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Die letzte Reise der Meerjungfrau

INHALT

  1. Cover
  2. ÜBER DAS BUCH
  3. ÜBER DIE AUTORIN
  4. Titel
  5. Impressum
  6. BAND I
  7. EINS
  8. ZWEI
  9. DREI
  10. VIER
  11. FÜNF
  12. SECHS
  13. SIEBEN
  14. ACHT
  15. NEUN
  16. ZEHN
  17. ELF
  18. ZWÖLF
  19. DREIZEHN
  20. VIERZEHN
  21. FÜNFZEHN
  22. SECHZEHN
  23. SIEBZEHN
  24. ACHTZEHN
  25. NEUNZEHN
  26. ZWANZIG
  27. BAND II
  28. EINS
  29. ZWEI
  30. DREI
  31. VIER
  32. FÜNF
  33. SECHS
  34. SIEBEN
  35. ACHT
  36. NEUN
  37. ZEHN
  38. ELF
  39. ZWÖLF
  40. DREIZEHN
  41. VIERZEHN
  42. FÜNFZEHN
  43. SECHZEHN
  44. SIEBZEHN
  45. ACHTZEHN
  46. NEUNZEHN
  47. ZWANZIG
  48. EINUNDZWANZIG
  49. ZWEIUNDZWANZIG
  50. BAND III
  51. EINS
  52. ZWEI
  53. DREI
  54. VIER
  55. FÜNF
  56. SECHS
  57. SIEBEN
  58. ACHT
  59. NEUN
  60. ZEHN
  61. ELF
  62. ZWÖLF
  63. DREIZEHN
  64. VIERZEHN
  65. FÜNFZEHN
  66. SECHZEHN
  67. SIEBZEHN
  68. ACHTZEHN
  69. NEUNZEHN
  70. ZWANZIG
  71. EINUNDZWANZIG
  72. ZWEIUNDZWANZIG
  73. DREIUNDZWANZIG
  74. VIERUNDZWANZIG
  75. FÜNFUNDZWANZIG
  76. SECHSUNDZWANZIG
  77. EPILOG
  78. DANKSAGUNG

ÜBER DIESES BUCH

»Eine unglaublich eindrucksvolle Lektüre. Gowars Gespür für anschauliche und sinnliche Details ist erstaunlich.« The Bookseller

Ein Wunder, raunen die einen. Betrug, rufen die anderen. Für den Kaufmann Jonah Hancock zählt nur eines: Die Meerjungfrau, die sein Kapitän aus Übersee mitgebracht hat, versetzt ganz London in Staunen. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Kunde in den Kaffeehäusern, Salons und Bordellen der Stadt. Jonah steigt in die obersten Kreise der Gesellschaft auf und verkauft seine Meerjungfrau schließlich für eine schwindelerre-gende Summe. Nur die Gunst der Edelkurtisane Angelica Neal bleibt unerschwinglich für ihn, denn als Beweis seiner Liebe fordert Angelica eine eigene Meerjungfrau. Jonah setzt alles daran, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Doch Wunder haben einen hohen Preis. Ein preisgekröntes Romandebüt über Menschen, Meerjungfrauen und das ewige Streben nach mehr. Imogen Hermes Gowar erweckt das London des 18. Jahrhunderts zum Leben – schillernd, faszinierend und facettenreich.

ÜBER DIE AUTORIN

Imogen Hermes Gowar hat Archäologie, Anthropologie und Kunstgeschichte studiert und anschließend in verschiedenen Museen gearbeitet. Inspiriert von den Ausstellungsstücken hat sie erste fiktionale Texte geschrieben und 2013 ein Stipendium bekommen, um an der Universität von East Anglia Kreatives Schreiben zu studieren. Für ihre Dissertation, aus der der Roman Die letzte Reise der Meerjungfrau entstanden ist, wurde sie mit dem Curtis-Brown-Preis ausgezeichnet. Imogen Hermes Gowar lebt und arbeitet im Südosten von London – eine Gegend, deren Geschichte sie besonders interessiert.

Die letzte Reise

der

Meerjungfrau

oder

wie Jonah Hancock über Nacht
zum reichen Mann wurde

von

IMOGEN HERMES GOWAR

Eine Erzählung in drei Bänden

Aus dem Englischen von Angela Koonen

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

B A N D  I

EINS

September 1785

Jonah Hancocks Bureau ist keilförmig geschnitten und hat eine Kassettendecke, wie sie in Kajüten gebräuchlich ist, sowie weiß getünchte Wände und schwarze, passgenau aneinandergenagelte Fußleisten. Der Wind heult durch die Union Street, Regentropfen prasseln gegen die Fensterscheibe, und Mr. Hancock sitzt nach vorn gebeugt da, die Stirn in die Hände gestützt. Als er sich über die Kopfhaut reibt, entdeckt er einen Streifen Stoppeln, die der Barbier übersehen hat, und betastet sie mit milder Neugier, aber nicht verärgert. Privat ist Mr. Hancock um seine Erscheinung wenig besorgt; in der Öffentlichkeit trägt er eine Perücke.

Er ist ein korpulenter Herr von fünfundvierzig Jahren, gekleidet in Kammgarn, Barchent und Leinen, lauter biedere, altbewährte Gewebe, die zu seinem spärlich bewachsenen Schädel, dem grauen Flaum an den Hängebacken und den rauen, fleckigen Fingerspitzen passen. Er ist kein schöner Mann und war es auch nie – wie er da auf seinem Hocker sitzt, erinnert er mit dem großen Bauch und den dünnen Beinen an eine Ratte auf einem Pfosten –, aber sein fleischiges Gesicht ist liebenswert, und seine kleinen Augen mit den hellen Wimpern blicken klar und arglos. Er ist ein Mann wie geschaffen für seinen Platz in der Welt: ein Kaufmann, Sohn eines Kaufmannssohns und ein Sohn Deptfords, dem es nicht zukommt, angesichts der seltenen Dinge, die durch seine Hände gehen, Überraschung oder Entzücken zu äußern, sondern der vielmehr ihren Wert bemisst, Name und Anzahl niederschreibt und sie weitersendet in die lebhafte Stadt auf der anderen Seite der Themse. Die Schiffe, die er hinausschickt – die Eagle, die Calliope, die Lorenzo –, kreuzen auf dem ganzen Globus, er selbst aber, der ruhigste Mann überhaupt, schläft jede Nacht in dem Zimmer, in welchem er seinen ersten Atemzug tat.

Das Licht im Bureau hat etwas Düsteres, als zöge darin ein Sturm auf. Draußen geht der Regen in Schleiern nieder. Mr. Hancocks Geschäftsbücher, in denen es von fliegenbeinigen Buchstaben und Ziffern wimmelt, liegen aufgeschlagen vor ihm, doch seine Gedanken gelten nicht der Arbeit, und so ist er dankbar für die Ablenkung, als es vor seinem Bureau raschelt.

Ah, denkt er, das wird Henry sein. Als er sich jedoch am Schreibtisch umdreht, sieht er nur die Katze. Sie steht fast senkrecht am Fuß der Treppe, das Hinterteil in die Höhe gereckt und die Hinterpfoten auf der untersten Stufe gespreizt, während sie mit den vorderen Tatzen eine zappelnde Maus an die Bodendiele drückt. Ihr kleines Maul steht offen, die Zähne blitzen triumphierend, aber ihre Körperhaltung ist prekär. Um von der Treppe zu steigen, muss sie ihre Beute wohl loslassen, schätzt Mr. Hancock.

»Husch! Fort mit dir!«, sagt er.

Die Katze packt die Maus mit den Zähnen und stolziert damit durch den Flur. Sie ist außer Sicht, aber er hört ihre tänzelnden Schritte und den gedämpften Aufprall des Mäuseleibs, den sie immer wieder in die Luft schleudert. Er hat sie bei diesem Spiel schon oft beobachtet und empfindet ihren erwartungsvollen, mit offenem Rachen ausgestoßenen Schrei als unangenehm menschlich.

Kopfschüttelnd wendet er sich wieder dem Schreibtisch zu. Er hätte schwören können, es sei Henry dort auf der Treppe. Vor seinem geistigen Auge hat die Szene schon stattgefunden: sein großer, dünner Sohn mit den weißen Strümpfen und braunen Locken bleibt stehen, um ins Bureau zu grinsen, derweil rings um ihn die Sonnenstäubchen flimmern. Solche Visionen kommen ihm nicht sehr oft, aber wenn, dann bringen sie ihn durcheinander, denn Henry Hancock starb bei seiner Geburt.

Mr. Hancock ist kein wunderlicher Mensch, hat aber nie die Vorstellung abschütteln können, dass sein Leben vom rechten Kurs abgekommen ist, als seine Frau im Kindbett den Kopf aufs Kissen sinken ließ und ihren letzten, jammervollen Atemzug tat. Es kommt ihm vor, als wäre das Leben, das er hätte führen sollen, in nächster Nähe weitergegangen, nur durch ein bisschen Luft und Zufall von ihm getrennt, und er würde ab und zu wie durch einen wehenden Vorhang einen Blick darauf erhaschen. Im ersten Jahr seines Witwerdaseins zum Beispiel fühlte er einmal während eines Kartenspiels einen warmen Leib an seinem Knie und schaute liebevoll nach unten, in Erwartung, ein kleines stämmiges Kind zu sehen, das sich neben seinem Stuhl an ihm hochzog. Warum war er so erschüttert, als er feststellte, dass es nur Moll Rennie war, die die Hand seinen Oberschenkel hinaufschob? Ein andermal sprang ihm auf einem Jahrmarkt eine bunte Spielzeugtrommel ins Auge, und er befand sich damit schon auf dem Heimweg, als ihm bewusst wurde, dass es den kleinen Jungen, der beschenkt werden sollte, gar nicht gab. Fünfzehn Jahre sind nun vergangen, aber manchmal, wenn er nicht achtsam ist, hört Mr. Hancock eine Stimme von der Straße oder spürt ein Zupfen an seiner Kleidung, und sofort denkt er: Henry!, so als hätte er die ganze Zeit über einen Sohn gehabt.

Seine Frau Mary besucht ihn nie auf diese Weise, obwohl sie für ihn ein Segen war. Sie starb mit dreiunddreißig Jahren, eine friedliche Frau, die viel von dieser Welt gesehen hatte und auf die nächste umfassend vorbereitet war. Mr. Hancock hegt keine Zweifel, wohin sie gegangen ist oder dass er dort eines Tages zu ihr stoßen wird, und das genügt ihm. Er betrauert nur sein Kind, das so rasch nach der Geburt den Tod fand, gewissermaßen aus der einen Bewusstlosigkeit in die andere hinüberglitt wie ein Schlafender, der beim Umdrehen kurz wach wird.

Von oben hört Mr. Hancock die Stimme seiner Schwester Hester Lippard, die jeden ersten Donnerstag vorbeikommt und in seiner Speisekammer und Waschküche und im Wäscheschrank herumstöbert, um über das zu schimpfen, was sie dort entdeckt. Ein verwitweter Bruder ist ein beschwerliches Erbe, aber auch eines, von dem ihre Tochter eines Tages profitieren könnte: Wenn Mrs. Lippard ihm die Güte erwiesen hat, ihre Jüngste von der Schule zu nehmen, um sie ihm als Haushälterin zur Verfügung zu stellen, so geschah das in Erwartung einer angemessenen Gegenleistung.

»Da siehst du es: Die Laken haben Stockflecke bekommen«, sagt Mrs. Lippard gerade. »Hättest du sie meinem Rat entsprechend aufbewahrt … Hast du dir alles ins Notizbuch geschrieben?«

Die Antwort ist ein kaum hörbares Murmeln.

»Nun, hast du? Das ist zu deinem Nutzen, Susanna, nicht zu meinem.«

Ein Schweigen, bei dem sich Mr. Hancock die arme Sukie mit hängendem Kopf und bleichen Wangen vorstellt.

»Das darf doch nicht wahr sein! Immerzu muss ich mich über dich ärgern! Also, wo ist dein rotes Band? Wo? Schon wieder verloren? Und wer, glaubst du, bezahlt das nächste?«

Seufzend kratzt Mr. Hancock sich am Kopf. Wo ist die gedeihliche Familie, um sein Haus zu füllen? Das Haus, das sein Großvater erbaute und sein Vater verschönerte? Die Toten sind anwesend, zweifellos. Er spürt sie überall, in den verpichten Bodendielen und den Holmen des Treppengeländers, im Klang der Glocken von St. Paul an der Vordertür und von St. Nicholas an der Hintertür. In den langen gebogenen Deckenbalken, die an den Rumpf großer Schiffe erinnern, sind die Hände der Schiffbauer noch lebendig, und die Türstürze mit den geschnitzten Vögeln und Blüten, Engeln und Schwertern zeugen auf ewig von der Arbeit und den Visionen längst verstorbener Männer.

Doch kein Kind von Jonah Hancocks Fleisch und Blut wird eines Tages das Können der Deptforder Holzschnitzer bewundern, das in der Welt seinesgleichen sucht, und mit dem Rhythmus der Schiffe aufwachsen, die den Hafen glänzend und voll beladen verlassen, um ramponiert und mit zerrissenen Segeln zurückzukehren. Jonah Hancocks Kinder wüssten wie Jonah Hancock selbst, was es heißt, sein Vertrauen und Glück auf ein Schiff zu setzen und es ins Ungewisse zu schicken. Sie wüssten, dass ein Mann, der auf ein Schiff wartet wie Mr. Hancock jetzt, am Tage abgelenkt ist und in der Nacht wach liegt, sich mit einem bitteren Geschmack im Rachen in seinem Bett wälzt. Mit seiner Familie spricht ein solcher Mann entweder gereizt oder überaus rührselig. Er sitzt über seinen Schreibtisch gebeugt und streicht ein und dieselbe Berechnung immer wieder durch. Er kaut an den Nägeln.

Was nützt all das Wissen, wenn es mit Jonah Hancock stirbt? Wozu Freuden und Kümmernisse, wenn niemand da ist, um sie mit ihm zu teilen? Welchen Sinn haben Gesicht und Stimme, wenn nur das Grab darauf wartet? Welchen Wert hat sein Vermögen, wenn es an den Weinstöcken verdorrt und von keinem Sohn geerntet wird?

Und doch ist da manchmal etwas mehr.

Alle Reisen beginnen auf die gleiche Art, wenn Männer sich in Kaffeehäusern versammeln, sich am Kinn kratzen und Risiko gegen Pflicht abwägen.

»Ich bin dabei«, sagt einer.

»Ich auch.«

»Ich auch.«

Denn in dieser Welt erreicht man nichts auf sich allein gestellt. Man teilt sein Los und den Geldbeutel. Und darum macht ein besonnener Mann keine Geschäfte mit Betrunkenen, Lebemännern, Spielern und Dieben oder irgendeinem, der von Gott eine harte Strafe verdient hätte. Er würde sonst dessen Los und Sünde teilen. Wie leicht zerschellt ein kleines Schiff an den Klippen. Wie leicht versinkt die Fracht fünf Faden tief in der Dunkelheit. Mögen die Lungen des Seemanns auch eingesalzen, seine Finger gepökelt sein – was ihn schützt, ist einzig und allein Gottes gewölbte Hand.

Was sagt Gott zu Mr. Hancock? Wo ist die Calliope, deren Kapitän in achtzehn Monaten keine Nachricht sandte? Der Sommer zieht dahin. Jeden Tag sinkt das Quecksilber ein wenig mehr. Wenn das Schiff nicht bald zurückkehrt, wird es gar nicht mehr kommen, und die Schuld mag durchaus bei ihm liegen. Was hat er getan, um eine solche Strafe zu verdienen? Wer wird sein Los mit ihm teilen, wenn man ihn für einen Mann hält, auf dem das Verhängnis lastet?

Irgendwo wechseln die Gezeiten. Dort, wo kein Land zu sehen ist, wo sich von Horizont zu Horizont nur schwankendes, glitzerndes, treuloses Wasser erstreckt, erhebt sich eine Welle, kippt mit einem Seufzer und sendet ihr salziges Gewisper an Mr. Hancocks Ohr.

Diese Reise ist eine besondere, sagt das Flüstern, begleitet von einem eigentümlichen Flattern in seinem Herzen.

Sie wird alles verändern.

Und ganz plötzlich wird dieser verblühte Mann in seinem stillen Bureau, der die Stirn in die Hände stützt, von einer großen kindlichen Vorfreude ergriffen.

Der Regen lässt nach. Die Katze kaut auf dem Schädel der Maus herum. Und als sie sich die Schnauze leckt, gestattet sich Mr. Hancock, eine Hoffnung zu nähren.

ZWEI

Der unablässige Regen macht es unwahrscheinlich, dass viele Vögel draußen umherfliegen, aber vielleicht ist gerade eine Krähe unter den Dachsparren von Mr. Hancocks Haus hervorgekrochen, spreizt nun ihre dichten, weichen Federn und neigt den Kopf zur Seite, um die Welt mit einem hellen, verdrießlichen Auge zu betrachten. Wenn sie die Flügel ausbreitet, werden sie sich mit dem noch feuchten Wind füllen, der von den Straßen in Böen heraufweht, mitsamt dem Gestank von heißem Teer, Flussschlamm und dem Ammoniak der Färberei. Und wenn sie vom Sims hüpft und über die Dächer der Union Street aufsteigt, wird sie schnell zum Hafen gelangen, zu den Wiegen künftiger Schiffe, die schon in früher Bauphase die Häuser überragen. Manche warten fertig poliert und geteert, mit flatternden Flaggen und zwinkernder Galionsfigur darauf, vom Stapel gelassen zu werden. Andere liegen mit bloßen Rippen aus frisch entrindetem Holz, zwischen denen nur Luft ist, groß und blass und nackt da wie Walskelette im Trockendock.

Wenn die Krähe von dort der Biegung des Flusses folgend nach Nordwesten steuert und sechs Meilen ohne Pause fliegt … Nun ja, ist bei einer Krähe damit zu rechnen? Was sind ihre Gewohnheiten? Wie groß ist ihr Territorium? … Wenn sie es aber täte, durch den Himmel glitte, während sich die Wolken verziehen, würde sie sich London nähern, wo das Ufer des Flusses an beiden Seiten mit großen und kleinen Kais befestigt ist, einige aus gelben Quadern, andere aus durchhängenden schwarzen Planken.

Die Kais und Brücken pferchen das Wasser ein, aber nach dem Sturm schwappt und wogt es. Die weißen Segler müssen sich anstrengen, und die Bootsführer haben all ihren Mut zusammengerafft, um ihre kleinen Boote vom Ufer wegzusteuern und durch die Strömung zu rasen. Als die Sonne hervorkommt, fliegt besagte Krähe über das blinkende Glas der Melonenfarmen von Southwark, über das Zollhaus, den gestuften Spitzturm von St. Bride und das Gewimmel auf dem Seven Dials und gelangt schließlich nach Soho. Als sie auf einer Dachrinne in der Dean Street landet, streift ihr Schatten das im ersten Stock gelegene Fenster eines bestimmten Hauses und stiehlt dem Raum das Tageslicht, sodass Angelica Neals Gesicht für einen Augenblick im Dunkeln liegt.

Kühl und duftend wie eine Eiercreme mit Rosenwasser sitzt sie an ihrem Frisiertisch und bedient sich hin und wieder an einer Schale mit Treibhausfrüchten, während ihre Freundin, Mrs. Eliza Frost, ihr das letzte versengte Lockenpapier aus den Haaren zupft. Sie ist wieder in ihr Mieder geschnürt und halb in einen Pudermantel gehüllt, aber ihre Wangen sind noch vom Schlaf gerötet, und ihr Spiegelbild zieht ihren Blick so unwiderstehlich an wie das Gesicht eines Geliebten. Ein Kanarienvogel hüpft und pfeift in seinem Käfig, Spiegel funkeln überall, und der Tisch ist übersät mit Bändern und Ohrringen und Glasfläschchen. Diesen Tisch tragen sie jeden Nachmittag aus dem dunklen Ankleidezimmer in den sonnigen Salon, um Kerzen zu sparen.

»Aber das wird bald nicht mehr nötig sein«, sagt Angelica, während sie ein kleiner Sturm aus Haarpuder umweht. »Wenn die Saison beginnt und man sich an mehr Plätzen sehen lassen, von mehr Leuten gesehen werden kann, wird unser Leben viel leichter werden.«

Am Boden liegen die zerdrückten Dreiecke des Lockenpapiers, dicht bedruckt mit Moralpredigten der Wesleyaner, da sie aus frommen Traktaten zurechtgeschnitten wurden, die täglich an die Huren der Dean Street verteilt werden.

»Hm.« Mrs. Frost, die gerade einen Strang blonder Haare ergreift und auf dem Scheitel eifrig zu einem großen weichen Gebilde toupiert, muss erst die Nadeln entfernen, die sie zwischen ihre Lippen geklemmt hat, bevor sie richtig antworten kann. »Ich hoffe, du hast recht.«

Seit vierzehn Tagen wohnen sie in diesen Räumen und begleichen die Miete aus einem Bündel Banknoten, das zusehends dünner wird, auch wenn Mrs. Frost es noch so eifersüchtig hütet.

»Wie besorgt du wieder bist«, sagt Angelica.

»Mir gefällt das nicht. Das Geld tröpfelt nur herein. Wir halten uns kaum über Wasser …«

»Das ist nicht meine Schuld.« Angelica reißt empört die Augen auf, und ihr Hemd rutscht um einen Zoll den Busen hinab. Es ist wirklich nicht ihre Schuld, denn bis vor einem Monat wurde sie von einem Herzog ausgehalten, der sie während ihrer drei gemeinsamen Jahre abgöttisch liebte, aber in seinem Testament vergaß.

»… und du musstest jedem Mann erlauben, sich dir gegenüber Freiheiten herauszunehmen«, fährt Mrs. Frost fort. Der Bürstenrücken blinkt in der Sonne. Eliza Frost ist groß und schmal, ihr Gesicht ungeschminkt und sehr glatt und straff wie Ziegenleder. Ihr Alter zu schätzen ist schwierig, denn sie ist wie ihr Kleid: gepflegt und unscheinbar, allabendlich mit einem Schwamm gereinigt, sorgfältig von der Welt ferngehalten.

»Jedem, der es sich leisten kann, was die Anzahl gering hält. Hör zu, mein Täubchen, ich kenne deine Meinung, aber da ich dich bezahle, muss ich sie mir nicht anhören.«

»Du kompromittierst dich.«

»Wie soll ich uns anders über die Runden bringen? Sag mir das, die du so gewissenhaft Buch führst. Und hol nur nicht tief Luft, denn ich weiß, was du sagen wirst. Du würdest mir wegen meiner Extravaganz eine Strafpredigt halten. Aber kein Mann bezahlt fünf Guineen pro Nacht für eine Dirne, die aussieht, als ob ein Sixpence-Stück sie zufriedenstellt. Ich muss auf mein Äußeres achten.«

»Du hast mit der Buchführung nichts zu tun«, erwidert Mrs. Frost. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie kompliziert sie mein Leben macht.«

Ein kleiner Blitz zuckt durch Angelicas Körper. Sie packt die Armlehnen ihres Stuhls und stampft mit den Füßen auf, sodass die Lockenpapierchen hüpfen und ihre bedruckten Flügel einziehen. »Mein Leben ist bei Weitem komplizierter, Eliza!«

»Zügle dein Temperament!« Noch eine kräftige Puderwolke.

»Hör auf damit!« Angelica wedelt mit den Händen über ihrem Kopf. »Bald ist nichts mehr von der Farbe zu sehen.«

Sie achtet sehr auf ihr üppiges goldblondes Haar, denn es hat sie einst zu dem gemacht, was sie ist. In zartester Jugend wurde sie Gehilfin und Modell eines italienischen Friseurs, und bei ihm, so geht die Legende, erlernte die kleine mollige Angelica nicht nur die Kunst des Frisierens, sondern auch die der Liebe.

Die Frauen schweigen. Wenn sie bei einem Streit in eine Sackgasse geraten, sind sie nicht so dumm, ihn weiter auszutragen, sondern ziehen sich grollend zurück wie Boxer in ihre Ecke des Rings. Mrs. Frost wirft einen Armvoll Papier ins Feuer, und Angelica wendet sich wieder der Obstschale zu, zupft eine Weinbeere nach der anderen ab und sammelt sie in der Faust. Sie leckt den Saft vom Handballen. Der schräg einfallende Sonnenschein wärmt den Flaum auf ihrer Wange. Sie ist siebenundzwanzig und noch immer schön, was teils dem Glück, teils den Umständen, teils der praktischen Vernunft geschuldet ist. Ihre strahlend blauen Augen und ihr sinnliches Lächeln sind ein Geschenk der Natur, ihr Körper und ihr Geist sind nicht gezeichnet von den Mühen einer Ehe, ihre Haut ist klar, ihr Schoß duftet verführerisch, und ihre Nase ist frei von nässenden Pusteln, dank der Überzieher aus Schafdarm, die sie in ihrem Schrank aufbewahrt und sorgfältig nach jedem Gebrauch auswäscht.

»Sterben war das Beste, was er tun konnte«, sagt sie zu Mrs. Frost. Ein Friedensangebot. »Und das kurz vor Saisonbeginn.«

Ihre Gefährtin bleibt still.

Angelica lässt sich davon nicht beirren. »Ich bin jetzt völlig unabhängig.«

»Gerade das macht mir Sorgen.« Mrs. Frost ist noch zugeknöpft, wendet sich aber wieder Angelicas Frisur zu.

»Wie viel Spaß ich haben werde«, ruft diese, »niemandem verpflichtet!«

»Von niemandem unterstützt.«

»Ach, Eliza.« Angelica fühlt die kalten Finger ihrer Freundin am Scheitel. Sie zieht den Kopf weg und dreht sich im Stuhl zu ihr um. »Drei Jahre lang habe ich niemanden gesehen! Es gab keine Gesellschaft, keine Einladungen, keinen Spaß. Ich war praktisch eingesperrt in seinem langweiligen kleinen Salon.«

»Er war sehr großzügig zu dir.«

»Ich bin ihm durchaus dankbar. Aber ich habe Opfer gebracht, wie du weißt: der Künstler, der mein Bild in der Akademie ausgestellt hat. Er hätte mich hundert Mal gemalt, wenn der Herzog es ihm nicht verboten hätte. Darf ich da jetzt nicht ein bisschen meine Freiheit genießen?«

»Halt still, sonst werde ich nie fertig.«

Angelica lehnt sich zurück. »Ich war schon in prekäreren Situationen. Seit meinem vierzehnten Lebensjahr bin ich ganz allein auf der Welt.«

»Ja, ja.« Mrs. Frost hat – bevor sie Mrs. Frost war – die Kaminroste in Dr. James Grahams gefeiertem Tempel der Gesundheit gefegt, während Angelica Neal – bevor sie Angelica Neal war – als Nackttänzerin gearbeitet hat.

»Also, was folgt daraus? Wenn sich ein Mann für mich entscheiden konnte, können es auch andere. Aber jetzt ist es Zeit, mich der Gesellschaft zu präsentieren. Ich muss mich in den richtigen Kreisen etablieren, mein Gesicht überall zeigen, bis es wieder jeder in der Stadt kennt. Das ist nämlich entscheidend. Keine der wirklich großen Kurtisanen ist besonders schön, weißt du, jedenfalls nicht viele. Aber ich bin schön, nicht wahr?«

»Das bist du.«

»Nun denn«, sagt Angelica. »Ich werde ein Erfolg.« Sie versenkt die Zähne in einen Pfirsich und lehnt sich zurück, um sich beim Kauen und Schlucken im Spiegel zu betrachten.

»Ich frage mich nur …«, sagt Mrs. Frost.

»Ich bin überzeugt, die Männer finden mich anziehender denn je«, fällt Angelica ihr ins Wort. »Ich muss keine Söldnerin sein, die jeden bauchpinselt, der sie haben will. Ich bin in einer Position, in der ich selbst wählen kann.«

»Aber wirst du nicht …«

»Ich denke, wir nehmen das blaue Band für die Haare.«

Von der Straße hört man aufgeregte Stimmen. Über das Kopfsteinpflaster schaukelt ein himmelblauer Landauer, an den Seiten geschmückt mit einer barbrüstigen, goldenen Sphinx.

Angelica springt auf. »Sie ist hier! Nimm die Schürze ab. Nein, binde sie wieder um. Man darf dich nicht für eine Dame der Gesellschaft halten.« Sie eilt zum Fenster und entledigt sich dabei des Pudermantels.

Die untergehende Sonne überzieht die Straße mit einem honiggelben Dunst. In dem Landauer sitzt, umringt von drei jungen Damen in weißem Musselin, Mrs. Chappell höchstpersönlich. Die Äbtissin von King’s Place ist gebaut wie ein Lehnstuhl, mehr gepolstert als bekleidet, ihr mächtiger Busen hebt und senkt sich unter cremefarbenem Taft und Goldlitze. Als der Landauer anhält, erhebt sie sich schwankend mit ausgestreckten Armen. Die Ringe an ihren Händen funkeln. Zwei Schwarze in himmelblauer Livree hüpfen vom Trittbrett und beeilen sich, ihr beim Aussteigen zu helfen. Jeder fasst sie an einem Ellbogen, während die jungen Damen die gerüschten Volants anheben, die die gewaltige Rückseite der Äbtissin schmücken. Der Landauer ist bemerkenswert gut gefedert, und Mrs. Chappell taumelt auf das Pflaster hinab, wobei gestärkte Spitze aufblitzt und mehrere Hündchen hervorspringen. Die jungen Damen folgen hinterdrein und tollen mit den Vierbeinern über die Straße, eine Parade federgeschmückter Schwänze und Hüte.

Eine Wäscherin mit einem Bündel auf dem Rücken zischt verächtlich durch die Zähne, ihr Lehrmädchen dagegen steht reglos da und gafft. Vier Knaben brechen in Jubelrufe aus, und Männer lüpfen den Hut oder stützen sich grinsend auf die Griffe ihrer Schubkarren. Die jungen Damen lächeln liebreizend, rascheln mit ihren Röcken hierhin und dorthin, die Fächer in ständiger Bewegung, drehen die Hälse und zeigen ihre weißen Unterarme.

Angelica öffnet das Fenster, beschattet die Augen mit der Hand und lehnt sich hinaus. »Meine liebe Mrs. Chappell!«, ruft sie, worauf die jungen Damen noch lebhafter flattern und sich alle Blicke auf das Fenster richten. Angelicas Haar leuchtet in der Sonne. »Wie freundlich von Ihnen, mir einen Besuch abzustatten!«

»Polly!«, bellt Mrs. Chappell. »Kitty! Elinor!« Die Mächen stehen stramm, wedeln mit ihren Fächern und strahlen.

»Eliza«, zischt Angelica, »wir müssen den Tisch wegrücken.« Mrs. Frost beginnt Bänder und Schmuck darauf zu häufen.

»Ein Blitzbesuch«, ruft Mrs. Chappell und drückt die Hand an den Busen in dem Bemühen, ihrer Stimme Volumen zu verleihen.

»Kommen Sie herauf, kommen Sie!«, ruft Angelica, während die Aufmerksamkeit der ganzen Straße auf sie gerichtet ist. »Trinken Sie eine Tasse Tee mit mir.« Sie zieht sich vom Fenster zurück. »Himmel, Eliza! Haben wir überhaupt Tee?«

Mrs. Frost zieht aus ihrem Busen ein Knäuel rosa Papier. »Wir haben immer Tee.«

»Ach, du bist ein Engel, ein Schatz. Was würde ich nur ohne dich tun?«

Jede von ihnen fasst den Tisch an einem Ende, und gemeinsam tragen sie ihn aus dem Raum, mit winzigen Schritten, damit der Haufen Tand nicht herunterfällt. Die Früchte in der Schale wackeln, und der Spiegel klappert in seinem Ständer.

»Du weißt, weshalb sie kommt«, keucht Angelica. »Und, sind wir uns einig?«

»Ich habe meine Meinung deutlich von mir gegeben.« Mrs. Frost gibt sich geziert, während sie mit dem beladenen Frisiertisch rückwärtsgeht und dabei immer wieder über die Schulter blicken muss, um nicht gegen die Wand zu prallen.

»Mit der Zeit werde ich dir die Sorge schon nehmen.«

Im Ankleidezimmer manövrieren sie den Frisiertisch um Mrs. Frosts harte, schmale Bettstelle herum.

»Schnell, schnell! Setz ihn ab. Wir haben genügend Zeit zum Aufräumen, wenn sie wieder fort sind. Nun lauf, lauf und lass sie herein. Vergiss nicht, die Tassen auszuwischen, bevor du sie austeilst, Maria wischt allzu schlampig Staub.«

Mrs. Frost verschwindet flink wie ein Irrlicht, aber Angelica verweilt in dem dämmrigen Ankleidezimmer, um sich im Spiegel zu mustern. Von Weitem sieht sie gut aus – klein und elegant –, und so tritt sie näher heran, stützt sich auf die Tischplatte und beugt sich vor. Das Glas ist kalt, und ihr Atem überzieht ihr Spiegelbild mit einem feinen Nebel, der aufwölkt und dann vergeht. Sie sieht ihre Pupillen größer und kleiner werden und mustert die Ränder ihrer Lippen, die von der Arbeit am Nachmittag gerötet sind. Die Haut um die Augen ist so weiß und glatt wie ein Ei, über die Wangen aber zieht sich eine winzige Falte wie von einem Fingernagel und auch eine zwischen den Augenbrauen, die sich vertieft, wenn sie missbilligend darauf blickt. Aus dem Flur unten hört sie das Gekicher der jungen Damen und Mrs. Chappells Ermahnungen.

»Was für ein Übermut! Diese Ausgelassenheit auf der Straße! Habe ich euch solches Benehmen beigebracht?«

»Nein, Mrs. Chappell.«

Angelica lässt ihre Knöchel knacken. Sie begibt sich in den Salon, wählt einen Sessel aus, um sich darauf zurückzulehnen und die Röcke sorgfältig auszubreiten.

»Und würdet ihr stolz auf euch sein, wenn irgendein pfiffiger Kerl das in die Zeitung setzt? Wenn in Town and Country geschrieben steht, dass Mrs. Chappells Nonnen, die besten Mädchen Englands, auf der Straße Bocksprünge machen wie ein Haufen Bierbrauertöchter? Nun, ich gewiss nicht, ich gewiss nicht. Komm, Nell, du musst mich stützen. Diese Treppe geht heute über meine Kräfte.«

Röchelnd betritt sie Angelicas Wohnung, gestützt auf die rothaarige Elinor Bewlay.

»Ach, liebe Mrs. Chappell!«, ruft Angelica aus. »Wie glücklich ich bin. Welche Freude, Sie zu sehen.«

Daran ist durchaus etwas Wahres: Mrs. Chappell ist für sie fast so etwas wie eine Mutter, und die Gewerbe der beiden Frauen mindern keineswegs ihre gegenseitige Zuneigung. Bordellwirtinnen sind schließlich nicht die einzigen Mütter, die von ihren Töchtern profitieren.

»Setzt mich hin, Mädchen, setzt mich hin«, schnauft Mrs. Chappell und schleppt sich zu einem winzigen lackverzierten Stuhl, während Angelica und Miss Bewlay sie an den Armen gepackt halten wie ein Zelt bei Sturm.

»Nicht auf diesen!«, keucht Mrs. Frost, deren Blick entsetzt zwischen den spindeldürren Stuhlbeinen und Mrs. Chappells Körpermasse hin und her huscht.

»Hierher!«, quiekt Polly, die Mulattin, zieht einen Lehnsessel aus der Ecke und schiebt ihn im letzten Moment Mrs. Chappell in den Weg.

Die ohnehin beleibte Bordellwirtin betont ihre Körperfülle noch durch ein großes Korkhinterteil unter ihren Röcken, das eine Staubwolke und einen dumpfen Laut von sich gibt, als es auf der Sitzfläche landet. Mit einem langen Seufzer lässt sie sich in den Sessel zurücksinken und deutet erschöpft auf ihren linken Fuß, woraufhin Polly ihn behutsam auf einen Schemel hebt.

»Meine Liebe«, schnauft Mrs. Chappell, als sie zu Atem gekommen ist. Ihre Lippen sind bläulich. »Meine Angelica. Wir sind gerade aus Bath zurückgekehrt. Ich habe unseren kurzen Aufenthalt abgebrochen – ich musste mich vergewissern, ob du hier gut untergekommen bist. Vor Sorge habe ich kaum geschlafen, ist es nicht so, ihr Mädchen? Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr es mich bekümmerte zu hören, was für Zimmer du genommen hast.«

»Für eine sehr kurze Zeit«, erklärt Angelica. »Es gab ein finanzielles Missverständnis.« Sie schaut zu den Mädchen, die nebeneinander auf dem Sofa sitzen und der Konversation mit schräg gelegten Köpfen folgen. Ihr Teint ist frei von Makeln, desgleichen ihre zierlichen Körper unter den schlichten, fleckenlosen Perdita-Kleidern, die sie durch hauchdünnen weißen Musselin und dünne Zugbänder von der Nacktheit erlösen.

»Ich habe dir meine Kitty noch nicht vorgestellt«, sagt Mrs. Chappell. Sie deutet mit ausgestreckter Hand auf die Kleinste. »Los, steh auf.«

Kitty vollführt einen einstudierten Knicks. Sie ist ein dürres Geschöpf mit langem Hals und großen hellen Augen, die graublau sind wie entrahmte Milch am Rand eines Kruges. Ihre Brauen sind ein wenig zu dunkel gefärbt.

»Dünn«, sagt Angelica.

»Aber ein eleganter Körper«, erwidert Mrs. Chappell. »Wir päppeln sie auf. Ich habe sie am Billingsgate entdeckt, voller Fischschuppen, und sie stank wie Uferschlamm bei Ebbe, stimmt’s, Mädchen? Dreh dich mal um. Lass dich von Mrs. Neal anschauen.«

Kittys Röcke rascheln leise, aus den Falten steigt der Geruch von grünen Pomeranzen. Sie bewegt sich langsam und mit Bedacht. In der Ecke schenkt Mrs. Frost den Tee in einem harmonischen Bogen ein, und Polly und Elinor teilen die Tassen aus, während ihre Äbtissin angestrengt redet. Sie atmet, als sänge sie eine Opernarie. Jeder Satz ist ein Ausatmen, dann holt sie mühsam Luft und bringt weitere Worte hervor.

»Sie haben mir gesagt, sie hätte die Pocken gehabt. Das müssen aber sehr kleine Pocken gewesen sein, hab ich gesagt, da sind keine Narben an ihr zu sehen. Erste Güte, das Mädchen. Schau nur, wie sie sich hält. Ich hab ihr das nicht beigebracht, das ist ihre natürliche Haltung. Zeig ihr deine Fesseln, Kitty.«

Kitty hebt den Saum an. Ihre Füße sind klein und schmal und stecken in silbernen Pantoffeln.

»Spricht sie auch?«, fragt Angelica.

»Das ist unsere nächste Aufgabe«, brummt Mrs. Chappell. »Sie redet wie ein verlauster Hafenarbeiter. Sie wird den Mund nicht mehr aufmachen, bis ich es ihr erlaube.«

Nach dieser Bewertung des Kindes verstummen sie, oder zumindest stellen sie das Sprechen ein, denn Mrs. Chappells Atem pfeift wie ein Dudelsack, sogar wenn sie schweigt.

»Sie wird Sie eine Menge Mühe kosten«, bemerkt Angelica schließlich.

»Ich mag das so. Die Mittelklasse-Mädchen sind es, mit denen ich mich abplagen muss. Sind zur Schule gegangen, können Klavier spielen und haben ihre eigenen Vorstellungen von feinen Manieren. Gossenkinder sind mir allemal lieber als Handwerkertöchter. Da muss ich nicht erst die Arbeit von jemand anderem rückgängig machen.«

»Ich war eine Handwerkertochter.«

»Und sieh dich an! Weder Fisch noch Fleisch. Du folgst jedem Einfall, der dir kommt. Ich kann es kaum ertragen, Woche für Woche zu hören, was aus dir geworden ist. Ob du dir in den Kopf gesetzt hast, zu heiraten, oder dir ein paar gute Besucher hältst. Oder ob du als Straßendirne arbeiten musst …« Mrs. Chappell geht die Luft aus, und sie fixiert Angelica ernst mit einem schlaffen nassen Auge. »Wofür ich dich nicht ausgebildet habe.«

»Das habe ich noch nie getan«, protestiert Angelica.

»Was ich gehört hab, hab ich gehört.«

»Ich bin vielleicht mal eine Straße entlanggeschlendert. Aber wer von uns war nicht schon mal dazu gezwungen?«

»Meine Mädchen. Bedenkst du auch, wie dein Ruf auf mich zurückfällt?« Mrs. Chappell räuspert sich und kommt zur Sache. »Also, Angelica, ich weiß, dass du dein Unglück nicht verschuldet hast und dass viele deiner besten Herren gut von dir denken. Seit deinem Verlust fragen sie mich nach dir. ›Wo ist unser Lieblingsblondchen?‹, wollen sie wissen. ›Wo ist unsere entzückende Gespielin mit der schönen Stimme?‹ Was soll ich ihnen sagen?« Sie drückt Angelicas Hand an ihren gekreppten Busen.

»Sie können ihnen meine Adresse nennen«, antwortet Angelica. »Sie sehen, ich wohne gut. Und so nah am Platz, schrecklich vornehm.«

»Ach, Angelica, aber du bist doch allein! Es quält mich, dich ungeschützt zu sehen. Mein liebes Mädchen, wir haben Platz für dich im Kloster, werden wir immer haben. Willst du dir nicht überlegen, zu uns zurückzukehren?«

Polly, Elinor und Kitty sind einer unvergleichlich rigorosen und exklusiven Ausbildung unterzogen worden, aber wenn sie sich unbeobachtet fühlen, fallen sie zurück ins Kindliche, und jetzt hüpfen sie sacht auf dem Sofa auf und ab, jede ermuntert von der Zappelei der anderen. Sie sind beeindruckt von Angelicas glanzvoller Ausstrahlung und möchten sie als ältere Schwester haben, damit sie mit ihnen im Duett singt und ihnen neue Frisuren beibringt. Spät in der Nacht, wenn die Männer endlich lustlos sind, schenkt sie ihnen vielleicht eine Tasse heiße Schokolade ein und erzählt ihnen von ihrer skandalösen Kindheit. Sie sehen zu, wie Mrs. Chappell sich vorbeugt und eine Hand auf Angelicas legt.

»Mir würde ein Stein vom Herzen fallen, dich wieder unter meinem Dach zu wissen.«

»Und viele Münzen in Ihren Geldbeutel, wenn Sie meine Dienste anbieten«, erwidert Angelica mit ihrem schönsten Lächeln.

Mrs. Chappell versteht sich ausgezeichnet auf freimütige Konversation, allerdings nur nach ihren Regeln. »Ganz gewiss nicht«, stottert sie. »Das ist bestimmt nicht mein vorderstes Anliegen. Aber wenn schon? Immerhin biete ich dir Schutz an. Denk darüber nach, Liebes. Ein hingebungsvoller Arzt, ein steter Zufluss der richtigen Art von Männern, da den falschen gar nicht erst Eintritt gewährt wird. Keine Rechnungen, keine Gerichtsvollzieher.« Sie beobachtet Angelica aufmerksam, gespannt wie eine Katze bei der Jagd. »Wir leben in einer gefährlichen Stadt.« Sie tätschelt Angelicas Hand noch einmal und fährt leutselig fort. »Und wenn du einen neuen Beschützer gefunden hast – ja, schon gut –, dann wirst du auf der Stelle aus meinem Dienst entlassen.«

In der Ecke bietet Mrs. Frost ein Bild der Verzweiflung. Sie versucht, Angelicas Blick aufzufangen, aber diese bringt es nicht fertig, sie anzusehen.

Ich bin nicht so jung wie diese Mädchen, denkt Angelica. Mir bleiben nur noch wenige Jahre blühender Schönheit. »Ich wusste, Sie würden mich fragen, ob ich zurückkommen möchte«, sagt sie schließlich. »Und, Madam, ich bin dankbar, dass Sie sich an mich erinnert haben. Sie sind eine wahre Freundin.«

»Ich möchte dir nur helfen, mein Liebling.«

Angelica schluckt. »Dann darf ich Ihre Hilfsbereitschaft vielleicht dorthin lenken, wo sie am meisten benötigt wird?«

Das ist eine Bitte, für die nicht viele Mütter empfänglich sind. Mrs. Chappell räuspert sich.

»Als besonnene Geschäftsfrau«, sagt Angelica, »haben Sie sicherlich bedacht, wo mein Wert liegt. Liegt er in meiner ständigen Anwesenheit in Ihrem Hause? Oder in meinem Aufstieg in der Welt?«

Sie hält inne. Sie sieht unter Mrs. Chappells Hängebacken eine Ader pochen. Die Mädchen schauen zu. Sie sehen zufrieden aus, wohlgenährt und gut gekleidet. Mrs. Frost hat ihren Platz auf dem kleinen Hocker neben der Tür eingenommen. Nun sieht Angelica, wie sie die Hand auf ihren Busen legt, genauer gesagt, auf die verborgene Tasche in ihrem Brusttuch, wo sie das schwindende Bündel Banknoten verwahrt.

»Ich schlage einen Mittelweg vor«, sagt Angelica. Mrs. Chappell schweigt und sieht sie an. Niemand spricht. Der nächste Schritt ist für Angelica ein großer, und sie wartet drei, vier Sekunden, um dann langsam fortzufahren. »Ich habe die Absicht, auf eigenen Füßen zu stehen. Es ist der rechte Zeitpunkt für mich, das verstehen Sie gewiss.«

Mrs. Chappell überlegt. Kurz schnellt ihre Zunge – überraschend rosa und überraschend nass – über ihre bläulichen Lippen. Sie schweigt.

»Als Freundin«, fährt Angelica fort, »will ich Ihnen den Gefallen tun und in Ihrem Hause erscheinen. Sie dürfen bekannt machen, dass Sie eine Sänfte zu mir schicken können, wann immer es die Gäste wünschen, aber dafür möchte ich meine Freiheit. Ich baue darauf, dass die nächsten paar Jahre für mich sehr ertragreich werden, denn ich habe mich als gute Mätresse erwiesen, und für den richtigen Gentleman kann ich das wieder sein, wenn ich die Freiheit habe, ihn zu empfangen.«

»Du denkst, du kannst deinen Weg allein gehen?«

»Nicht ganz allein, Madam. Ich werde Ihre Hilfe benötigen. Aber Sie haben mich in diese Welt eingeführt. Möchten Sie da nicht, dass ich vorankomme? Und wem hätte ich meinen Erfolg zu verdanken, wenn nicht Ihnen und Ihren Methoden?«

Das Lächeln der Äbtissin entfaltet sich langsam, aber wenn sie einmal damit beginnt, dann strahlt sie geradezu. Ihr Zahnfleisch ist blass, wie man deutlich sieht, ihre Zähne sind gelb und alle gleich lang wie die Tasten eines Cembalos.

»Ich habe dich gut ausgebildet«, brüstet sie sich. »Du bist keine bloße Hure, du bist, was meine Mädchen hoffentlich auch eines Tages sein werden: eine Frau von Wert, eine so hübsche kleine Fregatte, wie ich sie je in London vom Stapel gelassen habe. Kitty, Elinor, Polly – besonders du, Polly –, merkt euch das. Ihr habt die Gelegenheit, weit zu kommen, Mädchen, und das müsst ihr auch. Ambitioniert! Immer ambitioniert! Aus meinen Töchtern werden keine Straßendirnen.«

Angelica klopft das Herz unter dem Mieder. Für einen Moment verschwimmt die Welt. Sie hat noch nie gewagt, Mrs. Chappell zu widersprechen. Nachdem sie und ihre Mädchen gegangen sind, winkend und mit zärtlichen Abschiedsworten, wirft sie sich jauchzend auf das Sofa.

»Das beweist es«, sagt sie zu Mrs. Frost, die mit gesenktem Kopf und flinken, eckigen Bewegungen das Teegeschirr wegräumt. »Sie kann es sich nicht leisten, mich zu ihrer Feindin zu machen. Sie lässt mir meinen Willen.«

»Du hättest sie nicht abweisen sollen«, sagt Mrs. Frost. Ihre Lippen sind schmal, ihre Worte knapp.

»Eliza?« Angelica richtet sich auf. Sie versucht, ihrer Freundin ins Gesicht zu sehen, aber vergeblich. »Ach, Eliza, du bist verärgert.«

»Du hättest an unsere Sicherheit denken können«, faucht Mrs. Frost.

»Wir sind sicher. Oder wir werden es sein. Wenn ich das bisher nicht geglaubt habe, so jetzt. Mother Chappell hat einen Instinkt für Erfolg.« Ihr gefällt der kalte, zurückgehaltene Zorn ihrer Freundin nicht. Sie folgt ihr durch das Zimmer.

»Mein Schatz, mein Täubchen, bitte setz dich zu mir. Komm, komm doch.« Sie nimmt Mrs. Frost bei den Schultern und will sie zum Sofa schieben, doch die ist steif wie eine Holzpuppe unter ihrem Kleid aus Baumwolle und Kalmank. »Ich schwöre dir, ich werde uns schützen. Wir sind auf dem aufsteigenden Ast, wir beide.«

Es ist, als wäre sie ein Geist. Ihre Stimme bleibt ungehört, ihre Berührung wirkungslos, während Mrs. Frost sich die Schürze enger bindet. Sie nimmt das Tablett mit den Teeresten der Huren und geht hinaus.

»Oh nein, nein!«, ruft Angelica ihr hinterher. »Lass mich nicht so stehen. Hab Mitleid.«

Sie hört die Freundin ohne das kleinste Zögern weitergehen. Sie genießt das wohl, dass ich sie anflehe, denkt sie. Welch ein Unsinn.

»Wie du willst!«, faucht sie, und dann geht sie zur Treppe. »Du bist eine törichte, sture Frau! Ja, das bist du«, ruft sie.

Aber Mrs. Frost ist längst fort.

DREI

Wie schon die ganze Woche über verbringt Mr. Hancock auch diesen Abend mit seiner Nichte Sukie zu Hause am Kamin.

»Wollen Sie nicht in ein Wirtshaus gehen, Onkel?«, fragt Sukie, und das ist ihr kaum zu verübeln, denn er ist keine erholsame Gesellschaft. Er sitzt keine drei Minuten in seinem Sessel, da springt er schon wieder auf, als hätte ihn etwas gestochen, und schreitet durch den Salon, öffnet und schließt Schachteln, mit deren Inhalt er sich schon mindestens fünfmal vertraut gemacht hat. Er lehnt sich an den Kaminsims und schlägt ein Buch auf, aber was darin steht, ist für ihn Kauderwelsch, und er legt es wieder hin. Zweimal geht er zur Treppe und lässt Bridget, das Hausmädchen, von draußen an die Haustür klopfen, um sich zu vergewissern, dass kein Besucher ungehört von dannen gehen kann.

»Ein paar Stündchen könnten doch nicht schaden«, drängt Sukie, die sehnsüchtig an ihre eigenen Pläne für den Abend denkt, nämlich, sich großzügig an seiner Teedose zu bedienen und von der Milchschüssel in der Speisekammer löffelweise die Sahne abzuschöpfen.

»Aber wenn eine Nachricht von der Calliope kommt, und der Bote findet mich nicht …?«

»Den Mann möchte ich sehen, der sich in dieser Stadt verstecken kann.«

»Hm.« Er setzt sich und stützt das Kinn auf die Faust, nur um im nächsten Moment wieder aufzustehen. »Vielleicht hätte ich besser daran getan, in London zu bleiben. Im Kaffeehaus hört man die verlässlichsten Nachrichten.«

»Was würde das denn ändern, Onkel?«, fragt Sukie. »Wenn die Nachricht heute Abend kommt, was könnten Sie vor morgen früh unternehmen?« Sie ist scharfsinnig wie ihre Mutter und zieht genauso die Braue hoch wie sie.

»Immerhin wüsste ich Bescheid«, erklärt er. »Ich komme nicht zur Ruhe, bis ich es weiß.«

»Und Sie sorgen dafür, dass auch kein anderer zur Ruhe kommt. Sir, wir hören möglicherweise sehr lange nichts …«

»Nein. Bald wird es so weit sein. Dessen bin ich mir sicher.« Und das ist er wahrhaftig. Er ist gespannt wie eine Violinsaite. Er geht zum Fenster und schaut auf die dämmrige Straße hinab.

»Sie vertun unablässig Ihre Zeit!«, ruft Sukie aus – ein Satz, der aus dem Munde ihrer Mutter Hester hätte kommen können.

Mr. Hancock erstarrt, denn ihre weiße Haube und die geschürzten Lippen bringen vierzig Jahre zum Verschwinden, als wäre sie seine große Schwester und er ein kleiner Knabe. Aber Sukies Augen funkeln schalkhaft.

»War das etwa kein guter Scherz?«, fragt sie, und er ist so erleichtert, dass er schallend lacht.

»Du freches Fräulein«, sagt er. »Was, wenn ich ihr erzähle, wie du sie nachäffst?«

»Dann könnte ich ihr erzählen, dass Sie Ihre Zeit in Schenken verbringen.«

»Das würdest du nicht tun.«

Es tut ihm gut, junge Menschen in seinem Haushalt zu haben, gesteht er sich ein. Es macht ihn froh, sie und Bridget kreischen zu hören, wenn sie einander über die Treppe jagen, oder sie zu beobachten, wenn sie untergehakt aus dem Haus gehen, um Besorgungen zu machen. Er duldet es sogar hin und wieder, wenn Sukie ihm aus Scherz das Betttuch so faltet, dass er die Beine nicht ausstrecken kann, denn was soll man von einem vierzehnjährigen Mädchen anderes erwarten? Davon abgesehen ist sie schließlich eine exzellente Haushälterin und so viel angenehmer als die sauertöpfischen Frauen, die er zuvor beschäftigt hat. Wäre sie seine Tochter, würde er sie wegen ihres scharfen Verstandes an seine Bücher setzen. Er muss jedoch davon ausgehen, dass alles, was sie bei ihm erfährt, binnen Kurzem auch ihrer Mutter zu Ohren kommt. Deshalb hat er Sukie ein feines Seidenkleid gekauft und ihr erlaubt, es im Haus zu tragen – eine Vorsichtsmaßnahme, damit er sie durch das Rascheln rechtzeitig bemerkt.

Sukie freut sich insgeheim, dass sie zu ihrem Onkel geschickt wurde. Von allen Situationen, die eine Ersatztochter erforderlich machen könnten, ist diese mit Abstand die beste. Sie fürchtet den Tag, da ihr Bruder und seine fette Frau ein zweites Kind bekommen und sie, Sukie, zu Erith gerufen wird, damit sie das Kinderzimmer schrubbt und den Sabber aufwischt. Hier hat sie einen Raum für sich, und sie und Bridget haben oft Zeit zu faulenzen, denn ein bescheidener alter Mann macht wenig Arbeit.

»Soll ich Ihnen vielleicht etwas vorlesen?«, seufzt sie. »Der Abend wird nicht von selbst verstreichen.«

»Also gut. Aus Popes Essays, wenn es dir nichts ausmacht.«

»Zum Gähnen! Onkel, das macht mir sogar sehr viel aus. Nein. Wählen Sie etwas anderes.«

Er seufzt. »Was schlägst du vor?«

Grinsend zieht sie hinter ihrem Sessel ein hübsches Bändchen hervor, das er als eines von der Sorte erkennt, wie sie in der Fleet Street verkauft werden.

»Ich werde Ihnen ein Kapitel aus Selina vorlesen«, sagt sie, beugt sich zum Feuerschein hin und blättert in den Seiten. »Ich habe es halb durch, Sie werden also erraten müssen, welche Abenteuer es schon gegeben hat.«

»Wieder eine Liebesgeschichte?«

»Ich bin ihnen verfallen«, erklärt sie glücklich.

»Ich nicht.« Da ist er jedoch nicht aufrichtig. Er ist ein Gefühlsmensch, und außerdem gefällt es ihm, wenn Sukie ihm laut vorliest. Sie hat eine helle, fröhliche Stimme und nickt vor lauter Erzähldrang.

»Diese wird Ihnen gefallen, Onkel! Sie ist aufregend. Und höchst erzieherisch.«

»Deine Mutter hat recht, ich gebe dir ein zu großzügiges Nadelgeld. Deine Bibliothek ist größer als meine.«

Mr. Hancock nennt insgesamt achtzehn Bücher sein Eigen, neben seiner Bibel, die man als Kunstgegenstand bewerten könnte. Weil er Sukies Gesellschaft mehr schätzt als Alexander Pope, sagt er: »Also? Wirst du es mir nun vorlesen oder nicht?«

Sie setzt sich bequem zurecht und räuspert sich ausgiebig.

In dem Augenblick donnert jemand an die Haustür. Mr. Hancock, der sich soeben eine Pfeife stopft, lässt den Tabak auf seine Schuhe fallen, so eilig hat er es, aus dem Sessel zu kommen.

»Bleiben Sie sitzen, Onkel!«, ruft Sukie, die längst auf den Beinen ist.

»Das klang, als wäre es wichtig.«

»Und selbst wenn, es geziemt sich nicht für einen Gentleman, persönlich an die Tür zu gehen. Dafür hat man einen Diener«, sagt sie.

Und während Mr. Hancock stammelnd mit der Frage ringt, ob er ein Gentleman ist oder nicht, und darüber hinaus die Kosten eines livrierten Dieners und die Absurdität eines solchen abwägt, wird unten erneut an die Tür gehämmert.

»Gehen Sie nicht«, ermahnt Sukie ihn und bedient sich des Tonfalls ihrer Mutter. »Bridget muss ihm öffnen, dafür ist sie da.« Aber sie kann nicht anders, als die Pantoffeln abzustreifen und auf Strümpfen zur Zimmertür zu schleichen. Mit der Fußspitze zieht sie sie ein wenig auf und schiebt das Gesicht in den Spalt. So hat sie freien Blick über den Treppenabsatz bis zur Haustür am Fuß der Treppe.

»Was siehst du?«, fragt Mr. Hancock.

»Nichts«, antwortet sie. »Bridget!«, zischt sie ins Dunkle.

Beim nächsten Versuch ist es dem Besucher ernst: Das Holz erzittert, und die Eisenstangen im Lünettenfenster klirren.

»Machen Sie auf, Sir!«, ruft der Besucher. »Hier ist Tysoe Jones!«

»Höchstpersönlich! Er hat keinen Boten geschickt. Verflixt. Da stimmt etwas nicht.«

Mr. Hancock taumelt an Sukie vorbei und die Treppe hinunter. Es ist finster wie am Jüngsten Tag, aber er kennt die Stufen, seit er laufen lernte, und schließlich folgt ihm ein kleiner Lichtschein, da seine Nichte mit einer Kerze die Wandleuchter anzündet.

»Er soll unser Haus nicht unbeleuchtet vorfinden und uns nur bei Feuerschein im Salon sitzen sehen«, murmelt sie.

Schlurfend und polternd überwindet Mr. Hancock die Stufen, während er in einem fort wiederholt: »Da stimmt etwas nicht. Das ist nicht der übliche Ablauf.« Was werden wir jetzt tun?, schießt es ihm durch den Kopf. Wenn das Schiff verloren ist und die Fracht dazu, ach, das wäre ein Schlag! Ist es einer, den er verkraften kann? Und was ist mit seinen Geldgebern? Viele Männer könnten durch seine Initiative enttäuscht worden sein. Im Geiste hakt er die Zahlen ab, als er im Flur anlangt und zur Tür geht. Gott sei gepriesen für Stein und Mörtel!, denkt er. Wenn es so weit kommt, werde ich mein vermietetes Haus verkaufen müssen – und dieses auch, aber Gott bewahre, Gott bewahre, dass ich derjenige bin, der meines Vaters Haus verkauft.

Mit tauben Händen schließt er auf, der große Schlüssel von seinem Bund zuerst, gefolgt vom oberen und unteren Riegel. Das Eisen ist schwer und widersetzt sich seinen Fingern. Er reißt einmal, zweimal am oberen Riegel, der immer klemmt – »Öl, Sukie, hol mir Öl für die Tür!« –, bis der Riegel urplötzlich zur Seite schießt und ihm ein bisschen Haut einklemmt. Er flucht. Draußen auf der Türstufe kann er Captain Tysoe Jones stampfen und schimpfen hören.

»Ich bin schon da!«, ruft Mr. Hancock und reibt sich die schmerzende Hand.

Als er die Tür öffnet, wird es hinter ihm ein wenig heller, weil Sukie soeben die letzten beiden Kerzen anzündet, und vor ihm steht der Kapitän, unsanft beleuchtet. Er trägt noch seine Uniform, eine Jacke so verschossen durch Salz und Sonne, dass sie taubengrau erscheint bis auf die Stellen unter den Aufschlägen, wo das alte Blau erhalten geblieben ist. Er selbst ist genauso fleckig und verschossen: sein Gesicht ziegelrot und derb wie Fußsohlen, mit weißen Falten um Augen und Mund. Die Stoppeln an den Wangen schimmern wie von Raureif überzogen. Er hält einen Seesack vor der Brust und schaut mächtig verärgert.

»Kommt er heut nicht, kommt er morgen«, sagt er.

»Verzeihen Sie mir. Ich konnte nicht … ich war nicht imstande …« Mr. Hancock deutet hilflos auf die Tür.

»Lassen Sie mich eintreten. Ich bin von Limehouse zu Fuß gekommen.« Der Captain hält den Sack in den Armen wie andere ein schlafendes Kind. »Ich möchte nicht länger stehen.«

»Sind Sie mit der Calliope heimgekehrt?«

»Nein.« Captain Jones tritt an ihm vorbei ins Haus. »Steht alles in meinem Brief.«

»Ich habe keinen bekommen. Kein Wort von Ihnen gehört, seit Sie London vorigen Januar verlassen haben. Nichts!«

Captain Jones nimmt den Hut ab. Den Sack, der weder schwer noch unhandlich ist, trägt er mit einem Arm.

»Guten Abend, junge Dame«, sagt er zu Sukie.

Ihr Knicks ist flüchtig und nicht ihr elegantester, obwohl sie oft vor dem Ornamentglasspiegel übt, der über dem Kamin hängt. Sie hat die Fassung verloren und steht sprachlos und mit großen Augen da. »Sie müssen einen Tee mit uns trinken«, sagt sie schließlich.

»Bier«, sagt Mr. Hancock und kommt sich grausam vor, weil er sie korrigiert. »Und Bridget soll den Schulterbraten bringen.«

Sukie eilt mit eingezogenem Kopf in die Küche.

Wenn das Schiff verloren ist, hat ihr Vater seine investierten fünfhundert Pfund verloren, denkt er. Was wird Hester sagen? Er winkt Captain Jones ins Bureau. Zu spät fällt ihm ein, dass die Kerzen darin gelöscht worden sind. Er wäre gern ein guter Gastgeber, aber in der geballten Dunkelheit platzt er mit der Frage heraus. »Wo ist mein Schiff?«

»Weiß der Teufel. Könnten wir ein wenig Licht machen?«

Mit zitternden Händen zündet Mr. Hancock die Kerzen auf dem großen Schreibtisch an. »Und was ist mit der Fracht?«

»Ich habe keine Fracht an Bord genommen«, antwortet Jones und setzt sich mit einem langen Seufzer der Erleichterung hin. »Ich habe Ihnen geschrieben.«

Aber es ist kein Brief gekommen! Mr. Hancock fühlt sich wie vor den Kopf geschlagen und muss wohl auch so aussehen, denn der Kapitän erläutert: »Einen Brief. Ich habe ihn mit der Rosalie geschickt, die Canton verlassen hat, kurz nachdem ich dort ankam.«

»Die Rosalie ist mit Mann und Maus untergegangen. Ich habe keinen Brief erhalten.«

»Ah. Und darum wissen Sie es nicht.«

Sie sitzen schweigend da. Captain Jones stopft sich eine Pfeife. Als er daran zieht, vertieft der schwache Glutschein die Steilfalte zwischen seinen Brauen, und Dunkelheit kriecht in jede Furche und Runzel seines Gesichts. Man hört das Saugen und Schmatzen am Pfeifenstiel, das Ticken der Uhr, das leise Knarren und Knacken des alten Holzhauses, das sich unaufhörlich setzt. Der Seesack liegt derweil auf dem Schoß des Captains.

»Ich habe Ihr Schiff verkauft, Sir.«

Mr. Hancocks Eingeweide scheinen sich zu verflüssigen. Kalter Schweiß tritt auf seine Handflächen. Ich vertraue diesem Mann, ermahnt er sich. Er ist mein Agent. Mein Schicksal ist auch seines. Er handelt stets in meinem Interesse.

»Es geschah aus gutem Grund«, fährt Captain Jones fort. »Ich habe etwas Außergewöhnliches gefunden, aber es kostete mehr, als ich hatte. Sie haben mir immer erlaubt zu entscheiden, wie ich es für richtig halte.«

»Ja, solange es bei einer vernünftigen Ladung bleibt! Ein Ballen Tuch, eine Novität, die sich auf dem Markt ausprobieren lässt. Wenn das eine nicht zu bekommen ist, es durch etwas zu ersetzen, das kein größeres Risiko mit sich bringt … Aber mein Schiff – das sichert mein Einkommen!«

»Und meins ebenfalls.« Captain Jones ist ganz ruhig. Er konnte sich auf der langen Reise mit seiner neuen Situation anfreunden, und außerdem hatte er schon immer ein Auge für extravagante Dinge. Er rückt nach vorn zur Sesselkante und grinst. »Aber ich versichere Ihnen, wir werden das um ein Vielfaches wettmachen! Was ich für Sie entdeckt habe, ist Ihnen noch nicht untergekommen. Niemandem.«

»Was ist es?« Etwas Idiotisches, das sich gar nicht verkaufen lässt, denkt er. Ein Kätzchen mit zwei Köpfen oder ein neues Gift oder ein Satz obszöner Radierungen, für die ich ins Gefängnis komme.

»Wo ist das Mädchen? Rufen Sie es herein.«

»Machen Sie aus dieser Torheit kein Spektakel«, seufzt Mr. Hancock.

»Dieses Spektakel verlangt Zeugen! Holen Sie den ganzen Haushalt zusammen. Zünden Sie alle Lampen an.«

Mr. Hancock ist allzu fassungslos, um sich noch länger zu widersetzen. Er stapft zur Tür, aber er braucht nicht nach Sukie zu rufen. Sie und Bridget – Letztere mit verschlafenen Augen und schiefer Haube, sie muss wohl wieder in der Spülküche eingenickt sein – lauschen schon auf der Schwelle. Das Tablett mit dem Bier steht auf dem Boden, damit sie sich nicht durch Klirren verraten. In der Dunkelheit erscheinen ihre Gesichter als zwei bleiche Ovale, die sich ihm fragend zuwenden.

»Ihr habt es gehört«, sagt er. »Zündet die Lampen an.«

»Ja, Sir.«

Er hört Bridgets Stimme zittern, vor Aufregung stockt ihr der Atem. Die Zinnbecher auf dem Tablett klirren und laufen über, als er es hochhebt, die Schritte der Mädchen dagegen sind völlig lautlos.

»Zieht euch die Schuhe an. Man könnte ja meinen, ihr hättet gelauscht.«

Er trägt das Tablett selbst ins Bureau, und nachdem die Mädchen in ihre Pantoffeln geschlüpft sind, folgen sie ihm. Captain Jones hat den Seesack auf den Schreibtisch gelegt. Der Form des Segeltuchs nach zu urteilen, enthält der Sack nichts Weiches. Leicht wie ein Vogel ist der Inhalt und so klein, dass ein Mann ihn in der Armbeuge tragen kann. Wie könnte er den Wert eines großen, voll beladenen Schiffes haben?

Mr. Hancock spürt, dass die Mädchen hinter ihm zusammenrücken. Eine sucht immerzu die Nähe der anderen, wie allein gelassene Kätzchen drängen sie sich aneinander. Er hört die zaghafte Bewegung, mit der vermutlich Bridget Sukies Ellbogen umfasst, und strafft die Schultern. Er bedauert, keinen Freund zu haben, der ihm begütigend die Hand auf den Arm legt.

»Auf meinen Reisen«, beginnt Captain Jones, »habe ich viele fremde Dinge gesehen. Dinge, die Sie sich nicht einmal vorstellen können, meine Damen. Kühe mit baumlangen Hälsen, ausgewachsene Chinesinnen mit Füßen so klein wie Karfreitagsbrötchen. Und ich habe …«

»Heraus damit«, unterbricht ihn Mr. Hancock.

»Ist es in dem Sack?«, fragt Sukie.

»Sie sind eine junge Dame mit verblüffendem Scharfsinn.« Captain Jones betrachtet die Gesichter seines Publikums und seufzt. »Also gut. Bringen wir es hinter uns. Wenn Sie das Wunder erst einmal gesehen haben, werden Sie vielleicht mehr Begeisterung aufbringen.«

Er öffnet den Seesack und enthüllt seinen Inhalt. Zunächst wissen sie überhaupt nicht, worauf sie da blicken. Es ist braun und schrumpelig wie ein am Fassboden vergessener Apfel oder wie die toten Ratten, die Mr. Hancock einmal in der aufgeschlagenen Küchenwand fand, ausgetrocknet und von den Elementen gehärtet, mit einer Haut, die unter dem Druck des Daumens aufriss.

Es ist klein wie ein Säugling und der Brustkorb unter der Pergamenthaut mitleiderregend zierlich, der Kopf ist groß, und die Fäuste hält es vor dem Gesicht. Doch weiter reicht die Ähnlichkeit nicht.

Denn kein Kind hat solche schrecklichen Krallen, kein Kind fletscht derart die Zähne oder hat solche scharfen Fänge. Und kein Kinderleib endet in einem Fischschwanz.

»Ich habe es von einem Holländer gekauft, dem ich in Canton begegnet bin«, erzählt Jones. »Und der hat es von einem japanischen Fischer, der es lebend gefangen hatte. Ich bedauere, dass es nicht überlebt hat.«

»Ein grausames Wesen«, sagt Sukie.

»Das kann man nicht wissen.«

»Ich weiß jedenfalls, wie es aussieht.« Bis sie zu Bett geht, wird sie vergessen haben, dass es tot ist. In ihrer Fantasie zittert es bereits vor Zorn, kratzt am Fischglas, um zu entkommen, und peitscht das Wasser auf angesichts seiner Ohnmacht. So sicher, als hätte sie es mit eigenen Augen gesehen, weiß sie, dass das Wasser rings um Java von diesen Kreaturen wimmelt. Sie hört ihre heiseren Schreie und spürt ihren Zorn.

»Es kann Ihnen nichts mehr tun«, versichert Captain Jones, aber Sukie starrt ihn bloß an. Er breitet die Hände aus. »Hab ich es nicht den weiten Weg hierher gebracht? Und hat es mich etwa ertränkt, wie Meerjungfrauen es angeblich tun, oder mich gebissen, wie Affen es zweifellos tun?« Er kichert. Sukie ist es dennoch nicht geheuer. »Kommen Sie näher. Sie müssen es sich genauer ansehen.«

Alle scharen sich um den Fund des Kapitäns. Die Mädchen geben kleine ängstliche Töne von sich. Sie möchten die Kreatur wohl von allen Seiten beäugen, finden sie aber allzu abschreckend. Allzu tot.

»Ich kann nirgends eine Naht entdecken«, sagt Mr. Hancock nach einer Weile. »Keinen Leim, keine Farbe. Wie ist es gemacht?«

»Gemacht? Sie denken, das hat einer gemacht?« Jones ist gekränkt. »Wie ein Zaubertrick? Nein, das ist nicht gemacht! Das existiert einfach. Wenn es einer gemacht hat, dann Gott.« Er steigert sich hinein. »Nach allen Mühen, die ich auf mich genommen habe! Nachdem ich zweimal um den halben Globus gefahren bin! Also praktisch um die ganze Welt. Wann, Sir, habe ich Ihnen je eine Fälschung gebracht?«

»Noch nie, nein. Natürlich nicht. Aber Sie müssen zugeben, dass eine Meerjungfrau – nun, das ist ganz unmöglich.«

»Nicht so unmöglich, wie einen Grashalm in all dem Tee zu finden, den ich je unbeschadet zu Ihrem Speicher getragen habe«, lamentiert Jones.

»Nein, nein, nein. Ich wollte damit nicht andeuten …«

»Das ist kein Spielzeug. Kein wertloser Tand, wie man ihn auf dem Jahrmarkt kaufen kann. Das ist eine echte Meerjungfrau.«

»Das sehe ich durchaus.«

»Nehmen Sie sie in die Hand, Sir. Inspizieren Sie sie nach Belieben. Ich versichere Ihnen, Sie werden nicht enttäuscht sein.«

Das tote Wesen liegt auf dem Tisch, vertrocknet und zornig, den Mund zu einem äffischen Schrei geöffnet. Mr. Hancock kann nicht anders, er fasst an die kleine Brust, um einen Herzschlag zu ertasten.

»Nur zu. Es ist Ihre Meerjungfrau. Nehmen Sie sie hoch.«

Und das muss er. Er nimmt ihren Schwanz mit beiden Händen, und die Schuppen knistern. Sie ist so trocken und zerbrechlich, er verspürt plötzlich einen sonderbaren Drang, sie von sich zu schleudern, aber er tut es nicht. »Vollständig bis zu den Fingernägeln«, flüstert er. Auf dem Kopf hat sie seidige schwarze Haare. Er weiß nicht, was er davon halten soll. Ganz sicher war dies einmal ein lebendiges Wesen.

»Aber was soll ich damit anfangen?«, fragt er vorsichtig. »Ich habe etwas ganz anderes bestellt. Ich werde viele Leute enttäuschen müssen.«

»Mit einer Enttäuschung ist ab und an zu rechnen. Das gehört zum Geschäft.«

»Aber so etwas ist noch nie da gewesen! Mein Schiff wurde freiwillig von seinem Kapitän verkauft, der den Erlös benutzte, um – auf meine Kosten – die allerscheußlichste Kuriosität zu kaufen? Wer wird sich je wieder an meinen Geschäften beteiligen, wenn ich nicht garantieren kann, dass mein Schiff in sicheren Händen ist?«

Captain Jones reibt sich den Nacken. »Daran habe ich nicht gedacht.«

In Mr. Hancock schäumt Ärger auf. »Tysoe, Tysoe! Anderthalb Jahre hatten Sie Zeit, das zu bedenken! Sie überlassen die kniffligen Fragen mir, wie immer.«

Er hört Sukie an einem Fingernagel kauen, was ihn gemahnt, dass sie und das Hausmädchen nicht länger dabeistehen sollten. Er hat nichts dagegen, in Bridgets Beisein über Geschäfte zu reden, denn die hat weder den Verstand noch das Interesse, um davon etwas zu beachten. Aber was Sukie betrifft …

»Hinaus mit euch, Mädchen«, sagt er und legt die Meerjungfrau behutsam ab.

»Aber dürfen wir nicht …«

»Das ist ein Gespräch unter Männern. Ihr habt eure eigenen Pflichten zu versehen, nicht wahr? Nun geht.« Während sie noch aufbegehren, geleitet er sie hinaus. Nachdem er den Riegel vorgeschoben hat, wendet er sich wieder dem Kapitän zu. »Wie konnten Sie annehmen, ich würde mich über diese Fracht freuen? Ich bin kein Fachmann für …«

»Fachmann?«, fällt Jones ihm scharf ins Wort. »Es gibt auf der ganzen Welt keinen Fachmann dafür. Das ist eine echte Meerjungfrau, die keine zusätzliche Begutachtung von Ihrer Seite verlangt. Nur ein Dummkopf könnte mit einer Meerjungfrau Geld verlieren.« Er fährt sich durch die Haare. »Nur ein Dummkopf könnte sich ärgern, eine zu bekommen!«

»Aber was soll ich damit tun?«

»Nun, sie ausstellen!«

»Ich bin kein Schausteller«, wendet Mr. Hancock steif ein. »Da ich auch kein Wissenschaftler bin, werde ich die Royal Society verständigen. Dies dürfte für die Wissenschaft eine bedeutende Entdeckung sein.«

Jones winkt empört ab. »Und wie wollen Sie dann die Kosten wieder reinholen? Hören Sie zu, Folgendes wäre vernünftig: Sie suchen sich ein Kaffeehaus aus, verlangen einen Shilling pro Nase, und, sagen wir, dreihundert Besucher am Tag, nach vorsichtiger Schätzung, wollen die Meerjungfrau sehen – nun, da kommen in einer Woche neunzig Pfund zusammen.« Da er Mr. Hancock den Kopf schütteln sieht, spricht er hastig weiter. »Sie könnten damit durchs Land reisen, sie bei Jahrmärkten zeigen. In den Provinzen ist der Appetit auf derlei Dinge unstillbar.«

»Aber neunzig Pfund in einer Woche?«, staunt Mr. Hancock. Er vermietet jedes Haus an der Hancock Row – sein bescheidenes Reich von sechs Wohnungen an der Butt Lane – für fünfunddreißig Shilling im Monat und hält sich für reich.

»Viertausend im Jahr. Ebenfalls vorsichtig geschätzt.«

Diese Zahl verschlägt ihm den Atem. Dass so ein unbedeutendes Ding solchen Reichtum in sich birgt! »Und es gehört mir?«, krächzt er. Er schaut zu der kleinen, zerbrechlichen Meerjungfrau, langt hin, um sie hochzuheben, misstraut seinen Händen und zieht sie zurück.

»Ihnen allein. Nicht Ihren Partnern, nicht Ihren Geldgebern, nur Ihnen.«

Was wird Hester dazu sagen, dass er eine solche Monstrosität erworben hat? »Die Hancocks haben niemals einen Zirkus betrieben«, hört er sie sagen, als stünde sie neben ihm. »Wir sind achtbare Kaufleute und handeln mit den feinsten Waren, nicht mit fragwürdigen Neuheiten. Du machst uns zum Gespött der Leute.« Mr. Hancock starrt auf den Stein des Anstoßes.

»Wie viel haben Sie für das verflixte Ding ausgegeben?«, will er schließlich wissen.

»Zwölfhundert. Na, na, gucken Sie nicht so – das war ein niedriger Preis.«

»Und Sie verkauften das Schiff für …?«

»Sechstausend.« Captain Jones schaut nun doch ein wenig furchtsam, wie zu seiner Ehrenrettung gesagt werden muss. »Mir blieb nichts anderes übrig! Gott ist mein Zeuge, Sie hätten es gebilligt, wären Sie dabei gewesen.«

Mr. Hancock verspürt eine Taubheit in den Gliedern, als ob Eiswasser durch seine Adern strömte. »Mit dem neuen Großmast war die Calliope achttausend wert«, erwidert er leise.

Der Kapitän lässt den Kopf hängen. »Ich weiß. Sie war ein feines Mädchen. Es tat mir leid, mich von ihr zu trennen.«

Mr. Hancock fasst sich an die Wange. »Warum haben Sie es dann getan?«

Jones zieht einen Wechsel aus der Brusttasche und streicht ihn sorgfältig glatt, bevor er ihn ins Licht hält. »Hier sind die restlichen viertausendachthundert. Ich bin ein ehrlicher Mann.« Er hebt eine Hand, um seinen Luft holenden Auftraggeber aufzuhalten, und fährt aufdringlich heiter fort: »Damit können Sie Ihre Partner entschädigen und die Mannschaftsheuer auszahlen.«

»Aber Sie haben mir einen Verlust von zweitausend beschert und noch mal zweitausend in Waren, die Sie hätten mitbringen sollen. Und Sie haben mich um mein Schiff gebracht.«

»Hancock, ich schwöre, die Meerjungfrau … das ist kein Sack Bohnen, verstehen Sie. Das ist eine gewinnbringende Investition, wenn Sie nur das Risiko eingehen wollten!«

Mr. Hancock seufzt. »Risiken schmecken mir nicht. Ich will ein zuverlässiger Mann sein.«

»Nun, das liegt jetzt nicht mehr in Ihrer Hand.« Mr. Hancock möchte den Kapitän ohrfeigen, als er provozierend optimistisch erklärt: »Das Schicksal hat Ihr Schiff genommen und Ihnen dafür eine Meerjungfrau gegeben.«

»Nein, Sie haben das getan.« Er steht auf. »Für Sie ist es nun Zeit zu gehen, denke ich.«

Er entriegelt die Tür und geht voraus in den Flur, wo die Mädchen sich mit einem Ausmaß an Fleiß betätigen, der ihnen schon bei Tag nicht ähnlich sieht, geschweige denn um diese Uhrzeit: Bridget staubt mit Elan das Treppengeländer ab, und Sukie zählt die Kerzen in den Wandleuchtern.

»Kommen Sie, Hancock«, fährt Captain Jones unbeirrt fort. »Warum es nicht ausprobieren? Nur für eine Weile? Die Kosten reinholen – sie doppelt wettmachen – und dann das kleine Ding wieder verkaufen. Das wird keine Zeit in Anspruch nehmen.«

»Werden Sie zum Essen bleiben?«, flötet Sukie, um ihre vorige Sprachlosigkeit wettzumachen. »Oder übernachten? Ich kann Ihnen ein Bett machen lassen.« Das Gästebett ist immer bezogen, wie sie sehr wohl weiß. Bridget braucht nur die Laken mit Lavendelwasser zu besprengen.

»Nein, danke. Ich will schleunigst heim zu meiner Frau.« Captain Jones lächelt liebevoll traurig. »Ich hab meinen Jüngsten nicht mehr gesehen, seit er fünf Wochen alt war, und nun höre ich, er ist ein wackerer kleiner Bursche geworden und kann einen Ball treten und bis achtzehn zählen. Ich will heute Abend nach Woolwich weiter, wenn es Ihnen nichts ausmacht.« Er schiebt den Riegel zur Seite und tritt in die Nacht hinaus. »Also, Hancock, denken Sie darüber nach.«

Der wendet das Gesicht ab. »Ja, ja«, murmelt er, »ich werde es mir überlegen.«

»Wir müssen das feiern!« Jones grinst. »Ich habe Lust, mich mal wieder in London blicken zu lassen. Während der ganzen Reise hat mich die Erinnerung an glückliche Stunden in einem Badehaus am Long Acre aufrecht gehalten. Ist nicht ein Bordell der beste Platz, um eine Meerjungfrau zu feiern?«

»Schweigen Sie, die Mädchen sind in Hörweite.«

»Gute Nacht, Sir. Gute Nacht!«

Mr. Hancock verriegelt sorgfältig die Tür. Im Bureau trifft er Sukie und Bridget an. In seinen großen Lehnstuhl am Schreibtisch gequetscht, stützen sie das Kinn auf die Arme und begaffen die Meerjungfrau. Bridget gähnt herzhaft, aber Sukie runzelt überaus munter die Stirn.

»Hinaus mit euch«, sagt er. »Ihr springt mir zu viel vor den Füßen herum. Ihr solltet längst im Bett sein.«

»Was ist ein Bordell?«, fragt Sukie und streckt die Beine von sich.

»Ein Haus, wo Gentlemen zum Schröpfen hingehen.« Er scheucht sie von seinem Schreibtisch weg. »Sie werden zur Ader gelassen und gebadet … und dergleichen. Für die Gesundheit.«

»Verstehe.« Sie senkt das Löschhütchen auf die Kerzen, während Bridget die Lichter im Flur löscht. Er schließt die Fensterläden mit dem Nachtlicht in der Hand. »Und die Meerjungfrau?«, fragt sie weiter. »Werden wir damit unser Glück machen?«

»Wir werden unser Glück machen, aber nicht damit.«

»Der Kapitän sprach von einer Menge Geld.«

»Was heißt das schon? Du bist nur ein kleines Mädchen, das in diesem Haus lebt. Wenn du bei den Rechnungen Ordnung und Fristen einhältst, ist es für dich nicht wichtig, wie viel oder wenig in der Kasse ist.«

»Mutter sagt, es ist furchtbar unhöflich, die Frauen von den Geschäftsbüchern fernzuhalten. Denn wenn sie ruiniert werden, haben sie ein Recht darauf, es zu erfahren.«

»Niemand wird hier ruiniert«, brummt er. »Und du wirst deiner Mutter nichts davon erzählen.«

»Wir sind aber davon betroffen. Das Kapital meines Vaters …«

»Sein Kapital ist sicher. Anderenfalls kann er mit mir persönlich verhandeln. Und nun will ich nichts mehr davon hören.«

An der allerletzten Kerze dreht sie sich um, das Gesicht im Halbdunkel, während ihre Haare im Lichtschein leuchten. Ihr Blick huscht zu dem dunklen Schreibtisch, wo die gekrümmten Finger der Meerjungfrau wie ein Schattenriss zu sehen sind. »Und lassen wir sie über Nacht hier drin?«

»Sie wird uns wohl nicht weglaufen.«

Sukie schaudert und löscht die Flamme.

Mit dem Nachtlicht dreht Mr. Hancock seine gewohnte Runde durchs Haus. In der Küche, wo Bridget in der Ecke ihr Bett bereit macht, verriegelt er die Türen und Fensterläden. Dann steigt er die Treppe hinauf, Sukie mit raschelnden Röcken dicht hinter ihm, und sieht nach, ob überall die Fenster gut verschlossen sind. Sie sprechen kein Wort, als sie das Feuer im Salon drosseln und die Tür zum Dachboden abschließen, damit kein Dieb, der über die Dächer schleicht, sich bei ihnen die Taschen füllen kann.

Als alles dicht und dunkel ist, zieht sich Mr. Hancock in sein Zimmer im zweiten Stock zurück und legt den Riegel vor. Er hängt Hose und Strümpfe über den Stuhl, und das Haus wird langsam still. Nur die Balken ächzen und knacken, und der Wind fährt hin und wieder in die Kamine. Mr. Hancock teilt gerade die Bettvorhänge, als er die Treppe knarren hört. Er hält inne und lauscht angestrengt. Wieder knarrt eine Stufe, näher diesmal, an der Treppenbiegung vor dem ersten Stock, vermutet er, wo das Geländer locker ist. Jemand nähert sich aus den dunklen, verschlossenen Räumen unten.

Barfuß und im Hemd geht er zur Tür und lauscht. Irgendwo unter sich hört er ein Klopfen, ein Kratzen wie von einem Fingernagel auf Holz.

Durch die Bodendielen hört er Sukie wimmern. Sie hat es auch gehört. Jetzt geht sie zu ihrer Zimmertür. Er spürt ein Kribbeln im Nacken. Sie wird die Sache doch hoffentlich nicht erkunden wollen. Er ist mit ihrem Schutz betraut, und dennoch, als er ihren Riegel schnappen hört, bleibt er wie angewurzelt stehen.

Da wird geflüstert.

»Ich bin so froh, dass du wach bist!« Es ist Bridget. Natürlich – wer sonst? Wer außer ihr würde zu dieser Stunde durchs Haus schleichen?

»Du hast mich zu Tode erschreckt«, zischt Sukie.

»Ja, nun. Bedenke nur, wie es mir geht. Ich werde kein Auge zutun mit diesem Ding in der Nähe.«

»Ist es nicht eigenartig?«

»Es ist kein Christenmensch, das kann jeder sehen. Was, wenn es uns holen kommt, Sukie?«

»Übernachte bei mir. Wir werden abwechselnd schlafen und Wache halten. Aber jetzt still, weck meinen Onkel nicht auf.«

Und der Riegel schnappt erneut. Mr. Hancock hört sie weiter flüstern, aufgeregte Zischlaute, die sich in Stille auflösen. Er schließt die Augen vor seiner Kerze und versucht den jungen Henry zu spüren, einen freundlichen Gefährten, der im Dunkeln an seiner Seite steht, aber niemand erscheint. Und so begibt er sich einsam zu Bett.

VIER

»Eliza!«

Es ist Mittag, und Angelica ist aufgewacht. Nachdem Mrs. Frost gegangen war, unterhielt sie mit großer Ausgelassenheit bis drei Uhr früh einen Kreis von Gentlemen. Schwitzend und mürrisch setzt sie sich auf, begierig auf eine Tasse Tee. »Eliza!«, ruft sie wieder.

Niemand antwortet.

Sie steht auf und tappt in ihrem verknitterten Hemd ins Ankleidezimmer. Der Frisiertisch steht noch schräg in der Mitte, und Mrs. Frosts Bett ist kalt und unbenutzt, die Tagesdecke bis zur Nackenrolle glatt gezogen.

»Sie wird doch nicht die ganze Nacht fort gewesen sein«, murmelt Angelica. »Wo hätte sie denn hingekonnt?« Sie verbietet sich den Gedanken, Mrs. Frost habe nicht vor, zurückzukehren, dennoch bekommt sie Herzklopfen. Sie geht in den Salon, in dem nach dem nächtlichen Treiben Unordnung herrscht. Die Sofakissen liegen auf dem Boden, hier und da stehen Gläser, klebrig von Ratafia. »Eliza, Eliza!« Angelica begibt sich in die Spülküche und seufzt, denn sie weiß schon jetzt, dass ihre Suche vergeblich sein wird. So etwas ist noch nie vorgekommen.

Sie steht mitten in dem großen Raum und zieht an ihren Fingern, bis die Gelenke knacken. Ihre alte Freundin Bel Fortescue wird sie gleich abholen, und diese hat die schärfsten Augen von allen. Hinzu kommt, dass Angelicas adliger Gönner zu Wurmfutter geworden ist, während der von Bel lebendig und erfolgreich ist und sie so leidenschaftlich liebt wie am ersten Tag.

»Ich werde nicht ihre betrübte Freundin spielen«, murmelt Angelica. »Ich bin genauso schön wie sie.« Und doch hat Mrs. Frost sie verlassen, und sie muss sich selbst um ihre äußere Erscheinung kümmern.

Ihre Locken sind noch frisch und brauchen nur aufgeschüttelt zu werden, was ihr wohl gelingen dürfte. Sie sucht unter ihren Sachen nach einem Kleid, das sie ohne Mrs. Frosts geschickte Hände und aufmerksame Augen anziehen kann. Was für ein Segen ist doch ihr Perdita-Kleid! Denn sobald sie ihre Taille in ihr rosa Seidenmieder gezwängt hat, ordnet sie mit erträglicher Mühe die Kräuselfalten des weißen Musselins und kaschiert ihre Fehler mit einer breiten blauen Schärpe. Geringere als sie mögen sich scheuen, ein so schmuckloses, bescheidenes Kleid zu tragen, aber Angelica braucht wegen ihres schönen Gesichts und der guten Figur kein schmückendes Beiwerk. Sie ist in ihrer zarten Umhüllung so unbefangen wie eine Nymphe.

»Das war doch leichter als befürchtet«, gratuliert sie sich, als sie sich vor ihren verstellten Frisiertisch setzt und Rouge auf die Wangen tupft. Sie ist sehr zufrieden mit sich und vermisst ihre Gefährtin kein bisschen.

Als Angelica zu Bel Fortescue in die Kutsche steigt, überfliegt die Freundin ihr hauchdünnes Kleid mit leiser Belustigung.

»Welche Nacktheit, Jellie«, murmelt sie, denn selbst wenn sie spottet, tut sie das gefühlvoll.

Sie ist eine zierliche Person mit hellbraunen Augen und seit zehn Jahren eine Gefährtin im aphrodisischen Gewerbe. Ihr Gesicht ist rund und ihr Kinn spitz, sie hat eine Stupsnase wie ein Kind, und auch ihre Hände sind kindlich klein und sauber. Männer haben geweint wegen ihrer Lieblichkeit, aber wenn einer in der Hoffnung zu ihr kam, sie werde in allem wie ein Kind sein, dann wurde er enttäuscht. Denn schon als Mädchen von sechzehn besaß Bel eine königliche Selbstbeherrschung, und als erwachsene Frau ist sie unberührbar. Sie wird liebevoll ausgehalten von einem klugen Earl, der ihr Heim möbliert und ihre Bibliothek gefüllt hat, aber nicht wagt, Zugang zu ihrem Schlafzimmer zu erbitten.

»Was, dieses?« Angelica zupft an ihrem Musselinkleid, das von ungemein dünnen Bändern gehalten wird. »Das ist das praktischste Ding, das mir je untergekommen ist. So schlicht und so leicht ist es.«

»So schlicht und leicht, es ist kaum vorhanden«, sagt Bel.

»Ich habe schon weniger getragen.«

»Nicht auf der Mall.«

Angelica reckt die Nase in die Luft.

»Oh, Herzchen«, sagt Bel Fortescue warm, »ich freue mich, dich so gefasst zu sehen.« In ihrer unglücklichsten Zeit hatte sich Angelica einmal erlaubt, in Gegenwart ihrer Freundin aufrichtig zu weinen. Das war ein Fehler, denn Bel sieht ihr nun forschend ins Gesicht und legt eine Hand auf ihren Arm. »Es geht dir doch gut, nicht wahr?«

»Oh, aber zweifellos!«

Die Kutsche ist so gebaut, dass sie sich geschmeidig und fast lautlos bewegt, und in den rosa Seidenpolstern sitzen die Damen wie Perlen in der Austernschale. Die Fenster sind klein und mit Vorhängen versehen, aber Angelica späht hinaus, als sie an den Prachtbauten des Piccadilly vorbeifahren.

»Nun sag schon, Bel, wer ist hier? Du musst es mir erzählen. Es gibt viele alte Freunde, mit denen ich dringend wieder Verbindung aufnehmen will.«

»Es ist bislang noch sehr ruhig. Das Parlament ist noch nicht zusammengetreten. Niemand von Bedeutung ist zur Saison in die Stadt zurückgekehrt. Du könntest dir erlauben, dich ein wenig länger zurückzuziehen, sollten deine Nerven noch zu …«

Bels Besorgnis wird Angelica zu viel.

»Ich bin hier, oder nicht? Vielleicht ist es besser, dass ich vor dem großen Ansturm angekommen bin. Ich mag es nicht, als Letzte einen Raum zu betreten.«

»Niemand hätte dir einen Vorwurf gemacht«, beharrt Bel, »wenn du das Land dem Trubel vorgezogen hättest. Wir verstehen das.«

»Pah! Ich wäre gestorben, wenn ich nur einen Moment länger geblieben wäre! Das Landleben ist nichts für mich, Bel. Da gibt es zu viele Tiere, und das Licht ist nicht schmeichelhaft.«

»Aber du weißt, dass du …«

»Und wie niedrig die Decken dort sind! Wirklich, ich bin froh, mich wieder ins Getümmel stürzen zu können. Wohin fahren wir?«

»Zum Berkeley Square.« Bels Augen leuchten. »Ich nehme dich zu Negri’s mit und werde dich mit Süßem füttern.«

»Oh Bel!« Angelica klatscht in die Hände.

»Ich weiß doch, was du magst – Gelees und Weinschaumcreme und Gebäck. Ich vermute, davon gibt es auf dem Land nicht allzu viel. Übrigens, hat Mrs. Chappell dich kürzlich besucht?«

»Aha! Jetzt kommen wir auf den Punkt. Und was ginge dich das an?«

»Ich bin nur neugierig. Würde ich noch dem Spiel frönen, würde ich darauf wetten, dass sie ihre Krallen wieder in dich schlägt, sobald du frei bist.«

Angelica seufzt. »Gestern war sie bei mir.«

»Und du hast ihr gesagt …«

»Ich habe mich geweigert, zu ihr zurückzukehren.«

Mrs. Fortescue ist viel zu höflich, um zu lachen oder übermäßig zu schmunzeln, doch sie zieht die Rüsche an Angelicas Schulter zurecht. »Gut.«

Jetzt erst bemerkt Angelica ihre Belustigung. »Bel, denk nur, wie das wäre!«, ruft sie aus. »In meinem Alter! So, wie ich bin!«

»Das wäre eine schlechte Entscheidung gewesen«, bestätigt Bel und nickt ernst. »Ein Abstieg.«

»Sie würde mir erlauben, meine Preise selbst festzulegen und an ihrer Tafel zu speisen, und wir wären beste Freundinnen …«

»Und dann berechnet sie dir einen halben Shilling für die Schale Orangen, die sie dir ins Zimmer gestellt hat!«

»Ganz recht, und aus Gefälligkeit lässt sie mir einen Fleck aus dem Kleid reiben …«

»… damit sie dir eine halbe Krone in Rechnung stellen kann.«

»Und jedes Mal, wenn ich ein Glas Sherry trinke, notiert sie sich das.«

»Und die frische Bettwäsche! Weißt du noch?«

»Frische Laken täglich!« Es ist lange her, dass Angelica die Gelegenheit hatte, ihrem Groll Luft zu machen, und sie greift freudig nach der Hand ihrer Freundin. »Allein durch ihre Wäscherechnungen würde sie mich zur Sklavin machen. Wenn mein Herzog mich nicht freigekauft hätte, wäre ich wohl nie von ihr weggekommen. Bel, ich kann das nicht wieder tun. Ich kann nicht mehr ihre Sklavin sein. Oder irre ich mich? Ist das nicht die vernünftigste Entscheidung?«

»Doch, doch. Hätten wir in einer Kammer leben wollen, wären wir zu Hause in unseren Dörfern geblieben, oder nicht? Außerdem«, fügt Mrs. Fortescue mit einem raschen Seitenblick auf ihre Freundin hinzu, »habe ich den Verdacht, dass Mother Chappells Fähigkeiten nachlassen.«

Darin kann Angelica ihr nicht folgen. »Oh nein«, widerspricht sie kopfschüttelnd. »Nein, das halte ich für unmöglich. Mrs. Chappell ist in ganz London die Beste ihres Fachs.«

»Das war sie einmal«, sagt Bel. »Jetzt ist sie eine alte Frau. Sie kann die Wünsche der Welt nicht mehr so zuverlässig ergründen wie vor zwanzig Jahren. Jüngere Kupplerinnen gelangen nach oben, während sie sich auf ihre alten Getreuen verlässt.« Bel spricht lebhaft und mit bewegtem Mienenspiel, mal senkt sie düster die Brauen, mal spreizt sie die Hände, wie um das Gewicht ihrer Argumente abzuwiegen. »Natürlich hat sie wie eh und je ein gutes Auge für Schönheit, aber in letzter Zeit sehe ich, dass sie auch ein Auge für Mädchen hat, die tun, was ihnen beigebracht wurde, und nicht mehr. Sie wachsen nicht in der Weise über ihre Lehrmeisterin hinaus, wie es sein sollte. Es sind die kultiviertesten und gebildetsten Huren Londons, aber eine Hure ist eine Hure, ist es nicht so?«

»Vermutlich«, sagt Angelica. »Warum will sie dann mich?«

»Du hast eine Begabung, die man nicht lehren kann.«

Angelica windet sich an ihrem Platz. »Tatsächlich?«

»Ja. Deshalb bist du eine Kurtisane und keine billige Hure.« Bel neigt sich vor. »Mother Chappell traut sich nicht mehr, solch begabte Mädchen wie dich aufzunehmen, denn sie fürchtet, sie kann sie nicht formen. Sie hofft, deine Zuneigung zu ihr macht dich fügsam. Genau aus diesem Grund darfst du nicht zu ihr zurückkehren.«

»Oh.« Angelica denkt kurz darüber nach. »Eliza sagt, ich sollte.«

Ein Schatten der Geringschätzung huscht über Bels Gesicht. »Du behältst sie noch immer bei dir?«

»Sie hat niemand anderen.« Mrs. Frosts Treuebruch erwähnt Angelica nicht. Sie möchte nicht einmal daran denken.

»Sie ist eine furchtsame Frau«, zischt Bel und fasst sie am Handgelenk. »Sie legt es darauf an, dass du unter deinen Möglichkeiten bleibst. Genau wie Mrs. Chappell. Das ist das Problem mit Frauen. Männer sind nicht ängstlich. Sie verhelfen einander zur Größe. Frauen glauben, ihre einzige Macht bestünde darin, einander zu zerstören.«

»Da hast du völlig recht! Darum brauche ich deine Hilfe. Wenn ich von Mrs. Chappell unabhängig bleiben will, muss ich anfangen, eigene Verbindungen aufzubauen.«

»Ich kenne einen Gentleman. Er entspricht nicht deinem Geschmack«, fügt sie sogleich hinzu. »Aber er bewundert dich, und du könntest ihn für ein paar Stunden mit deiner Gesellschaft beglücken. Die Theater öffnen wieder, und er hat eine Loge in der Drury Lane.«

»Eine gute Loge?«, fragt Angelica argwöhnisch. »Eine, die für mich angemessen ist?«

»Du fragst dich gar nicht, ob du für sie angemessen bist?«

»Sei nicht albern. Das bin ich selbstverständlich. Ich könnte mich selbst in der Loge des Prinzen von Wales sehen lassen, wenn er mich einladen würde.«

»Mr. Jennings will dich haben, das weiß ich«, sagt Bel. »Er ist ein Schurke – aber kein allzu schlimmer. Wenn es dir lediglich darum geht, deine Rückkehr bekannt zu machen, ist er der Richtige. Ich werde ihm schreiben, damit er dir heute Abend einen Platz freihält.«

Angelica quietscht vor Freude. »Oh Bel! Ich danke dir!«

»Benimm dich nur, und gib mir keinen Grund, das zu bereuen.« Die Kutsche hält im Schatten am Berkeley Square, und Bels Miene hellt sich auf wie der Himmel, wenn die Regenwolken davonziehen. »Ah, wir sind da! Was möchtest du? Mein Diener kann hineingehen und bestellen.«

»Was, und mich um das Vergnügen bringen, mir etwas auszusuchen?« Der Berkeley Square ist eine Promenade, die nur auf Angelica wartet. »Nein, ich möchte selbst hineingehen.«

»Oh bitte, zwing mich nicht. Ich kann es nicht mehr ertragen, angestarrt zu werden.«

»Ach, komm doch, Bel!«

»Warum können wir nicht in der Kutsche essen?«

»Weil wir nicht deshalb hier sind.« Angelicas Mund wird schmal.

Bel tut, als sähe sie das nicht, kann jedoch nicht ignorieren, dass ihre Freundin ihr Handgelenk drückt. Angelica holt Luft.

»Ich war so lange fort, Bel«, sagt sie, und nun fängt sie ihren Blick auf. »Ich brauche das.«

»Oh, Jellie …«

Als sie aussteigen, drehen sich die Leute nach ihnen um. Vornehme junge Damen stupsen einander an, und Ehefrauen berühren ihre Männer an der Schulter.

»Siehst du es?«, flüstert Angelica. »Wir haben uns von der Welt zurückgezogen und sind doch nicht vergessen. Freut dich das nicht?«

»Nicht besonders«, sagt Mrs. Fortescue. »Sie haben aufgehört, mich als hinterlistige Schlange zu beschimpfen. Das ist immerhin etwas.«

»Mir gefällt das«, sagt Angelica und schwenkt die Hüften, worauf die zarten Rüschen um ihre Beine wogen, die völlig nackt sind bis auf die Strümpfe, den Schlüpfer und zwei Lagen Musselin. Wie schön es ist, wieder durch London zu flanieren und die Leute gaffen, gaffen, gaffen zu sehen, noch dazu in Gesellschaft der Dame, über die am meisten geredet wird!

Im Schaufenster der Confiserie stehen hohe, rötlich getönte Gläser gefüllt mit Süßigkeiten aller Art und eine Vielzahl von Zuckerfiguren, die wie Eis schimmern, und ein Palast aus glasklarem Gelee mit winzigen Luftblasen über den darin schwebenden Johannisbeeren, Aprikosen und Weinbeeren.

Drinnen erweist sich die Confiserie als wahrer Zuckertempel, der nichts ahnen lässt von der Hitze und der mühevollen Arbeit, dem Kochen und Abschöpfen, Abmessen und Verzieren, das zur Herstellung nötig ist: Alles hier erscheint kühl und glänzend. Grüppchen vornehmer Damen und Herren betreiben an den Marmortischen höfliche Konversation.

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