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Die letzte Nacht mit dir

1. KAPITEL

Jane betrat die Wohnung und steuerte schnurstracks auf den Kühlschrank zu. Etwas zu essen enthielt er zwar nicht, aber sie wusste, dass sie noch Cola hatte. Ungeduldig zog sie eine Dose heraus, öffnete sie und trank. Dann kehrte sie ins Wohnzimmer zurück und schleuderte ihre Schuhe weg.

Schön, wieder zu Hause zu sein, dachte sie, während sie sich in dem großen Raum umsah, der ihr zugleich als Esszimmer diente. Jetzt war sie froh, dass sie die Zwischenwand hatte herausreißen lassen. Zusammen mit der kleinen Küche, ihrem Schlafzimmer und dem angrenzenden Bad war dies nun seit fünf Jahren ihr Heim.

Den Koffer hatte sie beim Betreten der Wohnung im Flur abgestellt. Als sie ihn holen wollte, bemerkte Jane verwundert das hektische Blinken des Anrufbeantworters. Alle ihre Freunde wussten, dass sie verreist war, und die geschäftlichen Anrufe wurden an die Galerie umgeleitet. Wer konnte das also sein? Höchstwahrscheinlich mal wieder Mom, dachte sie resigniert.

Mit Hilfe des Internets hatte Mrs. Lang garantiert schon herausgefunden, dass Janes Maschine wohlbehalten in Heathrow gelandet war. Trotzdem musste sie sich noch einmal persönlich davon überzeugen, dass ihrer Tochter nichts zugestoßen war.

Seufzend drückte Jane die Taste, um ihre Nachrichten abzuhören. Im nächsten Moment zuckte sie zusammen, als hätte ein elektrischer Schlag sie getroffen.

„Jane! Nimm den Hörer ab. Es ist wichtig.“

Kraftlos sank sie auf den Hocker, der neben dem Telefontisch stand. Diese wohltönende, dunkle Stimme kannte sie nur zu gut.

Der Anrufer war niemand anderes als Demetri Souvakis!

Obwohl Jane sich geschworen hatte, Demetri ein für alle Mal aus ihrem Leben zu streichen, bemerkte sie verärgert, wie ihre Knie weich wurden. Offensichtlich hatte er nichts von seiner magischen Ausstrahlung verloren.

Dabei war Demetri Souvakis ganz gewiss kein Mann, der sich auf Charme und Ausstrahlung verlassen musste. Harte Arbeit, eine riesige Erbschaft und vor allem seine absolute Skrupellosigkeit hatten ihn schon vor seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag zum Multimillionär gemacht.

Doch leider hatte sich diese Skrupellosigkeit dann irgendwann auch auf sein Privatleben übertragen.

Während Jane zittrig ausatmete und sich zu beruhigen versuchte, spielte der Anrufbeantworter die zweite Nachricht ab.

„Ich bin’s, Jane. Dein Ehemann. Ich weiß doch, dass du da bist. Zwing mich nicht, dich aufzusuchen. Können wir denn nicht zumindest wie zivilisierte Erwachsene miteinander reden?“

Das half. Sein arroganter Tonfall. Wie er einfach voraussetzte, dass sie verfügbar war, wenn er sie gerade sprechen wollte. Und wie konnte er es wagen, sich als ihren Ehemann zu bezeichnen? In den vergangenen fünf Jahren hatte es ihn nicht im Geringsten interessiert, ob sie überhaupt noch am Leben war.

Sie bemühte sich, ihre Wut zu beherrschen. Was jedoch nicht verhinderte, dass schmerzliche Erinnerungen ihre schwer erkämpfte Gelassenheit zerstörten. Was fiel ihm ein, sich jetzt bei ihr zu melden, als hätte er das Recht dazu? Was sie anbelangte, so gehörte er endgültig der Vergangenheit an.

Na ja, fast.

Jane seufzte. Zuerst hatte sie seinen Vater kennengelernt. Leo Souvakis war sehr charmant gewesen, sehr höflich. Er war zu ihr in die Londoner Galerie gekommen, weil er nach einer Skulptur für sein Haus in Griechenland suchte. Jane hatte damals erst kurze Zeit als Kunsthändlerin gearbeitet, aber schon bewiesen, dass sie das richtige Gespür hatte. Für Mr. Souvakis hatte sie die Statue der Göttin Diana von einem so gut wie unbekannten Künstler gewählt. Leo war begeistert gewesen, nicht nur von dem Kunstwerk, sondern auch von Jane. Während sie über orientalische Keramik diskutiert hatten, war Demetri Souvakis aufgetaucht …

Doch darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Sie war gerade von einer erfolgreichen Reise nach Australien und Thailand zurückgekehrt und wollte nur noch ins Bett. Durch einen unerwarteten Zwischenstopp in Dubai war sie über vierzehn Stunden unterwegs gewesen. Jane stand auf, fest entschlossen, sich von Demetri nicht einschüchtern zu lassen. Doch genau in diesem Moment wurde eine dritte Nachricht abgespult.

„Jane? Bist du da, Liebling? Du hast gesagt, du würdest um acht zu Hause sein. Jetzt ist es halb neun, und ich mache mir allmählich Sorgen. Ruf mich an, sobald du in die Wohnung kommst. Ich warte.“

Schnell griff Jane nach dem Hörer und drückte die Kurzwahltaste. Ihre Mutter nahm nach zwei Klingeltönen ab. „Hallo, Mom. Tut mir leid, dass du dir Sorgen gemacht hast. Das Flugzeug ist außerplanmäßig in Dubai zwischengelandet.“

„Oh, ich verstehe. Ich dachte mir schon, dass es so etwas ist. Und? Wie geht es dir? Ist die Reise ein Erfolg gewesen? Du musst mir beim Mittagessen alles darüber erzählen.“

Mittagessen? Jane unterdrückte gerade noch ein Stöhnen. Keinesfalls fühlte sie sich heute einem Mittagessen mit ihrer Mutter gewachsen. „Vielleicht lieber morgen“, sagte sie entschuldigend. Sie wusste, dass ihre Mutter es nicht gut aufnehmen würde. „Ich bin ziemlich fix und fertig, Mom. Bevor ich überhaupt irgendetwas tue, brauche ich mindestens acht Stunden Schlaf.“

„Na, na! Also wirklich, Jane. Ich brauche selten mehr als vier Stunden Schlaf pro Nacht! Hast du denn im Flugzeug nicht geschlafen?“

„Nicht viel.“ Jane wünschte, sie wäre weniger ehrlich. „Aber morgen nehme ich mir den ganzen Tag frei für dich. Versprochen, Mom.“

„Du bist fast drei Wochen weg gewesen. Man sollte meinen, dass du danach mal deine Mutter besuchen möchtest, Jane. Schließlich weißt du ganz genau, dass ich den größten Teil des Tages in diesem Haus hier festsitze.“

Und wessen Schuld ist das? war Jane versucht zu fragen, doch sie wollte keinen Streit anfangen. „Warum lädst du nicht Lucy zum Mittagessen ein?“, schlug sie vor. „Ich bin sicher, sie würde sofort zusagen.“

„Ganz bestimmt. Aber wenn deine Schwester zum Mittagessen kommt, rennen mir Paul und Jessica durchs ganze Haus.“

„Sie sind deine Enkelkinder, Mom.“

„Ja, und sie sind völlig undiszipliniert.“

„Oh, Mom …“

„Wenn du dich nicht dazu aufraffen kannst, deine Mutter zu besuchen, muss ich mich eben damit abfinden. Wirklich schade! Ich wollte dir eigentlich erzählen, wer letzte Woche bei mir war.“

Demetri!

„Du hattest einen Gast?“ Jane bemühte sich, nur mäßig interessiert zu klingen. „Wie nett.“

„Es war überhaupt nicht nett!“, widersprach ihre Mutter ärgerlich. „Aber wahrscheinlich hat er dir das ja schon erzählt. Hast du seinetwegen keine Zeit für mich? Verbringst du den heutigen Tag etwa mit ihm?“

„Nein! Falls du von Demetri sprichst: Er hat zwei Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter hinterlassen, während ich weg war. Nachdem ich mich nicht gemeldet habe, dachte er wohl, du weißt, wo ich bin.“

„Und so war es ja auch.“

„Hast du es ihm verraten?“

„Ich habe ihm gesagt, dass du im Ausland bist“, erklärte ihre Mutter kurz angebunden. „Ich hoffe, du erwartest nicht von mir, dass ich für dich lüge, Jane.“

„Nein.“ Jane seufzte. „Hat er gesagt, worüber er mit mir sprechen will?“

„Wenn du die ganze Geschichte hören willst, musst du wohl leider persönlich vorbeikommen. Du weißt, dass ich am Telefon nicht gern Familienangelegenheiten erörtere.“ Mrs. Lang machte eine Pause. „Wir sehen uns morgen, ja?“

Jane biss die Zähne zusammen. Die Reise war erfolgreich verlaufen, und sie hatte sich auf zwei Tage Urlaub gefreut, bevor sie in die Galerie zurückmusste. Doch jetzt fühlte sie sich genötigt, ihre Mutter zu besuchen. Wenn auch nur, um herauszufinden, worum es eigentlich ging.

„Wie wäre es mit Abendessen?“, fragte sie. Das würde ihrer Mutter gefallen! Rachel Lang liebte es, wenn sie ihre Tochter voll und ganz in der Hand hatte.

Heutzutage kam das nur noch selten vor. Aber nach ihrer Heirat mit Demetri hatte Jane gespürt, dass ihre Mutter nur auf das Scheitern der Ehe wartete. Als genau das passiert war, hatte Rachel ihr zur Seite gestanden und sie seelisch wieder aufgebaut. Allerdings war sich Jane völlig darüber im Klaren, dass ihre Mutter eine gewisse Genugtuung darüber empfand, wieder einmal recht behalten zu haben.

„Abendessen? Heute Abend, meinst du?“

Es war ein Spiel. Allerdings war Jane heute viel zu müde, um es mitzumachen. „Wann immer es dir passt“, sagte sie genervt. „Sag mir einfach Bescheid, wenn du dich entschieden hast.“

„Behandelt man so seine Mutter?“ Als Jane nicht antwortete, schien Rachel zu erkennen, dass es an der Zeit war, nachzugeben. „Heute Abend ist in Ordnung, Liebling. Sieben Uhr? Oder ist dir das zu früh?“

„Sieben ist okay. Danke, Mom. Bis dann.“ Erleichtert legte Jane auf. Als das Telefon gleich darauf klingelte und sie sich meldete, klang ihre Stimme eindeutig gereizt. Es war nur ein Werbeanruf. Ob sie daran interessiert sei, eine Küche zu kaufen. Wütend knallte Jane den Hörer auf.

Natürlich hatte sie in der ersten Sekunde befürchtet, es wäre wieder Demetri. Obwohl das eigentlich nicht besonders wahrscheinlich war. Zweifellos war er geschäftlich in London. Und wenn er Sitzungen hatte, würde er keine Zeit haben, an sie zu denken. Sie stand sicher ziemlich weit unten auf seiner Prioritätenliste. Genau wie früher. Seinem Tonfall nach zu urteilen hatte sich Demetri jedenfalls nicht verändert.

Das Auspacken verschob Jane auf später. Stattdessen ging sie ins Badezimmer, um schnell zu duschen. Während sie in den Spiegel blickte und sich das honigblonde Haar zurückschob, fragte sie sich, wie sehr sie sich in den vergangenen fünf Jahren verändert hatte. Um die äußeren Augenwinkel herum breiteten sich fächerförmig winzige Falten aus, aber sonst war ihre Haut noch immer glatt. An den Hüften hatte sie ein bisschen zugenommen, was ärgerlich war. Ihre Brüste waren noch fest, obwohl sie auch voller geworden waren. Und wenn schon! sagte sich Jane, zu müde, um sich nach dem Duschen richtig abzutrocknen oder ihr Haar zu föhnen. Nackt glitt sie zwischen die Laken, und nicht einmal ihre Besorgnis darüber, dass Demetri sie plötzlich sprechen wollte, konnte sie um den dringend benötigten Schlaf bringen.

Das Klingeln des Telefons weckte sie. Zumindest glaubte Jane, es sei das Telefon. Als sie nach dem Apparat auf dem Nachttisch tastete und abnahm, klingelte es trotzdem weiter. Die Tür.

Seufzend blickte Jane auf den Wecker. Fast Mittag. Sie hatte noch nicht einmal vier Stunden geschlafen, aber sie war lange nicht so müde, wie sie es nach der Ankunft in Thailand gewesen war. Mit dem Jetlag fertig zu werden, fiel ihr in Richtung Westen immer leichter. Es klingelte wieder. Jane stand auf, zog einen Morgenmantel aus grüner Seide an und ging zur Sprechanlage. „Ja?“

„Jane?“

Es war Demetri. Vor Schreck wurde ihr ganz flau.

„Jane, ich weiß, dass du es bist. Würdest du bitte aufmachen?“

Sie fühlte sich wie gelähmt. Ich bin noch nicht so weit, dachte sie verzweifelt. Wenn sie sich überhaupt einmal vorgestellt hatte, ihren Ehemann wiederzutreffen, dann war sie davon ausgegangen, dass es zu ihren Bedingungen sein würde, nicht zu seinen.

„Jane!“ Er fluchte ein paar Worte auf Griechisch. „Ich weiß, dass du in der Wohnung bist. Deine Mutter hat mir gesagt, du würdest heute zu Hause sein. Los, mach auf!“

„Ich bin noch nicht einmal angezogen, Demetri“, stieß Jane schließlich hervor. Es war das Einzige, was ihr einfiel, aber es genügte offenbar nicht.

„Dich nackt zu sehen ist nichts Neues für mich“, erwiderte er trocken. „Na los. Ich versuche schon fast eine Woche, dich zu erreichen. Wir können nicht alle den halben Tag im Bett verbringen.“

Das reichte. Jane vergaß auf der Stelle ihre Unsicherheit. „Ich bin gerade über sechstausend Meilen geflogen, Demetri. Und wenn ich mich richtig erinnere, kommst du mit Jetlag selbst nicht besonders gut klar.“

„Ah, ja. Signomi. Entschuldigung.“ Aber er klang nicht zerknirscht. „Das war rücksichtslos. Schreib es meiner Frustration zu.“

„Erzähl mir doch mehr darüber“, forderte Jane ihn spöttisch auf. „Wie geht es dir denn? So ungeduldig wie immer, das merke ich.“

„Ich bin geduldig gewesen. Lässt du mich jetzt rein, oder muss ich die Tür eintreten?“

Trotzig presste Jane die Lippen zusammen. Sie wollte es gern darauf ankommen lassen. Nur der Gedanke daran, wie peinlich es ihr wäre, wenn er seine Drohung wahr machte, hielt sie davon ab. Ohne ein weiteres Wort drückte sie die Taste. Ein leises Summen ertönte, als unten die Tür aufsprang. Dann waren schwere Schritte auf der Treppe zu hören. So schnelle Schritte, dass sich Jane sicherheitshalber auf die andere Seite des Zimmers zurückzog. Die Wohnungstür ließ sie angelehnt. Erst jetzt fiel ihr ein, dass sie sich nicht einmal das Haar gebürstet hatte. Gerade als sie es mit den Fingern nach hinten kämmte, wurde die Tür aufgestoßen. Im nächsten Moment stand Demetri im Raum.

Groß und schlank, mit dichtem schwarzen Haar, sah er genauso attraktiv wie früher aus. Aber auch er ist älter geworden, beruhigte sich Jane. Seine Schläfen waren grau geworden, und seine Gesichtszüge schienen markanter, härter, als sie sie in Erinnerung hatte. Seine Ausstrahlung jedoch war noch immer so atemberaubend wie an dem Tag, als sie ihn in der Galerie kennenlernte. Schon als sein Vater sie damals miteinander bekannt gemacht hatte, war ihr Demetri mit dieser kühlen Gleichgültigkeit begegnet, die sie auch heute noch ebenso ärgerte wie reizte.

Also hier wohnt sie, dachte Demetri. Er war mehr beeindruckt, als er sich eingestehen wollte. Er wusste, dass Jane in ihrem Job viel Geld verdiente, doch mit einer solchen Wohnung hatte er nicht gerechnet. Der riesige Raum besaß hohe Decken und erstreckte sich von der Vorder- bis zur Rückseite des alten viktorianischen Hauses. Durch die Fenster auf beiden Seiten des Zimmers schien die Sonne herein und hüllte alles in ein weiches Licht.

Obwohl er verärgert darüber war, wie lange Jane ihn draußen hatte warten lassen, zog sie seinen Blick magisch an. Sie trug einen seidenen Morgenmantel und hatte beschützend die Arme vor der Brust verschränkt. So als hätte er sie bedroht. Der Gedanke gefiel Demetri nicht. Um Himmels willen, was erwartete sie? Dass er über sie herfallen würde?

Sie sieht gut aus, gestand er sich unwillig ein. Zu gut für einen Mann, der vorhatte, eine andere Frau zu heiraten, sobald er frei war. Aber andererseits hatte Jane immer diese starke Wirkung auf ihn gehabt. Das war schließlich der Grund, warum er damals darauf bestanden hatte, sie zu heiraten. Auch wenn seine Mutter nie damit einverstanden gewesen war.

„Jane“, sagte er, bevor seine Fantasie mit ihm durchgehen und seine innere Distanz zu ihr zerstören konnte.

„Demetri“, erwiderte Jane steif.

Er schloss die Tür, und Jane zog energisch die Schultern zurück, so als würde sie ihren Mut zusammennehmen, für was auch immer jetzt kommen würde. Demetri bemerkte, dass sie ungeschminkt war, und er hatte den Verdacht, dass ihre geröteten Wangen mit seinem plötzlichen Erscheinen zu tun hatten. War sie etwa aufgeregt? Er blickte in ihre leuchtend grünen Augen, die so klar und unergründlich waren, dass sie ihn an die Bergseen auf Kalithi erinnerten. „Wie geht es dir?“, fragte er und kam langsam ein paar Schritte auf sie zu.

Jane befeuchtete sich nervös die Lippen. Die geschmeidige Eleganz, mit der er sich bewegte, ließ ihn in der lässigen Cargohose und der schwarzen Lederjacke aussehen, als würde er edelste Designermode tragen. Aber vermutlich war genau das der Fall. Überrascht stellte sie fest, dass er noch immer seinen Ehering trug. Den Ring, den sie ihm gekauft hatte, bevor sie in der kleinen Kapelle auf Kalithi getraut worden waren. Das war die Insel, die seiner mächtigen Familie gehörte und auf der er wohnte, wenn er nicht gerade um die Welt flog und sich um das Reederei-Imperium kümmerte. Sie hatten damals gegen den Wunsch seiner Mutter geheiratet, die keine Engländerin als Schwiegertochter wollte – schon gar keine, die eine eigene Meinung besaß.

„Mir geht es gut“, erwiderte Jane und rang sich ein Lächeln ab. „Müde, natürlich. Ich habe in den vergangenen vierundzwanzig Stunden nicht viel geschlafen.“

„Und ich habe dich geweckt?“ Demetri stellte sich neben eines der beiden dunkelroten Sofas, die sich auf einer beigefarbenen Brücke gegenüberstanden. Es war der einzige Teppich auf dieser Seite des Raums. Bei dem schönen Ahornparkett war mehr Schmuck nicht nötig. „Das tut mir leid.“

„Tatsächlich?“ Jane zuckte die Schultern. „Also, was willst du hier, Demetri? Du bist nicht gekommen, nur um mit mir zu plaudern. Du hast behauptet, es sei wichtig.“

„Ist es“, sagte Demetri ausdruckslos. „Ich will die Scheidung, Jane.“

2. KAPITEL

Jane wich seinem kühlen Blick aus. Sie zitterte am ganzen Körper und hoffte verzweifelt, dass Demetri es nicht bemerkte. Natürlich kam sein Scheidungswunsch nicht völlig überraschend. Nach der Trennung hatte sie jahrelang damit gerechnet, dass er seine Freiheit haben wollte. Oder dass seine Mutter ihn dazu überreden würde. Und anfangs hatte Jane es sogar selbst gewollt. Nur hatte sie im Lauf der Zeit irgendwann zu glauben begonnen, dass es niemals wirklich so weit kommen würde.

„Bist du okay?“

Verdammt, er hatte es bemerkt. Sie musste hier raus, und zwar schnell, bevor er anfing, sie zu bemitleiden. Das könnte sie nicht ertragen. „Warte, ich gehe mich anziehen.“

„Janie …“

So hatte er sie immer genannt, wenn er mit ihr geschlafen hatte. Die Erinnerung daran war mehr, als Jane im Moment ertragen konnte. „Gib mir zwei Minuten.“ Sie lief ins Schlafzimmer und schloss fest die Tür hinter sich. Jetzt, da sie endlich allein war, wurde sie von ihren Gefühlen überwältigt. Heiße Tränen liefen ihr über die Wangen, und da auch ihre Nase lief, tastete sich Jane mit verschwommenem Blick ins Bad. Sie riss eine Handvoll Kosmetiktücher aus der Schachtel, setzte sich auf den Klosettdeckel und versuchte, den Tränenstrom zu stoppen.

„Schatz …“

Ungläubig sah sie auf. Demetri stand an der Tür und beobachtete sie. Noch nie in ihrem Leben hatte sich Jane so gedemütigt gefühlt. „Raus!“, stieß sie hervor und stand mühsam auf. „Wie kannst du es wagen, hier hereinzukommen? Du hast kein Recht, meine Privatsphäre zu verletzen.“

Seufzend lehnte sich Demetri an den Türrahmen und sah sie beunruhigend freundlich an. „Ich wage es, weil ich mich um dich sorge. Wie sollte ich ahnen, dass du so reagierst? Ich hatte gedacht, du würdest froh sein, mich loszuwerden.“

„Bin ich.“ Jane schniefte.

„Sieht ganz so aus“, meinte Demetri ironisch.

„Oh, bilde dir nur nichts ein. Ich bin gerade um die halbe Welt geflogen und völlig erschöpft.“ Mit äußerster Anstrengung brachte Jane ein Lächeln zustande. „Ich leugne nicht, dass dein Besuch ein Schock für mich war. Aber ich weine nicht, weil ich verzweifelt bin. Ganz und gar nicht.“

Demetri sah nicht überzeugt aus. „Warum dann? Brichst du immer total zusammen, wenn du von einer Reise zurückkommst?“

„Was möchtest du hören? Dass ich untröstlich bin? Dass ich am Boden zerstört bin, weil der arrogante Mistkerl, den ich geheiratet habe, eine andere bedauernswerte Frau unglücklich machen will? Halt mal die Luft an, Demetri.“

Unwillkürlich wurde er wütend. Er hatte sie in bester Absicht aufgesucht, und jetzt machte sie seinen guten Willen mit wenigen Worten zunichte. Das war typisch Jane: erst schießen und es später bereuen. Nur hatte er so eine Ahnung, dass sie diesmal nicht klein beigeben würde. „Du bist ein undankbares Biest, weißt du das?“, fuhr er sie an.

„Ja, das hast du früher schon gesagt.“ Ein letztes Mal wischte sie sich das Gesicht ab, dann spülte sie die Kosmetiktücher die Toilette hinunter.

„Vielleicht solltest du deine Zunge im Zaum halten, Jane. Mein Anwalt hat mir erklärt, dass ich dir unter den gegebenen Umständen keine Abfindung zahlen muss.“

„Ich will dein Geld sowieso nicht. Wollte es niemals!“, antwortete sie verächtlich. „Verschwinde ganz einfach. Ich möchte mich anziehen.“

Demetri blickte sie starr an. Er ahnte, dass sie nicht so selbstsicher war, wie sie zu wirken versuchte. In den fantastischen grünen Augen schimmerten noch immer Tränen, und ihr Mund – den er so oft geküsst hatte – zitterte verdächtig.

„Möchtest du das wirklich? Dass ich gehe?“ Seine Stimme klang sanfter, als er es beabsichtigte.

„Was sollte ich mir wohl mehr wünschen?“

Herausfordernd hielt sie seinem Blick stand, und Demetri empfand widerwillig Bewunderung dafür, wie sie sich jetzt im Griff hatte. Bewunderung und noch etwas anderes, was er nicht einmal benennen konnte. Was ihn aber dazu brachte, die Distanz zwischen ihnen plötzlich aufzuheben.

Mit der Badewanne im Rücken war es Jane unmöglich, zurückzuweichen. Als Demetri die Hand ausstreckte und sie in ihren Nacken legte, konnte sie nur dastehen und es zulassen. In seinen dunklen Augen glaubte sie eine Mischung aus Belustigung und Spott zu erkennen.

„Wie wäre es damit?“, schlug er heiser vor und küsste Jane auf den Mund.

Es war so lange her, dass Demetri sie geküsst hatte, so lange her, dass sie seine Finger auf ihrer Haut gespürt hatte. Die Hitze, die er ausstrahlte, hüllte sie ein wie eine sinnliche Umarmung, und Jane sehnte sich danach, einfach die Augen zu schließen und sich in seinem Kuss zu verlieren.

Aber wie konnte das sein? Eben noch hatte sie ihn aus tiefstem Herzen verabscheut, und jetzt … jetzt ließ sie sich von ihm berühren und war erregt.

Es kommt daher, dass ich geweint habe, versuchte sie sich zu erklären, was eigentlich nicht zu erklären war. Wenn sie geweint hatte, war sie immer doppelt so empfindsam wie sonst. Wer sollte das besser wissen als Demetri? Schließlich war sie wegen ihm schon früher oft in Tränen ausgebrochen.

Doch darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Demetris Verlangen war viel zu überwältigend, als er sie hungrig dazu brachte, den Mund zu öffnen, und anfing, mit seiner Zunge die ihre zu umspielen.

Er beendete den Kuss und liebkoste mit den Lippen ihre Wange. Ihre Haut war zart, glatt, unendlich faszinierend. Unwillkürlich legte er den Arm um Janes Taille und zog sie fest an sich.

Sein Verstand schien ihn verlassen zu haben. Von plötzlicher, heftiger Begierde gepackt, erinnerte sich Demetri nicht mehr deutlich daran, aus welchem Grund er eigentlich gekommen war. Er löste den Gürtel von Janes Morgenmantel und betrachtete die vollen, runden Brüste, deren Spitzen so hart waren, wie sie sich unter der Seide abgezeichnet hatten. „Jane …“, stöhnte er, während er eine Brust umfasste und mit dem Daumen über die Spitze rieb. Noch immer befürchtete er, dass er das hier bereuen würde. Aber Jane war, wo er sie haben wollte: Sie schmiegte sich an ihn, reagierte auf seine Berührungen und erregte ihn dermaßen, dass er glaubte, den Verstand zu verlieren, wenn er nicht bald Erlösung fand.

Kurz davor, sich ihm ganz hinzugeben, wurde Jane klar, dass sie es nicht zulassen durfte. Sie musste sich endlich von Demetri losmachen. Doch in diesem Moment hob er sie schon hoch und trug sie ins angrenzende Schlafzimmer, wobei ihr der Morgenmantel von den Schultern rutschte und zu Boden fiel. Dann lag sie auf dem Bett, und Demetri riss sich die Jacke und sein T-Shirt vom Leib, fesselte ihren Blick mit seinem schönen, muskulösen Körper. „Demetri“, protestierte Jane schwach, als er zu ihr kam und sich über sie beugte. Er antwortete, indem er eine ihrer Brustspitzen in den Mund nahm.

Es war zu viel. Jane konnte ihm nicht länger widerstehen. Schon sehnte sie sich danach, dass er sie auch an anderen Stellen berührte. Und sie wollte ihn auch selbst anfassen, ihn streicheln. Sie streckte die Hand nach ihm aus, doch Demetri wich zurück.

„Bald, mein Liebling.“ Er öffnete den Reißverschluss und zog seine Hose aus. „Nur nicht zu schnell.“

Falls er einen Slip trug, verschwand er zusammen mit der Hose, und Jane konnte sehen, wie erregt Demetri war. Dann kniete er sich vor sie und liebkoste sie mit der Zunge, bis sich Jane unter ihm wand.

„Soll ich dich zum Höhepunkt bringen?“, fragte er rau.

„Nicht … nicht ohne dich“, flüsterte sie mit zitternder Stimme.

Er richtete sich auf und drang endlich in sie ein, füllte sie so völlig aus, dass Jane vor Lust aufschrie.

Demetri atmete scharf ein. „Habe ich dir wehgetan?“

„Nein“, versicherte sie ihm heiser. „Tu es einfach, Demetri. Warte … nicht.“

Als ob er das noch könnte. Nur der Wunsch, den Moment auszukosten, ließ ihn kurz innehalten. Wie verrückt es auch sein mochte, was sie hier taten, er hatte Jane niemals mehr begehrt als in diesem Augenblick.

„Demetri“, flehte sie ihn an.

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