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Die kleinen Geheimnisse des Herzens

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Gedichte
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. 33
  41. 34
  42. 35
  43. 36
  44. 37
  45. 38
  46. 39
  47. 40
  48. 41
  49. 42
  50. 43
  51. 44
  52. 45
  53. 46
  54. Danksagung
  55. Rezept: Würzige Fischpastete

Über dieses Buch

Eine zauberhafte Geschichte über die Liebe, das Leben und den Wert wahrer Freundschaft

May Rosevere, eine rüstige Dame in gesegnetem Alter, genießt ihren Lebensabend in dem kleinen Dorf Pengelly in Cornwall. Als Emily, die Enkelin ihrer Nachbarin, anreist, um ihr Leben neu zu ordnen, beobachtet May Emilys Bemühungen mit Interesse und Wohlwollen. Denn seit einem tragischen Vorfall vor ein paar Jahrzehnten, in den die Familien beider Frauen verwickelt waren, fühlt sich die alte Dame Emilys Familie gegenüber schuldig. May würde die Zeit wahnsinnig gerne zurückdrehen. Aber da es für sie selber schwierig ist, ihr Leben umzukrempeln und von vorne anzufangen, beschließt sie, stattdessen Emily zu helfen – wenn auch mit etwas unkonventionellen Methoden …

»Warmherzig, romantisch und auf die allerbeste Art ein bisschen anders« Katie Fforde

»Ein Juwel von einem Buch« USA Today

Über die Autorin

Celia Anderson lebt mit ihrem Mann und einer unsozialen Katze im britischen Derbyshire, besucht aber ihre Töchter in Brighton so oft wie möglich, um am Meer zu sein. Bevor sie sich in Vollzeit dem Schreiben zuwandte, war die Autorin lange Zeit Lehrerin und stellvertretende Schulleitung. Celia Anderson liebt Kuchen, Wein, den Eurostar und Lesen, am liebsten alles zur gleichen Zeit.

www.facebook.com/CeliaJAndersonAuthor

www.instagram.com/cejanderson

Celia Anderson

Die
kleinen
Geheimnisse
des
Herzens

Roman

Übersetzung aus dem Englischen von
Kerstin Ostendorf

Für Ray, den Schöpfer meiner Erinnerungen.

Oh aufregende Süße, welch Wonne, Leben in Freiheit

Und alle Wege führen von der Weißdornzeit

Über singende Wiesen hinein in den Juni.

Siegfried Sassoon, Memory

Das höchste Wonnegefühl gewährt die Überzeugung, dass man geliebt um seiner selbst willen, ja besser gesagt, trotz seines Selbst geliebt wird.

Victor Hugo, Die Elenden

1

May Rosevere sitzt auf ihrer Terrasse in der Sonne und beobachtet, wie die Flut heranschleicht. Dieses Schauspiel sieht sie sich an den meisten Tagen an, sofern sie nichts anderes zu tun hat. Das Problem bei den Gezeiten ist allerdings, dass sie sich ständig verschieben. Wenn es kalt ist, legt sie sich ein uraltes Babytuch um die Schultern, bevor sie sich in ihren Schaukelstuhl setzt. Die Erinnerungen in der Wolle sind bereits verblasst, und das Baby, das es getragen hat, muss inzwischen dreißig Jahre alt sein, aber May fühlt sich trotzdem darin geborgen. Heute braucht sie das Tuch nicht. Sommer liegt in der Luft, und der Garten um ihr Granit-Cottage ist üppig grün.

Ein Mann mit einem gepflegten grauen Bart spaziert über den Strand. Tristram, denkt May und wedelt mit ihrem Taschentuch. Er bemerkt sie nicht – sein Hut ist bis über die Ohren gezogen, und er ist zu sehr damit beschäftigt, einen leuchtend roten Ball ins Meer zu werfen, um zu Mays Cottage heraufzuschauen. Der schwarze Labrador des Mannes blickt verächtlich zu dem Mann hoch und ignoriert den Ball. Tristrams kleinerer, biskuitfarbener Hund zeigt auch nicht mehr Begeisterung, da er konzentriert im Sand buddelt. Tristrams dröhnendes Gelächter wird in der unbewegten Luft bis zu ihr herangetragen. Er stapft auf die steinerne Anlegestelle zu, die die Bucht Pengelly Cove im Westen begrenzt. May nimmt das Tagebuch, das sie bei sich hat, schlägt die Seite für den ersten Juni auf und notiert sich etwas. Dieser Ball wird später wahrscheinlich angeschwemmt. Darin sind bestimmt eine Menge guter Erinnerungen verborgen. Dann holt die Wirklichkeit sie ein. Die Zeiten, in denen sie den Strand absuchen konnte, sind vorbei. Selbst wenn sie zufällig mitbekommen sollte, wie der Ball herantreibt, könnte sie nicht hinuntergehen und ihn holen.

Von Mays hinterer Terrasse bis zur Flutlinie sind es nur ein paar Hundert Meter, aber der Strand könnte genauso gut auf dem Mond sein. Mit einhundertzehn Jahren hat man für gewöhnlich eine eher eingeschränkte Umlaufbahn. Mays Schultern sacken herab. Sie steckt in einer Krise. Seit Wochen verliert sie immer mehr Lebenskraft, und sie weiß auch, warum. Ihr Vorrat an Erinnerungen ist vollkommen aufgebraucht.

May sieht auf den betagten Kater hinab, der zusammengerollt zu ihren Füßen liegt. »Na schön, Fossil, ich muss mir eben einfach was einfallen lassen«, erklärt sie ihm.

Der Kater kneift die gelben Augen zusammen und sagt nichts. May erwartet nicht wirklich eine Antwort. Auch wenn sie über gewisse Fähigkeiten verfügt, das Sprechen mit Tieren zählt nicht dazu.

»Ich brauche eine neue Erinnerungsquelle«, fährt sie fort. Fossil gähnt und streckt dabei die Zungenspitze heraus. »Kein Grund, unhöflich zu werden. Das hier ist ernst. Wenn ich keine Möglichkeit finde, mehr von meinen Schätzen zu … beschaffen, bin ich geliefert, wie Andy sagen würde.«

Andy ist Mays Nachbar. Sein Haus und seine Terrasse grenzen an ihr neues Zuhause. Mays solides einstöckiges Cottage aus Granit in der Memory Lane 59 wurde für die Ewigkeit gebaut. Bis vor einem Jahr war es ein Teeladen, im Lauf der Zeit wurde es ausgebaut, sodass es jetzt über fünf Räume, ein Badezimmer und einen langen Wintergarten mit einer beeindruckenden Aussicht auf die Bucht verfügt. Eigentlich ist es zu groß für May, aber da sie ihre Privatsphäre schätzt, gefällt es ihr hier gut. Es gibt endlos viele Plätze für ein Sonnenbad an Tagen, an denen es warm genug dafür ist, einen Rasen um das Haus herum, auf dem vorher die Holzbänke und -tische standen, und sogar einen kleinen Parkplatz, der bis zur Ufermauer verläuft.

May vermietet die Parkplätze an einige ausgewählte Dorfbewohner. Das Geld braucht sie nicht – durch den Verkauf ihres Hauses oben auf The Level ist sie ganz gut versorgt –, aber sie mag die freundlichen Plaudereien, wenn die Leute ihre Autos am Ende des Tages abstellen. Die Einsamkeit nach dem Umzug hat sie überrascht, da ist das Kommen und Gehen auf dem Parkplatz eine willkommene Ablenkung. Allein zu leben hat seine Vorteile, aber manchmal ist sie es leid, mit dem Kater zu sprechen. Als sie noch im Herzen des Dorfs wohnte, wusste May über alle Geschehnisse Bescheid und hielt sich über die Angelegenheiten ihrer Nachbarn immer auf dem Laufenden, indem sie unter einer Reihe von Vorwänden in ihren Häusern vorbeischaute und sich in der örtlichen Methodistenkirche engagierte. Man muss ja nicht an Gott glauben, um Lachssandwiches zu belegen und dünnen Tee auszuschenken.

Mays neues Zuhause hat dem Wetter gut standgehalten und sieht aus, als wäre es schon immer da gewesen. Die neueren Anbauten fügen sich nahtlos an das alte Gebäude, Efeu und Blauregen bedecken die Verbindungsstellen, und dichte Sträucher schmiegen sich an die Wände. Auf den Dachziegeln wächst Gelbflechte, und die Tür ist in beinahe demselben Gelbton gestrichen. An beiden Seiten der Stufe vor dem Eingang hat May riesige Tontöpfe mit Sukkulenten hingestellt, die nicht viel Pflege brauchen, sowie ein schrulliges blau-gelbes Keramikschild, auf dem in geschwungenen Buchstaben der Name des Cottage geschrieben steht: Shangri-La.

Andy kümmert sich um Mays Garten, wann immer er Zeit dazu findet. Er führt eine Landschaftsgärtnerei und arbeitet nebenbei einige Stunden im Büro eines örtlichen Gartencenters, wenn es sein eigener Betrieb zulässt oder das Wetter schlecht ist. Seine sechsjährige Tochter Tamsin lebt mit ihm nebenan. May regt sich und stöhnt leise, als sie das Stampfen kleiner Füße hört, die sich ihr über den Holzboden der Terrasse nähern.

»Hallo, May«, sagt Tamsin in einem lauten Flüsterton. »Bist du fertig mit deinem Nickerchen?«

»Ich habe nicht geschlafen.« May lässt die Brille auf die Nasenspitze rutschen, damit sie das Mädchen betrachten kann. Ihre dunklen Locken kringeln sich um das runde Gesicht mit den roten Wangen, und dichte Wimpern umrahmen ihre riesigen braunen Augen. Bei diesem Anblick meinen viele, dass sie kein Wässerchen trüben kann, wie Mays Mutter gern gesagt hat. Sie irren sich.

Tamsin steht neben dem Gartenstuhl und schiebt ihre Hand unter Mays Arm hindurch, dabei lässt sie den Kopf auf deren Schulter sinken. »Mir reicht’s, ich hab genug von der Schule«, sagt sie.

»Für heute.« May versucht, streng dreinzuschauen.

»Für immer und ewig. Es ist kacke da.«

»So etwas sollte ein kleines Mädchen aber nicht sagen.«

»Was? Dass Schule kacke ist, meinst du? Summer sagt das immer.«

Sie setzt sich auf die Holzdielen und lehnt sich an Mays Bein. Zuerst ist der Druck tröstlich, aber bald wird er schmerzhaft. May beißt die Zahnprothese zusammen. »Mir scheint, Summer sagt eine Menge Dinge, die du nicht nachplappern solltest. Wie dem auch sei, du kannst nicht einfach aufhören, zur Schule zu gehen, Tam. Du bist doch gerade erst seit einem Jahr dort. Im Normalfall dauert das viel länger.«

»Dad kann mich nicht dazu zwingen.« Das kleine Mädchen schiebt die Unterlippe vor. Tamsins Augen sind sogar noch dunkler als Andys, und auch die wilden Locken hat sie von ihm geerbt. May weiß von dem allmorgendlichen Kampf zwischen den beiden, wenn er ihr einen Pferdeschwanz machen will. Sie hat die Schreie schon oft gehört. Für heute hat Tamsin das Haargummi bereits wieder rausgenommen, und die blaue Strickjacke mit dem Schulwappen ist auch verschwunden, wahrscheinlich liegt sie irgendwo unter einem Busch.

»Warum magst du denn die Schule nicht? Ist heute etwas passiert? Als du gestern gekommen bist, war doch noch alles in Ordnung.« May passt oft auf Tamsin auf, bis Andy von der Arbeit nach Hause kommt, zumindest wenn er es schafft, pünktlich Feierabend zu machen. Sie hatte noch nie viel für Kinder übrig, aber bei diesem Mädchen ist es etwas anderes. Sie hat einen eigenen Kopf.

»Es ist wegen den Jungs«, sagt Tamsin. »Warum muss es überhaupt Jungs geben?«

»Wegen der Jungs, meinst du.« Kein Grund, die Grammatik schleifen zu lassen. »Und, na ja …«

»Sie stinken, und sie drängeln sich vor, wenn wir uns anstellen.«

»Hmm. Aber manche Mädchen drängeln sich auch vor, und aus Jungs werden oft große Männer wie dein Dad und Tristram, weißt du?«

»Kann sein.«

Der Kater steht auf, streckt sich und macht sich auf den Weg zu Tamsin. Sein schwarzes Fell ist leicht staubig, da er die Angewohnheit hat, sich in den Blumenbeeten zusammenzurollen.

Tamsin sieht ihn skeptisch an. »Dad sagt, ich darf Fossil nicht mehr anfassen.«

»Wann hat er das denn gesagt?«

»Gestern. Ich hab immer wieder geniest, und er hat gesagt, entweder hab ich Heuschnupfen oder eine Allergie gegen Katzen. Mama hatte das auch, meinte er. Aber ich liebe Fossil. Er stinkt auch nicht. Nicht so wie Jungs.«

May hat den Eindruck, dass Tamsin gleich anfängt zu weinen. Tränen kann May gar nicht leiden. Ihr kommt eine Idee, als sie plötzlich einen roten Punkt an der Wasserlinie entdeckt. »Kannst du mir einen kleinen Gefallen tun, mein Mäuschen?«, fragt sie in einem, wie sie hofft, einnehmenden Ton.

Tamsin runzelt die Stirn noch stärker. »Was krieg ich dafür?«

»Bitte? Du kriegst gar nichts. Junge Leute sind dazu da, älteren Menschen zu helfen. Bringen sie euch denn in der Schule gar nichts bei?«

Tamsin zuckt mit den Schultern.

»Könntest du eben zum Strand runterlaufen und den Ball da drüben holen?«

»Aber der ist bestimmt ganz nass und schleimig. Was willst du mit einem Ball, May? Du hast keinen Hund, und Fossil spielt nicht mehr mit Spielzeug.«

»Na ja … ich …« May versucht, sich eine plausible Antwort einfallen zu lassen, aber ihr Kopf ist leer. Es gibt keine einfache Erklärung dafür, dass sie es nur deswegen geschafft hat, hundertzehn Jahre alt zu werden, weil sie sich seit Jahren an den Erinnerungen ihrer Nachbarn bedient. Sie hat sich immer selbst eingeredet, es sei nur eine Art, sie auszuleihen, aber das stimmt nicht, denn sie hat nie recht herausgefunden, wie man diese Erinnerungen zurückgeben kann, wenn man sie einmal genommen hat.

Nun, da sie am unteren Ende der Memory Lane wohnt und die Menschen im Dorf nicht mehr besuchen kann, hat May keine Möglichkeit mehr, an deren geschätzte Gegenstände zu kommen, damit sie das tun kann, was sie ihre »Gedankenernte« nennt. Aber sie konnte nicht mehr in dem weitläufigen alten Familienhaus leben, nachdem ihre Beine angefangen haben zu schwächeln. Sie hatte Glück, dass sie überhaupt so lange dort bleiben konnte. Seagulls zu verlassen fiel ihr schwer, aber in diesem Cottage hier lässt es sich viel leichter leben, abgesehen von dem Mangel an neuen Erinnerungsquellen. Die Schwingungen von ihren Sammelmissionen haben sie lange mental ernährt, doch mittlerweile sind sie allesamt aufgebraucht.

Tamsin stupst May sanft an, sie wartet immer noch auf eine Antwort. Auf gewisse Weise hat sie recht. Ein durchweichtes Spielzeug wird nicht viel bringen. Aber wenigstens wird irgendetwas in dem Ball verborgen sein – ein Fetzen Liebe und hündische Wärme. Und May ist verzweifelt.

»Tu’s für mich, ja, Schätzchen?« Sie legt den Kopf schief und gibt sich Mühe, ein Liebe-alte-Frau-Lächeln aufzusetzen.

Tamsin zuckt erneut mit den Schultern und macht sich auf den Weg. Sie schlendert den Pfad entlang, über die letzten Pflastersteine und den Kies am oberen Ende des Strandes. Auf dem Sand schlüpft sie aus den Schuhen und Socken und hüpft auf die aufschäumenden Wellen zu. Ihr kompakter kleiner Körper ist wie verwandelt, wenn sie tanzt, sodass sie fast feenhaft wirkt. May sieht zu. Das Kind kennt sich am Strand gut aus, und sie wird sich ohnehin nicht weit aus Mays Sichtweite entfernen. Es gibt keinen Grund zur Sorge, selbst wenn May jemand wäre, der sich schnell sorgt. Das war sie nie, bis jetzt. Aber wenn sie keinen neuen Erinnerungsvorrat findet, wird sie das fabelhafte Alter von einhundertelf Jahren nicht erleben. Schon seit ihrer Kindheit ist es ihr Traum, diesen Meilenstein zu erreichen. Diese ganzen herrlichen Einsen in einer Reihe, wie eine massive Pforte: 111. Ihr Vater sagte einmal, als er gerade einen besonders schönen Sonnenuntergang über der Bucht betrachtete: »Selbst wenn ich lebe, bis ich hundertelf bin, werde ich niemals wieder etwas so Schönes wie das hier sehen.« Warum diese Zahl?, dachte May, aber die Idee blieb hängen, und es wurde für sie eine Art Glückszahl.

Nach ein paar Minuten kommt Tamsin wieder in den Garten gehüpft und legt den Ball auf Mays Knie.

»Er ist eklig.« Sie verzieht das Gesicht. »Hab ich doch gesagt. Hast du Kuchen da?«

May deutet auf die geöffnete Küchentür, und während Tamsin davontänzelt – läuft dieses Kind eigentlich auch mal ganz normal irgendwohin? –, überwindet sie ihre Abscheu und drückt den Ball gegen ihre Brust. Aber sogar als sie ihn mit beiden Händen festhält und die Augen schließt, wird nicht mehr als ein winziges Vibrieren von Erinnerungen freigesetzt, und das scheinen hauptsächlich die diffusen Gedanken eines Hundes an sein Abendessen zu sein.

Es nützt nichts. Ich bin erledigt, denkt May. Sie wirft den Ball mit so viel Schwung ins Gebüsch, wie sie aufbringen kann.

»May, warum hast du das denn jetzt getan? Ich habe ihn doch extra für dich geholt.« Tamsin kommt mit einem großen Teller zurück, auf dem vier Scheiben Biskuitkuchen und eine Tüte Maltesers liegen.

»Du hattest recht, Liebes. Er war sehr schleimig«, sagt May traurig.

Tamsin sieht auf, als sie das Klicken des Gartentorriegels von nebenan hört. »Dad ist zu Hause«, sagt sie. »Ich hol ihn rüber, damit er uns was Leckeres zu trinken macht, okay?«

Ungefähr fünf Minuten später kommt sie zurück, gefolgt von einem großen, schlanken Mann mit ernstem Gesichtsausdruck. May wünschte, er würde öfter lächeln, aber seit dem Tod seiner Frau hat er wohl tatsächlich viele Gründe, um melancholisch zu sein. Andy arbeitet meist draußen, bei jedem Wetter, er ist ein typischer Cornwall-Mann von Kopf bis Fuß. Seine gebräunte Haut verleiht ihm ein gesundes Aussehen. Er trägt eine verwaschene kurze Jeanshose, schwere Stiefel und ein kariertes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln – seine übliche Gärtneruniform. Und er ist ziemlich schmutzig. Anerkennend betrachtet May seine muskulösen Beine und Arme. Selbst im Alter von einhundertzehn Jahren weiß sie einen Anblick wie diesen noch zu schätzen.

Andy stellt eine Tasse vor May ab und reicht Tamsin ein Glas warmen Johannisbeersaft.

»Oh, dank dir, mein Lieber. Trinkst du denn selbst nichts?«

»Keine Zeit. Tam muss sich für eine Geburtstagsfeier fertig machen. Es geht in einer halben Stunde los, aber sie sieht aus, als müssten wir sie vorher noch gründlich waschen.«

Tamsin stöhnt und schlürft den Saft, dabei verschüttet sie etwas davon auf ihren Schoß. Dann legt sie sich wieder neben May auf den Boden, und zusätzlich zu den Flecken hat sie nun auch Erde auf dem Schulrock.

»Wo warst du heute?«, fragt May. »Du siehst aus, als hättest du schwer geschuftet.«

»Direkt gegenüber bei Nummer sechzig. Ich habe versucht, etwas Ordnung in Julias Garten zu bringen. Er ist völlig verwildert, seit Don gestorben ist.«

»Das musste ja so kommen. Julia arbeitet nicht gern im Garten, oder? Wahrscheinlich hat sie nicht die richtige Kleidung dafür.« May schnaubt. Sie hat nichts für Julia Lovell übrig, obwohl sie sich schon seit vielen Jahren kennen und oft zusammen in der Kirchenküche gearbeitet haben, wenn sie dazu eingeteilt wurden, das Essen für Dorffeste zuzubereiten. Ist gern für sich, die gute Julia, denkt May. Fast jeder weiß, wie es ist, jemanden zu verlieren, aber wir werden deswegen nicht alle gleich zu Einsiedlern, oder? Sie macht so ein Drama daraus. Und warum muss sie sich immer so herausputzen? Ihre Haarfarbe ist bestimmt nicht echt. Zwischen all dem Schwarz ist nicht ein einziges graues Haar zu sehen. Hält Lockenwickler offensichtlich nicht für nötig, da ihre Haare so glatt wie Schnittlauch sind. Na ja, wahrscheinlich hat sie nicht genug Haare, um sie zu locken.

»Kann sein. Ich habe sonst alle paar Wochen mal vorbeigeschaut und Don geholfen, wenn er mit der gröbsten Arbeit fertig war«, sagt Andy. »Aber ihr war in der letzten Zeit nicht danach, sich damit zu befassen.«

»Nein, natürlich befasst sie sich nicht damit.«

»Was hast du nur gegen die arme Frau? Sie erkundigt sich immer nach dir.«

»Ach, du willst doch bestimmt nicht hören, wie ich schon wieder dieselbe Leier über einen alten Groll abspule. Das ist alles Schnee von gestern. Ich wünschte nur, sie würde nicht immer so tun, als ob sie mich mag, das ist alles.«

»Ich glaube nicht, dass Julia etwas gegen dich hat, May.«

»Ha! Was haben dann diese eisigen Blicke von ihr zu bedeuten?«

»Das bildest du dir ein.«

»Ist ja auch pupsegal.« Das Wort hat sie von Tamsin, und es hat sich schon öfter als nützlich erwiesen.

Andy lacht. »Wie auch immer, du errätst nie, was Julia heute entdeckt hat.«

May sieht ihren Nachbarn ohne großes Interesse an und hebt die Augenbrauen. Er fährt fort: »Als sie Dons Gartenhäuschen aufgeräumt hat …«

»Seine alte Rumpelkammer, meinst du?«

»Na gut, okay, seine Rumpelkammer … da hat sie einen riesigen Sack voll alter Schreiben gefunden.«

Tamsin dreht sich auf den Rücken und starrt ihren Dad an. »Scheiben von was?«, murmelt sie kauend und wirft einen Blick auf den letzten Rest Kuchen.

»Sprich nicht mit vollem Mund«, sagt Andy. »Und ich habe Schreiben gesagt. Briefe.«

»Ach so.« Tamsin interessiert sich nicht sonderlich für Dinge, die man lesen muss, also krabbelt sie unter einen Busch in der Nähe, um eine Höhle zu bauen. May jedoch ist ganz Ohr.

»Briefe an wen?«

»Nicht an wen, eher von wem. Er hat jeden einzelnen Brief aufbewahrt, den seine Familienmitglieder aus den Midlands den beiden geschickt haben. Sie sind unglaublich, Julia hat mir ein paar gezeigt.«

May verarbeitet diese Information schweigend. Ihr Herz flattert. Sie hofft, dass sie keinen Anfall bekommt und den Löffel abgibt, jetzt, wo endlich Hoffnung in ihr aufkeimt.

»May? Was ist los? Du wirkst heute ein bisschen neben der Spur«, sagt Andy.

May starrt aufs Meer, wo die Strömung kentert und die Möwen kreischend ihre Kreise ziehen. Ein Sack voller Erinnerungen, der sozusagen nur auf sie wartet. Aber wie soll sie ihn bloß in die Finger bekommen?

2

… der Opalring ist also tatsächlich verschwunden. Ich weiß nicht, was ich tun soll, Don. Mutter beschuldigt reihum jeden von uns, und wir haben auf der Suche danach das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Nichts.

Julia legt den Brief, den sie in der Hand hält, einen Moment lang vor sich ab und starrt aus dem Fenster, vorbei an der Waldrebe, die über die Reste einer Eiche klettert, und dem Blauregen, der über das Dach des Gartenhäuschens wuchert und dessen fedrige, fliederfarbene Wedel jeden Sommer so tief reichen, dass Don sich immer darunter hindurchducken musste, wenn er sich in das Gartenhäuschen zurückziehen wollte.

Was hat Don nur geritten, dass er die vielen Briefe behalten hat, und was, in aller Welt, soll sie mit ihnen tun, nun, da er fort ist? Wenn sie sich nicht dazu gezwungen hätte, endlich mal in die Hütte zu gehen, wäre sie jetzt noch in einem Zustand seliger Unwissenheit, was den Inhalt der Holztruhe angeht.

Sie erinnert sich an den Tag, an dem er die abscheuliche Truhe entdeckte. Es war ihr ein Rätsel, warum irgendjemand so ein Ding behalten wollte.

»Du weißt aber, dass es in diesem Stück Ramsch von Holzwürmern nur so wimmelt?«, fragte sie, als er die Truhe aus der Garage und durch den Garten zog. »Ich wollte sie eigentlich für Andy rausstellen, damit er sie mit zur Müllhalde nimmt oder sie auf sein nächstes Lagerfeuer wirft.«

»Sie ist nicht mehr befallen, Liebling.« Don richtete sich auf und rieb sich den Rücken. »Hast du mich gestern nicht mit dem Zeug hier draußen gesehen, das ich im Schrank unter der Treppe gefunden habe? Ich habe die kleinen Teufelchen erledigt. Diese Würmer sind Geschichte!« Er lachte freudig und tätschelte die Truhe, als wäre sie ein treuer Hund.

»Aber was hast du damit vor?«, fragte Julia. »Sie stinkt fürchterlich.« Sie rümpfte die Nase über die chemischen Dämpfe, die immer noch aus dem Holz austraten und ihr Tränen in die Augen trieben.

»Das gleicht dann den Gestank meines Pfeifentabaks aus. Ich räume das Gartenhaus gerade auf. Die Schubladen in meinem Schreibtisch sind so vollgestopft, dass ich sie nicht mal mehr vernünftig aufziehen kann. In dieser Truhe kann ich das alles wunderbar unterbringen.«

»Wäre es nicht besser, ein bisschen davon wegzuwerfen?« Schon während sie es sagte, wusste Julia, dass sie gegen eine Wand redete. Don hielt nichts davon, irgendetwas wegzuwerfen, es sei denn, er hatte wirklich überhaupt keine Wahl.

Julias Augen kribbeln, als sie sich das Lächeln ins Gedächtnis ruft, das er ihr schenkte, und dann das Ding weiter in Richtung Hütte schleppte. Die Eichentruhe hinterließ tiefe Spuren auf dem Weg. Wenn Julia genau hinsieht, kann sie sie immer noch erkennen. Als er die Truhe durch die Tür gewuchtet hatte, jubelte er und winkte ihr triumphierend zu.

Hätte sie doch nur ein Foto von diesem Moment gemacht. Dieser Mann war solch ein Charmeur und doch so unschuldig. Ihre Enkelin Emily hat die gleichen großen blauen Augen und das gleiche schelmische Lächeln.

Mit einem plötzlichen schmerzhaften Stich wünscht sich Julia, dass Emily hier wäre und nicht im Ausland arbeiten würde. New York ist viel zu weit weg. Die Erinnerungen an Don sind unerträglich traurig, wenn sie allein damit fertig werden muss. Wie soll sie den Rest ihres Lebens ohne ihn verbringen?

Seufzend zwingt sich Julia, den Brief wieder in die Hand zu nehmen. Wie es scheint, hat Don jedes einzelne Schreiben aufbewahrt, das sie je erhalten haben, sich jedoch nie die Mühe gemacht, die Briefe in irgendeine Reihenfolge zu bringen. Dieser hier ist von der jüngeren seiner zwei Schwestern, Elsie. Wie die meisten Familienmitglieder war Elsie ganz vernarrt in dieses Dorf hier in Cornwall, in dem Don und Julia sich ein Zuhause schufen, und hat sie regelmäßig besucht. Nachdem Julia Don im Frühjahr 1959 geheiratet hatte, als er gerade frisch von der Air Force kam und so gut aussah, dass er jedes Mädchen hätte haben können, waren ihre Sommer gänzlich verplant. Sie verbrachte sie damit, Bettwäsche zu wechseln, Laken zu waschen, Menüs zusammenzustellen und sich Vorschläge für Ausflüge zu überlegen, damit die Gäste loszogen und sie ein paar Stunden lang die Einsamkeit genießen konnte, nach der sie sich so sehnte.

Es störte sie nicht, dass die Besucher kamen. Na ja, zumindest nicht sehr. Don war so gastfreundlich, dass es ihr gemein vorgekommen wäre, zu sagen, dass sie eine Pause brauchte. Aber dafür hatten sie zu der Zeit ihren alten Wohnwagen unten an der Küste stehen, sodass sie sich davonmachen konnten, wenn die Saison vorbei war. Und, du lieber Himmel, sie hatten wirklich viel Vergnügen daran, wieder allein zu sein. Julia errötet bei der Erinnerung. Sie liest weiter und reibt sich die müden Augen, als Elsies Stimme über die Jahre hinweg zu ihr spricht.

Wie dem auch sei, abgesehen von der Ringkrise ist die wichtigste Neuigkeit, dass ich es geschafft habe, meine Urlaubswoche zu verlegen, genau wie Kathryn. Will kann dieses Mal nicht mitkommen, aber er lässt euch lieb grüßen. In letzter Zeit ist er etwas kränklich, er bläst Trübsal wie ein Hund, der seinen Knochen verloren hat. Ich wünschte, er würde sich ein Mädchen anlachen. Mutter glaubt, dass er nur darauf wartet, die Richtige zu treffen.

Träumt weiter, denkt Julia. Dons jüngerer Bruder Will war nicht im Entferntesten daran interessiert, ein Mädchen zu finden, und jetzt ist er ein emeritierter Priester in einem abgelegenen Ort in der irischen Grafschaft County Kerry. Als Nesthäkchen der Familie ist Will außergewöhnlich charmant, aber ein Großteil seiner Ausstrahlung hängt mit seiner Lebensfreude und Impulsivität zusammen. Trübsal blasen klingt gar nicht nach ihm, obwohl er manchmal irritierend launisch war. Julia denkt an früher zurück. Die alte Tinte, die an manchen Stellen kaum noch erkennbar ist, ruft ihr den Sommer lebhaft in Erinnerung.

Elsie und Kathryn wankten bei Tagesanbruch aus dem Zug, zerknittert und klebrig, aber unglaublich aufgeregt wegen ihrer bevorstehenden Woche in Cornwall. Julia, die hochschwanger mit Felix war, setzte ihr bestes Willkommenslächeln auf. O Gott, da geht es wieder los, dachte sie. Manchmal fühlte sie sich, als wäre sie die Besitzerin eines eher beengten Bed & Breakfast statt eine Frau mit einer neuen und sehr großen Familie, die alle das Meer liebten. Das Doppelbett hatte sie gerade erst frisch bezogen nach dem Besuch ihrer Schwiegereltern. Zum Glück machte es Dons Schwestern nie etwas aus, im gleichen Bett zu schlafen – das bedeutete weniger Wäsche für Julia. Außerdem hätten sie sich andernfalls sowieso nur die halbe Nacht gegenseitig in ihren Zimmern besucht. Sie schienen nie mit dem Reden aufzuhören, diese beiden. Die gesamte Familie war so. Woher haben sie die vielen Gesprächsthemen genommen?, fragt sich Julia. Sind ihnen denn nie einfach mal die Worte ausgegangen?

Sie liest die letzte Zeile erneut. Was beschäftigte Will zu der Zeit? Julia erinnert sich noch vage daran, dass das jüngste Familienmitglied bei seinem nächsten Besuch blasser war als sonst, doch es wurde nie etwas erklärt. Zugegebenermaßen war Julia damals aber auch viel mehr mit ihrer eigenen Erschöpfung beschäftigt und damit, wie sie mit einem Neugeborenen zurechtkommen sollte. Will wirkte fast zerbrechlich – ein hübscher blonder Junge mit hohen Wangenknochen und so schmalen Hüften, dass er immer Hosenträger trug, damit seine Hose nicht bis zu den Knöcheln rutschte. Kathryn und Elsie waren viel zäher.

Julia legt den Brief weg und nimmt einen anderen in die Hand. Wieder Elsie, früher in demselben Jahr, im Januar vor so langer Zeit. Julia beschlich zu dem Zeitpunkt gerade erst die Ahnung, dass sie schwanger war. Sie war damals sechsundzwanzig Jahre alt gewesen, aber so unglaublich naiv, dass ihre Nachbarin ihr versichern musste, dass die Anzeichen, die sie bemerkt hatte, nicht der Beginn irgendeiner schrecklichen Krankheit waren. Sie sehnte sich nach ihrer Mutter oder sonst einer vertrauten Person, an die sie sich wenden konnte, aber nachdem ihr Vater aus dem Armeedienst ausgeschieden war, hatten sich ihre Eltern entschlossen, in Indien zu bleiben. Don hatte gerade bei seiner neuen Stelle angefangen, und sie brachten nur mit Mühe das Geld für die Anzahlung auf das Haus in der Memory Lane 60 zusammen. Es war ein schäbiges Haus – fast schon baufällig –, aber sie liebten es. Die Schwangerschaft kam unerwartet. Keiner von ihnen hatte sich Gedanken über Familienplanung gemacht.

Durch Elsies Brief setzt sich langsam ein Bild in Julias Kopf zusammen. Sie liest weiter.

Nun, es wird dich bestimmt freuen, dass Mutter sich schließlich deiner Denkweise angeschlossen hat und ihr wertvoller Opal-Verlobungsring an Julia gehen soll. Wahrscheinlich hast du auch recht damit, und ich hoffe, er bringt ihr Glück, so wie er Mutter und Großmutter Glück gebracht hat. Zumindest behaupten sie das. Ich hätte ihn liebend gern bekommen, natürlich, genau wie Kathryn, aber bei zwei Schwestern musste man wohl einen gerechten Weg finden. Sogar Will hat ein Auge darauf geworfen, aber ich weiß nicht, wem er den Ring geben will. Immer noch kein Mädchen in Sicht.

Über den Ring zu lesen wirbelt Gefühle in Julia auf, die sie lieber tief vergraben gelassen hätte. Don, normalerweise alles andere als zynisch, wurde sehr argwöhnisch, nachdem der Ring genau dann nicht mehr zu finden war, als er ihm für seine neue Frau übergeben werden sollte.

Aufgewühlt schüttelt Julia sich und dehnt den steifen Rücken. Sie hat zu lange gesessen. Zeit für eine Tasse Tee und vielleicht für eine Scheibe dieses Früchtekuchens, den sie nach dem Lieblingsrezept ihrer Mutter gebacken hat. Sie backt heutzutage nicht mehr viel, weil sie nach Gefühl vorgehen muss, seitdem das alte Kochbuch, vollgeschrieben mit dieser ordentlichen, schrägen Handschrift, die Julia so geliebt hat, vor einigen Jahren verschwunden ist. Sie hat überall danach gesucht, aber es ist nie wieder aufgetaucht. Zum Glück ist sie auch mit ihren fünfundachtzig Jahren geistig noch auf der Höhe und kann sich an ein paar der besten Rezepte erinnern, auch wenn der klebrige Zitronenkuchen ohne die Anweisungen in dem Buch nie ganz genauso geworden ist wie früher.

Der Türklopfer klappert, und sofort danach klingelt es. Julia murmelt vor sich hin, Worte, die ihre Mutter mit Sicherheit nicht gutgeheißen hätte. Sie steht auf und macht sich auf den Weg zur Haustür, immer noch murrend. Es hat keinen Zweck, so zu tun, als wäre sie nicht zu Hause. Das vertraute Klopfen und kurz danach das Klingeln verrät ihr, dass die Frau an der Tür nicht so schnell aufgeben wird.

»Hallo, Julia«, sagt Ida, als Julia öffnet. »Ich hoffe, ich störe dich nicht beim Tee?«

Julia zwingt ihre Lippen in eine Position, die einem Lächeln ähnelt. Ida Carnell, die entschlossen vor ihr auf der Stufe steht, hat einen inneren Radar für den Zeitpunkt, kurz bevor der Teekessel aufgesetzt und der Kuchen hervorgeholt wird.

»Nein, natürlich nicht«, sagt Julia. »Komm rein und trink ein Tässchen mit mir.«

»Oh, na gut, solange ich dir keine Umstände bereite.«

Ida folgt Julia in die Küche und redet dabei ohne Unterlass. Wirklich, denkt Julia erschöpft, diese Frau ist fast so schlimm wie Elsie und Kathryn in Hochform. Es stimmt schon, dass Ida ein Pfeiler der örtlichen Methodistenkirche ist, und sie hat ein Herz aus … na ja, vielleicht nicht reinem Gold, aber fast, nur – hält sie jemals den Mund?

»… deswegen dachte ich, es macht dir bestimmt nichts aus, wenn ich vorbeikomme. Es ist sehr wichtig. Ich muss dich um einen Gefallen bitten. Es hat mit meinem neuen Plan zu tun.«

Oh nein. Das letzte Mal, als Ida einen Plan hatte, wurde Julia dazu genötigt, Scones für einhundertfünfzig Leute zu backen. Nicht noch ein Wohltätigkeits-Tee … oh, bitte nicht! Aber Ida redet immer noch.

»Hast du schon von dem Leihoma-Projekt gehört? Einige der örtlichen Kirchen testen es gerade, nachdem wir von der Organisation Age UK daran erinnert wurden, wie viele alte Menschen einsam und ans Haus gefesselt sind.«

Julia läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Sie hat eine Ahnung, dass ihr nicht gefallen wird, was auch immer als Nächstes kommt.

»Nicht? Ich dachte, du hättest vielleicht meinen Artikel im Kirchenblatt gelesen. Na gut, ich habe eine Liste erstellt.« Ida holt einen großen Ringbuchblock und einen Kuli hervor. »Kann ich dich für Mai eintragen?«

»Warum? Was war denn im Mai? Es ist schon Juni, ich habe letzten Monat gar nichts mitbekommen.«

»Nein, das meinte ich nicht. Deine Nachbarin, May. Nummer neunundfünfzig? Shangri-La? Ich mache mir wirklich Sorgen um sie.«

»Du möchtest, dass ich mir May leihe? Als meine Oma?«

Ida lacht. »Nicht direkt. Sie ist doch nur etwa zwanzig Jahre älter als du, oder?«

»Fünfundzwanzig, um genau zu sein«, blafft Julia. Das ist doch lächerlich. Hat diese Frau den Verstand verloren? Warum sollte Julia eine Oma brauchen? Und selbst wenn, wie könnte ausgerechnet May eine geeignete Kandidatin für den Job sein?

»Nun, wie sagt man so schön? Das Alter ist bloß eine Zahl, und ich weiß, dass Andy sich Sorgen macht, weil May nicht aus dem Haus kommt. Julia, gestern habe ich mich wirklich erschreckt, weil – na ja, es klingt nicht so schlimm, wenn man es ausspricht, nehme ich an – sie die ganze Zeit aufs Meer gestarrt hat, als ich mein Auto abgeholt habe.«

»Ida, viele Menschen schauen gern aufs Meer. Ich zum Beispiel. Es ist sehr entspannend, den Wellen zuzusehen. Das heißt nicht, dass May zur Leihoma werden muss.«

Ida runzelt die Stirn. »Mir ist schon klar, dass es albern klingt. Ich benutze mein Auto nicht so oft, aber die letzten Tage, als ich es geholt habe, um nach Truro zu fahren, hat sie genau dasselbe gemacht. Auf der Terrasse gesessen und einfach nur … gestarrt … mit so einem traurigen Gesichtsausdruck.«

»Ich denke trotzdem nicht …«

»Und dann, beide Male, als sie mich gesehen hat, fing sie eine Unterhaltung über das Wetter an, so als ob sie nur darauf gewartet hat, mit jemandem sprechen zu können. May war noch nie für Small Talk zu begeistern. Das weißt du genauso gut wie ich.«

»Aber …«

Ida hebt eine Hand. »Ja, ja, ich weiß, dass ihr beiden eine Vorgeschichte habt, wie man so schön sagt. Noch ein Grund mehr, euch mit einer schönen Tasse Tee zusammenzusetzen und die Vergangenheit ruhen zu lassen.«

»Glaubst du, ja?«

»Ich wünschte, du würdest die Lippen nicht so schürzen, Julia. So erinnerst du mich an meine Mutter, und die konnte manchmal ganz schön Furcht einflößend sein. Es ist für einen guten Zweck. Das Projekt läuft bislang sehr zufriedenstellend.«

»Tatsächlich?«

»Oh ja. Du wärst überrascht, wie viele Leute im Dorf ein bisschen Gesellschaft brauchen, aber meinst du, sie bitten darum? Nein, natürlich nicht, dafür sind sie zu stolz, oder was weiß ich … Also, bisher ist es so, dass Vera aus dem Laden diese nette alte Dame von der Tamerisk Avenue als Leihoma adoptiert hat. Du weißt schon, Marigold, die mit dem Elektromobil und dem stinkenden Pekinesen, der im Korb mitfährt?«

»Aber Marigold hat sechs Kinder und jede Menge Enkel.«

»Und wann hast du irgendeinen von ihnen das letzte Mal im Dorf gesehen? Die lassen sich nur dann blicken, wenn sie Geld von ihr wollen. Sie bekommt oft eine ganze Woche lang keine Menschenseele zu Gesicht.«

»Ich glaube nicht …«

»Und George und Cliff waren wirklich sehr hilfsbereit. Sie haben gleich zwei für mich aufgenommen. Joyce Chippendale, die pensionierte Lehrerin, die als blind gemeldet ist, und den alten Jungen von der letzten Fischerhütte am Hafen.«

»Alten Jungen? Du meinst doch sicher nicht Tom King? Der ist jünger als ich. Er muss gerade mal Ende siebzig sein.«

»Nun, ja, aber er kommt nicht mehr viel raus, seit er im Ruhestand ist. Seine Arbeit als Psychiater hat in all den Jahren seine ganze Zeit beansprucht, deswegen hat er keine Hobbys, und er sieht aus, als würde ihm eine zusätzliche Mahlzeit ganz guttun. George hat vor, sie beide ein paarmal pro Woche zum Mittag- oder Abendessen in ihr Restaurant einzuladen.«

»Wie nett.« Julia erschaudert. Das kann nicht gut für sie enden.

»Ich möchte die anderen Dorfbewohner mit ins Boot holen, wenn wir Erfolg haben. Es ist ein großes Problem, Julia.«

»Was genau?«

»Einsamkeit, Liebes. Aber wie taktlos von mir – das brauche ich dir ja nicht zu sagen, oder?«

Julia bedenkt Ida mit einem ihrer besonderen Blicke, die sie vor vielen Jahren oft eingesetzt hat, um ungezogene Kinder in der Sonntagsschule zurechtzuweisen. »Was soll das heißen?«

»Na ja, nachdem du Don verloren hast und alles. Du bist zurzeit bestimmt einsam … wo deine Familie doch so weit weg ist …« Ida verstummt, als sie endlich Julias eisige Missbilligung wahrnimmt.

»Jemanden zu vermissen ist nicht dasselbe wie einsam zu sein, Ida.« Julia bemüht sich tapfer, diese alte Wichtigtuerin, die meint, sich überall einmischen zu müssen, nicht zu ohrfeigen. Gewalt ist eigentlich nicht ihr Mittel der Wahl, aber ihr war noch nie so sehr danach wie jetzt, jemandem wehzutun. Was für eine Frechheit! Ida ist erst etwa sechzig Jahre alt, und sie hat immer noch einen völlig gesunden Ehemann, auch wenn er ein wenig geistlos ist. Was bildet sie sich ein, über Julias Bedürfnisse zu urteilen?

Ida verfällt kurz in Schweigen. »Ja, wahrscheinlich hast du recht. Ich hab’s nicht böse gemeint, ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel?«

»Ist schon vergessen.«

»Oh, gut. Als Nächstes bitte ich Tristram, bei dem Projekt mitzumachen. Wenn George und Cliff dabei sind, wird er nicht widerstehen können. Die zwei besten Fischrestaurants der Gegend – Cockleshell Bay und Tris’ Shellfish Shack – geben beide Mahlzeiten für den guten Zweck aus. Das ist eine großartige Geschichte. Ich setz unsere Zeitung darauf an, sobald das Projekt richtig läuft. Aber erst mal werde ich eine Versammlung für uns alle einberufen.«

Julia wartet mit angehaltenem Atem. Und dann kommt der erwartete Schlag auch schon.

»Jedenfalls dachte ich, Andy könnte May morgen vorbeibringen. Zur Teezeit?«

Widerstand zwecklos, kommt Julia in den Sinn. Egal, was sie sagt, Ida wird sie einfach niederwalzen. Sie strafft die Schultern. Nein, sie darf sich nicht einschüchtern lassen. Ida kann sie nicht zwingen, May zu sich einzuladen, nicht wahr? Es ist Julias Haus, und sie wird es einfach nicht erlauben.

»Ich kann im Moment keine Besucher empfangen«, sagt sie. »Das ist vollkommen ausgeschlossen. Tut mir leid, aber du musst jemand anderen finden.«

Ida beugt sich vor und sieht Julia ernst in die Augen. Sie legt viel Emotion in ihr bebendes Doppelkinn. »Aber Julia, meinst du nicht, es ist unsere Pflicht, füreinander zu tun, was wir tun können?«

»Na ja, schon, aber …«

»Dann ist das ja geklärt. Ich schaue bei May vorbei und sage ihr Bescheid, sobald ich hier rausgehe. Sie wird sich riesig freuen, da bin ich sicher. Morgen also.«

Julia öffnet den Mund, um erneut zu widersprechen, entscheidet dann jedoch, dass es sinnlos wäre.

»Gehst du dann jetzt direkt zu May?«, fragt sie.

»Doch nicht, wenn du dir die Mühe gemacht hast, den Teekessel für mich aufzusetzen. Und ist das nicht dein berüchtigter Früchtekuchen, den ich da sehe? May wird sich morgen auch über ein Stück davon freuen.«

»Wenn sie kommt.«

»Warum denn nicht? Ich bin mir sicher, May wird heilfroh sein, mal rauszukommen und nett mit dir zu plaudern.«

Julia sagt nichts. Es gibt da ein oder zwei triftige Gründe, warum May es vielleicht vermeiden will, die Memory Lane 60 zu besuchen, aber sie hat nicht vor, Ida davon zu erzählen.

3

Auf der anderen Straßenseite starrt May Ida eine halbe Stunde später finster an, als diese das letzte Schokoladenplätzchen von dem Teller nimmt, den Tamsin aus der Speisekammer geholt hat. Andy hat seine Tochter inzwischen mit nach Hause genommen – er ist geflüchtet, sobald er ihnen eine frische Kanne Tee gekocht hatte.

»Eigentlich sollte ich das nicht essen«, sagt Ida, während sie fröhlich ihr Plätzchen mampft, »denn ich gehe seit Kurzem zu dieser Diätgruppe im Gemeindezentrum, und es ist auch wirklich gut gelaufen, bis ich ein Stück Früchtekuchen von deiner reizenden Nachbarin essen musste.«

»Reizende Nachbarin? Wer kann das sein?«

»Na, na. Du weißt ganz genau, wen ich meine. Ich soll dich von Julia grüßen.«

»Wirklich?« May runzelt die Stirn. Klingt unwahrscheinlich. May grüßen zu lassen steht sicher nicht weit oben auf der Prioritätenliste dieser Frau. Seit dem Vorfall mit den verschwundenen Suppenlöffeln sind sie nie mehr als höflich zueinander gewesen. Es war aber auch eine Frechheit von ihr, May zu unterstellen, dass sie einen ganzen Haufen schäbiges Besteck gestohlen hätte. Schließlich war es schon schwierig genug, die Zuckerzangen mitgehen zu lassen. Aber natürlich wurde der eigentliche Schaden angerichtet, als Charles noch am Leben war. Julia konnte Mays Ehemann nie leiden. Wenn sie es recht bedenkt, ging das den meisten Leuten so.

In Idas Augen leuchtet das Wohlwollen. Sie hatte schon immer diesen nervigen Tick, anzunehmen, dass wir uns alle gegenseitig mögen müssen, nur weil wir im selben Dorf wohnen, denkt May. Die meisten verstehen sich ja auch gut, aber May sucht sich ihre Freunde lieber selbst aus.

»Ja, natürlich lässt sie dich grüßen – warum auch nicht? Julia spricht nur in den höchsten Tönen von dir.«

»Ach, wirklich?«

»Nicht nur das. Sie lässt mich auch fragen, ob du morgen zu einem Besuch bei ihr vorbeikommen möchtest.«

»Willst du mich auf den Arm nehmen, Ida? Warum sollte Julia plötzlich wollen, dass ich bei ihr vorbeikomme? Wir haben seit Dons Beerdigung kein einziges Wort miteinander gewechselt, und selbst da nur im Vorbeigehen. Wie dem auch sei, ich gehe in letzter Zeit nicht mehr allein raus. Ich würde nur mit dem Gesicht nach unten auf den Pflastersteinen landen.«

Ida lächelt. Sie erinnert irgendwie an einen Hai, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. »Das ist kein Problem. Andy bringt dich nach der Arbeit bestimmt eben rüber.«

»Aber …«

»Na, na, kein Grund zur Sorge. Wie der Zufall es so will, arbeitet er morgen ausgerechnet in meinem Garten, dann kann ich also dafür sorgen, dass er pünktlich nach Hause kommt. Julia erwartet dich um halb sechs. Und wenn du Glück hast, zeigt sie dir ja vielleicht etwas aus ihrer Schatzkiste. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Briefe gesehen.«

May wird still. Natürlich! Warum ist sie nicht selbst auf die Idee gekommen? Sie hätte Idas Vorschlag sofort annehmen sollen. Diese Briefe. All die Erinnerungen, die nur auf sie warten. Ist es möglich, dass ihre Gebete erhört worden sind? Sie hatte schon immer gezweifelt, was den lieben Gott anbelangt, aber es schadet ja nicht, auf Nummer sicher zu gehen, daher schickt sie ab und zu gern ein paar Anliegen hinauf, während sie sonntagmorgens den Kirchenliedern im Radio lauscht.

Einige der Liedtexte sind sogar recht poetisch, und sie singt lauthals mit. Ihr Lieblingslied ist das über die Ehe. Ihr gefallen die Zeilen:

Schenk ihnen das Glück, das Leid auf Erden lindert,

Schenk ihnen den Frieden, der Streit auf Erden mindert.

Sie malen ein schönes Bild von der Ehe. Ihre eigene war überhaupt nicht so, vor allem nicht, nachdem May ihren Mann eines Morgens mit dem Lieferjungen des Bäckers im Bett erwischt hat, wenn man denn einen strammen Neunzehnjährigen einen Jungen nennen kann. Aber deswegen muss sie ja nicht gleich zynisch werden, was die Institution im Allgemeinen angeht.

Sie setzt ein breites Lächeln auf. »Na schön, das klingt ja, als hättest du schon alles unter Dach und Fach gebracht. Aber ich verstehe immer noch nicht, warum Julia gerade mich für einen Besuch auswählt? Um ehrlich zu sein hat Andy mir erzählt, dass er sich Sorgen macht, weil sie sich zurzeit mit niemandem trifft. Sie ist ja quasi zu einer Einsiedlerin geworden.«

»Ich weiß, und wir machen uns alle Sorgen deswegen. Sie war schon seit Monaten nicht im Frühgottesdienst. Dons Tod hat sie sehr schwer getroffen. Sie waren echte Seelenverwandte, nicht wahr?«

May presst die Lippen aufeinander. Sie hat diesen Ausdruck schon immer gehasst. Als ob Seelen miteinander sprechen könnten. Wenn das der Fall wäre, gäbe es viel weniger Auseinandersetzungen und Missverständnisse auf der Welt. Ihr eigener Mann war viel eher eine Nervensäge als ein Seelenverwandter, vor allem zuletzt, als ihn dunkle Ahnungen bezüglich seiner Gesundheit beschlichen. Wäre er doch nur vernünftig genug gewesen, zum Arzt zu gehen. Nach Charles’ Tod wusste sie irgendwann auch seine guten Seiten wieder zu schätzen, aber während er noch bei ihr war, konnte sie manchmal der Versuchung kaum widerstehen, ihn zu erwürgen, dieses Scheusal. Pedantisch, gehässig und viel zu begeistert davon, Blumengestecke zu arrangieren.

Ida sieht sich im Raum um. Neugierige alte Schachtel. »Du hast ein paar entzückende Dekostücke und Bilder«, bemerkt sie. »Kaum zu glauben, dass etwas so lange bestehen und trotzdem immer noch so perfekt sein kann.«

»So wie ich«, sagt May und lacht gackernd.

Ida lächelt. »Da hast du vollkommen recht. Alle sagen, wie jung du aussiehst, May. Wie machst du das nur? Was ist dein Geheimnis? Benutzt du irgendeine spezielle Gesichtscreme?«

»Du machst wohl Witze. Ich würde doch kein gutes Geld für so einen Mist ausgeben. Nein, mein Aussehen habe ich einer täglichen kleinen Dosis Portwein und Brandy, jeder Menge gesundem Essen und einem geordneten Leben zu verdanken, das ist alles.«

May hat dieses Mantra schon so oft wiederholt, dass sie es fast selbst glauben könnte, wenn sie nicht die Wahrheit kennen würde. Als sie zum ersten Mal feststellte, dass sie Schwingungen von bestimmten Objekten aufnahm – oder wie auch immer sie den Effekt nennen will, der sich einstellt –, war May noch jung genug, um zu glauben, dass alle Kinder ein prickelndes Wohlgefühl empfanden, wenn sie Gegenstände mit einer interessanten Vergangenheit berührten. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihre magischen Momente mit den Schätzen in Verbindung brachte, die sie manchmal ergatterte, wenn sie mit ihrer Mutter die örtlichen Flohmärkte und Trödelläden durchkämmte.

Als passionierte Sammlerin kam sie mit dem Taschengeld nicht weit, aber ihr Vater schien mehr Verständnis für ihre Bedürfnisse zu haben als ihre Mutter, und wenn er mit ihr einkaufen ging, verwöhnte er sie oft, indem er ihr in entscheidenden Momenten zusätzliches Geld zusteckte. Und als May erkannte, wie viele der Dörfler Besitztümer voller verborgener Erinnerungen hatten, wurde ihre Begeisterung nur noch größer. Es handelt sich um eine ganz besondere, geheime Art von Magie, und so muss es auch bleiben.

Sie erinnert sich noch an das erste Mal, als sie von dem Verlangen überwältigt wurde, etwas Wertvolles zu haben, das nicht ihr gehörte, auch wenn sie mit ihren zehn Jahren sehr wohl wusste, dass es unrecht war. Mays Mutter nahm sie mit zum Tee bei ihrer Nachbarin, und während die beiden Damen in der Küche beschäftigt waren, erspähte May eine winzige Emaille-Dose mit einem eng aufliegenden Deckel. Sie hob sie hoch und wog sie vorsichtig in der Handfläche. Die Dose war mit lila Veilchen verziert und schien vor sich hin zu summen, als hätte sie Geheimnisse, die nur May hören konnte.

May löste den Deckel mit dem Fingernagel ab, während sie die ganze Zeit horchte, ob die Erwachsenen wiederkamen. In der Dose war eine Haarlocke, weich und blond. May hielt den Atem an und legte den Finger in die Mitte der Locke. Es ging eine so dramatische Wärme und Energie davon aus, dass sie keuchend den Finger zurückzog. Kurz darauf probierte sie es erneut, diesmal bereitete sie sich darauf vor. Pure Wonne. Nach einem Blick über die Schulter ließ May die Locke in ihrer Tasche verschwinden, schloss die Dose und stellte sie in dem Moment zurück, als ihre Mutter mit einem Teller voll Törtchen wiederkam.

Seit diesem Tag haben sich für sie viele weitere Gelegenheiten ergeben, zu bekommen, was sie braucht. Aber May musste vorsichtig sein. Hin und wieder wäre sie beinahe erwischt worden.

Ida, die sich der beunruhigenden Gedanken in Mays Kopf nicht bewusst ist, sieht auf die Uhr und steht auf. Dabei tritt sie versehentlich auf Fossil, der fauchend seine Missbilligung kundtut und zur Katzenklappe läuft. »Ups! Entschuldige, Kätzchen. Gut, dann ist ja alles geklärt. Andy kann dich abholen, sobald er bei mir fertig ist. Ich finde diesen neuen Plan sehr aufregend, May. So viele Menschen werden davon profitieren. Die arme Julia ist im Moment so verloren, und für dich wird das Projekt sicher auch bereichernd sein.«

»Oh ja, das hoffe ich sehr«, sagt May.

In ihrem Magen spürt sie ein kleines, aufgeregtes Flattern. Sie sollte die größte Handtasche mitnehmen, die sie hat, wenn sie morgen ihre Nachbarin von gegenüber besucht.

4

Am nächsten Nachmittag um Punkt halb sechs holt Andy May ab. Zur Feier dieses besonderen Anlasses trägt sie ihr bestes, kornblumenblaues Kleid und ein Paar Pumps mit flachen Absätzen. Sie hat nicht vor, bei Julia den Eindruck zu erwecken, sie würde sich gehen lassen, nur weil sie im Haus festsitzt. Das Kleid ist mit winzigen Butterblumen und Gänseblümchen gemustert. Es lässt May an die wogende Wiese hinter ihrem alten Zuhause auf dem Hügel denken. Sie seufzt. Ach, was soll’s, es hat keinen Zweck, zurückzuschauen – ein Strand gleich vor der Haustür ist schließlich so viel wert wie ein ganzes Dutzend Grasfelder und Wälder. Von dem großen Haus aus konnte man trotz seiner erhöhten Lage das Meer nicht richtig sehen, weil Bäume die Sicht versperrten.

Andy stößt einen bewundernden Pfiff aus, als er sie sieht. »Mensch, May. Du hast dich ja richtig herausgeputzt. Du siehst keinen Tag älter aus als siebzig.«

Sie gibt ihm einen Klaps und stellt sich dann vor den Spiegel im Flur, um ihre bereits makellose Frisur zu ordnen. May ist immer wieder froh, dass ihre Haarfarbe sich in ein schönes Schneeweiß verwandelt hat, als das kräftige Rot schließlich verblasste. Manchmal vermisst sie es, ein kesser Rotschopf zu sein, aber ihr Friseur findet sie sehr glamourös und kommt jeden Montag bei ihr vorbei, um ihre Haare zu waschen und zu den gewohnten aufgebauschten Locken zu frisieren. Kein Föhnen für May – sie bleibt ihren guten alten Papilloten treu. Ein ordentlicher Stoß Haarspray, und sie ist bereit für die Woche. Diesen Stil hat sie seit Jahren nicht verändert – warum sollte sie?

»Reich mir mal bitte meinen Lippenstift, Andy. Der liegt da drüben. Und das Parfum. Mit Je Reviens kann man nichts falsch machen, sag ich immer. Danke. Ich will ja allen Erwartungen gerecht werden.«

Er lacht und bietet May seinen Arm an, als sie aus der Tür gehen und die unebenen Stufen hinuntersteigen. Auf dem Weg über das Kopfsteinpflaster hält sie sich gut an ihm fest, da sie auf den ungewohnten Absätzen unsicher läuft, und atmet erleichtert auf, als sie unbeschadet auf der anderen Seite der schmalen Straße ankommen. Heute weht eine frischere Brise, und May sieht auf der rechten Seite des Strandes mehrere kleine Boote in der Nähe des Hafens im Wasser schaukeln. Die Luft riecht nach Salz und Seetang, und ihr geht das Herz auf. Es tut gut, draußen zu sein und zur Abwechslung mal irgendwohin zu gehen. Der Garten ist zwar schön, aber May vermisst es, sich mitten im Geschehen zu befinden.

»Dann komm, May«, sagt Andy. »Wir lassen Julia besser nicht länger warten. Normalerweise gehe ich hintenrum einfach rein, aber heute machen wir es mal auf dem richtigen Weg, da es ja ein besonderer Anlass ist.«

May verdreht die Augen, sagt aber nichts dazu. Sie haben kaum geklingelt, da öffnet Julia auch schon die Tür.

»Hallo, May. Schön, dich zu sehen«, sagt sie, aber das Lächeln erreicht ihre Augen nicht, und May lässt sich nicht täuschen.

Andy hilft ihr ins Haus, und Julia zieht einen Stuhl mit hoher Rückenlehne hervor, sodass May langsam in eine sitzende Position sinken kann, wobei sie sich auf den Armlehnen abstützt. Als sie kurz darauf hochblickt und sich für dieses neue Anzeichen von Schwäche verflucht, entdeckt sie den mitleidigen Ausdruck in Julias sorgfältig geschminktem Gesicht. Innerlich schäumt May vor Wut, doch sie setzt trotzdem ihre beste Gute-Laune-Miene auf. Es geht hier um einiges.

Julia trägt ein elegantes graues Etuikleid, wunderschön geschnitten, aber recht trist, und eine Perlenkette, um ihre Aufmachung abzurunden. Nun, ihre Nachbarin hat sich wie gewohnt zurechtgemacht, denkt May, aber die Erkenntnis, dass Julia Mitleid für sie empfindet, bringt sie in Rage. Sie ist jetzt noch entschlossener als zuvor, sich heute mindestens einen von Julias Briefen zu beschaffen. Wenn sie auch nur ein paar Erinnerungen aufnehmen kann, wird sie sich wieder besser fühlen. Es ist zu lange her.

»Ich geh dann mal, ihr zwei«, sagt Andy. »Tamsin ist bei der Rainbows-Gruppe oben am Gemeindehaus, und ich muss sie jetzt bald zum Tee nach Hause holen. Bis später.«

»Bis dann, mein Lieber.« May nutzt die Gelegenheit und sieht sich im Zimmer um, während ihre Nachbarin Andy zur Tür bringt. Auf dem Tisch liegen ein paar Stapel mit Briefen. Sie muss Julia beim Sortieren unterbrochen haben. Gut.

»Also, eine Tasse Tee, May? Ich habe uns Scones gemacht«, sagt Julia, als sie wieder hereinkommt. Es ist ein weiträumiger, heller Raum, auf der einen Seite steht ein Esstisch, und auf der anderen sind bodentiefe Fenster, durch die man auf das Ende der Bucht schauen kann. May kann diesen Teil der Welt von ihren Fenstern aus nicht sehen, und es ist eine erfrischende Abwechslung, hinaus auf Tristrams Bungalow und sein Restaurant auf der Landspitze zu blicken. Es ist lange her, dass sie die Gelegenheit hatte, im Shellfish Shack zu speisen.

Tristram ist ein alter Freund und ein zuvorkommender Gastgeber, und das Essen dort ist hervorragend. May fragt sich, wie viel die Rückfahrt mit dem Taxi wohl kosten würde. Es scheint noch gar nicht so lange her zu sein, dass sie von ihrem alten Zuhause aus dorthin laufen konnte. Aber sobald sie ein paar Erinnerungen auftreiben kann, wird ihre Energie wieder fließen. Sie hat keine Zeit zu verlieren. Über die Alternative möchte sie gar nicht erst nachdenken.

Julia schiebt die Briefe zur Seite, um Platz für das Teegeschirr zu machen, bevor sie in die Küche eilt. »Marmelade und Sahne zu den Scones, May?«, ruft sie.

»Ja, bitte. Die Marmelade natürlich zuerst. Ist sie selbst gemacht?«

»Oh, ja. Der letzte Rest der Brombeermarmelade von letztem Jahr. Don hat sie geliebt.«

Es folgt Schweigen, und May denkt an Dons jungenhaftes Leuchten in den Augen, wann immer ihm etwas Süßes angeboten wurde. Julia rumort nicht mehr in der Küche herum, aber May hört das Wasser im Teekessel kochen. Vielleicht heult sie ja gerade. May fragt sich, ob sie hingehen und sie auf irgendeine Weise trösten sollte, aber sie konnte das mit dem Umarmen und diesem ganzen Kram noch nie besonders gut, und abgesehen davon würde Julia sie wahrscheinlich in die Seite kneifen oder ihr das Auge ausstechen, wenn sie etwas Derartiges versuchen würde. Während sie noch überlegt, was sie tun soll, kommt Julia mit einem voll beladenen Tablett zurück. Ihre Augen sind ein wenig gerötet, aber May entdeckt keinen Hinweis auf Tränen. Sie stößt einen Seufzer der Erleichterung aus.

Julia setzt sich, und eine Zeit lang essen sie schweigend ihre Scones. »Deine Backkünste haben nicht nachgelassen, Liebes«, sagt May schließlich. Sie nimmt sich eine Serviette, um die letzten Krümel wegzuwischen.

»Ich habe überhaupt nicht mehr viel gebacken, seit … na ja, du weißt schon. Es macht keinen Spaß, für sich allein zu backen.«

»Besucht deine Familie dich denn nicht?« May muss das eigentlich nicht fragen, sie weiß ganz genau, dass Felix und Emily in letzter Zeit nicht zu Besuch waren. Sie ist bestens informiert über das Kommen und Gehen in den Häusern ihrer Nachbarn. Dieser Tage hat sie nichts anderes zu tun, als Leute zu beobachten, deswegen ist sie sich sicher, dass Julias Sohn und ihre Enkelin seit Dons Beerdigung im letzten November nicht bei ihr waren.

Julia richtet sich auf, trinkt einen Schluck Tee und scheint nach den richtigen Worten zu suchen. »Sie haben viel zu tun, und Emily arbeitet ja in New York, da kann sie nicht so oft weg. Ihre Mutter hat sich irgendwo hinter München niedergelassen, in der tiefsten Provinz. Sie hat früher schon ständig davon geredet, in ihr Heimatland zurückzukehren, und ein Besuch bei Gabriella hat bei Emily oberste Priorität, wenn sie mal frei hat. Für letztes Weihnachten haben sie mir Flugtickets gekauft, damit ich nach Deutschland fliegen konnte, aber ich musste kurzfristig absagen … leider.«

»Wie schade.« May hat diese Neuigkeit damals von Andy erfahren und erinnert sich daran, dass Julia krank war, obwohl Andy nicht fand, dass eine leichte Erkältung Grund genug für sie sein sollte, die Feierlichkeiten zu verpassen. May vermutet, dass Julias Begeisterung für Weihnachtsfeiern sich genauso in Grenzen hält wie ihre eigene.

»Und Felix?«, bohrt May nach. Sie hat sich schon gefragt, ob der alte Kleinkrieg immer noch brodelt. Felix’ Ehefrau ist es gelungen, ein Zerwürfnis zwischen ihrem Mann und seinen Eltern zu bewirken, bevor sie sich mit dem Besitzer eines bayrischen Biergartens auf und davon gemacht hat, und schon die Erwähnung von Gabriellas Namen hat die Luft etwas kälter werden lassen.

Julia zuckt mit den Schultern. »Er ist immer noch in Boston tätig, bereist aber die ganze Welt. Das Geschäft floriert, wie man so schön sagt. Ich schätze, dass er bald kommt. Ende nächsten Monat habe ich Geburtstag.«

Julia steigen Tränen in die Augen, und auch May wird schwer ums Herz. Sie erinnert sich an die Einsamkeit, die sie an ihren ersten Geburtstagen nach Charles’ Tod verspürt hat. Er war nicht der Typ für große Geschenke und viel Trara, aber immerhin hat er sie jedes Mal zu einem netten Pub-Mittagessen im Eel and Lobster an der Dorfwiese ausgeführt. Charles hatte eine Schwäche für eine schöne Platte Scampi mit Pommes frites, und May nahm immer die hausgemachte Pastete mit haufenweise buttrigem Kartoffelpüree. Es ist jetzt mehr als fünfzig Jahre her, dass Mays Mann zum Segeln ging und nicht zurückkehrte. Unter den Dorfbewohnern wurde etwas von Selbstmord gemunkelt, aber die offizielle Version war ein Unfalltod aufgrund des plötzlich aufgekommenen Sturms. Irgendwann wurden in der Nähe des Hafens die Überreste von Charles’ Boot gefunden, und sein Leichnam wurde mit der nächsten Flut angespült.

Charles war ein viel zu erfahrener Segler für so eine offensichtliche Fehleinschätzung; das müsste jedem bewusst gewesen sein, der ihn kannte. Man kann viel über ihn sagen, aber leichtsinnig war er nicht. Auch wenn May über das Ergebnis überrascht war, hielt sie den Mund. So war es einfacher.

Nach der Untersuchung ließ May Gras über die Sache wachsen und hielt sich eine Weile im Hintergrund. Das Leben ohne Charles kam ihr zuerst seltsam vor, wurde aber bald zur Normalität. Sie hatten geheiratet, als sie bereits über vierzig Jahre alt waren, kurz nach dem Tod von Mays Eltern. Damals hatte May sich außergewöhnlich verloren gefühlt, losgelöst von ihrer vertrauten Routine, und Charles in ihrem Elternhaus einziehen zu lassen erschien ihnen wie der nächste logische Schritt. Sie waren erst elf Jahre zusammen, als die Tragödie geschah, daher ist May inzwischen daran gewöhnt, allein zu sein, aber sie kann erkennen, dass Julia noch einen weiten Weg vor sich hat, bevor sie eine ähnliche Eigenständigkeit erreicht.

»Na, komm, nicht weinen.« Unbeholfen tätschelt May Julias Hand. »Du hattest ein schönes Leben mit Don, aber nichts hält ewig in dieser Welt.« Oder doch?, denkt sie. Wenn ich an mehr Erinnerungen komme, dann vielleicht schon.

Nun sieht Julia May mit tiefer Abscheu an, und May stellt fest, dass sie das Falsche gesagt hat.

»Darum geht es nicht«, murmelt Julia.

»Na ja, doch, eigentlich schon, Liebes.« May verzieht das Gesicht und greift nach der Teetasse. »Aber im Nachhinein verstehe ich, warum heute nicht der beste Tag ist, das zu sagen.«

Julias Mundwinkel zucken, und dann lacht sie laut und lange – ein schallendes Lachen, das ihr so gar nicht ähnlich sieht. »Ach, May, du bist wirklich einmalig.« Sie wischt sich über die Augen.

Die plötzliche Verbindung zwischen ihnen hält nicht länger als ein paar Sekunden an, aber danach vergeht die Zeit wie im Flug. Sie sprechen über die Marotten ihrer Nachbarn und die Meinungsverschiedenheiten in der kargen grauen Methodistenkirche, über den Hang des neuen Priesters zu ...

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