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Die letzte Drachentöterin

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Für Stella Morel
1897–1933
2010–
Die Großmutter, die ich nie gekannt habe
Die Tochter, die ich kennenlernen werde

 

Ich war mal berühmt. Mein Gesicht prangte auf T-Shirts, Buttons, Bechern und Postern. Ich war auf den Titelseiten, im Fernsehen und sogar als Special Guest in der Yogi Baird Show. The Daily Clam nannte mich den »einflussreichsten Teenager des Jahres«, und in der Mollusc on Sunday war ich die Frau des Jahres. Zwei Menschen haben versucht, mich umzubringen, man drohte mir eine Haftstrafe an, ich habe sechzehn Heiratsanträge bekommen und wurde von King Snodd für vogelfrei erklärt. All das und noch mehr in weniger als einer Woche.

Mein Name ist Jennifer Strange.

Praktische Magie

Alles sah danach aus, dass es nachmittags noch heißer werden würde, ausgerechnet dann, wenn der Job kniffliger wurde und noch mehr Konzentration verlangte. Aber einen Vorteil hatte das schöne Wetter: Bei trockener Luft funktioniert das mit der Magie besser, und sie hat eine größere Reichweite. Feuchtigkeit hat eine dämpfende Wirkung auf die magischen Künste. Kein Zauberer, der diesen Namen verdient, ist bei Regen produktiv – was wahrscheinlich erklärt, warum man es früher für einfach hielt, es regnen zu lassen, es aber nahezu unmöglich war, den Regen wieder abzustellen.

Wir konnten uns schon seit Jahren kein Taxi mehr leisten, also quetschten die drei Zauberer, ich und das Tier uns für die kurze Fahrt von Hereford nach Dinmore in meinen rost-orangenen VW; na ja, eher Rost als orange. Lady Mawgon hatte darauf bestanden, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen, »weil das eben so ist«, deshalb saßen Zauberer Moobin und der gut gebaute »Full« Price auf der Rückbank, das hechelnde Quarktier zwischen sich. Ich fuhr; das wäre überall anders als in den Ununited Kingdoms vielleicht ungewöhnlich gewesen, aber in King Snodds Reich war die Führerscheinprüfung nicht an ein bestimmtes Alter gekoppelt, sondern an die Reife. Daher besaß ich den Führerschein schon seit ich dreizehn war, während gewisse andere Typen ihn mit vierzig immer noch nicht hatten. Es war ein Glück, dass ich fahren konnte. Zauberer lassen sich viel zu leicht ablenken, und sie ans Lenkrad zu lassen, ist ungefähr so sicher, wie in einer überfüllten Disko eine laufende Kettensäge herumzuschwenken.

Wir hätten jede Menge Gesprächsstoff gehabt – der Job, zu dem wir fuhren, das Wetter, Zauberexperimente oder ihr Scheitern, King Snodds manchmal etwas exzentrische Art–, doch wir schwiegen. Price, Moobin und Mawgon waren unsere besten Zauberer, aber sie kamen nicht sonderlich gut miteinander aus. Es war nichts Persönliches; so sind Zauberer einfach – temperamentvoll und zu launischen Ausbrüchen neigend, für die man viel Geduld und Spucke braucht. Die Leitung von Kazam hatte weniger mit Flüchen und Zaubersprüchen, Bürokratie und Diplomatie zu tun als vielmehr mit Babysitten. Mit Leuten zu arbeiten, die sich in den Zauberkünsten auskannten, war, wie mit nassen Spaghetti zu stricken. Wenn man gerade dachte, man hätte etwas zustande gebracht, fiel alles wieder auseinander. Aber in Wahrheit machte es mir nichts aus. Manchmal war es frustrierend, aber es war nie langweilig.

»Es wäre wirklich schön, wenn Sie das lassen könnten«, sagte Lady Mawgon vorwurfsvoll und warf Full Price einen missbilligenden Blick zu. Er verwandelte sich gerade in langsamen, kontrollierten Schritten vom Menschen in ein Walross und wieder zurück. Das Quarktier starrte ihn befremdet an, und mit jeder Verwandlung wehte ein unangenehmer Fischgeruch durch das kleine Auto. Zum Glück waren die Fenster offen. Für Lady Mawgon, die einst königliche Hofhexe gewesen war, zeugten Transformationen, bei denen man das Risiko einging, dabei beobachtet zu werden, von einer hoffnungslos schlechten Kinderstube.

»Groof, groof«, sagte Full Price in dem Versuch, wie ein Walross zu sprechen, was nie gut funktioniert. »Ich wärme mich nur auf«, fügte er ungehalten hinzu, als er wieder entwalrosst oder rehumanifiziert war, je nachdem, wie man es betrachtete. »Sie wollen ja wohl nicht behaupten, Sie hätten das nicht nötig.«

Zauberer Moobin und ich sahen Lady Mawgon an, weil wir neugierig waren, wie sie sich aufwärmte. Moobin hatte sich auf den Job vorbereitet, indem er mit einer Ausgabe des Hereford Daily Eyestrain herumgespielt hatte. Seit wir zwanzig Minuten zuvor das Büro verlassen hatten, löste er Kreuzworträtsel. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, denn das Kreuzworträtsel im Eyestrain ist nie besonders schwierig, aber er hatte Buchstaben von anderswo auf der Seite benutzt und sie mit reiner Gedankenkraft in die Kästchen bewegt. Das Kreuzworträtsel war jetzt komplett ausgefüllt und mehr oder weniger korrekt – dafür sah der Artikel zu Königin Mimosas Schirmherrschaft über den Fonds für die Trollkriegswitwen ein bisschen ramponiert aus.

»Das brauche ich ja wohl nicht zu beantworten«, sagte Lady Mawgon hochnäsig, »und im Übrigen lehne ich den Ausdruck ›aufwärmen‹ ab. Es heißt quazafukieren, so hieß es schon immer.«

»Diese alte Sprache klingt so was von unzeitgemäß«, sagte Price.

»Sie klingt, wie wir klingen sollten«, sagte Lady Mawgon. »Von edlem Stand.«

Von ehemals edlem Stand, dachte Moobin, und sein Unterbewusstsein sendete versehentlich auf einer so niedrigen Alphawelle, dass sogar ich es spürte. Lady Mawgon drehte sich auf ihrem Sitz um und funkelte ihn an.

»Behalten Sie das mal schön für sich, junger Mann.«

Moobin dachte noch etwas über sie auf einer so hohen Alphawelle, dass nur sie es hörte. Ich weiß nicht, was er dachte, aber Lady Mawgon sagte naserümpfend »nun ja« und sah gekränkt aus dem Fenster.

Ich seufzte. Das war mein Leben.

Von den fünfundvierzig Zauberern, Magiern, Wahrsagern, Hexen, Wettermachern, Teppichfliegern und anderen magischen Künstlern bei Kazam standen die meisten schon nicht mehr auf der Liste der Aktiven – wegen Schwäche, Irrsinn, Verlust oder Schädigung des unerlässlichen Zeigefingers durch einen Unfall oder rheumatische Arthritis. Von den fünfundvierzig konnten noch dreizehn arbeiten, aber nur neun hatten gültige Lizenzen – zwei Teppichflieger, zwei Präkogniker und, was am wichtigsten war, fünf Zauberer, die rechtlich ermächtigt waren, »Zaubereihandlungen« auszuführen. Lady Mawgon war sicher die Mürrischste und wahrscheinlich die Fähigste. Wie alle anderen hatte auch sie in den letzten dreißig Jahren ihre Kräfte dramatisch schwinden sehen, aber im Gegensatz zu allen anderen war sie nicht damit fertiggeworden. Zu ihrer Verteidigung muss man sagen, dass sie tiefer gefallen war als die anderen, aber das war keine Entschuldigung; die Schwestern Karamasow hatten ebenfalls mal bei Hofe gearbeitet, waren aber so süß wie Aprikosenkuchen. Beide vollkommen neben der Spur, aber total nett.

Vielleicht hätte ich mehr Mitleid mit der Mawgon gehabt, wenn sie nicht immer so schwierig gewesen wäre. Sie hatte etwas so Einschüchterndes, dass ich mir immer ganz klein und unbeholfen vorkam, und sie ließ keine Gelegenheit aus, mich niederzumachen. Seit Mr Zambinis Verschwinden war es nur noch schlimmer geworden statt besser.

»Quark«, sagte das Quarktier.

»Musste das Vieh unbedingt mit?«, fragte Full Price.

»Es ist einfach in den Wagen gesprungen, als ich die Tür aufgemacht habe.«

Das Quarktier gähnte und zeigte dabei mehrere Reihen rasiermesserscharfer Reißzähne. Es hatte zwar einen sanftmütigen Charakter, sah aber so furchterregend aus, dass man immer fürchtete, es könnte einen hinterrücks anfallen. Das Quarktier ließ sich nicht anmerken, ob es das wusste. Möglicherweise war ihm überhaupt nicht klar, wie erschreckend es aussah, und es wunderte sich, warum die Leute immer schreiend Reißaus nahmen.

»Es ist meine Pflicht als geschäftsführende Managerin von Kazam«, fing ich vorsichtig an, um das Gemecker der Zauberer zu unterbrechen und sie zu mehr Teamgeist zu bewegen, »darauf hinzuweisen, wie wichtig dieser Auftrag ist. Mr Zambini hat immer gesagt, wir müssen uns anpassen, um zu überleben, und wenn wir das hier gut hinkriegen, können wir uns vielleicht einen lukrativen Markt sichern, den wir dringend brauchen.«

»Hmpf«, machte Lady Mawgon.

»Wir müssen alle zusammenarbeiten und sofort volle Pulle loslegen«, fügte ich hinzu. »Ich habe Mr Digby gesagt, dass wir heute Abend gegen sechs fertig sind.«

Sie beschwerten sich nicht. Ich glaube, sie wussten genau, was Sache war. Lady Mawgon schnipste mit den Fingern, und das Getriebe des VW, das bis dahin ein teuer klingendes Geräusch gemacht hatte, lief plötzlich wie geschmiert. Wenn die Mawgon ein Getriebe austauschen konnte, während der Motor lief, war sie warm gemacht genug für sie alle.

Ich klopfte an die Tür eines roten Backsteinhauses am Rande des Dorfs, und ein rotgesichtiger Mann mittleren Alters öffnete.

»Mr Digby? Ich bin Jennifer Strange von Kazam, geschäftsführende Managerin von Mr Zambini. Wir haben telefoniert.«

Er musterte mich.

»Sie kommen mir ein bisschen jung vor, um eine Agentur zu leiten.«

»Ich bin sechzehn«, sagte ich freundlich.

»Sechzehn?«

»In zwei Wochen, ja.«

»Dann bist du jetzt erst fünfzehn?«

Ich dachte kurz nach.

»Ich bin im sechzehnten Lebensjahr.«

Mr Digby zog die Augenbrauen zusammen.

»Musst du nicht in der Schule sein oder so?«

»Kontraktarbeiterin«, erwiderte ich und lächelte gegen die Verachtung an, die die meisten freien Bürger Menschen wie mir entgegenbringen. Ich war bei der Schwesternschaft groß geworden, die mich vier Jahre zuvor an Kazam verkauft hatte. Ich hatte noch zwei Jahre unbezahlte Arbeit vor mir, bis ich auch nur daran denken konnte, das erste Formular zu beantragen, das mich nach weiteren vierzehn Stapeln Papierkram und Bürokratie irgendwann in die Freiheit entlassen würde.

»Kontraktarbeiterin hin oder her«, sagte Mr Digby, der sich nicht so leicht abspeisen ließ. »Wo ist Mr Zambini?«

»Er ist indisponiert«, antwortete ich in bemüht erwachsenem Ton. »Vorübergehend habe ich seinen Verantwortungsbereich übernommen.«

»Seinen Verantwortungsbereich übernommen?«, wiederholte Mr Digby. »Warum sie und nicht einer von Ihnen?« Seine Frage war an die drei Zauberer gerichtet, die abwartend beim Wagen standen.

»Verwaltung ist etwas für einfache Leute«, sagte Mady Mawgon gebieterisch.

»Ich habe wirklich Besseres zu tun, und von Papierkram wird mein Haarausfall nur noch schlimmer«, sagte Full Price.

»Wir haben vollstes Vertrauen in Jennifer«, fügte Zauberer Moobin hinzu, der meine Arbeit vielleicht mehr schätzte als alle anderen. »Findelkinder sind früher reif. Können wir anfangen?«

»Nun gut«, sagte Mr Digby nach einer langen Pause, in der er uns reihum ansah, als würde er immer noch mit dem Gedanken spielen, alles abzublasen. Aber das tat er nicht, und schließlich ging er Hut und Mantel holen.

»Aber wir hatten vereinbart, dass Sie um sechs fertig sind, richtig?«

Ich bestätigte das, und er reichte mir den Hausschlüssel. Er machte einen großen Bogen um das Quarktier, stieg in seinen Wagen und fuhr weg. Es war immer besser, keine Zivilisten in der Nähe zu haben, wenn gezaubert wurde. Selbst der stabilste Zauber konnte überschüssige Flüche im Kielwasser haben, die Chaos anrichten konnten, wenn sie mit der normalen Bevölkerung in Kontakt kamen. Es ist nie etwas Ernstes passiert; meistens war es nur rasantes Nasenhaarwachstum, blaues Pipi oder dass jemand grunzte wie ein Schwein, solche Sachen eben. Es ließ auch schnell nach, aber es war schlechte PR – und wir mussten ständig mit einem Rechtsstreit oder Schlimmerem rechnen.

»Gut«, sagte ich zu den dreien, »dann sind Sie jetzt dran.«

Die drei Zauberer sahen sich an, dann betrachteten sie das gewöhnliche Vorstadthaus.

»Früher habe ich Stürme heraufbeschworen«, seufzte Lady Mawgon.

»Das haben wir alle«, gab Zauberer Moobin zurück.

»Quark«, sagte das Quarktier.

Ich entfernte mich ein Stück, während die drei Zauberer darüber diskutierten, wo sie am besten anfingen. Keiner von ihnen hatte je mit Zauberkraft ein Haus neu verkabelt, aber sie meinten, dass es relativ einfach gehen müsste, wenn sie das Hauptverzeichnis der wichtigsten Zaubersprache ARAMAIC neu konfigurierten – und solange die drei ihre Fähigkeiten zusammenlegten. Es war Mr Zambinis Idee gewesen, ins Heim-und-Garten-Geschäft einzusteigen. Maulwürfe aus Gärten zu verbannen, für Lagerhäuser Dinge zu verkleinern und verlorene Gegenstände wiederzufinden, waren zwar einfache Arbeiten, aber sie wurden auch nicht besonders gut bezahlt. Die Elektrik neu zu verlegen, war allerdings ein anderes Kaliber. Im Gegensatz zu herkömmlichen Elektrikern brauchten wir das Haus dafür nicht anzurühren. Kein Dreck, keine Probleme, und es dauerte weniger als einen Tag.

Ich setzte mich in den VW, um in der Nähe des Funktelefons zu sein. Sämtliche Anrufe im Büro wurden hierher weitergeleitet. Ich war nicht nur Geschäftsführerin von Kazam, sondern auch Rezeptionistin, Sachbearbeiterin und Buchhalterin. Ich musste mich um meine fünfundvierzig Zauberer kümmern, um das heruntergekommene Haus, in dem sie alle wohnten, und die zahllosen Formulare ausfüllen, die das Zaubereigesetz (seit der Novellierung von 1966) verlangte, wenn auch nur der winzigste Fluch ausgesprochen wurde. Das alles tat ich aus drei Gründen: Erstens konnte der Große Zambini es nicht machen, denn er war weg, zweitens war ich schon bei Kazam, seit ich zwölf war, und kannte das Geschäft mit dem Zaubereimanagement in- und auswendig. Und drittens hätte es sonst niemand gemacht.

Das Funktelefon klingelte.

»Agentur Kazam«, sagte ich, so munter ich konnte, »kann ich Ihnen helfen?«

»Hoffentlich«, sagte ein schüchterner Teenager am anderen Ende. »Können Sie machen, dass Patty Simcox sich in mich verliebt?«

»Wie wäre es mit Blumen?«, fragte ich.

»Blumen?«

»Klar. Kino, ein bisschen flirten. Essen gehen, tanzen, Bodmin Aftershave?«

»Bodmin Aftershave?«

»Klar. Rasierst du dich schon?«

»Einmal in der Woche«, sagte der Junge. »Geht mir langsam auf den Keks. Aber ich dachte, es wäre einfacher …«

»Wir könnten schon etwas machen, aber dann wäre es nicht Patty Simcox. Nur ein Teil von ihr, der flexibelste. Das wäre wie ein Date mit einer Schneiderpuppe. Mit der Liebe macht man besser keine Experimente. Wenn du meinen Rat willst, würde ich das lieber auf die altmodische Weise machen.«

Es schien, als wäre die Leitung tot, aber er verdaute nur, was ich gesagt hatte.

»Was für Blumen denn?«

Ich gab ihm ein paar Tipps und Restaurantadressen. Er bedankte sich und legte auf. Ich sah hinüber zu Zauberer Moobin, Lady Mawgon und Full Price, die immer noch das Haus inspizierten. Beim Zaubern ging es weniger darum, einen Zauberspruch zu murmeln und ihn loszulassen, sondern mehr darum, das Problem einzuschätzen, die Beschwörungen so zu planen, dass sie möglichst effizient waren, und dann einen Zauberspruch zu murmeln und loszulassen. Die drei waren immer noch im Stadium »Einschätzen«, was im Allgemeinen mit einer Menge Starren, Tee, Diskussionen, Streit, weiteren Diskussionen, Tee und noch mehr Starren einherging.

Wieder klingelte das Funktelefon.

»Jenny? Hier ist Perkins.«

Der Junge Perkins war einer der jüngsten Zauberer bei Kazam. Er war in einem der seltenen Momente finanzieller Stabilität aufgenommen worden und machte eine Art gelockerte Ausbildung. Seine besondere Begabung war Fernsuggestion, worin er allerdings nicht besonders gut war. Einmal wollte er dafür sorgen, dass wir ihn alle lieber mochten, indem er eine breite »Ich bin ja wohl so was von cool«-Suggestion auf Sub-Alpha ausgesendet hatte. Nur leider hatte er es mit der Suggestion verwechselt, mit der er beim Scrabble oft mogelte, und sich dann gewundert, dass alle ihn traurig ansahen und den Kopf schüttelten. Das war ziemlich lustig gewesen, allerdings nicht für ihn. Weil wir ungefähr im gleichen Alter waren, verstanden wir uns gut, und ich mochte ihn eigentlich ganz gern. Weil das aber auch auf einer Suggestion beruhen konnte, die er ausgesendet hatte, war ich nicht sicher, ob ich ihn wirklich mochte oder nicht. Deswegen waren wir trotz seiner häufigen Einladungen ins Kino oder auf eine Tasse Tee oder einfach dazu, uns bei Sonnenuntergang die Gasflamme an der Raffinerie anzugucken, nicht viel weiter gekommen als bis zu einem freundlichen »Hey«, wenn wir uns begegneten.

»Hey, Perkins«, sagte ich, »hast du Patrick rechtzeitig zur Arbeit bekommen?«

»Gerade noch. Aber ich glaube, er ist wieder auf Marzipan.«

Das war gar nicht gut. Patrick of Ludlow war Gewichtheber. Er war nicht der Intelligenteste, aber er war freundlich und sanft und sehr begabt in Levitation, und er brachte Kazam regelmäßige Einkünfte, indem er für die Stadt Falschparker entfernte. Die Arbeit war sehr anstrengend – von vierundzwanzig Stunden schlief er vierzehn –, und das mit dem Marzipan ging auf eine dunkle Zeit in seinem Leben zurück, über die er nicht sprach.

»Was gibt’s denn?«

»Die Schwesternschaft hat deinen Nachfolger geschickt. Was soll ich mit ihm machen?«

Ich hatte mich schon gefragt, wann das passieren würde. Die Schwesternschaft schickte traditionell alle vier Jahre ein Findelkind zu Kazam, denn es dauerte seine Zeit, die ziemlich einzigartige Kombination von Fähigkeiten und das benötigte elastische Verhältnis zur Realität zu erlangen, die man für das Zauberkunstmanagement brauchte. Sharon Zoiks war das vierte Findelkind gewesen, ich war das sechste, und dieses war das siebte. Über das fünfte sprachen wir nicht.

»Setz ihn in ein Taxi, und schick ihn her. Oder nee, warte. Zu teuer. Sag Nasil, er soll ihn mit dem Teppich herbringen. Die üblichen Sicherheitsvorkehrungen. Pappkarton, ja?«

»Alles klar. Ach, übrigens, ich habe zwei Karten für Sir Matt Grifflon live in concert. Hast du Lust hinzugehen?«

»Mit wem denn?«

»Mit wem? Mit mir natürlich.«

»Ich überleg’s mir.«

»Gut«, sagte er, dann murmelte er etwas darüber, dass er mindestens zwölf Leute kannte, die buchstäblich töten würden, um die singende Sensation Sir Matt zu sehen, und legte auf.

Tatsächlich hätte ich Grifflons Konzert wahnsinnig gern gesehen. Er war nicht nur King Snodds Liebling, sondern auch ein berühmter Musiker und sah ganz gut aus, mit seinem schmalen Gesicht und der langen Mähne. Nach kurzer Überlegung beschloss ich jedoch abzusagen, obwohl ich wirklich neugierig war, wie so ein Date eigentlich ablief. Selbst wenn Perkins irgendeinen Fluch eingesetzt hatte, um mich zu bezirzen, war es eine schlechte Idee, mich mit irgendwem aus den Zauberkünsten einzulassen. Es hatte schon seinen Grund, warum sie alle Singles waren. Liebe und Magie waren wie Öl und Wasser – sie vermischten sich einfach nicht.

Ich sah den drei Zauberern zu, wie sie das Haus von allen Seiten in Augenschein nahmen und scheinbar nichts taten. Ich wusste, dass ich sie besser nicht fragte, was sie da machten oder wie es lief. Schon ein kleiner Augenblick der Ablenkung konnte einen Zauberspruch auflösen. Moobin und Price waren normal gekleidet, nur ohne Metallteile, wegen der Verbrennungsgefahr. Lady Mawgon trug die traditionellen Gewänder, lange, schwarze Reifröcke, die beim Gehen raschelten wie Laub und im Dunkeln funkelten wie Feuerwerk. Bei den häufigen Stromausfällen im Königreich erkannte ich immer, wenn sie es war, die einen der endlosen Korridore in den Zambini Towers entlangglitt. Irgendjemand hatte ihr in einem mutigen Moment einmal ein paar Sterne und einen Mond aus Silberfolie an das schwarze Kleid gepinnt, und sie hatte getobt vor Wut. Sie ereiferte sich fast zwanzig Minuten lang vor Mr Zambini darüber, dass hier niemand seine Berufung ernst nehme, und dass man nicht von ihr erwarten könne, mit diesen kindischen Einfaltspinseln zusammenzuarbeiten. Zambini hat sich daraufhin alle einzeln vorgeknöpft, aber wahrscheinlich hat er sich genauso amüsiert wie wir alle. Wir haben nie herausbekommen, wer es war, aber ich habe Full Price’ kleinen Bruder Half in Verdacht. Er hat einmal aus Spaß sämtliche Katzen im Ort grün gezaubert, was sich übel rächte, als die Polizei eingeschaltet wurde. »Schikanöse, unangenehme und böswillige Flüche und Zaubereien« waren streng verboten, auch wenn alle nötigen Papiere vorlagen, und die Vorurteile gegen Zauberer waren seit dem Vorfall mit »Erzittert vor Furcht, Ihr mickrigen Lakaien, und gehorcht Drax, dem Zerstörer« im neunzehnten Jahrhundert sowieso groß. Um von Half Price’ Streich abzulenken, musste der Große Zambini sechshundert beliebige Katzen in den Ununited Kingdoms grün färben. So konnten wir halbwegs überzeugend behaupten, dass die Farbe der Katzen kein illegaler Zauber war, sondern eine verdorbene Charge von Moggilicious Katzenfutter schuld war.

Ich hatte nicht viel mehr zu tun, als die drei Zauberer im Auge zu behalten, setzte mich ins Auto und las Zauberer Moobins Zeitung. Die Buchstaben, die er herumgeschoben hatte, waren immer noch an Ort und Stelle, und ich runzelte die Stirn. Zauber wie dieser waren normalerweise zeitlich begrenzt, und ich hätte erwartet, dass der Text wieder in seine ursprüngliche Form zurückgefunden hatte. Etwas zu fixieren kostete noch mal doppelt so viel Energie wie es zu verschieben, daher sparten die meisten Zauberer sich das, und der Zauber löste sich nach einer Weile von selbst auf wie ein Zopf ohne Gummi. Zauberei war wie ein Marathon – man musste sich seine Kräfte gut einteilen. Wenn man zu früh lossprintete, schaffte man es vielleicht nicht bis ins Ziel. Moobin musste sich stark gefühlt haben, dass er das Ende des Zaubers befestigt hatte. Ich schaute unter das Auto und stellte fest, dass das Getriebe funkelnagelneu aussah und nicht leckte. Anscheinend hatte Lady Mawgon ebenfalls einen guten Tag.

»Quark.«

»Wo?«

Das Quarktier zeigte mit einer seiner rasiermesserscharfen Krallen Richtung Osten, wo Prinz Nasil deutlich schneller vorbeisauste, als er sollte. Er legte sich steil in die Kurve, umrundete das Haus zweimal und hielt in einer perfekten Landung direkt neben mir. Er teppichte gern im Stehen, wie ein Surfer, was unser einziger anderer Teppichflieger, Owen of Rhayder, missbilligte. Er saß lieber traditionell im Schneidersitz hinten. Nasil trug außerdem Baggy Shorts und ein Hawaiihemd, was Lady Mawgon überhaupt nicht passte.

»Hi, Jenny«, sagte Nasil grinsend und reichte mir das Flug-Logbuch zum Unterschreiben, »Lieferung für dich.«

Vorne auf dem Teppich stand eine große Yummy-Flakes-Schachtel. Sie ging auf, und heraus kam ein zwölfjähriger Junge, der für sein Alter groß und schlaksig wirkte. Er hatte kleine, sandfarbene Löckchen, und um seine Stupsnase tanzten Sommersprossen. Er trug ganz offensichtlich geerbte Klamotten und starrte mich an wie jemand, der eben erst verschleppt worden war und noch nicht wusste, wie er das finden soll.

Tiger Prawns

»Hallo«, sagte ich und streckte ihm die Hand hin. »Ich bin Jennifer Strange.«

»Im Waisenhaus habe ich nur Gutes über dich gehört«, antwortete er zögernd, als er aus der Schachtel kletterte. Er schüttelte mir die Hand. »Angenehm. Mein Name ist Horton Prawns. Aber die meisten sagen Tiger zu mir.«

»Kann ich auch Tiger zu dir sagen?«

»Das wär nett.«

Er lächelte schüchtern, und ich sah ihm seine Unsicherheit an. Ich war ebenfalls in dem Alter zu Kazam gekommen. Und wie ich war auch er vermutlich ein Findelkind, das von der Hummerschaft aufgezogen worden war, oder um ihren vollständigen Titel zu nennen: dem »Orden unserer lieben Frau des Hummers«. Sie hatten ihr Kloster in Clifford Castle, nicht weit vom Drachenland entfernt. Tiger hielt einen Umschlag hoch.

»Mutter Zenobia hat gesagt, ich soll dem Großen Zambini das hier geben.«

»Ich bin die Geschäftsführerin«, sagte ich. »Am besten gibst du es mir.«

»Ein Findelkind ist Geschäftsführerin des Hauses der Zauberei?«

»Du bist nicht der Erste, den das wundert, und ich gehe davon aus, dass du auch nicht der Letzte sein wirst. Den Umschlag?«

Aber so leicht ließ Tiger sich nicht abspeisen.

»Mutter Zenobia hat gesagt, ich soll es ausschließlich dem Großen Zambini geben.«

»Er ist verschwunden«, erklärte ich, »und ich weiß nicht, wann er wiederkommt.«

»Dann warte ich.«

»Gib mir den Umschlag.«

»Nein, ich …«

Wir zankten uns eine Weile um den Umschlag, bis ich ihn ihm schließlich aus der Hand nahm, ihn aufriss und mir den Inhalt ansah. Es war seine Kontraktarbeiterurkunde, im Prinzip nicht viel mehr als eine Art Lieferschein. Ich las sie nicht, das war nicht nötig. Tiger Prawns war Eigentum von Kazam, bis er achtzehn Jahre alt war, genau wie ich.

»Willkommen bei Kazam«, sagte ich und stopfte mir den Umschlag in die Tasche, »wo unvorstellbare Schrecken sich mit Augenblicken von verwirrender Komplexität und höchster Beliebigkeit abwechseln. Den Laden eine Irrenanstalt zu nennen würde noch die irrste Irrenanstalt beleidigen.«

»Doppelt Komisch mit extra Komisch?«

»Das trifft es ganz gut. Aber du kommst schon zurecht. Verglichen mit der Schwesternschaft ist es fast normal. Wie geht’s Mutter Zenobia?«

Mutter Zenobia war die Oberin – eine zerfurchte alte Ex-Zauberin, runzlig wie eine Walnuss und ebenso unverwüstlich.

»Ich fürchte, sie wird langsam total irre«, sagte Tiger.

»Also wie immer.«

»So«, sagte Prinz Nasil, »wenn Sie mich nicht mehr brauchen, ich muss noch eine Niere nach Aberystwyth bringen.«

»Ihre eigene?«, fragte Tiger.

Ich bedankte mich bei Nasil, dass er Tiger vorbeigebracht hatte, und er winkte uns fröhlich zu, schwebte hoch und brauste Richtung Westen davon. Ich musste ihm und Owen noch verklickern, dass der Vertrag für die Organtransporte bald auslaufen würde.

»Miss Strange?«

»Nenn mich ruhig Jenny.«

»Miss Jenny, warum musste ich mich unterwegs in der Pappschachtel verstecken?«

»Personenbeförderung auf Teppichen ist verboten. Nasil und Owen transportieren Organe für Transplantationen und liefern Pizza und so was aus.«

»Ich hoffe, sie verwechseln da nichts.«

Ich lächelte.

»Normalerweise nicht. Was hat dich zu Kazam verschlagen?«

»Ich habe so eine Prüfung gemacht, mit fünf anderen Findlingen«, sagte Tiger.

»Wie ist es gelaufen?«

»Ich bin durchgefallen.«

Das war nicht weiter ungewöhnlich. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte Zauberkunstmanagement noch als solide Berufswahl gegolten, und man wetteiferte um die Stellen. Heutzutage war es nur noch Sklaverei, wie in der Landwirtschaft, in Hotels und Fast-Food-Restaurants. Von den etwa zwanzig Zaubereihäusern, die es vor fünfzig Jahren gegeben hatte, existierten nur noch Kazam im Königreich Hereford und Industrial Magic drüben in Stroud. Es war eine sterbende Branche. Die Macht der Magie schwand schon seit Jahrhunderten und damit auch der Einfluss der Zauberer. Früher waren Zauberer Berater des Königs gewesen; heute verkabelten wir Häuser neu und machten Abflüsse frei.

»Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.«

»Wie Schimmel?«

»So ziemlich, aber sprich so nicht mit den anderen. Die waren einmal mächtig. Wenn du dich hier einfügen willst, und das musst du, dann musst du respektieren, was sie einmal waren, wenn schon nicht das, was sie sind. Sechs Jahre können eine Ewigkeit sein, wenn man die Leute nicht mag. Mach dich nicht gleich unbeliebt. Die Zauberer sind ein sonderbarer Haufen, und sie können einem so auf den Keks gehen, dass man sie am liebsten verprügeln würde, aber du wirst sie lieben wie deine Familie. Genau wie ich.«

»Sechs Jahre?«

»Sechs Jahre. Aber die Zeit vergeht hier schnell. Es ist sehr abwechslungsreich.«

Wieder klingelte das Funktelefon.

Es war Kevin Zipp, einer unserer Präkogniker. Er hatte mir schon vor ein paar Tagen gesagt, dass er mich um diese Zeit anrufen würde, aber wie es immer so ist mit Leuten, die eine nebulöse Version der Zukunft vorhersehen, hatte er nicht genau gewusst, warum. Jetzt schien er es zu wissen.

»Können Sie zu den Towers zurückkommen?«

Ich sah zu den drei Zauberern hinüber, die sich fest darauf konzentrierten, nichts zu tun.

»Nicht wirklich. Warum?«

»Ich hatte eine Vorahnung.«

»Was für eine?«

»Volles Programm. In Farbe, stereo und 3D. So eine hatte ich schon seit Jahren nicht mehr. Das muss ich Ihnen sofort erzählen.«

Und dann war die Leitung tot.

»Also, hör zu, Tiger …«

Ich hielt inne, weil er einen zutiefst verängstigten und entsetzten Ausdruck im Gesicht hatte. Die Augen weit aufgerissen, das linke Bein unkontrolliert zitternd und einen erstickten Laut in der Kehle. Das kannte ich schon.

»Das ist das Quarktier«, sagte ich. »Es sieht vielleicht aus wie eine offene Messerschublade auf Beinen und als wollte es dich gleich in Stücke reißen, aber in Wahrheit ist er ein ganz Süßer und frisst höchstens mal eine Katze, wenn überhaupt. Oder, Quarktier?«

»Quark«, sagte das Quarktier.

»Der krümmt dir wirklich kein Haar«, sagte ich, und das Quarktier beschloss, seinen guten Willen zu zeigen, indem es seinen zweitbesten Trick vorführte: Es nahm einen Beton-Gartenzwerg und zermahlte ihn mit seinen kräftigen Zähnen zu Staub. Dann pustete es einen Ring aus Staub in die Luft und sprang hindurch. Tiger lächelte angestrengt, und das Quarktier wedelte mit dem schweren Schwanz, leider etwas zu nah am VW, und machte so eine weitere Delle in den ohnehin schon arg verbeulten vorderen Kotflügel.

Tiger wischte sich mit meinem Taschentuch über die Augen und tätschelte das Quarktier, das den Mund geschlossen hielt, um ihn nicht noch mehr zu ängstigen. Tiger lachte nervös. Und dachte nach. Ich sah ihm an, dass er hundert Fragen hatte und gar nicht wusste, wo er anfangen sollte.

»Was ist mit dem Großen Zambini passiert?«

»Offiziell heißt er heute nur noch ›Mr Zambini‹«, sagte ich. »Den Beinamen ›der Große‹ führt er schon seit zehn Jahren nicht mehr, aber wir benutzen ihn aus Respekt immer noch.«

»Hat man den nicht lebenslang?«

»Kommt auf die Zauberkraft an. Siehst du die Dame in Schwarz da drüben?«

»Die so schlecht gelaunt aussieht?«

»Die so würdevoll aussieht. Vor sechzig Jahren war sie Zaubermeisterin Lady Mawgon Der-die-Winde-gehorchen. Heute ist sie nur noch Lady Mawgon. Wenn ihre Hexenkräfte noch weiter nachlassen, wird sie eines Tages einfach Daphne Mawgon heißen und kein Stück anders als du oder ich sein. Du wirst schon sehen.«

Einen Augenblick standen wir einfach da.

»Der Dicke sieht aus, als würde er Harfe spielen«, sagte Tiger.

»Das ist der einst ehrwürdige Dennis Price«, erklärte ich gereizt, »und du solltest lernen, deine Zunge zu hüten. Price’ Spitzname ist ›Full‹. Er hat einen Bruder, David, den nennen wir ›Half‹.«

»Ist doch egal, wie er heißt, er sieht trotzdem aus, als würde er Harfe spielen.«

»Wir nennen das ›harfen‹, weil diese Handbewegungen, die einem Zauberspruch vorausgehen, eben so aussehen, als würde man eine unsichtbare Harfe spielen.«

»Sag bloß. Benutzen sie keine Zauberstäbe oder so?«

»Zauberstäbe, Besen und spitze Hüte sind was für Märchenbücher.«

Ich hob meine Zeigefinger.

»Die benutzen sie. Früher haben wir ihre Finger versichert, aber inzwischen können wir uns die Raten nicht mehr leisten. Spürst du das?«

Das leichte Summen eines Zaubers lag in der Luft. Ein zartes Kribbeln, ein bisschen wie elektrostatische Ladung. Wir sahen zu, wie Price den Zauber losließ. Es knisterte, und zitternd löste sich die gesamte Elektrik von Mr Digbys Haus, inklusive Lichtschaltern, Steckdosen, Sicherungskästen und Lampen – ein dreidimensionales Netzwerk aus verschlissenen Kabeln, rissigem Bakelit und schwarzen Drähten. Es hing mitten über dem Rasen in der Luft und schaukelte sanft. Price hatte in einer Stunde etwas geschafft, für das ein gelernter Elektriker eine ganze Woche gebraucht hätte, und er hatte dafür die Tapeten und den Putz nicht mal angerührt, hatte keinen Tee getrunken und war nicht dienstags einfach nicht aufgetaucht, wie es bei Elektrikern üblich ist.

»Gut gehalten, Daphne«, sagte Price.

»Ich halte gar nichts«, sagte Lady Mawgon. »Ich war noch gar nicht so weit. Moobin?«

»Ich auch nicht«, antwortete er, und sie sahen sich um, wer sonst noch mitgemacht haben könnte. Da entdeckten sie Tiger.

»Wer ist denn der kleine Stinker?«, fragte Lady Mawgon und kam zu uns.

»Das siebte Findelkind«, erklärte ich. »Tiger Prawns. Tiger, das sind Full Price, Zauberer Moobin und Lady Mawgon.«

Price und Moobin sagten freundlich Hallo, aber Lady Mawgon war nicht so herzlich.

»Ich nenne dich F7, bis du dich würdig erwiesen hast«, sagte sie herablassend. »Zeig mir mal deine Zunge.«

Tiger war zu meiner Erleichterung durchaus zu höflichem Verhalten in der Lage, verbeugte sich artig und streckte die Zunge heraus. Lady Mawgon berührte seine Zungenspitze mit dem kleinen Finger und runzelte die Stirn.

»Der war es nicht. Mr Price, ich glaube, Sie sind in Wallung

»Meinen Sie?«

Und dann verfielen sie in eines dieser sehr langen und komplizierten Gespräche, die Zauberer immer führen, wenn sie über die Künste sprechen. Und weil es in Aramäisch, Latein, Griechisch und Englisch stattfand, verstand ich nur jedes vierte Wort – und sie selbst wahrscheinlich auch.

»Zunge rein, Tiger«, sagte ich.

Als sie zu dem Schluss gekommen waren, dass es vielleicht wirklich eine Wallung von Zauberkraft war, wie es sie von Zeit zu Zeit gibt, tranken sie etwas Tee aus der Thermoskanne, aßen einen Donut und redeten weiter. Dann begannen sie mit der heiklen Arbeit, das alte Kabelnetz originalgetreu nachzubauen. Das zweite hing neben dem ersten in der Luft und bestand aus neuen Kabeln, Schaltern und Steckdosen. Zum Schluss würden sie das neue Netz in das alte Haus einbauen, das Kupfer zur Wiederverwertung aus dem alten Netz lösen, und dann den ganzen Papierkram für mich zum Gegenzeichnen ausfüllen, bevor wir es dem Zaubereiminister vorlegten.

»Ich muss zurück zu den Zambini Towers«, sagte ich. »Kommen Sie hier allein zurecht?«

Sie bejahten, und ich brachte das Quarktier mit einem Nicken dazu, in den VW zu springen. Tiger und ich überließen sie ihrer Arbeit und fuhren los.

Zambini Towers

»Was sind denn meine Aufgaben?«, fragte Tiger, sobald wir unterwegs waren.

»Hast du bei den Schwestern Wäsche gewaschen?«

Er ächzte vernehmlich.

»Also das, dann ans Telefon gehen und allgemein herumrennen. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass du da bist. Seit wir vor zwei Jahren den fünften Findling verloren haben und letztes Jahr Zambini, habe ich alles allein gemacht.«

»Alles?«

»Außer kochen. Das macht Unstable Mabel, und gespült wird zum Glück mit Zauberei. Übrigens, geh bloß nicht in die Küche. Mabel ist ganz schön launisch und der reinste Drachen mit Suppenkelle.«

»Können die Zauberer ihre Wäsche nicht selber waschen?«

»Könnten sie, tun sie aber nicht. Sie müssen mit ihren Kräften haushalten, damit sie einsatzfähig sind.«

»Kann der Abwaschzauber nicht auch die Wäsche machen?«

»Der ist in der alten Zaubersprache RUNIX«, erklärte ich. »Die ist Read-only und kann nicht verändert werden.«

»Oh. Und muss ich mich von der Mürrischen F7 nennen lassen?«

»Da gewöhnst du dich dran. Besser als ›Ey, Alter‹. Mich hat sie bis vor einem Monat F6 genannt.«

»Ich bin aber nicht du. Außerdem hast du mir immer noch nicht gesagt, was mit Mr Zambini passiert ist.«

»Ooh«, sagte ich und drehte das Radio lauter, weil gerade die Yogi Baird Radio Show lief. Ich mochte die Sendung, musste sie aber nicht unbedingt hören. Ich wollte nur nicht über Mr Zambinis Verschwinden reden. Jedenfalls jetzt noch nicht.

Zwanzig Minuten später hielten wir vor den Zambini Towers, einem großen Bau, der einmal das luxuriöse Majestic Hotel gewesen war. Es war das zweithöchste Gebäude in Hereford nach King Snodds Parlament, aber nicht so gut in Schuss. Die Dachrinne hing herunter, die Fenster waren schmutzig und gesprungen, und in den Ritzen zwischen den Backsteinen wuchsen Grasbüschel.

»Was für eine Bruchbude«, flüsterte Tiger, als wir die Eingangshalle betraten.

»Wir können es uns nicht leisten, es vernünftig renovieren zu lassen. Mr Zambini hat es gekauft, als er noch Der Große war und aus einer Eichel in weniger als vierzehn Tagen einen riesigen Baum wachsen lassen konnte.«

»Den da?«, fragte Tiger und zeigte auf eine ausladende Eiche, die mitten in der Lobby stand, die knorrigen Wurzeln und Äste elegant um die ehemalige Rezeption geschlungen. Sie versperrte teilweise den Eingang zum verlassenen Palmenhof.

»Nein, das war Half Price’ Abschlussarbeit nach dem dritten Studienjahr.«

»M

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