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Die heimliche Hochzeit

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1. KAPITEL

Colly war ihm zum ersten Mal nach der Beisetzung ihres Vaters begegnet, und sie hatte nicht erwartet, ihn wiederzusehen. Doch jetzt stand er vor ihr, groß, dunkelhaarig und etwa Mitte dreißig – genau so, wie sie ihn in Erinnerung hatte.

Colly hatte seinerzeit nicht feststellen können, wer er war. Ihre nur fünf Jahre ältere Stiefmutter hatte ihn völlig mit Beschlag belegt, als sie nach der Feier vor dem Krematorium gewartet hatten. Noch jetzt hörte sie deutlich ihre drängenden Worte:

„Sie müssen einfach mitkommen und zu Hause eine Erfrischung zu sich nehmen.“

Er hatte Nanettes Einladung höflich abgelehnt und zu Colly hingesehen, als wollte er ihr sein Beileid aussprechen, aber sie war von jemand anderem aufgehalten worden und hatte nicht weiter reagiert. Diesmal ließ sich ein Gespräch nicht vermeiden.

„Silas Livingstone“, stellte er sich vor. „Ich weiß, Sie waren mit Mr. Blake verabredet, aber der ist leider unabkömmlich. Wenn Sie zehn Minuten warten können, werde ich Sie an seiner Stelle empfangen.“

„Soll ich vielleicht ein anderes Mal wiederkommen?“ Colly fragte das nur der Form halber. Sie war schon jetzt aufgeregt genug und bezweifelte, dass sie den Mut finden würde, eine neue Verabredung zu treffen.

„Das ist wirklich nicht nötig“, erklärte Mr. Livingstone. „In wenigen Minuten stehe ich Ihnen zur Verfügung.“ Damit verschwand er in seinem angrenzenden Büro.

Colly wandte sich an die Sekretärin, die etwa Ende dreißig war und einen äußerst kompetenten Eindruck machte. „Soll ich vielleicht woanders warten?“

„Lieber nicht.“ Ellen Rothwell lächelte nun freundlich. „Mr. Livingstone ist sehr beschäftigt. Wenn er Sie trotzdem empfängt, sollten Sie möglichst in der Nähe bleiben und ihn keinesfalls warten lassen.“

Colly erwiderte das Lächeln, sagte aber nichts. Es war ihr peinlich genug, dass Vernon Blakes Sekretärin allen anderen Bewerberinnen telefonisch abgesagt hatte. Sie hatte auch bei Colly angerufen, aber Nanette hatte erklärt, Miss Gillingham sei nicht zu sprechen, und ihr den Anruf verschwiegen.

Colly wusste, dass ihre Stiefmutter gemein sein konnte, und diese neuerliche Erfahrung bestärkte sie nur in dieser Überzeugung. Doch es hatte keinen Sinn, darüber nachzudenken. Sie musste sich auf das bevorstehende Gespräch konzentrieren.

Vernon Blake war der europäische Direktor von „Livingstone Developments“ und suchte eine mehrsprachige Sekretärin mit Berufserfahrung. Das in Aussicht gestellte Gehalt war mehr als verlockend, und da Nanette ihre Stieftochter nicht im Haus behalten wollte, brauchte Colly einen Job, um finanziell unabhängig zu sein.

So hatte sie wenigstens spekuliert, als sie auf die Anzeige gestoßen war. „Mehrsprachige erfahrene Sekretärin …“ Was sollte daran eigentlich so schwer sein? Colly konnte gut tippen und hatte einmal in Französisch und Italienisch brilliert. Ihre Spanisch- und Deutschkenntnisse konnten sich damit nicht messen, aber was gab es an jemandem auszusetzen, der vier verschiedene Sprachen beherrschte?

Erst als sie Ellen Rothwell eine Weile beobachtet hatte, wurde ihr klar, dass doch mehr von einer guten Sekretärin gefordert wurde. Sie musste ständig Anrufe entgegennehmen, sich in Kurzschrift Notizen machen und vor allem den Eindruck erwecken, dass es keine unlösbaren Probleme gab. Hier schien die eigentliche Aufgabe zu liegen, und Colly musste zugeben, dass sie darin keinerlei Erfahrung besaß.

Fast wäre sie aufgestanden, um sich zu verabschieden, aber die Aussicht auf das fabelhafte Gehalt ließ sie zögern. Sie hatte bald kein Zuhause mehr und brauchte daher dringend einen gut bezahlten Job, um sich allein über Wasser zu halten. Es tat weh, dass ihr Vater sein Testament so abgefasst hatte. Seine achtundzwanzigjährige Witwe hatte alles geerbt, während seine Tochter leer ausging. Natürlich konnte er sein Geld und seinen Besitz vermachen, wem er wollte, aber Colly war damit über Nacht heimat- und mittellos geworden, obwohl sie ihrem Vater sieben Jahre lang den Haushalt geführt hatte.

Vor zwei Jahren hatte der misslaunige und sauertöpfische Joseph Gillingham plötzlich Interesse an der neuen Empfangsdame seines Clubs gezeigt. Er fing an, sich mehr zu pflegen und besser zu kleiden, was Colly anfangs begrüßte. Doch dann tauchte die blonde Nanette persönlich auf – vierzig Jahre jünger als ihr Verehrer, sehr schick und sehr zielstrebig.

„Ich habe so darauf gewartet, dich kennen zu lernen“, flötete sie. „Joey hat mir schon viel von dir erzählt.“

Joey! Der gestandene Joseph Gillingham hieß plötzlich Joey! Aus Rücksicht auf ihn nahm Colly Nanette freundlich auf und übersah wohlwollend, dass sie sich im Haus umsah, als nähme sie heimlich das Inventar auf.

Collys Hoffnung, ihr Vater würde seine Unvernunft nicht zu weit treiben, hielt sich eine Weile, bis Nanette ihr eines Tages einen prächtigen Smaragdring zeigte und dabei stolz verkündete: „Wir werden heiraten.“

Irgendwie brachte Colly einen Glückwunsch zu Stande. Sie bot an, sich eine andere Wohnung zu suchen, doch das führte zu heftigem Protest.

„Von Haushaltsführung verstehe ich nicht so viel“, beteuerte Nanette und schnippte dabei mit den Fingern. „Du musst unbedingt weiter für uns sorgen. Habe ich nicht recht, Darling?“

„Und ob du recht hast“, stimmte Joseph gut gelaunt zu. „Dafür bekommt Colly weiter ihr Taschengeld.“ Der Blick, den er dabei mit Nanette tauschte, machte Colly deutlich, dass er die Summe vorher mit ihr abgestimmt hatte. Sie war bescheiden genug und ging zum großen Teil für den Haushalt drauf, über dessen Kosten sich Joseph keineswegs im Klaren war.

Die Hochzeit fand statt, und Colly sorgte weiter für den Haushalt. Nanette spielte die Hauskatze. Joseph gegenüber war sie lieb und anschmiegsam, aber wenn er es nicht merkte, zeigte sie Colly die Krallen. Sie hatte einen bösartigen Charakterzug, und sehr bald stellte sich heraus, dass sie ihrem „lieben Joey“ keineswegs treu war. Sie suchte laufend männliche Bekanntschaften, und wenn Colly zufällig ans Telefon ging, hieß es regelmäßig: „Nanette?“ oder „Hallo, Darling?“

„Ich bin nicht Nanette“, lautete jedes Mal ihre Antwort. Dann hängte der Anrufer entweder wortlos ein oder gab vor, die falsche Nummer gewählt zu haben.

Im Lauf der Monate veränderten sich die Anrufe. Die Männer wurden deutlicher, und einmal balzte einer mit rauchiger Stimme: „Wer war das sündhafte Geschöpf, das die Ohrringe unter meinem Kopfkissen zurückgelassen hat, um mir Qualen der Sehnsucht zu bereiten?“

Colly knallte den Hörer auf. Nanette hatte vorgegeben, den Abend bei einer Freundin zu verbringen, die sie trösten müsse, aber in Wirklichkeit hatte sie einen Mann besucht.

Als Nanette eine Stunde später vom Einkaufen kam, zögerte Colly nicht, sie mit dem Anruf zu konfrontieren.

„Die Ohrringe, die du gestern Abend getragen hast, liegen unter seinem Kopfkissen“, bemerkte sie frostig.

„Ah!“, antwortete Nanette, ohne die geringste Verlegenheit zu zeigen.

„Schämst du dich denn gar nicht?“, fragte Colly empört.

Nanette setzte ihre Taschen ab. „Wofür?“

„Mein Vater …“

„Ja? Was ist mit ihm?“

Das war zu viel für Colly. Sie konnte ihre Stiefmutter nur noch mit offenem Mund anstarren.

„Du sagst ihm doch nichts?“, fragte Nanette schmeichelnd.

„Und wenn ich es doch tue?“

„Dann machst du ihn nur unglücklich.“

Damit hatte Nanette recht. Joseph war nie ein glücklicher Mensch gewesen, aber seit der Hochzeit erschien er wie verwandelt. „Er würde aus allen Wolken fallen“, gab Colly zu.

„Halte das, wie du willst.“ Nanette nahm die Taschen wieder auf, ohne die geringste Regung zu zeigen. „Ich habe ihm schon unter Tränen mitgeteilt, wie hässlich du zu mir bist. Wem von uns würde er wohl glauben?“

Am Ende brachte Colly es nicht fertig, ihrem Vater die Wahrheit zu sagen. Nicht, weil er ihr vielleicht nicht geglaubt hätte, sondern weil sie ihm sein neues Glück nicht zerstören wollte.

So verging ein Jahr, und Josephs Verehrung für seine zweite Frau nahm eher noch zu. Nanette war vorsichtig und behandelte ihn so geschickt, dass er nicht merkte, wie sie von einer Affäre in die nächste taumelte. Erst sechs Monate vor seinem tödlichen Herzinfarkt schien sich das Verhältnis abzukühlen. Joseph behandelte Nanette nicht mehr mit derselben Hingabe und zog sich mehr und mehr in sein Arbeitszimmer zurück. Er war ein weithin anerkannter Architekt gewesen, und Schüler und Kollegen holten sich weiterhin gerne Rat bei ihm.

Und dann, ganz plötzlich, ereilte ihn der Tod. Colly wollte es zuerst nicht glauben, aber der Arzt versicherte, dass ihr Vater unter starken Herzbeschwerden gelitten habe und durch nichts zu retten gewesen sei.

Sie stand immer noch unter Schock, als Nanette am nächsten Tag zu ihr kam und ihr das Testament zeigte, das sie unter Josephs Papieren gefunden hatte. Es stammte aus den ersten Wochen nach der Hochzeit und war seitdem nicht geändert worden.

„So ein Schatz!“, verkündete Nanette triumphierend. „Er hat mir alles hinterlassen.“ Ohne eine Spur von Bedauern fügte sie hinzu: „Armes Kind. Du gehst völlig leer aus.“

Das war der nächste schwere Schlag für Colly gewesen. Natürlich hatte sie erwartet, dass Nanette ihren Ehemann beerben würde, aber gar nichts zu bekommen erschien ihr doch etwas ungerecht. Und dabei blieb es nicht, denn zwei Tage später erschien Nanette in Collys Schlafzimmer und erklärte unverblümt: „Ich fürchte, du musst dir eine andere Wohnung suchen.“

„Ich würde nicht im Traum daran denken, dir hier noch länger lästig zu fallen“, antwortete Colly, deren alte Welt nun vollends in Trümmern lag.

Nanette rümpfte die Nase. „Gut, dann verstehen wir uns. Bis zur Beerdigung kannst du noch bleiben, aber danach verschwindest du.“

Sie ging, und Colly sah ihr fassungslos nach. Es dauerte eine Weile, bis sie wieder klar denken konnte, und auch dann fiel ihr nur Onkel Henry ein.

Henry Warren war kein Blutsverwandter, sondern nur ein guter Freund des Hauses, der den Titel „Onkel“ ehrenhalber trug. Colly kannte ihn, seit sie denken konnte. Er war so alt wie ihr Vater, hatte sich kürzlich aus seiner Anwaltskanzlei zurückgezogen und befand sich seitdem auf Reisen. Colly hatte keine Möglichkeit gesehen, ihm Joseph Gillinghams Tod mitzuteilen. Die Freunde hatten sich seit Josephs zweiter Heirat seltener gesehen, und wenn Joseph juristischen Rat gesucht hatte, war er zu anderen Anwälten gegangen, weil sich Freundschaft und Geschäft seiner Meinung nach nicht vertrugen.

Colly hätte sich in ihrer Not nur zu gern an Onkel Henry gewandt, aber er schwirrte in der Welt umher, und außer ihm gab es niemanden, den sie um Rat fragen konnte. Kein Vater, kein Onkel Henry und eine böse Stiefmutter, die sie los sein wollte. Es gab keinen andern Ausweg. Sie musste sich selber helfen.

Mit dieser traurigen Erkenntnis verband sich die Tatsache, dass sie fast kein Geld besaß – jedenfalls nicht genug, um länger als eine oder höchstens zwei Wochen eine Unterkunft bezahlen zu können. Und das auch nur, falls die Preise auf dem Wohnungsmarkt stabil geblieben waren …

All das schwirrte Colly durch den Kopf, als sie bei der Beisetzungsfeier Silas Livingstone begegnete. Sie kannte ihn nicht, aber es fiel ihr auf, dass sich Nanette, die krampfhaft die trauernde Witwe spielte, peinlich auffällig um ihn bemühte. Er hatte ihre Aufforderung „noch auf eine Erfrischung mitzukommen“, höflich abgelehnt und war in Begleitung eines ebenso großen älteren Herrn zu seinem Auto gegangen.

Inzwischen wusste Colly etwas mehr über „Livingstone Developments“, und sie wunderte sich nicht mehr, dass die Firma einen Vertreter zur Beerdigung ihres Vaters geschickt hatte. Es waren noch andere Baufirmen vertreten gewesen, um Joseph Gillingham die letzte Ehre zu erweisen. War sie darum kühn genug gewesen, sich um den Posten einer Sekretärin zu bewerben, obwohl sie noch nie in einem Büro gearbeitet hatte?

Colly erwachte aus ihren Erinnerungen. Je länger sie Ellen Rothwell beobachtete, desto verrückter kam sie sich vor. Wenn das Sekretärinnenarbeit war, hatte sie hier nichts zu suchen!

Colly stand auf, um heimlich zu verschwinden, aber in dem Moment ging die Tür zu Silas Livingstones Büro auf, und da stand er, mehrere Meter entfernt, aber nah genug, um die ungewöhnliche Farbe seiner Augen erkennen zu können. Sie waren leuchtend dunkelblau.

„Kommen Sie herein“, forderte er Colly auf. Trotz ihrer ein Meter dreiundsiebzig musste sie zu ihm aufsehen, während sie an ihm vorbeiging. Sein Büro war mit einem dicken Teppich ausgelegt und enthielt neben dem großen Schreibtisch und mehreren Aktenschränken auch eine bequeme Sitzecke mit weichen Ledersesseln und einem Glastisch.

Silas deutete auf den Stuhl neben dem Schreibtisch. „Setzen Sie sich, Miss Gillingham. Der Tod Ihres Vaters ist ein großer Verlust.“

Also wusste er, wer sie war! „Danke“, murmelte sie.

„Ihr Vorname lautet Columbine?“ Er hatte sich hinter den Schreibtisch gesetzt und studierte ihren Bewerbungsbogen. Wahrscheinlich wollte er ihr die Verlegenheit nehmen, ehe er mit dem eigentlichen Interview begann.

„Man nennt mich Colly“, antwortete sie und kam sich beinahe lächerlich vor. „Ich habe meinen vollen Namen nur angegeben, weil es sich um eine Bewerbung handelt. Columbine Gillingham … das klingt ziemlich anspruchsvoll, meinen Sie nicht?“

„In der Tat.“ Silas musterte sie mit unbewegtem, aber nicht unfreundlichem Gesicht. „Ich war vorhin in Vernon Blakes Büro. Seine Sekretärin versicherte mir, es gebe trotz Vernons Abwesenheit keine Schwierigkeiten, nur einer Columbine Gillingham, die zu einem Interview bestellt sei, habe sie nicht mehr absagen können. Ihr Name stand in der Todesanzeige Ihres Vaters, Miss Gillingham. Der Name Columbine ist nicht gerade häufig. Ich dachte mir, dass Sie es sein würden.“

Also darum, dachte Colly. Er hat sich entschlossen, dich selbst zu interviewen, weil du Joseph Gillinghams Tochter bist. Sie hätte ihn gern gefragt, ob diese Vermutung richtig sei, aber Silas Livingstone kam schon zur Sache.

„Welche beruflichen Erfahrungen haben Sie?“, fragte er und studierte dabei ihre Unterlagen, die an keiner Stelle einen entsprechenden Hinweis enthielten.

Colly wurde unbehaglich zu Mute. „Ich habe bisher kaum als Sekretärin gearbeitet“, antwortete sie und wunderte sich einmal mehr über die Kühnheit, mit der sie hier auftrat. „Aber meine Sprachkenntnisse sind gut, und ich kann fehlerlos Maschine schreiben.“

Silas lehnte sich zurück. „Wie schnell?“

„Wie schnell?“, wiederholte sie verwirrt.

„Wie viele Worte in der Minute?“ Jede Sekretärin, die den Namen verdiente, hätte das gewusst, aber Silas Livingstone hatte sich offenbar schon ein Bild von ihren wahren Fähigkeiten – oder Unfähigkeiten – gemacht. „Können Sie mir das sagen?“

Colly konnte ihm das nicht sagen. Sie wusste nicht einmal, dass eine Schreibkraft auch nach Schnelligkeit beurteilt wurde. „Soll ich gehen?“, fragte sie und setzte sich aufrechter hin.

Silas schüttelte den Kopf. Ob das ihrer mangelnden Berufserfahrung galt oder nur andeuten sollte, dass er das Ende des Interviews selbst bestimmen würde, ließ sich nicht feststellen.

„Haben Sie überhaupt schon gearbeitet?“, lautete die nächste Frage.

„Äh … nein.“ Colly senkte den Blick, sodass ihre grünen Augen nicht zu erkennen waren. „Aber ich habe meinem Vater den Haushalt geführt. Gleich nach der Schule habe ich diese Pflichten übernommen, bis …“

„Bis er sich wieder verheiratet hat?“

„Die zweite Frau meines Vaters zog es vor, mir die Führung des Haushalts zu überlassen.“

Wie trocken und undramatisch das klang. Es verriet nichts von den Schwierigkeiten, unter denen sie jahrelang gelitten hatte!

„Dann haben Sie nie außerhalb des Hauses gearbeitet?“

Dazu hatte ihr die Zeit gefehlt, aber sie interessierte sich für Kunst. „Ich helfe einmal wöchentlich in einer Galerie aus“, erklärte sie, da ihr nichts Besseres einfiel.

Damit war Rupert Thomas’ Galerie gemeint, die sie häufiger besucht hatte, bis Rupert auf die Idee gekommen war, ihr an seinem freien Tag die Aufsicht zu übertragen. Dann staubte sie die Bilder ab, unterhielt sich mit Besuchern und kümmerte sich um die Buchführung, soweit das nötig war.

„Werden Sie dafür bezahlt?“, wollte Silas wissen.

Ein neuerlicher Hitzeschauer überlief Colly. Warum war sie bloß hergekommen? „Nein“, gab sie kleinlaut zu.

„Haben Sie jemals für Geld gearbeitet?“

„Mein Vater zahlte mir regelmäßig Taschengeld.“ Sie hatte nie über Geld gesprochen, und das Thema war ihr peinlich.

Silas ließ nicht locker. „Aber außerhalb des Hauses haben Sie kein Geld verdient?“ Als Colly mit der Antwort zögerte, fragte er geradeheraus: „Sagen Sie mir eins, Columbine: Warum haben Sie sich um diese Stellung beworben?“

Colly fing an, sich zu ärgern. Natürlich konnte er nicht begreifen, warum sie sich bei ihrem Mangel an Erfahrung die Mühe gemacht hatte, ein Bewerbungsschreiben abzuschicken. Sie begriff es ja selbst nicht, aber musste er das so ironisch zum Ausdruck bringen? Und musste er sie unbedingt Columbine nennen? Vor Ärger überwand sie ihre Hemmung, über Geld zu sprechen, und sagte ganz offen: „Ich bin nicht die Erbin meines Vaters.“

Silas’ Augen leuchteten auf. „Aber er hat Ihnen doch etwas hinterlassen?“

Colly hätte am liebsten nicht geantwortet, aber sie hatte die Frage selbst herausgefordert. „Nein“, erklärte sie. „Das hat er nicht.“

„War er nicht ziemlich wohlhabend?“

„Allerdings.“

„Und trotzdem hat er Ihnen nichts hinterlassen?“

Colly nickte. „Gar nichts.“

„Nicht einmal das Haus?“

„Ich muss mir eine Wohnung suchen.“

Silas sah sie unverwandt mit seinen dunkelblauen Augen an. Der Ausdruck darin hatte sich während der letzten Minuten verändert. „Offenbar hat sich die neue Mrs. Gillingham gut versorgt“, stellte er fest und bewies damit, dass ihm das kurze Gespräch vor dem Krematorium genügt hatte, um Nanettes Machenschaften zu durchschauen. Doch das half Colly in diesem Moment wenig.

„Danke, dass Sie mich empfangen haben, Mr. Livingstone“, sagte sie frostig. „Ich habe mich nicht aus einer Laune heraus beworben, sondern weil ich Geld verdienen muss, aber …“

„Die Zahlung des Taschengeldes wurde demnach eingestellt?“ Silas fragte das in einem Ton, als wüsste er die Antwort im Voraus. „Sie müssen jetzt für sich selbst sorgen?“

„Ich muss eine gut bezahlte Stellung finden, um für eine eigene Wohnung und meinen Lebensunterhalt aufzukommen …“

„Denken Sie an eine Mietwohnung?“

„Das ist im Moment am wichtigsten“, gab Colly zu. „Eine Wohnung und finanzielle Unabhängigkeit. Ich will mir eine Karriere aufbauen und …“

Colly verstummte, denn Silas Livingstones Augenausdruck hatte sich abermals verändert. Es lag eine neue Spannung darin, als wäre ihm plötzlich eine Idee gekommen.

„Haben Sie keine Freunde?“, fragte er und musterte dabei ihr Gesicht und ihre schlanke, sehr weibliche Figur. „Doch, Sie müssen Freunde haben. Was sagen die zu Ihren unerwarteten Karriereplänen?“

Colly hatte erwartet, jeden Moment entlassen zu werden, aber das Interview war offenbar noch nicht zu Ende. Silas Livingstone verstand es, mehr und mehr aus ihr herauszulocken, und darum erschien ihr Schweigen nicht mehr am Platz.

„Mein Vater hatte die Laune, alles seiner zweiten Frau zu hinterlassen, was zweifellos sein gutes Recht war“, sagte sie. „Es war aber auch ein großer Schock für mich und hat mir klar gemacht, wie wichtig finanzielle Unabhängigkeit ist.“

Sie wollte aufstehen, aber Silas kam ihr mit der nächsten Frage zuvor. „Haben Sie einen besonders guten Freund?“, erkundigte er sich.

„Im Moment interessiere ich mich überhaupt nicht für Männer“, antwortete Colly. „Ich …“

„Dann sind Sie nicht verlobt?“

„Ans Heiraten denke ich am allerwenigsten.“

„Haben Sie keine Lust, mit einem Mann ein Heim zu gründen?“

„Heirat, Männer und Beziehungen zu Männern stehen nicht auf meinem Programm“, wiederholte Colly. „Ich will mich nicht auf Männer, sondern auf eine Karriere konzentrieren.“ Sie hatte nie zuvor so intime Fragen beantwortet, aber das gehörte offenbar zu einem Interview dazu. „Entschuldigen Sie, dass ich Ihre Zeit in Anspruch genommen habe. Ich dachte, ich wäre den Aufgaben einer Sekretärin gewachsen, sonst hätte ich weder Mr. Blake noch Sie behelligt. Da ich offenbar völlig ungeeignet bin …“

Colly stand auf, aber Silas Livingstone forderte sie mit einer Handbewegung auf, sich wieder hinzusetzen.

„Ich fürchte, dass es Ihnen tatsächlich an der nötigen Erfahrung fehlt, um für Vernon Blake zu arbeiten“, sagte er langsam, „aber vielleicht könnte ich Ihnen einen anderen Vorschlag machen.“

Collys Lebensgeister regten sich wieder. Ein anderer Vorschlag? Sie würde weniger verdienen, aber es war immerhin ein Anfang. „Livingstone Developments“, beschäftigte allein in London mehrere hundert Menschen, und sie besaß genug Verstand, um einer von ihnen zu werden. Warum hatte sie daran nicht früher gedacht?

„Ich bin für jeden Vorschlag offen“, erklärte sie und hoffte, dass man ihr die Erleichterung nicht anhörte. „Wirklich für jeden“, fügte sie nach einer Pause verräterisch hinzu.

Silas hatte sie die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen. Er betrachtete sie auch jetzt wieder mit offenkundigem Interesse und sagte schließlich: „Gut.“

„Um welche Arbeit handelt es sich?“, fragte Colly. „Ich kann recht gut mit Computern umgehen oder auch übersetzen …“

„Es handelt sich um eine ganz neue Stellung“, unterbrach Silas sie. „Vielleicht könnten wir zusammen zu Mittag essen … sagen wir, am Donnerstag?“

„Zu Mittag essen?“, wiederholte Colly verblüfft.

Silas antwortete nicht, sondern nahm ein Notizbuch aus der Schublade und blätterte flüchtig darin. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, das geht nicht. Meine Lunchtermine sind für die nächsten zwei Wochen vergeben. Wir werden uns zum Dinner treffen müssen. Haben Sie Freitagabend Zeit?“

Colly war völlig überrumpelt. Die Aussicht, mit diesem mehr als gut aussehenden Mann zu Mittag zu essen, hatte sie schon verlegen gemacht, aber ihn sogar zum Dinner zu begleiten … Zugegeben, ihre Erfahrungen mit Männern, Bewerbungsschreiben und Interviews waren begrenzt, aber selbst ihr war klar, dass hier nichts der Norm entsprach.

„Verzeihung, Mr. Livingstone“, sagte sie in einem Ton, der kühl und überlegen wirken sollte. „Wie ich Ihnen schon sagte … ich interessiere mich ausschließlich für eine Stellung, die möglichst gut bezahlt wird.“ Zur Erinnerung an ihre früheren Worte fügte sie hinzu: „Männer stehen zur Zeit wirklich nicht zur Debatte.“

„Ich habe Sie vorhin durchaus verstanden“, antwortete Silas, „und Ihre Einstellung gefällt mir.“ Was sollte das nun wieder heißen? „Ich versichere Ihnen, dass es lediglich meine Absicht ist, in entspannter Atmosphäre diese neue … Stellung mit Ihnen zu besprechen.“

Colly war auf der Hut. Noch vor zwei Jahren hätte sie keinem Menschen misstraut, aber das Zusammenleben mit Nanette hatte sie gelehrt, niemals dem Augenschein zu trauen.

„Es handelt sich wirklich nur um ein Geschäftsessen?“, fragte sie.

„Um nichts anderes“, versicherte Silas Livingstone mit Nachdruck.

Colly versuchte, in seinem Gesicht zu lesen. Er sah aus, als könnte sie ihm trauen, als wäre dies nicht der übliche Trick, hintenherum zu einem Date zu kommen. Plötzlich musste sie innerlich über sich selbst lachen. Diesem gut aussehenden, weltgewandten Mann lagen die Frauen bestimmt zu Füßen. Er musste keine Tricks anwenden, um beim Dinner weibliche Gesellschaft zu haben. Nachträglich schämte sie sich über die Andeutung, er könnte anders als nur geschäftlich an ihr interessiert sein.

„Freitagabend?“, fragte sie, um die Pause nicht zu lang werden zu lassen.

„Wenn Sie Zeit für mich haben“, bestätigte er.

„Diese Stellung …“ Colly musste sich ernsthaft zusammennehmen. „Sie können mir nicht schon mehr darüber sagen?“

...

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