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Die kostbaren Jahre des Lebens

Die kostbaren Jahre des Lebens

Eine Geschichte mit Herz, Humor und ein bisschen zum Nachdenken

von Ilona M. A. Albrecht

Ich widme das Buch allen Frauen, jenseits der 60! Wenn sie bisher nicht den Mut gefunden haben sich auf eine neue Partnerschaft einzulassen, dann wünsche ich mir, dass Ihnen der Roman Hoffnung macht.

Ilona M. A. Albrecht

Vorgeschichte

Warum fielen mir auf einmal alle diese Sprüche mit Überraschung ein? Na, weil ich so was von überrascht war, was mir passiert ist. Ich hätte nie im Traum daran gedacht, dass es so was für mich noch gibt. Noch dazu in meinem Alter!! Was war passiert?

Nichts ahnend ging ich in ein Warenhaus. Ich brauchte ein Sommerkleid und vielleicht passende Schuhe. Schlendernd beäugte ich die Ständer, die Auslagen, griff einen Bügel heraus, blau und grün mit weiß – nee nicht meine Farben, der Schnitt ganz gut, na ja, also weiter. So betrachtete ich mehrere Sachen, fand aber nicht das Richtige. Plötzlich hinter mit eine freundliche Stimme: “Kann ich Ihnen helfen?“ Da ich schon sehr genervt war, dachte ich spontan. „Mir kann keiner mehr helfen!“ Während ich dann doch meinen Blick der Stimme zuwandte, sah ich einen Mann, wahrscheinlich ein Verkäufer, der mich erwartungsvoll und nett ansah. Ich glaubte zuerst nicht, was ich auf einmal spürte. Herzklopfen, eher Herzrasen, Pulsfrequenz bestimmt 120! Was war das denn?

Plötzlich fühlte ich mich irritiert, verwirrt und sprachlos! So was war mir schon lange nicht mehr passiert.

„Reiß dich zusammen, du bist doch kein Teenager mehr“, schalt ich mich. Also drehte ich mich vollends um und antwortete so ruhig wie möglich: „Danke nein, ich finde mich schon zurecht.“

„Schade, ich hatte den Eindruck, als ob ich Ihnen behilflich sein könnte.“ Sprach´s und ging weg.

Na, toll da hatte ich mir wohl selbst ein Eigentor geschossen. Wie dem auch sei, ich widmete mich wieder der Suche nach meinem neuen Sommeroutfit und hatte den Vorfall bald vergessen. Mit doch noch einem Kleid in der Einkaufstüte und einem Schuhkarton verließ ich das Warenhaus.

Es war wirklich ein sehr schöner Sommertag, nicht zu heiß, aber angenehm warm. Deshalb beschloss ich, mich in eins der Straßencafés zu setzen und beim Eiskaffee zu relaxen. Ich hatte auch bald ein entsprechendes gefunden. Erleichtert und froh, dass meine „ Shoppingtour“ doch noch den entsprechenden Erfolg hatte, ließ ich mich auf einen der bequemen Rattan Sessel fallen.

Mein Blick ging suchend nach einem Kellner über die Tische, da traf mich plötzlich der Schlag! Nein, das ist ja unglaublich, wer grinste mich von einem der Tische breit an? Es war der „hilfreiche Verkäufer“ aus dem Warenhaus!

Leichte Röte stieg mir ins Gesicht. Schnell vergrub ich meinen Kopf hinter der Speisekarte.

„Meine Güte“, schalt ich mich, „bleib einfach cool und relaxt!“

Ich suchte den Blickkontakt zur Kellnerin und war sehr dankbar, dass sie sofort reagierte. Als dann der Eiskaffee vor mir stand, wagte ich einen kurzen Seitenblick. Kaum wahrnehmbar, reagierte dieser „Kerl“ mit einem schmunzelnden Kopfnicken. Nun wurde es mir aber zu bunt. Angriff ist die beste Verteidigung! Ich stand auf und ging direkt auf ihn zu.

„Können Sie mir verraten, warum Sie mich verfolgen?“

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen:

„Falls Sie sich erinnern, ich war zuerst hier!“

Verdammt da hatte er Recht, so was Blödes, warum rede ich in solchen Situationen, ohne vorher zu denken!

„Na gut, in dem Fall muss ich Ihnen zu stimmen. Dennoch, irgendwie kreuzen sich unsere Wege ein bisschen zu oft. Außerdem was belustigt Sie eigentlich, habe ich Hasenohren oder ´ne Boxernase? Immer, wenn Sie mich ansehen, grinsen Sie! Sehen Sie, schon wieder!“

„Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen?“

Ich war empört. Was dachte sich dieser Mann. Nun erdreistete er sich auch noch mir Vorschläge zu unterbreiten!

Das ging nun gar nicht. Wir kannten uns nicht, und ich hatte auch keine Ambitionen ihn näher kennen zu lernen. Männer die mir Vorschläge machen und mit guten Ratschlägen mein Leben umkrempeln wollten, die hatte ich schon genug!

Warum war ich eigentlich so gereizt? Im Prinzip hatte mir doch keiner etwas getan. Doch dieses verständnisvolle, verbindliche Lächeln machte mich dermaßen nervös und unsicher. Wieso eigentlich?

Nun entschied ich mich ganz gelassen auf diese Frage einzugehen.

„Was denn für einen Vorschlag?“

„Da ich noch nicht bestellt habe und Ihr Eiskaffee einsam und verlassen auf Ihrem Tisch steht, schlage ich vor, ich setze mich zu Ihnen. Oder haben Sie etwas dagegen?“

Was sollte ich nun dazu sagen? So oder so hatte dies für mich langsam Soap – Charakter! Na denn, was soll´s!

„Gut, dann ziehen Sie mal um und wir können möglicherweise ein nettes Gespräch führen.“

Was wollten wir denn für ein nettes Gespräch führen? Wir kannten uns doch gar nicht!

Am Tisch angekommen, wartete er bis ich mich setzte, ehe er selbst Platz nahm.

Plötzlich sprang er wieder auf.

„Entschuldigung, ich habe mich überhaupt noch nicht vorgestellt. Roman Winter, seit einem Jahr Rentner und verwitwet.“

„Nun setzen Sie sich doch. Ist ja peinlich. Alle sehen schon her! Muss doch nicht die ganze Stadt wissen, dass wir uns gerade kennen gelernt haben!“

„Womit haben Sie denn ein Problem?“

Ich muss gestehen, dass mir nun doch die Worte fehlten. Ja, wo lag denn eigentlich mein Problem? Im Prinzip gab es keins. Ich aber musste sofort wieder an alle Pannen und Pleiten denken, welche ich in der letzten Zeit so hinter mich gebracht hatte. Jedes Mal, voller Zuversicht und meist auch noch euphorisch, bin ich immer wieder in Beziehungen hineingeschlittert.

Leider war das Erwachen aus all den Hoffnungen und Träumen immer wieder sehr hart und schmerzlich. Die Letzte war zirka ein halbes Jahr her. Ich hatte mir danach geschworen, dass ich mein Single Dasein nicht um jeden Preis aufgebe! Ich wollte einfach für mich zur Ruhe und Besinnung kommen.

Schließlich war ich ja gar nicht so allein. Ich hatte einen Sohn und eine Tochter und sogar schon Enkelkinder, in die ich all meine Liebe und Fürsorge geben konnte.

Nun erlebte ich diesen Tag mit solch unerwarteten Ereignissen.

„Gut“, sagte ich mir, „spiel doch einfach mit und bleib ganz ruhig.“

Ebenso höflich und verbindlich stellte ich mich nun auch vor.

„Mein Name ist Karola Braun, bin knapp 63 Jahre und seit 25 Jahren geschieden und immer noch solo!“

Nun war Herr Winter derjenige welcher erstaunt aufsah.

„Seit 25 Jahren? Wie geht das denn? So wie Sie aussehen, hat es denn keinen Partner für Sie bisher gegeben?“

Da war es wieder. Der verdrängte Gedanke, dass mit mir sicherlich etwas nicht stimmte, dass etwas mit mir „faul“ sein musste! Immer wieder fragte ich mich dieses ja auch ständig. Was war daran schuld, dass ich, obwohl ich es so sehr wollte, keinen Lebenspartner fand?

Dieser Roman Winter hatte mich, mal wieder, auf mein Dilemma aufmerksam gemacht. Das Besondere an dieser Situation war allerdings, dass ich Schmetterlinge im Bauch hatte! Das ahnungsvolle Gefühl, dass mich dieser Mann besonders wachrüttelte, hielt mich fest. Lange hatte ich diese Empfindung nicht mehr gehabt. Meine vergangenen Beziehungen waren mehr der praktischen Art. Sie nahmen mir das Alleinsein, gaben mir Anerkennung und gemeinsame Erlebnisse.

Die Hoffnung auf Liebe und ein intensives, gemeinsames Leben hatte ich leider, immer wieder, zu oft! Doch aufgrund meiner Erfahrungen, hatte ich sie inzwischen aufgegeben.

„In meinem Alter gibt es so etwas nicht mehr“, das hatte ich mir immer wieder gesagt.

„Sei zufrieden, wenn es für gemeinsame Unternehmungen und Reisen mit ein wenig Erotik langt.“

Seit heute war dies nicht mehr unbedingt meine Sichtweise. Das plötzliche Gefühl, dass doch noch nicht alles so „tot“ zu sein schien, machte mich einerseits glücklich, andererseits war ich wirklich durcheinander!

„Na junge Frau, haben Sie die Sprache verloren?“ Sein freundlicher Blick ließ urplötzlich alle trüben Gedanken verschwinden.

„Ja, ich frage mich auch, unentwegt, warum ich nach so langer Zeit noch solo bin. Vielleicht habe ich aber bisher nicht den Richtigen getroffen!“

Nun hatte ich den Part wieder abgegeben. Das Leuchten in seinen Augen war nicht zu übersehen. „Machen Sie sich keine falschen Hoffnungen, so mancher hat nach genau diesem Dialog gemeint, dass er genau der ist, welcher für mich bestimmt ist!“

Verdammt, er ließ sich nicht aus der Fassung bringen! Lächelnd griff er nach meiner Hand:

„Sie müssen ja sehr oft in Beziehungen enttäuscht worden sein. Glauben Sie mir, auch ich hatte es nicht so leicht. Nachdem meine Frau verstorben war, brach für mich die Welt zusammen. Sämtlicher Lebensmut war mir genommen. Wenn nicht meine Tochter und die Enkelkinder mich fürsorglich und geschickt in das Leben zurückgebracht hätten, weiß ich nicht was aus mir geworden wäre! Ich versuchte es dann über das Internet und Kontaktanzeigen. Alleine wollte ich nicht bleiben, denn 65 Jahre ist doch, bei guter Gesundheit, kein Alter! Ich weiß also wovon ich spreche. Ich versichere Ihnen es ist kein Zuckerschlecken, wenn wir uns in unserem Alter auf neue Beziehungen einlassen wollen. Wir sind fertige, lebenserfahrene Menschen. So leicht lassen wir uns kein „x“ für ein „u“ vormachen! Dennoch steckt in jedem Menschen die Sehnsucht nach Partnerschaft und einem gemeinsamen Leben! Den Richtigen zu finden ist natürlich gleichzusetzen mit einem „Fünfer“ im Lotto! Dennoch glaube ich nach wie vor daran, und das ist Lebensweisheit, dem Lottogewinn eines Tages zu begegnen!“

Mein Gott, das war ja eine lange philosophische Rede. Im Grunde tat er mir etwas leid. Männer kommen wahrscheinlich schwerer alleine im Leben klar. Dennoch, sollte er denken ich bin sein Lottogewinn, dann hatte er sich schwer geirrt! Solch plumpe Anmache im Kaufhaus und dann das Gerede! Nee, ich konnte nicht im Entferntesten daran denken, dass ich mich auf ihn einlasse. Seine Augen guckten teils fragend, teils verwirrt.

„Habe ich etwas Falsches gesagt oder Sie verletzt?“

Nun war es an mir genau zu überlegen wie ich antwortete. Ich fand im Grunde genommen alles was er sagte nicht wirklich falsch. Nur ging mir alles ein bisschen schnell. Klar war ich nicht gern allein.

Ganz klar hatte ich doch gespürt wie mein Puls sich beschleunigte, als er mich im Kaufhaus ansprach. Nicht ganz klar war mir allerdings, wie sollte ich reagieren? Allzu leicht sollten wir Frauen es den Männern doch nicht machen!

Wer sagt das? Ja wer eigentlich? Sind wir noch in der Zopfzeit?

Also sprach ich zu mir:

„Karola sei nicht dumm! Das könnte die letzte Chance sein! Er sieht nicht schlecht aus, hat gute Manieren und scheint auch noch recht fit zu sein! Also sei kein Frosch und packe die Gelegenheit beim Schopf. Jetzt oder nie!!“

Laut sagte ich zu ihm:

„Herr Winter, Sie haben nichts Falsches gesagt und Sie haben mich auch nicht verletzt. Sie müssen mich allerdings verstehen, dass ich nachdenklich und zurückhaltend reagiere. Ich finde es sehr nett mit Ihnen hier zu sitzen und zu plaudern. Beide haben wir vergessen den Kaffee zu trinken. Irgendwie bin ich auch gerade in die Realität zurückgekommen. Gar nicht wahrgenommen, dass wir hier in einem Straßenkaffee sitzen und uns vor kurzem erst begegnet sind. Sie haben mich mit Ihrem Charme und Lebensweisheiten einfach fasziniert, aber gleichzeitig auch ein wenig durcheinandergebracht! Ich bin mir im Moment außerdem nicht klar, was wir hieraus machen.“

Ups, war ich da nicht etwas über die Ziellinie hinausgeschossen? Das war doch die totale Offenlegung meiner Gefühle! Ich würde mich, obwohl mein zweites „Ich“ sagte: „Lass die Finger davon“, gern treffen, mich auf ihn einlassen! Oh je, nun doch wieder in der Zwickmühle zwischen Gefühl und Verstand! Was soll das nur werden? Als ob Herr Winter über meine inneren Kämpfe Bescheid wusste sprach er in einem warmen Ton: „Frau Braun, ich weiß nicht welche Vorstellungen Sie haben, und welche Erfahrungen hinter Ihnen liegen. Ich bin festen Glaubens, dass wir dieses zufällige Treffen, als einen Wink des Schicksals verstehen sollten. Ein zweites Treffen, bewusst und geplant wird möglicher Weise dazu beitragen Kopf und Bauch in Einklang zu bringen. Ich schlage vor, morgen im Park am See, in der dortigen Cafeteria. Zurzeit ist da nicht so viel los, da die meisten Stadtleute im Urlaub sind. Bis dahin haben wir beide Zeit über schicksalhafte Begegnungen, unsere verborgenen Wünsche und über das Leben in Beziehungen nachzudenken. Sicher werden wir uns dann auch nicht sein. Wir könnten dann überlegen wie wir uns besser kennen lernen, gemeinsame Unternehmungen planen. Das wäre doch der erste Schritt! Was sagen Sie dazu?“ Himmel, das war ja nicht zu glauben! Dieser Mensch hatte ganz klare Vorstellungen. Der schien tatsächlich die feste Absicht zu haben mit mir anzubändeln!

Anzubändeln? War sicher nicht zutreffend! Irgendwie glaubte ich, dass er sich ein wenig in mich verguckt hatte. Hallo, er wusste aber, wie alt wir sind. Das hatten wir gleich zu Beginn eindeutig offen gelegt!

Mit einem leichten Kopfnicken und einem: „Na dann, bis dahin!“ ging ich so gefasst wie möglich aus dem Café.

Nein, das war ein Vormittag, wie er in keinem „10 Groschen – Roman“ besser geschildert werden konnte! Da geht man nichts ahnend aus dem Haus und wird, wie vom Blitz getroffen, in ein Abenteuer gestürzt! Keine Minute hatte ich in der letzten Zeit damit verschwendet, an eine neue Beziehung, Affäre oder Sonstiges in der Art, zu denken!

In der Nacht konnte ich natürlich kein Auge zumachen. Immer wieder stellte ich mir die Frage nach dem: Warum? Wieso jetzt? Und: Was soll das Ganze?

Ich fühlte mich irgendwie nicht so froh, wie ich es vielleicht hätte sein können. Im Gegenteil ich fühlte mich eher der Situation überfordert. Was sollte denn das Ganze wieder? Hörte das denn niemals auf Meine Güte mit über 60 war ich doch in einem Alter wo ich im Prinzip alles hinter mir hatte.

Das Aufregendste: Die erste große Liebe, aus der die Kinder stammten.

Das Schrecklichste: Die Erfahrung hintergangen und betrogen worden zu sein, von dieser „ großen“ Liebe

Das Wunderbarste: Die Geburt und das Heran wachsen der Kinder!

Das Alltägliche: Sorgen für den Lebensunterhalt unserer Minifamilie im Einklang mit Haushalt und Kinderversorgung

Die Highlight´s: Ich wurde immer wieder bewundert aufgrund meiner „Lebenskünstlermentalität“ und meiner nicht nachlassenden Vitalität und Ausstrahlung!

Das Erotische: Kost - Verächter war ich nicht, doch ich habe auch nicht Jeden genommen

Das Ziel: Immer wieder im„ Navi“ eingegeben und doch nie den Lebenspartner gefunden!

Ich wusste wirklich nicht mehr ob ich den Schritt wagen sollte mich mit Roman Winter zu treffen. Einerseits gab es da das Gefühl, welches jeder Mensch, und besonders Frauen, sehr mögen:“ Attraktiv und begehrenswert zu sein!“

Noch mehr Bedeutung durfte ich dieser Tatsache beimessen, da ich, an und für sich, nicht die beste Eigenwahrnehmung hatte.

Der verflixte Punkt war immer wieder die Tatsache, dass ich das eigene Alter vor mir sah!

Nicht meine Vitalität!

Nicht meine immer noch wirkungsvolle

Ausstrahlung!

Nicht meine, vor Tatenkraft strotzende,

Lebenseinstellung!

Nach dieser Nacht wurde mir allerdings sehr klar, dass ich mich einem Treffen mit Roman Winter nicht verschließen würde. Ganz sicher war ich mir!

Das Erstaunen, über die Wandlung meines Standpunktes, gab mir nicht mal zu denken.

Ja ich wollte mich dem Schicksal stellen! Ja ich wollte erleben, dass ich noch nicht tot war, dass Liebe kein Alter kennt, dass Schmetterlinge im Bauch jeder Zeit möglich und normal sind!

Mein Entschluss stand fest, in den Park zu gehen. Plötzlich wurde mir ganz heiß. Ich hatte zwar dem Treffen zugestimmt, danach allerdings recht schnell das Weite gesucht. Keiner von uns Beiden hatte über die Zeit des Treffens gesprochen. Ein Tag hatte 24 Stunden, und 12 Stunden waren dem Tag zugeschrieben. Wann zum Teufel hatte Roman Winter denn das Treffen geplant?

Ich überlegte, es war inzwischen 10.00 Uhr. Sicher hatte er eher an den Nachmittag gedacht. Das Wetter war heute ähnlich wie gestern. Nicht zu warm, aber sommerlich.

Ich sah aus dem Fenster. Die Sonne verkrümelte sich gerade hinter einer Wolke, ansonsten war es fast wolkenlos.

„Summer wine“ dieses Lied kam mir auf einmal in den Sinn. Leise summte ich es vor mich hin und überlegte dabei, wann ich hinaus zum See fahren sollte.

Als ich eine junge Frau fröhlich lachend im bunten Kleid vorbei radeln sah und entzückt feststellte wie der Fahrtwind die blonden Haare und das Kleid bewegte, kam mir ein Blitzgedanke! Ja genau so werde ich es machen! Ich hatte heute eh nichts vor! Entschlossen ging ich ins Badezimmer. Ging unter die Dusche, wusch mir die Haare und legte ein dezentes Make up auf.

Die Auswahl der Bekleidung ging relativ schnell, da ich wusste was ich wollte!

Gegen 15.00 Uhr radelte ich Richtung Park am See. Meine Haare hatte ich mit einem Band fixiert, die weiße ⅞ Hose mit meinem türkisfarbenen Lieblingsshirt komplettiert, weiße Ballerina ´s unterstrichen mein, nicht übertriebenes, aber geschickt zusammengestelltes Outfit.

Meine Anspannung nahm zu, als ich mich mehr und mehr der Cafeteria näherte. Wird er da sein? Wie verhalte ich mich? Ungezwungen, natürlich!

Ich bog in den geraden Weg zur Cafeteria ein und was sahen meine Augen? Da saß er! Ganz locker und zufrieden ! Er schaute den Anglern am See zu! Als ob es nichts Interessanteres geben würde!

Was nun? Wieder stand ich vor einer Entscheidung. Gehe ich einfach auf ihn zu und spreche ihn an? Oder setze ich mich schon in die Cafeteria? Meine Gedanken waren einfach völlig konfus. Auf solche Situationen einfach spontan und aus dem Bauch heraus zu reagieren, das konnte ich noch nie! Gefangen in dem Bewusstsein, alles immer richtig machen zu müssen, entpuppte sich mal wieder als ein Problem!

Noch völlig im meinem Wirrwarr der Gedanken, merkte ich nicht sofort, dass Herr Winter sich umdrehte.

Erst sein unverwüstliches Lächeln und das Aufstehen von der Bank, rüttelten mich aus meiner Starre!

Na da hatten wir es ja mal wieder! Der Überraschungseffekt lag bei ihm nicht bei mir!

Nun gut, sicher war, wir hatten ohne eine Zeit zu vereinbaren, es geschafft gemeinsam am verabredeten Platz zu sein.

Das war ja schon etwas, oder? Ich nahm alle meine Sinne zusammen. Nur jetzt nicht das Falsche sagen! Dieser Gedanke kam und ging aber auch sofort wieder. Roman Winter nahm mir, mit seinem charmanten Auftreten, alle Zweifel.

„Guten Tag Frau Braun, ich bin überrascht Sie zu sehen. Gestern hatte ich den Eindruck, dass Sie einem Treffen sehr kritisch gegenüber standen.

Umso mehr freue ich mich!“

Was soll ich sagen. Diese Geschichte nahm ihren Verlauf. Nicht im Traum hatte ich in der Vergangenheit an einen solchen Schicksalsschlag gedacht!

Lange Rede – Kurzer Sinn: Es kam tatsächlich zu weiteren Treffen. Wir lernten uns immer besser kennen, stellten immer mehr Gemeinsamkeiten fest. Missverständnisse, Befindlichkeiten schlossen sich nicht aus! Jeder von uns hatte ja schon Einiges hinter sich und feste Vorstellungen vom Leben. Das aufeinander Einstimmen, die Macken und Fehler in gewisser Hinsicht beim anderen, zu tolerieren, war nicht immer leicht. Dennoch wir schafften es tatsächlich.

Eine Hürde die wir noch nehmen mussten waren unsere Familien. Als ich meinen Kindern vorsichtig erklären wollte, dass sich ihre alte Mutter hoffnungslos verliebt hat, zeigten sie Freude und Verständnis!

Mein erwachsener, verheirateter Sohn Alexander, nahm mich in den Arm und flüsterte mir ins Ohr: „Das hast du gut hingekriegt, jetzt komm ich mir vor wie zwölf!“

Ich war sehr gerührt über das Verständnis und die freudige Anteilnahme. Meine Tochter erfuhr es über einen liebevollen Brief, da sie zurzeit in Frankreich weilte. Ihre positive Reaktion hatte ich im Voraus geahnt. Wir beide waren Mutter, Tochter und Freundinnen zugleich.

Bei Roman war die Sache etwas schwieriger. Er hatte eine verheiratete Tochter. Die Tochter war etwas über 30. Sie hatte ihre Mutter bis zum Schluss begleitet und teilweise gepflegt! Deshalb schlugen bei ihr natürlich die Emotionen hoch! Eine verstorbene Mutter lässt sich nicht aus der Gefühlswelt der Kinder löschen. Egal wie alt sie sind. Es hat etwas mit Andenken, Erinnerungen und großer Traurigkeit zu tun.

Da ich nie die Absicht hatte die Stelle ihrer Mutter einzunehmen war ein vertrauensvolles Gespräch angesagt. Doch wie sollte ich es angehen? Ließ sie sich denn darauf ein oder stieß ich am Ende in eine Wunde, die noch gar nicht verheilt war?

Das Einverständnis von Roman musste ich natürlich bekommen, das gehörte jetzt zum gegenseitigen Vertrauen.

Also dachte ich mir, dass für den Abend eine gemütliche Stunde mit einem Glas Wein das hervorragende Timing wäre.

Mittlerweile pendelten wir zwischen unseren Wohnungen. An diesem bewussten Tag waren wir bei mir. Das passte hervorragend. Sollte etwas schiefgehen, war ich zu Hause!

Irgendwie merkte Roman, dass ich angespannt war. Er fragte:

„Irgendwas stimmt doch nicht mit dir, Karola, was ist los? Du wirkst etwas nervös!“

Na da hatte er mich aber voll erwischt! Wir kannten uns wohl besser als wir bisher vermuteten.

Zögerlich rückte ich mit der Sprache heraus, dass ich gern mit seiner Tochter reden würde, dass ich gern das Misstrauen von ihr zerstreuen wollte, und dass ich um Gottes Willen nicht die Stelle ihrer Mutter einnehmen will!

Zärtlich nahm mich Roman in den Arm. Mein Verständnis für die Gefühlswelt seiner Tochter rührte ihn.

Gemeinsam stellten wir einen Schlachtplan auf! Was soll ich sagen? Natürlich gelang er nicht sofort, aber unser Umgang miteinander, das Gefühl welches wir unserer Familie vermittelten, strahlte positive Frequenzen aus.

Nach einem Jahr war es dann soweit! Wir hatten die Nase voll vom ewigen hin - und hergezockele!

Wir heirateten, zogen in eine gemeinsames Haus und begannen ein Leben zu zweit!

Bis heute dieses nicht bereut

Bis heute keinen Aufwand gescheut

Unsere Liebe jeden Tag zu leben

Jedem möglichst das Beste zu geben

Immer in die gleiche Richtung sehen

Manchmal dennoch verschieden Wege gehen

Alles in allem wir haben ´s geschafft

Wir haben aus unserem Leben noch etwas gem.

Fünf Jahre später

Die Zeit ist immer wieder ein Faktor, welcher uns Menschen fasziniert. Sie geht einfach zu schnell! Immer wieder hatte ich das Gefühl sie anhalten zu müssen, sie zu genießen und die schönen Momente für eine kleine Dauer nicht sofort verschwinden zu lassen. Leider ist dies natürlich eine Illusion. Die Zeit rast und rast und unser Gefühl hinkt hinterher. Wer kennt nicht den Ausspruch: „Was schon fünf Jahre ist das her, ich hätte gemeint es war alles erst gestern!“

Genauso ging es mir gerade. Im Schaukelstuhl auf der Veranda sitzend, blinzelte ich in die untergehende Sonne. Roman saß in seinem Liegestuhl und war über seinem Buch eingeschlafen. Heute Abend wollten wir unseren „Kennenlerntag“ feiern. Dieser lag nun schon sechs Jahre hinter uns. Im Herbst werden wir unseren fünften Hochzeitstag begehen Meine Gedanken gingen zurück zum Beginn des Jahres.

Nichts Schlimmes ahnend hatten wir eine Schiffsreise gebucht und waren voller Vorfreude auf diese schöne Zeit. In Gedanken waren wir schon auf Mittelmeerrundreise und genossen das Ambiente des Schiffes und das der mediterranen Länder.

Eine Woche vor unserem Abflug nach Venedig geschah das Unfassbare! Wir hatten einen schönen Abend im Konzert verbracht und waren dabei uns auf die Nachtruhe vorzubereiten. Ich beschäftigte mich gerade mit dem Abschminken meines Make ups, als ich komische Geräusche aus dem Wohnzimmer hörte. Blitzschnell lief ich die Treppe hinunter. Roman lag mehr auf dem Sessel als er saß. Er hielt die rechte Hand auf die Brustmitte. Angstschweiß trat auf seine Stirn. Hier musste ich sofort handeln. Mit einer Hand angelte ich nach dem Mobiltelefon, mit der anderen führte ich eine Druckmassage auf der Brust aus. Gottlob war sofort jemand an dem anderen Ende der Telefonleitung. Kurz, klar und genau schilderte ich die Symptome meines Mannes. Der Rettungswagen war informiert. Die Herzmassage führte ich nun intensiv fort. In Abständen beatmete ich Roman. Meine Gedanken waren ausgeschaltet. Ich funktionierte wie ein Roboter. Er durfte noch nicht gehen! Es ging doch gerade mit uns so großartig. Einen gemeinsamen Lebensabend bis ins hohe Alter, das hatten wir uns gemeinsam vorgenommen.

In solchen Momenten werden die Sekunden zu Minuten, die Minuten zu Stunden. Endlich schrillte die Klingel. Ich hatte die Tür zwischenzeitlich schon geöffnet.

„Die Tür ist auf“, rief ich. Meine Stimme zitterte.

Jetzt muss alles gut werden.

Die Sanitäter, aber auch ein Rettungsarzt betraten das Zimmer. Sie waren ein eingespieltes Team. Sofort erkannten sie was zu tun war. Während ich erschöpft auf den Stuhl sank und den Himmel um Hilfe anrief, kamen dann doch die Tränen.

Ich beobachtete das emsige Tun der Rettungskräfte und hatte plötzlich das Gefühl, dass alles wieder gut wird. Roman war an ein Sauerstoffgerät angeschlossen und atmete ruhig. Eine Infusion angelegt und ein Blutdruckmessgerät angeschlossen, lag er inzwischen auf einer Trage.

Der Arzt wandte sich nun mir zu. „Frau Winter, Sie haben Ihrem Mann das Leben gerettet. Ohne Ihre Herzmassage und die Beatmung hätten wir Ihren Mann nicht mehr helfen können. Sie haben genau das Richtige getan. Wir bringen ihn nun auf die Intensivstation der Herzklinik. Ich denke schon, dass er mit Stands oder Beipässen in Zukunft leben muss. Damit kann jeder, bei gesunder Lebensweise noch gut alt werden. Also, Kopf hoch ihr Mann wird wieder in Ihre Arme zurückkehren.“

Als Roman hinaus getragen wurde, hielt mich nichts mehr. Sofort holte ich meine Jacke, Handtasche und die Autoschlüssel. Ich musste bei ihm in der Nähe sein, egal wie lange es dauerte. Hier zu Hause zu bleiben, nein das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich war sehr angespannt und wäre nicht zur Ruhe gekommen.

Dem Rettungswagen folgend, fuhr ich durch die nächtlichen Straßen.

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