreis von Menschen drängte: Zur Sommersonnenwende nämlich ermöglichten Himmelskonstellation und menschliches Bauwerk in Form der Steinkreise ein spektakuläres Erlebnis: wenn der erste Strahl der aufgehenden Sonne zwischen dem Heel Stone und seinem verloren gegangenen Partnerstein, zwischen dem Slaughter Stone und seinem Pendant sowie zwischen je zwei Steinen von Sarsen-Ring und Blaustein-Hufeisen ins Zentrum der Anlage drang, wo man sich gleichzeitig der Welt entrückt und ihr ganz nahe fühlte. Gut möglich also, dass die Menschen von Stonehenge, wenn sie sich unter den Steinen versammelten, voller Befriedigung ihrer Ahnen gedachten, deren Anstrengungen zur Errichtung von Stonehenge sich sichtlich gelohnt hatten.

AKROPOLIS VON ATHEN, GRIECHENLAND