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Die letzte Prophezeiung

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Inhaltsübersicht

ERSTER TEIL

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ZWEITER TEIL

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DRITTER TEIL

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Fußnoten

|5|Dieses Buch ist Frucht der Phantasie. Die Namen von Nationen, Institutionen, Kirchen, Unternehmen, Medien und öffentlichen Personen, die tatsächlich existiert haben oder noch existieren, beziehen sich nicht auf reale Begebenheiten. Sie verweisen lediglich auf Tatsachen und Umstände, die den Mythen, Ängsten und Träumen der gesamten Menschheit angehören.

|6|Die Schriften lassen sich in vierfachem Sinn verstehen und auslegen. Der eine nennt sich »wörtlich« (…). Ein weiterer nennt sich »allegorisch«, und das ist derjenige, der sich unter dem Deckmantel der Fabeln verbirgt: eine hinter schöner Lüge verborgene Wahrheit (…). Der dritte heißt »moralisch«, und das ist derjenige, den die Leser zum Nutzen ihrer selbst und ihrer Nachkommen in den Schriften gezielt aufspüren sollen (…). Der vierte Sinn heißt »anagogisch«, also übersinnlich; das bedeutet, dass eine Schrift sich durch spirituellen Gehalt auszeichnet.

Dante Alighieri, Il Convivio

|7|ERSTER TEIL

Wir brauchen Fabeln, die der Wahrheit ähneln.

Voltaire

|9|1

Ort: Klausurkloster der Benediktinerinnen Mater Ecclesiae

Weltzeit: Sonntag, 21. Juni, 9.00 Uhr (GMT)

Ortszeit: 11.00 Uhr (12.00 Uhr in Nazareth)

 

Ich flog in der höchsten Sonne Anatoliens, als ich plötzlich auf dem Berg der Nachtigall das Haus Mariens erblickte und unten im Tal die antiken Ruinen des Hafens des Orients.

Ich atmete den Wohlgeruch des Rosmarins, während der Erzengel und der Drache, den Ritus wispernd, hinabstiegen zur Krypta.

Ich hörte ihre Worte und ich sah ihre Herzen.

Ich witterte die schwarze Seele des Drachen, ihren Pechgeruch, und den Lilienduft, den das Gewand des Erzengels ausströmte, des Himmelsboten ohne Ringfinger.

Ich sah, wie der Erzengel an den Rädern drehte und die Pforte zur Krypta öffnete.

Ich folgte dem Drachen, der nackt hinunterstieg in die Krypta der Sanduhren, den Schrein öffnete und die Schriftrolle las, und in dessen Geist sich die Wahrsagung einbrannte.

Dann blendete mich das Feuer der Schriftrolle, und mein Geist entfloh, um Schutz zu suchen beim Erzengel.

Doch ich berührte seine unwissende Seele, und ich war stumm und konnte mich ihm nicht mitteilen.

Ich weinte, die Nase voller Weihrauch, als sie gen Okzident zogen.

Dann plötzlich erwachte ich, gebadet in Angstschweiß.

|10|2

Ort: Dublin

Weltzeit: Montag, 22. Juni, 7.10 Uhr (GMT)

Ortszeit: 8.10 Uhr

 

Die schlammverschmierten Springerstiefel hinterließen auf dem Linoleum im Korridor eine lange Matschspur. Larry Bohan wusste ganz genau, welche Richtung er einschlagen musste, dazu brauchte er nicht die gelben Streifen, die den Weg zu den Büros wiesen. Auch die Hosenbeine seines schreiend orangefarbenen Pilotenoveralls waren mit Dreck bespritzt, und die Nähte zierten wilde Risse, als hätte sie jemand zum Spaß zerrupft. An den Ärmelbündchen bildeten sich winzige Wassertropfen, schwarz wie Torf, die allmählich anschwollen und auf den Fußboden fielen.

»Entschuldigung, wo wollen Sie hin?«

Larry Bohan blieb stehen und wandte sich um, wobei er die Hand von der Türklinke vor sich nahm. »Ich muss mit Inspector Paul Goonan sprechen. Sofort«, antwortete er.

Sergeant Bridget Walsh, die Polizistin, die ihn aufgehalten hatte, trat näher. Sie hielt ein dickes Aktenbündel in den Armen, aus dem verschiedenfarbige Mappen ragten. Sie musterte Larry Bohan vom Scheitel bis zur Sohle: Dieser Kerl mit seinen roten, schlammverkrusteten Haaren wirkte auf sie wie ein Trunkenbold, der gerade in einer Bierpfütze gelandet war.

»Würden Sie mir bitte Ihren Besucherpass zeigen?«, sagte sie entschlossen.

|11|Larry Bohan deutete eine Geste an, die in etwa dem Durchsuchen seiner Taschen entsprechen sollte. »Ich habe keinen. An der Pforte bin ich gut bekannt. Aber ich muss sofort mit Goonan sprechen. Es geht um Leben und Tod.«

Ein junger Mann in Uniform trat auf den Flur und schaute interessiert in ihre Richtung. Bridget Walsh gab ihm ein Zeichen, er solle näher treten, dann lud sie ihm den Aktenstapel auf: »Bitte, Sean, das muss zu Superintendent Galway. Ich habe hier ein Problem zu lösen.«

Der Kollege nahm das Dossier und machte sich auf den Weg durch den Korridor.

»Und was Sie betrifft«, sagte Walsh mit Blick auf Bohan, »Inspector Goonan darf im Augenblick nicht gestört werden. Wenn Sie so freundlich wären, mir zum Ausgang zu folgen …«

Bohan bebte vor Wut. »Ich habe keine Zeit zu verlieren«, schrie er. »Ich wurde in der Luft abgeschossen und musste die Nacht in einem verschissenen Sumpf verbringen, und deshalb gehe ich jetzt da rein …«, und damit riss er die Tür auf.

»Das dürfen Sie nicht!« Die Polizistin versuchte, ihn zu stoppen, indem sie ihn an einem Arm festhielt, aber der Bursche war schneller und witschte in das Büro.

Vor ihm tat sich ein Chaos aus Papieren, Ordnern und Aktenmappen auf, über dem ein beißender Zigarettengestank hing, als wäre das Zimmer hermetisch verschlossen gewesen. Hinter einem Metallschreibtisch saß Inspector Paul Goonan. Er telefonierte, und seine Zigarette war nur noch ein langer Aschezylinder, der sich wundersamerweise am Filter hielt. Überrascht fixierte er die beiden Eindringlinge, ohne ein Wort zu sagen. Er deckte instinktiv die Muschel mit der rechten Hand ab, und da fiel die Asche auf den mit Papieren übersäten Schreibtisch.

Bridget schnellte vor und platzierte sich zwischen Larry Bohan und dem Inspector. »Entschuldige, Paul, ich habe versucht, ihn aufzuhalten, aber …«

|12|»Es geht um Leben und Tod!«, unterbrach Bohan sie.

Mit einer Handbewegung brachte Goonan die beiden zum Schweigen, dann redete er weiter ins Telefon: »Verzeihen Sie, ich muss Sie in ein paar Minuten zurückrufen. Danke, bis nachher.« Er legt den Hörer auf, und seine scharfen hellblauen Augen musterten in aller Ruhe den jämmerlichen Zustand des Burschen. »Larry, was zum Teufel tust du hier?«, fragte er ihn in gelassenem Ton. »Ist jetzt nicht Zeit für deine erste Halbe?«

Bohan war nicht in der mentalen Verfassung, um die Ironie aus den Worten des Inspectors herauszuhören. Er war verängstigt und angespannt. »Ich habe drei gebraucht, um mich von dem Schreck zu erholen«, murmelte er, wobei er an der Beamtin vorbei an Goonans Schreibtisch trat.

»Du kannst uns ruhig allein lassen, Bridget«, sagte Goonan. »Und danke für deine Hilfe.«

»Aber er hat keinen Pass!«, protestierte sie.

»Lass uns ruhig allein«, wiederholte der Inspector.

»Gut«, nickte die Polizistin. Sie warf diesem Typen, der sie vor ihrem Vorgesetzten lächerlich gemacht hatte, einen hasserfüllten Blick zu, dann schloss sie behutsam die Tür. Das Klappern ihrer Absätze verhallte auf dem Flur.

»Hör zu, Goonan …«, fing der Kerl an.

»Inspector Detective Goonan«, unterbrach ihn der Angesprochene sofort.

»Richtig: Inspector Detective Goonan …«, fing Bohan wieder an und wollte sich setzen.

Goonan stoppte ihn erneut: »Nein, ich bitte dich, den Stuhl würde ich gerne noch benutzen, wenn wir beide fertig sind.«

»Ach, Scheiße, Inspector Detective Goonan«, platzte Bohan heraus. »Die haben mir den Deltadrachen unter dem Arsch weggeschossen, ich habe die Nacht versteckt in einer Jauchegrube verbracht, ich komme hier bibbernd an, und dann |13|habe ich noch nicht einmal einen Stuhl verdient? Wofür zum Geier zahle ich eigentlich Steuern?«

Goonan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Man brauchte Geduld mit diesem Mythomanen, und außerdem war er wirklich neugierig zu hören, was ihm diesmal widerfahren war. »Okay, setz dich, treuer Steuerzahler«, sagte er ironisch.

Bohan nahm Platz. Goonan zog ein frisches Päckchen Zigaretten hervor, das unter dem Papierwust auf dem Fensterbrett hinter ihm begraben gewesen war, und öffnete es.

»Zigarette?«, fragte er.

Der andere schüttelte den Kopf.

»Schade …«, meinte der Inspector, während er sich eine anzündete, »das war ein Geschenk der Garda Síochána, der überaus freundlichen irischen Polizei.«

Bohan verlor endgültig die Fassung. Er schlug mit den schlammverkrusteten Fäusten auf den Schreibtisch.

»Die haben versucht, mich umzubringen, verdammte Scheiße!«

Der Polizist nahm einen tiefen Zug. Dann ließ er den Rauch gemächlich ausströmen. »Tatsächlich?«, fragte er und tat, als dächte er über die Schwere dieser Behauptung nach.

»Goonan, heiliger Strohsack, mir ist nicht nach Scherzen zumute. Ich bin über An Nas geflogen, und da haben sie auf mich geschossen. Schau!«

Der Bursche zeigte auf eine Stelle am Oberkörper, wo sein Overall zerrissen und angekohlt war, und hielt sie dem Inspector unter die Nase.

Goonan beugte sich vor, warf einen flüchtigen Blick darauf und lehnte sich wieder zurück. Das sah tatsächlich wie die Spuren eines Streifschusses aus, aber bei einem wie Larry Bohan musste man mit allem rechnen, auch mit einer peinlich genauen Vorspiegelung falscher Indizien. »Und wo ist der Bauer, der auf dich geschossen haben soll?«

|14|»Kein Bauer«, antwortete der Bursche und erhob sich. Er schaute sich sorgfältig um und setzte sich mit theatralischer Geste wieder hin.

»Terroristen«, flüsterte er, wobei er sich zu dem Inspector vorbeugte.

Goonan unterdrückte sein Lachen, und um es zu überspielen, hustete er ein paar Mal, als hätte er sich am Rauch verschluckt.

»Vier«, sagte der andere. »Und das waren sogar Araber, sage ich dir.«

»Hmm …«, nickte der Inspector ernst. »Damit wir uns richtig verstehen, Larry: Das ist jetzt das dritte Mal in zwei Jahren, dass du hier wegen eines Unfalls mit deinem Drachen Anzeige erstatten willst. Beim ersten Mal hast du behauptet, sie hätten dich heruntergeholt, beim zweiten Mal …«

»Diesmal ist es anders«, unterbrach Bohan ihn, »sie haben auf mich geschossen. Siehst du das nicht?« Er zerrte wieder an dem Overall. »Scheiße noch mal, du müsstest mal sehen, wie die meinen Drachen zugerichtet haben …«

»Und warum hätten dich vier arabische Terroristen ins Visier nehmen sollen? Bist du über eine Moschee geflogen? Verletzung des arabischen Luftraumes?«

Bohan verschlug es für einen Moment die Sprache, dann fuhr er fort: »Da gibt es gar nichts zu lachen«, sagte er bedeutungsschwanger. »Die haben auf mich geschossen, weil ich Zeuge einer Entführung wurde.«

Goonan betrachtete die Zigarette und beschloss, sie auszumachen, auch wenn sie erst zur Hälfte aufgeraucht war. Er war dabei, die Geduld zu verlieren.

»Eine Entführung«, wiederholte er.

»Ja, die Entführung eines Politikers.«

»Wer ist es denn? Ein Abgeordneter? Der Premierminister?«

|15|»Schlimmer, Goonan. Die haben den aus Russland gekascht. Den Glatzkopf mit dem Feuermal am Schädel, wie heißt er noch mal, zum Henker … Gorbotschow.«

»Gorbatschow?«

»Genau der!« Bohan strahlte.

Das Telefon auf dem Schreibtisch läutete. Der Inspector betrachtete das Display und legte die Hand auf den Hörer. »Larry, zum Glück bist du gleich gekommen, um mir das zu sagen. Jetzt musst du aber draußen warten, ich habe den Premierminister auf der roten Leitung, das ist wichtig.«

»Den Premierminister?«

»Ja, sicher … Gorbatschow, der Russe, ist sein Freund, und solche Neuigkeiten verbreiten sich wie im Flug. Jetzt geh raus und warte auf mich. Dauert nur einen Moment, ich erledige schnell die Staatsgeschäfte, und dann bin ich bei dir.«

Larry kratzte sich den Handrücken. Eingetrocknete Schlammkrümel fielen auf den Boden. Goonan betrachtete ihn stumm. »Geh jetzt«, ermunterte er ihn.

Der Bursche ging hinaus, machte die Tür hinter sich zu, und der Polizist konnte endlich den Hörer aufnehmen: »Inspector Goonan …«

Es war Bridget Walsh: »… ich habe hier einen Kerl in der Leitung, der behauptet, jemand hätte sein Pferd aufgegessen, roh, und …«

»Kümmere du dich darum, Bridget, hier wurde gerade Gorbatschow entführt.«

»Was?«, fragte sie bestürzt.

»Das ist der jüngste Einfall von Larry Bohan, dem Typen in dem orangefarbenen Overall, den du hier gesehen hast. Ich weiß nicht, was er sich noch ausdenken würde, um an die Versicherungsprämie zu kommen …«

»Die Welt ist voller Verrückter, Chef.«

»Jepp, und wir sind die Aufpasser im Irrenhaus.«

|16|Goonan legte wieder auf und fuhr sich über die Stirn. Das war ein böser Wochenauftakt, wenn dir ausgerechnet der Sohn des alten Bohan ins Büro schneite, Larry, genannt Flying Guiness, weil er dazu neigte, sich im Vollsuff an seinen Deltadrachen zu hängen. In zwei Jahren zwei Mal versuchter Versicherungsbetrug, und er gab immer noch nicht auf. Nicht mitgerechnet die Anzeigen wegen Sachbeschädigung und die vielen Abmahnungen wegen Schlägereien.

Wie üblich war die Geschichte nicht nur außerhalb Blackrocks, seines Dienstbezirks, passiert, sondern sogar außerhalb Dublins. Für Larry existierte sowieso nur ein Polizeibeamter in Irland: der Freund seines Papas, Paul Goonan. Aber das Ding mit Gorbatschow war ein dicker Hund. Zu dick, selbst für einen wie Larry, die »fliegende Halbe«. Er hatte Lust, ihn wegzuschließen, ihn blasen zu lassen und ihn mal ordentlich durch die Mangel zu drehen. Aber das wäre reine Zeitverschwendung gewesen. Das war nun mal sein Schicksal: sein Leben im Büro zu verbringen, um sich mit trinkfreudigen Mythomanen und Pferdefleischfressern herumzuschlagen. Aber er wäre nicht fähig gewesen, irgendeinen anderen Beruf auszuüben. Er war fast vierzig, in seinem Kamm blieben immer mehr Haare hängen, und die einzige Zerstreuung in seinem Leben war eine halbherzige Beziehung zu Margaret, einer zärtlich-willfährigen Kindergärtnerin, die sich seit fast einem Jahr um ihn kümmerte. Aber wenn die Entführer eines Gorbatschow auf der Matte standen, dann musste man den Fall verfolgen, und zwar nach Vorschrift.

Bohans Kopf schob sich erneut ins Büro.

»Soll ich die Formulare ausfüllen?«

Seufzend bedeutete Goonan ihm einzutreten. »Ja, Larry, alle Formulare. Das ist eine Frage nationaler Sicherheit.«

|17|3

Ort: Rom

Weltzeit: Dienstag, 23. Juni, 8.31 Uhr (GMT)

Ortszeit: 10.31 Uhr

 

Liam schaute sich um, in seine Neugier mischte sich respektvolle Hochachtung.

Er hatte sein Leben den Büchern gewidmet und für diese Passion sogar sein Land verlassen. Jetzt, mit vierzig, war er Universitätsprofessor und sorgte dafür, dass seine Schüler aus Büchern lernten, er veröffentlichte Bücher, rezensierte Bücher, und abends, ehe er in einem fast immer leeren Bett einschlief, war sein liebster Zeitvertreib, Bücher zu lesen. Und doch war für ihn ein Antiquariat eine ungewohnte Umgebung.

Die vier Wände um ihn herum waren mit alten Regalen aus Nussbaum bedeckt, auf denen Tausende von Büchern standen: Wiegendrucke, mit Miniaturen geschmückte Kodizes, illustrierte Bände, Rara, mit wertvollen Einbänden oder schlichten, die dafür aber zu Unikaten gehörten. Berühmte Meisterwerke der bürgerlichen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, Einzelbände der Enciclopedia, Berichte der Grand Tour, Theatra Mundi, bis hin zu Werken der Theologie, dem Fach, das Liam seit über fünf Jahren hier in Rom unterrichtete, an der PUST, der Päpstlichen Universität Heiliger Thomas von Aquin. Er dachte darüber nach, dass ihn das alles nie wirklich fasziniert hatte: Bibliotheken hatte er immer voller |18|Liebe betrachtet, Antiquariate dagegen mit einem gewissen Vorbehalt, denn diese Orte wurden für gewöhnlich weniger von Lesern, als vielmehr von Sammlern frequentiert, einem Menschenschlag, zu dem er entschieden nicht gehörte. Er hatte nie verstanden, welche Befriedigung es verschaffen konnte, ein Buch zu kaufen, das man nicht lesen, sondern nur besitzen wollte.

An jenem Vormittag jedoch, im Hinterzimmer dieses Antiquariates, fühlte er sich merkwürdigerweise in seinem Element. Er war eingehüllt in eine Atmosphäre der Stille, einer erfüllten Stille, wie im Innern einer ländlichen Kapelle.

Er schaute auf die Uhr: kurz nach halb elf. Komisch, dass Molteni noch nicht da war. Der Professor, der sich mit ihm hier verabredet hatte, rühmte sich immer seiner Pünktlichkeit.

Aus einer Seitentür tauchte ein Buchhändler in mittleren Jahren auf. Er trug weiße Handschuhe und hielt einen Band in Händen, den er vor Liam auf das Lesepult legte. Er führte diese Operation mit einer Behutsamkeit aus, als hätte er eine Seifenblase zu transportieren.

»Dies ist es«, sagte er feierlich.

Liam Brine runzelte verblüfft die Brauen: »Aber ich warte nur auf … Ich habe nichts bestellt.«

»Professor Molteni hat uns genau instruiert: Wenn er kommt, bringen Sie ihm das Buch.«

Nach diesen Worten verabschiedete sich der Angestellte und verschwand.

Liam betrachtete den Einband des Werkes: eine Oktavausgabe der Apokalypse des Johannes. Er zog sich ebenfalls ein Paar der Handschuhe über, die zur freien Verfügung auf dem Tresen lagen, und blätterte in den ersten Seiten. Es war eine Ausgabe aus dem späten 18. Jahrhundert, auf der einen Seite der griechische Text und daneben die italienische Übersetzung. Er klappte das Buch wieder zu, prüfte den Buchrücken |19|und schlug es erneut auf, an der Stelle, an der das Lesebändchen steckte.

Es waren die drei berühmtesten und rätselhaftesten Zeilen der ganzen Bibel. Er hatte sie immer derart prachtvoll gefunden, dass er Lust bekam, sie laut zu lesen: »Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tieres; denn es ist die Zahl eines Menschen, und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.«

»Die Zahl des Antichristen«, überraschte ihn eine Stimme in seinem Rücken. »Eine Rechnung, die im Laufe der Jahrhunderte die verschiedensten Ergebnisse gezeitigt hat, und immer waren sie falsch: von Nero bis Hitler.«

Liam drehte sich um. »Du dagegen kannst sie richtig auslegen, stimmt’s?«

»Natürlich«, sagte Professor Molteni lächelnd.

Die beiden umarmten einander.

»Du siehst blendend aus«, sagte Liam, während er den Freund betrachtete. Tatsächlich sah er sich einem alerten Siebziger in Khakihosen und Tropenjacke gegenüber. In der offenen Hemdbrust sah man wie gewohnt den Ring, der an einem Kettchen baumelte. Das gebräunte Gesicht kontrastierte mit dem Weiß von Kopfhaar und Bart.

»Das scheint nur so, Liam«, antwortete Molteni ernst. »Diese schöne Farbe, Frucht meines alljährlichen Urlaubs in der Türkei, dient lediglich dazu, eine Menge Sorgen zu übertünchen.«

Liam Brine suchte in der Miene seines Freundes eine Spur Ironie, aber er fand sie nicht. »Was machst du hier in Rom?«

»Die offizielle Version ist, dass die Freunde der Kongregation für die Glaubensdoktrin mich ab und zu noch um Rat bitten«, erklärte Molteni zerstreut.

»Und die inoffizielle?«

»Es sieht gar nicht so aus«, fuhr der Professor fort, die Frage ignorierend, »aber die Welt ist immer noch voller Häresien. |20|Die aufsehenerregendsten, wie die von Lefèvre und Milingo, landen in der Zeitung. Andere nicht, weil man eingreift, manchmal mit Entschiedenheit, manchmal diskret …« Er näherte sich dem Lesepult und hob das Buch mit bloßen Händen an.

Liam entging dieser Verstoß gegen die Gesetze des Ortes nicht, aber er sagte nichts.

»Und?«, fragte Molteni. »Was hältst du davon?«

»Ich weiß nicht, Andrea. Was steckt dahinter?«

»Eine jahrtausendealte Geschichte«, antwortete der Professor beiläufig, während er die Seiten umblätterte.

Liam lächelte. »Andrea«, sagte er, »du kommst nach Ewigkeiten wieder einmal nach Rom und bestellst mich zu einem Treffen, weil du meinen Rat zu einer Ausgabe der Apokalypse willst. Was weiß ich schon, was du nicht wüsstest? Außerdem hast du sowieso schon entschieden, dass du das Buch kaufst. Sonst hättest du Handschuhe angezogen.«

Er hielt inne, dann fragte er noch einmal im Flüsterton: »Was steckt dahinter?«

Molteni schlug das Buch zu und presste es an seine Brust, wodurch die Verstümmelung des linken Ringfingers ins Auge stach. Er warf einen schnellen Blick auf die Tür, als ob er fürchtete, gestört zu werden, und zwar mit einer Besorgnis, die Liam übertrieben vorkam.

»Liam«, fragte er in gewichtigem Ton, »erinnerst du dich an meine Vorlesung über die gnostischen Häresien, beim Konvent von Assisi?«

»Seitdem sind mehr als zwanzig Jahre vergangen«, antwortete Liam nach einigen Sekunden.

»Ich kann mich bestens an diesen impertinenten irischen Jungspund erinnern, der vor allen Studenten aufstand, um mir zu widersprechen.«

Liam breitete die Arme aus.

|21|»Und wer hatte recht?«, fragte Molteni.

»Du«, gab Liam zu. »Aber wenn einer zwanzig ist, muss er alles zur Diskussion stellen.«

Molteni näherte sich ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Siehst du, Liam, heute dagegen musst du mir vertrauen. Ohne Diskussion. Ich habe eine schwere Aufgabe. Und ich brauche dich.«

Sie sahen einander an. Einen Moment lang erkannte Liam im Blick seines alten Lehrers und Mentors etwas Neues: Angst.

Das Glöckchen über der Tür, das plötzlich ertönte, ließ Molteni zusammenfahren. Er brauchte einen Augenblick, um sich zu fangen, dann schaute er auf die Uhr.

»Wir sind spät dran.«

»Wir?«

»Bitte, komm für ein paar Minuten mit ins Hotel, es ist gleich hier um die Ecke. Danach werden wir Gelegenheit haben zu sprechen, in aller Ruhe.«

Liam lächelte: Molteni würde sich nie ändern. »Worum geht es? Eine deiner üblichen telefonischen Verabredungen?«

Der Professor zuckte die Achseln und ging mit dem Buch in Händen Richtung Tür. »Ich gehe bezahlen«, sagte er.

»Weißt du was, vor einigen Jahren hat man eine wundersame Erfindung gemacht: das schnurlose Telefon«, juxte der andere, um die angespannte Atmosphäre zu zerstreuen.

Molteni blieb auf der Schwelle stehen und sagte lächelnd: »Teufelswerk.«

Er ging geradewegs in den Hauptraum zum Verkäufer, Liam folgte ihm in einigem Abstand und blieb mit neugierigem Blick an einer Serie alter Drucke hängen, die die Ara Pacis Augustae, den Friedensaltar des Augustus, darstellten.

Molteni unterschrieb einen Scheck und gab dem Händler eine Karte. »Schicken Sie es bitte an diese Adresse.«

|22|Er holte einen Füllfederhalter aus der Jackentasche, öffnete das Buch und schrieb einige Worte auf das Frontispiz, ohne sich um die bestürzte Miene des Antiquars zu scheren.

Liam nahm diese Szene aus dem Augenwinkel wahr, vom anderen Zimmer aus. Er hatte das vage Gefühl, dass irgendetwas daran nicht stimmte, aber erst viele Stunden später würde er begreifen, was.

»Gehen wir«, sagte Molteni und schaute erneut auf die Uhr.

|23|4

Ort: London

Weltzeit: Dienstag, 23. Juni, 9.48 Uhr (GMT)

Ortszeit: 10.48 Uhr

 

Beim dreizehnten Läuten, auf das keine Reaktion kam, packte Alanna die Wut, und sie schleuderte das schnurlose Telefon aufs Sofa. Dann setzte sie sich auf die Kante und seufzte beunruhigt.

Sie nahm das Telefon wieder zur Hand und versuchte erneut, die Nummer in Dublin zu wählen. Die Leitung war immer frei, aber das wollte nicht viel heißen. Sie fing an, ruhelos im Zimmer herumzugehen. Sie warf einen Blick auf das Foto im Regal: In einem Silberrahmen war ein lächelndes Paar zu sehen, Arm in Arm, um die sechzig, er mit dunklem Teint und schwarzen Augen, sie mit makellos milchweißer Haut und einer derart hellblauen Iris, dass sie durchsichtig schien. Vater und Mutter. Es wirkte wie das Bild einer Werbekampagne für die ethnienübergreifende Liebe. Beim sechsten Läuten sprang der Anrufbeantworter an.

Ein Stich fuhr aus ihrem Magen durch den ganzen Leib. Inzwischen waren es drei Tage, dass sie erfolglos versuchte, ihren Exmann David zu erreichen, sowohl über das Handy wie über das Festnetz. Und was das Büro anging, da hatte man ihn seit Freitag nicht gesehen, ohne dass er sich abgemeldet hätte.

Alanna trat zum Spiegel und kontrollierte, ob die Anspannung auch in ihrem Gesicht Spuren hinterlassen hatte. Nur |24|zwei leichte Tränensäcke, obwohl sie sich die ganze Nacht schlaflos im Bett gewälzt hatte.

Auch wenn sie sich vor über einem Jahr getrennt hatten, war es noch nie vorgekommen, dass sie so lange nichts voneinander gehört hatten. Um genau zu sein, meldete er sich seit ein paar Monaten beinahe täglich, voller Reue und mit der klaren Absicht, sie zurückzuerobern, trotz der Distanz: sie in London, er in Dublin. Dann plötzlich dieses lange Schweigen. Nicht einmal ihre E-Mails hatte er beantwortet, ein weiteres Indiz, dass etwas nicht stimmte, denn ihr Exmann lebte praktisch in Symbiose mit der Computertastatur.

Alanna nahm wieder das Telefon und rief David auf dem Handy an. Diesmal war es ausgeschaltet.

Keine Frage, es war etwas passiert. Er schaltete es nie aus, auch nachts nicht oder während der allerwichtigsten Besprechungen, wo er einfach nur den Klingelton abstellte.

Schließlich entschied sie, dass sie schon allzu lange gezögert hatte. Sie suchte den Palm in ihrer Handtasche und scrollte durch das Adressbuch. Irgendwo musste sie diese Nummer noch haben. Und tatsächlich, da war sie: Alanna hatte sie vor zwei Jahren oft verwendet, nach dem Diebstahl und dem Wiederauftauchen von Davids Jaguar. Sie rief sofort an und wartete einige Sekunden in der Leitung. Dann: »Polizei Dublin. Kann ich Ihnen helfen?«

Alanna atmete tief ein und antwortete: »Ja. Ich möchte eine Vermisstenanzeige aufgeben.«

»Warten Sie einen Moment, bitte.«

Wenige Augenblicke später hörte sie die Stimme einer Frau: »Polizei Dublin. Sergeant Bridget Walsh. Womit kann ich Ihnen helfen?«

»Ich will eine Vermisstenanzeige aufgeben«, wiederholte sie.

»Seit wann ist die Person verschwunden?«

»Seit drei Tagen.«

|25|»Wohnt die Person in diesem Distrikt?«

»In der Cross Avenue.«

»Aber ich sehe, dass Sie von außerhalb anrufen.«

»Aus London.«

»Sind Sie mit der verschwundenen Person verwandt?«

»Ich bin die Exfrau.«

Bridget Walsh machte eine Pause. »Einen Moment«, fuhr sie fort. »Ich werde versuchen, Sie mit Inspector Paul Goonan zu verbinden.«

|26|5

Ort: Rom

Weltzeit: Dienstag, 23. Juni, 9.49 Uhr (GMT)

Ortszeit: 11.49 Uhr

 

»Tempus venturum, Magister1

»Volumen servandum, Custos.2Wie geht es Euch, Mutter Valeria?«

»Mein altbekanntes Leiden gönnt mir eine Ruhepause, Meister. Aber ein neues lässt meine Seele gefrieren.«

»Sprecht.«

»Die Novizin, die ich zu meiner Nachfolgerin erwählt habe.«

»Scheint sie Euch nicht auf der Höhe? Ihr könnt Eure Wahl immer noch widerrufen. Oder habt Ihr bereits das Protokoll in Gang gesetzt?«

»Das ist es nicht, Meister. Die Novizin hat Visionen.«

»Woher wisst Ihr das?«

»Ich fand einen Eintrag in ihrem persönlichen Tagebuch.«

»Und was besagt er?«

»Ihr wisst, wie ungern ich jemandem nachspioniere …«

»Das verstehe ich, aber es ist Eure Rolle als Hüterin, die es Euch auferlegt. Was schrieb die Novizin?«

»Den Bericht einer Vision. Etwas, das in einer Mittsommernacht passiert ist, in Ephesus, in der Türkei. Die Novizin |27|schreibt wörtlich ›in der höchsten Sonne Anatoliens‹ und ›auf dem Berg der Nachtigall das Haus Mariens‹. Das lässt keinen Zweifel.«

Am anderen Ende der Leitung folgte ein langes Schweigen.

»Meister, die Novizin berichtet in dieser Vision von zwei Männern, einem Erzengel und einem Drachen, die in die ›Krypta der Sanduhren hinabsteigen‹. Dann dreht ›der Erzengel an den Rädern und öffnet die Pforte‹, der Drache steigt nackt hinunter in die Höhle, öffnet den Schrein und liest die Rolle … Meister, als Hüterin des Okzidents kenne ich die Stätte des Orients nicht. Und noch viel weniger dürfte die Novizin sie kennen. Aber sie beschreibt ganz offenkundig den Ritus der Sonnwendöffnung.«

Wieder folgte ein langes Schweigen.

»Die Analogie ist beeindruckend«, flüsterte schließlich der Meister. »Es kann sich aber auch um einen Zufall handeln.«

»Wartet, die Novizin beschreibt auch Eure … Verstümmelung. Sie schreibt: ›der Erzengel ohne Ringfinger‹, und es ist sicher, dass sie Euch nie gesehen hat!«

»Wann habt Ihr die Schrift gefunden?«

»Gestern, Meister, und tags zuvor war sie noch nicht da … Ich hätte Euch gerne früher angerufen, aber ich habe mich an die Regeln gehalten und den vereinbarten Termin abgewartet.«

»Unglaublich«, murmelte die Stimme am anderen Ende. Dann fuhr sie fort, einen beschwichtigenden Ton anschlagend: »Beruhigt Euch, Mutter Valeria, es gibt keinen Grund, sich zu ängstigen. Wenn die Novizin zu Eurer Nachfolgerin bestimmt ist, wird sie in Kürze erfahren, was sie vorausgeahnt hat. Dies scheint ein Zeichen des Himmels, das die Weisheit Eurer Wahl bestätigt. Ihr solltet Euch glücklich preisen!«

Diesmal war es ihre Replik, die auf sich warten ließ. Als die Oberin sprach, lag Furcht in ihrer Stimme: »Meister, das ist noch nicht alles …«

|28|»Sprecht.«

»In dem Tagebuch steht, dass das Feuer der Schriftrolle sie blendete. Versteht Ihr?«

Jetzt war der Tonfall des Mannes ebenfalls alarmiert. »Und weiter?«, fragte er.

»Nichts weiter, bis auf ein kleines Detail, das mich erstaunt hat, weil es sich vom Ritus des Okzidents abhebt: Die Novizin redet von Weihrauchduft. Hier bei uns haben wir ihn, wie Ihr wisst, nie benutzt.«

Die Stimme des Mannes verriet eine Aufwallung von Wut, die sich in einem halb erstickten Fluch entlud. »Vielleicht ist die Prophezeiung in Gefahr«, sagte er dann. »Ich muss das sofort überprüfen. Ich rufe Euch morgen wieder an, zur selben Uhrzeit.«

»Tempus venturum, Magister

»Volumen servandum, Custos

Professor Molteni legte auf. Einige Sekunden lang betrachtete er seinen linken Ringfinger, an dem zwei Glieder fehlten, bis die Sorge unerträglich wurde. Vielleicht hatte er selbst es zugelassen, dass die Schriftrolle des Orients vernichtet wurde. Er ging zur Minibar, nahm ein Glas und schenkte sich zwei Fläschchen Scotch ein.

|29|6

Ort: Dublin

Weltzeit: Dienstag, 23. Juni, 9.50 Uhr (GMT)

Ortszeit: 10.50 Uhr

 

Es gab Hering, das hatte er im Gefühl. Diesmal würde es ganz bestimmt Hering geben.

Inspector Goonan schob die Akten zur Seite und räumte in der Mitte des Schreibtischs eine Fläche frei. Dann zog er aus der Jackentasche ein dreieckiges, in Alufolie eingeschlagenes Päckchen und legte es auf die Tischplatte. Vorsichtig wickelte er das Stanniolpapier ab und enthüllte ein riesiges Sandwich. Er untersuchte es, um zu sehen, was seine Margaret diesmal hineingepackt hatte. Sie war nicht nur eine äußerst zärtliche Frau, sondern hatte auch ein Händchen für exzellente Lunchpakete.

Das war sein tägliches Ritual, der Imbiss am späten Vormittag. Er hielt sich das Sandwich unter die Nase, schloss die Augen und begann, es zu beschnuppern. Da, bitte, sofort entfaltete sich dieser scharfe Meeresgeruch. Die Heringe waren da, das hatte er ja von Anfang an gespürt. Und dann … was war dieser vertraute Fettgeruch? Gesalzene Butter? Oder vielleicht Mayonnaise? Oder, noch besser, beides zusammen? Er linste unter das Brot, das er vorsichtig mit dem Daumen anhob. Jawohl, Butter und Mayonnaise. Und nicht zu übersehen war auch die dünne grüne Scheibe, die aus den Innereien hervorlugte. Die heiß geliebten Gurken! Er schloss die Augen |30|wieder: Er hatte geschummelt, es galt nicht, wenn man hineinsah. Aber was war denn dieser andere leichte Zitrusgeruch, der gar nicht dazugehörte und doch perfekt passte? Er atmete tief ein. Orangenschalen? Er öffnete die Augen und schaute nach, indem er eine Lage aufklappte. Richtig geraten, Orangenschalen. Gebenedeite Margaret: Das war keine x-beliebige Zutat, sondern ein leuchtender Stern in der Kosmologie der Geschmäcker. Er klappte das Sandwich sorgfältig zu, packte es mit beiden Händen und hob es an den Mund. Er nahm den ersten Bissen, und sein Gaumen gab sich dem Genuss hin. Genau in diesem Augenblick läutete das Telefon.

»Himmel, Arsch und Zwirn«, brummte er mit vollem Mund.

Er legte das Sandwich auf das Stanniolpapier, schluckte den Bissen hinunter und nahm den Hörer auf.

»Ach Scheiße, Bridget, ich bin gerade beim Essen«, sagte er mit Blick auf das Display.

»Scheint dringend zu sein, Paul. Und Galway ist nicht da.«

»Worum geht es?«, fragte er ungeduldig.

»Eine vermisste Person.«

Goonan gab sich geschlagen: »Okay, stell durch.«

Der Inspector setzte sich im Stuhl zurecht. »Inspector Detective Paul Goonan, wie kann ich Ihnen helfen?«

Alanna am anderen Ende der Leitung atmete tief ein. Dann antwortete sie: »Ich möchte gerne das Verschwinden meines Exmannes anzeigen.«

»Mit wem spreche ich?«

»Alanna Hamdis«, stellte die Frau sich vor. Sie buchstabierte ihren Namen und fügte hinzu: »Ich rufe aus London an.«

Goonan notierte sich den Namen auf einem losen Zettel. »Ihr Mann wohnt in Dublin?«

»Ja, mein Exmann«, korrigierte Alanna ihn. »Er wohnt in Dublin, in der Cross Avenue.«

|31|Nichts zu machen, dachte Goonan, während er einen melancholischen Blick auf sein Sandwich warf, genau sein Zuständigkeitsbereich, und auf die Schnelle würde er diesen Fall keinem anderen unterjubeln können.

»Seit wann haben Sie kein Lebenszeichen mehr von ihm, Misses …«, er las den Namen auf dem Zettel, »… Hamdis?«

»Seit drei Tagen.«

»Und wann haben Sie sich zum letzten Mal gesehen?«

Alanna dachte einen Moment nach. »Er kommt oft nach London, um mich zu besuchen. Das letzte Mal vor zwei Wochen.«

Goonan machte weiter Notizen. »Seit wann sind Sie geschieden?«

»Wir leben getrennt. Seit ungefähr anderthalb Jahren.«

Goonan überlegte kurz, ehe er die nächste Frage stellte. »Und wie ist Ihr Verhältnis seitdem?«

»Bestens, wie gesagt. Er kam mich oft besuchen, mindestens zwei, drei Mal im Monat.«

»Er hat sich nicht zufällig nur ein langes Wochenende gegönnt?«

»Das hätte er mir angekündigt.«

»Womöglich hat er eine andere Frau kennengelernt …«

Alanna schwieg. »Er ist auch vom Arbeitsplatz verschwunden«, sagte sie dann. »Sie haben ihn seit Freitag nicht mehr gesehen.«

»Was macht er beruflich?«

»Er ist Mathematiker. Er arbeitet in Dublin für einen Großkonzern im Informatikbereich.«

»Vielleicht hat er beschlossen, sich ein paar arbeitsfreie Tage zu genehmigen«, mutmaßte Goonan.

»Es gibt noch etwas, worauf ich mir keinen Reim machen kann, Inspector.«

»Bitte!«

|32|»Ich warte auf eine Überweisung von ihm. Er hatte mir fest zugesagt, dass er sie bis zum Wochenende tätigen würde.«

»Wie hoch war sie?«

»Fünftausend Pfund.«

»Nun, bei der Summe würde ich auch abtauchen«, witzelte Goonan.

Alanna gab keinen Kommentar ab, aber der Inspector spürte, wie eine eisige Welle durch den Telefondraht rauschte. Er versuchte, die Situation zu entschärfen: »Hat er Feinde?«

Alanna dachte nach. Dann sagte sie: »Es fällt mir einfach niemand ein. Er ist ein besonnener Mann.«

»Hat er finanzielle Probleme?«

»Keineswegs. Er verdient ausgesprochen gut.«

»Laster? Die Rennbahn? Glücksspiel?«

»Nein. Wie gesagt, er ist Mathematiker: Er kennt die Wahrscheinlichkeitsgesetze.«

Mit der freien Hand fing Goonan an, sein Sandwich wieder einzuwickeln. »Haben Sie ein Foto, das Sie uns schicken können?«

»So viele Sie wollen.«

»Wie alt ist Ihr Exmann, Misses Hamdis?«

»Am 20. Mai ist er vierundvierzig geworden.«

»Besondere Kennzeichen? Irgendetwas Auffälliges, was weiß ich, einen Bart oder eine sichtbare Tätowierung?«

»Er hat eine Glatze. Und er hat ein großes Feuermal oben an der Stirn.«

»Ein großes Feuermal?«, wiederholte Goonan überrascht.

»Ja. Haben Sie Gorbatschow vor Augen?«

|33|7

Ort: Rom

Weltzeit: Dienstag, 23. Juni, 9.51 Uhr (GMT)

Ortszeit: 11.51 Uhr

 

Andrea Molteni trank den Scotch auf ex. Der Alkohol brannte in seiner Kehle und am Mageneingang, hatte aber keine beruhigende Wirkung. Molteni versuchte, klaren Kopf zu bewahren und die jüngsten Ereignisse Revue passieren zu lassen.

Er war bereits voller Sorge aus Ephesus, dem heutigen Selçuk, zurückgekehrt, aber offensichtlich war die Lage noch schlimmer als gedacht. Vor einigen Monaten hatte ihm der alte Hüter des Orients auf dem Totenbett anvertraut, dass es dort zum Schutz der Rolle nicht nur den Hüter, sondern eine ganze Bruderschaft gebe, die noch auf die Zeit der ottomanischen Invasion zurückgehe, und innerhalb dieser eine Art Oppositionsgruppe. Nachdem man jahrhundertelang den Originaltext der Apokalypse gehütet hatte, hatte jemand jetzt beschlossen, die Schriftrolle des Orients zu vernichten. Diese Nachricht stellte nicht nur eine ernsthafte Gefahr für die Prophezeiung dar, sondern auch für Moltenis Leben. Dies war der Grund für seine Besorgnis, die er im Antiquariat vor Liam so schlecht hatte kaschieren können.

In seinem Kopf spukten noch andere Bilder und Worte herum. An der Stätte des Okzidents gab es eine Novizin, die derart exakte Visionen hatte, dass es einem den Atem verschlug: Sie hatte genau seinen verstümmelten Ringfinger beschrieben, |34|ohne ihn jemals gesehen oder von ihm gehört zu haben. Sosehr er auch an eine Sphäre gewöhnt war, in der Mysterium und Glaube koexistierten – er hatte doch Mühe, Mutter Valerias Bericht zu glauben.

Weitere Bilder drängten sich ihm auf, die noch viel beunruhigender waren: Zwei Tage zuvor war Molteni spätnachmittags vom neuen Hüter des Orients in die Krypta geführt worden, eben zum Zweck der Sonnwendöffnung. Die Schwüle an jenem Tag schien gar nicht nachlassen zu wollen. Der neue Hüter gefiel Molteni nicht, doch er hatte in dieser Frage kein Mitspracherecht, genauso wenig, wie irgendein Hüter sich in seine Wahl des Nachfolgers als Meister hätte einmischen dürfen. Die erforderlichen Voraussetzungen waren skrupulös erfüllt worden: Der Mann war Gelehrter, streng katholisch und ohne familiäre Bindungen. Er war vom alten Hüter fast ein Jahrzehnt lang unter Beobachtung gehalten worden, und nachdem der Kandidat von seiner gewichtigen Investitur erfahren hatte, hatte er alle folgenden Phasen des Protokolls mit Bravour gemeistert. Und doch gab es etwas an ihm, was Molteni sofort gestört hatte: die eckigen Bewegungen, die Einsilbigkeit, ein bestimmter eiskalter Blick und die totale Unfähigkeit, sich ein Lächeln abzuringen. Vor allem hatte ihm die Aufwallung von Wut und Bestürzung missfallen, die der neue Hüter nur mit Mühe hatte kaschieren können, als er ihm, der Regel entsprechend, mitteilte, dass im Okzident eine zweite Schriftrolle existierte.

Schließlich waren sie zum ersten Mal zusammen hinunter in die Krypta gestiegen, um die Öffnung der Tür der Sanduhren zu zelebrieren. Der neue Hüter war unbekleidet, wie es die konstantinische Regel vorschrieb: Und der Meister möge Sorge tragen, dass der Hüter die Krypta nackt betrete, um zu verhindern, dass er unter seinen Kleidern die Schriftrolle oder eine heimlich gefertigte Kopie verberge.

Molteni dagegen war am Rad geblieben, auch er folgte damit |35|den Vorschriften der Regel: Und der Schrein möge fern der Pforte zur Krypta stehen, damit es dem Meister nie gestattet werde, die Prophezeiung kennenzulernen, da diesem obliegt, am Eingang zu verharren.

All das gehorchte dem Ritus, der die Schriftrolle vor einem etwaigen Verrat des Meisters bewahrt, da der Hüter, falls er dessen gewahr wird, die Schriftrolle sofort vernichten kann; und der sie auch schützt vor einem etwaigen Verrat des Hüters, denn es liegt in der Macht des Meisters, den Hüter beim allergeringsten Verdacht lebendig zu begraben, indem er das Rad loslässt.

Die konstantinische Regel war peinlich genau befolgt worden, und doch musste der Hüter Molteni hintergangen haben. Die Vision der Novizin ließ keinen Zweifel, sie hatte sogar ein Detail erklärt, das er bis dato nicht durchschaut hatte: Der neue Hüter war mit ihm in die Krypta hinabgestiegen, wobei er eine ungewöhnliche, nach Weihrauch duftende Fackel mitgeführt hatte, er hatte sie in ihre Halterung gesteckt und dann nackt die Krypta der Schriftrolle betreten. War das der Trick, fragte sich Molteni jetzt, mit dem er sie vernichtet hatte? Indem er womöglich das verwendet hatte, was die Regel ihm zubilligte? Er erinnerte sich an den Passus: Und dem Hüter sei möglich, die Schriftrolle im Falle unvermittelter Gefahr unverzüglich den Flammen zu übergeben, deren stille Seele in geringer Menge im Schrein neben der Schriftrolle gelagert werden soll. Es handelte sich dabei um eine Ampulle mit Pulvern, die das legendäre Griechische Feuer entfachen konnten, die tödliche Trockenflamme, die über Jahrhunderte die byzantinischen Küsten gesichert hatte.

Wenn die Vision der Novizin stimmte, hieß das, dass Molteni sich wie ein Kind hatte übertölpeln lassen. Der Weihrauch war nicht von ungefähr da gewesen: Er hatte den Geruch der verbrannten Schriftrolle überdeckt. Danach war der neue Hüter herausgekommen, als wäre nichts gewesen.

|36|Wer hätte mit so etwas rechnen können? Die Präsenz eines Verräters innerhalb eines Ordens, der für den Rest der Welt gar nicht existierte. Wie hatte sich dieser Mann so geschickt unter die Beschützer der Prophezeiung einschleusen und sogar das Vertrauen des Hüters gewinnen können? Wie war es ihm gelungen, über ein Jahrzehnt lang seine Absichten zu verbergen, ohne dass jemand auch nur das Geringste geahnt hätte? Wenn die Dinge sich so verhielten, dann bedeutete das eine Katastrophe, und Molteni war sich durchaus darüber im Klaren, dass in gewisser Weise er dafür verantwortlich war. Er musste unverzüglich nach Ephesus zurückkehren und sich persönlich davon überzeugen, ob die Vision der Novizin der Wahrheit entsprach.

Molteni nahm seinen Koffer und öffnete ihn auf dem Bett. Nach wenigen Minuten hatte er gepackt. Blieb noch eine Sache zu tun, die wichtigste: Er musste seinem Nachfolger eröffnen, welche Rolle ihm zugedacht war. Das Protokoll war zwar eben erst in Gang gesetzt worden, doch seine Lage zwang ihn, die Prozedur zu beschleunigen.

Jemand klopfte an der Tür.

Das muss Liam sein, dachte Molteni. Er wird keine Lust mehr haben, länger zu warten. Er ging öffnen und rang sich ein Lächeln ab, aber dieses Lächeln erstarb sofort auf seinem Gesicht.

|37|8

Ort: Rom

Weltzeit: Dienstag, 23. Juni, 9.54 Uhr (GMT)

Ortszeit: 11.54 Uhr

 

Liam wurde langsam ungeduldig. Molteni war vor zwanzig Minuten aufs Zimmer gegangen, und er selbst hatte sich in die kleine Hotelhalle gesetzt, um auf ihn zu warten. Er blätterte zerstreut in einer Ausgabe des Messaggero herum, aber die Einstellung der Klimaanlage war wirklich übertrieben. Er stand auf und ging an die Rezeption.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte der Portier, indem er den Blick vom Computermonitor hob.

»Könnten Sie Professor Molteni bitte mitteilen, dass Mister Brine draußen auf ihn wartet?«

»Sicher«, nickte der Mann.

Liam bedankte sich und trat durch die Glastür ins Freie. Er blieb auf dem Gehweg stehen und kämpfte mit dem extremen Sprung zwischen der Gefrierfachtemperatur der Hotellobby und der schwülen Hitze draußen.

Zwei junge Mädchen kamen vorbei: breite Gürtel, Jeans und pastellfarbene T-Shirts, die den Blick auf den Bauchnabel freigaben. Ein Typ lehnte sich aus dem Fenster eines kleinen Fiat und rief etwas in römischem Dialekt. Die Mädchen ignorierten ihn.

Liam drehte sich zur Tür, in der Hoffnung, Molteni auftauchen zu sehen, aber die Lobby war immer noch leer. Die Sache |38|kam ihm kurios und auch ein bisschen beunruhigend vor. Er konnte sich nicht erinnern, seinen alten Freund in all den Jahren jemals so aufgeregt gesehen zu haben. Nicht nur hatte er seine Fragen in der Buchhandlung nicht beantwortet, auch bis zur Ankunft im Hotel hatte er nur um den heißen Brei herumgeredet. Und was sollte diese schwere Aufgabe sein, auf die er angespielt hatte? Was konnte einen betagten, pensionierten Theologieprofessor vor eine schwere Aufgabe stellen? Vielleicht ein gesundheitliches Problem? Unwahrscheinlich: Molteni war im Marschtritt von der Buchhandlung bis zum Hotel gegangen, hatte geredet wie ein Wasserfall und nie angehalten, um Atem zu schöpfen. Vielleicht also finanzielle Sorgen? Aber auch das war kaum denkbar: Er war ein Experte für Antiquarisches, Berater der wichtigsten italienischen Auktionshäuser. Und dann war er gerade erst von einem Türkeiurlaub zurückgekommen und in einem Hotel abgestiegen, das alles andere als billig war.

In Gedanken versunken, zog Liam das Handy aus der Sakkotasche. Er hatte im Antiquariat den Ton abgestellt und sah auf dem Display, dass ihm vor etwa einer Stunde ein Anruf entgangen war, außerdem hatte er eine SMS bekommen. Er ließ den Daumen über die Tastatur gleiten und öffnete das Menü. Der entgangene Anruf stammte von seiner Schwägerin Alanna, ebenso die SMS, die lakonisch lautete: »Ruf mich an.« Komisch, er hatte seit Monaten nichts von ihr gehört. Er zögerte einen Moment, ob er sie sofort anrufen oder einen günstigeren Zeitpunkt abwarten solle, als ein asiatisches Paar auf ihn zutrat.

»Kolosseum?«, fragte der Mann.

Liam war verblüfft: Sie waren ganz schön weit ab vom Schuss. Er kramte in seinem Gedächtnis und beschrieb dann grob den Weg, den sie einschlagen mussten. Die beiden bedankten sich mit einer leichten Verbeugung und gingen in die angegebene Richtung.

|39|In diesem Moment befiel ihn eine merkwürdige Empfindung: Er meinte, in der Luft ein dumpfes Sirren zu hören und hatte das Gefühl, dass etwas Ausladendes über seinem Kopf schwebte.

Es war eine Frage von Sekundenbruchteilen. Nach einem Flug über vier Stockwerke krachte Andrea Molteni neben Liams Füßen auf das Straßenpflaster.

|41|ZWEITER TEIL

Alle Dinge gründen sich auf die Zahl, denn sie ist derart beschaffen, dass wir ohne sie weder etwas denken noch wissen könnten. Die Natur der Zahl und der Harmonie gestattet keinen Betrug, denn der Betrug ist ihr nicht eigen.

Philolaos

|43|9

Ort: Patagonien, Region Chubut

Weltzeit: Dienstag, 23. Juni, 10.01 (GMT)

Ortszeit: 7.01 Uhr

 

Der Jeep holperte über die Piste. Er verlor für eine Sekunde die Bodenhaftung und krachte dann wieder auf die Fahrbahn, wobei er eine Staubwolke aufwirbelte, die noch dichter war als die in seinem Rücken.

Im Wageninnern klammerte Michael Doornick sich noch fester an den Beifahrergriff und warf dem Fahrer einen prüfenden Seitenblick zu. Ricardos Gesichtszüge verrieten keinerlei Emotion. Der Bursche war geübt im Schlagloch-Rodeo und schien nicht gewillt, das Tempo zu drosseln.

Doornick dagegen fühlte sich, obwohl er diesen Weg seit einem Monat täglich zurücklegte, gar nicht wohl. Weder in diesem Landstrich noch bei diesen Leuten, die ihn allzu sehr an Mexiko erinnerten, wo er die letzten drei Jahre gearbeitet hatte. Ihm gefiel weder die allzu große Vertraulichkeit Ricardos noch die Unterwürfigkeit, mit der ihn alle anderen Argentinier behandelten, denn er wusste genau, dass sie seine Auftraggeber für Invasoren hielten, die sie abschätzig terratenientes – Feudalherren – nannten. Aber was hatte er im Grunde damit zu schaffen? Er war ein Lohnabhängiger wie sie, wenn auch sicher der bestbezahlte. Die Wahrheit war, wie einmal ein alter Campesino zugegeben hatte, eine einzige: Argentinien war ein Land im Ausverkauf. Ex-Präsident Menem |44|hatte die Veräußerung einer Landfläche genehmigt, die über 1,7 Millionen Hektar entsprach. Aber das war erst der Anfang: Im September des Vorjahres waren nicht weniger als 45,5 Millionen Hektar zwischen den Anden und der Küste an Privatleute und Großkonzerne abgetreten worden. Prachtvolles Land, im Übrigen. Land, das sich zum Ackerbau und zur Viehzucht eignete, reich an Wasser und mit einer Luft, so rein wie im Garten Eden. Spekulanten aus aller Welt hatten sich auf dieses Geschäft gestürzt, auch Nationalhelden wie der Fußballer Gabriel Batistuta oder der Fernsehmoderator Marcelo Tinelli hatten sich ihre Scheibe abgeschnitten. Aber das waren Brosamen im Vergleich zu den Latifundien, die große internationale Tycoons gekauft hatten, Leute wie der CNN-Gründer Ted Turner oder die italienischen Benetton-Geschwister, die weltweit bekannt waren für ihre aggressive Werbung gegen Rassendiskriminierung. Und selbst das waren nur Brosamen im Vergleich zum Filetstück, einem Territorium mit Viehweiden, Feldern, Mineral- und Wasservorkommen, die einen ganzen europäischen Staat alt aussehen ließen: der Großgrundbesitz, den Amir Khan Al Ammar erworben hatte, der sechstreichste Mann der Arabischen Emirate und Doornicks Arbeitgeber.

Ricardo nahm die Kurve mit einem solchen Tempo, dass der Jeep sich fast überschlagen hätte.

»Fucking idiot«, brummte Doornick in seiner Muttersprache. »Noch so ein Ding, und ab morgen reitest du ein Maultier«, fügte er dann in dem anglo-mexikanischen Kauderwelsch hinzu, das er für Spanisch hielt.

Ricardo scherte sich nicht um die Drohung, sondern nahm eine Hand vom Lenkrad, um nach vorn zu zeigen: »Sieh mal, Boss.«

Rund hundert Meter weiter hatte sich vor der Baustelle Dreiundzwanzig eine dichte Menschentraube gebildet. Es |45|musste schon wieder passiert sein. Wie gewöhnlich zum Ende der Nachtschicht, wenn sie vor lauter Erschöpfung kaum noch stehen konnten.

Doornick verfluchte das Ingenieursdiplom, das ihm, am Tag nach dem Fall der Berliner Mauer erworben, paradoxerweise gestattete, durch die Weltgeschichte zu reisen und nur neue Mauern zu errichten. Auf die dreitausendzweihundertachtundsechzig Kilometer zwischen Indien und Bangladesch folgte ein weiteres Mauerprojekt, zwischen Mexiko und den USA, anfangs mit über tausend Kilometern geplant und dann vom Senat zurückgestutzt auf »nur« sechshundert, plus achthundert Kilometer Barrieren verschiedenen Typs. Und nun war er hier in Patagonien mit einer neuen Mauer befasst, die für die Augen der Welt nicht so leicht zu erkennen und seiner Meinung nach völlig nutzlos war. Aber was konnte er schon tun? Die Menschheit schien versessen zu sein auf Mauern.

Ingenieur Doornick war inzwischen einer der weltweit größten Experten auf diesem Gebiet, doch obwohl er gerade aufgrund seiner Erfahrung ausgewählt worden war, hatte man ihm diesmal einen aberwitzigen Zeitplan auferlegt. Und dafür würde er jetzt wieder eine Quittung erhalten.

Ricardo bremste und brachte den Jeep etwa zwanzig Meter vor der Menge zum Stehen. Sechzig oder siebzig Arbeiter, die im Kreis standen wie beim Hahnenkampf. Jemand drehte sich um, sah den Jeep und spuckte wütend auf die Erde.

Als Doornick die Hand auf den Türgriff legte, hielt Ricardo ihn auf und deutete mit einem Blick nach hinten. Doornick nickte. Der Fahrer lehnte sich aus dem Sitz und nahm das Gewehr. Die beiden stiegen aus.

Aus der Menge löste sich sofort ein athletischer Typ mit gewaltigen Schultern. Er rempelte ein paar Leute zur Seite und kam in großen Schritten auf den Jeep zu.

»Qué pasa, Teodoro?«, fragte Doornick.

|46|»Noch einer, jefe«, antwortete der Mann.

Der Ingenieur schaute auf die Gruppe. Sie hatten sich alle zu ihnen umgedreht, und der Kreis hatte sich geöffnet, so dass man die Leiche eines Mannes auf der Erde sehen konnte.

Doornick versetzte der Autotür einen Tritt. Dann stützte er die Hände auf die Kühlerhaube, wobei er den Leuten den Rücken zuwandte und den Kopf zwischen die Schultern zog. Er blieb mindestens eine Minute unbeweglich stehen, bis er sicher war, dass auch jeder seine Reaktion bemerkt hatte.

»Wie ist es passiert?«, fragte er, während er sich umdrehte und sich der Leiche näherte.

Teodoro und Ricardo folgten ihm.

»Ein Stützpfeiler hat nachgegeben. Sie waren zu dritt. Die anderen sind noch rechtzeitig aus der Grube gekommen, aber er hatte keine Kraft mehr«, erklärte Teodoro.

»Der Arzt?«

»Ist an der Baustelle Sechsundzwanzig. Wir haben ihn gar nicht erst gerufen. Er hätte nichts mehr tun können.«

»Hatte der Mann Familie?«

»Keine Frau. Aber einer der Brüder arbeitet hier. Er ist da drüben in der Hütte, gemeinsam mit Juan«, antwortete Teodoro und zeigte auf eine rechteckige Baracke.

Die Menge teilte sich und gab den Weg frei zu der Leiche am Boden. Die Blicke hatten viel von ihrer anfänglichen Feindseligkeit verloren, und das Getuschel war vollständig verstummt. Doornick kniete sich nieder.

Es war ein Junge um die vierzehn. Man hatte sein Gesicht gesäubert, aber die Nasenhöhlen und die Augenränder hingen noch voller Erde. Doornick legte ihm eine Hand auf die Brust. Es war, wie wenn man sich auf einen platten Fußball stützt. Der Brustkorb war eingedrückt. Er stand auf und ging auf die Baracke zu.

Teodoro steckte sich eine Zigarette in den Mund und folgte |47|ihm, während Ricardo noch eine Weile stehen blieb. Er wusste, dass die Arbeiter seine Anwesenheit ebenso wenig begrüßten wie die des Gringos, aber er zeigte sich gern als der Mann, der die Flinte in der Hand hielt.

»Ich wundere mich immer, dass keiner aufmuckt«, sagte Doornick im Gehen. »Kein Schmähruf, keine erhobene Faust.«

»Wollen Sie eine Geschichte hören, Jefe?«, fragte Teodoro.

»Eine Geschichte?«, wiederholte der Ingenieur und blieb einige Meter vor der Hütte stehen.

»Ja«, Teodoro machte eine Pause, um sich eine Zigarette anzustecken, »eine Geschichte.«

»Schieß los«, sagte Doornick.

Teodoro nahm einen tiefen Zug und begann zu reden:

»Bevor ihr kamt, hat dieses Land immer den Cardenas gehört, Adeligen mit spanischem Blut. Die Letzte aus der Familie war die señora. Bei ihr haben sie aufgemuckt.«

Doornick verstand nicht recht. Er starrte ihn interessiert an.

»Die Señora wurde von ihren Campesinos umgebracht«, fuhr Teodoro fort. »Zu zweihundert haben sie die Villa überfallen und angezündet. Sie ist bei lebendigem Leib verbrannt.«

»Muss ich mit derselben Behandlung rechnen?«

»Nein, Jefe. Die Señora liebte Hunde.« Teodoro machte eine weitere Kunstpause, dann fuhr er fort. »Eines Tages warf sie der Hundemeute einen Diener zum Fraß vor, der bei Tisch den Wein verschüttet hatte.«

»Dann haben sie gut daran getan, sie umzubringen.«

»Es war nicht wegen dieses Dieners. Die Leute hier haben Angst und Geduld.« Teodoro wandte sich der Gruppe von Arbeitern zu. Sie luden gerade den Leichnam auf einen alten Pick-up. »Es hat nicht weniger als vier Menschen gebraucht, die von den Hunden zerfleischt wurden, ehe sie beschlossen, diese alte Irre aus dem Weg zu räumen.«

|48|Dann fixierte er Doornick, der den Blick erwiderte.

»Und wir sind schon bei Nummer drei …«

»Angst und Geduld währen nicht ewig, Jefe.«

Doornick schluckte. »Gehen wir mit dem Bruder verhandeln«, schloss er und ging zur Hütte.

|49|10

Ort: Dublin

Weltzeit: Dienstag, 23. Juni, 10.10 Uhr (GMT)

Ortszeit: 11.10 Uhr

 

»Gorbatschow? Der russische Ex-Präsident?«, fragte Goonan und wurde blass.

»Ja, abgesehen vom Alter sieht David ihm verblüffend ähnlich«, antwortete Alanna.

Der Inspector atmete scharf durch die Nase ein. »Können Sie bitte einen Moment in der Leitung warten?«, fragte er.

»Ja«, sagte sie.

Goonan drückte auf die Stand-by-Taste und legte den Hörer hin. Er nahm das Sandwich und räumte es schnell zur Seite. Das Ritual konnte warten. Er schob den Aktenstapel, der sich zu seiner Linken erhob, in die Tischmitte, blätterte ihn schnell durch und nahm eine Akte heraus, auf deren Deckel mit Bleistift geschrieben stand: LARRY BOHAN – 22. JUNI. Er schlug sie auf und verteilte die Blätter auf dem Schreibtisch. Dann aktivierte er die Leitung wieder.

»So, bitte, Frau Hamdis, ich muss Ihnen einige Fragen stellen. Zur Präzisierung.«

»Bitte.«

Goonan überflog die erste Seite des Vernehmungsprotokolls. »Was sagt Ihnen ›An Nas‹?«

Alanna schwieg ein paar Sekunden lang. »Annas?«

»Ja, An Nas«, wiederholte Goonan.

|50|Alanna zögerte, ehe sie antwortete, und als sie redete, drückte ihr Ton Unbehagen aus: »Annas bedeutet im Arabischen ›die Menschen‹. Es gibt eine Sure im Koran, die …«

Goonan kratzte sich am Kopf. Wovon zum Teufel redete die Frau? Er unterbrach sie: »Nein, es muss da eine … Verwechslung geben. An Nas ist eine Kleinstadt, etwa dreißig Meilen südlich von hier. Südlich von Dublin, meine ich.«

»Verstehe«, sagte Alanna, noch angespannter. »Aber was hat das mit David zu tun?«

»Haben Sie Ihren Exmann jemals von An Nas reden hören? Der Ort liegt auf dem Land. Womöglich hat er hin und wieder einen Ausflug dorthin gemacht …«

»Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe fast zwei Jahre mit ihm in Dublin gelebt. Wir sind auch ziemlich viel herumgefahren, aber in der Regel die Küste entlang. Warum?«

»Also: Ich habe vor mir eine Aussage liegen, eine komische Geschichte, die ausgerechnet am vergangenen Sonntag passiert sein muss.« Goonan steckte sich eine Zigarette an. »Bisher hatte ich der Sache nicht viel Bedeutung beigemessen, weil sie von jemandem stammt, der … nicht besonders glaubwürdig ist.«

Der Inspector unterbrach sich, weil er merkte, dass er Informationen weitergab, die nichts zur Sache taten.

»Wie auch immer«, fuhr er fort, »diese Person ist ein fanatischer Drachenflieger. Vor zwei Tagen, am Einundzwanzigsten, ist er vom Mount Leinster in den Blackstair Bergen losgeflogen. Jedenfalls, ich erspare Ihnen die Einzelheiten … Er ist eine ganz schöne Strecke Richtung Norden geflogen und dann, in der Gegend von An Nas … nun … er behauptet, da sei ihm etwas Merkwürdiges zugestoßen.«

»Ich verstehe nicht, was das mit …«

»Warten Sie. Jetzt lese ich direkt aus der Aussage vor.« Goonan nahm ein zweites Blatt und begann zu lesen. »›Der Zeuge |51|gibt an, dass er, während er die Felder bei An Nas, südlich von Dublin, überflog, an einem Bauernhof vorbeikam. Er gibt weiter an, dass ein Mann an selbiger Stelle eine Salve aus einer Schnellfeuerwaffe auf ihn abgab, die der Zeuge als Maschinengewehr unbekannter Bauart identifiziert hat.‹«

»Ich verstehe immer noch nicht«, unterbrach ihn Alanna besorgt.

»Bitte haben Sie noch eine Minute Geduld. ›Der Zeuge gibt an‹«, las Goonan weiter, »›dass besagte Salve die Stabilität des von ihm gesteuerten Fluggerätes so weit beeinträchtigte, dass er zu einer Notlandung inmitten eines Kornfeldes gezwungen war. Aufgrund dieser Folge von Ereignissen hat das Fluggerät, wie der Zeuge angibt, irreparable Schäden davongetragen. Der Zeuge behauptet des Weiteren, von dem Mann, der ihn beschoss, sowie von drei weiteren bewaffneten Komplizen verfolgt worden zu sein. Hierbei handle es sich, laut Zeuge, wahrscheinlich um Terroristen arabischer Herkunft, denen er nur entkommen konnte, indem er sich zuerst zwischen den Kornähren und dann in einem Morast versteckte, wo er bis zu den frühen Morgenstunden des Folgetages, des 22. Juni, ausharrte.‹«

Goonan verschnaufte. »Und jetzt kommen wir zum Punkt, Frau Hamdis … ›Zum möglichen Motiv für diesen Angriff auf seine Person befragt, erklärt der Zeuge, er sei sich sicher, dass das einzig plausible Motiv in dem Geschehnis liege, dem er aus der Luft beigewohnt hatte, ehe er unter Beschuss geriet, will sagen: der Überführung eines gefesselten und mit Augenbinde versehenen Mannes aus einem schwarzen Lieferwagen unbekannter Bauart in das obengenannte Gehöft. Der Zeuge gibt des Weiteren an, er sei überzeugt, dass es sich bei dem Gefangenen um den russischen Ex-Präsidenten Michail Gorbatschow handelte. Diese Überzeugung rührt von einem großflächigen Feuermal auf der Stirn des Entführten her, das der Zeuge eindeutig erkannt haben will.‹«

|52|»Wollen Sie behaupten, David sei entführt worden?«, fragte Alanna tonlos.

»Wir wollen keine voreiligen Schlüsse ziehen, Frau Hamdis: Wie ich bereits sagte, ist der Zeuge wenig glaubwürdig. Zudem sind die Kollegen aus An Nas gestern, auf meine Veranlassung, zu dem Gehöft gefahren. Es erwies sich als vollkommen verlassen. Und es gab nichts, was die Angaben des Zeugen gestützt hätte: keine Patronenhülse, kein einziges verdächtiges Fundstück. Dann haben sie das Kornfeld abgesucht und nicht einmal die Reste des Drachens gefunden. Kurz: Alles hat uns zu der Überzeugung geführt, dass es sich um einen versuchten Versicherungsbetrug handelt. Das wäre bei dem fraglichen Subjekt auch nicht der erste.«

»Und David?«, schluchzte Alanna. Dann wurde ihr Ton aggressiver: »Wie viele Leute kennen Sie, die solch ein Feuermal auf der Stirn haben? Und wie viele von ihnen sind gerade dieser Tage verschwunden und haben dazu erstmals in ihrem Leben das Telefon abgestellt?«

Goonan schwieg eine Weile. Als er weitersprach, klang seine Stimme todernst: »Können Sie zu uns nach Dublin kommen, Frau Hamdis?«

»Ich nehme den ersten Flug, Inspector.«

Goonan seufzte. »Wir erwarten Sie.« Er drückte die Zigarette aus, die er praktisch nicht geraucht hatte. »Noch etwas: Haben Sie die Möglichkeit, uns auf der Stelle das Foto Ihres Mannes zu schicken? Per Fax oder besser noch per Mail?«

»Ja, sicher. Geben Sie mir Ihre E-Mail-Adresse.«

Goonan diktierte sie, dann fühlte er sich genötigt, die Frau zu trösten: »Seien Sie unbesorgt, ich versichere Ihnen, dass wir alles tun werden, um ihn zu finden, Ihren Exmann, Herrn …«

»Brine«, antwortete Alanna, »David Brine.«

|53|11

Ort: Rom

Weltzeit: Dienstag, 23. Juni, 10.13 Uhr (GMT)

Ortszeit: 12.13 Uhr

 

Liam schrie noch immer. Ein Mädchen, wenige Meter entfernt, schluchzte unter Schock, ein anderes stützte es, als müsste es jeden Augenblick in Ohnmacht fallen. Ein Mann mit Jackett und Krawatte brüllte die Adresse des Hotels in sein Handy. Er schrie, sie sollten sich beeilen, und starrte dabei auf Moltenis Körper. An den Fenstern tauchten bestürzte Gesichter auf, aber die Neugier war stärker als der Schrecken.

Liam hatte sich neben den Freund gekniet, zitternd vor Entsetzen.

Moltenis Körper war entstellt, der rechte Arm und das Bein in einen unnatürlichen Winkel verdreht. Am linken Fuß fehlte der Schuh. Liam wusste nicht, was er tun sollte. Er erinnerte sich, gelesen zu haben, dass man in solchen Fällen den Körper nicht bewegen sollte, um irreparable Schäden an der Wirbelsäule zu verhüten. Allerdings durfte das noch das geringste Übel sein.

Während der Professor versuchte, ein Wort zu artikulieren, rann ihm ein dunkler Blutfaden aus dem Mund. Molteni hob mit Mühe die linke Hand an den Ring, den er am Hals trug, als wollte er ihn abnehmen. Liam öffnete das Kettchen, um Molteni das Atmen zu erleichtern, aber der Professor hielt seine Hand fest und presste sie um den Ring.

|54|»Buch …«, war das Einzige, was er flüstern konnte.

Liam drückte seine Hand noch fester und beugte sich über ihn. Er weinte. »Halte durch, Andrea.«

Um sie herum hatte sich eine Traube von Passanten gebildet: ein Dickicht aus Sandalen, zwei Paar schwarzen Church’s, hochhackigen Schuhen, Sneakers und Slippern.

Einen Moment später verließen Molteni die Kräfte, und seine Hand glitt auf den Asphalt. Zwei Männer lösten sich schnell aus der Menge: Die Vorstellung war zu Ende.

Liam richtete sich auf und steckte den Ring heimlich in die Tasche.

|55|12

Ort: Dubai

Weltzeit: Dienstag, 23. Juni, 10.51 Uhr (GMT)

Ortszeit: 14.51 Uhr

 

Ein heftiger Wind fegte über den Creek und kräuselte das Wasser im Kanal. Eine weiße Limousine überquerte, eskortiert von zwei Mercedes-SUVs derselben Farbe, die Garhoud Bridge, die Bur Dubai mit Deira, dem Hotelviertel, verband. Nach dem Anblick der eintönigen Landschaft konnten die Augen sich auf dem Wasserarm endlich ein wenig entspannen, ehe sie sich in der Skyline aus Wolkenkratzern und Kränen verloren. Die drei Wagen, die aus Abu Dhabi aufgebrochen waren, hatten die Sheikh-Zayed-Road hinter sich gelassen und schoben sich nun schon seit über einer Stunde durch den chaotischen Stadtverkehr. Am Ende der Brücke bogen sie nach links ab, in die Al-Garhoud-Road, und passierten den prunkvollen Eingang des Dubai Creek Golf & Yacht Clubs, einer Anlage mit Achtzehn-Loch-Parcours, die zu den besten der Welt gehörte und zu deren Attraktionen ein Hotel mit über zweihundert Zimmern, zweiundneunzig Chalets, sechs Nobelrestaurants, zwei Clubhäuser in futuristischem Design und einhunderteinundzwanzig Liegeplätze für Yachten bis einhundertdreißig Fuß zählten. Die drei Autos hielten am Kai der Anlage.

Aus den zwei SUVs sprangen sechs Männer, die sich schützend um die Limousine gruppierten. Sie trugen elegante |56|Anzüge, aber an ihren Bewegungen erkannte man die Bodyguards.

Auf der Brücke der Yacht vor ihnen, einer Azimut von hundertsechzehn Fuß Länge, erschien, hinter zwei Matrosen in Uniform, der betagte Scheich Mohammed. Er stützte sich auf seinen Stock und lächelte, während er die Szenerie beobachtete. Obwohl der Prinz viele Feinde hatte, war Dubai einer der sichersten Orte der Welt, und diese ganze Choreographie war reine Wichtigtuerei.

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