Logo weiterlesen.de
Die letzte Zeugin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. ZEITACHSE
  8. ERSTER TEIL
  9. PROLOG
  10. 1.
  1. ZWEITER TEIL GEGENWART
  2. 2.
  3. 3.
  4. 4.
  5. 5.
  6. 6.
  7. 7.
  8. 8.
  9. 9.
  10. 10.
  11. 11.
  12. 12.
  13. 13.
  14. 14.
  15. 15.
  16. 16.
  17. 17.
  18. 18.
  19. 19.
  20. 20.
  21. 21.
  1. DRITTER TEIL
  2. 22.
  3. 23.
  4. 24.
  5. 25.
  6. 26.
  7. 27.
  8. 28.
  9. 29.
  10. 30.
  11. 31.
  12. 32.
  13. 33.
  1. VIERTER TEIL
  2. 34.
  3. 35.
  4. 36.
  5. 37.
  6. 38.
  7. 39.
  8. 40.
  9. 41.
  10. 42.
  11. 43.
  1. FÜNFTER TEIL
  2. 44.
  3. 45.
  4. 46.
  5. 47.
  6. 48.
  7. 49.
  8. 50.
  9. 51.
  10. 52.
  11. 53.
  12. 54.
  13. 55.
  14. 56.
  15. 57.
  16. 58.
  17. 59.
  18. 60.
  19. 61.
  20. 62.
  21. 63.
  22. 64.
  23. 65.
  24. 66.
  25. 67.
  26. 68.
  1. SECHSTER TEIL
  2. 69.
  3. 70.
  4. 71.
  5. 72.
  6. 73.
  7. 74.
  8. 75.
  9. 76.
  10. 77.
  11. 78.
  12. 79.
  13. 80.
  14. 81.
  15. 82.
  16. 83.
  17. 84.
  18. 85.
  19. 86.
  20. 87.
  21. 88.
  1. ANMERKUNGEN DES AUTORS
  2. DANKSAGUNGEN

Über den Autor

Bevor der Ire Glenn Meade zu internationalem Bestsellerruhm gelangte, arbeitete er als Journalist und als hochspezialisierter Ausbilder am Flugsimulator für Aer Lingus. Er lebt in den USA und widmet sich ganz der Schriftstellerei. Sein Debütroman UNTERNEHMEN BRANDENBURG gehörte 1994 zu den meistdiskutierten Büchern in England, und man stellte ihn sogleich auf eine Stufe mit Frederick Forsyth, Jack Higgins, Martin Cruz Smith und John le Carre.

Der Wind zerstreut die Blüten, und es kümmert ihn nicht.
Doch kein Wind kann die Blüten des Herzens verwehen.

YOSHIDA KENKŌ

ZEITACHSE

1989-1991

  • Fall der Berliner Mauer. Zerfall der Sowjetunion.

1990-1991

  • Ehemalige Sowjetrepubliken und die baltischen Staaten erklären ihre Unabhängigkeit.
  • Die Sozialistische Republik Jugoslawien bricht auseinander.
  • Slobodan Milošević, Präsident der Sozialistischen Republik Serbien, versucht die Herrschaft in den jugoslawischen Gebieten Kroatiens, Sloweniens und Bosniens an sich zu reißen. Ein blutiger Konflikt beginnt, als das Land aufgrund ethnischer und religiöser Spannungen zerfällt.

1992

  • Es gibt Berichte über ethnische Säuberungen, Konzentrationslager und Massenvergewaltigungen, als die serbische Armee und paramilitärische Einheiten Muslime und Christen niedermetzeln, um ein ethnisch »reines« Serbien zu erschaffen.
  • Beginn der Belagerung von Sarajevo. Die serbische Blockade wird mehr als drei Jahre dauern.

1992-1994

  • Auf allen Seiten werden Massaker verübt. Oft sind Zivilisten die Opfer. Internationale Friedenspläne scheitern.

1995

  • 8000 Jungen und Männer werden von den Serben in Srebrenica getötet, während UN-Schutzzonen in Bosnien in die Hände serbischer Streitkräfte fallen.
  • Mehr als 250 000 Menschen werden in diesem Krieg getötet oder verwundet, eine Million Zivilisten werden vertrieben.
  • Die NATO bombardiert das serbische Militär.
  • Die Vereinigten Staaten zwingen die Serben, sich mit den Bosniern und Kroaten in Dayton, Ohio, an einen Tisch zu setzen, um Friedensverhandlungen zu führen.
  • Der Krieg im Kosovo zieht sich bis 2001 hin. Die NATO klagt den Serbenführer Slobodan Milošević als Kriegsverbrecher an.
  • 2001 wird Milošević verhaftet und muss sich vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal verantworten. Er stirbt 2006 vor dem Ende des Verfahrens im Gefängnis.

ERSTER TEIL

PROLOG

Viele Wege führen zu deinem Grab in der Nähe von Mostar.

Man kann mit dem Wagen durch Wälder fahren, in denen es nach Harz duftet, oder mit dem Bus oder dem Zug reisen und dann die Brücke über der Neretva überqueren, deren Wasser so blau ist wie sonst nirgendwo auf der Welt. Anschließend steigt man den Berg hinauf, der über dieser Stadt aus dem sechzehnten Jahrhundert aufragt.

Viele Wege führen zu deinem Grab, doch an diesem heißen Sommertag verstopfen Menschenmengen die Straßen.

Heute ist ein Feiertag, an dem der Toten gedacht wird. An diesem Tag werden zum Gedenken an alle, die hier ruhen, Gebete gesprochen.

Die Hotels in der Umgebung sind ausgebucht, denn viele Menschen sind aus Dubrovnik und Sarajevo und fernen Städten angereist. Auch internationale Fernsehteams sind vor Ort, sogar aus Amerika.

Sie kommen hier zusammen, um den Tausenden bekannter und unbekannter Toten, den Namen und Zahlen, die in Holz geritzt oder in Stein gemeißelt sind und den Tod geliebter Menschen dokumentieren, Respekt zu erweisen.

Väter und Söhne, Mütter und Töchter, Brüder und Schwestern.

Erwachsene und Jugendliche, Kinder und Kleinkinder.

Sie liegen hier Seite an Seite oder auf verschiedenen Friedhöfen im ganzen Land: Christen, Muslime, Juden, Agnostiker und Ungläubige.

Einige waren Soldaten, die meisten aber unschuldige Zivilisten. Sie waren hilflose Opfer in einem Konflikt, den sie nicht herbeigeführt haben.

Und du, ein Fremder, dessen Krieg dies niemals war, liegst begraben zwischen ihnen.

*

Dein Grab trägt keinen Namen, nur eine Zahl. Du bist ein unbekanntes Todesopfer dieses Krieges, und hier wurden deine sterblichen Überreste beigesetzt.

An diesem Tag betreten die heiligen Männer den Friedhof. Priester, Mullahs und Rabbiner gehen an den Gräbern entlang, beten und singen. Der Duft des Weihrauchs steigt empor.

Unzählige Trauernde folgen den Priestern. Sie kommen an deinem Grab vorbei.

In der warmen Sonne legen aufmerksame Besucher hier und da eine Blume auf ein Grab. Kinder schenken einem Verstorbenen ein kleines, wertloses Spielzeug oder einen Bonbon. Ein Junge streicht mit andächtiger Miene über deinen glatten Grabstein, dann kichert er und rennt zu seinen Freunden.

Sein schelmisches Lachen hat nichts mit Respektlosigkeit zu tun, und so soll es auch sein an diesem Tag, an dem Familien und Freunde sich hier bei ihren Verstorbenen versammeln. Wenn sie trauern, trauern sie auch um dich.

Doch über deine Geschichte und dich selbst wissen sie nichts. Sie werden niemals erfahren, dass du deine Frau über alles geliebt hast und dass sie dir beigebracht hat, zu lieben und zu vertrauen. Sie werden niemals wissen, wie perfekt ihr euch ergänzt habt und die bessere Hälfte des jeweils anderen wurdet, wie wir es stets suchen, aber nur selten finden.

Sie werden niemals erfahren, wie sehr du deinen Sohn und deine Tochter geliebt hast. Wie viel Freude es dir bereitet hat, mit ihnen zu spielen, sie zum Lachen zu bringen. Wie du und deine Frau voll ehrfürchtigem Staunen in ihre Gesichter geschaut habt, wenn sie schliefen, und euch gefragt habt: Womit haben wir es verdient, so glücklich zu sein?

Für die Trauernden, die an diesem Tag den Friedhof besuchen, bist du nur eine Zahl.

Sie wissen nicht, dass hier ein junger Mann fern seiner Heimat auf einer friedlichen Wiese begraben wurde, auf der Bienen summen, Schmetterlinge flattern und die Blumen die Luft mit dem Duft ihres Nektars erfüllen. Du bist nur ein Toter unter vielen.

Schließlich gehen die heiligen Männer und Priester weiter, nachdem sie ihre Gebete gesprochen haben. Einige Familien bleiben noch. Sie setzen sich, um mit ihren Verstorbenen zu sprechen, denn der Schmerz hat sich viel tiefer in ihre Herzen gegraben, als Worte es könnten.

Erst als die Sonne sich dem Horizont nähert und der Himmel in Flammen zu stehen scheint, erheben sie sich. Viele haben Tränen in den Augen. Sie berühren und küssen die Grabsteine, ehe sie an den Gräbern entlang zum Tor gehen.

Sie werden wiederkommen, an demselben Tag im nächsten Jahr, oder wenn die Erinnerungen sie zu sehr quälen.

Wenn es in deiner Macht läge, würdest du sie zurückrufen und ihnen erzählen, wie es dazu kam, dass auch du hier begraben liegst.

Du würdest ihnen sagen, dass du in deinem kurzen Leben geliebt und gekämpft hast, dass du ein guter und schlechter Mensch warst, dass du Fehler hattest wie jeder andere. Kurz gesagt, du warst bloß ein junger Mann unter vielen, die hier lebten und starben. Deine Geschichte könnte die eines jeden Opfers sein, das hier ruht und das die sinnlose Brutalität des Krieges zum Tode verurteilt hatte.

Und doch ist deine Geschichte anders.

Vielleicht hatte sie immer schon anders sein sollen.

Wenn du könntest, würdest du ihnen sagen, dass es keine Rolle spielt, ob sie Mann oder Frau sind, wie sie sind, wie sie ihre Religion nennen, welche Hautfarbe sie haben oder von welchen Vorfahren sie abstammen. Es spielt nicht die geringste Rolle, solange sie an Wahrheit und Erlösung, an Vergebung, Gnade und Erbarmen glauben – jene Tugenden, über die jeder von uns verfügt, auch wenn sie im tiefsten Inneren verborgen sind.

Wenn du könntest, würdest du ihnen sagen: Hört euch unsere Geschichte an. Hört, wenn ich euch sage, dass ihr das Böse besiegen müsst, sonst wird es euch besiegen. Deshalb sollt ihr erfahren, wie es dazu kam, dass wir hier begraben sind.

Wenn die Welt nicht aus der Geschichte lernt, ist sie für immer dazu verdammt, die Sünden ihrer Vergangenheit zu wiederholen.

1.

1981

Und so hast du deine große Liebe gefunden.

Dein Name ist David. Du bist ein ganz normaler junger Mann und trotz deiner einundzwanzig Jahre noch immer arglos, schüchtern und dem anderen Geschlecht gegenüber unsicher. Du musst dich und deinen Weg erst noch finden.

Du stammst aus einer Soldatenfamilie und bist auf einer US-Militärbasis in der Nähe von Frankfurt aufgewachsen. Du liebst die Kunst und die Mädchen, Filme und Baseball. Wie alle jungen Männer bist du mit deinen Eltern nicht immer einer Meinung.

Es ist jener Sommer, als es zwischen dir und deinem Vater zu einem heftigen Streit kommt. Es beginnt mit einer Diskussion über deine nicht vorhandenen Zukunftspläne und endet mit einem Faustschlag, den dein Vater dir verpasst. Du wirst gegen die Wand geschleudert, und deine Lippe blutet.

Du siehst ihm an, wie leid es ihm tut, dass er die Nerven verloren und dich geschlagen hat.

Nie zuvor hat er die Hand gegen dich erhoben, aber das ist dir im Moment ziemlich egal. Du bist wütend. Du willst, dass er sich mies fühlt.

Dein Vater ist Soldat, ein harter Mann, der in einer Spezialeinheit dient. Er war in Panama, in Grenada und in jedem Krisengebiet, in das die US-Streitkräfte in den letzten zwanzig Jahren ihren Fuß gesetzt haben.

Du willst auf keinen Fall Soldat werden. Du willst nicht in deines Vaters Fußstapfen treten. Du bist ein Träumer. Du willst malen, Künstler werden.

An diesem Tag sagst du ihm, dass es dir reicht und dass du dir nichts mehr von ihm sagen lässt.

Du sagst ihm, dass du die Familie verlässt. Endgültig.

Deine Mutter weint, bricht auf der Couch zusammen.

Dein Vater versucht, dich aufzuhalten. Du stößt ihn weg und stürmst wütend aus deinem Elternhaus.

Du liebst deine Eltern, aber du weißt, dass der Zeitpunkt gekommen ist, aus dem Schatten deines Vaters zu treten. Du bist jung und unbeschwert und möchtest deine Freiheit und das Leben in vollen Zügen genießen. Du träumst von einem heißen Sommer am Mittelmeer, von schneeweißen Sandstränden und hübschen Mädchen.

Du sehnst dich nach einer Veränderung. Du möchtest zu dir selbst finden, deinen eigenen Weg gehen.

Also packst du alles in den verbeulten Golf, den du dir dank deines Teilzeitjobs in einer Bar während des Studiums an der Kunstakademie kaufen konntest.

Du packst deine Farben und Pinsel und Leinwände ein, einen Schlafsack und eine Kühlbox für Getränke. Und dann fährst du an einem Samstagmorgen von Frankfurt in Richtung Süden, bis in die Schweiz und weiter nach Italien. Glücklich und beschwingt fährst du in dem kleinen Golf an der dalmatinischen Küste Jugoslawiens entlang. Dein Ziel ist das sonnige Griechenland.

Aber wie so oft im Leben kommt es erstens anders und zweitens als man denkt.

*

An diesem Abend hältst du in Dubrovnik an der dalmatinischen Küste.

Du findest ein billiges Hotel. Jenseits der mondbeschienenen Bucht, hinter einer Reihe von Kreuzfahrtschiffen, liegt Italien. Im Reiseführer steht, dass auf der nahen Insel Korčula einst Marco Polo gelebt hat.

Die befestigte Stadt wurde im siebten Jahrhundert gegründet. Schon lange vor dieser Zeit begehrten die Römer und Griechen dieses Gebiet, später die Kreuzfahrer und die Byzantiner.

Du staunst über die Schönheit der Insel. Du möchtest die engen gepflasterten Straßen malen, und wie das Licht auf das hellblaue Wasser der Bucht fällt.

Über die dunkle Seite der jugoslawischen Geschichte weißt du wenig. Nichts darüber, dass der Balkan durch jahrhundertelange Fehden, Feindschaften und Kränkungen zwischen Serben, Kroaten und Bosniern auseinandergerissen wurde. Nichts von dem verborgenen Hass, der eines Tages Chaos und Verwüstung in dein Leben bringen wird.

In diesem Augenblick liebst du diese Stadt. Der südländische Lebensstil schlägt dich in seinen Bann.

Du bleibst eine Woche. Du malst morgens und abends, wenn das Licht gut ist. Anschließend gehst du etwas essen und trinkst ein, zwei Gläser Wein.

Eines Abends sitzt du im Marco Polo, einem Restaurant, das einem gewissen Herrn Banda gehört, einem lustigen kleinen Mann mit krummem Rücken. Er erzählt dir, sein italienischer Vater sei aus Mussolinis Armee desertiert, um sich den Partisanen anzuschließen und sich hier niederzulassen.

Während ihr miteinander redet, bedient dich eine Kellnerin mit samtbraunen Augen. Ihr dunkles Haar hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihre gebräunte Haut bildet einen hübschen Kontrast zu ihrer schneeweißen Bluse. Als sie sich von deinem Tisch entfernt, sieht Herr Banda, dass du ihr hinterherschaust. Er lächelt.

»Alle Männer mögen Lana, aber sie geht nie mit einem aus.«

»Warum nicht?«

Er zuckt mit den Schultern. »Wenn sie nicht arbeitet, studiert sie. Sie will Schriftstellerin werden. Ich habe gesehen, dass Sie malen. Möchten Sie Maler werden?«

»Unbedingt.«

Herr Banda zwinkert dir zu. »Zwei Künstler. Sie gefällt Ihnen, nicht wahr?«

Du spürst es. Du bist nicht blauäugig, und es ist nicht etwa so, als hinge der Himmel plötzlich voller Geigen, aber irgendetwas geschieht mit dir. Dein Herz schlägt schneller.

Der Wirt erzählt dir, dass Lana aus einer Stadt stammt, die hinter Sarajevo liegt, und dass sie an der Universität in Dubrovnik Englisch studiert. Sie ist seine beste Kellnerin.

Er ruft sie und stellt sie dir vor.

Sie reicht dir die Hand, und du riechst den Duft ihres Haars. Es duftet nach Mandeln. Der Blick ihrer samtbraunen Augen berührt dich tief.

Als du sie zu ihrem tadellosen Englisch beglückwünschst, lächelt sie. Sie sagt, ihre Mutter sei Englischlehrerin und dass sie die Sprache seit ihrer Kindheit spricht. Wenn Lana mit dir redet, fühlst du dich, als wärst du der einzige Mensch auf Erden.

Du bleibst noch eine Woche. Normalerweise bist du Frauen gegenüber schüchtern, und Small Talk liegt dir nicht, aber schließlich bringst du den Mut auf, Lana einzuladen.

Überraschenderweise nimmt sie die Einladung an.

Ihr geht in ein Café, trinkt Kaffee und esst Kuchen. Ihr unterhaltet euch stundenlang. Es ist dein letzter Abend. Kitschige, aber passende Hintergrundmusik erklingt: Please Dont Go von KC & The Sunshine Band.

Später spaziert ihr am Strand entlang. Ihr sprecht über Kunst, Bücher und Musik, über Shakespeare, einen ihrer Lieblingsschriftsteller, und über Gott und die Welt.

Und dann küsst ihr euch.

Es ist nicht dein erster Kuss. Es gab schon ein Mädchen namens Frieda in Frankfurt, das den Anspruch auf deinen ersten Kuss erheben kann. Dennoch fühlt dieser Kuss sich an, als wäre es der erste.

Und dieses Mal entbrennst du in Leidenschaft, und sie lässt dich nicht mehr los.

*

Du bleibst noch ein paar Tage.

An einem sonnigen Nachmittag fahrt ihr nach Mostar. Lana packt alles für ein Picknick ein.

Diese Stadt kennt und liebt sie schon seit ihrer Kindheit, denn ihre Eltern sind sonntags oft mit ihr dorthin gefahren. Ihr spaziert an türkischen Kaffeehäusern vorbei und durch Bazare, auf denen Modeschmuck und persische Teppiche angeboten werden.

Dann steht ihr auf der wunderschönen Bogenbrücke, die eines Tages völlig sinnlos durch serbischen Beschuss zerstört werden wird. Ihr beobachtet junge Männer, die auf das Brückengeländer steigen. Sie strecken die Arme und beugen ihre sportlichen Körper, als sie aus dieser unglaublichen Höhe in den Fluss springen, dessen Wasser so blau ist wie sonst nirgendwo auf der Welt.

Freunde begrüßen sie unten am Flussufer.

Ein alter Mann verkauft neben der Brücke Narzissen. Du kaufst einen Strauß für Lana. Sie sagt, es seien ihre Lieblingsblumen. Dann erzählt sie dir, die jungen Männer kämen schon seit Jahrhunderten hierher, um sich »Mostari« nennen zu können, nachdem sie von der Brücke gesprungen sind. Einige tun es, um ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Andere, um der Frau ihres Herzens ihre Liebe zu beweisen. Sie lächelt. »Oder um zu zeigen, wie verrückt sie sind.«

»Springen auch Frauen von der Brücke?«

»Manchmal. Meistens Männer. Es ist gefährlich. Es sind fünfundzwanzig Meter. Einige haben es nicht überlebt.«

Du sagst ihr, du wirst springen.

Lana lacht und meint, du müsstest verrückt sein. Sie nimmt eine Narzisse aus dem Strauß und wirft sie in den Fluss. Die Blume schwebt durch die Luft, ehe sie in dem blauen Wasser landet und von der Strömung fortgerissen wird.

Du sagst, dass du dennoch springst. »Möchtest du mit mir springen?«

Sie begreift, dass du es ernst meinst.

»Nein! Es ist wirklich gefährlich, David. Das Wasser ist eiskalt, sogar an heißen Tagen. Der Kälteschock allein kann dich umbringen, wenn du nicht fit bist.«

Du schaust von der Brücke in den Fluss.

»Ich habe darüber gelesen. Der Trick ist, dass man gerade springen und die Arme ein Stück ausbreiten muss, ehe man aufs Wasser trifft. Dann sinkt man nicht so schnell in die Tiefe.«

»Spring nicht, David. Es wäre verrückt, ohne vorher trainiert zu haben.«

»Ich habe drei Jahre in den Sommermonaten als Rettungsschwimmer gearbeitet. Ich kann springen. Aber aus fünfundzwanzig Metern wäre es das erste Mal.«

Du ziehst dein T-Shirt aus und streifst die Sandalen ab, lässt die Jeans aber an. Du blickst in die Tiefe. Das blaue Wasser scheint furchtbar weit weg zu sein. Dein Herz klopft laut. Vor Angst hast du einen Kloß im Hals und versuchst, es dir nicht anmerken zu lassen.

»David, bitte, ich flehe dich an …«

Du steigst auf das Brückengeländer. Lana will nach deiner Hand greifen, um dich aufzuhalten, doch es ist zu spät. Du wirfst einen Blick über die Schulter und zwinkerst ihr zu. »Wünsch mir Glück.«

»David!«

Du springst.

Die Luft rauscht an deinen Ohren vorbei.

Eine halbe Ewigkeit fällst du wie ein Stein in die Tiefe. Das Wasser, das unter der Brücke hindurchströmt, kommt rasend schnell näher. Du spreizt die Finger, ehe du in den Fluss eintauchst.

Du hast das Gefühl, auf Beton zu prallen. Und das Wasser ist eiskalt.

Als du auftauchst, nach Atem ringend, winkst du ihr zu.

Sie läuft den gewundenen Fußweg zum Ufer hinunter, und kurz darauf steht sie vor dir.

Du bist pudelnass und lachst.

Sie küsst deine Fingerspitzen, führt sie an ihre Lippen und wischt dein Gesicht mit deinem T-Shirt ab. »Du bist verrückt, weißt du das, David Joran?«

»Vielleicht. Aber es war ein irres Gefühl.«

*

Sie scheint glücklich zu sein, als sie sich bei dir einhakt und ihr gemeinsam die Böschung hinaufsteigt. Deine Jeans ist völlig durchnässt. Ihr setzt euch neben einem knorrigen Olivenbaum auf eine Wiese und esst Frischkäse, Brot und Strauchtomaten. Dazu trinkt ihr Wein, den Lana vom Bauernhof ihres Vaters mitgebracht hat.

Während deine Jeans in der Sonne trocknet, erzählt sie dir, was für Geschichten sie geschrieben hat. Sie sind weder gut noch schlecht, aber sie weiß, dass anfangs niemand gut ist. Sie führt ein Tagebuch, um sich im Schreiben zu üben.

Eines Tages möchte sie ein Buch schreiben, das die Welt verändert.

Du erzählst ihr, dass du schon immer Künstler werden wolltest. Schon als Kind hast du mit bunten, wasserfesten Markern zu Hause auf den Küchenwänden herumgekritzelt.

Du findest, Lana ist viel zu hübsch für dich, und du sagst es ihr.

Sie mustert dich, und zum ersten Mal erkennst du Skepsis in ihrem Blick.

Du glaubst, du hast es vermasselt.

Sie gesteht dir, dass sie nicht schnell Vertrauen zu einem Menschen fasst.

Du sagst, es ginge dir ebenso.

Sie lacht, aber als sie dich anschaut, weißt du, dass diese wachsamen Augen nicht lügen.

Der Wein ist dir zu Kopf gestiegen. Du nimmst ein Taschenmesser aus der Jeanstasche. Und dann tust du etwas Kindisches, Dummes. Aber du möchtest Lana beweisen, dass du ein Künstler bist.

Du ritzt ein Herz in den Stamm des Olivenbaums. Es gelingt dir verdammt gut. Darüber ritzt du zwei Hände und links und rechts davon eure Namen: David und Lana.

Als du fertig bist, siehst du, dass sie dich anschaut.

Ihr Blick scheint tief in deine Seele zu dringen, ehe sie dich küsst.

*

In dieser Nacht schläfst du in deinem billigen Hotel in der Nähe des Hafens zum ersten Mal mit ihr.

Du liebst ihr Gesicht und alles andere an ihr. Du liebst ihr Lachen und ihre Stimme und die Art, wie sie mit den Fingerspitzen deine Haut berührt.

Du hältst sie in den Armen, und ihr unterhaltet euch die ganze Nacht. Du erzählst ihr von dem Streit mit deinen Eltern. Sie erzählt dir von ihrem Streit mit ihren Eltern und von ihrem Geheimnis. Du bist schockiert, willst dieses Mädchen aber nach wie vor. Du bewunderst ihre Ehrlichkeit und versprichst, ihr niemals wehzutun, sie nie zu belügen. Und nie wieder über ihr Geheimnis zu sprechen. Du versprichst, dass sich dadurch nichts ändert.

Sie fragt dich, ob du es ernst meinst.

Du sagst Ja, du meinst es ernst.

Sie flüstert deinen Namen in der Dunkelheit, ehe sie ihre Lippen auf deinen Mund presst. Und du hörst sie leise weinen, ehe sie in deinen Armen einschläft.

*

In den folgenden Wochen und Monaten lernst du, was es bedeutet, einen Menschen zu lieben. Nachdem Lana dir nun vertraut, öffnet sie sich wie eine Blüte und bringt dir vieles bei.

Dieser Sommer vibriert in dir wie kein Sommer zuvor. Du kannst nicht mehr in das Leben zurück, das du mit deinen Eltern geführt hast. Es hat sich etwas verändert. Du planst deine Zukunft.

Du weißt, dass das Leben eine Reise ist, denn dein alter Herr hat es dir immer gesagt. Und du begreifst, warum du mit Lana zu dieser Reise aufbrechen willst.

Weil deine Liebe stärker ist als die Begierde. Lana ist deine Seelenverwandte.

Es ist ein eiskalter Samstag im Dezember, und es schneit ein wenig, als ihr euch in der kleinen St.-Nikolaus-Kirche das Jawort gebt. Du schaust ihr mit stolzem Blick in die Augen, als ihr einander gelobt, euch zu lieben und zu ehren.

Ihr steckt einander einen Ring an den Finger. Es sind zwei schlichte Goldringe, die Herr Banda euch zur Hochzeit geschenkt hat. Er ist es auch, der die Hochzeitsfotos macht.

Eure Hochzeitsreise führt euch in ein kleines Hotel in den Bergen oberhalb von Sarajevo. Du schreibst deinen Eltern eine Karte und teilst ihnen mit, dass du hier ein neues Leben begonnen hast.

Ihr zieht in eine Wohnung über Herrn Bandas Restaurant. Er ist gut zu euch beiden. Es ist eine kleine Wohnung mit drei winzigen Zimmern und einer niedrigen Decke, die du mit den Fingern berühren kannst.

»Jetzt wisst ihr, warum ich einen krummen Rücken habe«, scherzt Herr Banda.

Zumindest ist es warm in der Wohnung mit dem blauen Kachelofen, und das Beste ist, dass Herr Banda die Miete mit dem Lohn für eure Jobs verrechnet.

Lana studiert tagsüber und arbeitet abends als Kellnerin. Du hilfst in der Küche beim Kochen, übernimmst aber auch andere Arbeiten, die anfallen. In jeder freien Minute malst du, und deine Bilder werden immer besser. Solange die Touristen in Scharen nach Dubrovnik kommen, hast du viele Abnehmer für deine Bilder. Alles läuft gut, und ihr kommt über die Runden.

Ihr bekommt euer erstes Kind, ein Mädchen.

Der Gedanke, Vater zu sein, flößt dir Angst ein. Doch als dieser hilflose kleine Engel dich mit seinen großen Augen anschaut und an deinem Finger nuckelt, schließt du ihn in dein Herz.

Es dauert lange, bis das zweite Kind kommt – sechs Jahre. Lana erleidet vier Fehlgeburten, und ihr hattet die Hoffnung beinahe schon aufgegeben.

Diesmal ist es ein Junge.

Das winzige Wesen wiegt kaum zwei Pfund. Es kommt elf Wochen zu früh durch einen Kaiserschnitt zur Welt, und der Arzt glaubt nicht, dass er es schaffen wird. Wie durch ein Wunder schafft er es doch und wächst und gedeiht.

Mit seinen Pausbäckchen und den süßen Grübchen beim Lächeln erobert er dein Herz. Ehe du dich versiehst, kann er laufen und sprechen. Es ist ein fröhliches Kind, wie seine Schwester. Und da er allen Widrigkeiten zum Trotz überlebt hat, gehört ihm ein besonderer Platz in deinem Herzen.

Jetzt wohnt ihr zu viert in der kleinen Wohnung.

Du hast nie gewusst, wie schön das Leben sein kann. An warmen Sommertagen verbringt ihr viel Zeit am Strand. Du malst und zeichnest, während Lana und die Kinder mit Eimer und Schaufel im Sand spielen. Es sind gesunde, glückliche Kinder mit sonnengebräunten Körpern.

In kalten Winternächten schlaft ihr alle vier in dem großen Ehebett.

Und wenn die Kinder endlich zur Ruhe kommen, schmiegt Lana sich an deine Brust.

Sie glaubt, dass die Samen dessen, was wir tun, in uns allen gesät wurden. Dass es vorherbestimmt war, dass ihr beide euch begegnet seid. Lana sagt, dass sie dich liebt, dass es Liebe auf den ersten Blick war und dass sie dich immer lieben wird, egal was das Leben noch bringt.

Sie möchte, dass du es weißt.

Sie ist stolz, deine Frau zu sein.

Ihr gelobt, einander niemals zu verlassen, was auch immer geschehen mag.

Als Lana die Augen schließt, hörst du ihr vertrautes Atmen. Im Mondlicht, dessen Schatten auf den Boden neben dem Bett fällt, schaust du in die schlafenden Gesichter deiner Lieben.

Du bist glücklicher als je zuvor.

*

Das alles geschah, ehe der Krieg ausbrach.

Ehe die ersten Granaten heulend und zischend durch die Luft flogen und in Dubrovnik einschlugen. Ehe Sarajevo drei Jahre lang belagert wurde und Blut durch die Straßen floss.

Ehe die alten Fehden und Kränkungen und die ethnische Säuberung einen dunklen Schatten auf alles und jeden in diesem Land warfen und alles zerstörten, was gut, anständig und menschlich war.

Ehe du, Lana und die Kinder in die Wirren des Krieges geraten seid, was euer Leben für immer verändert hat.

Du musst daran denken, dass dein Vater immer gesagt hat, es gebe eine Zeit im Leben, da das Glück seinen höchsten Punkt erreicht. Eine Zeit, da alles gut zu sein scheint und die Engel dir zur Seite stehen.

Wenn es so ist, dann war es diese Zeit.

Denn später wirst du dich immer an den Nachmittag in Mostar erinnern, als du von der Brücke gesprungen bist und eure Namen in den Olivenbaum geritzt hast.

Und an die mondhellen Nächte, als ihr euch eng aneinandergeschmiegt habt, um euch zu wärmen, und als du erstaunt in die schlafenden Gesichter deiner Lieben geblickt hast.

ZWEITER TEIL
GEGENWART

2.

New York

Carla Lane wusste es nicht, aber dieser Tag begann mit dem Leben und endete mit dem Tod.

Sie wusste auch nicht, ob in den Wochen, die diesem Nachmittag vorausgingen, eine flüchtige Vorahnung einen Schatten auf ihre Träume geworfen hatte, um sie vor dem schrecklichen Ereignis zu warnen, das an diesem Tag eintreten würde.

Vielleicht. Aber Carla wusste an diesem Tag nur, dass sie furchtbar aufgeregt war und glücklich wie nie zuvor, als sie die Arztpraxis verließ.

Jan saß auf der anderen Straßenseite auf einer Bank und las Zeitung, während er auf sie wartete.

Als er sie sah, hob er den Blick. Der Wind zerzauste sein Haar, und er verzog das Gesicht zu dem schiefen Lächeln, das so typisch für ihn war. Dann wurde er ernst, faltete die Zeitung zusammen und kam auf Carla zu.

»Wie ist es gelaufen?«

Sie schwieg.

»Komm, Carla, tu mir das nicht an, mein Schatz.«

»Was?«

»Mich auf die Folter spannen. Sind es gute oder schlechte Nachrichten?«

»Sagen wir mal so. Ab jetzt esse ich für zwei.«

Jan strahlte übers ganze Gesicht, und Carla wusste wieder einmal, warum sie diesen Mann geheiratet hatte.

»Das ist ja großartig!« Er küsste sie, legte einen Arm um ihre Taille und tätschelte behutsam ihren Bauch. »Kann man schon sehen, was es wird?«

Carla lachte. »Ich bin erst in der sechsten Woche, Jan.«

»Wie lange dauert es denn, bis man es sehen kann?«

»Vier, fünf Monate vielleicht. Es ist dir doch egal, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?«

»Natürlich. Was hältst du davon, wenn wir bei Barney’s essen gehen, um die gute Nachricht zu feiern? Ich habe bis zwei Uhr Zeit, dann muss ich zur Probe.«

Carlas Gesichtszüge verdunkelten sich. Da war noch etwas, was sie Jan sagen musste, etwas, was sie beunruhigte.

»Was ist los? Du siehst besorgt aus.«

»Ach, nichts. Hat Zeit bis nach dem Essen.«

»Ich möchte mit dir anstoßen. Meinst du, der Arzt hätte etwas dagegen?«

Sie hakte sich bei ihm ein. »Ich nehme jedenfalls nichts, was mehr Prozente hat als ein Glas Mineralwasser. Ab jetzt trinkt Mama keinen Tropfen Alkohol mehr.«

Jan lächelte und winkte ein Taxi heran.

3.

Das Restaurant in der Tenth Avenue war gut besucht. Jan wurde sofort erkannt, als sie es betraten. Ein paar Leute riefen Hallo und wollten ihm die Hand schütteln.

Jan liebte seinen Beruf. Allerdings gefiel es ihm nicht, ständig im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. Deshalb mied er es, so gut es ging, aber in dieser Situation war das unmöglich.

Carla steuerte auf die Toilette zu, während Jan zwei jungen Paaren Autogramme gab. Sie hörte, wie ein Gast den Barkeeper fragte: »Wer ist denn der Typ?«

»Jan Lane.«

»Wer ist Jan Lane?«

»Soll das ein Witz sein? Er ist einer der besten jungen Pianisten, die es gibt. Er tritt in der ganzen Welt auf, sogar in der Carnegie Hall. Seine Konzerte sind Wochen im Voraus ausgebucht.«

Monate, hätte Carla beinahe gesagt, ehe sie die Toilette betrat und sich im Spiegel betrachtete. Sie versuchte noch immer, sich zu beruhigen, nachdem sie die gute Nachricht von ihrem Arzt erfahren hatte. Sie sind in der sechsten Woche schwanger, Mrs. Lane.

Carla legte etwas mehr Lippenstift auf und betrachtete ihr Spiegelbild. Sie hatte ein interessantes Gesicht, dunkle Augen, einen gebräunten Teint und kastanienbraunes Haar. Außerdem eine gute Figur mit weiblichen Rundungen. Die meisten Männer fanden sie ziemlich attraktiv.

Obwohl sie zu viel Kaffee trank, zu viele Cracker aß und sieben Kilo zugenommen hatte, seit sie nicht mehr rauchte, war ihr Gesicht so hübsch wie eh und je. Und das nach fünf Jahren unzähliger Prozesse und harter Ermittlungsarbeit.

Zwei dieser fünf Jahre hatte sie in einer Privatkanzlei gearbeitet. Anschließend war sie zur Bezirksstaatsanwaltschaft des New York County gewechselt und arbeitete nun schon seit drei Jahren als Staatsanwältin in Manhattan. Ihre Aufgabe war die strafrechtliche Verfolgung von Mördern, Räubern und Vergewaltigern, von Normalen und Verrückten. Einige von ihnen waren Furcht erregende Monster, deren aus Hass verübte Verbrechen und brutale Misshandlungen Carla krank machten.

Seitdem sie als schlaksige Jugendliche in der Fernsehserie Law & Order Szenen im Gerichtssaal gesehen hatte, wollte sie Jura studieren und Staatsanwältin werden, um für Recht und Gesetz zu kämpfen. Sie wusste nicht, woher dieser Berufswunsch kam, denn weder ihre Eltern noch ihre Großeltern hatten beruflich mit dem Rechtswesen zu tun. Soviel Carla wusste, waren sie auch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten; es gab in ihrer Ahnenreihe keine Kriminellen, Betrüger, Mörder oder Diebe.

Ihr Notendurchschnitt reichte aus, um an der juristischen Fakultät angenommen zu werden, aber sie musste hart büffeln, um den Abschluss an der Columbia University zu schaffen. Carla kapselte sich vollkommen ab und konzentrierte sich einzig und allein auf das Studium.

Nachdem sie fünf Jahre mit großem Engagement als Juristin gearbeitet hatte, war sie zu einer niederschmetternden Erkenntnis gelangt: Mittlerweile hasste sie ihren Beruf und alles, was damit zu tun hatte.

Sie hasste die Unaufrichtigkeit ihres Berufsstandes, die Opportunisten und Anwälte, denen es in erster Linie um das Geld ging. Carla hatte anständige Anwälte kennengelernt, die das Gesetz achteten, aber viel zu viele waren käuflich und scherten sich nicht im Geringsten darum, ob ein Angeklagter schuldig oder unschuldig war. Wie ein Anlageberater hielten sie die Hand auf und waren so lange dein bester Freund, bis sie ihren Scheck bekommen hatten.

Hinzu kamen die zahlreichen schrecklichen Fälle, die Carla schwer zu schaffen machten. In dem letzten Fall, in dem sie die Anklage vertreten hatte, ging es um einen verwöhnten Studenten der Princeton University, der in betrunkenem Zustand zwei vierzehnjährige Mädchen in seinem Porsche überfuhr. Er beging Fahrerflucht und ließ die entsetzlich zugerichteten Opfer am Straßenrand liegen. Ein Mädchen überlebte, und das andere starb qualvoll.

Es erfüllte Carla mit grenzenloser Wut, dass ein Kind auf diese Weise sterben musste. Der Angeklagte war reich, und er wurde zum ersten Mal mit Alkohol am Steuer erwischt. Wenn Geld keine Rolle spielte, konnte man sich ein Dream-Team von Verteidigern leisten, auf das sogar O.J. Simpson stolz gewesen wäre. Die Verteidigung führte an, dass die Straße schlecht beleuchtet und der Fahrer nicht wirklich betrunken war, als er die Mädchen überfuhr; vielmehr sei er nach dem Unfall nach Hause gefahren und habe getrunken, weil er einen Schock erlitten hatte.

Carla kämpfte und forderte die Höchststrafe, aber der Richter akzeptierte, dass der Angeklagte sich der Trunkenheit des Fahrers unter Alkoholeinfluss und der Fahrerflucht für schuldig bekannte und sich deshalb nur für diese beiden Straftaten verantworten musste. Er verurteilte ihn zu fünfzehn Tagen Haft und einer Geldstrafe von fünfhundert Dollar.

Eine Woche später beging die Mutter des getöteten Mädchens Selbstmord.

*

Carla wurde speiübel, als sie daran dachte. An diesem Tag kam Jan von einer Tournee nach Hause und sah ihre mürrische Miene. »Hey, heute ist Freitag. Warum das Montagsgesicht?«

Sie griff nach ihrem Mantel. »Ich muss an die Luft.«

Die beiden gingen am Strand spazieren, und Carla erzählte Jan alles.

»So läuft das nun mal«, sagte er. »In der Liebe und vor Gericht gibt es keine Gerechtigkeit. Gerade du müsstest das doch wissen. Recht und Gesetz haben auch eine dunkle Seite.«

»Was soll man von einer solchen Rechtsprechung halten, wenn eine Mutter Selbstmord begeht, weil es für sie unerträglich ist, dass der Mörder ihrer Tochter praktisch ohne Strafe davonkommt? Ich habe alles versucht, dass der Kerl zur Rechenschaft gezogen wird, aber es war für die Katz.«

»Weißt du, was eine totale Verschwendung ist?«, fragte Jan.

»Was denn?«

»Ein Reisebus voller Anwälte stürzt von einer Klippe, und es sind noch zwei Plätze frei.«

»Wenn ich nicht lache, dann nur, weil ich dir zustimme«, sagte Carla.

»Was ist aus deinem unbezähmbaren Streben nach Gerechtigkeit geworden?«

»Es hat sich in Nichts aufgelöst. Ich habe keine Kraft mehr, gegen stinkreiche Anwälte anzutreten, die Verbrechern zu lächerlichen Minimalstrafen verhelfen.«

»Weißt du, was Oscar Wilde gesagt hat? Das Leben ist eine kurze, böse Erfahrung mit ein paar herrlichen Augenblicken. Verschwende diese Augenblicke nicht. Such dir einen anderen Job. Oder nimm zumindest eine Auszeit vom Strafrecht. Und dann schaust du mal, wie du dich in ein oder zwei Jahren fühlst.«

»So einfach ist das nicht. Es ist zwar die reinste Schinderei, aber eine gut bezahlte Schinderei.«

»Dann arbeite für mich. Ich brauche einen Anwalt, der meine Verträge aushandelt, und einen Manager, der meine Konzerttourneen organisiert. Ich brauche auch jemanden, der Jessie ersetzt. Du wärst perfekt. Du könntest sogar von zu Hause aus arbeiten.«

Jessie, Jans Sekretärin, war nach Los Angeles gezogen.

»Ist das dein Ernst?«

»Es gibt einen Grundsatz, den man im Leben beachten sollte: Wenn etwas zur Schinderei wird, ist es Zeit, was anderes zu tun. Sag ja.«

»Ja«, sagte Carla.

*

Sie hatte gehört, dass es in Ehen von Männern und Frauen, die zusammen arbeiteten, oft zu kriseln begann. Für Carla war es die Rettung, für Jan zu arbeiten. Eine solche Veränderung hatte sie gebraucht, und bis jetzt lief alles bestens. Er war klug und umsichtig und für sein Alter überraschend sensibel.

Manchmal betrachtete sie ihn und fragte sich: Womit habe ich dieses Glück verdient?

Zum ersten Mal hatte sie ihn an der Columbia University gesehen. Der Wind zerzauste sein Haar, und er hatte dieses schiefe Lächeln im Gesicht, als er mit ein paar Freunden den Campus überquerte. Damals kannten sie sich noch nicht, aber Carla hatte gehört, dass Jan Lane Musiker sei und eine vielversprechende Karriere vor sich habe.

Obwohl sie sich eigentlich vorgenommen hatte, sich während des Studiums auf keine Beziehung einzulassen, schaute Carla nach vier Jahren auf zahlreiche grässliche Verabredungen und gescheiterte Beziehungen zurück.

Der letzte Typ hatte sie in einer stürmischen Nacht zu einer Party in Greenwich Village mitgenommen. Dann ließ er sie einfach stehen, um sich an eine hübsche Blondine ranzumachen. Wütend warf Carla ihren mit Wein gefüllten Plastikbecher in einen Abfalleimer und rannte hinter ihm her.

»Hey, spiele ich so schlecht?«

Carla war so wütend, dass sie den Typen am Klavier gar nicht bemerkte. Er hatte ein paar Spritzer von ihrem Wein abbekommen. Es war Jan. Er spielte Candle in the Wind von Elton John, und er spielte den Song wunderschön.

»Tut mir leid. Das wollte ich nicht.«

Er schaute dem jungen Mann hinterher, der mit der Blondine verschwand.

»Bist du mit dem Typen da gekommen?«

»Dachte ich zumindest. Jetzt würde ich ihm am liebsten eine scheuern.«

»Großer Fehler. Ignoriere ihn und lerne daraus.«

»Und was soll ich daraus lernen?«

»Dass manche Männer nur treu sind, weil sich keine Gelegenheit bietet.«

»Guter Spruch. Ist der von dir?«

»Schön war’s. Nein, hab ich irgendwo gelesen.« Er lächelte, doch in seiner Stimme schwang echte Sorge mit. »Kann ich etwas für dich tun?«

Carla blickte auf das regennasse Fenster und die Bäume, die sich im Wind bogen. »Bist du mit jemandem hier?«

»Ja, mit ein paar Freunden, aber die kommen auch ganz gut ohne mich klar.«

»Hast du schon was getrunken?«

»Das wollte ich gerade. Warum?«

»Bist du gefahren?«

»Was wird das? Eine Vernehmung in einem Mordfall?«

»Würdest du mir einen großen Gefallen tun und mich zu meinem Wagen fahren? Es sind vier oder fünf Kilometer.«

»Ist das dein Ernst?«

»An einem solchen Abend wartet man eine Ewigkeit auf ein Taxi. Wir sind mit seinem Wagen gefahren. Wie sieht’s aus?«

»Okay, geht klar, aber dafür gibst du mir einen Kaffee aus.«

Er fuhr sie zu ihrem Wagen. Dann setzten sie sich in ein Starbucks, und Carla spendierte ihm einen Kaffee. Sie erfuhr, dass er Konzertpianist mit vielversprechenden Karriereaussichten war. Allerdings war er so bescheiden, dass sie mehrmals nachhaken musste, um dies zu erfahren. Außerdem machte er sich gerne über sich selbst lustig und nahm seine Popularität nicht besonders ernst. Sie plauderten den ganzen Abend, und Jan erwies sich als guter Zuhörer.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte Carla sich wohl in der Gesellschaft eines Mannes.

In den nächsten Monaten trafen sie sich häufig. Sie verliebte sich in Jan, diesen intelligenten, freundlichen, humorvollen Mann. Man hätte meinen können, sie hätten sich schon aus einem anderen Leben gekannt, obwohl Carla kaum etwas von Musik verstand.

Zehn Monate später heirateten sie. Sie zogen in ein Haus mit Holzfassaden in Bay Shore, Long Island, mit Blick auf den Strand, das groß genug war für eine ganze Familie.

Wenn sie sich im Sommer einen faulen Tag gönnten, genossen sie es, gemeinsam im Meer zu schwimmen. Anschließend schliefen sie oft eng umschlungen unter einem Sonnenschirm am Strand ein. Über eine Familie dachte Carla nicht oft nach, bevor sie schwanger wurde. Es war nicht geplant.

Aber Jan schien sehr glücklich zu sein, und das erleichterte sie. Denn in letzter Zeit hatte sie das unbestimmte Gefühl, als wäre ihm ihre Beziehung nicht mehr so wichtig. Jan verbrachte oft mehr Zeit auf seinen Tourneen, als es Carlas Meinung nach nötig gewesen wäre.

Nach den Tourneen kam er erst ein paar Tage später nach Hause, obwohl er schon am nächsten Tag hätte fliegen können.

Als Carla vor ein paar Monaten die Taschen seines Anzugs ausleerte, um ihn in die Reinigung zu bringen, fand sie eine Visitenkarte mit dem Prägedruck eines »privaten Herrenclubs« in New Jersey. Quer über der Visitenkarte mit den Silhouetten zweier Poledancerinnen mit üppigen Rundungen, die sich in die Brust warfen, stand HEISSE EROTISCHE FRAUEN.

Carla suchte den Club im Internet.

Abgesehen von ein paar Kommentaren in einem Chatroom fand sie nicht viel: »Das Management sucht sich seine Kundschaft sehr genau aus. Männer mit Niveau, viel Geld und einer Midlifecrisis scheinen dem Durchschnittsprofil der Gäste zu entsprechen. Oder vielleicht sollte ich eher sagen, dass diese Männer für die Besitzer die lukrativsten Gäste sind.«

Am nächsten Tag beschloss Carla, nach New Jersey zu fahren.

Sie suchte den Club auf.

Eine frisch gestrichene, schick dekorierte Eingangstür. Auf einem Schild stand: »Happy Hour Drinks zum halben Preis. Hübsche Frauen.« Das war der einzige Hinweis auf den Club.

War es einer dieser Clubs, in denen man mehr als einen Lapdance kaufen konnte?

Carla wusste es nicht, fand es aber ziemlich merkwürdig. An solchen Orten hielt Jan sich normalerweise nicht auf. Oder war das alles ein Irrtum?

Ihre Neugier brachte Carla beinahe um.

Sie fragte Jan nach der Visitenkarte. Er tat es mit einem Lachen ab und sagte, Freunde hätten ihn dorthin eingeladen; er sei aber noch nie in dem Club gewesen.

Vielleicht war es verrückt, aber Carla glaubte ihm. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Jan sie betrog.

Es sei denn …

Es sei denn, dass sich der Spruch bewahrheitete, dass manche Männer nur treu sind, weil sich keine Gelegenheit bietet. Jan hatte Gelegenheiten genug. Viele gut aussehende Frauen im Orchester und weibliche Fans, die ihn umschwärmten.

Carla versuchte, diese Gedanken zu verdrängen. Sie wusch sich die Hände und trocknete sie mit einem Baumwollhandtuch ab.

Fragen über Fragen gingen ihr durch den Kopf, als sie sich im Spiegel betrachtete, und in diesem Augenblick schienen sie eine größere Bedeutung als sonst zu haben.

Wird meine Schwangerschaft ohne Komplikationen verlaufen?

Werde ich eine gute Mutter sein?

Carla hatte Angst.

Sie schaute auf ihre Hände und sah, dass sie das Handtuch mehrmals ordentlich zusammen- und wieder auseinandergefaltet hatte.

Schon seit jeher hatte sie in Stresssituationen Handtücher, Servietten oder irgendein Stück Stoff, das sie zu fassen bekam, zusammen- und auseinandergefaltet.

Dann spürte sie es: ein starkes Stechen im Bauch, das sie zusammenzucken ließ.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Der Arzt hatte gesagt, sie müsse sich auf Veränderungen ihres Körpers einstellen, dennoch bekam Carla es mit der Angst. Sie wusste, dass einige Freundinnen stechende Schmerzen verspürt hatten, ehe sie eine Fehlgeburt erlitten.

Werde auch ich eine Fehlgeburt haben f, fragte sie sich.

Sie betete, dass es nicht geschah.

Sie hoffte, dass ihre Schwangerschaft ohne Komplikationen verlief.

Sie musste positiv denken, auch wenn ihre Angst allmählich in Panik umschlug.

Während Carla sich im Spiegel betrachtete, flüsterte sie: »Alles ist gut. Ich werde mein Baby behalten.«

Dann erinnerte sie sich an die andere Sache, von der sie Jan erzählen wollte.

Aber erst nach dem Essen, denn sie wollte ihn nicht beunruhigen.

Carla warf das Handtuch in den Weidenkorb und kehrte zu Jan zurück.

4.

»Wie nennen wir ihn, wenn es ein Junge wird?«

»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, Jan.«

»Und wenn es ein Mädchen wird, was würdest du dann davon halten, wenn wir es Baize nennen, nach deiner Großmutter? Oder ist der Name zu altmodisch?«

»Wir sollten noch nicht über Namen sprechen.«

»Warum nicht?«

»Das bringt Unglück.«

»Meinst du?«

Carla schob das Dessert, von dem sie nur ein paar Löffel gegessen hatte, zur Seite. »Lass uns darüber reden, wenn der Geburtstermin näher rückt. Bist du nervös wegen heute Abend?«

»Du kennst mich doch. Ich habe vor jedem Konzert Lampenfieber.«

»Du machst dir zu viele Sorgen.«

»Heute kommen eine Menge Prominente und Würdenträger – der Bürgermeister, Politiker, arabische und russische Milliardäre, die sich in New York aufhalten … Leute, die an einem Freitagabend nichts Besseres zu tun haben, als einen Trampel wie mich spielen zu hören.«

»Sie werden begeistert sein.«

»Ach, übrigens, was ich dir noch sagen wollte. Ich muss in zwei Wochen nach Europa fliegen.«

Carla blickte ihn verwundert an. »Aber da hast du doch erst in fünf Monaten wieder ein Konzert.«

»Ich habe geschäftlich dort zu tun, Liebling. Ich will mich mit Dirigenten treffen.«

»Und das kannst du nicht telefonisch klären?«

»Ich wünschte, es wäre so einfach.«

»Warum kann ich nicht mitkommen?«

»Meinst du wirklich, das ist eine gute Idee, wo du schwanger bist?«

»Ich glaube, bis zum sechsten Monat ist das Fliegen kein Problem.«

»Mir wäre es lieber, du würdest das Risiko nicht eingehen, Carla.«

»Sei nicht albern. Wenn nicht einmal die Ärzte Bedenken haben, dann habe ich auch keine.«

Jan schaute auf die Uhr. »Es ist wirklich nur eine kurze Rundreise. Eine Nacht in London, eine in Paris, und dann fliege ich schon wieder zurück. Wir können ja später noch einmal darüber sprechen.«

Carla legte eine Hand auf seinen Arm. »Okay. Bleibt es dabei, dass ich dich nach dem Konzert abholen soll?«

»Sicher.«

»Ich koche uns etwas. Sieh zu, dass es nicht zu spät wird.«

»Keine Sorge. Sobald das Konzert zu Ende ist, verschwinde ich wie der Blitz von der Bühne. Und weißt du was? Ich habe eine Idee, wie wir die gute Nachricht feiern können.«

»Da bin ich gespannt.«

»Morgen Abend ist das letzte Konzert. Wir packen unsere Taschen und fahren am Montag für eine Woche in die Catskills, okay? Dann haben wir endlich mal wieder Zeit für uns.«

»Im Ernst?«

»Ich buche eine Berghütte mit einem Whirlpool unter den Sternen und allem Drum und Dran.« Jan trank sein Glas aus. »Ich muss los.«

»Ich wollte noch was mit dir besprechen. Es kann aber auch warten.«

»Wichtig?«

»Ich glaube schon. Wir reden heute Abend darüber. Ich liebe dich, Jan.«

»Ich liebe dich auch. Bis nachher. Wünsch mir Glück.«

*

Manche Leute behaupten, über eine ausgeprägte Intuition zu verfügen. Einen sechsten Sinn, der sie alarmiert, bevor eine Katastrophe oder ein Unfall geschieht.

Carla Lane glaubte nicht, dass sie einen sechsten Sinn besaß. Doch später würde sie sich daran erinnern, dass sie an diesem Nachmittag eine seltsame Vorahnung hatte, ein Gefühl, dass etwas Schreckliches geschehen würde.

Sie schob es auf den Kampf der Hormone, der in ihrem Körper tobte. Ob auch ihre Albträume in der letzten Zeit damit zusammenhingen? Jedenfalls waren es merkwürdige Träume. Sie würde heute Abend mit Jan darüber sprechen. Hoffentlich hielt er sie nicht für verrückt.

Noch etwas anderes beunruhigte Carla. Sie hatte das Gefühl, Jan wollte nicht, dass sie ihn nach London begleitete.

Auch die Frage, ob er sich mit einer anderen Frau traf, quälte sie.

War es möglich, dass er eine Affäre hatte und sich deshalb nach Abschluss seiner Tourneen nicht sofort in die nächste Maschine setzte, um nach Hause zu fliegen? Ließ die Visitenkarte des »Herrenclubs« vielleicht ein größeres Problem erahnen? So etwas kam vor, obwohl Carla es nicht gerne zugab. Es kam sogar vor, dass Männer ihre Frauen während der Schwangerschaft verließen. Den ganzen Nachmittag stürmten diese unangenehmen Gedanken auf Carla ein.

Als sie später unter der Dusche stand und kurz darauf die Taschen für den Kurzurlaub in den Bergen packte, glaubte sie, wieder das Stechen im Bauch zu spüren. Waren es nur die Nerven? Oder reagierte sie bloß überempfindlich auf alles, was mit ihrem Körper zu tun hatte, seitdem sie wusste, dass sie schwanger war?

Was immer es sein mochte, es quälte sie den ganzen Nachmittag, als sie den Tisch deckte und rote Kerzen in die Kerzenhalter steckte. Zwei Kristallgläser standen auf der weißen Tischdecke. Carla stellte eine Schale Kirschen, die Jan besonders gerne aß, in den Kühlschrank und legte ein feuchtes Tuch darüber.

Um sechs Uhr rief er sie an.

»Weißt du was? Ich hab eine Superidee.«

»Und die wäre?«

»Wir mieten die Hütte nicht erst am Montag.«

»Sondern?«

»Bereits am Sonntag. Pack schon mal unsere Taschen.«

»Wie ist die Probe gelaufen?«

»Besser als erwartet. Ich muss jetzt Schluss machen, Carla. Bis nachher.«

*

In der Carnegie Hall tummelten sich zahlreiche Prominente.

Carla erkannte einen Präsidentschaftskandidaten in der Gruppe, die den Bürgermeister von New York begleitete, außerdem Spitzenpolitiker und ausländische Würdenträger, deren Limousinen in einer Reihe draußen an der Straße parkten.

Auf den Plakaten war Jans Foto zu sehen – das Bild, das meistens genommen wurde. Auf diesem Foto fiel ihm sein blondes Haar in die Stirn; er hatte die Arme verschränkt und zeigte sein ernstes, nachdenkliches Lächeln.

Carla kam zur Mitte der zweiten Hälfte des Konzerts. Als der Manager sie sah, führte er sie sofort zu einem Platz in einer privaten Loge.

Jan spielte Rachmaninows 2. Klavierkonzert in c-Moll mit der ihm eigenen Intensität und Energie, während die Scheinwerfer auf ihn gerichtet waren. Carla wollte nie in seinem Ruhm baden, das lag ihr nicht, war aber jedes Mal unglaublich stolz, wenn sie ihn spielen sah.

Sie wusste, dass sein intensives Spiel von den schlimmen Erlebnissen in seiner Kindheit herrührte, dem Leid, das er in seinem Inneren verbarg und worüber er niemals sprach.

Als der letzte Ton verklungen war, brandete stürmischer Beifall auf, und alle erhoben sich von ihren Sitzen.

Jan wurde immer wieder auf die Bühne gerufen. Die Zuhörer verlangten eine Zugabe. Er kam dem Wunsch nach und setzte sich noch einmal ans Klavier. Es herrschte vollkommene Stille, als er Le Pasteur von Gabriel Grovlez spielte.

Sein Spiel war so bewegend, dass die Zuhörer erneut stürmischen Applaus spendeten. Einige warfen Blumensträuße auf die Bühne.

Ehe Jan sich verbeugte, wechselten er und Carla einen Blick. Er winkte ihr zu und gab ihr das übliche Zeichen, indem er die Hände hob und spreizte: Wir sehen uns in zehn Minuten.

Sie warf ihm einen Kuss zu.

*

Sie trafen sich jedes Mal auf dem Parkplatz neben der Carnegie Hall.

Carla hatte Jans Volvo auf ihrem reservierten Parkplatz abgestellt, stand aber ein Stück vom Wagen entfernt, um den Blick über die Stadt zu genießen. Von der Konzerthalle bis hierher brauchte sie zehn Minuten. Jan hasste den Trubel nach einem Konzert, in dessen Mittelpunkt meist er stand, und versuchte deshalb jedes Mal, sich davonzustehlen.

Die Luxuslimousinen der prominenten Besucher auf dem Parkplatz wurden angelassen. Abgase vernebelten die Sicht, als ungefähr fünfzig Meter von Carla entfernt eine Metalltür geöffnet wurde.

Mit einem Lächeln auf den Lippen trat Jan ins Freie. Er hatte sich umgezogen und trug nun Jeans, Pullover und ein Jackett. Als er Carla sah, lächelte er ihr zu, winkte und rief: »Komm, nichts wie weg«, während er sich dem Volvo näherte. Über dem Arm hing eine Kleidertasche mit seinem Smoking.

Auch Carla ging auf den Volvo zu. Sie war keine zehn Schritte mehr vom Wagen entfernt, als sie die Fernbedienung drückte, um die Türen des Volvo zu öffnen.

Jan schickte sich an, die hintere Beifahrertür zu öffnen, als ein kurzes, schrilles Geräusch ertönte. Einen Wimpernschlag später schoss eine grelle Flamme in die Höhe, und eine ohrenbetäubende Explosion erschütterte den Parkplatz.

Sämtliche Bewegungen schienen sich zu verlangsamen, als spielte sich alles in Zeitlupe ab. Der Wagen schwebte einen Moment über dem Boden, in Flammen und blendendes Licht gehüllt, ehe er auf den Asphalt krachte.

Jans Körper flog durch die Luft.

Carla spürte nur noch, wie eine ungeheuere Kraft sie packte, während sich um sie herum eine Wolke aus Staub, Trümmern, Metall- und Glassplittern auf den Parkplatz senkte.

*

Der Parkplatz war weiträumig abgesperrt worden. In den angrenzenden Straßen standen zahlreiche Übertragungswagen verschiedener Fernsehsender mit Satellitenschüsseln.

Bis auf die Polizei und die Rettungskräfte hatte niemand Zugang zur Unglücksstelle. Ein Transporter des Bombenräumkommandos der New Yorker Polizei wurde durchgelassen. An einer Ecke hielt ein Cop die Schaulustigen zurück.

»Gehen Sie weiter. Bitte weitergehen.«

Ein stämmiger, muskulöser Mann mit sportlicher Figur näherte sich und zeigte dem Polizisten seinen Dienstausweis des New Jersey Police Departments. »Was ist hier los, Officer?«

Der Polizist warf nur einen flüchtigen Blick auf den Dienstausweis. Aber auch wenn er genauer hingesehen hätte, wäre ihm nicht aufgefallen, dass der Ausweis gefälscht war. Der »Kollege« aus New Jersey, der scheinbar zufällig am Tatort vorbeikam, sah aus wie der Schauspieler aus den Südstaaten, der mit Angelina Jolie verheiratet gewesen war – Billy Bob Thornton. Der Mann lächelte freundlich und zeigte seine weißen Zähne.

»Auf einem Parkplatz neben der Carnegie Hall hat es eine Explosion gegeben«, sagte der Polizist.

»Wurde jemand verletzt?«

»Es war von Todesopfern die Rede. Der Tatort wird noch untersucht. Irgendeine Bombe. Vielleicht ein Terroranschlag.«

»Da kommt eine Menge Arbeit auf euch zu. Nehmt’s leicht.« Der Mann ging davon und bog in eine menschenleere Seitenstraße ein. Dort zog er ein Smartphone aus der Tasche und gab eine Nummer ein.

»Erledigt?«, fragte eine Männerstimme am anderen Ende der Leitung.

»Ja. Das Problem hätten wir gelöst. Ein für allemal.«

5.

New York

Als sie die Stimme eines Mannes hörte, wachte sie auf. Ihre Lider zuckten, ehe sie die Augen öffnete.

Sie lag in einem Bett auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Ein Arzt in einem grünen Kittel und mit blauer Schutzhaube beugte sich zu ihr hinunter und fühlte ihren Puls.

»Willkommen zurück im Leben, Carla. Wir haben gehofft, dass Sie endlich zu sich kommen.«

Eine Krankenschwester überprüfte die Infusionen und warf einen Blick auf den Uberwachungsmonitor, der seitlich über dem Bett hing. Carla war erschöpft und verwirrt, und sie hatte wahnsinnige Kopfschmerzen.

»Können Sie mich hören?«, fragte der Arzt.

»Ja … ja. Wo bin ich?«

»Im Mount Sinai Hospital. Wie fühlen Sie sich?«

»Ich habe schreckliche Kopfschmerzen, und ich bin vollkommen durcheinander.«

Der Arzt zwinkerte ihr zu und tätschelte ihre Hand. »Zum Glück kein Gehörschaden. Hoffen wir zumindest. Sie haben wirklich Schwein gehabt, dass Sie das überlebt haben, junge Frau.«

»Was ist denn passiert?« Carla sah Blutergüsse auf ihren Armen und auf den Handrücken, wo die Zugänge für die Infusionen gelegt worden waren.

»Dazu kommen wir gleich. Zuerst einmal muss ich wissen, wie Sie sich fühlen. Wo spüren Sie die Kopfschmerzen? Am ganzen Kopf oder nur in den Schläfen?«

Carla hob eine Hand, um sich die Stirn zu massieren, und spürte den Verband unter den Fingern. »Hier … genau hier.«

»Haben Sie sonst irgendwo Schmerzen? Oder sehen Sie verschwommen?«

»Ich … ich glaube nicht.«

Der Arzt hob zwei Finger, bewegte sie ungefähr einen Meter von Carlas Gesicht entfernt von links nach rechts und beobachtete dabei die Bewegung ihrer Augen. »Versuchen Sie meinen Fingern mit den Augen zu folgen. Wie viele Finger sehen Sie?«

»Zwei.«

»Und jetzt?«

»Vier.«

Anschließend untersuchte der Arzt Carlas Ohren mit einem beleuchteten Instrument, ehe er sie mit einem Stethoskop abhorchte.

Sie spürte das kalte Metall auf der Brust. »Sagen Sie mir bitte, was passiert ist.«

»Woran erinnern Sie sich?«

»Jan stand neben unserem Wagen, als plötzlich so ein schrilles Geräusch zu hören war. Dann gab es eine Explosion … Flammen schlugen hoch.«

»Erinnern Sie sich sonst noch an etwas?«

Carlas Kopfschmerzen ließen ein wenig nach. »Alles, was danach geschehen ist, sehe ich wie durch einen Schleier.«

Der Arzt erblickte mit geübtem Auge ein paar alte, dünne Narben auf Carlas rechtem Arm, sagte aber nichts. »Sie haben ein paar blaue Flecken, eine leichte Gehirnerschütterung und von den Bombensplittern ein paar kleinere Schnittwunden. Sie liegen seit vier Tagen hier.«

»Was?«

»Sie waren die ganze Zeit nicht richtig bei Bewusstsein.«

Carla hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Sie erinnerte sich an die gewaltige Explosion, den donnernden Knall, und wie starke Hände sie packten und vom brennenden Wagen wegzerrten, während unaufhörlich die Sirenen der Rettungswagen heulten. Dann hatte sie die Besinnung verloren. Von dem, was anschließend geschah, drangen nur gespenstische, zusammenhanglose Bilder in ihr Bewusstsein.

»Wo ist Jan? Geht es ihm gut?« Ihre Kehle war trocken und rau.

Der Arzt schloss die Untersuchung ab, schrieb etwas auf das Krankenblatt und hängte es ans Fußende des Bettes. Offenbar hatte er die Frage nicht mitbekommen, oder er überhörte sie absichtlich.

»Wir müssen Sie noch ein paar Tage hierbehalten, um sicherzugehen, dass Sie keine bleibenden Schäden davongetragen haben. Wenn alles in Ordnung ist, können Sie nach Hause. Zum Glück haben die Röntgenbilder gezeigt, dass Sie keine inneren Verletzungen erlitten haben.«

»Ich bin schwanger.«

»Das wissen wir. Wir haben mit Ihrem Arzt gesprochen. In Ihrer Handtasche war ein Brief von ihm.«

»Ist mit meinem Baby alles in Ordnung?«

»Bis jetzt sieht es so aus, Carla. Wir reden später noch einmal. Jetzt ist hier erst mal jemand, der es kaum erwarten kann, Sie zu sehen.«

*

Als der Arzt und die Krankenschwester gegangen waren, kam Baize Joran ins Zimmer, Carlas Großmutter.

»Der letzte Hippie« hatten Carlas Schulfreunde sie genannt. Baize war auf dem legendären Festival in Woodstock gewesen; wenn ihr der Sinn danach stand, trug sie einen der bunten Kaftane, wie sie damals in Mode gewesen waren, oder ein Diamant-Piercing in der Nase.

Für eine Frau, die fast dreiundsiebzig war, eine halbe Schachtel Kräuterzigaretten am Tag rauchte, sich abgesehen von ein bisschen Hausarbeit kaum bewegte und gerne mal eine Flasche Wein trank, sah Baize sehr gut aus.

Heute aber sah sie aus, als hätte sie eine Woche nicht geschlafen. Ihr graues Haar war zerzaust; sie war ungeschminkt und aschfahl im Gesicht und hatte vom Weinen gerötete Augen.

Sie kam zum Bett, legte die Arme um Carla und drückte sie an sich, als wollte sie ihre Enkelin nie wieder loslassen. Carla genoss die Umarmung und versank in Baizes vertrautem Duft – dem Parfüm von Elizabeth Arden und dem leichten Geruch von Kräuterzigaretten.

»Wo ist Jan?«, fragte sie dann.

Baizes verzweifelter Blick sprach Bände, als sie sich von Carla löste. »Er hat es nicht überlebt, Carla. Es tut mir leid.«

Für einen Moment wurde Carla schwarz vor Augen. Sie rang nach Atem. Die Nachricht traf sie wie ein Schlag. Schmerz und Trauer stürmten auf sie ein. Keine Wut, noch nicht, die würde später kommen.

»O Gott.« Mehr brachte sie nicht hervor.

Baize umklammerte Carlas Hände.

»Ich bin immer für dich da, Carla. Ich bin hier, mein Schatz. Ich habe vor dem Zimmer gesessen, seit man dich ins Krankenhaus eingeliefert hat.«

Carla rang noch immer nach Atem. Ihre Brust war wie zugeschnürt. Sie hatte den Mann verloren, den sie mehr liebte als alles andere. Den Menschen, der ihr mehr bedeutete als ihr Leben. Sie hatte das Gefühl, in einen bodenlosen Abgrund zu fallen.

Baize hielt Carlas Hände noch immer fest und fragte sie behutsam: »Möchtest du sprechen, mein Schatz?«

»Ich weiß nicht, was ich möchte …« Am liebsten hätte sie geschrien, aber sie konnte nicht. Sie war wie gelähmt.

»Ich wünschte, Dan würde noch leben. Wir könnten jemanden wie ihn gebrauchen, der uns hilft, das durchzustehen. Er war immer stark und wusste in jeder Situation Rat. Ich fühle mich so hilflos.«

»Sag mir, was mit Jan passiert ist.«

Baize zog ein Papiertaschentuch aus ihrem Ärmel und tupfte sich die Augen. »Sie haben alles versucht, um ihn zu retten. Offenbar hat ihn die Explosion mit voller Wucht getroffen. Er wurde sofort in die Notaufnahme gebracht, ist aber nach einer Stunde gestorben. Es kommt mir alles so unwirklich vor. Ich kann es nicht fassen.«

Carla blickte ihre Großmutter schweigend an. Jan war tot. Er war gestorben, und sie lebte.

»Warum hast du mir nichts von dem Baby erzählt, mein Schatz?«

»Wir … wir hatten es gerade erst erfahren.« Der Schmerz setzte Carla so zu, dass sie hysterisch wurde und das übermächtige Verlangen verspürte, irgendetwas zu unternehmen. Sie machte Anstalten, aus dem Bett zu steigen. »Ich will Jan sehen, sofort. Sag dem Arzt, er soll mich in die Leichenhalle bringen.«

Baize hielt sie fest. »Er wurde gestern Morgen beerdigt, Carla.«

»Jan wurde schon beigesetzt?«

»Ja. Paul wollte seinen Bruder beerdigen. Er glaubte, das Richtige zu tun. Wir wussten ja nicht, wann du aufwachst.«

Carla ballte die Hand zur Faust, presste sie sich auf den Mund und brach in Tränen aus. Verzweiflung, Hilflosigkeit und Trauer erschütterten sie bis ins Mark. Sie konnte sich nicht einmal von Jan verabschieden …

Baize hielt Carlas Hände fest umklammert. »Es sind sehr viele Leute zur Beerdigung gekommen. Paul ist am Boden zerstört. Er hat mich gebeten, ihn anzurufen, sobald du aufwachst.«

Carla brachte noch immer kein Wort hervor.

»Die nächsten Tage und Monate werden nicht einfach für dich, mein Schatz. Aber du musst dem Baby zuliebe stark sein. Das hätte Jan sich gewünscht.«

»Was hat die Polizei gesagt?«

»Sie haben mich vernommen, aber ich konnte ihnen nichts sagen. Sie haben auch keine offizielle Erklärung abgegeben, was den Bombenanschlag angeht. Es waren zahlreiche Prominente bei dem Konzert. Der Bürgermeister und viele ausländische Würdenträger. In den Zeitungen steht, Terroristen könnten die Bombe gelegt haben. Dass es wie eine Verwechslung aussieht und dass die Täter das falsche Opfer ausgewählt haben.«

»Eine Bombe?«

»Die Polizei wollte es weder bestätigen noch dementieren. Es könnte aber gut sein. Aber warum sollte jemand Jan töten wollen?«

Carla blickte zum Fenster. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, und Übelkeit stieg in ihr auf. Sie zitterte am ganzen Körper. Ihre Hand bewegte sich hinunter auf ihren Bauch, wo ihr Baby heranwuchs. So tröstlich dieser Gedanke hätte sein können – in diesem Augenblick spürte sie nichts als Verzweiflung. »Ich kann es einfach nicht glauben.«

»Das können wir alle nicht, Carla. Es ist so sinnlos.«

Die Tür wurde geöffnet, und der Arzt mit der blauen Schutzhaube kam ins Zimmer. »Verzeihen Sie die Störung. Mrs. Joran, aber ich möchte Carla etwas fragen.«

Er ging zu ihr, umfasste ihren rechten Arm und strich über die zahlreichen dünnen, kaum sichtbaren Narben. »Wann haben Sie sich diese Verletzung zugezogen?«

Baize antwortete an Carlas Stelle. »Das ist sehr lange her. Carla war elf. Warum? Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Nein, rein berufliche Neugier. Ich habe eine Zeit lang in der Mikrochirurgie gearbeitet. Was genau ist damals passiert?«

Baize zögerte. »Es … es war ein Unfall. Carla hat sich den Arm an einer zerbrochenen Fensterscheibe verletzt.«

Der Arzt ließ Carlas Arm los und lächelte. »Der Chirurg damals hat einen guten Job gemacht.«

Nach diesen Worten ging der Arzt zur Tür. »Tut mir leid, dass ich gestört habe, Mrs. Joran, aber wir müssen Ihre Enkelin gleich noch einmal entführen, um ein paar weitere Untersuchungen zu machen.« Er wandte sich Carla zu und fragte leise: »Sie wissen, was mit Jan geschehen ist?«

»Ja.« Carla spürte unerträglichen Schmerz.

»Mir ist es lieber, dass ein Patient sich zuerst ein wenig erholt, ehe er so schreckliche Neuigkeiten erfährt. Aber leider ist das nicht immer möglich. Wir haben getan, was wir konnten. Vielleicht ist es ein Trost für Sie, aber Jan hat vermutlich nichts gespürt. Er war bewusstlos, als er eingeliefert wurde, und ist nicht mehr aufgewacht. Es tut mir schrecklich leid.«

Carla schwieg. Nichts von dem, was sie hätte sagen können, hätte etwas daran geändert. Sie fühlte sich furchtbar schwach. Als stände sie auf dünnem Eis, das jeden Augenblick zerbrechen konnte, sodass sie in eiskaltem Wasser versank.

Der Arzt ging hinaus und schloss die Tür.

*

An diesem Abend kamen zwei Detectives vom Revier Stadtmitte-Nord des New York Police Departments zu ihr.

Einer hieß Soames und war um die fünfzig. Seine Zähne waren so weiß, dass sie unmöglich echt sein konnten. Der andere Detective hieß Reilly, war Mitte dreißig und kräftig, mit zerzauster roter Mähne.

Sie fragten nach Jans Arbeit, ob er Feinde oder Schulden oder Verbindungen zur organisierten Kriminalität oder zu terroristischen Vereinigungen hatte oder jemanden mit solchen Verbindungen kannte.

Es war absurd, dass die Detectives im Zusammenhang mit Jan solche Fragen stellten, aber sie wollten alles wissen. Sie waren sehr gründlich, stellten behutsam und taktvoll ihre Fragen und machten sich Notizen. Was ein mögliches Motiv für den Bombenanschlag betraf, schienen sie ratlos zu sein.

»War es eine Bombe?«, fragte Carla.

»Ja, Ma’am. Eine Rohrbombe unter Ihrem Volvo.«

»Wie ist die Bombe dorthin gekommen?«

»Das wissen wir nicht. Sie könnte absichtlich dort platziert worden sein, oder sie war für ein anderes Fahrzeug bestimmt und ist versehentlich unter Ihr Auto gerollt. Wir können noch nicht sagen, wie sie gezündet wurde, ehe wir mehr Beweise haben.«

»Meine Großmutter sagt, in den Zeitungen steht, dass es sich um eine Verwechslung handeln könnte.«

Der ältere der beiden Detectives, der Mann mit den strahlend weißen Zähnen, spreizte die Hände. »Das ist im Augenblick die einzige vernünftige Erklärung, die wir haben. An dem Abend waren über hundertfünfzig Prominente und Würdenträger bei dem Konzert. Jeder von ihnen könnte das Ziel des Anschlags gewesen sein.«

»Haben Sie gar keine Anhaltspunkte?«

Der Rotschopf strich durch seine irische Mähne. »So gut wie keine, Mrs. Lane. Wir müssen praktisch das Leben aller Anwesenden unter die Lupe nehmen. Das kostet Zeit. Wahrscheinlich müssen wir noch einmal mit Ihnen sprechen. Informieren Sie uns bitte, wenn Sie die Stadt oder das Land aus irgendeinem Grund verlassen müssen.«

»Wieso?«

»Solange wir nicht wissen, warum Ihr Mann sterben musste und womit wir es zu tun haben, möchten wir sicherstellen, dass Sie in Sicherheit sind, Ma’am. Falls Sie seltsame Anrufe erhalten oder das Gefühl haben, in Gefahr zu sein, rufen Sie uns bitte sofort an.«

Die beiden Detectives gaben Carla ihre Visitenkarten, bevor sie gingen.

Carla war zu Tode erschöpft. Bleierne Müdigkeit übermannte sie, als würden ihre Sinne streiken, um auf diese Weise mit dem Schock fertig zu werden.

Sie starrte auf ihre Hände und sah, dass sie geistesabwesend eine Ecke der Bettdecke zusammen-und wieder auseinanderfaltete.

Was man tun musste, um zu überleben, wusste sie. Sie musste dem Baby zuliebe die nächsten Tage durchstehen. Sie war entschlossen, alles zu tun, was sie tun musste.

Kurz vor Mitternacht kam eine Krankenschwester in ihr Zimmer. Sie maß ihren Blutdruck und gab ihr ein leichtes Beruhigungsmittel. Carla schloss die Augen und tauchte in eine Welt ein, in der nur ein dünner Schleier Traum und Wirklichkeit trennte. Ehe sie einschlief, lief ein verrückter, zusammenhangloser Film vor ihren geschlossenen Augen ab.

Auf dem Parkplatz neben der Carnegie Hall kommt Jan lächelnd auf sie zu … die Explosion … das gleißende Licht … ein abgemagerter kleiner Junge hebt das Gesicht zu ihr und starrt sie mit großen, traurigen Augen an … eine Frau, die ihr kraftlos eine Hand entgegenstreckt … eine grelle Glühbirne, die in einem dunklen Raum hin und her pendelt … wirbelnde Schneeflocken in einer kalten Winternacht in einem dunklen Wald.

Gespenstisch glitten die Bilder an ihrem inneren Auge vorbei, als gehörten sie in eine fremde Welt.

Carla begann zu schluchzen. Wie ein Embryo, der die Geborgenheit des Mutterleibs sucht, zog sie die Beine an und legte die Hände zwischen die Knie. Als sie einschlief, war es wie eine Erlösung.

6.

Phoenix, Arizona

Sonnenaufgang.

Blutrote Strahlen krochen über die ausgedörrte Wüste.

Der Mann war noch immer wach. Er saß auf der Couch und starrte mit leerem Blick auf den Fernsehbildschirm.

Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, und das Glas in seiner Hand war leer. Er kratzte sein unrasiertes Kinn und spähte auf die Scotchflasche.

Ein kleiner Schluck war noch drin.

Der Mann fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Er hatte tiefe Schatten unter den geröteten Augen.

Auf einem Kabelkanal lief The Three Stooges. Larry schlug Moe mit einem Baseballschläger auf den Kopf; dann lief Moe immer im Kreis hinter Larry her, um ihn zu fangen. Diese Wiederholungen hatte er als Kind oft gesehen und bei dieser Szene jedes Mal laut gelacht. Jetzt lachte er nicht.

Seine Frau und seine Töchter schliefen oben. Auf den Regalen standen Fotos von ihnen. Die Mädchen waren neun und zwölf Jahre alt. Seine Frau war durch und durch Amerikanerin, blond und hübsch. Die Familienfotos an den Wänden, die Ranch, die Kunstwerke, die überall im Haus standen, zeugten von seinem perfekten Leben. Die Ranch verfügte über zwei Hektar Land mit optimaler Aufteilung. An einer Seite des Hauses befand sich die Werkstatt.

In den letzten zwanzig Jahren hatte es nie größere Probleme im Leben des Mannes gegeben. Niemals.

Und jetzt das.

Er trank den letzten Schluck Scotch und warf die leere Flasche auf die Couch.

Er fühlte sich betrunken.

Er wäre gerne sturzbetrunken gewesen.

Um zu vergessen.

Gab es hier nicht noch irgendetwas anderes zu trinken? Wodka? Wein? Fensterreiniger? Zur Not auch Mundwasser.

Er war so erschöpft, dass es das Beste gewesen wäre, schlafen zu gehen, um den quälenden Gedanken zu entfliehen. Aber er wollte den Kummer spüren. Wie ein Mann auf dem Dach eines brennenden Hauses, dem aus einem Rettungshubschrauber ein Seil zugeworfen wird. Er wollte das Seil nicht, noch nicht: Lasst mich noch einen Augenblick hier sitzen, okay? Lasst mich den unerträglichen Schmerz spüren.

Wie ein Schlafwandler schlurfte er in die Küche. Als sein Blick auf die Koffer fiel, die noch in einer Ecke standen, stürmten die Erinnerungen wieder auf ihn ein.

Er durchsuchte die Schränke.

Kein Alkohol.

Er fluchte.

Er brauchte frische Luft.

Er torkelte zur Verandatür. Als er sie öffnete, wärmte die Sonne seine Haut. Noch war es nicht heiß, aber in ein paar Stunden würde eine Gluthitze herrschen.

Die fruchtbare rote Arizona-Erde erstreckte sich bis zu den fernen Bergen. Er atmete tief ein und schaute zur aufgehenden Sonne in der Wüste, wie sie es als Kinder oft getan hatten. Wieder stürmten die Erinnerungen auf ihn ein. Er wollte weinen, hatte in den letzten Tagen aber so viel geweint, dass seine Tränen versiegt waren.

Plötzlich fiel ihm etwas ein.

Der Hund.

Der Hund hatte nicht gebellt.

Der Hund hatte ihn nicht begrüßt.

Der Hund bellte immer und begrüßte ihn mit wedelndem Schwanz, wenn er morgens hinausging.

Colleens Hundehütte stand an einer Seite des Hauses.

Er hatte dem Tier genug Futter und Wasser hingestellt, damit es ihm während ihrer Abwesenheit an nichts fehlte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er Colleen gestern Abend, als sie nach Hause gekommen waren, weder gesehen noch gehört hatte. Er war so zerstreut gewesen, dass es ihm gar nicht aufgefallen war. Der Hund streifte oft allein durch die Wüste.

Er trat hinaus auf den Hof.

Atmete tief ein, streckte die Arme.

Erst jetzt sah er den schwarzen Fleck etwa fünfzig Meter von der Rückseite des Hauses entfernt.

Sein Herz schlug schneller, als er auf den Hund zulief, der auf der Seite lag.

Colleens Maul war geöffnet, und seine Zunge hing heraus.

Er sah die klaffende Wunde am Hals des Hundes. Dem Tier war die Kehle durchgeschnitten worden. Rings um seinen Kopf hatte sich eine Blutlache gebildet.

Der Mann taumelte zurück, krümmte sich zusammen und übergab sich. Dann wischte er sich keuchend den Mund ab und richtete sich auf.

Plötzlich war er stocknüchtern und wieder den Tränen nahe.

Er wollte nicht, dass seine Frau und seine Töchter den Hund sahen. Sie sollten es nicht erfahren.

Er schaute hinaus in die Wüste.

Nichts.

In der Nähe standen ein paar Nachbarhäuser, aber es war niemand zu sehen. Nicht einmal das Geräusch des Windes war zu hören.

Hastig schob er mit den Füßen Sand über den großen Blutfleck, bis die rote Arizonaerde das Blut bedeckte.

Dann rannte er in die Garage und holte die Schaufel.

7.

New York

An diesem Tag hatte die Sonne Mühe, durch die Wolkendecke zu dringen, und hohe Wellen mit weißen Schaumkronen brachen sich an der Küste von Long Island.

Bei einem solchen Wetter waren Carla und Jan nie schwimmen gegangen.

Baize hielt in der Einfahrt und stellte den Motor ab.

Carla schaute auf die gelb gestrichene Tür in der Reihe der freistehenden Häuser mit Blick auf den grauen Atlantik.

Das Haus hatte ihnen alles geboten, was sie und Jan sich gewünscht hatten: Ruhe, Gemütlichkeit, das Meer und ein schönes Zuhause, um eine Familie zu gründen. Jetzt wirkte es mit den zugezogenen Vorhängen beinahe unbewohnt. Jans und Carlas Schaukelstühle standen verlassen auf der Veranda.

Baize legte eine Hand auf Carlas Arm, als sie aussteigen wollte. »Du musst das nicht tun. Soll ich nicht doch mitkommen?«

»Ich möchte allein ins Haus.«

»Carla …«

»Bitte. Ich möchte heute Nacht hierbleiben.«

»Hältst du das für eine gute Idee?«

»Vielleicht nicht, aber ich muss es tun.«

Baize seufzte. »Okay. Ich fahre nach Hause und packe ein paar Sachen zum Anziehen und meine Toilettenartikel ein.«

Carla öffnete die Tür.

»Lass mir ein bisschen Zeit, ja?«, sagte sie. »Es gibt ein paar Dinge, die ich tun muss.«

Sie steckte den Schlüssel ins Schloss der gelben Eingangstür. Das Holz knarrte, als sie die Tür öffnete und hineinging.

Ihr Zuhause …

Nein. So konnte Carla es nicht mehr nennen, nachdem Jan tot war, aber sie hatte das Bedürfnis, jetzt hier zu sein.

Hinter der Eingangstür war der Fußboden mit Post übersät. Die meisten Briefe waren an Mr. und Mrs. Lane adressiert. Carla legte sie auf den Tisch im Flur und warf einen Blick nach draußen. Baize ließ den Wagen an, rollte das Fenster herunter und steckte sich eine Kräuterzigarette an.

Dann winkte sie.

Carla winkte zurück, und der Wagen fuhr davon.

Das große alte Zeiss-Teleskop stand im Wohnzimmer auf dem Stativ und war aufs Meer gerichtet. Carla erinnerte sich an den Tag, als sie sich das Haus angeschaut hatten. Eine Maklerin namens Myrtle, eine kleine alte Dame in den Achtzigern, die ihr Renteneintrittsalter schon lange überschritten hatte, hatte es ihnen gezeigt. Sie trug ein Hörgerät und sagte immer wieder: »Vergessen Sie nicht, ich bin nicht völlig taub. Zögern Sie also nicht, mir ein Angebot zu machen.«

Carla erinnerte sich an den Tag, als sie sich zum ersten Mal in diesem Haus geliebt hatten.

Und an das letzte Mal.

Jetzt war Jan tot. Carla konnte es einfach nicht fassen, und die Umstände seines Todes ergaben keinen Sinn. Und sie spürte noch immer seine Gegenwart in diesem Haus.

Sie legte eine Hand auf ihren Bauch, als würde es sie beruhigen. Heute Morgen beim Aufwachen war ihr übel geworden, doch der Arzt hatte ihr versichert, dass Übelkeit und Müdigkeit in einer Schwangerschaft normal seien.

Carla ging durch alle Zimmer und atmete die Gerüche ein. Im Schlafzimmer stand ein großes Bett aus Walnussholz, das mit weißer Bettwäsche bezogen war. Sie zog die Vorhänge auf und ließ die Sonne herein.

Sie erinnerte sich an die Sommertage, wenn sie und Jan sich frühmorgens übermütig und kichernd wie Kinder Hand in Hand in die Wellen gestürzt hatten.

Nichts konnte Carlas Kummer besänftigen. Sie würde Jan nie wieder sehen, nie wieder seine Stimme oder sein Lachen hören.

Carla war so verzweifelt, dass sie für einen Moment den Wunsch verspürte, an den Stand zu gehen, hinaus aufs Meer zu schwimmen und nicht zurückzukehren.

Ohne zu wissen warum, ging sie zum Schrank, nahm Jans Kleidung heraus und warf sie aufs Bett.

Heißer Zorn überkam sie. Sie war wütend, dass Jan ihr entrissen worden war, dass sie ihn verloren hatte, als ihr gemeinsames Leben gerade erst begann.

Schluchzend schlug sie mit den Fäusten aufs Bett und riss an Jans Kleidung. Schließlich streckte sie sich erschöpft, mit vom Weinen geröteten Augen auf dem Bett aus.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die letzte Zeugin" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen