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Die letzte Eskorte

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. KAPITEL EINS
  8. KAPITEL ZWEI
  9. KAPITEL DREI
  10. KAPITEL VIER
  11. KAPITEL FÜNF
  12. KAPITEL SECHS
  13. KAPITEL SIEBEN
  14. KAPITEL ACHT
  15. KAPITEL NEUN
  16. KAPITEL ZEHN
  17. KAPITEL ELF
  18. KAPITEL ZWÖLF
  19. KAPITEL DREIZEHN
  20. KAPITEL VIERZEHN
  21. KAPITEL FÜNFZEHN
  22. KAPITEL SECHZEHN
  23. KAPITEL SIEBZEHN
  24. KAPITEL ACHTZEHN
  25. KAPITEL NEUNZEHN
  26. KAPITEL ZWANZIG
  27. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  28. KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
  29. KAPITEL DREIUNDZWANZIG
  30. NACHWORT
  31. DANKSAGUNG
  32. GLOSSAR DER NAUTISCHEN BEGRIFFE

Über den Autor

Sean Thomas Russell wurde 1952 im kanadischen Toronto geboren und ist mit Herz und Seele Autor, Segel- und Geschichts-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf Vancouver Island, nur zwei Minuten von der Küste entfernt. Weitere Informationen finden Sie auf www.sthomasrussell.com

 

DIESES BUCH WIDME ICH DREI FREUNDEN,
DIE VIEL ZU FRÜH VON UNS GEGANGEN SIND:
JEAN KOTCHER, JAN DALEY UND ART MECK.
WIR TRAUERN UM SIE UND
VERMISSEN SIE SEHR.

 

NICHTS AUSSER EINER VERLORENEN SCHLACHT
KANN HALB SO MELANCHOLISCH STIMMEN
WIE EINE GEWONNENE SCHLACHT.

Arthur Wellesley,
Duke of Wellington

KAPITEL EINS

Es war ein elendes Vorwärtskommen. In der Heckducht eines Beibootes, umgeben von einer Ehrenwache aus Seesoldaten, hockte ein beleibter Zahlmeister und hatte eine eisenbeschlagene Kiste auf seinem Schoß. Im Kielwasser der Barkasse folgte eine wahre Flotte von schäbigen Händlerbooten. Mit gierigen Mienen beäugten die Kaufleute den Zahlmeister, als wäre er ein saftiger Bissen. Hinter dem letzten Händlerboot dümpelte ein bunt zusammengewürfeltes Geschwader aus Fischerkähnen und Prahmen aller Couleur, deren weibliche, mit Rouge geschminkte Passagiere sich ängstlich an die Bordwände klammerten – Nichtschwimmer allesamt.

»Kleopatras Vergnügungsboot hatte niemanden an Bord, der so anmutig war wie du, Schätzchen!«, rief ein grinsender, pockennarbiger Seemann einem der Mädchen von der Reling eines Schiffes zu und bekam gleich den Rohrstock des Bootsmanns zu spüren.

Hayden betrachtete die armen Frauen im Gefolge des Zahlmeisters, die darauf hofften, unter den kurzfristig zahlungsfähigen Matrosen ihrem Gewerbe nachzugehen. Vor einer Stunde noch war Hayden in Begleitung von Henrietta Carthew gewesen. Diese gefallenen Geschöpfe jedoch, die zu den Schiffen gerudert wurden, um den Durst der Seeleute zu stillen, erschienen ihm wie eine ganz andere Spezies. Ihm kam der Gedanke, dass seine Henrietta, wenn sie in armen Verhältnissen aufgewachsen wäre – nein, das war undenkbar. Seine Stimmung verschlechterte sich, und Hayden wandte den Blick von den Booten und schaute sich im Hafen von Plymouth um. Ein trister, kalter Novembertag ohne Wind. Die See war bleifarben und hob und senkte sich in einem trägen, schweren Rhythmus. Sein Boot glitt nun in die Mündung des Hamoaze, und der wachhabende Midshipman, der bislang wie gebannt auf die Hurenflotte gestarrt hatte, grinste jetzt verlegen, da er Haydens Blick spürte.

»Eine traurige Metapher unserer englischen Lebensart, fürchte ich«, bemerkte Hayden und nickte in Richtung des Zahlmeisters und der Boote, die in diesem Augenblick hinter der Landzunge verschwanden. Doch der junge Gentleman hatte die scherzhafte Anspielung offenbar nicht verstanden.

Im selben Moment lief die Pulverbarkasse vorbei. Der Midshipman kehrte ihr den Rücken zu und zog den Kopf ein, als rechnete er jeden Augenblick mit einer Explosion. Hayden sah, dass der Bootsführer, ein alter Seebär, ein Lächeln unterdrückte, und musste ebenfalls lächeln. Wäre die Pulverbarkasse so dicht am Boot explodiert, hätte man sich auch nicht schützen können, indem man sich einfach wegdrehte.

Hayden ließ den Blick über den Verlauf des Flusses schweifen, wo alle erdenklichen Bootstypen entweder vertäut lagen oder im ruhigen Wasser liefen. Der Krieg hatte die Marinewerften wach gerüttelt, die angrenzenden Gewässer aus ihrem Schlummer gerissen und dadurch allerorts für fieberhafte Geschäftigkeit gesorgt. Städte wie Plymouth und Dock wimmelten nur so von Seeleuten. Nicht nur die schweren Fuhrwerke der emsigen Händler bestimmten das Stadtbild, sondern auch die Seesoldaten in ihren roten Uniformen, viele mit geröteten Wangen. Herden von brüllenden Ochsen verstopften die Straßen und hielten die Wagen des Waffenamts auf. Und inmitten all des Trubels sprangen Jungen aufgeregt in den Gassen umher, fuchtelten mit ihren Holzschwertern herum oder feuerten imaginäre Musketen ab, während die eifrigen Kriegsvorbereitungen aus den Büroräumen des Navy Boards in die lauten Straßen schwappten.

»Dort ist es, Sir. Das Flaggschiff des Admirals«, sagte der Midshipman ohne einen Anflug von Ironie.

Hayden drehte sich um und erblickte im Hamoaze das mit achtzig Geschützen bestückte Wachtschiff, die Cambridge, von wo aus der Hafenadmiral seinen Pflichten nachkam. Auf Hayden wirkte es ein wenig befremdlich, dass ein Hafenadmiral kein Büro in einem Gebäude an Land hatte und sich mit einem Schiff begnügen musste – doch gewiss hatte die Admiralität dem Mann eine elegante Residenz zugewiesen.

Schon des Öfteren hatte Hayden über Sinn und Zweck dieser Treffen nachgedacht, versuchte aber, seine Bedenken beiseitezuschieben. Es führte zu nichts, sich fortwährend Sorgen zu machen, denn beizeiten würde sich alles klären.

Das Beiboot kam längsseits, und Hayden erklomm behände die Jakobsleiter. Er ignorierte seine schlechte Stimmung und die Angst, die ihm einflüsterte, seine unglückliche Karriere werde nun einen weiteren Rückschlag erleiden. Das Offizierspatent hatte er vom Ersten Sekretär der Navy erhalten und befehligte die kleine Sloop Kent. Kein Hafenadmiral würde ihm diese Privilegien nehmen können.

Als Hayden an Deck stieg, empfing ihn der Bootsmann mit dem Zwitschern der Pfeife. Die in Reih und Glied stehenden Seesoldaten präsentierten zackig das Gewehr – ein Ritual, das sich unzählige Male am Tag vollzog, da ständig ein Kapitän oder sogar ein Admiral an Bord kam. Ein rangniederer Master and Commander wie Hayden jedoch war gewiss kein häufig gesehener Gast auf der Cambridge.

Da er noch nicht sofort zum Admiral vorgelassen wurde, sah er sich gezwungen, an Deck auf und ab zu gehen. Er war nicht der einzige Offizier an Bord, aber die Kapitäne und Flaggoffiziere waren ihm alle unbekannt. Sie standen in kleinen Gruppen zusammen, unterhielten sich leise und bedachten Hayden nur mit einem kurzen, formellen Kopfnicken. Mehr als sonst fühlte sich Hayden als Außenseiter, und das sollte schon etwas heißen.

Ein Wachtschiff entsprach keinem gewöhnlichen Schiff, war aber getakelt und mit einer Rumpfmannschaft versehen. Man ließ diese Schiffe in diesem Zustand, damit die Admiralität noch Reserveschiffe hatte, die binnen weniger Tage bereit zum Auslaufen waren, falls die Situation es erforderte. Die Cambridge jedoch würde auch in naher Zukunft nicht in See stechen, da sie die beste Zeit hinter sich hatte. Sie würde allenfalls noch als Hulk dienen, ehe man sie ganz ausmusterte. Doch Hayden wusste, dass die Schiffe Seiner Majestät wie Phönixe aus der Asche aufstiegen, denn obwohl die Admiralität ein Schiff ausmusterte, ging der Name des jeweiligen Schiffes nicht verloren – gewiss würde es in den kommenden Jahren wieder eine Cambridge geben.

»Kapitän Hayden?«

Hayden drehte sich um und sah einen jungen Korporal der Seesoldaten mit geröteten Wangen, der an seinen Hut tippte.

»Ja.«

»Der Admiral entbietet Ihnen seinen Gruß und ersucht Sie, ihm Gesellschaft zu leisten.«

Kurz darauf wurde Hayden von dem wachhabenden Seesoldaten in den Vorraum der Kajüte des Admirals geführt und traf dort auf einen zurückhaltenden Sekretär. Die Männer grüßten einander stumm mit einer kurzen Verbeugung. Hayden fiel gleich auf, dass der Sekretär immer wieder kurz zur Tür blickte, die zur Kajüte des Admirals führte. Man hörte, dass dort im Raum jemand mit schweren Schritten auf und ab ging, kurz stehen blieb und dann erneut die Kabine von Steuerbord nach Backbord durchmaß.

Der Sekretär bedeutete Hayden, näher zu treten, hastete dann beinahe zu der geschlossenen Tür, zögerte und klopfte zaghaft an. Als er keine Antwort erhielt, wappnete sich der Mann sichtlich und klopfte lauter und beherzter gegen das massive Holz.

»Herein, verdammt! Bin ich jetzt auch noch taub?«

Der Sekretär öffnete die Tür gerade so weit, dass Hayden eintreten konnte, entzog sich aber dem wütenden Blick des Admirals und schloss die Tür schnell und leise wieder.

Augenblicke wie diese empfand Hayden als höchst unangenehm. Er wollte sich nicht einschüchtern lassen, aber wenn er jetzt die schlechte Laune des Admirals einfach ignorierte, gefährdete er sein eigenes Anliegen. Doch Hayden neigte nicht zu Unterwürfigkeit.

Einen Moment lang starrte Admiral Rowland Cotton seinem Sekretär wütend nach und wandte sich dann mit verkniffener und finsterer Miene Hayden zu, der sich bemühte, möglichst unbeteiligt zu wirken.

»Ihnen ist bewusst, dass mein Vorgänger an einem Schlaganfall starb?«, sagte der Admiral.

Hayden nickte. Es war allgemein bekannt, dass Sir Richard Bickerton ein Jahr zuvor nach einem Anfall von Zorn gestorben war, doch genau genommen war er nicht Cottons unmittelbarer Vorgänger gewesen – diese Ehre war, wenn auch nur kurz, Admiral Colby zuteil geworden.

»Ihr Schiff, wie heißt es noch gleich?«, begann der Admiral, ohne sich mit Höflichkeitsfloskeln aufzuhalten.

»Es ist die Kent, Sir.«

»Sie ist noch nicht eingetroffen …«

»Nein, Sir. Zwei Tage lang Sturm aus Südwest und nun eine Flaute …«

Cotton war nicht an meteorologischen Details interessiert und schien auch keine Erklärung hören zu wollen. »Sie waren Harts Leutnant, nicht wahr?«

»Das stimmt, Sir«, erwiderte Hayden vorsichtig. Ein ungutes Gefühl bemächtigte sich seiner, sobald der Name Hart fiel. Hayden befürchtete, dass man ihn immer mit diesem Offizier und all den unseligen Vorkommnissen an Bord von Harts Fregatte in Verbindung bringen würde. Und jetzt schien es so, als sei diese Furcht berechtigt.

»Dann sind Sie mit der Themis vertraut?«

»Das ist korrekt, Admiral.«

Cotton schritt wieder in der Kabine auf und ab. »Gewiss sind Sie davon unterrichtet, dass die Fregatte unter dem Kommando von Kapitän Davies steht? Doch wie es aussieht, wurde der gute Kapitän plötzlich von einer – geheimnisvollen Krankheit befallen, obwohl er sich sein ganzes Leben bester Gesundheit erfreute. Die Wahrheit ist aber, dass der Mann darum bemüht ist, Einfluss bei seinen Freunden in London und in der Admiralität zu gewinnen, da er zu stolz ist, das Kommando über die Themis anzunehmen. Wie es scheint, ist es unter der Würde der Kommandanten der Flotte, einen Fuß an Bord der Themis zu setzen, obwohl es sich um eine Fregatte neuester Bauart mit exzellenten Segeleigenschaften handelt. Denn offenbar befürchten diese Herren, dass man sie in Whitehall Street nicht wertschätzt, wenn man ihnen ein so – berüchtigtes Schiff zuweist.« Der Mann schüttelte den Kopf, seine Züge verhärteten sich vor Zorn. »Aber Sie sind doch wohl gesund, oder nicht? Sie leiden nicht plötzlich und unerwartet an akuter Dyspepsie? Gut. Seit Tagen beschwere ich mich schon bei der Admiralität, dass die Themis an ihrem Ankerplatz liegt und auf einen kompetenten Offizier wartet. Und nach einer ganzen Reihe von Schreiben haben die Herren der Admiralität geruht, mir zu gestatten, einen Mann zu benennen, der die Themis zu Admiral Lord Hood ins Mittelmeer bringt. Es wird dann Hoods Problem sein, einen Kommandanten für sie zu finden, nicht meins.« Er blieb vor Hayden stehen und sah ihn an. »Ich muss Ihnen das nicht genauer darlegen, oder?«

»Sie wünschen, dass ich die Themis zu Lord Hood bringe, Sir.«

Der Mann beugte sich vor. »Ich wünsche es nicht, Kapitän Hayden, ich befehle es Ihnen.«

»Aber was wird dann aus mir? Was ist mit der Kent?«

Der Admiral machte eine abfällige Handbewegung. »Hood wird Sie schon irgendwie gebrauchen können, dessen bin ich mir sicher. Oder er schickt Sie zurück zu Mr Stephens.« Der Admiral wirbelte auf dem Absatz herum und schritt wieder in der Kajüte auf und ab. Offenbar war alles gesagt, doch Hayden machte noch keine Anstalten, den Raum zu verlassen.

Da Cotton merkte, dass Hayden sich nicht von der Stelle gerührt hatte, fragte er: »Ist eine Fregatte denn nicht besser als eine Sloop, Hayden?«

»Es ist besser, das Kommando über ein eigenes Schiff zu haben. Als stellvertretender Kapitän …«

Der Admiral hielt sich mit seinem Unmut nicht zurück und fuhr Hayden an: »Zu viele Offiziere denken immer zuerst an die eigene Karriere und erst dann an den Dienst für das Vaterland. Sie vergessen, dass wir uns im Krieg befinden und dass Opfer gebracht werden müssen.«

Ja, aber ich bin es doch, der hier geopfert wird, hätte Hayden fast gesagt.

Doch das Gespräch war beendet, und Hayden wurde rasch von dem nervösen Sekretär aus der Kajüte geleitet, der ihm den schriftlichen Befehl und die Ernennungsurkunde in die Hand drückte. Nur widerwillig nahm Hayden die Dokumente in Empfang, die ohne Zweifel lange im Voraus geschrieben worden waren.

Kurze Zeit später fand sich Hayden an Deck wieder und sah, dass die anderen Kapitäne kurz mit kühler Gleichgültigkeit zu ihm herüberschauten und sich dann wieder leise unterhielten. Hayden kletterte über die Reling und stieg in das wartende Boot, wo er sich ernüchtert auf eine Ducht am Heck sinken ließ.

Der Midshipman befahl dem Bootssteuerer abzulegen und fragte dann, als Hayden nichts sagte: »Zum Plymouth-Kai, Sir?«

»Wissen Sie, wo die Themis festgemacht ist?«

»Das Schiff der Meuterer?«

»Genau das.«

»Man hat Sie doch hoffentlich nicht dorthin beordert, Sir?«

Hayden fixierte den Jungen mit einem kalten Blick.

»Cawsand Bay, Sir. Wir werden Sie dorthin bringen, bevor Sie …«

»… einen Fluch ausstoßen können?«, vervollständigte Hayden den Satz verdrießlich, doch der Midshipman hielt es für besser, darauf nicht zu antworten.

Im Hafen setzte prasselnder Regen ein, als sie den Schutz des Flussufers verließen. Die dicken Tropfen kräuselten die Wasseroberfläche und erzeugten ringförmige Muster. Schwer atmend legten sich die Rudergasten in die Riemen, und kurz darauf tauchte Cawsand Bay auf, wo die Schiffe wie eh und je dicht an dicht lagen.

Inmitten all der Schiffe, die im Gezeitenstrom vor Anker lagen, war auch bald der dunkle Rumpf der Themis auszumachen – die Fregatte wirkte zwergenhaft im Vergleich zu den anderen, größeren Kriegsschiffen der Flotte. Der Midshipman befahl dem Bootssteuerer, das Beiboot längsseits zu bringen. Doch Hayden konnte nicht gleich an Bord. Der Seesoldat oben an der Reling bat um Geduld, da erst noch der wachhabende Offizier benachrichtigt werden musste. Es dauerte nicht lange, da kam die Erlaubnis, dass Hayden an Bord kommen dürfe, und während er die Jakobsleiter hinaufkletterte, erinnerte er sich an den Tag, als er zum ersten Mal die Seite dieses Schiffes erklommen hatte. Damals war die Themis in einem erbärmlichen Zustand gewesen, die Besatzung hatte zu viel getrunken, und die Offiziere waren nicht mehr Herr der Lage gewesen. Herbeigeführt hatte diesen Zustand letzten Endes der despotische Kapitän Hart. All dies schien eine Ewigkeit her zu sein – nicht bloß Wochen. An diesem Tag jedoch vernahm Hayden keine Laute ausgelassener Schwelgerei an Bord, sondern lediglich die leisen Hammerschläge des Zimmermanns unter Deck, die hellen Töne der Schiffsglocke und Rufe wie »alles in Ordnung«. Letzterem wollte Hayden im Stillen nicht zustimmen. Als er über die Reling stieg, sah er gleich ein bekanntes Gesicht.

»Mr Archer«, grüßte Hayden den Leutnant und war froh, wenigstens einen Mann an Bord zu kennen. Nachdem Hayden das Schiff vor Wochen verlassen hatte, waren sämtliche Offiziere und Deckoffiziere an Land geschickt worden, gewiss auf Drängen des neuen Kommandanten, der keine Leute an Bord haben wollte, die in irgendeiner Weise etwas mit der Meuterei zu tun hatten. »Ich bin überrascht, Sie hier zu sehen.«

»Ich bin nicht minder überrascht, Mr Hayden. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie je wieder einen Fuß auf dieses Schiff setzen würden. Wir erwarten eigentlich unseren neuen Kapitän, aber wie es scheint, hegt er eine Abneigung gegen unsere Gesellschaft.«

»Hm«, machte Hayden. »Gehen wir unter Deck, raus aus dem Regen. Geht es Ihnen gut, Mr Archer?«

»Ja, recht gut, danke, Sir.« Archer lächelte. Der junge Mann wirkte oft ein wenig verschlafen, ganz so, als habe er gerade erst seine Koje verlassen, und diesen Eindruck gewann Hayden auch an diesem Tag. Im Gehen versuchte Archer, seine Weste zu richten, die allerdings falsch zugeknöpft war und somit schief saß.

»Haben Sie denn inzwischen genügend Leute?«, fragte Hayden, um die peinliche Stille zu durchbrechen. Er tat, als würde er nicht zu sehen, wie umständlich Archer an seinem Uniformrock herumfingerte.

»Beinahe, Sir. Wir warten noch auf die Presskommandos, die uns neue Leute bringen sollen, aber ich glaube, die haben uns vergessen.«

Nach der Meuterei hatte die Themis gerade noch eine Rumpfmannschaft von knapp achtzig Seeleuten gehabt – für eine komplette Crew fehlten hundertzwanzig Mann.

Als sie den Niedergang erreichten, rief Archer einem Mann unter Deck zu: »Schauen Sie, wer uns besucht, Mr Barthe. Ein frisch ernannter Master and Commander.« Zu Hayden gewandt sprach er: »Ich habe ganz vergessen, Ihnen noch zu Ihrer Beförderung zu gratulieren, Sir.«

Am Fuße des Niedergangs schüttelte Hayden dem korpulenten Master die Hand. Mr Barthe atmete schwer und hatte gerötete Wangen, als sei er Treppenstufen hinaufgerannt. »Ich dachte, da kommt unser neuer Kapitän«, lachte Barthe und schien sich wirklich zu freuen, Hayden wiederzusehen, »und bin extra gerannt, um nicht zu nachlässig zu erscheinen. Kommen Sie in die Offiziersmesse, Mr Hayden. Dort ist es wärmer.« Barthe trat einen Schritt beiseite, um Hayden den Vortritt zu lassen. »Sie kommen nicht mit uns, Mr Archer?«

»Ich muss noch die Windrichtung bestimmen, Mr Barthe.«

»Er muss erst seine Weste richtig zuknöpfen«, flüsterte Hayden dem Master zu, der mit einem wissenden Grinsen antwortete.

Barthe unterdrückte sein Lachen und räusperte sich dann. »Es heißt, Sie haben jetzt ein eigenes Schiff, Mr Hayden. Die Kent. Stimmt das?«

»Vor einer Stunde war das meine Bestimmung, Mr Barthe, aber der Hafenadmiral hatte andere Vorstellungen.«

Schritte auf der Treppe verrieten, dass Archer ihnen nun nacheilte.

»Sie sprechen von diesem sturen Cotton?«, erkundigte sich Barthe und trottete hinter Hayden her.

»Sie sind ihm also schon einmal begegnet?«

»Gott bewahre, nein. Aber ich weiß, was für einen Ruf er hat.«

Als Hayden die Tür zur Offiziersmesse öffnete, sah er Dr. Griffiths am Tisch sitzen. Der Schiffsarzt beugte sich über ein Buch. Nun nahm Griffiths seine Brille ab, und ein Lächeln erhellte sein schmales Gesicht. Zu schnell stand er auf, um Hayden die Hand zu schütteln, und stieß hart mit dem Kopf gegen einen Decksbalken.

»Verflucht und zugenäht!«, schimpfte er und hielt sich den Kopf. Dann zuckte er zusammen, musste aber im selben Augenblick lachen. »Als wäre ich nie unter Deck gewesen, wie? Es freut mich wirklich, Sie wieder in unserer Messe zu sehen, Mr Hayden.«

»Die Freude ist ganz meinerseits, Doktor. Und ich dachte, Sie wären alle an Land geschickt worden?«

»Der neue Kapitän wollte mit uns nichts zu tun haben«, antwortete Barthe, »aber bei allem, was man hört, hat er sich nach London aufgemacht, um der Admiralität ein anderes Schiff aus den Rippen zu leiern. Also erhielten wir den Befehl, uns wieder aufs Schiff zu begeben, da unsere Dienste nirgends erwünscht waren, ob Sie’s nun glauben oder nicht. So schlecht steht es um den Ruf der Leute, die unter Hart dienten. Ich glaube, die Themis wird hier weiterhin vor Anker liegen und irgendwann verrotten, da sich kein Kapitän findet.«

»Sie wird zumindest in naher Zukunft nicht verrotten, Mr Barthe.« Hayden griff in die Innentasche seines Uniformrocks und holte die Dokumente hervor, die ihm der schüchterne Sekretär des Hafenadmirals überreicht hatte. »Meine Befehle und meine Ernennungsurkunde. Ich werde das Kommando übernehmen und Sie alle ins Mittelmeer bringen, um dort mit Lord Hood zusammenzutreffen – in Toulon. Beim nächsten Wachwechsel könnten wir alle Matrosen aufs Batteriedeck bestellen. Dann werde ich meinen Einsatzbefehl verlesen.« Hayden brach das Siegel des Einsatzbefehls und überflog die Zeilen. »Aha, hier ist ein Punkt, den der Admiral versäumt hat mir mitzuteilen – wir sollen einem Konvoi bis nach Gibraltar Geleitschutz geben.«

»Ist das nicht zu spät im Jahr für einen Konvoi?«, fragte Archer verwundert.

»Ich habe gehört, dass ein Konvoi schon seit sechs Wochen in Torbay festsitzt. Erst war immer das Wetter zu schlecht, und dann ist ihnen dauernd irgendetwas dazwischengekommen.« Barthe schüttelte schnaubend den Kopf, als wolle er andeuten, dass dies allein an der Inkompetenz innerhalb der Admiralität lag.

»Das ist der Konvoi«, erwiderte Hayden und schaute wieder auf den Einsatzbefehl. »Der Kommandant ist Pool.«

»Richard Pool? Den kenne ich, Mr Hayden«, sagte Barthe und verzog den Mund. »Es gibt keinen ehrgeizigeren Mann in der ganzen Flotte, möchte ich wetten, aber ich muss zugeben, dass er ein ganz passabler Seemann ist.«

»Seinem überbordenden Ehrgeiz hat er es wohl zu verdanken, dass er jetzt Dienst in einem Konvoi tut. Wir sollen noch ein paar Passagiere mitnehmen. Zwei Pfarrer, kaum zu glauben, was? Offenbar sollen sie vor Hoods heidnischen Horden Gottes Wort predigen.«

Archer musste lachen. »Zwei Pfarrer für Hoods heidnische Horden. Sehr gut, Mr Hayden.«

»Mr Hayden hat nur vorübergehend das Kommando, Archer«, ließ sich Griffiths vernehmen. »Sie brauchen ihm also keinen Honig um den Bart zu schmieren.«

Archer lachte wieder und errötete.

»Gibt es hier jemanden, der verlässlich ist und der mein Gepäck an Bord holen kann?«

»Childers, Sir.«

»Ja, den nehme ich. Morgen früh bei Flut setzen wir Kurs auf Torbay, Mr Barthe. Wie ist es um unsere Vorräte und das Trinkwasser bestellt?«

»Wir haben genug Vorräte an Bord, um es bis nach Gibraltar und darüber hinaus zu schaffen, Sir. Munition und Pulver ist auch in ausreichender Menge vorhanden. Das Kupfer am Rumpf ist sauber, und die Segel samt Takelage sind in tadellosem Zustand. Allerdings haben wir zu wenig Leute, aber das ist nicht so schlimm.« Barthe lächelte. »Es sind fast alle Mann an Bord, die mit uns nach Frankreich segelten, Mr Hayden, da kein anderes Schiff sie haben wollte. Dabei sind längst alle Meuterer zum Henker geschickt worden, und die anderen sind erfahrene Seeleute. Auch die Presskommandos haben uns ein paar taugliche Männer gebracht: Fischer und Seeleute von Handelsschiffen. Oh, und dann wären da noch einige Landratten und Jungen, aber Mr Franks hat ihnen schon einiges beigebracht. Die werden bald richtige Matrosen sein.«

»Wie geht es denn Mr Franks?«

»Er hinkt seither, Sir, und kann nur noch langsam aufentern. Mit seinem Arm ist alles in Ordnung. Franks teilt immer noch gut mit seinem Rohrstock aus. Er kommt schon zurecht.«

»Sind Sie der Erste Leutnant, Mr Archer?«

Archer, der scheinbar mit den Gedanken woanders gewesen war, zuckte wie ein Schuljunge zusammen, den der Lehrer beim Tagträumen erwischt hatte. »Nein, Sir. Saint-Denis ist Erster. Er hält sich aber momentan an Land auf. Ich bin der Zweite, und einen Dritten haben wir leider noch nicht. Ohne Kapitän haben wir keinen einzigen Midshipman, doch ich denke, dass Harts frühere Schützlinge sofort mit Ihnen segeln würden, wenn wir ihnen nur rechtzeitig Bescheid sagen könnten.«

»Wir brauchen noch Reffer. Vielleicht finden wir welche in Torbay.« Hayden holte seine Taschenuhr hervor und schnippte den Deckel mit dem Daumen auf. Kurz vor Mittag. »Könnten Sie mir sämtliche Seefrachtbriefe, Ladungsverzeichnisse, Rechnungen und die Crewliste in meine Kabine bringen lassen, Mr Archer? Dann brauche ich noch ein Boot, das mich für eine Verabredung zum Dinner an Land bringt. Wissen Sie, wo Leutnant Saint-Denis sich im Augenblick aufhält? Es gibt noch viel zu tun, bevor wir in See stechen.«

»Childers wird jemanden mitnehmen, der ihn sucht, Kapitän.«

In Begleitung von Barthe und Franks nahm Hayden die Themis in Augenschein, Deck für Deck. Er überprüfte die Laderäume und die Pulverkammer, warf einen Blick in das Mannschaftsquartier und das Lazarett und vergewisserte sich an Deck, dass die Takelage in Ordnung war. Kurzum, im Hinblick auf die bevorstehende Fahrt wollte Hayden nichts dem Zufall überlassen und prüfte die Fregatte vom Kielraum bis zur Mastspitze. Für Franks, den Bootsmann, war es sichtlich unangenehm, als Hayden schließlich anordnete, dass einige Schoten erneuert werden mussten. Offenbar sah es ganz so aus, als seien weder Franks’ Gehilfen noch die Matrosen ehrlich gewesen, was die erforderlichen Ausbesserungsarbeiten am Rigg betraf. Vielleicht waren Franks’ Leute auch einfach zu nachlässig gewesen, da sie wussten, dass der Bootsmann nicht mehr gut aufentern konnte.

Als die Arbeiten nach einigen Stunden abgeschlossen waren, begab sich Hayden in die Kapitänskajüte, musste jedoch feststellen, dass sie bereits besetzt war. Zumindest sah er das Gepäck und die Habseligkeiten eines anderen Mannes.

»Wie es scheint, Mr Archer, wohnt bereits jemand in meiner Kabine.«

»Ja, Saint-Denis, Sir. Ich sage seinem Diener gleich, dass die Sachen weggeschafft werden müssen. Bitte um Entschuldigung, Mr Hayden.«

»Mister Hayden sollte fortan mit Kapitän angesprochen werden, Mr Archer«, rief Barthe ihm eindringlich in Erinnerung.

»Gewiss«, erwiderte Archer schnell. »Das wird nicht wieder vorkommen.«

»Kein Grund zur Sorge, Mr Archer.« Hayden musste lachen. »Ich habe mich ja selbst noch nicht an die neue Anrede gewöhnt.«

Kajütsdiener schafften das Gepäck des Ersten Leutnants fort, sodass Hayden kurz darauf in einer leeren Kabine auf und ab schritt. In diesem Moment betrat Perseverance Gilhooly, Haydens Schreiber während der letzten Fahrt, die Kabine und brachte zwei Matrosen mit, die ein kleines Schreibpult trugen.

»Gilhooly!«, begrüßte Hayden den Jungen erfreut, den alle Perse nannten. »Bist du bereit, Sekretär des Kapitäns zu werden? Genauer gesagt Sekretär des stellvertretenden Kapitäns?«

»Dann soll es mir recht sein, stellvertretender Sekretär zu werden, wenn die Vorschriften es so verlangen. Ich freue mich, dass Sie wieder an Bord sind, Sir.«

»Danke. Ich muss einen ganzen Stapel Papiere durchsehen und möchte gleich damit beginnen. Gibt es hier Stühle …? Ah, da sind ja welche.« Im selben Moment brachten die beiden Matrosen die Stühle herein.

Auch Barthes Gehilfe zwängte sich hinter den Matrosen in die Kabine und drückte dem Master ein ledergebundenes Buch in die Hand.

Barthe hielt das Buch hoch. »Hafenlogbuch, wenn’s genehm ist, Kapitän.« Er legte das Buch auf Haydens Schreibtisch.

»Wir sollten ein Auge darauf haben, Mr Barthe«, sagte Hayden in Anspielung auf die letzte Fahrt. »Ich möchte nicht, dass es verloren geht.«

»Ich glaube nicht, dass wir im Augenblick Diebe an Bord haben. Übrigens habe ich nie erfahren, wie mein Logbuch plötzlich während der Verhandlung vor dem Kriegsgericht auftauchte …«

»Das ist auch mir schleierhaft«, sagte Hayden und schlug das Logbuch auf, weil er dem Master nicht in die Augen sehen konnte. Denn Hayden hatte es so eingefädelt, dass das gestohlene Logbuch auf illegale Weise wiederbeschafft wurde, doch das sollte niemand wissen. Wie beiläufig blätterte Hayden jetzt in dem Buch, hielt dann aber inne, als sein Blick auf eine Seite fiel. Fast erschrocken schaute er auf zu dem Master, dessen Miene mit einem Mal verkniffen wirkte.

»Sie waren während der Exekutionen an Bord, Mr Barthe? Das ist doch Ihre Handschrift, nicht wahr?«

Barthe warf einen Blick auf die ordentliche Schrift und schloss kurz die Augen. Sein rundliches Gesicht wirkte mit einem Mal schlaff. »Ja, Sir. Der neue Kapitän war zu krank, um dabei sein zu können. Mr Franks und – und ich machten die Schlingen. Saint-Denis überwachte die Hinrichtungen, und zwar ziemlich kaltblütig, wenn ich das so sagen darf. Das brachte ihm das Misstrauen der Crew ein. Zum Glück hatten wir neue Leute an Bord, die die Stricke hochzogen und die Verurteilten nicht kannten. Zumindest ein schwacher Trost.«

»Es tut mir leid, dass Sie dabei sein mussten, Mr Barthe. Das war gewiss eine hässliche Sache.«

»Ach, bei einigen tat es mir nicht leid, sie baumeln zu sehen, Sir. Sie misshandelten uns furchtbar nach der Übernahme des Schiffes und brachten sogar einige Crewmitglieder um, aber andere hatten weniger Schuld auf sich geladen, wenn man das überhaupt bei einer Meuterei sagen kann. Wahrscheinlich werde ich mein Lebtag vor Augen haben, wie sie hochgezogen wurden.«

»Das ist der Preis, wenn man ein Gewissen und Pflichtbewusstsein hat.«

Einen Moment lang standen sich die beiden Seeleute etwas ratlos gegenüber, bis Barthe, der offenbar wenig Trost aus Haydens Worten gezogen hatte, eine kurze Verbeugung andeutete. »Aber Sie haben zu tun, Kapitän. Besser, ich gehe jetzt.« Er verließ die Kabine, mit einem Mal seltsam steif in seinen Bewegungen.

Hayden reichte einem Seesoldaten, der ihm fortan dienen sollte, den Uniformrock, ließ sich dann auf einen der Stühle sinken und griff nach dem ersten Blatt Papier auf dem Stapel – der Musterrolle. Etliche Namen kannte er: Chettle zum Beispiel war der Schiffszimmermann, Childers war Harts Bootsführer gewesen und würde von nun an Hayden in derselben Weise dienen. Doch es gab ebenso viele Namen, die ihm unbekannt waren.

Daraufhin ging er das Ladungsverzeichnis, die Liste der Kranken und Verletzten, die Wacheinteilung und das Hafenlogbuch durch. In der Flut aus Papieren und Dokumenten drohte er unterzugehen, hielt aber hartnäckig durch, bis der Stapel abgearbeitet und jedes einzelne Blatt über die Schreibtischplatte zu einem zweiten Stapel gewandert war.

Erleichtert lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück, führte die Kaffeetasse an den Mund und trank den inzwischen kalten Inhalt. Als sich sein Magen bemerkbar machte, vergewisserte sich Hayden mit einem Blick auf seine Uhr, dass es wirklich Zeit zum Abendessen war. Dann schaute er sich in Harts Kabine um, in der er sich vorübergehend einrichten würde, und das nicht zum ersten Mal. Doch der Rang eines Vollkapitäns und die Aussicht auf ein eigenes Schiff waren plötzlich wieder in weite Ferne gerückt. Verflucht sei Cotton, dass er mir die Kent weggenommen hat, dachte er. Hayden war der festen Überzeugung, dass er sich die neue Position redlich verdient hatte. Doch jetzt war er wieder nur stellvertretender Kapitän.

Es klopfte an die Tür.

»Herein!«, rief er und machte sich klar, dass er seinen Zorn und seine Enttäuschung nicht an Unschuldigen auslassen durfte.

Der Wachposten steckte den Kopf durch die Tür. »Leutnant Saint-Denis, Sir.«

»Schicken Sie ihn herein«, sagte er und erhob sich.

Da rauschte Saint-Denis auch schon in die Kajüte, den Hut unter den Arm geklemmt. Er lächelte, wenn auch etwas gezwungen, und gab sich betont locker. Er hatte eine fliehende Stirn und stumpfes blondes Haar, das sich allmählich lichtete. Die feine, maßgeschneiderte Uniform vermochte nicht die schmale Brust, die spitzen Schultern und die breiten Hüften zu verbergen. Obwohl der Leutnant nur etwas älter als Hayden war, schien er die Jugend längst hinter sich gelassen zu haben und näherte sich dem gesetzten Alter mit Riesenschritten.

»Mr Hayden, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr es mich freut, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Mit einer Hand deutete er vage auf den leeren Stuhl. »Darf ich?« Schon nahm er Platz, obwohl Hayden noch gar nichts gesagt hatte. »Ich bitte um Entschuldigung, aber ich fürchte, ich werde nicht lange an Bord bleiben können, da Kapitän Davies zweifellos nach mir schicken wird. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Admiralität ihn mit einem Linienschiff betrauen wird, vielleicht sogar mit einem Flaggschiff. Und er hat mir versprochen, mich mitzunehmen. In Wahrheit glaubt er, nicht ohne mich auszukommen. Doch ich bin sicher, dass Sie einen passenden Stellvertreter für mich finden werden. Archer verfügt nicht über meine Erfahrung und Befähigung, wenn ich das so sagen darf – aber vielleicht schafft er es, falls sie keinen anderen finden.«

»Ja«, erwiderte Hayden einsilbig und nahm wieder Platz. »Ich denke, er schafft es, aber solange die Admiralität nichts anderes verlauten lässt, bleiben Sie der Erste Leutnant der Themis. Es gibt noch eine Menge zu tun, bevor wir in See stechen, und das werden wir morgen früh tun, wenn das Wetter und die Gezeiten es zulassen.«

Saint-Denis schaute zur Seite, nahm eine andere Sitzposition ein, sodass er sich mit dem Ellbogen auf der Rückenlehne abstützen konnte, und schlug ein Bein über das andere. »Natürlich, Hayden, ich werde Sie nach besten Kräften unterstützen, bis ich gerufen werde. Ich weiß, in was für einer Situation Sie sich befinden, ohne Midshipmen und mit nicht genügend Offizieren.« Mit einem Finger deutete er zum Oberlicht. »Vielleicht könnte ich Ihnen einen Midshipman aus meinem Bekanntenkreis besorgen, obwohl die meisten Familien, die ich kenne, eine Karriere in der Navy unter ihrem Stand sehen – das sehen unsere Familien anders, wie?« Er lachte. Hayden nicht.

»Ich werde mir die Midshipmen selber aussuchen, Leutnant, danke. Würden Sie bitte den Proviantmeister fragen, wo die folgenden Waren geblieben sind?« Er nahm eine Liste vom Schreibtisch und hielt sie dem Mann hin. »Ich habe den Verdacht, dass uns einige Vorräte abhandengekommen sind.«

Einen kurzen Moment machte Saint-Denis keine Anstalten, die Liste in Empfang zu nehmen, erhob sich dann aber eher widerwillig und griff nach dem Blatt. »Muss nur noch rasch die Uniform wechseln«, murmelte er vor sich hin, deutete eine vage Verbeugung an und verließ steif die Kabine.

Saint-Denis war kaum zur Tür hinaus, da schaute Griffiths herein. »Hätten Sie einen Augenblick Zeit, Kapitän?«

»Aber sicher.«

Der Schiffsarzt schaute noch kurz Saint-Denis nach, schloss dann die Tür hinter sich und fragte leise: »Wie war Ihre Unterredung mit Saint-Denis?«

»Er steht, wie ich erfuhr, auf Abruf bereit und wird uns nur noch einige Stunden mit seiner Gegenwart beehren.« Hayden fügte jedoch nicht hinzu, dass es unter der Würde eines fähigen Offiziers war, nach fehlenden Vorräten suchen zu müssen.

»Ich wäre mir da nicht so sicher, dass er das Schiff bald verlässt«, sagte Griffiths im Flüsterton. »Unbestätigten Gerüchten zufolge will Kapitän Davies diesen Mann loswerden. Von den anderen Offizieren, die Davies ausgewählt hat, wurde nur Saint-Denis aufs Schiff beordert. Seit Tagen schickt der Leutnant nun schon Schreiben an Davies und an seinen Vater, mit wachsender Verzweiflung. Noch sind keine Antwortschreiben eingetroffen.«

Oben an Deck war das klagende Heulen des Windes zu hören, und der Regen prasselte auf die Planken.

»Sie wollen damit sagen, dass ich den Mann so schnell nicht loswerde?«

»Ich fürchte, nein. Denn Sie können ihm ja nicht einfach so erlauben, nach London zu seinem Gönner zu fahren, oder?«

»Nein, das kann ich wahrlich nicht. Wer ist dieser Saint-Denis überhaupt? Er scheint sich für eine bedeutende Persönlichkeit zu halten.«

»In der Tat, und das könnte stimmen, aber irgendetwas stimmt nicht in der Welt des Caspian Saint-Denis. Vermutlich werden die Gründe hierfür mit der Zeit ans Tageslicht kommen.« Griffiths warf einen Blick auf den Stapel Papier auf Haydens kleinem Pult. »Ich soll Sie heute Abend zum Essen in die Offiziersmesse einladen, aber Childers sagte mir eben, dass Sie schon verabredet sind?«

»Ja, so ist es, Doktor. Dann an einem anderen Abend, hoffe ich?«

»Der erste Abend, an dem Sie noch nichts anderes vorhaben. Da wäre noch ein kleines Problem, das ich aber nur ungern ansprechen möchte, da Sie so viel zu tun haben …«

»Nun, ich fürchte, es ist mein Schicksal, mir die Probleme von anderen anhören zu müssen. Um was geht es denn?«

»Mein Assistent musste vor sechs Tagen das Schiff aus privaten Gründen verlassen. Wenn er nicht bald kommt, werden wir ohne ihn segeln müssen.«

»Sie sprechen von Ariss?«

»Ja.«

»Da können wir nicht viel tun, Doktor. Sobald der Wind günstig steht, halten wir Kurs auf Torbay. Alle, die bis dahin nicht an Bord sind, können uns vielleicht noch in dem anderen Hafen einholen, aber ich glaube, dass der Konvoi in See sticht, wenn der Sturm aus Südost nachlässt. Sie könnten Ariss noch rasch eine Nachricht zukommen lassen, aber mehr können wir nicht tun.«

»Ich werde mich gleich hinsetzen und ihm schreiben. Ihnen einen angenehmen Abend an Land, Kapitän.«

»Danke, Doktor, aber es widerstrebt mir, einer gewissen Dame beibringen zu müssen, dass ich wahrscheinlich für einige Wochen nicht da sein werde.«

KAPITEL ZWEI

»Ist Ihr Schiff schon eingelaufen, Kapitän?«, fragte Henrietta, als sie den Raum betrat. Sie lächelte mit vor Freude geröteten Wangen und errötete noch stärker, als ihr bewusst wurde, wie verräterisch dies war.

»In gewisser Weise.« Angesichts der morgendlichen Entscheidung des Hafenadmirals verspürte Hayden tiefe Scham und fühlte sich geradezu gedemütigt.

»Das klingt rätselhaft«, merkte Elizabeth mit plötzlich ernster Miene an und legte den hübschen Kopf leicht schief. »Was meinen Sie damit, Kapitän Hayden?«

Sowohl Henrietta als auch ihrer Cousine bereitete es Vergnügen, Hayden mit »Kapitän« anzureden, obwohl er dann jedes Mal daran erinnert wurde, dass er nur Master and Commander war. Und jetzt hatte er nicht einmal mehr ein eigenes Schiff, ein Umstand, den er nur ungern offen legen mochte.

Nach einer kurzen Pause räusperte Hayden sich. »Die Kent ist noch auf offener See, und der Hafenadmiral hat mir in Absprache mit der Admiralität vorübergehend das Kommando über die Themis erteilt. Ich soll einen Konvoi nach Gibraltar begleiten und das Schiff dann Lord Hood übergeben, der einen seiner Offiziere zum Kapitän ernennen wird.«

Robert unterdrückte einen Fluch und wandte sich zornig und enttäuscht ab.

Henrietta war sichtlich verwirrt von Roberts Verhalten und Elizabeth’ nunmehr düsterer Miene.

»Aber wünscht man sich nicht eher eine Fregatte als eine Sloop?«, fragte sie vorsichtig.

»Das ist richtig, Miss Henrietta, aber leider bin ich wieder nur stellvertretender Kapitän – und das mir zugedachte Schiff wird ein anderer übernehmen.« Hayden spürte, wie sich die Röte auf seinem Gesicht ausbreitete. »Sobald ich Hood die Themis übergeben habe, stehe ich erneut ohne Schiff da und muss in Gibraltar ausharren, bis sich ein Schiff findet, das mich wieder nach Hause bringt.«

»Oh …«, entfuhr es Henrietta leise. »Dann werden Sie vielleicht einige – Wochen nicht da sein?«

»Oder gar Monate, fürchte ich«, flüsterte Hayden beinahe, als könne er die unliebsame Nachricht dadurch abschwächen.

Tränen schimmerten in Henriettas Augen, als sie den Kopf wegdrehte.

»Komm, Robert«, sagte Elizabeth und bedeutete ihrem Mann, ihr zu folgen, »ich muss dir etwas zeigen – im Speisezimmer. Würdet ihr uns kurz entschuldigen?«

Unschlüssig standen Hayden und Henrietta vorm Feuer. Ein Windstoß fuhr in den Kamin und wirbelte eine kleine graue Rauchwolke auf, die sich zur Decke verflüchtigte. Einen Moment lang herrschte unangenehmes Schweigen, doch dann gingen die beiden einen Schritt aufeinander zu und küssten sich fast scheu. Seit zwei Tagen hatten sie zärtlichen Umgang, als wären sie bereits verlobt.

»Ich sehe, dass Ihre Enttäuschung sehr groß ist, aber am Ende wird alles gut«, wisperte Henrietta und überwand ihre Verzweiflung.

»Ja, ich darf mir von kleinen Rückschlägen nicht die Stimmung verderben lassen.« Er nahm ihre Hand.

»Glauben Sie wirklich, es wird Monate dauern?«, fragte sie kaum hörbar.

Hayden nickte und versuchte, ihren Augenausdruck zu deuten.

»Nun …«, meinte sie und wich seinem fragenden Blick aus.

Sie wussten beide nicht, was sie sagen sollten, doch dann – wie schon so oft – rettete Henrietta sie aus dem beunruhigenden Schweigen.

»Ich vermute, es ist eine Banalität, wenn ich sage, ich werde auf Sie warten?«, meinte sie dann und versuchte zu lächeln.

Es rührte Hayden zutiefst, dass sie ihn in diesem Augenblick aufzumuntern versuchte, obwohl auch sie die bevorstehende Trennung als schmerzlich empfinden musste.

»Oder ich werde jeden Tag an Sie denken?«, bot Hayden seinerseits an.

»Nicht jede Minute?«, schalt sie ihn neckend.

»Wenn Ihnen das lieber ist.«

Sie dachte nach, und ihre Mundwinkel gingen ein wenig nach unten. »Jede Sekunde erscheint mir ein bisschen zu viel. Hingabe muss auch Grenzen haben«, schloss sie und sah ihm in die Augen. Er entdeckte eine tiefe Traurigkeit in ihrem Blick, über die selbst ihr Lächeln und ihre ungezwungene Art nicht hinwegtäuschen konnten. »Aber denken Sie nicht an mich, wenn Ihre Aufmerksamkeit anderweitig verlangt wird und Sie sich retten müssen. Lassen Sie sich nicht im falschen Augenblick von Gedanken an meine atemberaubende Schönheit ablenken«, scherzte sie.

»Ich werde über Ihre atemberaubende Schönheit nur in der Einsamkeit meiner Kabine nachsinnen«, versprach er mit einem Augenzwinkern.

»Vielleicht nur einmal am Tag – wenn Sie einschlafen und zu träumen beginnen.« Plötzlich schloss sie die Augen und hielt sich eine Hand vors Gesicht. »Genug davon! Wenn Sie gehen, wird mir elend zumute sein. Jeden Herzschlag werde ich mir Sorgen um Sie machen, bis Sie wieder unversehrt vor mir stehen.« Sie umschloss seine Hand so fest mit beiden Händen, dass sich ihre Nägel in seine Haut bohrten. »Kommen Sie heil und gesund wieder, das müssen Sie mir versprechen.«

»Es ist schwer, ein solches Versprechen zu halten …«

»Das ist mir gleich. Sie müssen es halten. Versprechen Sie es mir«, verlangte sie.

Er nickte stumm.

Sie schmiegte sich an ihn, ihr Atem war warm und voller Süße. Im Nebenraum waren Schritte zu hören. Die Person schien einen Moment lang zu zögern, ging dann aber weiter. Die beiden ließen rasch voneinander ab, und Henrietta versuchte vergebens, die Spuren ihrer Tränen zu vertuschen.

Lady Hertle betrat den Salon und wirkte erschöpft und vom Alter gebeugt. Hayden glaubte, dass die alte Dame nach der letzten Krankheit um Jahre gealtert sei, zumindest vorübergehend.

»Ach, hier seid ihr«, sprach sie mit einem Lächeln auf den Lippen und schien sich über die unleugbare aufblühende Zuneigung der jungen Leute zu freuen. Doch schnell verdrängte eine sorgenvolle Miene das Lächeln. »Meine liebe Henrietta, hast du dich noch nicht wieder ganz erholt? Deine Augen sind gerötet, und du siehst ein wenig erhitzt aus. Du hast doch kein Fieber, oder?«

»Keineswegs, Tante. Ich habe bloß noch diesen schrecklichen Husten – doch der plagt mich eigentlich nur des Nachts. Ansonsten bin ich gesund.«

Lady Hertle schien davon nicht recht überzeugt zu sein und schaute ihre Nichte einen Moment prüfend an, ehe sie sich Hayden zuwandte.

»Kapitän Hayden«, sagte sie. »Ist mir ein Vergnügen.«

»Ich hoffe, Sie erleben dieses Vergnügen nicht zu oft, Lady Hertle, da ich nicht die Absicht habe, Ihre Gastfreundschaft über Gebühr in Anspruch zu nehmen.«

»Oh, Sie könnten mir jeden Tag einen Besuch abstatten, ich würde Ihrer nicht überdrüssig. Es wäre mir ein Graus, jeden Tag nur mit mir beschäftigt zu sein. Nach wenigen Monaten wäre ich völlig verwirrt. Nein, kommen Sie mich besuchen, so oft Sie wollen. Robert sagt, Sie seien wie ein Bruder für ihn, und daher sind Sie wie ein Neffe für mich. Wo sind Robert und Elizabeth überhaupt? Ich muss sagen, die beiden sind doch wirklich schlechte Anstandsdamen«, mokierte sie sich im Spaß und gab den beiden zu verstehen, ihr in den Speiseraum zu folgen. »Seeleute nehmen sich gern Freiheiten heraus«, klärte Lady Hertle ihre Nichte auf. »Als Admiral Hertle jung war, küsste er mich bei jeder Gelegenheit. Gewiss, da waren wir schon verlobt und wollten heiraten, aber er war dennoch recht undiszipliniert, wenn es ums Küssen ging.« Bei der Erinnerung umspielte ein Lächeln ihre Mundwinkel, doch es wirkte ein wenig traurig.

»Ich bin ziemlich empört«, sagte Henrietta, »dass du dich von einem jungen Mann hast küssen lassen, auch wenn du mit ihm verlobt warst.«

Lady Hertle gab einen missbilligenden Laut von sich. »Ach, ich mag Küsse und trauere ihnen mehr nach, als du dir vorstellen kannst.«

»Aber ich gebe dir doch jeden Tag einen Kuss, Tantchen«, antwortete Henrietta.

»Ja, das tust du, aber das ist nicht dasselbe. Ah, Elizabeth«, sagte sie, als sie ihre andere Nichte und Robert am Fenster des Speiseraums stehen sah. Offenbar waren die beiden gerade bei einer Zärtlichkeit unterbrochen worden, die eben zur Sprache gekommen war. »Du hast deine Pflichten als Anstandsdame vernachlässigt.«

»Keineswegs, Tante. Im Gegenteil, ich komme der Pflicht vortrefflich nach. Ich gewähre Mr Hayden und Henrietta etwas Zeit für sich, damit ihre gegenseitige Zuneigung wachsen kann – mehr nicht. Ich würde sogar sagen, dass ich die perfekte Anstandsdame bin.«

»Bei all diesem Tändeln unter meinem Dach vermisse ich den Admiral sehr und fühle mich furchtbar allein, wie ich zugeben muss. Furchtbar allein.« An ihrem Platz blieb sie stehen. »Wisst ihr, wie wir das nannten, als wir noch jung waren? Das Küssen, meine ich. Oskulation. Wir glaubten, niemand könne verstehen, wovon wir sprachen, aber jeder wusste, worum es ging. Ich meine sogar, dass dieser schreckliche Dr. Johnson die Bedeutung in sein Wörterbuch aufgenommen hat. Wir hielten uns für richtig clever, doch jeder wusste Bescheid. Ich wäre beinahe vor Scham im Erdboden versunken, als ich davon erfuhr.« Eine leichte Röte stieg ihr in die Wangen. »Nun, ich habe gehört, ihr wollt ins Theater?«

»Bist du sicher, dass du uns nicht begleiten möchtest, Tante?«

»Ein andermal. Ich bin heute Abend etwas müde. Was werdet ihr euch anschauen?«

»Shakespeare, Tante. Romeo und Julia

Das Theater war an jenem Abend ausverkauft, aber Robert hatte eine kleine Loge in Bühnennähe reserviert, in der die beiden Paare gerade genügend Platz hatten. Auf Elizabeth’ Drängen hin saß sie mit ihrem Mann auf den vorderen Stühlen, damit die beiden frisch Verliebten weiter zurück im Schatten sitzen konnten.

»Kannst du die Bühne von da sehen, Henrietta?«, erkundigte sich Robert und verrenkte sich auf seinem Sitzplatz.

»Ja, sehr gut, Robert. Mach dir keine Sorgen.«

Hayden spürte eine knisternde Vorfreude in der Theaterloge. Wenn Henrietta sprach, klang ihre Stimme ein wenig gepresst. Nach ein paar Worten musste sie schon Luft holen. Doch die Vorfreude mochte nicht dem Stück gelten, eher der Ablenkung, die das Bühnengeschehen den beiden Verliebten bieten würde, um Zärtlichkeiten auszutauschen.

In der lauten Menge auf den Stehplätzen vor der Bühne drängten sich auch viele Seeleute und Soldaten, die, vom Alkohol beschwingt, in einem fort prahlten und sich in Szene setzten. In den Logen saßen viele hochrangige Offiziere der Navy und der Armee. Das Stimmengewirr, das Rufen und das neugierige Getuschel der Damen sorgten für eine lebhafte Atmosphäre. Bei all den Menschen im Saal hatten sich unter der Decke des Theaters bald Dunstschwaden gebildet, die Hayden an nebelartige Wolkenbänder am Horizont erinnerten.

Das musikalische Vorspiel begann mit Zimbelklängen und Trommeln als unverwechselbare Anzeichen eines heraufziehenden Sturms. Es folgte ein kurzes Possenspiel, das insbesondere den einfachen Matrosen gefiel, die nun endlich damit aufhörten, den Soldaten zu drohen, und sich der Bühne zuwandten. Die Männer hielten sich mit ihren Kommentaren nicht zurück und gaben den Schauspielern sogar noch Anweisungen.

Da nun alle Augen auf die Bühne gerichtet waren, tastete Henrietta nach Haydens Hand. Leise rückten die beiden etwas näher zusammen, bis sich ihre Arme berührten. Mit der freien Hand strich Hayden zärtlich über die Innenseite von Henriettas Handgelenk und vollführte kleine kreisende Bewegungen mit einem Finger. Leise seufzend schloss sie die Augen. Ohne ein Wort wandten sich die Liebenden einander zu und küssten sich.

Doch viel zu früh endete die erste Darbietung, und die berühmten Zeilen des Prologs erschollen auf der Bühne.

»Zwei Häuser, beide von gleich edlem Blut, beid’ in Verona, wohin wir uns wenden, entfachen neu des alten Haders Glut, drin Bürgerblut, ach, floss von Bürgerhänden. Aus der zwei Feinde Lenden ward erzeugt ein Liebespaar in schlimmer Sterne Bann …«

Sogar die Seeleute verstummten einen Moment und lauschten.

Sampson und Gregory warfen sich die Stichworte zu und begannen mit der Art von Doppeldeutigkeiten, die den Seeleuten gefiel. Die Anspielung auf die Jungfräulichkeit wurde mit lautem Lachen quittiert. Dann betraten die wichtigeren Schauspieler die Bühne, bald erschien auch der junge Romeo, dessen geheimnisvolle Traurigkeit Benvolio zu ergründen sucht.

Ein eher betagter Benvolio sprach seine Zeilen zu Montague gewandt. »Da kommt er, seht! Geruht uns zu verlassen, galt ich ihm je was, will ich ihn schon fassen.«

Montague: »O beichtet’ er für dein Verweilen dir die Wahrheit doch! Kommt, Gräfin, gehen wir.« Montague und seine Gemahlin entfernten sich schlurfenden Schrittes von der Bühne.

Ein schmucker Romeo erschien und trat so prahlerisch und von sich überzeugt auf, dass die Zuschauer hier und da kicherten. Auf dem Kopf trug er einen Hut mit extravagantem Federschmuck, der gar nicht zu dem übrigen Kostüm passte. Die Ärmel seines Wamses hingen wie schlaffe Wangen herab, seine Kniehose war so eng, dass man sich wunderte, wie man sich darin überhaupt bewegen konnte. Zwischen wippendem Hut und Wams war das Gesicht eines Einfaltspinsels zu sehen, dessen Ausdruck unschuldig und verdorben zugleich wirkte. Das rechte Auge war größer als das linke.

»Wenn je ein Mann in ein Narrenkostüm passt«, wisperte Hayden seinem Freund zu, »dann der dort.«

Benvolio vollführte eine ehrerbietige Verbeugung. »Ha, guten Morgen, Vetter.«

Auf diesen Gruß reagierte Romeo übertrieben überrascht und schaute sich um, als nehme er erst jetzt die Sonne wahr. »Erst so weit?«

Benvolio: »Kaum schlug es neun.«

Mit überzogenem Pathos führte Romeo die Hand an seine Stirn. »Weh mir! Gram dehnt die Zeit. War das mein Vater, der so eilig ging?«

»Meine Güte«, flüsterte Elizabeth ihrem Mann zu, »ist da ein Schauspieler krank geworden, oder warum steht ein solcher Dilettant auf der Bühne?« Auch Haydens Aufmerksamkeit galt nun wieder dem Bühnengeschehen.

Benvolio: »Er war’s. Und welcher Gram dehnt Euch die Stunden?«

Linkisch reckte Romeo die Hände in die Höhe und ging einige Schritte in sichtlicher Erregung. »Welcher Gram dehnt den Romeo, könnte man fragen. Bin ich nicht hübsch anzusehen, ich, ein stadtbekannter Dandy, Ben?«

Henrietta sprang beinahe erschrocken von ihrem Platz auf. »Was, um alles in der Welt …? Das ist doch nicht Shakespeare!«

»Und auch nicht Romeo«, sagte Hayden lachend. »Zumindest kaum der Romeo, den wir sehen wollten. Das ist Fowler Romeo Moat, da bin ich mir ziemlich sicher.«

»Wer?«, flüsterte Henrietta.

»Der Sohn eines Pflanzers, keineswegs arm«, erklärte Hayden. »Er hält sich für einen begnadeten Schauspieler und besticht Theatermanager, damit sie ihn in ihren Produktionen auftreten lassen. Romeo ist seine Lieblingsrolle. Dafür hat er sogar den Text umgeschrieben, damit die Zeilen besser zu ihm passen – Romeo ist nun eher ein Dandy, müssen Sie wissen.«

»Und dafür haben wir bezahlt?«, meldete sich Robert empört zu Wort.

Als sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Bühne widmeten, sagte Romeo gerade: »Das ist der Liebe Unbill nun einmal. Schon eignes Leid will mir die Bru …« Ob Moat nun seinen Text vergessen hatte oder sein vollkommen verwirrter Blick vorgetäuscht war, vermochte niemand zu sagen. »Leid!«, rief er, jedoch nicht wie unter Schmerzen, sondern eher im Tonfall eines Mannes, der nach seinem Hund ruft. »Währte es doch nur kurz. Doch Leid verursacht mir Groll. Sie, die schön vorüberschreitet und fast vorüber ist, jungfräulich in ihrer Keuschheit, hat gelobt, dass sie, wenn sie keinen Mann für würdig befindet, ohne Leidenschaft vergehen will, ehe sie einen Mann ehelicht – der keinen Sinn für Mode hat.«

»Das ist Blasphemie!«, rief Henrietta beleidigt, und dennoch schien sie sich auch zu amüsieren. »Diesen Mann sollte man nicht ermuntern – den sollte man steinigen!«

Und so nahm das Stück seinen Lauf. Die anderen Schauspieler, denen man keinen Vorwurf machen konnte, sahen einander stets verwundert und hilflos an, wann immer sich Romeo wieder übertrieben in Szene setzte, über die Bühne stolzierte und Zeilen deklamierte, die ohne Rücksicht auf die Texte der anderen abgeändert worden waren. Die Zuschauer unten in der Menge hingegen hätten gar nicht begeisterter sein können. Sie feuerten den Romeo-Darsteller an und klatschten Beifall, sobald er die Bühne betrat oder auch nur den Mund aufmachte. Moat aber war der Überzeugung, dass die Anfeuerungen und begeisterten Zurufe allein seinem Talent als Schauspieler galten.

Szene für Szene verstrich, und bald hielten sich selbst die hohen Offiziere und vornehmen Theaterbesucher die Bäuche vor Lachen.

Als Romeo dann im zweiten Akt unter Julias Balkon stand, verbarg Henrietta das Gesicht hinter ihren Händen. »Ich halte das nicht aus«, stöhnte sie, nahm die Hände dann aber doch fort.

Anmutig trat Julia heraus ins Mondlicht.

»Doch still«, rief Romeo, »was schimmert durch das Fenster dort? Es ist der Ost, und Julia die Sonne! Aber was trägt sie da um ihre Brust? Lumpen sind’s, abgeworfen von der Küchenmagd? Ein Gewand kann’s nicht sein …«

Aber die Julia-Darstellerin war offenbar entschlossen, die Szene zu retten und Moats törichtes Gefasel zu unterbinden. »Weh mir!«, erklang ihr kummervolles Klagen, das allerdings nur neues Lachen hervorrief. Deutlich sah man, dass die Schauspielerin selbst unter der Theaterschminke errötete.

Romeo deutete auf seine Geliebte und wedelte mit seinen schlaff herabbaumelnden Ärmeln herum. »Sie spricht! O sprich noch einmal, holder Engel! Denn über meinem Haupt erscheinest du …«

Doch Moat wurde wieder unterbrochen. »O Romeo! Warum denn Romeo?«, rief Julia in verzweifeltem Pathos und provozierte noch mehr Gelächter, da sich keiner der Zuschauer vorstellen konnte, dass sich eine Frau nach einem solchen Hanswurst verzehrte. »Verleugne deinen Vater, deinen Namen! Willst du das nicht, schwör dich zu meinem Liebsten, und ich bin länger keine Capulet. Dein Nam’ ist nur mein Feind. Du bliebst du selbst, und wärst du auch kein Montague. Was ist denn Montague? Es ist nicht Hand, nicht Fuß, nicht Arm noch Antlitz, noch ein andrer Teil …«

»Wie wenig sie doch weiß von eines Mannes Teil!«, krächzte Romeo.

Eine verunsicherte Julia versuchte durchzuhalten. »… des Menschen selbst. O lass dich anders nennen. Was ist ein Name? Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften …«

Doch die Schauspielerin verstummte, nicht etwa weil sie unterbrochen wurde, sondern weil Romeo plötzlich eine Prise Schnupftabak nahm. Das Lachen im Publikum verunsicherte Julia zutiefst. Ehe sie ihren Text weitersprechen konnte, kletterte Romeo zu ihr hinauf und bot ihr die offene Schnupftabaksdose dar. Da die Zuschauer bei diesem Akt unpassender Ritterlichkeit zu johlen begannen, war Julia so verwirrt, dass sie lange nicht in ihren Text zurückfand.

Auch Hayden und die anderen mussten lachen.

»Die arme Julia«, sagte Henrietta und strich sich die Lachtränen fort. »Das ist eine weitaus größere Tragödie, als Shakespeare je beabsichtigte.«

»Ja, etwas Vergleichbares hat es noch nicht gegeben«, meinte Robert, als nach dem Akt der Vorhang fiel.

Nach einer kurzen Pause waren alle gespannt, was als Nächstes kommen würde, denn niemand wollte verpassen, wie Moat das Stück weiter verunstaltete. Eine farcenhafte Szene folgte auf die nächste, bis sich das Stück dem Ende neigte. Romeo betrat Julias Grab und fand seine schöne Geliebte reglos am Boden liegend vor.

»Sie ist vor Scham gestorben«, wisperte Henrietta.

»Ah, geliebte Julia«, sprach Romeo. »Warum bist du so schön noch? Ist dies das Gewand, das ich dir gab? Das Nachtgewand für deinen ewigen Schlaf? Das Grün, das deine Augen einst so leuchten ließ, lässt nun strahlen mein Wams rot. Zumindest liegen wir beieinander in dieser langen Nacht, dunkle Schatten aus Jade und scharlachrotem Samt. Wer würd’ leugnen, dass wir einen schönen Anblick bieten?« Moat nahm einen Schluck von dem Gift. »O wackrer Apotheker! Dein Trank wirkt schnell!«

Doch offenbar nicht schnell genug. Denn Moat holte ein Taschentuch hervor und wischte theatralisch eine Stelle der Bühne sauber. Nachdem er sich den Federhut wie ein Kissen zurechtgelegt hatte, starb er den längsten und übertriebensten Bühnentod, den diese berühmte Tragödie je gesehen hatte. Schließlich kniete er neben der armen Julia und rief: »O Tod! Und so im Kusse gehe ich zu meiner tödlichen Braut.« Mit verdrehten Augen sank er zu Boden, landete mit dem Kopf weich auf dem lächerlichen Hut, wobei die übergroße Feder vor und zurück wippte wie eine weiße Fahne, die zur Kapitulation geschwenkt wurde.

Noch nie hatte Hayden einen solchen Applaus gehört. Dann wurden Rufe nach Zugabe laut.

Der Romeo-Darsteller ließ sich nicht zweimal bitten, sprang erfreut auf und zelebrierte noch einmal den Tod – dann, da es das Publikum einforderte, ein drittes Mal, und jeder Tod dauerte ein bisschen länger als der letzte. Nach diesen Darbietungen rührte Julias Ende niemanden mehr zu Tränen. Im Gegenteil, ihr Tod rief beinahe ebenso viel Heiterkeit hervor wie Moats Ende. Die zu Herzen gehenden Zeilen der armen Schauspielerin wirkten nun nur noch lächerlich.

»Noch nie habe ich eine Julia gesehen, die so froh war, ihrem Ende entgegenzugehen«, meinte Henrietta nicht ohne Mitleid für die Schauspielerin.

»Moat glaubte am Ende wohl, er sei Lazarus und nicht Romeo«, scherzte Robert.

»Ja«, stimmte Hayden zu, »die Schwerkraft konnte ihn offenbar nicht in seinem Grab halten.«

Worauf Henrietta ihm in gespielter Entrüstung mit ihrem Fächer auf den Arm tippte.

Die Zuschauer verließen das Theater, viele in kleineren Gruppen. Überall ahmte man Moat nach und versuchte, seine selbst gedichteten Zeilen zu imitieren. Auf der Straße vor dem Theater wiederholten einige Matrosen immerzu die Sterbeszene des Romeo. Eine Weile ließen sich Hayden und seine Begleiter von der lärmenden Menge forttragen, doch einige Blocks weiter wurde es allmählich ruhiger in den Straßen.

Nach wie vor schwirrte ihnen der Kopf von der Inszenierung, die sie in dieser Form noch nie gesehen hatten. »Wo hat man schon einmal so einen Shakespeare erlebt?«, fragte Robert. »Und so im Kusse gehe ich zu meiner tödlichen Braut!«

»Jungfräulich in ihrer Keuschheit?«, zitierte Elizabeth. »Hat man so etwas schon gehört?«

»Ich würde den dreifachen Preis zahlen, um diesen Moat als Hamlet zu sehen«, meinte Robert.

Bei dieser Vorstellung musste Hayden lachen und zeigte auf seinen Kragen. »Stärken oder nicht stärken, das ist hier die Frage.«

»Ich habe mich nur gewundert, dass sich Julia nicht gleich im ersten Akt erstochen hat«, sagte Henrietta.

»Das hätte unseren Romeo auch nicht gestört. Durch nichts hätte er sich den zweistündigen Auftritt vor der Menge verderben lassen.«

Hayden und Henrietta gingen ein wenig langsamer, damit sie sich ungestört unterhalten konnten. Henrietta hakte sich bei ihm unter und sagte: »Haben Sie mich kürzlich mit der Sonne verwechselt?«

»Die Sonne ist bei Weitem zu gewöhnlich«, deklamierte Hayden mit gedämpfter Stimme, »die täglich wie ein Sklave aufgeht, um sich über den irdenen Himmel zu schleppen.«

Henrietta lachte. »Bei Sklave und schleppen bin ich mir nicht sicher.«

»Ich bin sicher, dass selbst Shakespeare seine Verse ein wenig überarbeitete.«

»Was Moat wohl kaum getan hat!«, meinte sie, wurde dann aber ernster. »Ich mag keine Geschichten, in denen die Liebenden sterben. Selbst dieser Einfaltspinsel Moat konnte den Versen nicht den Stachel nehmen.«

Hayden nickte.

Sie zog ihn leicht am Arm. »Lass uns nicht in schlimmer Sterne Bann stehen. So etwas endet nie gut.«

»Solange unsere Familien einander nicht ermorden wie die Capulets und Montagues, brauchen wir ein solches Schicksal nicht zu fürchten, denke ich.«

Vor der Tür zu Lady Hertles Haus blieben sie stehen. Robert und Elizabeth waren schon vor ihnen hineingegangen. Einen Moment lang zögerten sie und warteten, bis zwei Fußgänger um die nächste Ecke verschwunden waren. Erst dann umarmten sie einander und küssten sich.

»Müssen Sie morgen in See stechen?«, fragte sie so leise, dass er sie kaum verstand.

»Wenn Wind und Gezeiten es erlauben – ja.«

Henrietta schmiegte sich noch enger in seine Umarmung. »Ich finde keine Süße in meinem Kummer«, wisperte sie.

»Ich auch nicht.«

Eine Weile hielten sie einander umschlungen und trennten sich nur widerwillig. Als Henrietta den Türknauf umfasste, wollte sie Haydens Hand nicht freigeben. »Robert behauptet, dass Sie keine Angst kennen«, sagte sie schnell, »aber Charles – seien Sie bitte nicht zu wagemutig.«

»Ich werde nicht wagemutiger als nötig sein.«

Nach einer letzten, raschen Umarmung schlüpfte Henrietta ins Haus.

Hayden verharrte auf der dunklen, menschenleeren Straße. Einen Augenblick blieb er noch stehen, ehe er leise flüsterte: »Und ich sage Adieu bis zum Morgen.« Dann löste er sich aus den Schatten von Lady Hertles Haus. Seine Schritte hallten durch die ins matte Mondlicht getauchte Straße. Immer noch glaubte er, Henriettas zärtliche Lippen auf seinen zu spüren.

Lass uns nicht in schlimmer Sterne Bann stehen, hatte sie gesagt.

»Ja«, murmelte er, »so weit wollen wir es nicht kommen lassen.«

KAPITEL DREI

»Das sieht dem Ärmelkanal ähnlich, wie?«, beklagte sich Barthe und deutete vage in Richtung der Wasser jenseits des Plymouth Sound. »Erst steht der Wind günstig, dann ist er zu stark. Dieser verdammte Sturm macht keine Anstalten, nachzulassen, Kapitän. Das geht noch einen Tag so weiter, da bin ich mir sicher.« Er durchquerte Haydens Kajüte, trat an die Galerie und schaute aus einem der Fenster in den Regen, der an der Scheibe herablief. »Aber wenn es sein muss, könnten wir es bis Torbay schaffen.«

»Ich denke, da haben Sie recht, Mr Barthe. Allerdings setzen wir dann nicht nur das Rigg, sondern auch das Leben unserer Besatzung aufs Spiel. Nein, Pools Konvoi läuft bei diesem Sturm nicht aus. Wir warten noch.«

Es war früh am Morgen. Der Himmel war grau und verhangen, es regnete in Strömen. Aus der Seitengalerie war ein rhythmisches »Pop-Plopp, Pop-Plopp« zu hören, während das Wasser in einen Blechbehälter unter einem Leck tropfte. Hayden hörte an der Beharrlichkeit der Tropfen, wie stark es regnete.

»Was war das für eine Auseinandersetzung oben an Deck gegen acht Glasen?«

»Leute von irgendeinem Händlerboot, Sir. Wie es scheint, hat Saint-Denis noch beträchtliche Schulden bei den Männern und wartet seit Tagen vergebens auf Geld von seiner Familie.«

»Sagen Sie den Seesoldaten, ich wünsche nicht, dass es noch einmal zu so einer Szene kommt – nicht auf meinem Schiff. Wo ist eigentlich Mr Hawthorne?«

»Wir erwarten ihn heute zurück an Bord, Kapitän. Ich glaube, es gibt immer noch Damen in Bath, deren Herz er noch nicht gebrochen hat. Aber er wird kommen, sobald er diese Angelegenheit geregelt hat.«

»Dann sollten Sie den Damen in Bath mitteilen, dass sie ihn gehen lassen müssen, denn ich brauche ihn hier an Bord. Sein Korporal ist den Pflichten eines Leutnants noch nicht ganz gewachsen.«

»Da stimme ich Ihnen zu, Sir.«

Es klopfte an der Tür. »Leutnant Saint-Denis, Kapitän.«

»Lassen Sie ihn herein.«

Saint-Denis trat ein, in der rechten Hand einige Zettel, den Hut unter den anderen Arm geklemmt. »Ich kann mir das zwar nicht erklären, Sir, aber wie es scheint, war Ihr Verdacht begründet. Einige Vorräte fehlen.« Er nahm ein Blatt Papier und schaute auf die Zahlen, die jemand dorthin gekritzelt hatte. »Um genau zu sein, drei Fässer mit Rindfleisch, ein Fass Talg und diverse Vorräte des Bootsmanns.« Er ließ die Hand sinken, sodass die Zettel an seinem Oberschenkel raschelten. »Ich vermute, es ist der Proviantmeister, Mr Hayden. Vielleicht sogar der Bootsmann selbst.«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht Franks ist, Leutnant.« Er wandte sich dem Master zu. »Wie lange segeln Sie schon mit Taylor, Mr Barthe?«

»Schon einige Jahre, Sir. Er ist sehr verschlossen, aber nie gab es Anlass, ihn der Unehrlichkeit zu verdächtigen. Und Franks – nun, er vergisst auch schon mal einen Eintrag, doch er ist die Ehrlichkeit in Person. Ich denke, wir müssen woanders Ausschau nach unserem Dieb halten.«

»Ich stimme Mr Barthe zu. Franks vertraue ich voll und ganz, und auch Taylor war stets verlässlich. Vermutlich werden wir die Diebe bei den Neulingen an Bord finden, Leutnant. Sie werden sie schon aus Ihren Löchern scheuchen. Sonst noch etwas?«

»Nein, Sir. Oh, da ist ein Jude, der Sie sprechen möchte.«

»Hat dieser Mann auch einen Namen?«

»Ja, er hat seinen Namen genannt …« Die Stirn des Leutnants legte sich in Falten. »Könnte Gold geheißen haben, Sir.«

»Ah, Mr Gold. Bitte holen Sie ihn.«

Barthe und Saint-Denis verließen die Kabine, und kurz darauf wurde ein ortsansässiger Kaufmann vorgelassen, der die Seeleute und Offiziere im Hafen mit Waren versorgte. Auf der Schwelle blieb er stehen, den Hut in der Hand. Hayden kannte Gold bereits seit gut zehn Jahren als ehrlichen und zurückhaltenden Mann, der die bisweilen feindseligen Gefilde des Plymouth Sound und der Flotte Seiner Majestät so bravourös meisterte, dass Hayden ihn für ein wahres Genie im Umgang mit Menschen hielt.

»Mr Gold. Ich hoffe, die Geschäfte gehen gut?«

»Ja, danke, Kapitän Hayden. Darf ich Ihnen noch zu Ihrer Beförderung gratulieren, Sir.«

»Sehr freundlich von Ihnen. Ich denke, Sie sind gekommen, um nach ausstehenden Summen zu fragen?«

Gold versuchte, bei dieser Frage überrascht zu wirken. »Keineswegs, Kapitän Hayden. Ich habe von Ihren Prisen gehört, Sir, und da ich weiß, wie langsam die Prisengerichte und Agenten arbeiten, dachte ich, Sie möchten vielleicht Ihren Kredit erhöhen. Denn jetzt haben Sie als ranghoher Offizier einer Fregatte höhere Ausgaben.«

Hayden war in der Tat knapp bei Kasse und machte sich Sorgen, wie er den gesellschaftlichen Anforderungen seines neuen Postens gerecht werden sollte.

»Für die Fregatte und das Handelsschiff werden Sie eine anständige Summe erhalten, Sir. Ich kann Ihnen einen Vorschuss zu günstigen Konditionen geben. Eigentlich wollte ich Sie aber um einen Gefallen bitten, Kapitän Hayden, und stelle Ihnen im Gegenzug jede Summe zur Verfügung, die Sie benötigen, und das ganz ohne Zinsen.«

»Sie wissen, Mr Gold, dass ich nie eine Bestechungssumme annehmen …«

»Nein, gewiss, Sir, und das wollte ich damit auch nicht andeuten.«

»Dann nehme ich Ihr Angebot eines Vorschusses an. Und was für einen Gefallen kann ich Ihnen als Zeichen unserer Freundschaft tun?«

»Ich fühle mich geschmeichelt, dass Sie mich als Freund betrachten, Kapitän. Wie ich hörte, fehlen Ihnen noch Midshipmen. Daher möchte ich Ihnen von meinem Sohn Benjamin erzählen. Er ist ein sehr schlauer Bursche, Sir, stets bemüht, zu gefallen und sein Bestes zu geben.«

Hayden war überraschter, als er zugeben wollte. »Ich erinnere mich gut an ihn, Mr Gold. Gewiss hat er all diese lobenswerten Eigenschaften. Doch es gibt da eine alte gesetzliche Bestimmung – die Testakte …«

Gold nickte schnell. »Das ist mir bekannt, Sir. Aber Sie wissen ja vielleicht, dass meine Frau Christin ist. Mein Sohn ist bereit, zu konvertieren.«

»Aber ist er auch bereit, das Abendmahl zu nehmen? Denn die Navy könnte es von ihm verlangen.«

»Ich glaube, er wäre dazu bereit, Sir.«

»Glauben Sie es nur, oder wissen Sie es?«

»Ich bin sicher, dass er es tut, Kapitän Hayden. In Ihrer Besatzung befinden sich auch Juden.« Offenbar suchte Gold nun nach Beweisen, die für sein Anliegen sprachen. »Und die Schombergs sind eine jüdische Familie – obwohl die Söhne zur Kirche Englands konvertiert sind. Ich hatte schon oft die Ehre, Kapitän Isaac Schomberg einen Gefallen zu erweisen.«

»Ja, Mr Gold, all das ist unbestreitbar, aber wahr ist auch, dass das Offizierskorps eine Bastion der Anglikanischen Kirche ist. Mein Vater war Vollkapitän, ein Posten, der für viele Offiziersanwärter erstrebenswert ist. Aber meine Mutter ist Französin und katholisch, und daher bin ich seit meinem Eintritt in die Navy Opfer der Bigotterie. Für Ihren Sohn bedeutet das, dass er einen steinigen Weg vor sich haben wird. Falls er es überhaupt lange durchhält. Ich bitte Sie, über meine Worte nachzudenken.« Hayden sah seinem Gegenüber die Enttäuschung an. »Warum wollen Sie Ihrem Sohn ein solches Leben zumuten, Mr Gold? Der Dienst in der Navy ist gefährlich, selten angenehm und stellt hohe Anforderungen an die Offiziere.«

Ein trauriges Lächeln huschte über Golds Gesicht. »Zur See zu fahren ist sein Herzenswunsch, Sir. Er möchte Offizier in der Navy Seiner Majestät werden und kein Mann auf einem Händlerboot – wie sein Vater.«

»Wir spielen alle unsere Rolle, Mr Gold.«

»Einige Rollen genießen ein höheres Ansehen als andere, Sir.« Der Mann knetete seine Hutkrempe mit beiden Händen. »Sie werden ihn also nicht nehmen?«, fragte er leise.

Hayden wurde von einer eigenartigen Hilflosigkeit befallen, die ihn in seinen Bewegungen zu lähmen schien. Er wusste, dass dem Jungen ein schweres Leben bevorstehen würde – er wäre stets ein Außenseiter. Doch ihm stand auch lebhaft vor Augen, wie wild entschlossen er selbst gewesen war, Offiziersanwärter zu werden. Er wäre zu Tode betrübt gewesen, wenn man ihn abgelehnt hätte. »Ich kann ihn nicht vor Gefahren schützen, Mr Gold – das müssen Sie verstehen.«

»Das verstehe ich, Sir.« Gold verbeugte sich. »Ich danke Ihnen, Sir. Ich sorge dafür, dass er so schnell wie möglich an Bord kommt. Noch an diesem Morgen verlässt er mein Haus.«

»Da wäre noch eine Sache, Mr Gold. Ich bin nur stellvertretender Kapitän. Sobald der Themis ein Vollkapitän zugeteilt wird, werden bestimmt alle Midshipmen, die unter mir segeln, entlassen. Und dann wäre die Zukunft dieser Jungen ebenso ungewiss wie meine eigene.«

Aber Haydens Bedenken schienen die Vorfreude des Kaufmanns nicht trüben zu können. Im Gegenteil, noch nie hatte Hayden den Mann so glücklich gesehen.

»Ich glaube, Ihnen ist noch eine große Zukunft beschieden, Mr Hayden. Da bin ich mir ganz sicher. Mein Benjamin könnte nicht in besseren Händen sein. Das weiß ich.«

Unmittelbar nachdem Gold gegangen war, bereute Hayden seine Entscheidung bereits. »Wenn das nicht böse endet«, murmelte er vor sich hin.

Drei Stunden später war Hayden damit beschäftigt, seine wenigen Habseligkeiten in der großen Kajüte unterzubringen. Der Raum war riesig im Vergleich zu der kleinen Kabine, die er als Erster Leutnant bezogen hatte. Ein Klopfen unterbrach ihn in seinen Gedanken. Der Wachposten steckte den Kopf durch den Türspalt und kündete Leutnant Archer an.

»Ein Midshipman bittet vorsprechen zu dürfen, Kapitän«, teilte ihm Archer mit. »Ich glaube, er hat ein Schreiben seines Vaters bei sich.«

»Ach, ist er schon da? Dann schicken Sie ihn zu mir, Mr Archer. Später werden Sie ihm seine Unterkunft im Raum der Midshipmen zeigen.«

»Aye, Sir.«

Kurz darauf ging die Tür erneut auf. Hayden schaute von seiner Tätigkeit auf und sah Arthur Wickham auf der Schwelle stehen. Der junge Mann grinste ein wenig unsicher.

»Wickham!«

»Kapitän Hayden«, grüßte der Junge und vollführte eine übertriebene Verbeugung. Dann hielt er Hayden das Schreiben hin. »Mein Vater hat mich gebeten, Ihnen das zu geben. Er bittet Sie, mir eine Koje in der Unterkunft der Midshipmen zuzuweisen. Denn als mir zu Ohren kam, dass Sie ein Schiff haben, war ich fest entschlossen, diesen Gefallen von Ihnen zu erbitten.« Er schaute sich in der Kajüte um. »Aber damit hatte ich nicht gerechnet, Sir. Ich hörte, Sie hätten das Kommando über eine Sloop erhalten, nicht über diese Fregatte.«

»Leider bin ich kein Vollkapitän, Wickham. Nur stellvertretender Kapitän. Sobald ich die Themis zu Lord Hood gebracht habe, werde ich wahrscheinlich wieder ohne Schiff dastehen. Und meine Midshipmen müssen sich nach einer neuen Anstellung umsehen.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so weit kommen wird, Sir. Man wird Ihnen ein Schiff geben, da bin ich mir ganz sicher.«

»Ihre Zuversicht ist erfrischend, Wickham.« Hayden nahm den Brief in Empfang und brach das Siegel. Mit stark geneigter Schrift ersuchte der Graf ihn höflich, er möge Lord Arthur als Midshipman annehmen. Eine Bitte, der Hayden mit Freude nachkam.

»Lord Westmoor bittet so freundlich zu Ihren Gunsten, dass ich seinem Gesuch entsprechen muss. Sie müssen noch viel lernen, jung und unerfahren, wie Sie sind.«

»Ich werde mich mit Eifer an die Arbeit machen, Kapitän Hayden. Sie sollen es nicht bereuen, mich an Bord genommen zu haben.« Wickham lachte vergnügt. »Wie ich hörte, fehlen Ihnen noch Midshipmen, Sir?«

»Bisher habe ich nur einen, das stimmt. Und der ist wirklich noch feucht hinter den Ohren. Ich hoffe, Sie sind freundlich zu ihm und lassen ihn an Ihrer Erfahrung teilhaben.«

»Das mache ich, Sir. Ich war so frei, noch zwei junge Gentlemen auf Ihr Schiff aufmerksam zu machen – auch sie wurden erst kürzlich vom Dienst freigestellt. Ich verbürge mich für die beiden, Sir.«

»Heißen die beiden zufälligerweise Hobson und Stock?«

»Madison, Sir. Hobson und Madison. Ich fürchte, Tristram Stock wird nicht mehr zur See fahren. Der Tod seines Freundes Williams hat ihm arg zugesetzt. Ich glaube, es wird dauern, bis er sich davon erholt hat.«

»Es tut mir leid, das zu hören. Aber mit Madison und Hobson segle ich gern wieder. Sind Sie sicher, dass die beiden kommen?«

»Als ich London verließ, hatte ich noch keine Antwort auf meine Briefe, aber es würde mich sehr wundern, wenn sich die beiden nicht unverzüglich auf den Weg nach Plymouth gemacht haben.«

Mit dieser Wendung hätte Hayden nicht zufriedener sein können. »Sie müssen sich beeilen, da wir in See stechen, sobald das Wetter aufklart. Geht es Ihnen gut, Lord Arthur?«

Wickham sah mit einem Mal ernst aus – so sah er immer aus, wenn man ihn etwas fragte. »Ja, Sir, und jetzt sogar noch besser, da ich weiß, dass ich wieder mit meinen alten Schiffskameraden segeln werde. Archer sagte vorhin, dass noch etliche der alten Crew an Bord sind?«

Hayden schüttelte den Kopf. »Ja. Ist das nicht seltsam? Kein anderer Kapitän wollte die Männer haben. Ein Fehler, aber gut für uns, denn nach der Meuterei blieben nur die loyalsten Leute übrig. Außerdem sind unter ihnen einige sehr gute Matrosen.«

»Ich werde Aldrich vermissen«, sagte Wickham.

»Wie wir alle. Armer Kerl, möge Gott seiner Seele Ruhe geben. Er wurde nie gefunden. Daher nehme ich an, dass er ertrunken ist.«

Wickham zuckte mit den Schultern. »Das hätte ich ja fast vergessen! Mein Vater hat mir noch ein Geschenk für Sie mitgegeben. Er dankt Ihnen, dass Sie mich bisher so gefördert haben, damit ich mein Handwerk erlerne, Sir.«

»Sie haben Talent, Wickham, und begreifen schnell. Das ist nicht jedem gegeben. Da brauchte ich Sie nicht groß zu fördern.«

Wickham errötete leicht. »Nun, danke, Sir. Sie machen mir ein großes Kompliment, Kapitän Hayden. Mein Vater schickt Ihnen einen recht ansehnlichen Tisch – aus edlem Mahagoni. Er passt gut in eine Kajüte wie diese. Vielleicht eine kluge Voraussicht meines Vaters, Kapitän. An dem Tisch können nämlich bis zu zwölf Leute sitzen. Man kann ihn aber auch kleiner machen, für vier Leute. Die Stühle sind auch gut durchdacht und lassen sich zusammenklappen. Also werden Sie keine Probleme haben, sie wegzuräumen, wenn wir alles klar zum Gefecht machen, was wir, so hoffe ich, bald tun werden.«

»Was für ein großzügiges Geschenk! Zu großzügig, fürchte ich. Wie soll ich mich je revanchieren?«

»Es ist Lord Westmoor, der sich revanchieren möchte, da Sie meine Ausbildung voranbringen. Und vielleicht für das Prisengeld, das noch aussteht.«

»Wenn wir es endlich haben. Ich werde mich noch gleich heute Abend hinsetzen und dem Marquis in einem Brief meinen Dank zum Ausdruck bringen.«

Wickham warf einen Blick auf Haydens Schreibpult und den eindrucksvollen Papierstapel. »Wenn ich darf, Sir, dann gehe ich jetzt nach unten und melde mich bei Mr Barthe und dem Doktor. Sie haben sicher zu tun.«

»Ja, tun Sie das. Die beiden werden sich freuen, Sie zu sehen.«

Nach einer weiteren kleinen Verbeugung war Wickham auch schon zur Tür hinaus.

Da Hayden die Nase voll hatte von der Schreibtischarbeit, verließ er die Kajüte mit der Absicht, im Lazarett vorbeizuschauen. Später würde er die Regale in den Laderaum des Bootsmanns bringen lassen, die er beim Schiffszimmermann in

Auftrag gegeben hatte – ein Versuch, endlich Ordnung in Mr Franks’ Reich zu bringen, damit dieser einen besseren Überblick über die Vorräte hatte. Kaum hatte er seine Kajüte verlassen, als er am Fuß des Niedergangs auf drei Männer stieß, deren Kleidung aufgrund des heftigen Regens stark in Mitleidenschaft gezogen worden war. Der Kleinste und Jüngste war ein Bursche von vielleicht vierzehn Jahren, der sich nun aus dem Ölzeug schälte. Darunter kam eine neue, fast leuchtende Uniform eines Midshipman zum Vorschein. Der Junge wirkte befangen, bewegte sich unbeholfen und lächelte die ganze Zeit verlegen. Der Größte und Älteste der drei war hager und blickte sich freudlos und mit kaum verhohlener Ablehnung um. Der dritte Mann schien das genaue Gegenteil zu sein, denn er hatte ein rundliches Gesicht und sah mit sich und der Welt zufrieden aus. Ein Lächeln deutete sich um die Lippen der Frohnatur an. Hayden glaubte, einen jener Gentlemen vor sich zu haben, der stets gut gelaunt war und sich die gute Laune durch nichts verderben lassen würde: Er würde nicht einmal merken, dass er in Pferdemist getreten war, und immer noch lächeln.

Archer hielt sich im Hintergrund auf.

»Da kommt unser Kapitän«, sagte er zu den drei nassen Männern. »Reverend Dr. Worthing, Sir.« Der ernste Gentleman nickte. »Reverend Mr Smosh.« Der kleinere der beiden deutete eine Verbeugung an. »Und unser neuer Midshipman, Mr Gould.«

»Gould?«, wiederholte Hayden.

»Mein Vater hat erst kürzlich mit Ihnen vereinbart, dass ich an Bord kommen darf, Kapitän Hayden.«

»Aha. Gould. Es freut mich, Sie an Bord begrüßen zu dürfen.« Zum zweiten Leutnant gewandt, sagte er: »Bringen Sie die Gentlemen zu ihren Kabinen, Mr Archer, und machen Sie den jungen Gould mit Mr Wickham bekannt. Er wird sich um ihn kümmern.« Haydens Aufmerksamkeit galt wieder den beiden Geistlichen. »Ich hoffe, Sie haben heute Abend Zeit, mit mir zu essen. Schiffskost, fürchte ich, aber damit muss man eben leben.«

Nachdem auch das vorerst geregelt war, ließ Hayden die drei Neuankömmlinge in Archers Obhut. Benjamin Gould hatte ihm noch ein Paket überreicht – von dessen Vater. Es enthielt etwas Geld, das Hayden für den Jungen verwahren und bei Bedarf auszahlen sollte. Doch er fand auch das Geld, das der Kaufmann ihm als Vorschuss zugesagt hatte.

In diesem Augenblick ging der neu ernannte Steward an Hayden vorbei. »Mr Castle. Was steht heute Abend auf der Speisekarte?«

»Schweinefleisch, Sir.«

»Habe ich mir gedacht. Ich gebe heute Abend für einige Gäste ein Dinner in meiner Kajüte. Und da möchte ich das Lammfleisch serviert bekommen, das heute Nachmittag für mich an Bord gebracht wurde. Am Tisch sitzen die Pfarrer, Lord Wickham, der neue Midshipman Gould und – ach, ich mache eine Liste.«

An diesem Abend saßen zehn Personen am Tisch: Mr Barthe, die Leutnants Saint-Denis und Archer, die Midshipmen Lord Arthur Wickham und Benjamin Gould, Dr. Griffiths, die Geistlichen Worthing und Smosh, der Leutnant der Seesoldaten, Hawthorne, der endlich wieder an Bord war, und natürlich Hayden selbst. Der neue Tisch wurde von allen bewundert, und auch Hayden musste zugeben, dass er selten ein so fein gearbeitetes Möbelstück gesehen hatte. Nie hätte er sich diesen Tisch leisten können. Mit dem Geschenk waren auch gleich passende Tischtücher aus Leinen geliefert worden, von denen nun eines weiß erstrahlte. Hayden schämte sich ein wenig für das zweitklassige Porzellan in seiner Kajüte. Das Essen jedoch war zweifellos erstklassig – Lammfleisch, das Mr Gold geschickt hatte, dessen Sohn offenbar eine kleine Namensänderung erfahren hatte: Gould.

»Ich bin überrascht, dass ein richtiger Arzt auf einer Fregatte dient, Dr. Griffiths«, sagte Reverend Dr. Worthing in eine Gesprächspause hinein. »Ich nehme doch an, dass Sie Arzt sind, da man Sie immer mit Doktor anredet?« Dr. Worthing hatte etwas Hochnäsiges an sich, wenn er sprach, und verlieh selbst der kleinsten Feststellung Gewicht.

»Ich bin nur Schiffsarzt, Dr. Worthing.«

Worthing ließ die volle Gabel, die er zum Mund führte, wieder auf den Teller sinken und setzte eine säuerliche Miene auf. »Ist es dann nicht ein wenig anmaßend, sich Doktor zu nennen? Mein Bruder war Arzt, ließ sich aber stets nur mit Mister anreden.«

An diesem Punkt hielt Hayden es für angebracht, sich zugunsten des Doktors einzumischen.

»Seeleute sprechen die Ärzte unter den Offizieren immer mit Doktor an. Das war auf fast allen Schiffen der Fall, auf denen ich diente.«

»Dennoch ist das eine seltsame Angewohnheit. Wissen die Matrosen denn nicht, dass es ein Unterschied ist, ob jemand ein einfacher Schiffsarzt oder ein studierter Arzt ist?«

»An Land mag es ja zutreffen, dass niedergelassene Ärzte über mehr Wissen verfügen, Dr. Worthing«, sagte Barthe in verbindlichem Ton. »Aber auf einem Schiff ist der Arzt eben auch Apotheker und Chirurg. Sie werden sehen, dass Dr. Griffiths sich beharrlich selbst weitergebildet hat und weitaus mehr Erfahrung hat als manch ein anderer Schiffsarzt in der Navy.«

»Nun, ich hoffe, Sie sind nicht beleidigt, wenn ich mich dieser Gewohnheit nicht anschließe, Mr Griffiths, denn ich muss Ihnen sagen, dass es – sich nicht gehört.«

»Oh, ich bin keineswegs beleidigt, Dr. Worthing«, erwiderte Griffiths unbefangen. »Mister ist vollkommen in Ordnung.«

Hayden hatte den Eindruck, dass der Reverend seine Enttäuschung darüber nicht verbergen konnte, dass seine Kritik so gleichmütig aufgenommen worden war.

»Und was ist mit dem anderen Doktor, von dem hier die Rede war?«, fuhr Worthing fort. »Ist der etwa auch Schiffsarzt? Ich muss sagen, ich bin erstaunt, dass eine Fregatte zwei Ärzte hat.«

»Von welchem Doktor sprechen Sie?«, fragte Hayden.

»Von Dr. Jefferies. So hieß er, glaube ich.«

Die anderen am Tisch unterdrückten ein Grinsen. Wem dies nicht gelang, der hob rasch sein Weinglas und nahm einen Schluck.

»Jefferies ist der Schiffskoch, Dr. Worthing. Es ist ein Spaß in der Navy, den Koch mit Doktor anzureden.«

»Ein merkwürdiger Humor.« Der Geistliche wirkte tatsächlich ein wenig empört darüber, dass jemand das lustig fand. »Die Anreden in der Navy finde ich eigenartig. Gehe ich recht in der Annahme, Kapitän Hayden, dass Sie gar kein richtiger Kapitän sind, sondern den Rang eines Master and Commander bekleiden?«

»Das ist korrekt, Sir«, erwiderte Hayden.

»Selbst ein Admiral würde Kapitän Hayden mit Kapitän anreden, Dr. Worthing«, warf Wickham ein. »Er hat das Kommando über ein Schiff und ist daher Kapitän. Sie werden bald erleben, dass Kapitän Hayden eine solche Anrede mehr als verdient hat, denn er ist ein vortrefflicher Seeoffizier.«

»Dann habe ich daran keinen Zweifel.«

Hayden merkte, dass der Geistliche aufmerksam und freundlich war, sobald Wickham das Wort ergriff. Denn schließlich lohnte es sich womöglich, den Umgang mit dem Sohn eines Adligen zu pflegen, der vielleicht die ein oder andere Pfründe zu vergeben hatte. Doch nun verfiel der Reverend in Schweigen, da er offenbar spürte, dass niemand am Tisch seiner Ansicht zu sein schien.

»Mr Gould«, sagte Hawthorne nun, »Sie müssen sich doch auskennen mit studierten Ärzten. Bin ich da richtig unterrichtet, dass gleich zwei Ihrer Brüder Medizin studieren?«

»Ja, Sir, Mr Hawthorne«, antwortete Gould eifrig und freute sich sichtlich, bemerkt zu werden. »Mein ältester Bruder hat eine Praxis in London eröffnet, und mein zweitältester Bruder studiert noch Medizin.«

»Und wieso sind Sie nicht dem Beispiel Ihrer Brüder gefolgt, Mr Gould?«, wollte Barthe wissen. »Es ist weiß Gott vernünftiger und einträglicher, Arzt zu werden, als zur See zu fahren.«

»Eine Zeit lang habe ich auch ernsthaft darüber nachgedacht, Mr Barthe. Ich habe sogar viele Texte meiner Brüder gelesen und ihnen bei ihren Studien geholfen. Die Medizin nimmt einen wirklich gefangen, das können Sie mir glauben, aber wenn ich dann darüber nachdenke, den ganzen Tag über in einer Praxis in London zu sitzen …« Ein Schauer durchrieselte ihn. »Zwei Ärzte sind mehr als genug in einer Familie, davon bin ich überzeugt.« Jetzt wandte er sich an den älteren Geistlichen. »Dann sind Sie auch studierter Arzt, Dr. Worthing?«

»Ich habe den Doktor in Theologie gemacht«, antwortete Worthing und schien verblüfft zu sein, dass der Junge das nicht wusste.

Griffiths suchte Haydens Blick und schmunzelte.

»Stimmt es, dass sich unter dem Gepäck, das an Bord gebracht wurde, Golfschläger befanden?«, erkundigte sich Saint-Denis.

»Ja, das sind meine«, antwortete Worthing.

»Ich galt zu meinen besten Zeiten als recht guter Golfer«, teilte Saint-Denis den anderen mit. »Leider habe ich keine Zeit, mich öfter diesem Spiel zu widmen. Es ist wirklich großartig.«

»Aber man hat es verdorben, als man den unseligen Schritt unternahm, die ursprünglichen zweiundzwanzig Löcher auf achtzehn zu verringern. Ich bin sicher, dass sich eine solch dumme Idee nicht durchsetzen wird. Sind Sie da mit mir einer Meinung, Leutnant?«

Saint-Denis hatte ein gewinnendes Lächeln aufgesetzt. »Ja, zweiundzwanzig Löcher müssen es sein, da gebe ich Ihnen vollkommen recht.«

»Ich habe bisher nur einmal gespielt«, sagte Wickham, »und nur neunzehn geschafft. Danach war ich völlig ausgelaugt.«

»Aber das war nur Ihr erster Versuch«, antwortete Saint-Denis. »Noch ein paar Spiele, und Sie werden sehen, dass zweiundzwanzig die angemessene Zahl ist. Wer weiß, vielleicht ergibt es sich eines Tages für uns, dass wir ein Match zusammen spielen, Wickham. Dann könnte ich Ihnen noch einiges beibringen, denke ich. Wann zum Beispiel ein Eisenschläger angebracht ist. Ob Eschen- oder Hickoryholz für den Schaft genommen werden sollte. Ich kann Ihnen alles erzählen, keine Sorge.«

Wickham nahm das Angebot mit verhaltener Freude an, wohingegen Saint-Denis sich schon jetzt in seiner Rolle als Golflehrer gefiel.

»Ich weiß nicht, ob Sie am Mittelmeer einen geeigneten Platz finden werden«, gab Barthe unschuldig zu bedenken.

»Ach, mir würde es fürs Erste genügen, hin und wieder eine Wiese zu haben, auf der ich üben kann. Gerade beim Golf ist es wichtig, das einmal Erlernte immer wieder zu üben.«

»Und deshalb müssen die Männer auch jeden Morgen mit dem Scheuerstein das Deck schrubben«, sagte Saint-Denis und lachte über seinen eigenen Scherz. »Übrigens heißt er in der Navy Holystone, wussten Sie das?« Die Frage richtete sich an die beiden Geistlichen.

»Warum heißt denn der Stein Holystone?«, wollte Smosh wissen.

Saint-Denis sah plötzlich verlegen aus und schaute sich am Tisch um, in der Hoffnung, jemand könne ihm zu Hilfe kommen, aber niemand warf ihm einen Rettungsring zu. »Darauf habe ich auch keine Antwort, Mr Smosh«, log der Leutnant.

»Kommt es nicht daher, dass die Steine die Größe und die Form einer Bibel haben?«, fragte Gould.

Smosh lachte und erntete einen vernichtenden Blick von Worthing, der Anstoß nahm an der Verunglimpfung des Heiligen Buches. Doch Smosh ließ sich von dem vorwurfsvollen Blick nicht beirren und lachte nur noch lauter, bis er ganz rot im Gesicht wurde.

Doch bald fasste er sich und widmete sich wieder seinem Teller. »Hätte ich gewusst, dass das Essen auf den Schiffen Seiner Majestät so gut ist, Kapitän Hayden, dann hätte ich eine Karriere in der Navy angestrebt.«

»Wie es aussieht, haben Sie eine Karriere in der Navy vor sich, Mr Smosh«, hob Griffiths hervor.

Smosh war nicht im Geringsten beleidigt und kicherte nur. »Ja, so ist es, Dr. Griffiths. So ist es, und mir soll’s recht sein. Man hat nette Kameraden an Bord, sieht etwas von der weiten Welt, das Prisengeld nicht zu vergessen. Über die Navy habe ich nie nachgedacht, sondern kam zur Kirche, weil mir nichts Besseres einfiel.«

Dieses Bekenntnis rief eine heftige Reaktion bei Worthing hervor. »Wollen Sie damit sagen, Sir, dass Sie dem Klerus beigetreten sind, ohne sich je berufen zu fühlen?«

Smosh wischte sich den vom Wein feuchten Mund mit einer von Haydens neuen Servietten ab. »Das gebe ich offen zu, aber ich möchte darauf hinweisen, dass es die Kirche nicht allzu sehr stört, wie ein Mensch zu ihr findet. Seit Langem bekommt die Kirche nun schon ihre Seelen nicht aus Liebe zu Gott, sondern aus Angst vor der ewigen Verdammnis. Es mag seltsam anmuten, aber die Kirche betrachtet denjenigen, der das Feuer fürchtet – den Feigling also – nicht weniger als Christen als den Mann, der aus religiösen Gefühlen zur Kirche findet. Daraus schließe ich, dass es der Kirche auch gleich ist, wie sie an ihre Diener kommt. Sie wird nicht den Menschen, der Gott liebt, mehr lieben als denjenigen, der der Kirche beitritt, weil er keine bessere Anstellung findet. Der Mutter Kirche ist das alles gleich.«

»Das ist nicht nur ein Affront gegen die Kirche«, entgegnete Worthing und war derart entrüstet, dass er nach Worten rang, »sondern auch – gegen Gott!«

»Ich verstehe nicht, warum Sie das so empfinden«, erwiderte Smosh gelassen. »Ich kenne einige Herren an Land, die gleich zwei Einkünfte beziehen. Und abgesehen von gelegentlichen Predigten an Sonntagen lassen sie die Hilfspfarrer die Arbeit machen. Ihre kostbare Zeit verbringen die Geistlichen lieber mit der Jagd oder anderen Beschäftigungen dieser Art. Sie werden diese Herren eher auf einem Ball treffen als bei Krankenbesuchen oder in der Kirche. Nein, ich bin eben ehrlich, was meine Gründe für den Eintritt in den Kirchendienst anbelangt. Und an Ehrlichkeit war noch nie etwas Verwerfliches.«

Die Atmosphäre beim Abendessen war nachhaltig vergiftet, doch zum Glück löste sich die Tischgesellschaft ohnehin recht schnell auf. Nachdem die übrigen Gäste sich verabschiedet hatten, blieben nur noch Hawthorne und Griffiths auf ein Glas Portwein bei Hayden.

»Ich denke, dass wir in den kommenden Wochen immer gute Unterhaltung in der Offiziersmesse haben werden«, stellte Hawthorne lakonisch fest. Er schien immer noch so sehr von seinen Eroberungen an Land erfüllt zu sein, dass er über das ganze Gesicht strahlte. Ein selbstzufriedenes Lächeln hatte sich um seine Mundwinkel gegraben.

»Worthing hat sich recht klar ausgedrückt, dass er als Einziger an Bord mit Doktor angeredet werden möchte, nicht wahr?« Griffiths musste lächeln.

»Ich befürchtete schon, unseren guten Doktor der Theologie würde der Schlag treffen, als Smosh damit begann, über die Gründe seines Eintritts in den Kirchendienst zu philosophieren.« Der Leutnant der Seesoldaten lachte. »Und Smosh schien sich gar nicht darüber im Klaren zu sein, dass er den Mann schwer beleidigt hatte. So viel Unbedarftheit möchte ich haben!«

»Das war keineswegs unbedarft«, versicherte Griffiths ihm. »Das war genau kalkuliert und so trocken verpackt, dass man denken sollte, es sei unabsichtlich geschehen. Lassen Sie sich nicht von Smoshs Benehmen täuschen, Mr Hawthorne. Das ist alles sehr genau ausgeklügelt, dessen bin ich mir sicher. Unter der Oberfläche des liebenswerten Tölpels, den Smosh in der Öffentlichkeit spielt, stoßen wir auf einen klugen, wachen Geist. Smosh verbirgt viel vor uns, warum er das tut, weiß ich aber auch nicht.«

»Oh, Doktor, ich schätze, da irren Sie sich. Ein leerer Kopf auf einem fülligen Körper, das trifft wohl eher auf unseren Reverend Mr Smosh zu. Ich möchte behaupten, dass er eine Schwäche für gutes Essen, geistige Getränke und das schwache Geschlecht hat, wenn man sich schon am ersten Abend ein Urteil über seine Neigungen erlauben darf. Haben Sie nicht gehört, wie er sich nach den Frauen erkundigte, die wir womöglich auf unserer Fahrt treffen werden? Da wirkte er bereits sehr aufgeregt.«

»Ach, diese Schwächen finden Sie auch bei allen anderen hier an Bord, aber einen trägen Geist werden Sie ihm nicht attestieren können. Sie werden es schon sehen.« Griffiths erhob sich. »Ich muss mich noch um meine Patienten kümmern. Wenn Sie mich dann entschuldigen würden.«

Griffiths schlüpfte leise zur Tür hinaus, und schon nach den ersten Treppenstufen waren seine Schritte nicht mehr zu hören.

»Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass jeder Mensch an seinen Schritten zu erkennen ist?«, fragte Hawthorne. »Die Art und Weise, wie jemand geht, ist ebenso charakteristisch wie seine Stimme. Es heißt zwar, der Charakter eines Menschen sei an der Beschaffenheit der Hände oder der Form seines Schädels abzulesen, aber ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass man den Charakter an den Schritten ablesen kann.«

»Vielleicht sollten Sie eine Abhandlung darüber schreiben«, schlug Hayden mit einem Lächeln vor.

»Ja, in der Tat, vielleicht sollte ich das tun. Aber wenn ich darüber nachdenke – ist Ihnen nie aufgefallen, dass unser Doktor – oder sollte ich lieber Schiffsarzt sagen – so einen leisen, fast schwebenden Schritt hat? Das kann kein Zufall sein, und es liegt auch nicht an seinem Körper. Ich glaube, es liegt daran, dass der gute Doktor niemanden belästigen will. Nicht einmal mit seinen Schritten möchte er seine Mitmenschen quälen. Und damit will ich nicht sagen, dass er ein Duckmäuser wäre. Nein, wenn es sein muss, hält Griffiths nicht mit seiner Meinung hinterm Berg und widerspricht anderen. Aber er bleibt stets besonnen.«

»Und was ist mit Barthe? Von meiner Kabine aus kann ich den Mann auf dem Vordeck herumspazieren hören, selbst durch das geschlossene Oberlicht hindurch – sogar bei heftigem Wind. Heißt das dann etwa, dass er auf niemanden Rücksicht nimmt?«

Hawthorne lachte. »Ich glaube nicht, dass stets der Umkehrschluss gilt. Mr Barthe stampft immer über Deck, weil er sich immer über irgendetwas ärgert – man könnte auch sagen, dass unser Master die Welt als einen riesigen Affront betrachtet. Und da gleicht sein Stampfen seinem ewigen Gefluche – es ist seine Art, gegen die Ungerechtigkeit der Navy und gegen das Leben allgemein zu protestieren.«

»Sie haben wohl schon länger darüber nachgedacht.«

»Nur seit ein paar Tagen. Aber ich habe damit begonnen, darauf zu achten, wie die Menschen gehen.«

»Ich möchte lieber gar nicht wissen, was sie aus meiner Art und Weise zu gehen schlussfolgern.«

»Oh, Ihre Schritte sind leicht zu deuten, Kapitän. Sie wissen, wo Sie hinwollen. Ihre Schritte klingen fest. Ich weiß genau, wann Sie oben an Deck herumgehen. Das würde ich immer heraushören.«

»Ich weiß nur, dass wir Kurs aufs Mittelmeer halten, Mr Hawthorne, alles Weitere ist noch unklar. Vielleicht hören Sie mich ja in wenigen Wochen übers Deck stolpern, mal hierhin, mal dorthin.«

»Nein, Sir, das wird Ihnen nicht passieren. Sie treten fest und entschlossen auf.« Er nahm noch einen Schluck Portwein. Offenbar hatte sich das Thema der Schritte erschöpft.

»Nun sind wir wieder alle beisammen, Mr Hawthorne.«

Der Leutnant der Seesoldaten hob sein Glas wie zu einem Trinkspruch. »Was für ein Glück, dass sich jeder von uns über die Gesellschaft des anderen freuen kann. Denn niemand sonst will uns haben«, merkte er trocken an.

»Das ist in der Tat ein großes Glück. Konnten Sie Ihre Angelegenheit in Bath zu einem zufriedenstellenden Abschluss bringen?«

»Doch, ich bin sehr zufrieden, Kapitän Hayden, danke der Nachfrage.« Hawthorne beugte sich vor und sprach mit einem Mal sehr leise. »Rein zufällig erfuhr ich während meines Aufenthaltes in Bath etwas über unseren Doktor. Wussten Sie, dass er der Navy beitrat, um sich einer unangenehmen Situation zu entziehen? In Portsmouth bekundete er großes Interesse an einer jungen Dame, doch seine Hoffnungen wurden enttäuscht. Ihre Familie akzeptierte ihn nicht, müssen Sie wissen.«

»Also fuhr er nicht zur See, um seiner Familie zu entfliehen? Es tut mir leid, dass er so viel Pech hatte, dabei hätte ich es wissen können. Mehr als einmal hat er Andeutungen gemacht.«

»Aber es geht noch weiter. Als ich von seinem Unglück erfuhr, war ich entschlossen, diese Dame kennenzulernen, da sich ihre Familie gerade in Bath aufhielt. Es gelang mir sogar, sie auf einer Soiree zu entdecken, und ich bat einen Bekannten, mich der Dame vorzustellen. Mir war gleich aufgefallen, dass sie eine echte Schönheit war, aber als ich mich ihr näherte und sie sprechen hörte, wurde mir schlagartig bewusst, dass sie zu den Frauen gehört, die nicht einen Moment den Mund halten können – ich wette, diese Frau plappert selbst im Schlaf noch. Doch dabei gab sie nie etwas Geistreiches oder in irgendeiner Weise Interessantes von sich. Ich weiß, dass die Liebe auch einen praktisch denkenden und besonnenen Mann blind macht, und dennoch war ich erstaunt. Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, die Aufmerksamkeit der Dame auf mich zu lenken, um dann all ihre Hoffnungen zunichtezumachen, aus Rache für all den Kummer, den sie unserem Freund bereitet hat, aber schließlich besann ich mich eines Besseren. Kurze Zeit später jedoch unterhielt ich mich gerade mit einer hübschen Dame, die sehr viel Charme und Bildung besaß, als ich feststellte, dass sie nicht nur die ältere Schwester jener Dame war, die meines Erachtens Griffiths’ Gefühle verletzt hatte, sondern dass ich falsch unterrichtet worden war. Sie war die Dame, die diese große Enttäuschung herbeigeführt hatte. Und das ergab viel mehr Sinn, denn jetzt konnte ich mir sehr wohl vorstellen, dass unser Doktor ihrem Charme erlegen war. Und so erfuhr ich davon: Als im Verlauf unseres Gesprächs ein paar Details unserer Fahrt zur Sprache kamen, fragte sie mich, ob ich nicht viel lieber an Land leben wolle, da ich die Gefahren auf See kennengelernt hätte. Ich erwiderte, dass wir mit einem fabelhaften Schiffsarzt führen und uns deshalb keine Sorgen zu machen brauchen. Griffiths werde uns immer zusammenflicken, fuhr ich fort. Obediah Griffiths?, erkundigte sich die jüngere Schwester. Ich musste lachen, nicht nur weil es mir etwas unangenehm war, sondern weil ich bis dahin gar nicht wusste, wie der gute Griffiths mit Vornamen heißt. Wir klärten schnell, dass Obediah der Schiffsarzt sei, von dem ich sprach. Mir entging nicht, dass die junge Dame ihrer älteren Schwester einen verstohlenen Blick zuwarf. Die arme Frau! Mit einem Mal wirkte sie niedergeschlagen und bedrückt. Jemand erkundigte sich noch nach Griffiths’ Wohlbefinden – ihr zuliebe, wie ich vermutete –, und das war es dann.«

»Der arme Griffiths. Jetzt gehört er zu den Leuten, deren Hoffnungen sich zerschlagen haben. Vor zwei Jahren trat er in die Navy ein. Hat diese Dame inzwischen geheiratet?«

»Nein, hat sie nicht, und Sie wären überrascht, wenn Sie sie treffen würden, denn sie entstammt einer wohlsituierten Familie. Nicht gerade reich, aber mit etwas Grundbesitz und einer tadellosen Familiengeschichte. Und sie selbst ist sehr liebenswürdig und umsichtig. Sie wäre die perfekte Frau für Griffiths gewesen, obwohl seine Familie gewiss gesellschaftlich unter der ihren steht.«

»Vielleicht hat sie es längst bedauert, ihn aufgegeben zu haben, wenn sie wirklich so bedrückt war, als Griffiths’ Name erwähnt wurde. Aber daran kann man nun nichts mehr ändern. Schon morgen schlagen wir einen südlichen Kurs ein. Griffiths wird sich wohl eine neue Liebe suchen müssen.«

Hayden verließ seinen Platz, trat an die Heckgalerie und legte eine Hand auf das Glas, um seine Augen von dem Widerschein der Lichter auf dem Wasser zu schützen. Schließlich drückte er sein Gesicht an die Scheibe und spähte hinaus in die Dunkelheit.

»Der Wind hat nicht weiter aufgefrischt. Allmählich legt sich der Sturm.«

»Dann können wir ja bald in See stechen. Und die Franzosen sind vielleicht so nett, uns ein Schiff anzubieten, das wir unserem Prisengeld hinzufügen können.«

Hayden wandte sich vom Fenster ab. »Ich würde sagen, wir haben auf unserer Route dafür zu sorgen, dass kein britisches Schiff in die Hände der Franzosen fällt.«

KAPITEL VIER

Pool war ein stets angespannter, ungeduldiger Mensch, der beleidigt zu sein schien, da er auf seinem Weg zu Admiral Lord Hood nur einen Konvoi leiten durfte. In der großen Kajüte seines Vierundsiebzigers drängten sich die Master der Frachtschiffe und die Kapitäne der Eskorte.

»Ich erwarte von jedem, dass er genug Zeug setzt, um seine Position zu halten«, sagte Pool laut. »Ich höre mir keine Ausflüchte an und werde auch nicht tolerieren, wenn jemand in diesem Punkt eigenmächtig handelt. Meine Signale müssen befolgt und an die Schiffe im Konvoi weitergegeben werden. Noch in diesen Wochen müssen wir die Biskaya erreichen, und wir werden nicht vor Frühlingsanfang beidrehen. Haben wir uns da verstanden? Das Wetter scheint es nicht gut mit uns zu meinen. Wir müssen daher das Beste aus dem Wind machen.« Nacheinander sah er die versammelten Kapitäne und Master eindringlich an, als wolle er jeden Einzelnen warnen, jetzt Fragen zu stellen. »Obwohl es spät im Jahr ist, werden die Franzosen Ausschau nach uns halten. Es wird dem Feind nicht entgangen sein, dass wir einen Konvoi zusammengestellt haben, und so müssen wir immer damit rechnen, dass der Franzose sich die Schiffe vornimmt, die zurückhängen. Hayden wird mit der Themis d

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