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Die letzte Witwe

»Wir sind auf jeden Fall dazu verdammt,
die Vergangenheit zu wiederholen.
Wenn man lebt, ist das gar nicht vermeidbar.«

Kurt Vonnegut

TEIL EINS

Sonntag, 7. Juli 2019

PROLOG

Michelle Spivey lief durch den hinteren Teil des Ladens und suchte hektisch sämtliche Gänge nach ihrer Tochter ab. Panische Gedanken jagten ihr durch den Kopf: Wie konnte ich sie nur aus den Augen verlieren? Ich bin eine schreckliche Mutter! Mein Baby ist von einem Pädophilen oder einem Mädchenhändler entführt worden! Soll ich den Sicherheitsdienst benachrichtigen oder die Polizei oder …

Ashley.

Michelle blieb so abrupt stehen, dass ihr Schuh auf dem Boden quietschte. Sie holte tief Luft und versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen. Ihre Tochter wurde nicht in die Sklaverei verkauft. Sie stand bei den Make-up-Artikeln und testete Pröbchen.

Die Erleichterung löste sich ebenso schnell in nichts auf wie die vorherige Panik.

Ihre elfjährige Tochter.

Beim Make-up.

Nachdem sie Ashley erklärt hatten, sie dürfe unter gar keinen Umständen vor ihrem zwölften Geburtstag Make-up tragen und auch dann nur Rouge und Lipgloss, egal, was ihre Freundinnen taten, Ende der Diskussion.

Michelle presste die Hand auf die Brust. Sie ging langsam den Gang hinauf, um sich Zeit für die Rückverwandlung in einen vernünftigen, logisch denkenden Menschen zu verschaffen.

Ashley wandte Michelle den Rücken zu, während sie sich Lippenstiftfarben ansah. Sie drehte die Stifte mit einer routinierten Bewegung aus dem Handgelenk auf, denn wenn sie bei ihren Freundinnen war, probierte Michelle natürlich all deren Make-up-Sachen aus, und sie schminkten sich gegenseitig, denn das taten Mädchen nun einmal.

Manche Mädchen jedenfalls. Michelle hatte diesen Drang, sich herauszuputzen, nie verspürt. Sie erinnerte sich noch an das Gekreische ihrer Mutter, als Michelle sich geweigert hatte, sich die Beine zu rasieren. So wirst du nie Strumpfhosen tragen können!

Michelles Antwort: Gott sei Dank!

Das war Jahre her. Ihre Mutter war längst tot. Michelle war eine erwachsene Frau mit einem eigenen Kind, und wie jede Frau hatte sie sich geschworen, nicht die Fehler ihrer Mutter zu wiederholen.

Hatte sie es übertrieben?

Bestrafte sie ihre Tochter etwa mit ihrer burschikosen Haltung? War Ashley in Wirklichkeit alt genug für Make-up? Und nur weil sie selbst kein Interesse hatte an Eyelinern, Bronzern und all dem, was sich Ashley sonst noch stundenlang auf YouTube ansah, verwehrte sie ihrer Tochter den für gewisse Jugendliche typischen Übergang vom Mädchen zur Frau?

Michelle hatte über die Meilensteine in der Entwicklung Heranwachsender geforscht. Elf war ein wichtiges Alter, ein sogenanntes Benchmark-Jahr, der Punkt, an dem Kinder rund fünfzig Prozent ihrer Macht erlangt hatten. Man musste anfangen, mit ihnen zu verhandeln, statt sie einfach nur herumzukommandieren. Was theoretisch betrachtet nachvollziehbar war, in der Praxis jedoch entsetzlich.

»Oh!« Ashley entdeckte ihre Mutter und steckte den Lippenstift hektisch in die Auslage zurück.

»Schon gut.« Michelle strich das lange Haar ihrer Tochter nach hinten. All die Shampooflaschen in der Dusche, Conditioner und Seifen und Feuchtigkeitsgels, während Michelles einzige Schönheitspflege aus wasserfester Sonnencreme bestand.

»Sorry.« Ashley wischte über den Lipgloss auf ihrem Mund.

»Er ist hübsch«, sagte Michelle.

»Wirklich?« Ashley strahlte sie auf eine Weise an, die Michelle in jeder Faser ihres Herzens berührte. »Hast du die hier gesehen?« Sie meinte das Sortiment an Lipgloss. »Sie haben einen, der getönt ist, der hält angeblich länger. Aber der hier ist mit Kirscharoma, und Hailey sagt, die …«

Lautlos ergänzte Michelle: … Jungs mögen ihn lieber.

Die diversen Liam-Hemsworth-Poster an der Wand von Ashleys Zimmer waren ihr nicht entgangen.

»Welcher gefällt dir am besten?«, fragte Michelle.

»Hm …« Ashley zuckte mit den Achseln, aber es gab nicht viel, wozu eine Elfjährige keine Meinung hatte. »Ich schätze, der getönte hält länger, oder?«

»Klingt vernünftig«, sagte Michelle.

Ashley wog die beiden Produkte noch immer gegeneinander ab. »Der mit Kirsch schmeckt nach Chemie. Und ich kaue immer auf der Unterlippe – also, wenn ich ihn trage, würde ich ihn wahrscheinlich ablecken, weil er mich verrückt macht.«

Michelle nickte und verkniff sich die polemische Tirade, die ihr durch den Kopf ging: Du bist wunderschön, du bist klug, du bist so witzig und begabt, und du solltest nur das tun, was dich glücklich macht, denn das und nichts anderes zieht die Jungs an, die es wert sind – die Jungs, die selbstsichere, mit sich zufriedene Mädchen für die interessanteren halten.

Stattdessen sagte sie: »Such dir einen aus, und ich gebe dir einen Vorschuss auf dein Taschengeld.«

»Mom!« Sie schrie so laut, dass Leute sich zu ihnen umdrehten. Der Freudentanz, der folgte, glich eher dem von Tigger als Shakira. »Ist das dein Ernst? Ihr beide habt doch gesagt …«

Ihr beide. Michelle stöhnte innerlich. Wie sollte sie diesen plötzlichen Sinneswandel erklären, nachdem sie sich darauf geeinigt hatten, dass Ashley keinen Lippenstift tragen würde, bis sie zwölf war?

Es ist nur Lipgloss!

In fünf Monaten wird sie zwölf!

Ich weiß, wir haben gesagt, nicht vor ihrem Geburtstag, aber du hast ihr schließlich auch dieses iPhone erlaubt!

Das würde funktionieren. Den Spieß umdrehen und das iPhone zum Thema machen, denn in die Schlacht um den Lipgloss war Michelle schließlich nur durch Zufall geraten.

»Um den Boss kümmere ich mich«, sagte Michelle zu ihrer Tochter. »Aber nur Lipgloss, nichts anderes. Such dir den aus, mit dem du glücklich bist.«

Und sie war weiß Gott glücklich. So glücklich, dass Michelle die Kassiererin anlächeln musste, die sicher verstand, dass der bonbonrosafarbene Glitzerstift im Farbton Sassafras Yo Ass! nicht für die neununddreißigjährige Frau in der kurzen Laufhose und mit der Baseballmütze auf dem verschwitzten Haar gedacht war.

»Das …« Ashley war so glückselig, dass sie kaum ein Wort herausbrachte. »Das ist so toll, Mom. Ich liebe dich so sehr, und ich werde verantwortungsvoll damit umgehen. Total verantwortungsvoll!«

Michelles Lächeln wies wahrscheinlich erste Anzeichen von Totenstarre auf, als sie ihre Einkäufe in Stofftaschen zu packen begann.

Das iPhone. Sie musste es so drehen, dass es um das iPhone ging, zu dem es auch eine Vereinbarung gegeben hatte, ehe sämtliche Freundinnen von Ashley im Ferienlager mit so einem Ding erschienen waren und sich das Auf-gar-keinen-Fall in ein Ich-konnte-sie-doch-nicht-als-einziges-Kind-ohne-iPhone-sein-lassen verwandelt hatte, während Michelle auf einer Konferenz war.

Ashley raffte fröhlich die Taschen zusammen und schlenderte zum Ausgang. Das iPhone hatte sie bereits hervorgezogen, und ihr Daumen glitt über den Schirm, als sie ihren Freundinnen von dem Lipgloss unterrichtete und wahrscheinlich prophezeite, dass sie in einer Woche blauen Lidschatten tragen und sich diese geschwungene Linie um die Augen ziehen würde, die Mädchen wie Katzen aussehen ließ.

Michelle merkte, wie sie sich Katastrophen ausmalte.

Ashley konnte sich eine Bindehautentzündung, ein Gerstenkorn oder eine Lidrandentzündung zuziehen, wenn sie Augen-Make-up mit den Freundinnen teilte. Den Herpes-simplex-Virus oder Hepatitis C von Lipgloss und Liplinern, ganz zu schweigen davon, dass sie sich die Hornhaut verletzen konnte, wenn sie Wimperntusche auftrug. Enthielten manche Lidschatten nicht Blei und andere Schwermetalle? Staphylokokken, Streptokokken, Escherichia coli. Was zum Teufel hatte sich Michelle nur dabei gedacht? Womöglich vergiftete sie ihre eigene Tochter. Es gab hunderttausend bestätigte Studien über Oberflächenverunreinigungen bei Kosmetikartikeln, im Gegensatz zu den paar Dutzend, in denen ein indirekter Zusammenhang zwischen Gehirntumoren und Mobiltelefonen postuliert wurde.

Ein Stück weiter vorn hörte sie Ashley lachen. Ihre Freundinnen schrieben offenbar zurück. Sie schlenkerte wild mit den Taschen, als sie den Parkplatz überquerte. Sie war elf, nicht zwölf, und zwölf war immer noch entsetzlich jung, oder? Denn Make-up sandte ein Signal aus. Es vermittelte ein Interesse daran, dass sich jemand für einen interessierte, was eine furchtbar unfeministische Botschaft war, aber das hier war das echte Leben, und ihre Tochter war noch ein unschuldiges Kind, das nichts darüber wusste, wie man unerwünschte Aufmerksamkeit zurückwies.

Michelle schüttelte den Kopf. Was für ein kruder Gedankengang. Von Lipgloss über Krankenhauskeime zur Frauenbewegung. Sie musste ihr wildes Grübeln einstellen, damit sie bis zu ihrer Ankunft zu Hause eine vernünftige Erklärung dafür präsentieren konnte, warum sie Ashley, ungeachtet des feierlichen Elternschwurs, Make-up gekauft hatte.

Den Elternschwur hatten sie auch beim iPhone gebrochen.

Sie griff in ihre Handtasche, um die Autoschlüssel zu suchen. Draußen war es dunkel. Die Parkplatzbeleuchtung reichte nicht aus, oder vielleicht brauchte sie ihre Brille, weil sie alt wurde – alt genug, um eine Tochter zu haben, die Signale an Jungs aussenden wollte. In ein paar Jahren konnte sie Großmutter sein. Bei dem Gedanken schlug ihr Magen einen Salto. Warum hatte sie keinen Wein gekauft?

Sie blickte auf, um sich zu vergewissern, dass Ashley nicht vor ein Auto gelaufen oder von einer Klippe gestürzt war, während sie auf ihrem Handy herumtippte.

Michelles Mund öffnete sich unwillkürlich.

Ein Van hielt neben ihrer Tochter.

Die Schiebetür an der Seite ging auf.

Ein Mann sprang heraus.

Michelle packte ihre Schlüssel. Sie spurtete los, um so schnell wie möglich zu ihrer Tochter zu gelangen.

Sie begann zu schreien, aber es war zu spät.

Ashley war weggerannt, genau wie sie es ihr beigebracht hatten.

Was für den Mann in Ordnung ging, denn er hatte es nicht auf Ashley abgesehen.

Er wollte Michelle.

EINEN MONAT SPÄTER

Sonntag, 4. August 2019

1

Sonntag, 4. August, 13.37 Uhr

Sara Linton lehnte sich zurück und murmelte: »Ja, Mama.« Sie fragte sich, ob je der Tag kommen würde, an dem sie zu alt war, um von ihrer Mutter übers Knie gelegt zu werden.

»Komm mir nicht mit diesem beschwichtigenden Tonfall!« Der Gifthauch von Cathys Zorn hing über dem Küchentisch, wo sie wütend einen Berg grüner Bohnen über einer Zeitung putzte. »Du bist nicht wie deine Schwester. Du bist nicht so flatterhaft. Erst Steve in der Highschool, dann Mason – aus Gründen, die ich noch immer nicht verstehe –, dann Jeffrey.« Sie blickte über den Rand ihrer Brille. »Wenn du dich für Will entschieden hast, dann entscheide dich richtig für ihn.«

Sara wartete darauf, dass ihre Tante Bella noch ein paar fehlende Männer hinzufügte, aber Bella spielte nur mit der Perlenkette an ihrem Hals und trank ihren Eistee.

»Dein Vater und ich sind seit fast vierzig Jahren verheiratet«, fuhr Cathy fort.

»Ich habe nie behauptet …«, setzte Sara an.

Bella machte ein Geräusch, das irgendwo zwischen Husten und dem Niesen einer Katze lag.

Sara beachtete die Warnung nicht. »Mom, Wills Scheidung ist eben erst rechtskräftig geworden. Ich bin immer noch dabei, mich in meinem neuen Job zurechtzufinden. Wir genießen unser Leben. Du solltest dich für uns freuen.«

Cathy brach eine Bohne, als würde sie jemandem das Genick brechen. »Schlimm genug, dass du mit ihm zusammen warst, als er noch verheiratet war.«

Sara atmete tief ein und hielt die Luft an.

Sie sah auf die Uhr über dem Herd.

13.37 Uhr.

Es fühlte sich eher an wie Mitternacht, und sie hatten noch nicht einmal zu Mittag gegessen.

Sie atmete langsam aus und konzentrierte sich auf die köstlichen Düfte in der Küche. Dafür hatte sie ihren Sonntag geopfert: Brathähnchen, das auf der Anrichte abkühlte. Kirschpastete, die im Ofen buk. Butter, die auf dem Herd in der Pfanne mit Maisbrot zerfloss. Kekse, Felderbsen, Schwarzaugenbohnen, Süßkartoffelsoufflé, Schokoladenkuchen, Pekannusstarte und Eiskrem, die so fest war, dass darin fast der Löffel abbrach.

Eine Woche Fitnessstudio mit sechs Stunden Training am Tag würde den Schaden nicht wettmachen, den sie ihrer Figur heute antat, aber Saras einzige Sorge war, dass sie womöglich vergaß, ein paar Reste mit nach Hause zu nehmen.

Cathy brach eine weitere Bohne und riss Sara aus ihrer Träumerei.

In Bellas Glas klirrte das Eis.

Sara lauschte dem Rasenmäher im Garten. Aus Gründen, die sie nicht verstand, hatte Will sich ihrer Tante als Wochenendgärtner zur Verfügung gestellt. Die Vorstellung, er könnte von dieser Unterhaltung versehentlich etwas mitbekommen, verursachte ihr Gänsehaut.

»Sara.« Cathy holte hörbar tief Luft, ehe sie weitermachte, wo sie eben aufgehört hatte. »Du wohnst jetzt praktisch mit ihm zusammen. Seine Sachen hängen in deinem Schrank. Sein Rasierzeug, die ganzen Toilettenartikel stehen bei dir im Badezimmer herum.«

»Ach, Schätzchen.« Bella tätschelte Saras Hand. »Teil dir bloß nie ein Badezimmer mit einem Mann.«

Cathy schüttelte den Kopf. »Das wird deinen Vater umbringen.«

Es würde ihren Vater zwar nicht töten, aber er würde auch nicht glücklich darüber sein, so wie er bei keinem Mann je glücklich war, der etwas von seinen Töchtern wollte.

Weshalb Sara auch nichts über ihre Beziehung erzählte.

Zumindest war das ein Grund dafür.

Sie versuchte, wieder die Oberhand zu gewinnen. »Ist dir klar, dass du gerade zugegeben hast, in meinem Haus herumzuschnüffeln, Mom? Ich habe ein Recht auf meine Privatsphäre!«

»Ts-ts«, machte Bella. »Ach, ist das süß, dass du das tatsächlich glaubst, Kleines.«

Sara versuchte es noch einmal. »Will und ich wissen, was wir tun. Wir sind keine verknallten Teenager, die sich im Flur Zettelchen zustecken. Wir verbringen gern Zeit miteinander. Das ist alles, was zählt.«

Cathy stöhnte, aber Sara war nicht so dumm, das nachfolgende Schweigen fälschlicherweise als Zustimmung zu deuten.

»Die Expertin hier bin ja wohl ich«, sagte Bella. »Ich war fünf Mal verheiratet und …«

»Sechs Mal«, unterbrach Cathy.

»Schwesterherz, du weißt, die eine wurde annulliert. Lass das Kind doch selbst herausfinden, was es will.«

»Ich schreibe ihr ja nicht vor, was sie tun soll. Ich gebe ihr nur Ratschläge. Wenn es ihr nicht ernst ist mit Will, dann muss sie eben weitersuchen, bis sie einen Mann findet, mit dem sie es ernst meint. Für unverbindliche Beziehungen ist sie zu vernünftig.«

»›Lieber ohne Vernunft als ohne Gefühl …‹«

»Ich würde Charlotte Brontë für das emotionale Wohlergehen meiner Tochter eher nicht zurate ziehen.«

Sara rieb sich die Schläfen, um einen leichten Kopfschmerz zu vertreiben. Ihr Magen knurrte, aber das Mittagessen würde erst um zwei serviert werden, was keine Rolle spielte, denn wenn sie dieses Gespräch noch lange fortsetzten, würde eine von ihnen – wenn nicht alle drei – in dieser Küche verenden.

»Hast du den Artikel gelesen, Schatz?«, fragte Bella.

Sara blickte hoch.

»Meinst du nicht, sie hat ihre Frau getötet, weil sie eine Affäre hatte? Ich meine, eine der beiden hatte eine Affäre, deshalb hat die eine Frau die mit der Affäre getötet.« Sie blinzelte Sara zu. »Genau das haben die Konservativen befürchtet: Die gleichgeschlechtliche Ehe hat das Pronomen bedeutungslos gemacht.«

Sara fiel es schwer, ihr zu folgen, bis sie begriff, dass Bella sich auf einen Artikel in der Zeitung bezog. Michelle Spivey war vor vier Wochen auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums entführt worden. Sie war Wissenschaftlerin bei den CDC, den Centers for Disease Control, der Behörde für Seuchenkontrolle und – prävention, was zur Folge hatte, dass das FBI die Ermittlungen übernahm. Das Foto in der Zeitung stammte aus Michelles Führerschein. Es zeigte eine attraktive Frau Ende dreißig mit einem Funkeln in den Augen, das selbst die miserable Kamera in der Kfz-Zulassungsbehörde eingefangen hatte.

»Hast du die Geschichte verfolgt?«, fragte Bella.

Sara schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen traten. Ihr Mann war vor fünf Jahren getötet worden. Das Einzige, was in ihrer Vorstellung noch schlimmer sein konnte, als einen geliebten Menschen zu verlieren, war die Ungewissheit, ob dieser Mensch tatsächlich tot war oder nicht.

»Ich tippe auf einen Auftragsmord«, sagte Bella. »Das stellt sich in solchen Fällen doch meistens heraus. Die Frau hat sich ein neueres Modell zugelegt und musste das alte loswerden.«

Sara hätte das Thema fallen lassen sollen, denn es regte Cathy sichtlich auf. Doch eben weil sich Cathy sichtlich aufregte, antwortete sie: »Ich weiß nicht. Ihre Tochter war dabei, als es geschah. Sie hat gesehen, wie ihre Mutter in einen Van gezerrt wurde. Es ist vielleicht naiv, das zu sagen, aber ich glaube nicht, dass ihre andere Mutter dem Kind so etwas antun würde.«

»Fred Tokars hat seine Frau vor den Augen der Kinder erschießen lassen.«

»Dabei ging es um die Lebensversicherung, oder? Und war er nicht in zwielichtige Geschäfte verwickelt? Gab es nicht auch eine Verbindung zur Mafia?«

»Und er war ein Mann. Tendieren Frauen nicht eher dazu, mit ihren Händen zu töten?«

»Könnten wir um Gottes willen aufhören, am Tag des Herrn über Mord zu sprechen?« Cathy platzte endlich der Kragen. »Und ausgerechnet du, liebe Schwester, solltest nicht über betrügerische Ehepartner spekulieren.«

Bella ließ die Eiswürfel in ihrem Glas klirren. »Wäre ein Mojito bei dieser Hitze nicht nett?«

Cathy klatschte in die Hände, sie war mit dem Bohnenputzen fertig. »Du bist keine Hilfe«, sagte sie zu Bella.

»Ach, Schwesterchen, man sollte sich nie an Bella wenden, wenn man Hilfe braucht.«

Sara wartete ab, bis Cathy ihr den Rücken zukehrte, bevor sie sich schnell über die Augen wischte. Doch Bella hatte ihre Tränen sehr wohl gesehen, und das bedeutete, dass die beiden darüber reden würden, sobald Sara die Küche verließ. Warum heulte sie eigentlich? Sara konnte sich ihre Weinerlichkeit beim besten Willen nicht erklären. In letzter Zeit konnte sie alles aus der Fassung bringen, vom rührseligen Werbespot bis zum traurigen Liebeslied im Radio.

Sie nahm die Zeitung und tat so, als würde sie den Artikel lesen. Es gab keine neuen Meldungen zu Michelle Spiveys Verschwinden. Ein Monat war schon zu lang. Selbst ihre Frau hatte aufgehört, um die Freilassung zu flehen, und bat Michelles Entführer nur noch darum, das Versteck der Leiche mitzuteilen.

Sara schniefte, ihre Nase lief. Statt nach einer Papierserviette zu greifen, wischte sie mit dem Handrücken darüber.

Sie kannte Michelle Spivey nicht, aber letztes Jahr hatte sie Michelles Frau, Theresa Lee, bei einer Veranstaltung der Emory Medical School kennengelernt, auf der Ehemalige ihre Erfahrungen an Studenten weitergaben. Lee war Orthopädin und Professorin an der Emory. Michelle arbeitete als Epidemiologin für die CDC. Dem Artikel zufolge hatten die beiden 2015 geheiratet, was wahrscheinlich hieß, dass sie sich das Jawort gegeben hatten, sobald es rechtlich möglich war. Dabei waren sie vorher bereits fünfzehn Jahre ein Paar gewesen. Sara nahm an, dass sie nach zwei Jahrzehnten des Zusammenlebens herausgefunden hatten, wie sie mit den zwei häufigsten Trennungsgründen klarkamen: der Temperatureinstellung für den Thermostat, und was für ein ungeheuerliches Verbrechen es war, vorgeblich nicht zu bemerken, dass der Geschirrspüler ausgeräumt werden musste.

Andererseits war sie nicht die Eheexpertin im Raum.

»Sara?« Cathy lehnte mit verschränkten Armen an der Küchentheke. »Ich werde es jetzt rundheraus sagen.«

Bella kicherte. »Versuch es mal.«

»Es ist in Ordnung, weiterzumachen«, sagte Cathy. »Ein neues Leben mit Will aufzubauen. Wenn du wirklich glücklich mit ihm bist, dann sei glücklich. Wenn nicht – worauf zum Teufel wartest du?«

Sara faltete die Zeitung sorgfältig zusammen. Ihr Blick ging wieder zur Uhr.

13.43 Uhr

»Ich mochte Jeffrey, möge er in Frieden ruhen«, sagte Bella. »Er hatte dieses stolze Auftreten. Aber Will ist so süß. Und er liebt dich, Schatz.« Sie tätschelte Saras Hand. »Er liebt dich von ganzem Herzen.«

Sara kaute auf der Unterlippe. Ihr Sonntagnachmittag sollte sich nicht in eine spontane Therapiesitzung verwandeln. Sie musste sich nicht über ihre Gefühle klar werden, denn sie war mit einem ganz anderen Problem beschäftigt, das den ersten Akt jeder romantischen Komödie bestimmte: Sie hatte sich bereits in Will verliebt, aber sie wusste nicht, wie sie ihn lieben sollte.

Mit Wills sozialer Unbeholfenheit konnte sie umgehen, aber seine Unfähigkeit zur Kommunikation hatte ihre Beziehung beinahe zerstört. Nicht nur einmal oder zweimal, sondern bereits mehrere Male. Zunächst hatte sie sich eingeredet, dass er sich von seiner besten Seite zu zeigen versuchte. Das war normal. Sie selbst hatte ein halbes Jahr verstreichen lassen, ehe sie ihren normalen Pyjama angezogen hatte, bevor sie zu Bett ging.

Ein Jahr später behielt er immer noch alles für sich. Idiotische Dinge, die keine Rolle spielten, etwa dass er länger arbeiten musste, dass sich sein Basketballspiel in die Länge zog, dass sein Fahrrad unterwegs kaputtgegangen war, dass er einem Freund versprochen hatte, ihm am Wochenende beim Umzug zu helfen. Er wirkte immer sehr erschrocken, wenn sie wütend auf ihn war, weil er ihr solche Dinge nicht mitteilte. Sie wollte ihn nicht überwachen. Sie wollte einfach wissen, was sie zum Abendessen einkaufen sollte.

So ärgerlich solche Vorkommnisse waren, es gab andere Dinge, die schwerer wogen. Es war nicht so, dass Will sie belog. Er fand nur raffinierte Ausflüchte, nicht die Wahrheit sagen zu müssen. Ob es nun um eine gefährliche Situation in seiner Arbeit ging oder um ein schreckliches Detail aus seiner Kindheit oder, schlimmer noch, um eine weitere Gräueltat dieser boshaften, narzisstischen Schlampe, die seine Exfrau war.

Sara verstand, worin dieses Verhalten begründet lag. Will war in Heimen und bei Pflegefamilien aufgewachsen, wo er missbraucht und vernachlässigt worden war. Seine Exfrau hatte seine Empfindungen als Waffe gegen ihn eingesetzt. Er hatte im Grunde nie eine gesunde Beziehung gehabt. Und es lauerten ein paar wirklich scheußliche Geister in seiner Vergangenheit. Vielleicht wollte er Sara davor beschützen. Vielleicht wollte er sich selbst schützen. Fest stand jedenfalls, sie hatte verdammt noch mal keine Ahnung, weil er nicht zugab, dass das Problem überhaupt existierte.

»Sara, Schatz«, sagte Bella. »Was ich dir sagen wollte … Ich musste neulich daran denken, wie du während deines Studiums hier gewohnt hast. Weißt du noch?«

Sara lächelte bei der Erinnerung an ihre Collegezeit, aber dann fing sie den Blick auf, den ihre Tante und ihre Mutter wechselten.

Gleich würden sie eine Bombe platzen lassen.

Sie hatten sie mit der Aussicht auf Brathähnchen hierhergelockt.

»Ich will ehrlich sein, Kleines«, sagte Bella. »Dieser alte Kasten wird deiner lieben Tante Bella allmählich zu viel. Was hältst du davon, wieder hier einzuziehen?«

Sara lachte, aber dann sah sie, dass ihre Tante es ernst meinte.

»Ihr beide könntet alles schön herrichten, es zu eurem Zuhause machen«, sagte Bella.

Saras Lippen öffneten sich, aber sie fand keine Worte.

»Schau, Schatz.« Bella hielt Saras Hand fest. »Ich hatte immer vor, es dir in meinem Testament zu vermachen, aber mein Steuerberater sagt, es wäre vorteilhafter, es dir jetzt gleich als Treuhandvermögen zu überschreiben. Ich habe bereits eine Anzahlung auf eine Eigentumswohnung in der Stadt geleistet. Du und Will könntet noch vor Weihnachten hier einziehen. Die Eingangshalle ist groß genug für einen sieben Meter hohen Weihnachtsbaum, und es gibt jede Menge Platz für …«

Sara erlebte einen momentanen Hörsturz.

Sie hatte das prächtige alte Haus im georgianischen Stil, das kurz vor der Großen Depression erbaut worden war, immer geliebt: sechs Schlafzimmer, fünf Bäder, eine zum Apartment umgebaute Garage mit zwei Zimmern, ein aufgehübschter Gartenschuppen und eineinhalb Hektar Land in einem der wohlhabendsten Bezirke der Stadt. Zehn Minuten Autofahrt und sie war in der Innenstadt. Ein Spaziergang von zehn Minuten und sie stand auf dem Campus der Emory University. Das Viertel gehörte zu den letzten Gestaltungsaufträgen, die der Landschaftsarchitekt Frederick Law Olmsted vor seinem Tod angenommen hatte, und die Parks und Bäume fügten sich wundervoll in den Fernbank Forest ein.

Es war ein verlockendes Angebot – bis sie zu rechnen anfing.

Bella hatte seit den 1980ern nichts mehr erneuert. Heizung und Klimaanlage. Sanitär- und Elektroinstallationen. Ausbesserungen am Putz. Neue Fenster. Neues Dach. Neue Dachrinnen. Der ganze Ärger mit dem Denkmalschutzamt wegen kleinster architektonischer Details. Vom Zeitaufwand ganz zu schweigen, denn Will würde möglichst viele Arbeiten selbst durchführen wollen, und bald würden sie an Saras spärlichen freien Abenden und an den langen faulen Wochenenden über Malerfarben und Geld debattieren.

Geld.

Das war das eigentliche Hindernis. Sara hatte sehr viel mehr davon als Will. Dasselbe hatte auch für ihre Ehe gegolten. Sara würde nie Jeffreys Gesichtsausdruck vergessen, als er zum ersten Mal den Kontostand ihres Wertpapierdepots gesehen hatte. Sara hatte buchstäblich das Quietschen hören können, mit dem sich seine Eier in den Körper zurückgezogen hatten. Sie hatten sich nur mit viel Zuwendung wieder hervorlocken lassen.

»Und natürlich kann ich bei den Grundsteuern helfen, aber …«, sagte Bella.

»Danke«, versuchte Sara zu Wort zu kommen. »Das ist sehr großzügig, aber …«

»Es könnte ein Hochzeitsgeschenk sein.« Cathy lächelte süß, als sie sich an den Tisch setzte. »Wäre das nicht schön?«

Sara schüttelte den Kopf, aber nicht über ihre Mutter. Was war nur los mit ihr? Warum machte sie sich Sorgen, wie Will reagierte? Sie hatte keine Ahnung, wie viel Geld er besaß. Er bezahlte alles bar. Ob es daran lag, dass er Kreditkarten nicht vertraute oder dass sein Konto überzogen war – das war ein weiteres Gespräch, das sie nicht führten.

»Was war das?« Bella hielt den Kopf schief. »Habt ihr nichts gehört? Wie Feuerwerkskörper oder so?«

Cathy beachtete sie nicht. »Du und Will, ihr könnt das hier zu eurem Zuhause machen. Und deine Schwester kann die Wohnung über der Garage nehmen.«

Schon wieder hatte ihre Mutter eine Bombe platzen lassen. Ihre Mutter versuchte nicht nur, die Kontrolle über Saras Leben zu erlangen – sie wollte Tessa auch gleich mit erledigen.

»Ich glaube nicht, dass Tessa noch einmal über einer Garage wohnen will«, sagte Sara.

»Lebt sie nicht zurzeit in einer Lehmhütte?«, fragte Bella.

»Pst, Schwesterherz.« Cathy wandte sich an Sara. »Hast du mit Tessa mal darüber gesprochen, ob sie wieder nach Hause ziehen will?«

»Eigentlich nicht«, log Sara. Die Ehe ihrer kleinen Schwester ging gerade in die Brüche. Sie sprachen mindestens zweimal täglich via Skype miteinander, obwohl Tessa in Südafrika lebte. »Du musst damit aufhören, Mama. Wir leben nicht mehr in den Fünfzigerjahren. Ich kann meine Rechnungen selbst bezahlen. Für mein Alter ist vorgesorgt. Ich muss nicht rechtlich an einen Mann gebunden sein. Ich komme allein klar.«

Cathys Gesichtsausdruck ließ die Zimmertemperatur um ein paar Grad fallen. »Wenn du dir das unter einer Ehe vorstellst, dann habe ich nichts mehr zu der Angelegenheit zu sagen.« Sie stemmte sich vom Tisch hoch und kehrte an den Herd zurück. »Sag Will, er soll sich waschen, es gibt bald Essen.«

Sara schloss die Augen, um sie nicht zu verdrehen.

Sie stand auf und ging aus der Küche.

Ihre Schritte hallten durch das höhlenartige Wohnzimmer, als sie am Rand des antiquarischen Orientteppichs entlangging. Sie blieb an der ersten Terrassentür stehen und drückte die Stirn an die Scheibe. Will schob den Rasenmäher gerade zufrieden in den Schuppen. Der Garten sah spektakulär aus. Er hatte sogar den Buchs mit chirurgischer Präzision zu ordentlichen Rechtecken gestutzt.

Was würde er wohl zu einem renovierungsbedürftigen Haus im Wert von zweieinhalb Millionen Dollar sagen?

Sara wusste nicht einmal, ob sie eine so riesige Verantwortung übernehmen wollte. In ihren ersten Ehejahren mit Jeffrey hatten sie damals einen kleinen Bungalow im Craftman-Stil renoviert. Sie erinnerte sich noch deutlich an die körperliche Erschöpfung, die es mit sich brachte, wenn man Tapeten von den Wänden riss und die Sprossen eines Treppengeländers strich, und an die Qual, wenn man wusste, dass man einfach einen Scheck ausstellen und es von jemand anderem erledigen lassen könnte, aber der Ehemann so unglaublich eigensinnig war.

Ihr Ehemann.

Das war das heiße Eisen, das ihre Mutter in der Küche angefasst hatte: Liebte Sara Will so, wie sie Jeffrey geliebt hatte, und wenn ja, warum heiratete sie ihn dann nicht, und wenn nein, warum vergeudete sie dann ihre Zeit mit ihm?

Alles gute Fragen, aber Sara fand nicht aus ihrer Scarlett-O’Hara-Endlosschleife heraus und versprach sich ständig, am nächsten Tag darüber nachzudenken.

Sie stieß die Terrassentür mit der Schulter auf, und die Hitze stand vor ihr wie eine Wand. Die Feuchtigkeit war so hoch, dass sogar die Luft zu schwitzen schien. Sie zog das Tuch vom Haar, denn die Stoffschicht wirkte wie eine Warmhalteglocke auf dem Kopf. Ohne den Geruch von frisch gemähtem Gras hätte sie ebenso gut ein Dampfbad betreten können. Sie schleppte sich die sanfte Anhöhe hinauf. Ihre Sneakers rutschten auf den losen Steinchen, Insekten schwirrten um ihr Gesicht, und sie schlug nach ihnen, während sie auf das Gebäude zuging, das Bella den Schuppen nannte, das in Wirklichkeit jedoch eine umgebaute Scheune mit blauem Steinfußboden war und Platz für zwei Pferde und eine Kutsche bot.

Die Tür war offen. Will stand in der Mitte des Raums, er stützte sich mit beiden Händen auf die Werkbank und sah aus dem Fenster. Er wirkte völlig regungslos. Sara überlegte, ob sie ihn stören sollte. In den letzten beiden Monaten hatte ihn etwas gequält. Sara hatte gespürt, wie es sich in fast jeden Bereich ihres gemeinsamen Lebens vorgearbeitet hatte. Sie hatte ihn danach gefragt. Sie hatte ihm Zeit gegeben, darüber nachzudenken. Sie hatte versucht, es aus ihm herauszuvögeln. Er beteuerte immer wieder, alles sei in Ordnung, doch dann erwischte sie ihn einmal mehr dabei, wie er genau das tat, was er gerade jetzt tat: mit gequältem Gesichtsausdruck aus einem Fenster starren.

Sara räusperte sich.

Will drehte sich um. Er hatte ein frisches Hemd angezogen, aber schon klebte der Stoff von der Hitze wieder an seiner Brust. An seinen muskulösen Beinen hafteten Grashalme. Er war hochgewachsen und schlank, und das Lächeln, das er Sara schenkte, als er sie ansah, ließ sie augenblicklich jedes ihrer Probleme vergessen.

»Gibt es schon Mittagessen?«, fragte er.

Sie sah auf ihre Armbanduhr. »Es ist dreizehn Uhr sechsundvierzig. Wir haben also exakt vierzehn Minuten Ruhe vor dem Sturm.«

Sein Lächeln verwandelte sich in ein Grinsen. »Hast du diesen Schuppen gesehen? Ich meine, wirklich gesehen?«

Für Sara war es trotz allem ein Schuppen, aber Will war sichtlich begeistert.

Er zeigte auf einen abgetrennten Bereich in der Ecke. »Da drüben ist ein Urinal. Ein richtiges, funktionierendes Urinal. Wie cool ist das denn?«

»Wahnsinn«, murmelte sie, aber es schien ihr nicht gerade den Verstand zu rauben.

»Schau, wie kräftig diese Balken sind.« Will war eins neunzig, groß genug, um den Balken zu fassen und ein paar Klimmzüge zu machen. »Und guck mal, hier drüben. Dieser Fernseher ist alt, aber er funktioniert noch. Und es gibt sogar einen Kühlschrank und eine Mikrowelle. In dem Bereich dort waren früher wohl die Pferde untergebracht.«

Sara verzog den Mund zu einem Lächeln. Er war ein solcher Stadtjunge, er wusste nicht einmal, dass man es Box nannte.

»Und die Couch ist zwar ein bisschen muffig, aber wirklich bequem.« Er warf sich auf die zerschlissene Ledercouch und zog sie neben sich. »Toll hier drin, oder?«

Sara hustete von dem aufgewirbelten Staub. Sie versuchte, den Stapel alter Playboy-Hefte ihres Onkels nicht mit der quietschenden Couch in Verbindung zu bringen.

»Können wir hier einziehen?«, fragte Will. »Und ich frage das nur halb im Scherz.«

Sara biss sich auf die Unterlippe. Er sollte nicht scherzen, er sollte sagen, was er wollte.

»Schau, eine Gitarre.« Er nahm das Instrument zur Hand und stimmte die Saiten nach. Einige Anschläge später erzeugte er erkennbare Laute. Und die verwandelte er dann in einen Song.

Sara spürte dieses Kribbeln vor Überraschung, das sie jedes Mal empfand, wenn sie etwas Neues über ihn herausfand.

Will summte die ersten Zeilen von Bruce Springsteens I’m on Fire.

Er hörte auf zu spielen. »Das klingt irgendwie übel, oder? ›Hey little girl, is your daddy home?‹«

»Wie wär’s mit: Girl, You’ll Be a Woman Soon? Oder: Don’t Stand So Close to Me? Oder die Anfangszeile von Sara Smile

»Verdammt.« Er zupfte an den Gitarrensaiten. »Hall & Oates auch?«

»Von Panic! At the Disco gibt es eine bessere Version.« Sara beobachtete, wie seine langen Finger die Saiten bearbeiteten. Sie liebte seine Hände. »Wann hast du spielen gelernt?«

»Auf der Highschool. Selbst beigebracht.« Will sah sie verlegen an. »Stell dir irgendeine Dummheit vor, die ein sechzehnjähriger Junge anstellt, um ein sechzehnjähriges Mädchen zu beeindrucken – ich habe garantiert alles getan.«

Sie lachte, denn es war nicht schwer, es sich vorzustellen. »Hattest du einen dieser modischen rasierten Haarschnitte?«

»Logo.« Er klimperte weiter auf der Gitarre. »Ich konnte eine Pee-wee-Herman-Stimme nachmachen. Ein Skateboard in der Luft umdrehen. Und ich kannte den ganzen Text von Thriller. Du hättest mich in meiner ausgewaschenen Jeans und meiner Nember’s Only-Jacke sehen sollen.«

»Nember?«

»Billigmarke. Ich habe nicht behauptet, dass ich Millionär war.« Er blickte von der Gitarre auf und freute sich sichtlich, dass er sie amüsierte. Aber dann wies er mit dem Kinn auf ihren Kopf und fragte: »Was ist los da oben?«

Sara spürte, wie die Weinerlichkeit von vorhin zurückkehrte. Sie war überwältigt von Liebe. Er war so auf ihre Gefühle eingestimmt. Und sie wünschte sich verzweifelt, er könnte akzeptieren, dass es nur natürlich war, wenn sie sich auch auf seine Gefühle einstimmen wollte.

Will stellte die Gitarre beiseite. Er hob die Hand an ihr Gesicht und strich ihr mit dem Daumen die Sorgenfalten aus der Stirn. »So ist es besser.«

Sara küsste ihn. Küsste ihn richtig. Dieser Teil war immer einfach. Sie fuhr mit den Fingern durch sein schweißnasses Haar. Will küsste ihren Hals, dann beugte er sich tiefer. Sie bog sich ihm entgegen, schloss die Augen und ließ seinen Mund und seine Hände all ihre Zweifel aus der Welt schaffen.

Sie hörten nur auf, weil die Couch plötzlich heftig erzitterte.

»Was zum Teufel war das?«, fragte Sara.

Will verkniff sich den naheliegenden Scherz, dass er die Erde zum Beben bringen konnte. Er sah unter die Couch. Er stand auf und überprüfte die Deckenbalken, indem er mit den Knöcheln auf das Holz klopfte. »Erinnerst du dich an dieses Erdbeben in Alabama vor ein paar Jahren? Das hat sich genauso angefühlt, nur stärker.«

Sara richtete ihre Kleidung. »Der Country Club veranstaltet Feuerwerke. Vielleicht testen sie gerade eine neue Show.«

»Am helllichten Tag?« Will schaute skeptisch. Er hob sein Handy von der Werkbank auf. »Es gibt keinen Alarm.« Er scrollte die Nachrichten durch, dann machte er einen Anruf. Dann noch einen. Dann versuchte er es unter einer dritten Nummer. Sara wartete gespannt, aber am Ende schüttelte Will nur den Kopf. Er hielt das Smartphone hoch, damit sie die aufgezeichnete Ansage hören konnte, dass alle Leitungen belegt seien.

Sie bemerkte die Zeitanzeige in der Ecke des Bildschirms.

13.51 Uhr.

»Emory hat eine Notfallsirene«, sagte sie. »Sie würde im Fall einer Naturkatastrophe los…«

Wumm!

Erneut bebte die Erde heftig. Sara musste sich an der Couch abstützen, ehe sie Will ins Freie folgen konnte.

Er sah zum Himmel hoch. Eine dunkle Rauchwolke stieg hinter den Bäumen auf. Sara kannte den Campus der Emory University in- und auswendig.

Fünfzehntausend Studenten.

Sechstausend Mitarbeiter in Verwaltung und Lehre.

Zwei Explosionen, die die Erde erzittern ließen.

»Los, komm.« Will eilte zum Wagen. Er war Special Agent beim Georgia Bureau of Investigation. Sara war Ärztin. Es war nicht nötig, ein Gespräch darüber zu führen, was nun zu tun war.

»Sara!«, rief Cathy von der Terrassentür. »Habt ihr das gehört?«

»Es kommt von der Emory.« Sara rannte ins Haus, um ihre Wagenschlüssel zu suchen. Furcht machte sich in ihr breit. Der innerstädtische Campus erstreckte sich über drei Quadratkilometer. Die Emory-Universitätsklinik. Das Egleston-Kinderkrankenhaus. Die Zentren für Seuchenschutz. Das Nationale Gesundheitsinstitut. Das Yerkes-Primatenforschungszentrum. Das Winship-Krebsinstitut. Staatliche Labore. Krankheitserreger. Viren. Ein Terrorangriff? Ein studentischer Amokläufer? Ein einsamer Revolverheld?

»Könnte es die Bank sein?«, fragte Cathy. »Da gab es doch diese Bankräuber, die versucht haben, das Gefängnis in die Luft zu sprengen.«

Martin Novak. Sara wusste, in der Stadt fand ein wichtiges Meeting deswegen statt, aber der Häftling war in einem sicheren Ort weit außerhalb der City untergebracht.

»Was es auch ist, sie melden es noch nicht in den Nachrichten«, sagte Bella. Sie hatte den Fernseher in der Küche eingeschaltet. »Ich habe Buddys alte Schrotflinte noch irgendwo hier.«

Sara fand den Schlüssel in ihrer Handtasche. »Bleibt im Haus.« Sie nahm die Hand ihrer Mutter und drückte sie kräftig. »Ruf Daddy und Tessa an und sag Bescheid, dass alles in Ordnung ist.«

Sie steckte ihr Haar hoch, als sie zur Tür ging. Sie erstarrte, bevor sie an der Tür war.

Sie waren alle wie angewurzelt stehen geblieben.

Das tiefe, klagende Heulen der Notfallsirene erfüllte die Luft.

2

Sonntag, 4. August, 13.33 Uhr

Will Trent nahm die Hand vom Rasenmäher, um sich den Schweiß aus den Augen zu wischen. Das war gar nicht so einfach. Erst musste er den Schweiß von der Hand schütteln. Als Nächstes musste er die Finger an der Innenseite seines Shirts abwischen, um den Dreck herunterzubekommen. Erst dann konnte er mit der Seite der Faust die Flüssigkeit aus den Augenbrauen streichen. Er nutzte die vorübergehende Wiedererlangung seiner Sehkraft, um auf die Uhr zu sehen.

13.33 Uhr.

Welcher Idiot brachte einen Augustnachmittag damit zu, anderthalb Hektar hügelige Rasenfläche zu mähen? Vermutlich nur ein Idiot, der den halben Vormittag mit seiner Freundin im Bett verbracht hatte. So nett das gewesen war, er wünschte sich, er könnte in der Zeit zurückreisen und dem Will vom Vormittag erklären, wie beschissen sich der Will am Nachmittag fühlen würde.

Er bog um die Ecke und navigierte den Mäher durch eine Senke in dem unebenen Gelände. Sein Fuß blieb in einem Erdloch stecken. Mücken surrten vor seinem Gesicht herum. Die Sonne knallte auf seinen Nacken wie ein Hieb mit dem Gürtel. Der einzige Grund, warum er sich die Eier noch nicht weggeschwitzt hatte, war, dass sie mit einer Paste aus Dreck, geschnittenem Gras und Schweiß an seinem Körper klebten.

Will warf einen Blick auf Bellas Haus, als er ein weiteres Mal daran vorbeilief. Er konnte es nicht fassen, wie gewaltig es war. Der Reichtum tropfte förmlich von den Giebeln. Seine Bauweise wurde sogar in einem Buch beschrieben, das ihm Bella geliehen hatte. Das Buntglas im Treppenhaus stammte von Louis Comfort Tiffany. Der Stuck war von Handwerkern gestaltet worden, die sie aus Italien hatten einschiffen lassen. Eichenböden mit Intarsien. Kassettendecken. Ein Zimmerbrunnen. Eine mahagonigetäfelte Bibliothek mit antiquarischen Büchern. Zedernverkleidung in allen Schränken. Echtes Blattgold an den protzigen Kronleuchtern. Eine für das Hauspersonal angelegte Toilette im Keller, die noch aus der Jim-Crow-Ära stammte. Es gab sogar einen mannsgroßen Safe hinter einer Wandverkleidung in der Küche, der angeblich das Familiensilber enthielt.

Will kam sich jedes Mal wie ein Hinterwäldler vor, wenn er die Auffahrt hinauffuhr.

Er stöhnte und schob die Schulter vor, um sich durch ein Knäuel Katzendorn zu arbeiten, das größer war als eine echte Katze.

Als Will Sara kennenlernte, hatte er ziemlich schnell begriffen, dass sie wohlhabend war. Nicht dass sie sich ungewöhnlich benommen oder anders gesprochen hätte, aber Will war Detective. Er war ein geübter Beobachter. Beobachtung eins: Sie wohnte im Penthouse eines todschicken Gebäudes. Beobachtung zwei: Sie fuhr einen BMW. Drei: Sie war Ärztin, seine detektivischen Fähigkeiten waren also gar nicht vonnöten, um darauf zu schließen, dass sie Geld auf der Bank hatte.

Was die Sache vertrackt machte: Sara hatte ihm erzählt, ihr Vater sei Klempner. Was stimmte. Allerdings hatte sie es unerwähnt gelassen, dass Eddie Linton außerdem Immobilieninvestor war. Und dass er Sara in das Familienunternehmen geholt hatte. Und dass sie eine Menge Geld mit der Vermietung und dem Verkauf von Häusern verdient und so ihren Studienkredit abbezahlt hatte. Überdies hatte sie ihre Kinderarztpraxis in Grant County verkauft, bevor sie nach Atlanta gezogen war. Und sie hatte das Geld aus der Lebensversicherung ihres verstorbenen Mannes und seine Pension, wobei sie als Witwe eines Polizeibeamten in Georgia von Steuern befreit war. Finanziell gesehen war sie für ihn also eher Onkel Phil als der Prinz von Bel-Air.

Was schon in Ordnung ging.

Will war achtzehn gewesen, als ihm das erste Mal jemand Geld zugesteckt hatte, und das war für die Busfahrkarte zur Obdachlosenunterkunft gewesen, als er zu alt für das Kinderheim geworden war. Er hatte mit einem staatlichen Stipendium das College besucht und am Ende für den Staat gearbeitet, der ihn großgezogen hatte. Als Polizist war er daran gewöhnt, immer der ärmste Typ im Raum zu sein und gleichzeitig derjenige, der bei seiner Arbeit am wahrscheinlichsten eine Kugel abbekommen würde.

Die eigentliche Frage war also: Ging es für Sara in Ordnung?

Will hustete und spuckte etwas Erde aus, die vom Hinterrad des Rasenmähers wie eine Rakete in sein Gesicht geschossen war. Sein Magen knurrte beim Gedanken ans Mittagessen.

Bellas Herrenhaus beschäftigte ihn. Wofür es stand. Was es über die Ungleichheit zwischen ihm und Sara aussagte. Will hatte während seines Studiums in einer asbestverseuchten Abrissbude gewohnt und nicht in einem Gebäude, das auf der Denkmalschutzliste historischer Häuser geführt wurde.

Saras Tante schwamm in Geld – und nicht nur darin. Dem Geruch nach, den ihr Eistee verströmte, trank sie ganz gern schon tagsüber. Soweit er wusste, hatte sie ihr Vermögen durch mehrere Heiraten erworben. Jede hatte sie noch ein Stück reicher gemacht. Was ihn natürlich nichts anging – bis ihre unglaubliche Großzügigkeit es zu einem Thema für ihn gemacht hatte.

Letzte Woche hatte Bella Will einen Rasierapparat geschenkt, der mindestens zweihundert Dollar wert war. In der Woche davor war ihr aufgefallen, dass er die Plattensammlung eines ihrer verstorbenen Ehemänner bewunderte. Da hatte sie ihm einen Karton voller Schallplatten in die Hände gedrückt, bevor er ging.

Ein Original von Queens A Night at the Opera, Blondies Parallel Lines. Die Zwölf-Zoll-Maxi-Single von John Lennons Imagine mit dem grünen Apfel auf dem Label.

Will konnte diesen verdammten Rasen noch zweihundert Jahre mähen und hätte sich nicht einmal annähernd revanchiert.

Er blieb stehen und wischte sich mit dem Arm über die Stirn. Womit er nur noch mehr Schweiß verteilte. Er holte tief Luft und atmete eine Mücke ein.

13.37 Uhr.

Er dürfte eigentlich gar nicht hier sein.

Genau in diesem Augenblick fand in der Stadt ein wichtiges Meeting statt. Solche Treffen hatte es bereits den ganzen letzten Monat gegeben, und davor alle zwei Monate. Das Georgia Bureau of Investigation stimmte sich mit dem Marshals Service, der Bundespolizeibehörde ATF und dem FBI hinsichtlich der Verlegung eines verurteilten Bankräubers ab. Martin Novak war aktuell an einem geheimen Ort untergebracht, während er auf den Urteilsspruch im Russell Federal Building wartete. Er musste seine Zeit nicht im Gefängnis absitzen, weil seine Bankräuberkollegen versucht hatten, ein Novak-großes Loch in die Wand des Gebäudes zu sprengen. Der Versuch war missglückt, aber man wollte kein Risiko mehr eingehen.

Novak war kein typischer Straftäter. Er war ein echtes kriminelles Superhirn, das ein Team hervorragend ausgebildeter Verbrecher unterhielt. Sie töteten unterschiedslos. Zivilisten. Sicherheitspersonal. Polizisten. Es spielte keine Rolle, wen sie vor der Waffe hatten, wenn sie abdrückten. Das Team rückte in die Banken vor und ging dabei so zielsicher vor wie die Zeiger einer Uhr. Alles deutete darauf hin, dass die Gruppe ihren Anführer nicht in einem Bundesgefängnis zugrunde gehen lassen würde.

Als Polizist verachtete Will diese Sorte von Kriminellen. Obwohl sie nur selten waren, gab es nichts Schlimmeres als einen wirklich intelligenten Bösewicht. Als Mensch allerdings sehnte er sich danach, mit von der Partie zu sein, wenn es um diese Fälle ging. Will hatte schon vor langer Zeit akzeptiert, dass die Verbrecherjagd der Teil seines Jobs war, der ihn am meisten reizte. Er hätte nie auf ein Tier schießen können, aber der Gedanke daran, auf der Lauer zu liegen und das Gewehr auf die Körpermitte eines Schwerverbrechers zu richten, während sein Abzugsfinger juckte vor Verlangen, den elenden Kerl aus der Welt zu schaffen, wirkte unglaublich erhebend.

Was er Sara niemals erzählen würde. Er wusste aus sicherer Quelle, dass ihr Mann genauso gewesen war und der gleiche Jagdtrieb Jeffrey Tolliver schließlich das Leben gekostet hatte. Beim Thema Flucht oder Kampf stand der Zeiger bei Will klar auf Kampf. Aber er wollte nicht, dass Sara jedes Mal Angst hatte, wenn er zur Tür hinausging.

Er sah wieder zum Haus hinauf, als er das nächste Rasenstück mähte.

Wenn er ihre reichen, angetrunkenen Tanten außen vor ließ, hatte er den Eindruck, dass alles gut lief mit Sara. Sie hatten sich auf gemeinsame Routinen eingelassen. Sie hatten gelernt, die Fehler des jeweils anderen zu akzeptieren oder zumindest die schlimmsten zu übersehen, wie zum Beispiel den fehlenden Drang, jeden Morgen wie ein verantwortungsbewusster Mensch das Bett zu machen, oder die hartnäckige Angewohnheit, ein Glas Mayonnaise wegzuwerfen, obwohl auf dem Boden noch genug Mayo für ein halbes Sandwich war.

Was Will anging, so versuchte er, bei Sara offener mit seinen Gefühlen umzugehen. Es war sogar einfacher, als er gedacht hatte: Er machte sich jeden Montag eine Notiz in seinen Kalender, ihr von etwas zu erzählen, was ihn beunruhigte.

Doch eine seiner größten Ängste hatte sich aufgelöst, bevor ein Montagsgeständnis fällig gewesen wäre. Er war ernsthaft besorgt gewesen, als Sara begonnen hatte, mit ihm beim GBI zu arbeiten. Doch alles war glattgelaufen. Hauptsächlich, weil Sara die Wogen geglättet hatte. Sie waren beide in ihrer eigenen Spur geblieben. Sara war Ärztin und Gerichtsmedizinerin, derselbe Job, den sie zuvor im Grant County ausgeübt hatte. Ihr Mann war Polizeichef gewesen, sie wusste also, wie es war, mit einem Polizisten zusammen zu sein. Wie Will war auch Jeffrey Tolliver wahrscheinlich nicht der erste Kandidat für eine Beförderung gewesen. Andererseits, welche Beförderung sollte der Mann noch bekommen, wenn er schon ganz oben in der Nahrungskette angekommen war?

Will zwang sich, seine Gedanken nicht in diese trügerischen Tiefen tauchen zu lassen.

Wenigstens schien Saras Mutter langsam mit ihm warm zu werden. Gestern Abend hatte ihm Cathy eine halbe Stunde lang Geschichten aus ihren ersten Ehejahren erzählt. Will musste das als einen Fortschritt ansehen. Als er Cathy das erste Mal begegnet war, hatte sie Gift und Galle gespuckt. Vielleicht hatte sie seine Sisyphusarbeit für den Rasen ihrer Schwester davon überzeugt, dass er doch kein so übler Kerl war. Oder vielleicht sah sie, wie sehr er ihre Tochter liebte. Das musste doch ins Gewicht fallen.

Er stolperte, als der Rasenmäher in einem weiteren Erdloch stecken blieb. Will blickte auf und stellte verdutzt fest, dass er beinahe fertig war. Er sah auf die Uhr: 13.44 Uhr.

Wenn er sich beeilte, hätte er noch ein paar Minuten Zeit, um sich im Schuppen abzuduschen, auszukühlen und abzuwarten, bis die Glocke zum Essen rief.

Will schob den Mäher über die letzte lange Reihe Rasen und joggte dann praktisch zum Schuppen zurück. Er ließ das Gerät zum Abkühlen auf dem Steinboden stehen. Er hätte dem uralten Ding gern einen Tritt versetzt, wären seine Beine nicht weich wie Gummischlangen gewesen.

Im Schuppen schälte er sich aus seinem Hemd, ging zum Waschbecken und tauchte den Kopf unter den eiskalten Wasserstrahl. Er wusch sich mit einem Stück Seife, das die Struktur von Sandpapier hatte. Sein sauberes Hemd klebte auf der nassen Haut, als er es überzog. Er ging zur Werkbank, stützte sich mit beiden Händen darauf und ließ sich von der Luft trocknen.

Das Handy zeigte den Eingang einer Nachricht an. Faith hatte ihm eine SMS von dem Meeting mit den hohen Tieren geschickt, zu dem man ihn nicht eingeladen hatte. Sie hatte ihm allerhand Emojis angehängt: einen Clown, der eine Wasserpistole auf seinen Kopf richtet. Dann ein Messer. Dann einen Hammer. Dann noch einen Clown und eine Süßkartoffel, warum auch immer.

Falls sie ihn aufzumuntern versuchte, würde ihn eine Süßkartoffel nicht weiterbringen.

Will sah aus dem Fenster. Er neigte nicht dazu, Nabelschau zu betreiben, aber es gab sonst nichts zu tun, während er auf den perfekt gepflegten Rasen blickte.

Also: Wieso war er nicht bei dem Treffen mit den hohen Tieren?

Er missgönnte Faith die Gelegenheit nicht. Oder die Vetternwirtschaft. Amanda, ihre Chefin, hatte ihre Karriere als Partnerin von Faiths Mutter begonnen. Sie waren die besten Freundinnen. Nicht dass Faith sich irgendwelcher Seilschaften bedient hätte. Sie hatte sich vom Streifendienst zum Morddezernat bei der Polizei von Atlanta hochgearbeitet, und inzwischen rangierte sie als Special Agent beim Georgia Bureau of Investigation. Sie war eine gute Polizistin und hatte jede Beförderung verdient, die sie erhielt.

Eine richtige Demütigung wäre erst das, was danach kam. Abgesehen davon, dass er Sara von Faiths Aufstieg berichten musste, während er selbst auf der Stelle trat, würde Will einen neuen Partner einarbeiten müssen. Oder eher würde ein neuer Partner Will einarbeiten müssen. Will konnte nicht gut mit Menschen umgehen. Zumindest nicht mit Polizistenkollegen. Er war sehr gut darin, mit Kriminellen zu kommunizieren. Den größten Teil seiner Jugend hatte er das Gesetz umgangen. Er wusste, wie Kriminelle dachten – sperrte man sie in einen Raum, fielen ihnen sechzehn verschiedene Wege ein, wie sie wieder herauskamen, aber jemanden einfach zu bitten, die Tür aufzuschließen, gehörte nicht dazu.

Die Sache war die, dass Will seine Fälle abschloss. Er erzielte gute Resultate. Er war ein Ass. Er beanspruchte nicht die ganze Atemluft in einem Raum für sich. Er wollte keine Medaille dafür, dass er seine Arbeit tat.

Er wollte wissen, warum man ihn nicht zu dem Meeting geladen hatte.

Will blickte wieder auf sein Handy.

Eine Süßkartoffel.

Er sah aus dem Fenster. Er spürte, dass er beobachtet wurde.

Sara räusperte sich.

Will spürte sofort, wie sich seine Stimmung hob. Er bekam dieses dämliche Grinsen einfach nie aus dem Gesicht, wenn er sie sah. Sie trug das lange, kastanienbraune Haar offen. Er liebte es, wenn sie es so trug. »Ist es Zeit fürs Mittagessen?«

Sara schaute auf ihre Armbanduhr. »Es ist dreizehn Uhr sechsundvierzig, wir haben also exakt vierzehn Minuten Ruhe vor dem Sturm.«

Er studierte ihr Gesicht, das wunderschön war, obwohl über ihrer Augenbraue ein Schmutzstreifen klebte, der verdächtig nach einem verschmierten toten Insekt aussah.

Sie sah ihn neugierig an.

»Hast du diesen Schuppen gesehen?« Will machte die große Führung für sie, aber nur als Trick, um sie am Ende zur Couch zu führen. Er war erschöpft vom Mähen. Er war am Verhungern. Er machte sich Sorgen, dass sich Sara nur so lange mit einem armen Polizisten zufriedengab, wie dieser arme Polizist ehrgeizige Ziele hatte.

»Toll hier drin, oder?«, fragte er.

Sara hustete von dem Staub, der vom Sofa aufstieg. Trotzdem schlang sie ihr Bein über seines, nachdem sie sich gesetzt hatten. Will spürte ihren Arm an seinen Schultern ruhen. Ihre Finger strichen über seine nassen Haarspitzen. Immer wieder erfüllte ihn eine plötzliche innere Ruhe, wenn Sara bei ihm war, als wäre das Einzige, was zählte, die Verbindung zwischen ihnen.

»Können wir hier einziehen?«, fragte Will. »Und ich meine das nur halb im Scherz.«

In Saras Blick stand nun keine Neugierde mehr, sondern Zurückhaltung.

Will stockte der Atem. Der Witz war falsch angekommen. Oder vielleicht war es auch gar kein Witz gewesen, denn sie schlichen schon seit einer ganzen Weile um das Thema herum, ob sie zusammenziehen sollten. Er wohnte inzwischen mehr oder weniger bei ihr, aber sie hatte ihn nie gebeten, richtig bei ihr einzuziehen, und er kam nicht dahinter, ob das ein Zeichen war und wenn ja, welches: Stand die Ampel auf Rot oder auf Grün? Oder war es ein anderes Zeichen, das sie ihm quasi über den Schädel zog, ohne dass er es merkte?

Er sehnte sich verzweifelt nach einem Themenwechsel. »Schau mal, eine Gitarre.«

Will zupfte an den Saiten. Als Teenager hatte er nur die Geduld für einen einzigen Song aufgebracht, den er dann komplett spielen lernte. Er fing langsam an und summte die Melodie, damit er sich an die Akkorde erinnerte. Doch dann hielt er inne und fragte sich, wie er jemals auf die Idee gekommen war, I’m on Fire sei der Song, mit dem man ein Mädchen dazu brachte, einen ihre Brüste berühren zu lassen. »Das klingt irgendwie übel, oder? Hey little girl, is your daddy home …«

»Wie wär’s mit: Girl, You’ll Be a Woman Soon? Oder: Don’t Stand So Close to Me? Oder die Anfangszeile von Sara Smile

Er zupfte die Gitarrensaiten und hörte Daryl Hall in seinem Kopf singen: Baby hair with a woman’s eyes …

»Verdammt«, murmelte Will. Warum ging es in jedem Softrockstück aus seiner Teenagerzeit um ein Schwerverbrechen? »Hall & Oates auch?«

»Von Panic! At the Disco gibt es eine bessere Version.«

Will gefiel es sehr, dass sie das wusste. Die vielen Dolly-Parton-CDs in ihrem Wagen hatten ihn zunächst beunruhigt. Dann hatte er ihre iTunes-Playlist gesehen, auf der von Adam Ant über Kraftwerk bis Led Zeppelin alles vorkam, und er hatte gewusst, es würde gut gehen mit ihnen beiden.

Sie lächelte ihn an und beobachtete, wie er mit den Fingern die Akkorde griff. »Wann hast du spielen gelernt?«

»Auf der Highschool. Selbst beigebracht.« Er strich ihr das Haar zurück, damit er ihr Gesicht sehen konnte. »Stell dir irgendeine Dummheit vor, die ein sechzehnjähriger Junge anstellt, um ein sechzehnjähriges Mädchen zu beeindrucken – ich habe garantiert alles getan.«

Das brachte sie immerhin zum Lachen. »Hattest du einen dieser modischen rasierten Haarschnitte?«

»Logo.« Er zählte alle seine erbärmlichen Errungenschaften auf, die bei genau null Mädchen funktioniert hatten. »Du hättest mich in meiner ausgewaschenen Jeans und meiner Nember’s Only- Jacke sehen sollen.«

»Nember?«

»Billigmarke. Ich habe nicht behauptet, dass ich Millionär war.«

Er konnte das tote Insekt nicht länger ignorieren und deutete mit dem Kinn auf den blutigen Streifen über ihren Augenbrauen. »Was ist das da oben?«

Sara schüttelte den Kopf.

Will stellte die Gitarre auf ihren Ständer zurück. Er wischte das tote Insekt mit dem Daumen weg. »So ist es besser.«

Aus irgendeinem Grund begann sie ihn zu küssen. Richtig zu küssen. Er ließ seine Hand zu ihrer Taille hinabgleiten. Sara rutschte näher. Küsste ihn leidenschaftlicher. Sie legte ihre Fingerspitzen an seine Schultern und drückte ihn leicht nach unten. Noch einmal mit den Händen, fester jetzt. Dann war Will auf den Knien und dachte, dass er nie genug davon bekommen konnte, wie sie schmeckte, als die Erde plötzlich zu beben begann.

Sara setzte sich auf. »Was zum Teufel war das?«

Will wischte sich über den Mund. Er konnte keinen Witz darüber machen, dass er für sie die Erde zum Beben brachte, denn die Erde hatte tatsächlich gebebt. Er sah unter die alte Couch, ob sie vielleicht auf unsicheren Füßen stand, erhob sich dann und klopfte gegen die Balken, was wahrscheinlich idiotisch war, denn der ganze Schuppen konnte auf sie herunterkrachen.

»Erinnerst du dich an das Erdbeben in Alabama vor ein paar Jahren?«, fragte er. Will war bei einer Überwachungsmaßnahme im nördlichen Georgia im Einsatz gewesen. Der geparkte Wagen, in dem er saß, hatte sich plötzlich vom Randstein wegbewegt. »Das hat sich genauso angefühlt. Nur stärker.«

Sara knöpfte ihre Shorts zu. »Da war ein Geräusch. Der Country Club veranstaltet Feuerwerke. Vielleicht proben sie gerade eine neue Show.«

»Am helllichten Tag?« Will hob sein Handy von der Werkbank auf. Der Bildschirm zeigte die Zeit an.

13.49 Uhr.

»Es gibt keinen Alarm«, sagte er. Sara arbeitete ebenfalls beim GBI. Sie wusste, dass der Staat ein Kontaktsystem eingerichtet hatte, das im Falle eines terroristischen Angriffs die Smartphones aller Polizeibeamten piepsen ließ.

Will überlegte, wo auf der Skala sie sich befanden, welche Eruption man bei diesen Koordinaten spüren konnte. Er erinnerte sich an ein Seminar, das ein FBI-Agent gehalten hatte, der auf Ground Zero gewesen war. Noch mehr als ein Jahrzehnt später fand der Mann keine Worte, um die Ehrfurcht gebietende kinetische Energie zu beschreiben, die in den Erdboden fuhr, wenn ein Wolkenkratzer einstürzte.

Wie ein Beben, das jeden Maßstab sprengte.

Der Flughafen von Atlanta war sieben Meilen von der Innenstadt entfernt. Mehr als eine Viertelmillion Passagiere starteten und landeten dort täglich.

Will beschäftigte sich wieder mit seinem Handy. Er versuchte, Nachrichten und E-Mails anzusehen, aber auf dem Schirm drehte sich nur das Rädchen-Symbol. Er rief Faith an, kam aber nicht durch. Er versuchte es bei Amanda, mit demselben Ergebnis. Er wählte die Zentralnummer beim GBI.

Nichts funktionierte.

Er hielt das Telefon in die Höhe, damit Sara die drei Töne und die Ansage hörte, dass alle Leitungen belegt seien. Er warf das Telefon auf die Werkbank zurück. Ein Ziegelstein hätte ihm genauso viel geholfen.

In Saras Gesicht stand Angst. »Emory hat eine Notfallsirene. Sie würde im Fall einer Naturkatastrophe los…«

Wumm!

Will hob es fast von den Beinen. Er lief in den Garten hinaus und sah zum Himmel. Eine dunkle Rauchwolke stieg hinter den Bäumen auf.

Keine Feuerwerkskörper.

Zwei Explosionen.

»Los, komm.« Will rannte in Richtung Einfahrt.

»Sara!«, rief Cathy aus der Terrassentür. »Habt ihr das eben gehört?«

Er sah, wie Sara eilig im Haus verschwand. Sie suchte wahrscheinlich nach ihren Schlüsseln. Er hätte sich gewünscht, dass sie im Haus blieb, aber er wusste, sie würde es nicht tun.

Will rannte über den leicht abfallenden Vorgarten. Die Polizei würde Straßensperren einrichten. Es gäbe keine Möglichkeit, irgendwo zu parken, und Will wäre wahrscheinlich schneller dort, wenn er lief. Er dachte an seine Waffe im Handschuhfach von Saras BMW, aber wenn ihn die örtliche Polizei für etwas brauchte, dann dafür, Neugierige in Schach zu halten.

Will erreichte die Straße genau in dem Moment, in dem das Heulen einer Notfallsirene die Luft erfüllte. Bellas Haus lag an einem geraden Abschnitt der Lullwater Road. Fünfzig Meter voraus war eine Kurve, die entlang des Golfplatzes von Druid Hills verlief. Will hielt die Arme am Körper und rannte, so schnell er konnte, auf die Kurve zu.

Er hatte sie fast erreicht, als er ein weiteres Geräusch hörte. Keine Explosion, sondern den eigenartigen Knall, wenn zwei Autos zusammenstießen. Kurz darauf knallte es noch einmal. Will biss die Zähne zusammen und wartete in der nachfolgenden Stille ab. Eine Hupe stimmte nun in das Heulen der Notfallsirene mit ein.

Erst als Will schließlich der Kurve bis zu ihrem Ende folgte, sah er, was passiert war: Ein blauer Pick-up war wie ein Marshmallow zwischen zwei Pkw eingequetscht.

Vorn war ein roter Porsche Boxter S. Ein älteres Modell, luftgekühlter Boxermotor, ein dritter Kühlerblock hinter der Öffnung im unteren Grill. Der Kofferraum war aufgesprungen. Der Fahrer hing reglos über dem Lenkrad, sein Gesicht drückte auf die Hupe.

Der eingeklemmte Pick-up dahinter war ein Ford F-150. Die Türen mussten sich beim Aufprall verklemmt haben. Ein Mann versuchte gerade, aus dem offenen Fenster zu steigen. Der andere Insasse lehnte an der Kühlerhaube, Blut lief ihm übers Gesicht.

Ein viertüriger, silberner Chevrolet Malibu bildete das Schlusslicht. Ein Fahrer vorn, zwei Passagiere hinten, keiner von ihnen rührte sich.

Der Polizist in Will klärte sofort die Schuldfrage. Der Porsche hatte zu abrupt abgebremst. Der Pick-up und der Malibu waren zu dicht gefolgt und wahrscheinlich zu schnell gefahren. Ob der Porschefahrer den Mann im Pick-up durch Antippen der Bremse provoziert hatte, war ein Rätsel, das der zuständige Unfallermittler lösen musste.

Will sah an ihnen vorbei zu dem Kreisverkehr an der North Decatur Road. Stehende Fahrzeuge verstopften den Kreisel. Ein Minivan. Ein Kastenwagen. BMW. Audi. Mercedes. Alle Fahrzeugtüren waren offen, Fahrer und Passagiere standen auf der Straße und starrten auf den Rauch, der in den blauen Himmel aufstieg.

Will reduzierte sein schnelles Lauftempo, bis er schließlich zum Stehen kam.

Vögel zwitscherten in den Bäumen. Eine kaum wahrnehmbare Brise ließ die Blätter rascheln. Der Rauch kam vom Emory-Campus. Studenten, Angestellte, zwei Krankenhäuser, das FBI-Hauptquartier, das CDC.

»Will.«

Er erschrak. Sara hatte neben ihm gehalten. Ihr BMW X5 war ein Hybrid. Bei niedrigen Geschwindigkeiten trieb eine Batterie den Motor an.

»Ich kann eine Triage machen, aber ich brauche deine Hilfe.«

Er musste sich räuspern, um sich auf den Moment konzentrieren zu können. »Der Fahrer im Porsche sieht übel aus.«

Sara stieg aus dem Wagen. »Unter dem Motor läuft Benzin aus.«

Sie lief zu dem Porsche. Der Fahrer hing immer noch reglos über dem Lenkrad. Die Fenster waren geschlossen, genau wie das Verdeck des Cabrios.

Sara versuchte erfolglos, die Fahrertür zu öffnen. Sie schlug mit der Faust ans Fenster. »Sir?« Die Hupe schrillte weiter. Sie musste die Stimme heben. »Sir, wir müssen Sie aus dem Wagen holen.«

Wills Augen brannten von dem Benzingeruch. Es gab viele Möglichkeiten, wie der Strom, der zur Hupe floss, durch einen Funken den Treibstoff unter dem Wagen in Brand setzen konnte.

»Geh zur Seite«, sagte Will.

Er hatte ein Schnappmesser in der Tasche, mit dem er den Efeu von Bellas Bäumen geschnitten hatte. Er packte den Griff mit beiden Händen und stieß die zehn Zentimeter lange Klinge in das Stoffdach des Cabrios. Das Messer war zum Teil gezackt, weshalb er versuchte, durch das Material zu sägen, aber der Leinwandstoff und die Isolierung waren zu dick. Will steckte das Messer wieder weg und riss mit den Fingern ein Loch auf, das groß genug war, damit er hineinfassen und die Klammern lösen konnte, mit denen das Dach befestigt war, das er nun aus dem Weg schaffte.

Er drehte den Schlüssel im Zündschloss.

Die Hupe verstummte.

Will entriegelte die Tür. Sara schüttelte nach einigen Sekunden bereits den Kopf. »Sein Genick ist gebrochen. Er war nicht angeschnallt, aber es ist trotzdem merkwürdig.«

»Inwiefern?«

»Für so eine Verletzung sind sie nicht schnell genug gefahren. Es sei denn, es lagen irgendwelche gesundheitlichen Probleme vor. Doch selbst dann …« Sie schüttelte wieder den Kopf. »Es ergibt keinen Sinn.«

Will betrachtete die Bremsspuren auf der Straße. Sie waren kurz, was darauf hinwies, dass der Porsche relativ langsam gefahren war. Er wischte sich den Daumen am Hemd ab. Der Zündschlüssel war klebrig von Blut gewesen, genau wie der Türgriff auf der Innenseite, sonst jedoch war nirgendwo viel Blut zu sehen. Papiere lagen verstreut auf dem Vordersitz.

»Ma’am?« Der Fahrer des F-150 stand hinter dem Porsche. Er war der Prototyp eines Hinterwäldlers, mit seinem langen, strähnigen Haar und einem Bart wie ZZ Top, die Sorte Mann, die jeden Tag aus den Bergen herunterkam, um Veranden zu bauen und Trockenwände einzuziehen. Er presste ein Stück Kopfhaut mit den Fingerspitzen zusammen. »Sind Sie Krankenschwester?«

»Ärztin.« Sara schob seine Hand behutsam zur Seite, damit sie die Verletzung untersuchen konnte. »Ist Ihnen schwindlig oder übel, Mister …?«

»Merle. Nein, Ma’am.«

Will sah auf den Asphalt hinunter. Zwischen dem Pick-up und dem Porsche verlief eine Blutspur. Merle hatte also nach dem Fahrer gesehen und war dann zu seinem Wagen zurückgegangen. Nichts an seinem Handeln war verdächtig. Andererseits konnte man sich im Allgemeinen auf Saras Intuition verlassen. Wenn sie glaubte, dass etwas nicht stimmte, dann stimmte auch etwas nicht.

Was also übersah Will?

»Was ist passiert?«, fragte er den Beifahrer des Pick-ups.

»Eine Gashauptleitung ist explodiert. Wir haben zugesehen, dass wir da rauskommen.« Er war ein Redneck, wie er im Buche stand. Will konnte aus zehn Metern Entfernung den Zigarettenqualm riechen, den er verströmte. Der Kerl deutete zu dem Malibu. »Das sind die Leute, um die Sie sich Sorgen machen sollten. Der Typ auf dem Rücksitz sieht nicht gut aus.«

Sara war bereits auf dem Weg zu der Limousine. Will folgte ihr, auch wenn sie seine Hilfe nicht brauchte. Ihr Argwohn hatte seinen inneren Alarm ausgelöst. Er blickte die Straße hinauf und hinunter. Einige Nachbarn standen in ihren Einfahrten, aber niemand näherte sich dem Unfallort. Der Rauch der Explosionen roch nach Holzkohle.

»Mein Freund braucht Hilfe.« Der Fahrer des Chevy Malibu taumelte, als er aus dem Wagen stieg. Er trug die blaue Uniform des Sicherheitsdienstes der Universität. Er öffnete die hintere Tür. Einer der Insassen hing zusammengesunken auf dem Rücksitz. Er trug die gleiche blaue Uniform.

»Sie ist Ärztin«, sagte Merle.

Der Chevy-Fahrer wandte sich an Will. »Die Gashauptleitung auf einer der Baustellen ist explodiert.«

»Zwei Mal?«, fragte Will. »Wir haben zwei Explosionen gehört.«

»Keine Ahnung, Mann. Vielleicht ist noch etwas anderes in die Luft geflogen. Die ganze Baustelle hat sich in nichts aufgelöst.«

»Gab es Verletzte?«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Die Baufirmen arbeiten am Wochenende nicht, aber sie evakuieren für alle Fälle den gesamten Campus. Als die Sirene losging, war mit einem Schlag die Hölle los.«

Will fragte den Wachmann nicht, warum er bei der Räumung des Campus nicht mithalf. Er suchte den Horizont ab. Die einzige Rauchsäule am Himmel hatte eine merkwürdige marineblaue Farbe angenommen.

»Sir?« Sara kniete vor der offenen Tür, damit sie mit dem Mann auf dem Rücksitz sprechen konnte. »Sir, sind Sie in Ordnung?«

»Er heißt Dwight«, sagte der Fahrer des Chevy. »Ich bin Clinton.«

»Ich bin Vince«, stellte sich der Beifahrer des Pick-ups vor.

Will hob das Kinn zur Begrüßung. Endlich konnte er auch die Streifenwagen über die Oakdale Road rasen hören, die parallel zur Lullwater verlief. Ein weißer Rettungshubschrauber brauste über sie hinweg. In der Ferne schrillten die Hupen von Löschfahrzeugen. Niemand fuhr über die Straße, in der Bella wohnte. Es musste einen weiteren Unfall am Ponce-de-Leon-Ende der Lullwater gegeben haben. Schwer zu sagen, wie viele Leute wegen der Explosionen vor Schreck auf die Bremse gestiegen waren.

Warum fühlte sich dieser Unfall hier dann so anders an?

»Dwight?« Sara hievte den Mann in eine sitzende Stellung. Die Fenster waren stark getönt. Über die Tür hinweg sah Will, wie Dwights Kopf schlaff zur Seite fiel. Das Weiße in seinen Augen trat wie die Knochen bei einer offenen Wunde unter den geschwollenen Lidern hervor. Blut tropfte aus der Nase. Auch er war nicht angeschnallt gewesen. Wahrscheinlich war er gegen den Sitz vor ihm geprallt und hatte das Bewusstsein verloren.

»Wir müssen ihn von hier wegschaffen.« Clintons Tonfall hatte sich verändert. Er klang jetzt ängstlich. »Er muss ins Krankenhaus. Das Emory ist zu. Die Notaufnahme, alles zu, verdammt. Was zum Teufel sollen wir tun?«

Will legte die Hand beschwichtigend auf Clintons Schulter. »Können Sie mir genau erzählen, was passiert ist?«

»Ich hab’s Ihnen doch gerade gesagt!« Die Arme des Mannes flogen nach oben und schüttelten Wills Hand ab. »Sehen Sie den Rauch dort, Mann? Da geht voll die Scheiße ab, das ist passiert. Und jetzt dieser Autounfall, und keiner von uns kommt hier raus. Glauben Sie, die schicken einen Krankenwagen für meinen Kumpel? Glauben Sie, die Cops verhaften mich, weil ich in diesen blöden Pick-up gekracht bin?«

»Clinton, niemand kann etwas dafür«, sagte eine weitere Stimme. Der zweite Insasse auf dem Rücksitz des Malibu. Mitte dreißig, sauber rasiert. T-Shirt und Jeans. Er hatte die verschränkten Hände auf dem Dach abgelegt.

Will spürte die Gefahr, die der Kerl ausstrahlte, wie die Wärme der Sonne.

Was übersah er?

»Ich bin Hank«, sagte der Mann zu Will.

Will nickte vorsichtig, sagte seinen eigenen Namen jedoch nicht. Es war merkwürdig, dass diese Typen sich vorstellten. Es war merkwürdig, dass der Hals des Porschefahrers gebrochen war. Es war besonders merkwürdig, dass dieser Hank angesichts eines tödlichen Verkehrsunfalls, und während sein Freund bewusstlos im Wagen lag, so gelassen blieb.

Man blieb in so einem Fall nicht gelassen, es sei denn, man glaubte, alles im Griff zu haben.

»Wir haben eine zweite Explosion gehört, dann ist der Typ in dem roten Porsche einfach stehen geblieben.« Hank schnippte mit den Fingern. »Der Pick-up ist auf das rote Auto aufgefahren. Dann sind wir in den Pick-up gekracht und …«

»Will?« Saras Tonfall hatte sich ebenfalls verändert. Sie hielt ihm den Schlüssel des BMW hin. Will bemerkte ein leichtes Zittern ihrer Hand. Sie hatte jahrelang als Notfallmedizinerin gearbeitet. Sie wurde nie nervös.

Was übersah er?

»Du musst mein Erste-Hilfe-Set aus dem Handschuhfach holen.«

»Ich kann es holen«, bot Merle an.

Will nahm den Schlüssel, wobei er mit den Fingern über Saras strich. Ein plötzlicher Anflug von Panik überkam ihn, als sein Verstand diese sehr konkrete Bitte verarbeitete.

Sara bewahrte ihr Erste-Hilfe-Set im Kofferraum auf, weil das Handschuhfach zu klein war. Und auch weil Will darin seine Waffe wegsperrte, wenn er sie nicht trug.

Sie bat ihn nicht, ihr Erste-Hilfe-Set zu holen.

Sie forderte ihn auf, seine Waffe zu holen.

Will hatte plötzlich zu viel Speichel im Mund. Seine Gedanken waren wie Pfeile auf einem Dartboard, die das Zentrum knapp verfehlt hatten. Er hatte den ersten Aufprall gehört, als er auf die Kurve in der Straße zugelaufen war. Zu diesem Zeitpunkt hatte es keine Explosion gegeben. Dann hatte es ein zweites Mal geknallt, als der Malibu in das Heck des Pick-ups gekracht war. Die Hupe des Porsches war mindestens fünf Sekunden später losgegangen.

Fünf Sekunden waren eine lange Zeit.

In fünf Sekunden konnte man aus seinem Pick-up stolpern, die Tür eines Porsches öffnen und einem Mann das Genick brechen. Das würde die Blutspur vom Pick-up zum anderen Wagen erklären.

Zwei Emory-Wachleute, die geflohen waren, statt ihren Job zu machen. Ein Typ, der so gekleidet war, dass er nicht auffiel. Zwei Kerle, die wie die Sorte Handwerker gekleidet waren, die überall in Atlanta zu sehen waren. Sie hätten alle Fremde sein können, aber sie waren es nicht.

Das war es, was Will übersehen hatte.

Diese Männer gehörten zu einem Team.

Und zwar zu einem sehr guten, aus ihrem verstohlenen Vorgehen zu schließen. Ohne dass Will es bemerkt hatte, hatten sie ihn und Sara in der Mitte eines taktischen Dreiecks platziert.

Clinton war hinter ihnen.

Hank war vor ihnen.

Am Scheitelpunkt zwischen Will und seiner Waffe: Vince und Merle.

Dwight war bewusstlos, aber Hank humpelte um das Heck des Wagens und stellte sich neben Sara.

Will rieb sich das Kinn und suchte lautlos nach einer Schwachstelle.

Es gab keine.

Sie waren alle bewaffnet. Hanks Waffe war nicht sichtbar, aber ein Typ wie er trug immer irgendwo eine im Halfter. Die Wölbung an Vinces Knöchel war ein versteckter Revolver. Clinton hatte eine Glock am Gürtel, sie gehörte zu seiner Ausrüstung als Wachmann. Merles Revolver steckte hinten im Hosenbund. Will konnte den Umriss des Griffs erkennen, als der Mann die Arme vor seiner breiten Brust verschränkte. Er stand da wie ein Cop, die Beine weit gespreizt, das Steißbein vorgewölbt, weil einem das Gewicht eines fünfzehn Kilo schweren Dienstgürtels das Rückgrat brechen konnte.

Sie standen alle auf die gleiche Art da.

»Pack mal mit an, Großer.« Clintons vorgetäuschte Hilflosigkeit hatte sich in nichts aufgelöst. Er forderte Will auf, Dwight zusammen mit ihm aus dem Wagen zu heben. »Los.«

»Warten Sie«, versuchte es Sara. »Er könnte eine Halsverletzung haben oder …«

»Verzeihung, Ma’am.« Merle schob sie nicht direkt zur Seite, sondern er stellte sich einfach so hin, dass Sara von allein Platz machte. Dann hoben er und Clinton den Bewusstlosen aus dem Wagen. Der Kerl war totes Gewicht. Seine Füße schlugen auf den Asphalt, bis sie schließlich flach wie Entenbeine zur Seite fielen.

Will schielte zu Sara. Sie sah ihn nicht an. Sie nahm ihre Umgebung in Augenschein und überlegte, ob sie weglaufen sollte oder nicht. Hank stand neben ihr. Zu dicht. Die meisten Vorgärten hier hatten die Größe von Footballfeldern. Wenn sie wegrannte, hätte er freie Bahn, ihr in den Rücken zu schießen.

Also würde Will ihn erschießen müssen, bevor das geschah.

Zu Sara sagte er: »Ich hole dir deine Tasche.«

Er versuchte nicht, sie dabei anzusehen. Stattdessen warf er Hank einen Blick zu, der dem Mann klarmachte, dass er ihn bei lebendigem Leib häuten würde, sollte er Sara auch nur ein Haar krümmen.

Von Will bis zum BMW waren es zehn Meter. Sara hatte den Wagen schräg über die Straße geparkt, um den nachkommenden Verkehr aufzuhalten. Will ging gerade schnell genug, damit er ein Stück zwischen Merle und Clinton blieb, die Dwight zwischen sich schleiften.

Will spürte, wie die Hitze aus seinem Körper wich. Sein Herzschlag verlangsamte sich zu einem gleichmäßigen Pochen. Manche Leute wurden ruhig, wenn sie eine Situation unter Kontrolle hatten. Will hatte in seinem Leben so oft keine Kontrolle über Situationen gehabt, dass er stattdessen Ruhe im Chaos fand. Er lauschte angestrengt. Er hörte Scharren und Ächzen, Sirenen und Hupen. Nichts von Sara. Keine Worte jedenfalls. Er spürte ihren Blick auf sich, fast wie der Traktorstrahl eines Kraftfelds, das ihn zu ihr zurückzuziehen versuchte.

Wie zum Teufel hatte er zulassen können, dass es dazu kam?

Will sah auf seine Hand hinunter. In dem Schlüsseltäschchen war ein einzelner Schlüssel für den Parkservice versteckt. Will ließ ihn aus seinem Fach gleiten. Das hatte er sich bei Faith abgeschaut, die immer den längsten Schlüssel an ihrem Bund wie ein Messer zwischen den geschlossenen Fingern hervorragen ließ. Er erwog, Hanks Kehle damit aufzuschlitzen. Der Mann würde nicht mehr so gelassen sein, wenn ihm die Speiseröhre unterm Kinn baumelte.

Arschloch.

Sie würden sich mit dem BMW allein nicht zufriedengeben. Den hätten sie sich einfacher unter den Nagel reißen können. Sie hätten nur ihre Waffen ziehen, in den Wagen springen und davonfahren müssen. Keine Unterhaltung erforderlich. Aber sie hatten nicht aufgehört zu reden. Sie hatten ihre Namen genannt, was zum kleinen Einmaleins der Vernehmungstechnik gehörte: einen persönlichen Bezug herstellen. Sie hatten ein Märchen von einer explodierten Gasleitung erzählt. Einer von ihnen war verwundet, einer war bewusstlos. Sie konnten nicht in ein Krankenhaus fahren, aber sie brauchten schnell ärztliche Hilfe.

Sie würden Sara mitnehmen.

Eine ganz besondere Art von Wut zog jeden Muskel in Wills Körper zusammen. Seine Nerven standen unter Strom. Er sah die Dinge kristallklar. Seine Gedanken waren geschärft wie eine Rasierklinge.

Das Klappmesser in seiner Tasche.

Der Schlüssel zwischen seinen Fingern.

Die Waffe im Handschuhfach.

Nachdem Will das Klappmesser aus seiner Tasche geholt und geöffnet hätte, könnte er es höchstens noch fallen lassen, weil man ihn in der Zwischenzeit erschossen hätte.

Der Schlüssel taugte nur für den Nahkampf, und Will hatte keine Chance gegen zwei Männer.

Er musste sich die Waffe holen.

Vier bewaffnete Polizisten oder Expolizisten. Vielleicht fünf, wenn Dwight aufwachte. Will hatte nicht nachgesehen, aber der Kerl musste eine Glock am Gürtel haben, weil sie zur Uniform des Sicherheitsdienstes gehörte. Zu seiner Tarnung.

Trotzdem war es eine echte Waffe.

Will konnte so tun, als wollte er Dwight in den Wagen helfen und sich die Glock schnappen. Selbst auf die kurze Entfernung müsste er schnell sein. Zuerst würde er Clinton wegen der Waffe an seiner Hüfte ausschalten, danach Merle, der länger brauchte, um die Waffe hinten aus seinem Hosenbund zu holen.

Die Ausbilder beim Schießtraining ermahnten zwar immer, einen Angreifer durch einen Schuss nur kampfunfähig zu machen, aber die Gefahr, in der Sara schwebte, veränderte die Regeln. Will würde auf jeden einzelnen dieser Scheißkerle schießen, um ihn zu töten.

Er war endlich bei dem BMW angekommen. Will öffnete die Tür und beugte sich über den Beifahrersitz. Er ließ den Schlüssel in das Schloss des Handschuhfachs gleiten. Er blickte auf, um festzustellen, wo Sara sich befand.

Und erstarrte.

Es war, als würde Trockeneis durch seine Blutbahnen strömen. Alle Muskeln verkrampften, und durch seine Knochen fuhr ein seltsames, unnatürliches Beben. Alle Details, die er zu durchschauen versucht hatte, waren mit einem Schlag gegenstandslos, und zwar einzig und allein aus einem Grund:

Angst.

Sara stand nicht mehr. Sie kniete, aber jetzt mit dem Gesicht zu Will. Sie hielt die Hände hinter dem Kopf verschränkt, es war die Stellung, die Polizisten einen Verdächtigen einnehmen ließen, damit sie ihn nach Waffen absuchen und ihm Handschellen anlegen konnten.

Hank war hinter ihr. Und eine zweite Frau war an seiner Seite. Sie stand neben ihm, gehörte aber nicht zu ihm. Sie hatte kurzes, weißblondes Haar. Ihre Wangen waren eingefallen. Sie hielt ihre Khakihose mit beiden Händen fest, der Reißverschluss war offen. Blut durchtränkte die Innennähte ihrer Hose und zeichnete ein leuchtend rotes umgedrehtes V zwischen ihre Oberschenkel. Sie hob den Blick zu Will, ihre Augen flehten ihn an, alldem ein Ende zu setzen.

Michelle Spivey.

Die Wissenschaftlerin war vor einem Monat entführt worden. Sie hatte am CDC gearbeitet.

Keine Gasexplosion.

Ein Angriff.

»Also gut«, rief Hank Will zu. »Sie kommen jetzt langsam wieder aus dem Wagen heraus und nehmen die Hände über den Kopf.« Er hatte eine Waffe aus der Tasche geholt: eine PKO-45. Die Mündung reichte kaum weiter als sein Finger, der über dem Abzugsbügel lag, so wie diese Pistole bei der Polizei gehalten wurde. Das Erweiterungsmagazin lugte unten aus seiner Faust. Winzig, aber mächtig. Die Waffe wurde Taschenkanone genannt, weil sie einer Frau das Gehirn aus dem Schädel pusten konnte.

Aus Saras Schädel.

Denn darauf war die Waffe gerichtet.

Will schmerzte plötzlich jeder Knochen im Leib. Er tat wie geheißen, seine Hände gingen langsam nach oben. Er sah jetzt Sara an. Ihre Unterlippe zitterte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Ihre Angst war so greifbar, dass er sie wie eine Faust spürte, die das Blut aus seinem Herzen quetschte.

Merle stieß Will seinen Revolver in die Seite. »Wir wollen keinen Ärger mit dir, Großer. Wir müssen uns nur die Frau Doktor ausleihen. Du kriegst sie am Ende wieder zurück.«

Wills Blick blieb an dem Blut hängen, das zwischen Michelle Spiveys Beinen auf den Boden tropfte. Er öffnete den Mund, aber er bekam keine Luft. Schweiß lief ihm in Strömen übers Gesicht. Er blickte auf den Smith-&-Wesson-Revolver hinunter, der zwischen seine Rippen drückte. Wenn sie ihm einen Bauchschuss verpassten, könnte er sich dennoch eine Waffe greifen und Sara Feuerschutz geben, damit sie flüchten konnte?

Flüchten vor vier bewaffneten Männern? Über offenes Gelände?

Glassplitter stachen in seiner Kehle, seiner Brust, seiner Lunge.

Sie würden Sara mitnehmen. Ihn würden sie töten.

Will konnte nichts weiter tun, als zuzusehen oder dafür zu sorgen, dass es schnell ging.

Clinton lud Dwight auf die Rückbank des BMWs. Der Mann war immer noch bewusstlos und lag schlaff auf der Seite. Sein Halfter war leer. Vince war zu weit entfernt, als dass Will nach dessen Waffe greifen konnte. Er war bereits hinter das Steuer von Saras Wagen geschlüpft. Das Schlüsseltäschchen lag im Auto, er musste also nur auf den Knopf drücken, um den Wagen zu starten. Die Batterie ging an, aber nicht der Motor.

Vince lachte. »Da klauen wir doch glatt einen Hybrid. Wir sind den Liberalen was schuldig.«

Will zwang seine zitternden Hände zur Ruhe. Er spülte die Angst mit Wut aus dem Körper. Er würde nicht zulassen, dass sie Sara etwas antaten. Das durfte einfach nicht geschehen. Eher würde er sämtliche Kugeln aus sämtlichen Waffen schlucken, wenn er sie dadurch aufhalten konnte.

»Vorsichtig, mein Freund.« Clintons Hand lag auf dem Griff seiner Glock.

»Ich bin Polizist«, sagte Will. »Ihr seid Polizisten. Die Sache muss nicht aus dem Ruder laufen.«

»Wir brauchen einen Arzt«, rief Hank über den Abgrund zwischen Will und Sara hinweg. »Nichts für ungut, Bruder. Zur richtigen Zeit am falschen Ort. Auf geht’s, Lady. Ab in den Wagen.«

Hank versuchte, Sara hochzuziehen, aber sie entwand sich seinem Griff. »Nein.« Ihre Stimme war leise, aber sie hätte das Wort genauso gut schreien können. »Ich gehe nicht mit Ihnen.«

»Lady, das war keine Gasleitung, die auf dem Campus hochgegangen ist.« Hank sah zu Will hinüber. »Wir haben gerade Dutzende, vielleicht Hunderte Leute in die Luft gesprengt. Glauben Sie, es kümmert mich einen Scheiß, ob ich auch noch Ihr Blut an den Händen habe?«

Will sah die Seelenqual auf Saras Gesicht. Sie dachte an die Krankenhäuser, die Patienten, die Kinder, die Mitarbeiter, die ihr Leben verloren hatten.

Will interessierte keiner von ihnen. Alles, was ihn interessierte, war Sara. Diese Männer waren kaltblütige Mörder. Wenn sie Sara mitnahmen, wäre sie binnen weniger Stunden tot. Wenn sie sich weigerte, mitzukommen, würde sie genau an der Stelle sterben, wo sie jetzt auf dem Boden kniete.

»Nein«, wiederholte Sara. Sie hatte die gleiche Berechnung wie Will angestellt. Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sie klang nicht mehr verängstigt. Sie hatte sich erkennbar abgefunden mit dem, was bevorstand. »Ich gehe nicht mit Ihnen. Ich helfe Ihnen nicht. Sie werden mich erschießen müssen.«

Wills Augen brannten, aber er wandte den Blick nicht von ihr.

Er nickte.

Er wusste, sie sagte die Wahrheit.

Er wusste, warum sie es tat.

»Wie wär’s, wenn ich sie töte?« Hank presste die Mündung der Waffe an Michelle Spiveys Kopf.

Die Frau zuckte mit keiner Wimper. Sie schrie nicht auf. »Tun Sie’s«, sagte sie. »Nur zu, Sie rückgratloses Stück Scheiße.«

Clinton lachte, doch die Frau schien ebenso schicksalsergeben wie Sara.

»Sie halten sich immer noch für einen guten Menschen.« Michelle drehte den Kopf zu Hank. Die Hände, mit denen sie ihre Hose festhielt, hatte sie zu Fäusten geballt. »Was wird Ihr Vater sagen, wenn er erfährt, wer Sie in Wirklichkeit sind?«

Hanks Fassade begann zu bröckeln. Michelles Worte hatten ins Schwarze getroffen. Sie hatte einen Monat mit diesen Männern verbracht. Offenbar kannte sie ihre Schwachstellen.

»Ich habe Sie über Ihren Vater sprechen hören, dass er Ihr Held ist, dass Sie ihn stolz machen wollen«, sagte Michelle. »Er ist krank. Er wird sterben.«

Hanks Kiefermuskeln spannten sich.

»Bei seinem letzten Atemzug wird er erfahren, was für ein Monster er gezeugt hat.«

Clinton lachte wieder. »Verdammt noch mal, Süße, wenn ich dich so reden höre, frage ich mich, wie eng wohl die Muschi deiner Tochter ist.«

Es gibt immer diesen einen Augenblick, unmittelbar bevor eine üble Geschichte noch übler wird.

Ein Sekundenbruchteil.

Ein Wimpernschlag.

Will hatte sich in genügend schlimmen Situationen befunden, um zu erkennen, wann es so weit war. Die Luft veränderte sich. Man konnte es spüren, wenn man einatmete, so als würde in diesem Moment mehr Sauerstoff in die Lungen dringen oder als würde ein gewisser Prozentsatz des Gehirns, den man nie benutzte, plötzlich erwachen und arbeiten, um einen auf das vorzubereiten, was als Nächstes kam.

Was als Nächstes kam, war Folgendes:

Hanks Finger glitt vom Abzugsbügel zum Abzug hinunter.

Aber die Waffe zeigte nicht auf Michelle Spivey, als er abdrückte. Sie war auch nicht auf Sara gerichtet. Hanks Arm war in einem Bogen zu dem Mann geschwenkt, der einen Witz über die Vergewaltigung eines elfjährigen Mädchens gerissen hatte.

Dann …

Nichts.

Nur ein metallisches Klicken.

Das war das große Problem bei den Taschenkanonen: Fussel in der Tasche.

Die Waffe klemmte.

Clinton schrie: »Du gottverdammter Huren…«

Alles verlangsamte.

Clinton riss die Glock aus seinem Halfter.

Will spürte endlich, wie Merle die Smith & Wesson von seinen Rippen löste, als er die Hand ausstreckte, um Clinton zurückzuhalten.

Da entriss Will ihm den Revolver. Es ging beinahe einfach, denn der Revolver war nicht die Waffe, um die sich Merle gerade sorgte.

Die Smith & Wesson hatte keine Ladehemmung. Der sechsschüssige Revolver zählte zu den zuverlässigsten Waffen auf dem Markt. Was die Genauigkeit anging, so hing sie vom Schützen und der Entfernung ab. Will war ein guter Schütze. Und aus dieser kurzen Distanz konnte sogar ein Dreijähriger einen Mann erschießen.

Und genau das tat Will.

Merle ging zu Boden und eröffnete Will freie Schussbahn auf Vince, der gerade die Hand zu seinem Knöchelhalfter ausstreckte, als Will auf ihn schoss und ihn verwundete. Der Scheißkerl fiel aus dem Wagen.

Einer tot, einer verwundet.

Blieben noch Dwight, Hank, Clinton …

Will nahm verschwommen eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr.

Clinton riss ihn zu Boden, und Will verlor den Revolver. Er krachte mit dem Kopf auf den Gehsteig. Clinton wollte Will nicht ins Gesicht schlagen. Man tötete einen Mann nicht, indem man ihm den Schädel brach. Man tötete ihn, indem man seine Organe aufplatzen ließ.

Will spannte die Muskeln an, um den Faustschlägen in seinen Bauch standzuhalten. Der atemlose Schmerz drohte ihn zu lähmen. Aber Will wurde nicht zum ersten Mal niedergeschlagen. Er benutzte seine Hände nicht, um die Schläge abzuwehren, sondern griff in seine Tasche. Seine Finger ertasteten das Klappmesser. Er drückte auf den Sperrknopf. Die Klinge sprang heraus.

Will hieb blind um sich und schnitt dem Mann einen Streifen Haut aus der Stirn.

»Himmel!« Clinton ließ von ihm ab und wich zurück. Blut lief ihm in die Augen. Er hob die Hände und ging in Kampfhaltung.

Scheiß drauf. So etwas wie einen fairen Kampf gab es nicht.

Will rammte die zehn Zentimeter lange Klinge in die Leiste des Mannes.

Clinton sog pfeifend den Atem ein. Sein Körper krampfte. Er wälzte sich auf den Asphalt. Hustete. Spuckte. Keuchte.

Will blinzelte gegen die Sterne an, die vor seinen Augen tanzten. Blut lief an seinem Hals hinab.

Er hörte Wagentüren schlagen. Es hallte wie eine Kesselpauke.

Rief Sara seinen Namen?

Will rollte zur Seite. Er versuchte aufzustehen. Mageninhalt schoss ihm in den Mund. Seine Eingeweide brannten. Er schaffte es nur bis auf die Knie. Dann fiel er flach auf den Bauch. Er atmete in den Schmerz hinein, der durch seinen Körper floss. Und versuchte noch einmal, auf die Knie zu kommen.

Das war der Moment, in dem plötzlich ein Paar Arbeitsstiefel in sein Blickfeld traten. Die Stahlkappen waren voller Blutspritzer. Will sah, wie ein Stiefel zurückschwang. Er wartete ab, bis er vorschnellte, und umfasste dann das Bein mit beiden Armen.

Mit der Wucht eines Vorschlaghammers fielen sie beide zu Boden.

Aber es war nicht Clinton, der ihn angegriffen hatte.

Es war Hank.

Es gelang Will, sich auf ihn zu wälzen und seine Fäuste wie Dreschflegel auf Hanks Gesicht niederprasseln zu lassen. Er würde dem Kerl die Augen bis in den Hinterkopf seines Schädels treiben. Er würde ihn töten, weil er Sara eine Waffe an den Kopf gesetzt hatte. Er würde jeden einzelnen dieser Scheißkerle umbringen.

»Will!«, schrie jemand.

Saras Stimme – und doch nicht ihre Stimme.

»Hör auf!«

Er sah hoch.

Nicht Sara.

Ihre Mutter.

Cathy Linton hielt eine doppelläufige Schrotflinte in beiden Händen. Er spürte die Hitze, die die Mündung ausstrahlte. Ein Abzug war bereits betätigt worden. Der zweite Lauf war geladen, der Hahn gespannt.

Cathy blickte die Straße entlang.

Der BMW bog mit quietschenden Reifen um die Kurve. Will sank zu Boden. Sein Gehirn war immer noch benebelt. In seiner Kehle brannte Erbrochenes. Er versuchte, die Köpfe in dem Wagen zu zählen.

Vier?

Fünf?

Er blickte hinter sich und rechnete damit, Saras Leiche zu entdecken. »Wo …?«

»Sie ist fort.« Ein Schluchzen kam aus Cathys Mund. »Will, sie haben sie mitgenommen.«

3

Sonntag, 4. August, 13.33 Uhr

Faith Mitchell sah auf ihre Armbanduhr, während sie so tat, als würde sie den Plan des Russell Federal Building auf dem riesigen Videoschirm an der Stirnwand des Unterrichtsraums studieren. Das ermüdende Arschloch vom Marshals Service ging den Ablauf des Gefängnistransports durch, den das Vorgängerarschloch vom Marshals Service schon vor einer Stunde durchgegangen war.

Sie sah sich um. Faith war nicht die Einzige, der es schwerfiel, sich zu konzentrieren. Die dreißig Personen aus verschiedenen Zweigen der Strafverfolgung, die hier versammelt waren, siechten alle an ihren Schreibtischen dahin. Die Stadt schaltete in ihrer Weisheit die Klimaanlagen in allen öffentlichen Verwaltungsgebäuden über das Wochenende ab. Im August. Bei Fenstern, die sich nicht öffnen ließen, damit niemand hinausspringen konnte und in den Genuss kam, den Wind im Gesicht zu spüren, während man in den Tod stürzte.

Faith schaute in ihr Briefing-Heft. Ein Schweißtropfen kullerte von ihrer Nasenspitze und verwischte die Worte. Sie hatte das Heft bereits zur Gänze durchgelesen. Zwei Mal. Das Marshal-Arschloch war der fünfte Redner in den letzten drei Stunden. Faith wollte aufpassen. Sie wollte es wirklich. Aber wenn noch einmal jemand Martin Elias Novak als bedeutsamen Häftling bezeichnete, würde sie zu schreien anfangen.

Ihr Blick glitt zu der Uhr über dem Videoschirm.

13.34 Uhr.

Faith hätte schwören können, der Sekundenzeiger tickte rückwärts.

»Das Begleitfahrzeug wird also hier fahren.« Der Marshal zeigte auf das Rechteck am Ende der gestrichelten Linie, das hilfreich mit Begleitfahrzeug beschriftet war. »Ich möchte Sie noch einmal daran erinnern, dass Martin Novak ein extrem bedeutsamer Häftling ist.«

Faith unterdrückte ein höhnisches Auflachen. Selbst Amandas gefasste Haltung zeigte erste Risse. Sie saß zwar immer noch kerzengerade und scheinbar hellwach auf ihrem Stuhl, aber Faith wusste mit Bestimmtheit, dass sie mit offenen Augen schlafen konnte. Faiths Mutter war genauso. Die beiden hatten zusammen bei der Polizei von Atlanta Karriere gemacht. Beide waren äußerst anpassungsfähig, wie Dinosaurier, die im Zuge der Evolution gelernt hatten, Werkzeuge zu gebrauchen und Memes weiterzuleiten, die schon seit zwei Monaten keine mehr waren.

Faith klappte ihren Laptop auf. Im Browser waren acht Tabs offen, die mit Ratschlägen daherkamen, wie man sein Leben effizienter gestaltete. Faith schloss sie alle. Sie war eine alleinerziehende Mutter mit einer Zweijährigen zu Hause und einem Zwanzigjährigen auf dem College. Effizienz war kein erreichbares Ziel. Schlaf war kein erreichbares Ziel. Eine Mahlzeit einnehmen, ohne gestört zu werden. Bei geschlossener Tür aufs Klo gehen. Ein Buch lesen, ohne allen Stofftieren im Zimmer die Bilder zeigen zu müssen. Tief ein- und ausatmen. In einer geraden Linie gehen.

Nachdenken.

Faith wünschte sich verzweifelt ihr Gehirn zurück, das Vorschwangerschaftsgehirn, das noch wusste, wie eine Erwachsene richtig funktionierte. War es bei ihrem Sohn auch so gewesen? Faith hatte Jeremy schon mit fünfzehn bekommen. Sie hatte weniger darauf geachtet, was mit ihrem Verstand vor sich ging, als vielmehr den Verlust von Jeremys Vater betrauert, den seine Eltern zu Verwandten im Norden verfrachtet hatten, damit er sich seine glänzende Zukunft nicht mit einem Baby ruinierte.

Seit der Geburt ihrer Tochter Emma war sich Faith der gar nicht so schleichenden Veränderung ihrer geistigen Fähigkeiten sehr bewusst. Dass sie zu Multitasking in der Lage war, sich aber kaum auf eine Sache konzentrieren konnte. Dass die Ängste und die extreme Wachsamkeit, die mit einem Leben als Polizistin einhergingen, hochgradig verstärkt wurden. Dass sie nicht richtig schlief, weil ihre Ohren immer auf Empfang waren.

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