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Die heißen Küsse der Revolution

In Liebe und Dankbarkeit
für Sue und Laurent Teichman!

PROLOG

1. Juli 1793 – in der Nähe von Brest, Frankreich

Lebt er noch?“

Der Klang der Stimme überraschte ihn. Sie schien so weit weg zu sein, und doch bemerkte er eindeutig, dass sie einem Engländer gehören musste. Dabei war er doch in Frankreich. Er war im Krieg und mitten in den Wirren der Revolution. Ein unermesslicher Schmerz schoss ihm durch Rücken und Schultern. Es fühlte sich an, als würden ihn tausend Nägel durchbohren. Die Qual war so entsetzlich, dass es ihm die Stimme verschlug. Er konnte nur stumm in sich hineinfluchen. Was war mit ihm passiert?

Er glühte am ganzen Körper und hatte das Gefühl, ersticken zu müssen. Das Atmen fiel ihm schwer, und ein schier ungeheuerliches Gewicht schien ihn niederzudrücken. Und um ihn herum war alles schwarz.

Nur langsam kam sein Bewusstsein zurück. Der Mann, der gerade gesprochen hatte, musste Engländer sein. Aber das war doch vollkommen unmöglich! Wo war er? Was zum Teufel war mit ihm passiert?

Plötzlich kamen die Bilder wieder zurück. Sie rasten an seinem inneren Auge vorbei und wurden begleitet von den nervenzerreißenden Schreien der Verwundeten und Sterbenden im Feuer von Musketen und donnernden Kanonen. Der Fluss färbte sich rot mit dem Blut der französischen Bauern, Priester, Adeligen und Soldaten.

Er stöhnte. Er konnte sich nicht wirklich daran erinnern, wie er verwundet worden war, aber er hatte Angst zu sterben.

Nun hörte er eine vertraute Stimme. „Es steht schlecht um ihn, Lucas. Er hat jede Menge Blut verloren und ist seit Mitternacht bewusstlos. Der Wundarzt kann nicht sagen, ob er überleben wird.“

„Aber was ist passiert?“, fragte ein weiterer Engländer.

„Wir haben bei Nantes eine schreckliche Niederlage erlitten, Messieurs, die Franzosen unter General Biron haben uns in die Flucht geschlagen. Aber Dominic ist nicht in der Schlacht verwundet worden. Letzte Nacht hat ihm direkt vor meinem Quartier ein Mörder hinterhältig aufgelauert.“

Jetzt wusste er, dass sein langjähriger Freund Michel Jacquelyn über ihn sprach. Man hatte offenbar versucht, ihn zu ermorden, weil durchgesickert war, dass er ein Spion ist.

„Großer Gott“, sagte der zweite Engländer.

Dominic gelang es unter großer Anstrengung, die Augen einen kleinen Spalt zu öffnen. Er lag eingehüllt in Decken auf einer Pritsche am Strand. Die Brandung schwappte an die Küste, und über ihm funkelten die Sterne am nächtlichen Himmel. Drei Männer in Mänteln, Kniehosen und Stiefeln beugten sich über ihn. Er sah sie nur verschwommen, konnte sie aber dennoch einigermaßen auseinanderhalten. Michel war klein und hatte sein dunkles Haar zu einem Zopf zusammengebunden. Seine Kleidung war blutbedeckt. Die beiden Engländer hingegen waren groß und blond, und ihr schulterlanges Haar wehte im Wind. Alle drei waren mit Pistolen und Degen bewaffnet. Nun hörte er auch das Knarzen von Holzmasten und das Flattern von Segeln im Wind. Dann wurden ihm die Augen schwer, und er schloss sie erschöpft.

Verflucht, würde er jetzt auch noch ohnmächtig werden?

„Hat man euch verfolgt?“, fragte Lucas mit scharfer Stimme.

Non, aber le Gendarmerie ist überall, mes Amis. Wir müssen uns beeilen. Die französische Flotte blockiert die Küste. Ihr müsst versuchen, ihren Schiffen vorsichtig auszuweichen.“

Der andere Engländer klang zuversichtlich. „Macht Euch keine Sorgen. Keiner kann so wie ich die Flotte und die Zolleintreiber umgehen. Captain Jack Greystone, Monsieur, steht in dieser interessanten Nacht zu Euren Diensten. Meinen Bruder Lucas kennt Ihr ja schon, nehme ich an.“

„In der Tat“, sagte Michel. „Ihr müsst ihn nach London schaffen, Messieurs. Immédiatement.

„Bis London wird er es nicht schaffen“, erwiderte Jack. „Jedenfalls nicht lebend.“

„Wir bringen ihn nach Greystone“, schlug Lucas vor. „Das ist nicht so weit weg, aber sicher. Mit ein bisschen Glück kann er bald wieder in den Kampf ziehen.“

Bien. Kümmert Euch gut um ihn. Wir in der Vendée werden ihn noch brauchen. Möge Gott Euch beschützen.“

1. KAPITEL

2. Juli 1793 – Penzance, Cornwall

Sie war sehr spät dran.

Julianne Greystone sprang aus dem Einspänner, den sie gerade vor dem Laden des Hutmachers gestoppt hatte. Die Gesellschaft der Friends of the People traf sich nebenan, im Saal des White Hart Inn, aber davor waren alle Rastplätze bereits belegt. Nachmittags war hier immer viel los. Sie vergewisserte sich, dass die Schleifbremse des Einspänners angezogen war, klopfte der alten Mähre auf die Flanken und schlang eilig den Riemen des Zaumzeuges um den Pfosten.

Sie kam ungern zu spät. Es lag nicht in ihrer Natur, herumzutrödeln. Anders als die anderen Damen, die sie kannte, nahm Julianne das Leben sehr ernst.

Für die anderen Damen gab es nur Mode und Einkäufe, gegenseitige Besuche zum Tee sowie Empfänge, Tänze und Abendgesellschaften, aber diese Damen lebten auch in ganz anderen Verhältnissen als Julianne. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass es in ihrem Leben jemals eine Zeit der Muße gegeben hatte. Juliannes Vater hatte die Familie noch vor ihrem dritten Geburtstag im Stich gelassen, doch schon zuvor hatten sie beengt und sehr sparsam gelebt. Als jüngster Sohn hatte der Vater über keinerlei Mittel verfügt und war doch ein Verschwender gewesen. Während sie auf dem Landgut der Familie aufwuchs, musste sie all die Arbeiten verrichten, für die unter ihresgleichen eigentlich die Dienerschaft zuständig war. Julianne kochte, erledigte den Abwasch, schleppte Brennholz, bügelte die Hemden der Brüder, fütterte die beiden Pferde, mistete den Stall aus, ständig wartete eine Pflicht auf sie. Nie war genug Zeit, um all das zu erledigen, was noch getan werden musste und dennoch fand Julianne es unentschuldbar, zu spät zu kommen.

Eigentlich dauerte die Fahrt von ihrem Landgut bei Sennen Cove bis in die Stadt eine Stunde. Aber an diesem Tag hatte ihre ältere Schwester Amelia die Kutsche genommen. Egal, ob es stürmte oder schneite, an jedem Mittwoch verfrachtete Amelia die Mutter in die Kutsche, um den Nachbarn Besuche abzustatten. Es störte sie nicht, dass Momma keinen Menschen mehr erkannte. Momma war alt und gebrechlich und hatte nur noch selten all ihre Sinne beisammen. Es kam sogar vor, dass sie nicht einmal ihre Töchter erkannte, aber sie genoss diese Besuche. Niemand konnte so fröhlich und so ausgelassen sein wie sie. Momma schien sich noch immer als Debütantin zu betrachten, die von ihren vergnügten Freundinnen und ritterlichen Verehrern umgeben war. Julianne konnte sich nur annähernd vorstellen, wie es für ihre Mutter gewesen sein musste, in einem luxuriösen Haushalt aufzuwachsen. Im Heim ihrer Eltern wurde selbst der kleinste Handgriff von der Dienerschaft übernommen, als junge Frau trug sie teure Kleider und genoss den Reichtum. Doch das war lange bevor die Kolonisten in Amerika ihre Unabhängigkeit erkämpften. Diese Zeit war nur von kurzen Kriegen geprägt und kannte keine Furcht, keinen Hass und keine Revolution. Es war eine Zeit des unumschränkten Glanzes gewesen, voller verschwenderischer Prahlerei und himmelschreiende Zügellosigkeit. Eine Zeit, in der niemand das Leid und die Armut der kleinen Leute auf der Straße auch nur sah.

Die arme Momma. Nachdem Juliannes Vater sie verlassen hatte, um sich den Spielsalons und den liederlichen Frauenzimmern in London, Antwerpen und Paris hinzugeben, war sie in sich zusammengebrochen. Aber Julianne war sich nicht sicher, ob ein gebrochenes Herz auch den Verstand ausschalten konnte. Manchmal glaubte sie, dass es dafür einen ganz anderen, einfachen Grund gab. Ihre Mutter kam anscheinend mit den düsteren, bedrohlichen Zuständen der modernen Welt nicht zurecht und flüchtete sich in eine Scheinwelt.

Aber der Arzt hatte empfohlen, mit ihr unter die Leute zu gehen, und die ganze Familie stimmte dem zu. Also musste sich Julianne heute mit dem Einspänner und ihrer zwanzig Jahre alten Stute begnügen. Die Fahrt hatte doppelt so lang gedauert.

Noch nie war Julianne so ungeduldig gewesen. In Wahrheit lebte sie nur für diese monatlichen Zusammenkünfte in Penzance. Julianne hatte die Gesellschaft im vergangenen Jahr gemeinsam mit ihrem Freund Tom Treyton gegründet, nachdem König Ludwig der XVI. vom Volk abgesetzt und Frankreich zur Republik erklärt worden war. Tom Treyton war ebenso radikal wie Julianne und glaubte wie sie an die Ideale der Französischen Revolution. Die Kräfte in Paris setzten alles daran, die Not und die Mühsal der Bauern und der kleinen Bürger zu lindern. Aber niemals hätten Julianne und Tom zu träumen gewagt, dass die Revolution das Ancien Régime, diese traditionell uneingeschränkte Herrschaft des Königshauses, eines Tages tatsächlich hinwegfegen würde.

Jede Woche gab es eine neue verblüffende Wendung im Kampf um die Freiheit für die gewöhnlichen Bürger in Frankreich. Erst letzten Monat hatten sich die Führer der Jakobiner in der Nationalversammlung an die Macht geputscht und viele Mitglieder der Opposition verhaften lassen. Doch daraus war auch eine neue Verfassung hervorgegangen, die jedem Mann das Wahlrecht gab! Es war zu schön, um wahr zu sein. Im April war in Paris ein Wohlfahrtsausschuss gegründet worden, der die Regierungsgeschäfte vorübergehend übernahm und Julianne war ganz erpicht darauf zu erfahren, welche Reformen er nun planen und umsetzen würde. Es gab so viele Kriege auf dem Kontinent. Die neue französische Republik wollte ganz Europa die Freiheit bringen. Dafür hatte die Regierung in Paris den Habsburgern im April 1792 den Krieg erklärt. Aber die radikalen Ansichten von Julianne und Tom sowie ihre Begeisterung über Frankreichs neue politische Führung wurden in England nur von wenigen geteilt. Im Februar hatte Großbritannien sich mit Österreich und Preußen verbündet und war in den Krieg gegen Frankreich eingetreten.

„Miss Greystone.“

Julianne wollte gerade den Jungen des Mietstalls auf der anderen Straßenseite herbeiwinken, um ihn zu bitten, der alten Stute Wasser zu geben, als sie die strenge Stimme vernahm. Sie zuckte zusammen und wandte sich langsam um.

Richard Colmes funkelte sie wütend an. „Sie können den Wagen hier nicht abstellen.“

Sie wusste genau, warum er sich ihr in den Weg stellte. Julianne strich eine blonde Strähne aus ihrem Gesicht. Auffallend höflich erwiderte sie: „Die Straße ist für alle da, Mr Colmes. Guten Tag, Mr Colmes. Wie geht es Mrs Colmes?“

Der Hutmacher war ein kleiner, untersetzter Mann mit grauem Backenbart. Seine Perücke war zwar nicht gepudert, dafür aber gut in Schuss, und auch sonst wirkte er von den weißen Strümpfen und den Lederschuhen bis hinauf zu dem bestickten Mantel makellos. „Ich werde Ihre Gesellschaft nicht dulden, Miss Greystone.“

Julianne hätte ihre Wut am liebsten ausgeschnauft, doch stattdessen lächelte sie ihn reizend an. „Es handelt sich wohl kaum um meine Gesellschaft“, begann sie.

„Sie haben sie doch gegründet. Ihr Radikalen schmiedet finstere Pläne, um dieses großartige Land zu Fall zu bringen!“, rief er wütend. „Ihr seid doch alle Jakobiner und trefft euch nur, um gleich nebenan hinterhältige Komplotte zu schmieden. Sie sollten sich schämen, Miss Greystone!“

Julianne blickte ihn streng an. „Dies ist ein freies Land, Sir, und jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Wir können uns auch neben Ihrem Laden treffen, wenn John Fowey uns das erlaubt.“ John Fowey war der Besitzer des Inn.

„Fowey ist genauso verrückt wie ihr!“, schrie Mr Colmes. „Wir befinden uns im Krieg, Miss Greystone, und Sie und Ihresgleichen unterstützen den Feind. Zweifellos werden Sie die Franzosen mit offenen Armen begrüßen, wenn sie über den Kanal kommen!“

Julianne reckte das Kinn in die Höhe. „Sie vereinfachen eine sehr komplizierte Angelegenheit auf unzulässige Weise, Sir. Ich unterstütze die Rechte jedes Einzelnen, selbst der Vagabunden, die hier in die Stadt kommen, um sich eine Mahlzeit zu erbetteln. Ja, ich gehöre zu den Unterstützern der Revolution in Frankreich, aber das tut eine große Anzahl unserer Landsleute! Ich befinde mich in guter Gesellschaft mit Thomas Paine, Charles Fox und Lord Byron, um nur einige der herausragenden Köpfe aufzuführen, die erkannt haben, dass die Veränderungen in Frankreich nur zum Wohle der ganzen Menschheit sind. Ich bin eine Radikale, Sir, aber…–“

Mr Colmes schnitt ihr das Wort ab. „Sie sind eine Verräterin, Miss Greystone, und wenn Sie Ihren Karren nicht selbst von hier wegschaffen, werde ich es für Sie erledigen.“ Er drehte sich um, stapfte in seinen Laden. Dabei knallte er die Tür so fest hinter sich zu, dass die Glasscheibe klirrte und die Glöckchen klingelten.

Julianne zitterte vor Wut. Ihr wurde übel. Zu gerne hätte sie dem Hutmacher erklärt, dass auch sie ihr Land über alles liebte. Schließlich konnte man Patriot sein und trotzdem die neue Republik in Frankreich unterstützen. Man konnte Patriot sein und gleichzeitig für politische Reformen und gesellschaftliche Veränderungen eintreten, sowohl im eigenen Land als auch anderswo.

„Komm schon, Millie“, sagte sie zu der betagten Stute. Sie führte das Pferd und den Einspänner über die Straße zu dem Mietstall, doch der Streit ging ihr nicht aus dem Kopf. Mit jeder Woche wurde der Umgang mit den Nachbarn schwieriger und schwieriger, dabei kannte sie alle von Kindesbeinen an. Früher war sie in jedem Geschäft und in jedem Salon mit offenen Armen und einem freundlichen Lächeln begrüßt worden. Aber damit war es vorbei.

Die Revolution in Frankreich und die Kriege auf dem Kontinent hatten das ganze Land gespalten.

Und nun musste sie auch noch dafür bezahlen, das Pferd in dem Mietstall unterstellen zu dürfen, obwohl die Familie keinen Penny entbehren konnte. Seitdem überall in Europa Krieg herrschte, waren die Preise für Lebensmittel enorm gestiegen, von den Kosten für Kleidung, Holz, Futter und mehr ganz zu schweigen. Zum Anwesen der Greystones gehörten zwar eine gut gehende Zinn- wie eine Eisenerzmine, aber ihr Bruder Lucas hatte den größten Teil der Gewinne gut angelegt, um die Zukunft der Familie zu sichern. Lucas war sehr genügsam, alle in ihrer Familie waren sehr genügsam mit Ausnahme von ihrem Bruder Jack, der so unvorstellbar unbekümmert und waghalsig war, dass er zwangsläufig Schmuggler werden musste. Und er war ein guter Schmuggler. Lucas hielt sich mal wieder in London auf, so nahm sie jedenfalls an. Sie wunderte sich, wie oft er inzwischen nach London reiste. Und so wie sie ihren Bruder Jack kannte, war er vermutlich gerade wieder auf dem Meer und segelte dem Zolleintreiber davon.

Julianne verscheuchte ihre Sorgen über die unerwarteten Ausgaben für das Pferd ebenso wie die Erinnerung an das unerfreuliche Aufeinandertreffen mit dem Hutmacher. Vielleicht würde sie ihrer Schwester später davon erzählen.

Sie lief eilig zurück über die Straße, wischte sich den Staub von der Nase und schlug ihre Röcke aus. Die ganze Woche über hatte es nicht geregnet, und alle Wege waren unfassbar staubig. Ihr Kleid war nicht länger elfenbeinfarben, sondern staubbeige.

Während sie sich dem Schild neben dem Eingang der Gastwirtschaft näherte, spürte sie eine freudige Erregung. Sie hatte dieses Schild selbst bemalt.

„Gesellschaft der Friends of the People“, stand darauf. „Neuzugänge willkommen. Keine Mitgliedsbeiträge.“

Auf den letzten Satz war sie besonders stolz. Mit Zähnen und Klauen hatte sie mit ihrem lieben Freund Tom Treyton um die Frage der Mitgliedsbeiträge gerungen. Hatte nicht der moderate Reformer Thomas Hardy mit seiner London Corresponding Society im ganzen Land dasselbe getan? Sollte nicht jeder Mann und jede Frau an einer Verbindung teilnehmen dürfen, die sich der Gleichheit, Freiheit und den Menschenrechten verschrieben hatte? Das Recht oder die Möglichkeit, eine Sache zu unterstützen, die allen die Freiheit bringen sollte, durfte niemandem verwehrt sein, nur weil er oder sie sich die monatlichen Beiträge nicht leisten konnte.

Julianne betrat den dunklen, kühlen Saal des Inn und erblickte Tom sofort. Er war etwa so groß wie sie, hatte lockiges blondbraunes Haar und ein angenehmes Gesicht. Sein Vater war ein vermögender Gutsbesitzer, der es sich leisten konnte, seinen Sohn an der Universität in London studieren zu lassen. Julianne hatte angenommen, dass Tom nach seinem Abschluss in London bleiben würde, doch stattdessen war er heimgekehrt und hatte hier eine Kanzlei eröffnet. Seine Mandanten waren größtenteils Schmuggler, die sich hatten erwischen lassen. Unglücklicherweise war ihm bei seinem letzten Fall kein Erfolg beschieden gewesen. Zwei seiner Mandanten waren im Sinne der Anklage für schuldig befunden und zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. Jeder wusste, dass der Staat im Recht war.

Tom stand in der Mitte des Saals, alle anderen Besucher saßen an Tischen oder auf Bänken. Julianne merkte sofort, dass der Zulauf erneut schwächer geworden war. Nur etwa zwei Dutzend Männer hatten sich versammelt. Sie waren allesamt Minenarbeiter, Fischer und Schmuggler. Seit Großbritannien der Kriegs-Allianz gegen Frankreich beigetreten war, hatte eine Welle des Patriotismus das ganze Land erfasst. Menschen, die zunächst für die Revolution gewesen waren, entdeckten plötzlich Gott und Vaterland für sich. Julianne vermutete, dass dies in Kriegszeiten unvermeidbar war.

Jetzt hatte auch Tom sie entdeckt. Mit erfreutem Gesicht eilte er auf sie zu. „Du bist aber spät! Ich hatte schon Angst, es wäre etwas vorgefallen und du würdest gar nicht mehr zu unserer Versammlung kommen.“

„Ich musste mich mit Milly begnügen, und die kann leider nicht mehr so schnell traben.“ Sie senkte die Stimme. „Mr Colmes wollte mir nicht gestatten, den Wagen vor seinen Laden zu stellen.“

Toms blaue Augen funkelten. „Dieser reaktionäre Halunke.“

Sie berührte seinen Arm. „Er fürchtet sich, Tom. Wie alle anderen auch. Und er begreift nicht, was in Frankreich passiert.“

„Er hat Angst, dass wir ihm seinen Laden und sein Haus wegnehmen und beides dem Volk übereignen. Davor sollte er sich vielleicht wirklich fürchten“, erwiderte Tom.

Seit sie vor einem Jahr ihre Friends of the People gegründet hatten, waren sie uneins über Mittel und Zweck der angestrebten Reformen. „Wir können doch nicht herumziehen und Leute von gutem Ruf wie Richard Colmes einfach enteignen“, widersprach sie leise.

Er seufzte. „Ich bin natürlich wieder einmal zu radikal, aber ich hätte gar nichts dagegen, den Earl of Penrose und den Earl of St. Just zu enteignen.“

Julianne wusste, dass er es ernst meinte. Sie lächelte.

„Können wir uns ein andermal darüber streiten?“

„Du bist doch auch der Meinung, dass die Reichen viel zu viel Besitz haben, den sie bloß geerbt oder in Form von Ländereien und Titel von der Krone bekommen haben“, entgegnete Tom.

„Natürlich bin ich dieser Meinung! Aber du weißt auch, wie wenig ich davon halte, die Aristokratie einfach auszurauben. In was für eine Debatte bin ich denn hier gerade hereingeplatzt? Was ist los? Gibt es neue Nachrichten?“

„Du solltest dich den Reformern anschließen, Julianne. Du bist längst nicht so radikal, wie du zu sein glaubst“, nörgelte er. „Die andere Seite hat eine Niederlage erlitten. Die Royalisten in der Vendée sind bei Nantes geschlagen worden.“

„Das sind ja großartige Neuigkeiten“, sagte Julianne ungläubig. „Zuletzt hieß es doch, die Royalisten hätten uns besiegt und würden die ganze Gegend entlang der Loire um Saumur kontrollieren.“

Die Errungenschaften der Revolution in Frankreich waren keinesfalls gesichert. Im ganzen Land gab es oppositionelle Gruppen. Im Frühjahr hatte in der Vendée ein außerordentlich starker Aufstand der Bürgerlichen und der Royalisten begonnen.

„Ich weiß. Es ist eine großartige Wendung des Kriegsglücks.“ Er lächelte und ergriff ihren Arm. „Hoffentlich werden bald auch diese verfluchten Rebellen in Toulon, Lyon, Marseille und Bordeaux aufgeben. Und vor allem die drüben in der Bretagne.“

Sie wechselten einen Blick. Die Stärke der Gegner der Re­volution war furchterregend. „Ich sollte sofort unseren Freunden in Paris schreiben“, beschloss Julianne. Engen Kontakt zu den Jakobinerclubs in Frankreich zu halten war eins der Ziele der Friends of the People in England. „Vielleicht können wir hier mehr tun, als uns lediglich zusammenzusetzen und zu diskutieren.“

„Du zum Beispiel könntest nach London gehen und dich unter die Torys mischen“, sagte Tom und starrte sie an. „Dein Bruder ist doch auch ein Tory. Er tut so, als wäre er ein schlichter Bergmann aus Cornwall, aber in Wahrheit ist Lucas der Großenkel eines Barons. Er hat viele Verbindungen.“

Ihr war plötzlich seltsam beklommen zumute. „Lucas ist eigentlich nur ein Patriot“, begann sie.

„Er ist ein Konservativer und ein Tory.“ Tom war unnachgiebig. „Er kennt mächtige und gut informierte Männer, die in Kontakt stehen mit dem Premierminister William Pitt und William Windham. Da bin ich ganz sicher.“

Julianne verschränkte abwehrend ihre Arme vor der Brust. „Er hat ein Recht auf seine eigene Meinung, auch wenn sie unseren Ansichten zuwiderläuft.“

„Das bestreite ich doch gar nicht. Ich sage lediglich, dass er viel bessere Verbindungen hat, als du ahnst.“

„Willst du damit andeuten, ich soll nach London gehen und meinen Bruder und seinesgleichen ausspionieren?“, fragte sie entgeistert.

„Das habe ich nicht gesagt, aber der Gedanke hätte durchaus Charme.“ Tom lächelte. „Du könntest nächsten Monat nach London reisen, denn zum Treffen der radikalen Reformer in Edinburgh kannst du ja doch nicht kommen.“

Thomas Hardy hatte eine Zusammenkunft aller radikalen Gruppen organisiert. Nahezu jede wollte Delegierte nach Edinburgh entsenden. Tom würde ihre Friends of the People repräsentieren. Aber da Großbritannien nun in den Krieg gegen Frankreich eingetreten war, hatten sich die Voraussetzungen verändert. Die Radikalen und ihre Clubs wurden nicht länger wohlwollend belächelt. Im Gegenteil. Es gab Gerüchte über bevorstehende staatliche Repressalien. Jeder wusste, dass der Premierminister ebenso wie seine Minister vehement gegen jede Art von Radikalismus war. Und auch König George III. war ihnen gegenüber intolerant.

Es war Zeit, der gesamten britischen Regierung und insbesondere Premierminister William Pitt dem Jüngeren eine Botschaft zukommen zu lassen. Die radikalen Reformer würden sich niemals von der Regierung unterdrücken lassen. Sie würden weiterhin für die Menschenrechte eintreten und die Revolution in Frankreich unterstützen. Und sie würden fortfahren, den Krieg mit der neuen französischen Republik zu verurteilen.

Eine weitere, wenn auch kleinere Zusammenkunft der Reformer sollte in London stattfinden, direkt im Regierungsviertel nahe Whitehall. Julianne hoffte, die Mittel aufbringen zu können, um daran teilzunehmen, aber eine Reise nach London war kostspielig. Aber worauf wollte Tom eigentlich hinaus? „Ich werde meinen Bruder nicht ausspionieren, Tom. Ich kann bloß hoffen, dass du scherzt.“

„Das habe ich doch“, versicherte er ihr schnell, und da sie ihn weiterhin ungläubig musterte, fügte er hinzu, „ich wollte unseren Freunden in Paris schreiben, aber wieso übernimmst du das nicht? Du bist ein viel besserer Wortschöpfer als ich.“

Julianne lächelte und hoffte, dass er sie nicht wirklich dazu auffordern wollte, Lucas auszuspionieren. Denn er war in Wahrheit weder ein Tory noch irgendwie in den Krieg verwickelt. „Das stimmt“, seufzte sie leichthin.

„Setzen wir uns“, sagte er und begleitete sie zu einer der Bänke. „Wir haben noch eine gute Stunde Diskussion vor uns.“

In der nächsten Stunde debattierte die Versammlung über die letzten Ereignisse in Frankreich, über Vorgänge im Unter- wie im Oberhaus des britischen Parlaments sowie den neusten politischen Klatsch aus London. Als das Treffen zu Ende ging, war es beinah schon fünf Uhr nachmittags. Tom brachte sie hinaus. „Ich weiß, es ist noch früh, aber darf ich dich zum Essen einladen?“

Sie zögerte. Auch letzten Monat waren sie nach der Versammlung noch gemeinsam essen gegangen. Aber als er sie anschließend zum Wagen brachte, hatte er sie plötzlich zurückgehalten und sie so angesehen, als ob er sie gleich küssen wollte.

Sie hatte nicht gewusst, wie sie sich verhalten sollte. Er hatte sie bereits einmal geküsst. Es war ihr nicht unangenehm gewesen, aber auch kaum welterschütternd. Sie mochte Tom sehr, aber ihn zu küssen kam ihr nicht in den Sinn. Julianne war sich sicher, dass Tom sich in sie verliebt hatte, und da sie so viele gemeinsame Interessen hatten, wäre auch sie gern in ihn verliebt. Er war ein guter Mann und ein treuer Freund.

Julianne kannte Tom seit ihrer Kindheit, aber wirklich schätzen gelernt hatten sie einander erst vor zwei Jahren, als sie in Falmouth aufeinandertrafen. Das war der eigentliche Beginn ihrer Freundschaft. Doch ihr wurde immer klarer, dass sie eher schwesterliche und platonische denn romantische Gefühle für ihn empfand.

Nichtsdestotrotz war ein Abendessen mit Tom immer ein Genuss. Beide verstanden es, sich sehr angeregt zu unterhalten. Sie wollte seine Einladung schon annehmen, als sie einen Mann erblickte, der auf seinem braunen Wallach die Straße entlanggeritten kam.

„Ist das Lucas?“, fragte Tom ebenso verblüfft wie sie.

„Das ist er ganz sicher“, sagte sie und lächelte. Lucas war mit seinen achtundzwanzig Jahren sieben Jahre älter als sie und ein großer, muskulöser Mann. Er hatte ein klassisch geschnittenes Gesicht, durchdringende graue Augen und goldblondes Haar. Es gab viele Frauen, die versuchten, seine Aufmerksamkeit zu erregen, doch im Gegensatz zu Jack war Lucas ein Gentleman. Lucas wirkte unnahbar. Er war ein sehr disziplinierter und pflichtbewusster Mann, dem alles daran lag, den Familienbesitz zu erhalten.

Für Julianne war Lucas immer eher Vaterfigur als ein Bruder gewesen. Sie respektierte, bewunderte und liebte ihn sehr.

Lucas brachte sein schäumendes Reittier vor ihr zum Stehen, und ihre Freude, ihn wiederzusehen, schwand dahin. Lucas wirkte grimmig und verbissen. Sie musste plötzlich an das wagemutige Schild hinter ihr denken, das Neuzugänge zu den Friends of the People willkommen hieß. Sie hoffte, dass Lucas es nicht erblickte.

Lucas schwang sich von seinem Rappen. Er trug einen braunen Mantel, eine burgunderfarbene Weste, ein Batisthemd und beige Kniebundhosen. Seine schwarzen Stiefel waren staubbedeckt, und sein Haar war zu einem nachlässigen Zopf gebunden. „Hallo, Tom.“ Er schüttelte Juliannes Freund die Hand, ohne zu lächeln. „Wie ich sehe, wiegelt ihr immer noch die Leute auf.“

Tom rutschte das Lächeln aus dem Gesicht. „Das ist nicht fair, Lucas.“

„Im Krieg gibt es keine Fairness.“ Lucas blickte seine Schwester kalt an.

Er missbilligte ihre Ansichten seit Jahren stillschweigend, doch seit der Krieg ausgebrochen war, ließ er keinen Zweifel mehr daran. Julianne lächelte zurückhaltend.

„Du bist wieder zu Hause. Wir haben dich noch nicht erwartet.“

„Offensichtlich. Ich bin den ganzen Weg von Greystone hierher galoppiert, Julianne.“ Seine Stimme klang bedrohlich. Sie wusste, dass er zum Jähzorn neigte und sah ihm seine Wut förmlich an.

Sie streckte ihren Rücken. „Ich nehme an, du bist wegen mir hergeeilt? Ist etwas mit Momma passiert? Oder mit Jack?“ Ihr Herz setzte aus.

„Momma und Jack geht es gut. Ich muss unter vier Augen mit dir reden, und das duldet keinen Aufschub.“

Toms Gesicht fiel in sich zusammen. „Vielleicht gehst du ein andermal mit mir essen, Julianne?“

„Selbstverständlich“, versicherte sie ihm. Tom verbeugte sich vor Lucas, der die Geste nicht erwiderte. Als Tom fortgegangen war, wandte sie sich verständnislos ihrem Bruder zu. „Bist du auf mich wütend?“

„Als Billy mir erzählte, dass du in die Stadt gefahren bist, um an einer Zusammenkunft teilzunehmen, konnte ich es nicht fassen. Ich wusste sofort, was er damit meinte.“ Billy lebte in der Nachbarschaft und kümmerte sich nachmittags um die beiden Pferde der Familie. „Wir haben wiederholt über diese Angelegenheit gesprochen, Julianne, zuletzt nach der Proklamation des Königs im Mai.“

Sie verschränkte die Arme. „Ja, wir haben unsere Meinungsverschiedenheiten erörtert. Du weißt genau, dass du kein Recht dazu hast, mir deine Tory-Ansichten aufzudrängen.“

Er wusste, dass sie ihn absichtlich beleidigen wollte und konnte seine Wut kaum bändigen. Er spürte die Zornesröte in sich aufsteigen. „Ich habe überhaupt nicht vor, dir deine Meinung zu nehmen“, rief er aus. „Aber ich muss dich vor dir selbst schützen. Mein Gott! Die Proklamation des Königs verbietet ausdrücklich aufrührerische Zusammenkünfte, Julianne. Sich vor der Proklamation solchen Aktivitäten hinzugeben war eine Sache, aber jetzt ist das etwas anderes.“

In gewisser Weise hat er recht, dachte sie. Sie bereute es, ihn einen Tory genannt zu haben. Es war kindisch. „Wie kommst du darauf, unsere Treffen aufwieglerisch zu nennen?“

„Weil ich dich schließlich kenne!“, rief er jähzornig. „Sich für jedermanns Menschenrechte einzusetzen ist eine wundervolle Sache, Julianne, aber wir befinden uns im Krieg! Ihr unterstützt die Regierung, gegen die wir kämpfen. Das ist Aufruhr, man könnte es sogar Hochverrat nennen.“ Seine grauen Augen funkelten. „Wir können Gott danken, dass wir in St. Just leben, wo sich außer den Zollfahndern kein Mensch um unsere Angelegenheiten schert.“

Julianne zuckte erschrocken zusammen. Sie dachte an den fürchterlichen Streit mit dem Hutmacher. „Wir setzen uns zusammen, um über den Fortgang des Krieges und die Ereignisse in Frankreich zu debattieren und die Ansichten von Thomas Paine zu verbreiten. Das ist alles“, versuchte sie zu beschwichtigen. Aber natürlich war ihr klar, dass sie alle wegen Aufruhr vor den Richter treten müssten, würde die Regierung sich die Mühe machen, ihren kleinen Club zur Kenntnis zu nehmen. Bislang wusste Whitehall nichts von seiner Existenz.

„Du schreibst an diese verfluchten Jakobiner in Paris, das brauchst du gar nicht abzustreiten. Amelia hat es mir erzählt.“

Julianne konnte nicht fassen, dass ihre Schwester ihr Vertrauen hintergangen hatte.

„Sie hat geschworen, es niemandem zu erzählen!“

„Auch sie will dich nur vor dir selbst beschützen! Du darfst nicht mehr zu diesen Zusammenkünften gehen. Und du musst aufhören, an die Jakobiner zu schreiben. Dieser Krieg ist eine sehr ernste und gefährliche Angelegenheit, Julianne. Jeden Tag sterben Menschen und das nicht nur auf den Schlachtfeldern in Flandern oder am Rhein. Sie sterben in den Straßen von Paris und in den Weinbergen auf dem Lande!“ Lucas’ Augen funkelten noch immer vor Wut, doch er mäßigte seinen Ton. „Ich habe in London vieles gehört. Solche revolutionären Treffen werden nicht länger geduldet werden, während unsere Männer auf dem Kontinent sterben und unsere Freunde in Scharen aus Frankreich fliehen.“

„Es sind deine Freunde, nicht meine.“ Julianne konnte kaum glauben, was sie eben gesagt hatte.

Lucas wurde rot vor Zorn. „Du würdest doch selbst niemals einen Menschen in Not abweisen! Und das selbst dann nicht, wenn es sich um einen französischen Aristokraten handeln sollte.“

Lucas hatte recht. Dennoch drückte Julianne das Rückgrat durch. „So leid es mir tut, Lucas, aber du kannst mich nicht herumkommandieren.“

„Aber sicher kann ich das. Du bist meine Schwester. Du bist erst einundzwanzig Jahre alt. Du lebst unter meinem Dach, ich bin für dich verantwortlich. Ich bin das Haupt dieser Familie. Und du tust gefälligst, was ich dir sage, und sei es nur dieses eine Mal in deinem ach so verantwortungslosen, unabhängigen Leben!“

Julianne wusste nicht, was sie tun sollte. Sollte sie ihrem Bruder hier in aller Öffentlichkeit die Stirn bieten? Was konnte er dagegen schon unternehmen? Er würde sie niemals von Greystone fortjagen oder ihr ihren Erbteil vorenthalten.

„Willst du dich mir etwa widersetzen?“ Lucas war fassungslos. „Nach allem, was ich für dich getan habe, nach allem, was ich dir für die Zukunft versprochen habe?“

Sie errötete. Lucas hatte recht. Jeder andere Vormund hätte sie längst in eine Ehe gezwungen. Lucas hingegen war zwar kein großer Romantiker, aber er wünschte seiner Schwester dennoch einen Werber, für den sie echte Gefühle aufbringen konnte. Er hatte ihr versichert, dass er sich nicht vorstellen konnte, sie an einen langweiligen alten Gutsbesitzer zu fesseln, der politischen Widerspruch für dummes Geschwätz hielt. Lieber sollte sie sich mit einem Mann verbinden, der ihren ungewöhnlichen Charakter und ihre offen ausgesprochenen Ansichten schätzte.

„Ich werde meine Prinzipien nicht aufgeben“, sagte sie schließlich. „Auch wenn du der beste Bruder bist, den es gibt!“

„Du brauchst mir nicht zu schmeicheln! Niemand will dich dazu bringen, deine Prinzipien aufzugeben. Ich bitte dich lediglich darum, dich künftig etwas diskreter zu verhalten. Solange wir uns im Krieg befinden, solltest du dich von diesen radikalen Vereinigungen fernhalten.“

Sie wusste, dass sie moralisch verpflichtet war, ihrem älteren Bruder zu gehorchen. Aber ob es ihr tatsächlich gelingen würde, seinem Wunsch zu folgen, wusste sie nicht. „Du bringst mich in eine schreckliche Lage“, sagte sie.

„Gut“, schnaufte er ruhig, „Aber deshalb habe ich den armen Wallach nicht über den ganzen Sprengel gejagt, um dich zu suchen. Wir haben einen Gast auf Greystone.“

Mit einem Mal waren all ihre Gedanken an ihre revolutionären Ideale verschwunden. Ein Gast war im Haus? Sie hatten nicht einmal Lucas erwartet, und nun war auch noch ein Fremder im Haus? Sie hatten nur eine Flasche Wein, die Gästekammern waren ebenso wenig gerichtet wie die Eingangshalle und der Salon und die spärlich gefüllte Speisekammer gab wenig her, um einen Gast zu überraschen. Aber Lucas wirkte so düster, dass alles andere in den Hintergrund trat „Lucas?“

„Jack hat ihn vor ein paar Stunden zu uns gebracht.“ Er drehte sich um und griff nach den Zügeln des Pferds. Mit dem Rücken zu ihr sagte er: „Ich weiß selbst nicht, wer er ist. Vermutlich ist es auch nur ein Schmuggler. Jedenfalls brauche ich dich im Haus. Jack ist auf dem Weg zum Arzt. Es steht schlimm um den armen Burschen. Er wird vermutlich sterben.“

Greystone kam in Sicht. Es war ein zweihundert Jahre alter Herrensitz aus hellem Stein mit hohen, gewundenen Schieferdächern, der auf einem fast weißen baumlosen Kliff lag, umgeben von kahler Moorlandschaft unter einem grauen freudlosen Himmel. Die gesamte Umgebung wirkte öde und verlassen.

Unterhalb von Greystone lag die kleine Siedlung Sennen Cove an der gleichnamigen Bucht. Die Leute hier lebten beinahe am südwestlichsten Vorsprung Englands, nur eine gute Meile von Land´s End entfernt, wo der Atlantik auf den Ärmelkanal trifft. Die wilden Geschichten, die man sich hier draußen von den Abenteuern, Triumphen und Missgeschicken der Schmuggler und Zollfahnder erzählte, waren teilweise wahr und teilweise Legende. Juliannes Familie hatte schon immer weggesehen, wenn Kisten voller unverzolltem Whisky, Tabak und Tee in der Bucht von ihren Freunden und Nachbarn an Land gebracht wurden. Stets taten sie so, als seien ihnen jedwede unerlaubte Tätigkeit vollkommen unbekannt. An manchen Abenden dinierte der in Penzance stationierte Zollagent mit seiner Frau und seinen Töchtern hier im Hause, trank den besten französischen Wein und erzählte seinen Gastgebern den neusten Klatsch, als wären sie die besten Freunde. An anderen Abenden brannte das Feuer im Leuchtturm, um die Schmuggler zu warnen, wenn die Staatsmacht im Anmarsch war. Jacks Schiff lag unten am Ufer vor Anker, und in der ganzen Bucht herrschte hektisches Treiben. Fässer und Kisten wurden eiligst in den Höhlen des Kliffs versteckt. Jack und seine Leute flüchteten in ihre Verstecke, während die britischen Soldaten zu Fuß die Klippen hinabstürmten und auf jeden schossen, der noch zu sehen war.

Julianne war schon als kleines Kind Zeuge von alledem geworden. Niemand in der ganzen Gegend hielt Schmuggeln für ein Verbrechen. Hier gehörte es einfach zum Leben dazu.

Ihre Beine und ihr Rücken schmerzten fürchterlich. Sie ritt nicht mehr sehr oft hoch zu Ross, schon gar nicht seitlich im Damensattel, aber in ihrem Musselinkleid blieb ihr nichts anderes übrig. Es war nicht leicht, bei dem scharfen Tempo auf dem gemieteten Gaul das Gleichgewicht zu halten. Lucas hatte ihr viele besorgte Blicke zugeworfen und ein paar Mal angeboten, eine Pause einzulegen. Doch da Julianne befürchtete, dass Amelia noch bei den Nachbarn war und sich der sterbende Fremde allein im Haus aufhalten könnte, hatte sie abgelehnt.

Während die beiden den mit zerstampften Muscheln ausgelegten Weg zum Haus hinauftrotteten, erblickte sie zuerst die beiden Pferde hinter den Ställen, die ein wenig vom Haus zurückgesetzt standen. Amelia war also doch wieder zu Hause.

Sie stiegen ab. Lucas ergriff ihre Zügel. „Ich kümmere mich um die Pferde.“ Er lächelte. „Morgen wird dir alles wehtun.“

Julianne verzog das Gesicht. „Mir tut jetzt schon alles weh.“

Lucas brachte die beiden Pferde zu den Ställen.

Julianne raffte ihre Röcke und eilte die Treppe hinauf. Das Haus war ein lang gezogenes Rechteck mit drei Stockwerken. Im obersten Stockwerk waren die Speicher und früher auch die Räume der Bediensteten, die sich die Familie nun nicht mehr leisten konnte. Die Eingangshalle bestand noch in ihrer ursprünglichen Form. Es war ein großer Raum, in dem früher Gäste bewirtet worden waren. Die Fußböden waren mit dunkelgrauem, die Wände mit einem helleren Stein der gleichen Art gemauert, und rechts und links hingen zwei Portraits ihrer Vorfahren sowie ein paar altertümliche Schwerter über Kreuz. Am einen Ende des Saals befand sich ein großer Kamin, vor dem zwei stattliche burgunderrote Sessel standen.

Julianne eilte durch die Halle, an einem kleinen Salon mit moderneren Möbeln, der düsteren Bibliothek und dem Esszimmer vorbei und schritt die schmale Treppe hinauf.

Dort traf sie Amelia. Sie hatte feuchte Tücher und einen Krug in der Hand. Die Schwestern hielten inne, als sie einander erblickten. „Wie geht es ihm?“, rief Julianne.

Amelia war so zierlich, wie Julianne groß war. Ihr dunkelblondes Haar war streng zurückgekämmt, ihr besorgter Gesichtsausdruck wich der Erleichterung. „Dem Himmel sei Dank, dass du wieder da bist. Weißt du, dass Jack einen Sterbenden hergebracht hat?“, fragte sie ungläubig.

„Das sieht Jack ähnlich! Und vermutlich ist er längst wieder weg. Lucas hat es mir erzählt. Er kümmert sich um die Pferde. Was kann ich tun?“

Amelia wandte sich abrupt um und stieg die Treppe wieder hinauf. Ihr ganzer Körper wirkte angespannt. Sie lief rasch einen dunklen Flur entlang, in dem weitere kaum erkennbare, bis zu zweihundert Jahre alte Familienportraits hingen. Die Wandleuchter brannten nicht. Lucas hatte sich vor Jahren in der elterlichen Schlafkammer eingerichtet, und auch Jack besaß sein eigenes Gemach. Nur Julianne und Amelia teilten sich eine Kammer, was beiden nichts ausmachte, da sie es nur zum Schlafen nutzten. Die einzige Gästekammer blieb meist unberührt, Gäste waren in Greystone eine Seltenheit.

Amelia blieb vor der offenen Tür des Zimmers stehen und warf Julianne einen besorgten Blick zu. „Doktor Eakins ist gerade gegangen.“

Durch die Fenster der Gästekammer blickte man auf die felsigen Strände der Bucht und hinaus auf den Atlantischen Ozean. Die tiefstehende Sonne tauchte die kleine Kammer in seichtes Licht. Neben dem Bett gab es einen Tisch mit zwei Stühlen, eine Kommode und einen Kleiderschrank. Julianne erschauderte, als sie den Mann auf dem Bett erblickte.

Ihr Herz pochte.

Der Fremde trug kein Hemd, nur das Betttuch bedeckte seine Hüften. Sie wollte ihn nicht anstarren, aber so, wie er dalag, blieb nicht viel der Fantasie überlassen. Er war sehr groß, dunkel und muskulös. Der Anblick eines Mannes mit bloßer Brust war ihr ungewohnt; erst recht eines Mannes, der so kräftig gebaut war.

„Gerade hat er noch auf dem Bauch gelegen. Er muss sich umgedreht haben, nachdem ich gegangen bin“, sagte Amelia. „Man hat ihm aus großer Nähe in den Rücken geschossen. Doktor Eakins sagte, er habe sehr viel Blut verloren. Er muss große Schmerzen haben.“

Julianne bemerkte seine blutbefleckten Kniebundhosen. Sie fragte sich, ob das Blut aus seiner Wunde stammte oder aus der eines anderen. Sie wollte nicht auf seine schlanken Hüften starren und nicht auf seine kräftigen Schenkel, deshalb zwang sie sich, in sein Gesicht zu blicken.

Ihr Herz klopfte. Der fremde Gast war ein sehr gut aussehender Mann. Seine Haut war sonnengebräunt, das Haar pechschwarz und seine Nase so gerade wie die eines Patriziers. Er hatte die Augen geschlossen.

Julianne wandte sich ab. Es war absurd, aber ihr Herz begann beim Anblick des Fremden zu rasen.

Amelia gab ihr den feuchten Lappen und den Krug und trat an seine Seite. Julianne sah auf und spürte, wie erhitzt ihre Wangen waren. „Atmet er noch?“, hörte sie sich fragen.

„Ich weiß nicht.“ Amelia berührte seine Stirn. „Um alles noch schlimmer zu machen, hat sich die Wunde entzündet, weil sie zuerst nicht richtig versorgt werden konnte. Doktor Eakins war nicht sehr zuversichtlich.“ Sie wandte sich ab. „Ich werde Billy hinunterschicken, damit er uns Salzwasser holt.“

„Er soll einen ganzen Eimer voll bringen“, sagte Julianne. „Ich setze mich derweil zu unserem Patienten.“

„Wenn Lucas hereinkommt, drehen wir ihn wieder um.“ Amelia eilte hinaus.

Julianne zögerte und starrte den Fremden an. Dann riss sie sich zusammen. Der arme Kerl lag im Sterben. Er brauchte ihre Hilfe.

Sie stellte den Krug auf den Tisch und trat näher. Vorsichtig setzte sie sich neben ihn. Ihr Herz raste schon wieder. Seine Brust hob sich nicht mehr. Julianne legte ein Ohr an seinen Mund, doch es dauerte einen Moment, bis sie den Hauch seines Atems spürte. Gott sei Dank war er noch am Leben.

„Pour la victoire.“

Sie richtete sich erschrocken auf und sah in sein Gesicht. Seine Augen blieben geschlossen, doch er hatte gerade etwas gesagt. Auf Französisch! Sie war sicher, dass er Auf den Sieg gesagt hatte.

Das war ein verbreiteter Ausruf unter den französischen Revolutionären, dabei wirkte der Fremde eher wie ein Edelmann. Julianne betrachtete seine Hände. Adelige hatten weiche, zarte Hände, seine Knöchel aber waren aufgerissen und blutverkrustet, die Handflächen schwielig.

Sie biss sich auf die Lippe. Die Nähe dieses Mannes war ihr unbehaglich. Vielleicht lag es daran, dass er beinahe nackt war oder an seiner überwältigenden Männlichkeit. Sie holte tief Luft, um die Anspannung zu lösen. „Monsieur? Êtes-vous français?“

Der Fremde rührte sich nicht. „Ist er aufgewacht?“, fragte Lucas hinter ihr.

Julianne drehte sich zu ihrem Bruder um. „Nein, aber er hat im Schlaf gesprochen. Er hat französisch gesprochen, Lucas.“

„Er schläft nicht, er ist bewusstlos. Amelia sagte, dass er fiebert.“

Julianne zögerte, dann wagte sie es, ihm die Hand auf die Stirn zu legen. „Er glüht.“

„Kannst du dich um ihn kümmern?“

Sie musterte ihren Bruder. Warum nur klang er so merkwürdig? „Natürlich kann ich das. Wir hüllen ihn in feuchte Tücher. Bist du sicher, dass Jack nicht gesagt hat, wer er ist? Ist er Franzose?“

„Jack weiß auch nicht, wer er ist.“ Lucas klang entschlossen. „Ich würde lieber hierbleiben, aber ich muss morgen zurück nach London.“

„Stimmt etwas nicht?“

„Es geht um einen neuen Vertrag für unsere Eisenerzmine. Aber ich lasse dich und Amelia nur ungern mit ihm allein.“ Er musterte den Mann auf dem Bett.

Julianne sah ihren Bruder abschätzend an und endlich blickte Lucas zurück. Er wirkte teilnahmslos, und Julianne gelang es nicht zu ergründen, was in seinem Kopf vorging. „Du glaubst doch nicht, dass er uns gefährlich werden könnte?“

„Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll.“

Julianne nickte und wandte sich wieder dem Verletzten zu. Irgendetwas an Lucas’ Stimme kam ihr merkwürdig vor. Sie fragte sich, ob ihr Bruder nicht doch wusste, wer ihr schwer verletzter Gast war, aber das wollte sie lieber nicht aussprechen. Sie sah sich noch einmal zu Lucas um, aber er war schon wieder verschwunden.

Julianne schüttelte den Kopf. Es gab nicht den geringsten Grund, ihr etwas vorzuenthalten. Wenn Lucas wüsste, wer dieser Mann war, würde er es ihr ganz sicher erzählen. Sie musste sich irren.

Julianne betrachtete den Fremden. Sie war ratlos, weil sie nicht in der Lage war, ihm zu helfen. Sie strich ihm eine dunkle Strähne aus dem Gesicht. Plötzlich warf er sich so heftig hin und her, dass er dabei ihren Schenkel berührte. Entsetzt sprang sie auf.

Er schrie: „Où est-elle? Qui est responsable?“

Wo ist sie? Wer hat das getan, übersetzte sie im Stillen. Er schlug noch heftiger um sich, und Julianne befürchtete schon, er könnte sich noch mehr verletzen, doch dann stöhnte er auf und sackte wieder in sich zusammen. Offenbar hatte der Fremde große Schmerzen.

Julianne setzte sich wieder auf die Bettkante und strich über seine glühende Schulter. „Monsieur, je m´appelle Julianne. Il faut que vous reposez maintenant.“

Der Mann atmete schwer, aber er bewegte sich nicht mehr. Sein Körper schien noch mehr zu glühen, aber das musste ihre Einbildung sein. Und dann begann er zu sprechen.

Für einen Augenblick glaubte sie, er wolle ihr etwas sagen. Aber er stieß seine Sätze so schnell und so wütend aus, so verzweifelt, dass er sich in einem Fieberwahn befinden musste.

„Bitte“, sagte sie sanft auf Französisch. „Sie haben Fieber. Bitte versuchen Sie zu schlafen.“

„Non! Nous ne pouvons pas nous retirer!“ Er war kaum zu verstehen, doch sie versuchte, hinter den Sinn seiner hastig ausgestoßenen Wörter zu kommen. Wir können jetzt nicht zurück, hatte er gesagt. Julianne zweifelte nicht mehr, dass er wirklich Franzose war. Kein Engländer könnte seine Sprache so akzentfrei sprechen. Kein Engländer würde im Fieberwahn eine Fremdsprache benutzen.

Julianne beugte sich vor, um ihn besser verstehen zu können. Aber er warf sich wieder heftig hin und her, rollte auf den Rücken, und schrie die ganze Zeit. Es waren wilde Flüche. Sie dürfen nicht zurückweichen. Sie können sich nicht zurückziehen. Ging es um eine Schlacht? Er schrie: Zu viele sind gestorben, aber sie mussten die Front halten! Nein, nein! Kein Rückzug! Haltet die Front! Für die Freiheit!

Julianne umklammerte seine glühende Schulter, während ihr die Tränen in die Augen stiegen. Ganz eindeutig durchlebte er noch einmal eine fürchterliche Schlacht, die er und seine Leute zu verlieren im Begriff waren. Konnte es sein, dass er ein Offizier der französischen Armee war?

„Pour la liberté!“, rief er. „Weiter, weiter!“

Sie streichelte seine Schulter, um ihn zu beruhigen.

Der ganze Fluss hat sich von Blut rot gefärbt. Zu viele mussten sterben. Der Priester ist tot. Sie konnten sich nicht halten. Der Tag war verloren!

Er weinte.

Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Noch nie hatte sie einen erwachsenen Mann weinen sehen. „Sie fiebern, Monsieur“, sagte sie zaghaft, „aber jetzt sind Sie in Sicherheit.“

Der Fremde lag schwer keuchend auf dem Bett. Seine Wangen waren tränennass und seine Brust glänzte vor Schweiß.

„Ich bin erschüttert über das, was Sie durchmachen mussten“, sagte sie. „Aber Sie sind nicht mehr auf dem Schlachtfeld. Sie sind in England, in meinem Heim. Hier sind Sie sicher, selbst wenn Sie Jakobiner sein sollten. Ich werde Sie verstecken und beschützen, das verspreche ich Ihnen!“

Der Fremde schien sich zu entspannen. Vielleicht war er eingeschlafen.

Julianne atmete tief ein. Er war ein französischer Offizier, da war sie ganz sicher. Er könnte sogar ein Edelmann sein, denn auch einige französische Adelige waren der Revolution zugetan und kämpften für die Republik. Er hatte eine furchtbare Niederlage erlitten, bei der viele seiner Männer gefallen waren. Diese furchtbare Erfahrung verfolgte ihn in seinem Fieber. Julianne litt mit ihm. Aber wie um alles in der Welt war der Fremde zu Jack gekommen? Jack hielt nicht viel von der Revolution, auch wenn er kein britischer Patriot war. Ihm war der Krieg nur recht, weil die Schmuggelei nun viel mehr Gewinn einbrachte als vor der Revolution.

Der Mann fühlte sich so heiß an. Sie strich ihm über die Brauen, doch plötzlich stieg Zorn in ihr auf. Wo blieb nur Amelia? Warum kam sie nicht endlich mit dem Salzwasser in die Kammer? „Sie brennen innerlich, Monsieur“, fuhr Julianne in seiner Muttersprache fort. „Sie müssen zur Ruhe kommen, damit Sie wieder gesund werden.“

Irgendwie mussten sie das Fieber senken. Sie tauchte das Tuch in den Krug und legte es ihm um Schultern und Hals. Dann befeuchtete sie ein weiteres Tuch.

„Zumindest liegen Sie jetzt ruhig“, sagte sie sanft und merkte dann erst, dass sie in ihre Muttersprache gefallen war. Sie wiederholte den Satz auf Französisch und legte ihm das kühle Tuch auf die Brust. Ihr Puls beschleunigte sich.

Kaum hatte sie das feuchte Tuch losgelassen, als er plötzlich mit großer Kraft ihr Handgelenk packte. Sie schrie entsetzt auf und sah ihm schnell ins Gesicht.

Grüne Augen starrten sie wütend an.

„Êtes vous reveillé?, japste sie ängstlich. Sind Sie aufgewacht?

Er ließ sie nicht los, doch sein Griff lockerte sich, und sein Blick wurde sanfter. „Nadine?“, wisperte er rau.

Wer war Nadine? Natürlich, es musste seine Gattin sein, oder die Dame, der sein Herz gehörte. Sie konnte kaum sprechen. Sie leckte mit ihrer Zunge über ihre Lippen. „Monsieur, Sie sind im Kampf verwundet worden. Ich bin Julianne. Ich werde Ihnen helfen.“

Sein Blick war immer noch fiebrig und verschwommen. Weiter ihr Handgelenk umklammernd, streckte er plötzlich die andere Hand nach ihrer Schulter aus.

Vor Schmerz zuckte er zusammen, doch sein Blick flackerte nicht. Ein seltsamer Glanz lag in seinen Augen, der ihr den Atem raubte.

Er lächelte ein wenig. „Nadine.“ Sein starker Arm legte sich um ihre Schulter, die Hand in ihren Nacken. Bevor sie etwas sagen konnte, zog er ihr Gesicht bereits zu sich herab.

Schockiert begriff sie, dass er sie küssen wollte!

Sein Lächeln war unendlich verführerisch, voller Versprechen und Selbstvertrauen. Und dann trafen seine Lippen auf die ihren.

Julianne schnappte nach Luft, wagte aber nicht, sich ihm zu entziehen. Stattdessen ließ sie reglos zu, dass er sie küsste. Ihr Herz raste, ihr ganzer Körper zog sich zusammen. Ein ungekanntes Begehren breitete sich in ihr aus.

So etwas hatte sie noch nie zuvor empfunden.

Sie spürte, wie er wieder von ihr abließ. Seine Lippen bewegten sich nicht mehr. Julianne atmete schwer. Plötzlich wurde sie sich des Feuers bewusst, das in ihr loderte. Nach einiger Zeit wurde ihr klar, dass er wieder bewusstlos geworden war.

Julianne setzte sich auf. Sie stand unter Schock. Ihre Gedanken rasten. Er hatte sie im Fieberwahn geküsst! Er war nicht bei sich, wusste nicht, was er da tat!

Aber spielte das überhaupt eine Rolle?

Er hatte sie geküsst, und dieser Kuss hatte in ihr Gefühle geweckt, die sie niemals für möglich gehalten hätte.

Und er war ein französischer Offizier, ein Held der Revolution.

Sie betrachtete ihn. „Wer immer Sie auch sind, Sie werden hier nicht sterben. Das lasse ich nicht zu“, sagte sie.

Er lag so still da, als wäre er bereits gestorben.

2. KAPITEL

Es waren Dutzende aufgebrachte Männer, die wütend schrien und ihre Fäuste drohend in den Himmel reckten. Er wusste sofort, er musste fliehen. Doch als er loslaufen wollte, änderte sich das Kopfsteinpflaster unter seinen Füßen. Der Boden war rot. Tiefrot. Und plötzlich begriff er, dass er in einem Strom aus Blut watete!

Als die prächtigen Pariser Gebäude aus seinem Blickfeld verschwanden, schrie er auf. Überall lagen jetzt schreiende, sterbende Männer in ihrem Blut. Er war überwältigt von so viel Furcht und Schrecken.

Und dennoch wusste er plötzlich, dass er aufwachen musste.

Unter seinen Händen spürte er weder Dreck noch Blut, sondern weiche Baumwolle. Er verdrängte die Erinnerung und sah Nadine vor sich auf dem Bett. Sie lächelte ihn mit glänzenden Augen an. Hinter ihr leuchtete der Vollmond. Gerade hatte er sie geküsst, doch halt, das konnte nicht stimmen, denn Nadine war tot.

Nadine war tot, und er lag in einem Bett. Wo um alles in der Welt war er?

Dominic war völlig ausgelaugt, aber langsam begriff er, dass er geträumt haben musste. Seine Erinnerungen waren noch immer ganz verworren, und Angst und Entsetzen breiteten sich wieder aus, doch er bekämpfte die aufsteigende Panik. Er musste einen klaren Kopf bekommen. Schließlich ging es hier um Leben oder Tod.

In Frankreich war er nicht mehr sicher.

Jemand wusste, wer er wirklich war.

Er erinnerte sich, dass er gleich vor Michels Quartier in einen Hinterhalt geraten war. Sein ganzer Körper verkrampfte sich. Auf einmal kamen alle seine Erinnerungen an die letzten anderthalb Jahre mit Macht zurück. Er war hinüber nach Frankreich gefahren, um seine Mutter und seine Verlobte in den Wirren der Revolution zu finden und sie sicher heim nach England zu bringen. Nadine hatte er nicht finden können, aber seine Mutter, die sich in einem Verschlag über einer Bäckerei versteckte. Ihr Stadthaus war zerstört. Als er sie sicher auf dem Schiff von Le Havre nach England wusste, war er nach Paris zurückgekehrt, um Nadine zu suchen.

In Frankreich zu bleiben, um für sein Vaterland zu spionieren, war ihm nie in den Sinn gekommen. Zwar war seine Mutter Catherine Fortescue Französin, doch sein Vater, der Earl of Bedford, war Engländer durch und durch. Dominic Paget war auf dem Anwesen der Familie in Bedford geboren worden. Als einziger Sohn der Familie hatte er eine Ausbildung in Eton und Oxford genossen und nach dem Tod des Vaters Titel und Besitz geerbt. Obwohl er seinen Sitz im Oberhaus einige Male im Jahr mit den anderen Lords einnahm, hatte ihn die Politik nie sonderlich interessiert. Er fühlte sich seinem Land zwar verpflichtet, behielt aber vor allem die Interessen seiner Grafschaft Bedford im Auge. Deshalb hatte er es auch vor einigen Jahren abgelehnt, einen Sitz im Kabinett des Premierministers Pitt zu übernehmen.

Was mit Nadine geschehen war, hatte er nicht herausfinden können. Man hatte sie zuletzt gesehen, als das Haus seiner Mutter von tobenden Massen zerstört worden war. Catherine befürchtete, sie sei zu Tode getrampelt worden. Nach seiner Rückkehr nach Großbritannien war er von den Ereignissen der Revolution in Frankreich so beunruhigt, dass er sich mit anderen hohen Adeligen traf, um über die Folgen zu beraten. Unter ihnen war auch der konservative Historiker Edmund Burke, der über zahlreiche Beziehungen zu wichtigen Politikern verfügte. Was Dominic bei seinem Aufenthalt in Frankreich eher beiläufig aufgeschnappt hatte, verunsicherte Burke dermaßen, dass er ihn dem Premierminister vorstellte. Aber es war schließlich Sebastian Warlock, der ihn überredete, erneut nach Frankreich zu reisen, um zu spionieren.

Es war unmöglich festzustellen, wer letztendlich hinter die wahre Identität von Jean-Jacques Carre gekommen war. So hatte er sich in Frankreich genannt. Es konnte jeder Pariser Bürger gewesen sein, den er getroffen, oder auch ein anderer Spion, der sich unter Michels Offiziere geschmuggelt hatte. Doch irgendwer hatte herausbekommen, dass Jean-Jacques Carre weder ein Druckereibesitzer noch Jakobiner war, sondern ein englischer Agent.

Dominic verkrampfte sich immer mehr. Er war beängstigend schwach und daher verwundbar. Bei jedem Atemzug schossen die Schmerzen wie Nägel durch seinen Rücken.

War er Feinden in die Hände gefallen, oder hatten Freunde ihn gerettet?

Befand er sich noch in Frankreich?

Als er ganz zu Bewusstsein kam, stellte er fest, dass er nicht gefesselt war. Vorsichtig öffnete er die Augen gerade so weit, dass er durch seine dichten schwarzen Wimpern linsen konnte.

Er achtete darauf, den Rhythmus seines Atems nicht zu verändern. Außer den Augenlidern rührte er keinen Muskel. Dominic spürte, dass er nicht allein war. Wer immer sich in seiner Nähe befand, sollte annehmen, er würde noch schlafen.

Undeutlich konnte er die Umrisse einer kleinen Schlafkammer erkennen. Er erahnte eine Kommode, ein Fenster. Der Duft von Seetang und salziger Luft drang in seine Nase.

Er war ganz in der Nähe einer Küste. Aber welcher Küste?

Er versuchte, sich an möglichst viele Ereignisse der letzten Zeit zu erinnern. Hatte er nur geträumt, dass er längere Zeit auf einem Fuhrwerk liegend durch die Nacht gefahren war? Hatte er das gemächliche Schaukeln eines Schiffs, das Knarzen der Masten und das Flattern der Segel geträumt? Was war mit ihm geschehen, seit er verwundet worden war? Verschwommene Bilder tauchten vor seinem inneren Auge auf, darunter das von einer Frau mit tizianrotem Haar, die sich über ihn beugte, ihn säuberte und sich um ihn sorgte.

Plötzlich tauchte genau diese Frau tatsächlich in seinem Blickfeld auf. Er erkannte das rotbraune Haar, das blasse Gesicht und das elfenbeinfarbene Kleid.

„Monsieur?“, flüsterte sie.

Auch der Klang ihrer Stimme war ihm vertraut. Es war kein Traum, sie hatte sich wirklich um ihn gekümmert.

Doch das musste noch lange nicht heißen, dass sie Freundin und Verbündete war. Könnte er sich verteidigen, wenn es notwendig werden sollte, vielleicht sogar fliehen? Er war so erschöpft und so schwach! Wer war diese Frau und warum war sie bei ihm? Gehörte sie zu Michels Leuten? Wie war er in ihre Obhut gelangt? Er war nicht sicher, ob er einfach abwarten sollte. Früher oder später musste sie den Raum einmal verlassen, dann konnte er herausfinden, in was für einer Lage er sich befand. Zunächst musste er diesen Raum durchsuchen, dann nach Möglichkeit das ganze Haus. Er musste feststellen wo er überhaupt war. Und er brauchte dringend eine Waffe, mit der er sich verteidigen konnte.

Andererseits war diese Frau hier bestimmt nicht allein. Hier mussten noch andere Menschen leben. Wenn sie die Kammer verließ, wurde vielleicht nach jemand anderem geschickt, der auf ihn aufpassen sollte. Vielleicht sogar nach einem Mann.

Dominic öffnete die Augen ganz und blickte in die verblüfften grauen Augen der Frau.

Sie saß auf einem Stuhl, den sie an sein Bett gezogen hatte, mit einer Schreibtafel auf dem Schoß und einem Federkiel in der Hand. Sie flüsterte: „Monsieur, vous êtes reveillé?“

Er wollte ihr nicht antworten, jedenfalls noch nicht. Stattdessen sah er sich schnell um. Er lag in einem schmalen Bett und erkannte den Raum nicht wieder. Es war nur eine bescheidene, einfach eingerichtete Kammer, aber es war nicht feststellbar, ob sie sich im Hause eine Edelmanns oder eines Bürgerlichen befand. Falls Ersteres zutraf, musste die Familie verarmt sein.

Durch das einzige Fenster drang Tageslicht herein. Es musste früher Nachmittag sein. Das Licht war grau und schwach, ganz anders als der strahlende Sonnenschein des Sommers im Tal der Loire.

Wie war er nur hierhergekommen? Seit er bei Nantes angeschossen worden war, konnte er sich an gar nichts mehr erinnern. Er wusste nur, dass er sich an einer Küste befand, doch an welcher? War er in Le Havre oder in Brest, in Dover oder Plymouth? Selbst wenn er in England sein sollte, musste er seine wahre Identität bewahren. Niemand durfte erfahren, dass er in Wahrheit ein britischer Spion war.

Aber sie hatte ihn auf Französisch angesprochen.

Nun sagte sie erneut etwas. Er musterte sie regungslos, während sie ihre Frage wiederholte. „Mein Herr, sind Sie erwacht?“

Sie sah ihn fragend an. Ein leichter Akzent in ihrem Französisch war unüberhörbar. Er war fast sicher, dass sie Engländerin war. Darüber sollte er erleichtert sein, doch die Tatsache, dass sie Französisch sprach, gefiel ihm nicht. War sie vielleicht zur Hälfte Französin, so wie er selbst? Oder hielt sie ihn aus irgendeinem Grund für einen Franzosen? War er ihr schon einmal als Jean-Jacques Carre begegnet? Kannte sie die Wahrheit oder auch nur einen Teil davon? Auf welcher Seite stand sie? Wenn er sich doch nur an irgendetwas erinnern könnte!

Und wieso lag er splitternackt unter der Decke?

Plötzlich stand sie auf. Er betrachtete sie vorsichtig, während sie durch die Kammer schritt. Ihre Figur war ansprechend, aber das interessierte ihn nicht sehr. Sie könnte eine Verbündete sein, aber auch eine Feindin. Auf jeden Fall würde er tun, was immer notwendig sein sollte, um zu überleben. Sie zu verführen war durchaus eine Möglichkeit.

Die Frau legte die Tafel und das Papier auf den Tisch und steckte den Federkiel in ein kleines Tintenfass. Sie ergriff ein Tuch und tunkte es in einen Wasserkrug. Ein verschwommenes Bild tauchte vor seinem inneren Auge auf, wie diese Frau sich über ihn beugte und das Tuch auf seine Brust legte. Er sah ihr Gesicht ganz nah bei seinem, als er die Lippen öffnete, um sie zu küssen.

Er hatte sie tatsächlich geküsst. Da war er ganz sicher.

Plötzlich musterte er sie mit größerem Interesse. Was war zwischen ihnen vorgefallen? Und konnte ihm das von Nutzen sein?

Die Fremde trat wieder zu ihm ans Bett. Ihr Gesicht war blass bis auf zwei hellrosa Flecken auf den Wangen. Sie setzte sich und wrang den Lappen aus. Er ließ sie nicht aus den Augen und wartete ab, was sie als Nächstes tun würde. Sein Körper verkrampfte sich.

In Frankreich hatte er jeden Tag dem Tode ins Auge gesehen und dabei sämtliche Tugenden verloren, die man ihn einst gelehrt hatte. Sehr viele Französinnen hatten das Bett mit ihm geteilt, einige waren hübsch gewesen, andere nicht, und nur von wenigen hatte er den Namen gewusst. Er konnte sich an keinen mehr erinnern. Das Leben war viel zu kurz und tugendhaftes Verhalten in Zeiten des Krieges und der Revolution ein sinnloses Unterfangen.

Die Bilder, mit denen er erwacht war, verfolgten ihn. Er sah wieder die aufgebrachte Menge, die Blutlachen auf der Straße und den blutroten Fluss in Saumur. Er hatte mit ansehen müssen, wie eine ganze Familie geköpft worden war, ein Priester war in seinen Armen verschieden. Seine Moral war längst gestorben, vielleicht mit Nadine. Geschlechtsverkehr war ein flüchtiges Vergnügen, ein kurzes Entrinnen vor dem drohenden Tod.

Schon morgen könnte ihm jemand nach dem Leben trachten.

Schon morgen könnte ihn eine wütende Menge aus diesem Haus zerren und mit Steinen zu Tode prügeln oder in Ketten am grölenden Mob vorbei zur Guillotine führen.

Die Fremde lächelte und legte ihm sanft das kühle Tuch auf die Stirn.

Er zuckte zusammen, was ihn genauso überraschte wie sie. Dann ergriff er ihr Handgelenk. Qui êtes vous?“ Wer sind Sie? Sie hatte ihn auf Französisch angesprochen, also nutzte auch er diese Sprache. Solange er nicht wusste, wo er war und wer sie war, würde er ihrem Beispiel folgen.

Sie schnappte nach Luft. „Monsieur, Sie sind wirklich aufgewacht! Ich bin ja so froh!“

Er ließ sie nicht los, sondern zog sie näher an sich heran, während sein Herz furchtsam schlug. „Wer sind Sie? Wo bin ich?“

Die Frau schien wie erstarrt. Ihre Gesichter berührten sich fast. „Mein Name ist Julianne Greystone, Monsieur. Ich bin da, um Sie zu versorgen. Sie befinden sich im Haus meiner Familie. Sie sind in Sicherheit.“

Er musterte sie, ohne seine Hand von ihrem Handgelenk zu lösen. Wenn sie von seiner Sicherheit sprach, musste sie von seinen Aktivitäten wissen. Warum sonst sollte sie erwähnen, dass ihm anderswo Gefahr drohte? Und von wem sollte diese Gefahr ihrer Ansicht nach ausgehen? Von den Jakobinern? Von einer anderen Person, vielleicht sogar vom Auftragsmörder in Nantes?

Oder glaubte sie, seine eigenen Leute seien hinter ihm her? Hielt sie ihn für einen Franzosen, der sich vor den Briten verbergen musste?

Lag das Haus ihrer Familie in Frankreich oder in England? Warum sprach sie immer noch Französisch?

Die Frau fuhr sich mit ihrer Zunge über ihre Lippen. „Fühlen Sie sich etwas besser? Ihr Fieber ist zurückgegangen, aber Sie sind immer noch sehr blass, Monsieur.“

Dominic kämpfte einen Schwindelanfall nieder. Er fühlte sich so verflucht schwach. Er ließ sie los, aber er bedauerte es nicht, ihr zu nahe gekommen zu sein. Er wollte, dass sie nervös und unsicher war, denn dann konnte er sie leicht beeinflussen.

„Mir geht es nicht gut, Mademoiselle. Der Rücken schmerzt, aber sonst fühle ich mich besser.“

„Man hat Ihnen in den Rücken geschossen, Monsieur. Es war sehr ernst“, sagte sie sanft. „Sie waren sehr krank. Wir haben um Ihr Leben gebangt.“

„Wir?“

„Meine Schwester, meine Brüder und ich.“

Also sind auch Männer im Haus, dachte Dominic. „Und Sie alle haben sich um mich gekümmert?“

„Meine Brüder sind nicht da. Die meiste Zeit habe ich mich um Sie gekümmert, Monsieur, aber meine Schwester Amelia hilft mir, wenn sie sich nicht um Momma kümmern muss.“ Sie errötete.

Er war hier allein mit drei Frauen.

Das erleichterte ihn ein wenig. Natürlich konnte er aus dieser Situation einen Vorteil ziehen. So schwach er auch noch war, er würde bestimmt eine Waffe finden, und drei Frauen konnten ihm nicht viel anhaben. „Dann sieht es so aus, als stünde ich ganz in Ihrer Schuld, Mademoiselle.“

Julianne errötete und sprang auf die Füße. „Das ist doch Unsinn, Monsieur.“

Dominic musterte sie. Offenbar ist sie sehr empfänglich für Verführungsversuche, dachte er. „Haben Sie Angst vor mir, Mademoiselle?“, fragte er leise. Sie wirkte wirklich sehr nervös.

„Nein! Natürlich nicht!“

„Das ist gut. Dazu haben Sie auch gar keinen Grund.“ Er lächelte müde. Sie hatten einander geküsst. Womöglich hatte sie ihn auch entkleidet. War das der Grund ihrer Nervosität?

Julianne biss sich auf die Unterlippe. „Sie haben große Qual durchlitten. Ich bin erleichtert, dass es Ihnen wieder besser geht.“

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