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Die letzte Nacht der Unschuld

India Grey

Die letzte Nacht der Unschuld

PROLOG

Hitze flirrte über dem Asphalt. Der Geruch von verbranntem Gummi und Benzin hing in der Luft. An der Startlinie hatten sich die Reporter zusammengeschart und hielten die Mikrofone einsatzbereit. Nachrichtenteams hatten ihre Kameras geschultert. Vor den Boxen standen die Pitcrews in ihren Overalls, Renngroupies mit Teamflaggen und nur wenig am Körper lungerten herum.

Cristiano nahm Helm und Handschuhe und trat aus dem Schatten der Garage hinaus in die gleißende Sonne der Côte d’Azur. Der Geräuschpegel stieg an, Mikrofone wurden ihm entgegengestreckt, man bombardierte ihn mit Fragen. Er hielt den Kopf gesenkt.

Sein Körper fühlte sich locker und entspannt an. Es war nicht ungewöhnlich, dass er überschüssiges Adrenalin und Testosteron am Abend nach der Qualifikation in den willigen Armen einer Hostess oder eines der Boxenluder abarbeitete. Sex war eine gute Art, geistige und körperliche Anspannung vor dem Grand Prix-Rennen loszuwerden.

Aber letzte Nacht … das war nicht einfach nur Sex gewesen.

Ciao, Cristiano. Schön, dass du auch zu uns stößt.“

Silvio Girardi, Campano-Teamchef, kam auf ihn zu und schlug ihm gut gelaunt auf die Schulter. Schweiß lief an den Schläfen des bulligen, grauhaarigen Neapolitaners herab. Sarkasmus war sein Normalmodus, jetzt war der Regler bis zum Anschlag aufgedreht. „Warum bist du nicht noch ein Stündchen länger im Bett geblieben, hm? Damit du auch wirklich ausgeruht an die Startlinie gehen kannst?“

Cristiano trank einen Schluck Wasser und verzog die Lippen. „Hätte ich noch eine Stunde im Bett verbracht, wäre Ausruhen wohl das Letzte, wozu ich sie genutzt hätte.“

Silvio warf entnervt die Hände in die Luft. „Ich kann nur hoffen, dass die Kellnerin, oder wer auch immer es letzte Nacht war, genügend Verstand besitzt und den Mund hält. Unsere neuen Sponsoren sind da sehr empfindlich, was Klatsch und Skandale angeht. Clearspring Water – Mineralwasser, nicht Bourbon. Das heißt, anständige Lebensführung, solide, Vorbild für Kinder, capito? Hast du gestern mit dem Typen aus der Marketingabteilung gesprochen?“

„Es war kein Typ.“

Silvio runzelte die Stirn. „Sie haben gesagt, sie schicken den Leiter der Abteilung, Dominic Soundso. Ich dachte immer, Dominic sei ein Männername?“

„Seine Frau hat plötzlich Wehen bekommen. Er hat seine Assistentin geschickt.“

„Ein Mädchen?“

Die Andeutung eines Lächelns umspielte Cristianos Lippen, während er sich die Handschuhe anzog. Oh ja, Colleen Edwards war definitiv ein Mädchen. „Richtig.“

Nervös setzte Silvio seine Baseballkappe um und schnaubte. „Nun, ich hoffe, du warst nett zu ihr – kein unnötiger Blödsinn. Ich brauche das Geld. Dir zahlt man Millionen, nur damit du dich in ein Auto setzt – das ich für dich bauen muss. Sag ehrlich, ist das fair?“ Er ging um den smaragdgrünen Boliden mit den Clearspring-Schriftzügen herum. „Und jetzt an die Arbeit. Zeig uns, was diese Schönheit drauf hat. Du startest von der Pole Position. Du kannst gar nicht verlieren.“

Noch ein aufmunternder Schulterschlag für Cristiano, dann ging Silvio zurück zu den Mechanikern. Cristiano drehte sich um und suchte in der Masse der wasserstoffblonden und roten Köpfe nach einer honigfarbenen Mähne.

Schlanke gebräunte Arme schlangen sich von hinten um seinen Hals, ein bekanntes Parfüm stieg ihm in die Nase.

„Viel Glück“, flüsterte seine Assistentin ihm heiser ins Ohr.

Irritiert schaute er über seine Schulter und machte sich los. „Danke, Suki.“

Wo war Colleen?

„Wie lief das Interview gestern Abend mit dem Mädel von Clearspring? Ich hoffe, es hat sich nicht zu lange hingezogen. Sie schien mir ein wenig …“, Sukis Lippen verzogen sich süffisant, „… nun, ernsthaft.“

„Gut.“ Was ihn betraf, war es nicht annähernd lange genug gewesen. „Hast du sie irgendwo gesehen?“

Suki hob eine perfekt gezupfte Augenbraue. „Heute? Wieso? Ist sie hier?“

.“ Sein Blick glitt weiter über die PR-Mädchen, die in den Teamfarben für die Kamera posierten, und über die Presseleute, die sich auf der Suche nach einem letzten Interview vor dem Start durch die Menge schoben. Die Aufregung der Zuschauer auf den Tribünen, auf den Balkonen und an den Fenstern, die auf den Stadtkurs hinausgingen, begann zu brodeln. Die Jachten, die im Hafen von Monaco vor Anker lagen, ließen ihre Nebelhörner ertönen.

Suki zuckte mit den schmalen Schultern unter dem eng anliegenden Campano T-Shirt. „Sollte ich sie sehen, sage ich ihr Hallo von dir“, meinte sie kühl. „Es wird Zeit, dass du einsteigst.“

Eine Sekunde sah Cristiano sie mit leerem Blick an, so als wäre ihm der Sinn ihrer Worte völlig unverständlich. Dann nickte er. „Ich weiß.“

Er drehte sich um, strich sich mit den Händen durchs Haar. Kämpfte gegen den plötzlichen Drang an, einfach zu gehen, sich den Rennanzug auszuziehen und Colleen zu suchen, bis er sie gefunden hatte.

Das Fernsehteam in der Box nebenan war mit den Aufnahmen fertig und steuerte jetzt in seine Richtung. Aus dem Publikum erschollen Rufe mit seinem Namen. Zu spät.

Dann erblickte er sie.

Sie stand inmitten der Menge auf der Boxengasse und sah sich suchend um. Das Gesicht hatte sie in die andere Richtung gewandt. Aber es bestand kein Zweifel, er erkannte sie an ihrem dunkelblonden Haar, ihrer ausgewaschenen Jeans und der üppigen Rundung unter dem dunkelblauen T-Shirt, das sie heute Morgen vom Boden seines Schlafzimmers aufgehoben hatte.

Er lächelte verwundert, als er auf sie zuging. Wie hatte er sie nur nicht gleich sehen können? Zwischen den bunt schillernden Rennfahrer-Groupies wirkte sie verloren wie ein Golden Retriever-Welpe. Gestern war sie ihm sofort aufgefallen, als er mit dem Wagen in die Boxengasse eingefahren war, allein deshalb, weil sie so deutlich aus der Menge der „Boxenluder“ herausstach. In dem geschäftsmäßigen grauen Kostüm erinnerte sie ihn an die cleveren Schulmädchen. Die mit den sauberen und adretten Uniformen, die immer ihre Hausaufgaben gemacht hatten und die von den Nonnen als leuchtendes Beispiel vorgeschoben wurden.

Statt ein Taugenichts zu sein, ein hoffnungsloser Fall. So wie er.

„Oh …“, rief sie erleichtert.

Cristiano fasste Colleen bei der Hand und zog sie in den Schatten der Garagen.

Colleen wurde heiß. „Ich konnte dich nicht finden“, sagte sie atemlos und ließ sich von Cristiano in die Arme ziehen.

„Jetzt bin ich ja hier.“

„Ich dachte schon, ich hätte mir das alles nur eingebildet.“ Himmel, hörte sie sich wirklich so maßlos begehrlich an? Sie lachte unsicher auf. „Oder dass alles nur ein Traum war.“

„Soll ich dir bestätigen, wie real es war?“ Er fasste sie um die Taille, murmelte in ihr Haar hinein und jagte damit prickelnde Schauer über ihre Haut. „Welchen Teil zuerst? Den im Pool? Oder die Episode im Schlafzimmer? Dann war da ja heute Morgen auch noch der Küchenboden …“

„Schh!“ Leise lachend klammerte sie sich an seinen Rennoverall, barg das Gesicht an seiner Brust. „Wenn uns jemand hört …“

„Wäre das schlimm?“

Ihr Lachen erstarb. „Es ist nicht mein üblicher Stil.“ Das musste die Untertreibung des Jahres sein. „Wir haben uns gestern zum ersten Mal getroffen. Für ein Interview.“

„Kaum zu glauben, dass ich Interviews immer verabscheut habe!“, meinte er amüsiert. „Hätte ich vorher gewusst, dass sie so viel Spaß machen, hätte ich öfter welche gegeben.“

Colleen runzelte die Stirn. „Ich kenne dich kaum.“

Mit Daumen und Zeigefinger hob er ihr Kinn an, damit sie ihm in die Augen blicken konnte. In Augen, die die Farbe von Bitterschokolade hatten. Berühmte Augen, die jeder aus Fernsehen und Zeitungen kannte und die Colleen früher vom Poster an der Zimmerwand ihres jüngeren Bruders herab angeschaut hatten …

„Nach der letzten Nacht kennst du mich besser als jeder andere.“

Er sagte es mit leichter Ironie, doch sein Gesicht mit den markanten Zügen und dem fein geschwungenen Mund wirkte plötzlich seltsam ausdruckslos. „Gesù, Colleen, noch nie habe ich … habe ich meine Seele so bloßgelegt.“

„Ich auch nicht.“ Es war nur ein Flüstern.

Noch einmal erlebte Colleen die letzten zwölf Stunden in Gedanken. Zwölf außergewöhnliche Stunden. Sicher, da war der Sex … und er war magisch gewesen. Aber sie hatten auch viel geredet. Ihr Herz zog sich zusammen, als sie daran dachte, wie er in ihren Armen gelegen und mit tonloser Stimme von seiner Vergangenheit erzählt hatte. Von den Problemen während seiner Schulzeit, weshalb er später auch so unbedingt und unter allen Umständen nach Erfolg gestrebt hatte.

Sie hatte herausgefunden, dass die schillernde Fassade und die Gefahr seines Berufs ihm absolut nichts bedeuteten. Ein Leben, das man in Angst lebe, sei kein Leben, hatte er gesagt, und sie hatte es auf seine früheren Erfahrungen zurückgeführt. Und dann hatte er ihr gezeigt, wie man für den Moment lebte und ihn voll auskostete …

Der Geräuschpegel draußen auf dem Ring schwoll an.

„Ich muss gehen.“

Colleen nickte und trat einen Schritt zurück. Sie wollte nicht wirken, als würde sie klammern. „Ich weiß. Aber … Cristiano? Denke daran, du brauchst nichts zu beweisen.“ Sie lächelte. „Fahr vorsichtig.“

Für einen Sekundenbruchteil flackerte Schmerz in seinen Augen auf, dann war er wieder verschwunden.

Cristiano zog sich die Handschuhe über und schenkte Colleen dieses Lächeln, das ihren Magen zum Flattern brachte. „Tesoro, das hier ist der Große Preis von Monaco. ‚Vorsichtig fahren‘ gehört da nicht unbedingt zum Grundkonzept.“

Sie lachte, um die aufsteigende Angst zu kontrollieren. „Akzeptiert.“ Nein, sie würde diese Person nie wieder sein. Er hatte ihr gezeigt, wie man für den Moment lebte, anstatt sich an Ängste zu klammern. Dennoch kostete es sie enorme Anstrengung, ihm nachzusehen und weiterhin ein strahlendes Lächeln aufzusetzen. Er sollte nicht wissen, welche Angst sie um ihn hatte.

Im hellen Licht des Ausgangs blieb er stehen und drehte sich noch einmal zu ihr um. „Es ist nicht vorbei. Letzte Nacht war erst der Anfang.“ Er lächelte kurz. „Warte auf mich.“

Das Klicken des einschnappenden Visiers war das Signal für Cristiano, die Außenwelt auszuschließen. Mit diesem Laut existierte für ihn nichts anderes mehr als die Strecke, das Auto, das Rennen.

Der Stadtkurs von Monaco war lächerlich eng, machte Überholen nahezu unmöglich. Die Zuschauer waren der Strecke so nah, dass man meinte, sie berühren zu können.

Die ersten Runden hatte er bereits hinter sich. Waren es vier oder fünf? Er hatte eine gute halbe Sekunde Vorsprung. An der Haarnadelkurve zum Grand Hotel schaltete er in einen niedrigeren Gang. Silvio hatte gute Arbeit geleistet, der Wagen ließ sich großartig fahren. Die Wetterbedingungen waren ideal. Dieses Rennen gehörte ihm … Ein weiterer Sieg, den er seiner beeindruckenden Sammlung von Siegen hinzufügen würde.

Du brauchst nichts zu beweisen.

Er fuhr in den Tunnel ein, Dunkelheit umschloss ihn. Die Stimme in seinem Kopf war so real, dass er tatsächlich für einen Moment glaubte, Colleen säße mit ihm im Wagen. Er konnte den frischen Duft ihrer Haut riechen. Das jähe Verlangen ließ ihn fast schwindeln, er blinzelte.

Vor ihm kam das Ende des Tunnels in Sicht. Als er ins Sonnenlicht hinausfuhr, lag der Geschmack ihrer Haut auf seinen Lippen und ihre Worte hallten in seinen Ohren. Und plötzlich ergab alles Sinn.

Die Absperrung kam viel zu schnell auf ihn zu, aber irgendwie schien es nicht real, denn in diesem Moment wusste er …

Eine Explosion – Schmerz, Feuer, Bewusstlosigkeit.

… nichts mehr.

1. KAPITEL

Vier Jahre später …

Clearspring Mineralwasser stammte aus den Quellen im grünen Herzen der Yorkshire Dales – damit warb die Marketingabteilung. Die Büros von Clearspring jedoch waren in einem unansehnlichen grauen Gebäude im Industriegebiet einer unansehnlichen grauen Stadt in Yorkshire untergebracht.

Die Räume alleine waren deprimierend genug, doch am ersten Montag des neuen Jahres wirkte das Ganze besonders trist. Im Foyer stand noch immer die nadelnde Tanne, die Dekorationen an ihr hingen traurig herunter, weil noch niemand die Gelegenheit gehabt hatte, den Baum abzubauen. Colleen stand in der winzigen Küche und wartete darauf, dass das Wasser im Kessel zu kochen begann. Sie starrte auf den Kalender an der Wand.

Neues Jahr, neuer Kalender. Neue Fotos des Campano-Rennstalls.

Sie zog die Ärmel des wenig schmeichelhaften Pullovers – ein Weihnachtsgeschenk von ihrer Mutter – herunter, lehnte sich an die Anrichte und wiederholte stumm ihren Vorsatz für das neue Jahr.

In diesem Jahr werde ich mit dem Warten aufhören. Ich werde jedes „Vielleicht“ und jedes „Wenn“ aufgeben und aufhören, mir ständig etwas zu wünschen, das ich nicht haben kann. Ich werde das Beste aus dem machen, was ich habe – einen wunderbaren, glücklichen und gesunden dreijährigen Sohn.

Es juckte Colleen in den Fingern, aber sie würde nicht nachsehen. Sie würde nicht diesen dummen Kalender durchblättern auf der Suche nach dem Foto von Cristiano Maresca wie ein schwärmender Teenager.

Letztes Jahr hatte sie es getan. Das Jahr davor auch.

Seit dem Unfall in Monaco, der Cristiano Maresca fast das Leben gekostet hatte, fuhr er keine Rennen mehr. Doch das hatte seiner Berühmtheit keinen Abbruch getan, im Gegenteil. Mit seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit hatte sich sein Status als Herzensbrecher nur gefestigt. Die wenigen Paparazzi-Fotos, die von ihm im Umlauf waren, wurden immer wieder und überall abgedruckt, zusammen mit endlosen Spekulationen, ob er je wieder auf die Rennstrecke zurückkehren würde.

Warum dauerte das so lange mit dem Wasser?

Colleen holte zwei Becher aus dem Schrank, gab einen Löffel Kaffeepulver in den einen und hängte einen Teebeutel in den anderen. Ihr Blick glitt zurück zu dem Kalender.

Das Bild für Januar sah harmlos aus – zwei Campano-Rennwagen mit den Clearspring-Logos Seite an Seite auf einer Rennstrecke. Colleens Hand hob sich wie aus eigenem Willen, wollte nach dem Blatt fassen …

„Juli.“

Die Stimme hinter ihrem Rücken ließ sie erschreckt zusammenfahren. Hastig ließ Colleen die Hand sinken, als Lisa aus der Grafikabteilung den Kopf zur Tür hereinsteckte.

„Tu nicht so, als hättest du nicht nach Maresca gesucht. Haben wir alle schon. Er gibt den Juli.“ Damit ließ sie Colleen wieder alleine.

Der Kessel meldete sich pfeifend. Colleen goss kochendes Wasser in die Tassen und beglückwünschte sich grimmig. Nein, sie hatte nicht nachgesehen. Und sie hatte Zeit bis Juli, um sich unter Kontrolle zu bekommen. Oder sich das Kaffeetrinken abzugewöhnen.

Die Becher in einer Hand, klopfte sie an Dominics Tür.

„Was, zum Teufel, ist das?“ Misstrauisch schaute Dominic in den Becher, den sie vor ihn hinstellte, und stöhnte. „Sag jetzt nicht, Lizzie hat dich mit ihrer Entgiftungskampagne überzeugt?“

Colleen hob eine Augenbraue. „Dir auch ein frohes neues Jahr“, meinte sie trocken und ging zurück zur Tür.

„Warte … Tut mir leid.“ Er seufzte. „Eine ganze Woche mit meiner Schwiegermutter hat wohl die nörglerische Seite in mir hervorgebracht. Lass es mich noch mal wie ein zivilisierter Mensch versuchen, der froh ist, wieder im Büro zu sein, und einem aufregenden neuen Arbeitsjahr entgegensieht.“ Lächelnd zeigte er auf den Stuhl, der auf der anderen Schreibtischseite stand. „Setz dich und erzähl mir, wie dein Weihnachten war. Ich gehe davon aus, dass du nicht, so wie ich, von einer pinkfarbenen Lawine überrollt wurdest?“

Colleen setzte sich und hielt den Kaffeebecher mit beiden Händen. Dominics Tochter Ruby war neun Monate älter als ihr Sohn Alexander und seine beste Freundin und erbarmungsloseste Gegenspielerin zugleich.

„Nein, bei uns waren es Modellautos. Sein Lieblingsauto ist übrigens der Alfa Romeo-was-auch-immer, den du ihm geschenkt hast.“ Sie nippte an ihrem Kaffee. „Nochmals vielen Dank. Er nimmt ihn sogar mit ins Bett.“

„Keine Ursache. Und es ist ein Alfa Romeo Spider, du hoffnungslose Ignorantin.“ Dominic seufzte. „Der Junge weiß eben, was gut ist. Ich würde auch mit einem solchen Wagen ins Bett gehen, wenn ich könnte.“

„Weiß Lizzie von deinen geheimen Gelüsten?“

„Würde mich nicht wundern.“ Mit angewiderter Miene stellte er die Teetasse ab. „Ein Alfa Spider würde mich auf jeden Fall nicht zwingen, Kräutertee zu trinken.“

„Geschieht dir recht. Du hättest über Weihnachten nicht so viel feiern sollen.“

Dominic lehnte sich in seinen Stuhl zurück. „Du weißt doch, wie es ist – Kunden wollen unterhalten und Weihnachtsfeiern fürs Personal organisiert werden.“ Er blickte sie über den Rand seiner Brille an. „Auch wenn manche vom Personal gar nicht erst erscheinen.“

Colleen sah ihn nicht an. Es erschien ihr plötzlich wesentlich interessanter, die Post-It-Sticker am Aktenschrank ordentlich in eine Reihe zu kleben. „Das Thema haben wir doch schon besprochen. Ich hatte keinen Babysitter.“

„Was denn? Ist deine Mutter wieder um die Häuser gezogen?“

Die völlig abwegige Vorstellung entlockte Colleen ein flüchtiges Lächeln. „Ich kann sie nicht ständig bitten. Sie tut schon mehr als genug und passt auf Alexander auf, wenn ich im Büro bin.“

„Du weißt doch, dass sie ihn gern bei sich hat. Alexander gibt ihrem Leben wieder Sinn, nachdem Will …“

„Ich weiß, ich weiß. Sie denkt dann an die glücklichen Zeiten zurück, als mein Vater noch lebte, an die Zeit, bevor mein Bruder tödlich verunglückte. Trotzdem will ich mich nicht zu oft auf sie verlassen. Ich habe mich allein in diese Situation gebracht, und deshalb sollte ich auch zusehen, dass ich allein damit fertig werde.“

Dominic stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch. „Das genau ist der springende Punkt. Du hast dich nicht allein in die Situation gebracht, es sei denn, es war eine unbefleckte Empfängnis. Um ein Kind zeugen, braucht man immer zwei, und das aus gutem Grund. Es ist Schwerstarbeit, ein Kind zu erziehen.“

Colleens Stimmung sank. Sie ahnte, in welche Richtung Dominic die Unterhaltung steuerte. In diese Richtung wollte sie aber nicht gehen. „Es ist nicht ideal, ich weiß. Aber ich tue mein Bestes. Ich …“

„Das meinte ich doch gar nicht“, unterbrach er sie milde. „Du bist eine großartige Mutter.“

Bedacht stellte sie ihren Becher ab. Auf ihrer Brust lag ein kalter Druck. „Aber?“

„Es ist jetzt vier Jahre her, Colleen. Und noch immer hoffst du darauf, dass ein gut aussehender italienischer Rennfahrer eines Tages über die Hauptstraße gebraust kommt und dich auf seine Arme schwingt.“

Mit einem strahlenden Lächeln sprang sie auf die Füße. „Tja, die Kaffeepause ist dann zu Ende. Ich habe viel zu tun. Ich muss erst einmal die ganze Post …“

„Schon gut, schon gut. Entschuldige.“ Beschwichtigend hob er die Hände. „Ich bin nicht gut in so etwas. Aber Lizzie und ich sind beide der Meinung, dass es jetzt lange genug dauert. Die Weihnachtsfeier war nur eine von vielen Partys, auf denen du nicht aufgetaucht bist. Du bist wie in der Vergangenheit erstarrt. Du wartest auf einen Mann, von dem du selbst nicht mehr glaubst, dass er noch kommt, aber du willst die Hoffnung nicht aufgeben.“

Abrupt wandte sie das Gesicht ab. Dominic sollte den Schmerz nicht sehen, der sie durchfuhr, als sie Cristianos Worte wieder hörte.

Es ist nicht vorbei. Letzte Nacht war erst der Anfang. Warte auf mich.

„Du irrst dich“, sagte sie leise. „Genau das ist nämlich mein Vorsatz fürs neue Jahr.“

„Gute Vorsätze sind dazu da, um gebrochen zu werden“, scherzte er. „Wie lange hat der Vorsatz letztes Jahr gehalten?“ Seine Stimme wurde eindringlicher. „Du musst dieses Kapitel beenden, Colleen. Doch das wirst du nicht können, solange du nicht Klarheit schaffst und ihn wissen lässt, dass er einen Sohn hat.“

Hatte sie gehofft, dieses Gespräch schnell beenden zu können, war sie jetzt nicht mehr sicher, ob das möglich war. Sie setzte sich wieder. „Schon gut, Dominic. Ich habe es versucht, das weißt du. Zweimal habe ich ihm geschrieben. Und vorher habe ich zwei Tage vor der Klinik gewartet, ohne zu ihm gelassen zu werden.“

„Ja, ich weiß, Liebes. Aber Briefe können verloren gehen oder abgefangen werden. Und dass man dich nicht zu ihm gelassen hat, ist nicht verwunderlich. Die Presse und Hunderte von Fans wollten zu ihm, während er auf der Intensivstation mit dem Tod rang. Aber solange er diese wichtige Information nicht mit Sicherheit erhalten hat, wirst du nie wissen, woran du bist. Ich denke, schon um Alexanders willen solltest du es noch einmal versuchen.“

Colleen verschränkte verkrampft die Hände im Schoß. „Ich habe nicht vor, ihn zu zwingen, Alexander anzuerkennen. Ich brauche keine Hilfe von Cristiano. Alexander und ich kommen gut allein zurecht.“

„Was ist mit Alexander?“, hielt Dominic dagegen. „Eines Tages wird er wissen wollen, wer sein Vater ist. Er ist erst drei Jahre alt, und schon jetzt ist er besessen von Autos und Geschwindigkeit. Früher oder später …“

Colleen stellte seufzend ihre Tasse ab. „Was soll ich deiner Meinung nach denn tun, Dominic? Ich habe Cristiano geschrieben. Ich habe versucht, an den Sicherheitsleuten vorbeizukommen. Außer einer Exklusivstory in einem Klatschmagazin sehe ich keine Möglichkeiten mehr.“

Wortlos zog Dominic eine Schublade auf, holte einen Umschlag hervor und schob ihn Colleen hin. „Geh zu ihm.“

Colleen starrte auf den Umschlag. Ihr Herz begann in unguter Vorahnung zu pochen. „Was ist das?“

„Eine Einladung.“ Er hätte gern lässiger geklungen und verfluchte sich im Stillen dafür, dass es ihm nicht gelang. „Zu einer Party im Casino von Monte Carlo, um den Start der neuen Saison mit dem Campano-Team zu feiern – und das Comeback von Cristiano Maresca.“

Colleens blaue Augen weiteten sich. „Fährst du hin?“

Dominic wusste nicht, ob es Panik oder Hoffnung war, die ihre Stimme beben ließ. „Nein. Ich schicke Lisa und Ian hin. Und dich.“

Colleen sprang auf und schüttelte wild den Kopf. „Nein, das kannst du nicht. Was ist mit Alexander? Ich kann nicht weg …“

Mit diesem Argument hatte Dominic gerechnet und war vorbereitet. „Alexander bleibt bei uns. Ruby und er nerven doch schon seit Ewigkeiten, dass sie eine Pyjama-Party machen wollen.“

Colleen lächelte nicht. „Ich habe ihn noch nie über Nacht allein gelassen.“

„Es wird schon alles gutgehen. Ruby hat es auch nichts ausgemacht, als Lizzie und ich für unseren Hochzeitstag weggefahren sind. Du tust das auch für Alexander, Colleen. Es ist deine Chance, Antworten zu erhalten und endlich Klarheit zu bekommen.“

„Das wird eine tolle Party.“

Dr. Francine Fournier sah von der Einladung in ihrer Hand auf und hob eine Augenbraue an. „Ich bedaure, dass ich nicht daran teilnehmen kann, aber leider findet heute Abend …“

„Bitte, Sie brauchen nichts zu erklären.“ Cristiano stand auf und lief ein paar Schritte in dem Sprechzimmer auf und ab. Mit einem schwachen Lächeln drehte er sich zu der Ärztin um. „Wir beide wissen doch, dass das Ganze ein Bluff ist. Hätte ich eine Wahl, würde ich auch nicht hingehen.“

Draußen vor den Fenstern senkte sich die Abenddämmerung über Nizza. Der Asphalt glänzte im Februarregen. Hier im Raum verbreitete indirekte Beleuchtung warmes Licht, ein Blumentopf mit den ersten Hyazinthen verströmte seinen Duft. Das Einzige, was an ein Arztzimmer erinnerte, waren die Röntgenbilder von Cristianos Kopf auf dem Leuchtmonitor an der Wand.

Mit einem Seufzer schob Dr. Fournier die Einladung wieder in den Umschlag und legte diesen in die Patientenakte auf dem Schreibtisch. „Es ist kein Bluff, Cristiano. Aber vielleicht ist es … noch ein wenig zu früh.“

„Zu früh?“, wiederholte Cristiano tonlos. Die Hände in die Hosentaschen gesteckt, ging er zu dem Monitor und starrte auf die Röntgenbilder, als könnte er etwas ...

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