Logo weiterlesen.de
Die Grossen Filmregisseure

DIE GROSSEN
FILMREGISSEURE

und ihre Geheimnisse

Inklusive all der skandalträchtigen Geschichten,
die Ihnen das Filmlexikon immer verschwiegen hat.

VON                                     

ROBERT SCHNAKENBERG

MIT ILLUSTRATIONEN VON
MARIO ZUCCA

AUS DEM ENGLISCHEN VON
STEPHAN PÖRTNER

WER DABEI IST

WORUM ES GEHT

D.W. GRIFFITH

CECIL B. DEMILLE

CHARLIE CHAPLIN

JOHN FORD

HOWARD HAWKS

IN ZWEITER REIHE: OSCAR MICHEAUX UND ANDERE VERGESSENE REGISSEURE DES GOLDENEN ZEITALTERS HOLLYWOODS

FRANK CAPRA

ALFRED HITCHCOCK

LUIS BUÑUEL

WALT DISNEY

IN ZWEITER REIHE: LOUIS B. MAYER UND ANDERE LEGENDÄRE PRODUZENTEN

LENI RIEFENSTAHL

ELIA KAZAN

AKIRA KUROSAWA

ORSON WELLES

INGMAR BERGMAN

IN ZWEITER REIHE: ED WOOD JR. UND ANDERE MEISTER DES SCHUNDFILMS

FEDERICO FELLINI

ROBERT ALTMAN

SAM PECKINPAH

STANLEY KUBRICK

SERGIO LEONE

IN ZWEITER REIHE: DON SIEGEL UND ANDERE MEISTER DES GENRE-FILMS

JEAN-LUC GODARD

FRANCOIS TRUFFAUT

ROMAN POLANSKI

WODDY ALLEN

FRANCIS FORD COPPOLA

BRIAN DE PALMA

IN ZWEITER REIHE: ALICE GUY BLACHÉ UND ANDERE VERGESSENE REGISSEURINNEN

WERNER HERZOG

MARTIN SCORSESE

GEORGE LUCAS

DAVID LYNCH

OLIVER STONE

STEVEN SPIELBERG

IN ZWEITER REIHE: STEPHEN KING UND ANDERE LEUTE, DIE ES BESSER UNTERLASSEN HÄTTEN, BEI FILMEN REGIE ZU FÜHREN

PEDRO ALMODÓVAR

DIE COEN-BRÜDER JOEL UND ETHAN COEN

SPIKE LEE

QUENTIN TARANTINO

WALK OF FAME

WORUM ES GEHT

«Wenn der Legende Glauben geschenkt wird», sagte John Ford einmal treffend, «dann zieh sie der Wahrheit vor.» Über berühmte Filmregisseure werden Unmengen legendärer Geschichten erzählt – und viele davon stimmen tatsächlich. In DIE GROSSEN FILMREGISSEURE UND IHRE GEHEIMNISSE versuchen wir, die Fakten von den Fabeln zu trennen, behalten Fords Maxime im Gedächtnis und sind uns der grassierenden Mythenbildung (durch die Akteure selbst oder durch andere) in Hollywood und in den übrigen Filmmetropolen bewusst. Willkommen in einer Welt, in der der Alkohol in Strömen fließt, die Casting Couch rund um die Uhr zum Einsatz kommt und die Möglichkeiten, das nächste Meisterwerk zu finanzieren, nur durch den Budgetanteil, der für Koks drauf-geht, eingeschränkt werden.

Filmregisseure wurden schon die letzten Cowboys genannt, mit Göttern verglichen und als Köche, CEOs oder Spanner bezeichnet. Seit den frühesten Tagen des Mediums beanspruchten sie für sich enorme Macht: über die Darsteller, die Filmcrews und den kreativen Inhalt ihrer Filme, doch sie übernahmen häufig genug nur wenig der damit einhergehenden Verantwortung. Produzenten schafften das Geld herbei, um ihre künstlerischen Visionen zum Leben zu erwecken, und wurden nicht selten im Regen stehengelassen, einem Regen, der das Geld von unzähligen namenlosen Investoren wegschwemmte. Dieses Geschäftsmodell generierte ein paar bemerkenswert gute und ein paar erstaunlich schlechte Filme und füllte die Erinnerungsspeicher mit tausend Anekdoten über große Regisseure. Viele davon erzählen wir hier.

Von gnadenlosen Tyrannen wie Cecil B. DeMille bis zu Provokateuren wie Spike Lee hatten Regisseure einen Hang dazu, ihre Untergebenen zu piesacken, ihren Widersachern das Leben zur Hölle zu machen und den Studio-bossen auf den Schlips zu treten.

Dazu kommen persönliche Marotten, seltsame Gewohnheiten und krankhafte Neigungen, wie sie bei sehr erfolgreichen und kreativen Menschen scheinbar zum guten Ton gehören.

Zwischen den Deckeln dieses Buches erwartet Sie eine Ansammlung seltsamer Freaks: Transvestiten, Zehenlutscher, Bakteriophobe, Kontrollfreaks und Sexsüchtige bevölkern die folgenden Seiten. Und so finden Sie hier die Antworten zu tausend trivialen Fragen, mit denen Sie anschließend Ihre filmbegeisterten Freunde verblüffen werden.

Welcher berühmte Regisseur spielte wie ein Besessener Krocket? Wer füllte ein ganzes Zimmer seiner Villa mit Büchern über Napoleon? Stimmt es wirklich, dass Alfred Hitchcock keinen Bauchnabel hatte? Regisseure sind, heißt es, Voyeure, die ihre Kamera nutzen, um uns Aspekte der menschlichen Existenz zu zeigen, die wir sonst nicht sehen würden, deshalb ist es nur fair, dass wir den Spieß einmal umdrehen. Schauen wir zur Abwechslung einmal in ihr Fenster zum Hof, stöbern in ihrem Zelluloid-Schrank, entzaubern ein paar urbane Legenden und finden heraus, wie die großen modernen Mythenschaffer ticken. Wie ein schmutziger Film, den Sie hervorkramen, um ihn ausgewählten Freunden zu zeigen, warten hier pikante Geheimnisse auf all jene Leser, die stark genug sind, eine Reise auf die wilde Seite der Filmgeschichte zu unternehmen.

Und deshalb, ohne weitere Umstände … Spot aus! Film ab!

D.W. GRIFFITH

22. Jan. 1875—

23. Juli 1948

NATIONALITÄT

Amerikaner

STERNZEICHEN

Wassermann

WICHTIGSTE FILME

Birth of a Nation/
Geburt einer Nation
(1915), Intolerance/
Intoleranz (1916)

image

 

Akademie der Filmkunst und -wissenschaft? Welche Kunst? Welche Wissenschaft?

D.W. Griffith war der George Washington unter den Regisseuren – der Gründervater der Autorenfilmer – ein Mann, dessen herrschsüchtiges Verhalten und Unersättlichkeit den Standard für jeden Filmemacher setzte, der nach ihm kam. Mit seinem Strohhut und seinem überdimensionierten Megaphon ist er auch das Vorbild für den Archetypen des Regisseurs. Zum Glück unterließen es die meisten Filmemacher, die nach ihm kamen, einen anderen seiner prägenden Charakterzüge zu übernehmen: den schändlichen Rassismus, der die unbestreitbare technische Brillanz seiner bahnbrechenden Stummfilme trübt.

David Llewelyn Wark Griffith wurde in La Grange in Kentucky geboren, einer kleinen Provinzstadt in der Nähe von Louisville. Er hatte sechs Geschwister. Sein Vater war Colonel Jacob Wark Griffith, von seinen Freunden Roaring Jake (der rasende Jake) genannt, ein Goldsucher, Plantagenbesitzer und begnadeter Hochstapler, der auch schon mal ohne Bewilligung Medikamente verkaufte. Roarin’ Jake, der behauptete, von walisischen Kriegerkönigen abzustammen, machte sich während des Sezessionskrieges einen Namen. Nachdem sein Haus 1861 von unionistischen Guerillas niedergebrannt wurde, schloss er sich der konföderierten Kavallerie an und brachte es bis zum Oberstleutnant. Der Legende nach erlitt er einmal, von einer Kanonenkugel der Unionisten getroffen, einen Hüftbruch, weigerte sich aber, das Kommando abzugeben. Da er weder gehen noch reiten konnte, orderte er einfach einen Pferdewagen und führte seine Männer sitzend in die Schlacht. In Erinnerung daran hing für den Rest von Roarin’ Jakes Leben sein Offizierssäbel über dem Kamin. Für den jungen D.W. eine ständige Erinnerung an die verlorene Sache, für die der Süden gekämpft hatte. Roarin’ Jake brachte D.W. nicht nur den Rebel Yell, den Schlachtruf der Südstaatler, bei, er weckte in ihm auch die Liebe für große Literatur. Er gab dem Jungen Shakespeare, Edgar Allan Poe, Charles Dickens und Longfellow zu lesen, und ging mit ihm zu einer Vorführung der Laterna magica. Dieser Apparat war im 19. Jahrhundert so etwas wie der Vorläufer des Kinos. Dabei wurden wechselnde Bilder aus klassischen Geschichten auf eine Leinwand projiziert. Aber er führte D.W. auch in die tradierten Werte des Südstaatenrassismus ein. Einmal verpasste einer der afroamerikanischen Diener D.W. einen Haarschnitt, der diesem nicht passte. Jake beschuldigte den alten Friseur, «meinen bestaussehendsten Jungen ruiniert» zu haben, beschimpfte ihn und jagte ihn mit seinem geliebten Säbel über den Hof. D. W. Griffith sagte später, sein Vater sei die Person gewesen, «die ich in meinem Leben am meisten geliebt habe». Als D.W. zehn Jahre alt war, verstarb sein Vater plötzlich. Der alte Rebell hatte einen gemütlichen Frühjahrsabend auf der Veranda verbracht, Whiskey trinkend und selbsteingelegte Gurken direkt aus dem Fass verzehrend. Dieser übermäßige Genuss erwies sich als tödlich für einen Mann mit zusammengeflicktem Magen. Nach nicht weniger als acht Gurken und mehreren Bechern Whiskey kippte Roarin’ Jake einfach um. Die Ärzte fanden heraus, dass die unselige Kombination aus Bourbon und Gurken die Nähte einer alten Kriegswunde hatte platzen lassen. Er starb wenige Stunden danach.

Die Familie Griffith zog 1890 nach Louisville. Dort arbeitete Griffith in einer Reihe von Berufen. Er war Fahrstuhlführer, Buchhändler und Reporter für das LOUISVILLE COURIER-JOURNAL – ehe er sich für eine Theaterkarriere entschied. Unter dem Künstlernamen Lawrence Griffith trat er in Produktionen eines Aktientheaters in ein paar Nebenrollen auf. Er arbeitete auch hinter der Bühne, als Requisiteur für Sarah Bernhardt. Der Lohn war erbärmlich, und Griffith träumte davon, Schriftsteller zu werden, also machte er sich auf in Richtung Küste. Er ließ sich zuerst in Kalifornien und später in New York City nieder, ehe es ihm gelang, in der aufkeimenden Filmindustrie Fuß zu fassen. 1908 führte er bei dem Film THE ADVENTURES OF DOLLIE (Die Abenteuer von Dollie) das erste Mal Regie. Seine Frau Linda spielte die Hauptrolle.

Während der nächsten sieben Jahre drehte Griffith in atemberaubenden Tempo einen Film nach dem anderen. Eine Zeitlang produzierte er vier 15-minütige Kurzfilme pro Woche. Das meiste waren Adaptionen klassischer Geschichten oder Dramatisierungen historischer oder biblischer Ereignisse. Oft spielten Schauspieler aus seinem wachsenden Gefolge mit, wie Mary Pickford, Lillian Gish oder Mack Sennet. Mit Griffiths Ruhm wuchsen auch seine cineastischen Ambitionen. Sein erster abendfüllender Spielfilm BIRTH OF A NATION war von epischen Ausmaßen (und dauerte über drei Stunden). In diesen Dimensionen hatte noch niemand zuvor Filme gemacht. Der Film kostete 110.000 Dollar in der Herstellung und spielte 19 Mio. Dollar ein – von denen Griffith angeblich zehn Prozent erhielt.

Der Film war offen und hemmungslos rassistisch. Entsprechend Griffiths Südstaaten-Erziehung stellte Birth of a Nation (eine Adaption von Thomas Dixons Roman von 1905, THE CLANSMAN) die Anhänger des Ku-Klux-Klan als die Helden der Nach-Bürgerkriegszeit dar. Die Afroamerikaner waren ausnahmslos randalierende Wilde, die nur darauf aus waren, weiße Frauen zu vergewaltigen. (Nicht willens, sein Zelluloid mit schwarzen Schauspielern zu besudeln, ließ Griffith deren Rollen von Weißen mit schwarz angemalten Gesichtern spielen.) Obwohl der Film heute abstoßend wirkt, spiegelte er bei Erscheinen hinsichtlich der Rassenthematik die Mehrheitsmeinung wider. Es war der erste Film, der je im Weißen Haus gezeigt wurde, und Woodrow Wilson, selbst ein Südstaatenrassist, verlieh ihm sein Gütesiegel. Griffiths Film, so schwärmte er, sei wie Geschichtsschreibung mit Blitzen. Bis in die 1970er Jahre hinein benutzte der Ku-Klux-Klan Birth of a Nation zu Rekrutierungszwecken.

Griffith machte sich gleich ans nächste historische Epos, INTOLERANCE. Diesmal waren die Juden das Ziel von Griffiths Verunglimpfung, aber die Tatsache, dass der Film in den Kinos floppte, schmälerte seine Propagandawirkung. In den 1920er Jahren verließ das Glück den Regisseur zusehends. Er begann, heftig zu trinken, hatte eine Reihe von Affären und verlor den Großteil seines Vermögens bei gewagten Geschäften. «Er war schnell und launisch im Geldausgeben», berichtete die Zeitschrift TIME beschönigend. Als 1930 sein erster Tonfilm ABRAHAM LINCOLN erschien, war Griffiths Karriere am Boden. Zeitgenossen wie Charlie Chaplin und John Ford gruben ihm künstlerisch das Wasser ab, und er hatte seit fünfzehn Jahren keinen Hit mehr geliefert. Griffith verbrachte die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens in völliger Abgeschiedenheit und tauchte nur selten aus seinem Alkoholnebel auf, um ein Drehbuch zu überarbeiten oder einen Preis für sein Filmschaffen entgegenzunehmen. Er starb am 23. Juli 1948 in Hollywood an einer Hirnblutung.

EIN JUNGE DER BOWERY

Während seiner Zeit als junger hoffnungsvoller Schauspieler in New York verbrachte Griffith seine Freizeit hauptsächlich mit abgehalfterten Prostituierten in der Bowery, einer berüchtigten Straße in Manhattan. Obwohl sie als Manhattans stinkende Achselhöhle bezeichnet wurde, übte die Lower East Side eine seltsame Faszination auf Griffith aus, der sie einen dampfenden brodelnden Kessel mannigfaltigen menschlichen Fleisches nannte. «Die Frauen in der Bowery hatten alle erdenklichen Hautfarben», schwärmte er in seinen Memoiren. «Nach der uralten Art der Sirenen sangen sie in vielen Sprachen und Dialekten die Hymne der Lust.» Die Frauen mochten käuflich gewesen sein, aber das hielt Griffith nicht davon ab, alles zu tun, um sie zu beeindrucken. Ganz im Gegenteil, er war stets bemüht, den tollen Hecht zu geben. Ein Abend in der Stadt begann mit frischgeputzten Schuhen und einem eleganten Hut, «in keckem Winkel auf dem Kopf getragen», wie er berichtete. Ab ging es in die nächste Bierkneipe, wo Griffith die Damen der Nacht mit grandiosen Geschichten über seine Großtaten vollquatschte. Üblicherweise behauptete er, ein englischer Lord oder Herzog zu sein, und war erstaunt, wenn er das Etablissement verlassen musste, ohne eine Dame am Arm zu führen. «Wie oft wurde mir versichert, dass ich es nie aus dieser Gosse herausschaffen würde», klagte er.

WEIL ER PANIK DAVOR HATTE, SEIN HAAR ZU VERLIEREN, TRUG DER TYRANNISCHE D.W. GRIFFITH SPEZIAL ANGEFERTIGTE STROHHÜTE, DURCH DIE DAS SONNENLICHT SEINE HAARFOLLIKEL NÄHREN KONNTE.

MR HEINZ

Griffith war ein so großer Schürzenjäger, dass eine seiner Schauspielerinnen ihn hinter seinem Rücken Mr Heinz nannte (in Anlehnung an den Slogan der für ihren Ketchup berühmten Saucen-Firma Heinz, da er stets gerne siebenundfünfzig Sorten Frauen zur Verfügung gehabt hätte.) Eine andere Schauspielerin, Miriam Cooper, beklagte sich, von Griffith auf dem Rücksitz seiner Limousine sexuell belästigt worden zu sein. Nach einem langen Drehtag anerbot sich Griffith, Cooper heimzufahren, und dann, als sie nicht aufpasste, gab er ihr einen nassen, schlabberigen, übelschmeckenden Kuss auf den Mund. («Er roch nach Butter: Wir hatten Maiskolben zu Mittag gegessen», berichtete Cooper treuherzig.) Nicht an den schmierigen Annäherungsversuchen des Regisseurs interessiert, gelang es ihr, ihn abzuweisen, aber danach fürchtete sie, von ihm gefeuert zu werden.

DAS PRALLE LEBEN

Gegen Ende seines Lebens war Griffith ein hoffnungsloser Säufer. Er trank bis zum Nachmittag und kam nur aus seinem Zimmer, um eine neue Flasche aus dem Schnapsschrank zu holen. Oder er zog durch eine Reihe Kneipen, in denen er bekannt dafür war, sich mit den Barmännern zu prügeln oder Leute, die er kannte, mit seinen endlosen und ausführlichen Geschichten aus seiner glorreichen Filmkarriere festzunageln. Griffith, so berichtete ein Journalist des NEW YORKER, «zecht täglich in den Cocktailbars und beleidigt dort Frauen». Ein anderer Journalist, den Griffith beauftragt hatte, ein Porträt über ihn zu schreiben, fand ihn brabbelnd in seinem Hotelzimmer vor, beinahe bewusstlos. Einmal lud Griffith einen Freund zum Abendessen ein, vergaß dann, dass er ihn eingeladen hatte, warf den Mann hinaus und beschuldigte ihn, ihm sein Essen stehlen zu wollen. Eine Woche später hatte er den Vorfall völlig vergessen und lud denselben Mann wieder zum Abendessen ein.

image

UND DER OSCAR FÜR KRASSEN MANGEL AN TAKTGEFÜHL GEHT AN …

Er war zwar Alkoholiker, Ehebrecher und ein übler Rassist, aber man kann nicht behaupten, dass es D. W. Griffith in seinem Heimatland an Anerkennung gemangelt hätte. Die Directors Guild of America, der Berufsverband der amerikanischen Regisseure, vergab jahrzehntelang einen D. W. Griffith Award für spezielle Verdienste im Bereich Filmregie. Und die amerikanische Post ehrte Griffith 1975 mit einer eigenen Briefmarke. Sechsundvierzig Jahre lang war der Griffith Award die höchste Auszeichnung der Gilde, bis ein schwelender Protest gegen sein rassistisches Frühwerk zu einer längst fälligen Namensänderung führte. Mit der Begründung, Griffiths anstößige Filme hätten geholfen, unakzeptable Rassenvorurteile zu schüren, wurde der Preis 1991 in DGA LIFETIME ACHIEVEMENT AWARD umbenannt.

WENIGER JUDEN, MEHR SKLAVENMÄDCHEN!

Wie alle, die Intolerance gesehen haben, bezeugen können, trieft die dort gezeigte Kreuzigungsszene vor Antisemitismus. Die Juden, die sich um das Kreuz versammeln, werden als zähnefletschende, krummnasige Wilde dargestellt. Es hätte allerdings noch schlimmer kommen können. Als Reaktion auf Beschwerden einiger außenstehender Organisationen, dass es in der Szene zu viele jüdische Statisten zeige, befahl das Studio Griffith, die Szene noch einmal zu drehen, mit weniger Juden und mehr Römern. Griffith verbrannte das existierende Material und gehorchte gerne. Er war aber nicht so nachgiebig, als die Studiobosse beschlossen, der Film brauche zudem mehr Sex, und ihn baten, mehr Stellen mit halbnackten Sklavenmädchen einzubauen. Ein anderer Regisseur musste diese Szene drehen.

HAARSTRÄUBENDE PLÄNE

Obwohl ihn die meisten seiner Zeitgenossen als äußerst attraktiv beschrieben, war Griffith extrem unsicher, was sein Äußeres betraf. Als junger Mann verbrachte er eine Menge Zeit vor dem Spiegel und studierte eingehend, was er als Makel an sich ausgemacht hatte. Als er älter wurde, hatte er eine Sterbensangst davor, kahl zu werden. Er entwickelte die Theorie, dass Sonnenlicht auf der Kopfhaut den Haarwuchs fördere. Darum ließ er die Strohhüte, die sein Markenzeichen waren, speziell grobmaschig flechten, damit die Strahlen seine Haarfollikel liebkosen konnten. Er begann sogar, sich den Kopf zu rasieren, im absurden Glauben, dass ihn dies vor dem Verlust seiner Haare schützen würde.

TROTTEL AN ORSON

Griffith war sich seiner Rolle in der Geschichte des Films wohl bewusst. Zu bewusst vielleicht. Als man ihn zu seiner Meinung über Orson Welles CITIZEN KANE (Bürger Kane) befragte, meinte Griffith: «Mir gefielen die Ideen am besten, die er von mir übernommen hat.»

O MARIA

Als Griffith Mary (Maria) Pickford zum ersten Mal traf, war er völlig unbeeindruckt. «Sie sind zu klein und zu dick», sagte er zu ihr, «aber vielleicht gebe ich Ihnen trotzdem einen Job.» Sie wurde einer der größten Stars der Stummfilmzeit.

CECIL B. DEMILLE

12. Aug. 1881—

21. Jan. 1959

image

NATIONALITÄT

Amerikaner

STERNZEICHEN

Löwe

WICHTIGSTE FILME

The Ten
Commandements/
Die Zehn Gebote (1923),
The Greatest Show on
Earth/Die Größte Schau
der Welt (1952)

image

 

Geben Sie mir zwei Seiten aus der Bibel, und ich gebe Ihnen einen Film.

D. W. Griffith mag das Stereotyp des tyrannischen und schikanösen Regisseurs erfunden haben, aber Cecil B. DeMille perfektionierte es. Sein königliches Gebaren kannte keine Grenzen. Sein Büro war mit farbigen Fenstern, wie in einer Kirche, und mit Bärenfellteppichen ausgestattet. Antike Schusswaffen zierten die Wände. Der Schreibtisch war wie ein Thron erhöht. Glanz und Gloria umgaben ihn auch auf dem Studiogelände, dessen Manege er wie ein Pascha betrat, in Reitstiefel und Hosenträger gewandet, eine Horde Bediensteter im Schlepptau, die ihm jeden Wunsch von den Augen ablasen. Dem Gefolge gehörte auch ein Violinist an, der jederzeit bereit war, die Aktivitäten des Meisters mit zur Stimmung passender Musik zu untermalen. Ein philippinischer Hausbursche folgte DeMille überallhin. Seine einzige Aufgabe bestand darin, einen Stuhl hinter dem größten Regisseur aller Zeiten herzutragen. Sogar DeMilles körperliche Makel wurden zu Großartigkeit umgedeutet. «Er trug seine Glatze wie einen sehr teuren Hut», bemerkte die Schauspielerin Gloria Swanson einmal, «als käme es für ihn überhaupt nicht in Frage, wie andere Männer Haare zu haben.»

DeMille hatte seine Größe vor allem sich selbst zu verdanken. Sein Vater, ein Theaterautor, den er vergötterte, starb an Typhus, als Cecil zwölf Jahre alt war. Nach dem Tod ihres Mannes gründete DeMilles Mutter ein Theaterensemble. Das Showbusiness lag dem Jungen im Blut. Er schrieb Stücke und trat im Theater auf. Später nutzte er die Verbindungen seiner Mutter, um mit der JESSE L. LASKY FEATURE PLAY COMPANY zusammenzuarbeiten, einem der ersten Filmstudios der USA. DeMilles Debütfilm für das Studio, THE SQUAW MAN von 1914, war der erste abendfüllende Spielfilm, der in Hollywood gedreht wurde. Es wurde ein enormer Erfolg, wie fast alle Filme, die DeMille danach drehte. Insgesamt führte DeMille in mehr als siebzig Filmen Regie – und nur sechs davon erzielten keinen Gewinn an der Kinokasse. Er hatte ein beinahe unheimliches Gespür für den Geschmack des Publikums. Er gab den Leuten biblische Epen, als sie während der Stummfilmzeit nach solchen dürsteten, und sattelte auf Western um, sobald die religiösen Filme keinen Profit mehr machten. In den späten 1940er Jahren stellte er dann wieder auf Bibelfilme um. Seine Spezialität war immer das Spektakuläre, dafür ist vielleicht das Zirkusspektakel THE GREATEST SHOW ON EARTH das beste Beispiel. Der vollendete Showman DeMille (oder C.B. wie er sich gerne nannte) wurde einer der ersten Regie-Stars Amerikas, dem von anderen Tribut gezollt wurde, in Filmen wie SUNSET BOULEVARD (in dem er sich selber spielte) oder in Liedern von Leuten wie Bob Dylan (dessen THOMBSTONE BLUES DeMille neben Beethoven, Ma Rainey und Jack the Ripper erwähnt). Als aktiver Unterstützer der schwarzen Liste war DeMille auch einer von Hollywoods schärfsten Konservativen. Mit seiner Anti-Gewerkschafts-Organisation, der DeMille Foundation for Political Freedom, zog er sich den Zorn der organisierten Arbeiterschaft zu.

Mehr gefürchtet als geliebt, brachte man DeMille nie die Loyalität und Verehrung entgegen, die andere Regisseure seiner Zeit – John Ford oder Howard Hawks zum Beispiel – genossen. Und hätte er länger gelebt, hätte er miterleben müssen, wie die großen Epen, die er so gerne filmisch umgesetzt hat, völlig aus der Mode kamen. Als er am 21. Januar 1959 an einem Herzversagen starb, räumten viele Zeitungen der Ermordung von Carl Alfalfa Switzer, dem Star von OUR GANGSTER, die sich am gleichen Tag ereignet hatte, mehr Raum ein als dem Nachruf auf einen der erfolgreichsten Regisseure Amerikas.

DIESSEITS VOM PARADIES

Wie es sich für einen Mann geziemt, der Filmepen mit der großen Kelle anrichtete, organisierte DeMille gerne Partys mit einem theatralischen Touch. Die meisten davon fanden im Paradies statt, seinem geheimen Zufluchtsort in den Bergen Santa Monicas. Dort frönte DeMille seiner Vorliebe fürs Verkleiden und stolzierte nur mit einem weißen, gelben oder schwarzen Umhang bekleidet über das Gelände. Stets verbarg sich darunter eine Pistole, denn C.B. trug meistens ein Schießeisen bei sich, um auf die Klapperschlangen zu schießen, die auf seinem Grundstück auftauchten, wie er sagte. Auch die männlichen Gäste mussten spezielle Kostüme tragen, die ihnen DeMille zur Verfügung stellte: russische Seidenblusen mit übergroßen Kummerbunden.

Frauen durften so viel (oder so wenig) tragen, wie sie wollten. Wer Glück hatte, den nahm DeMille beiseite und zeigte ihm einen Teil seiner großen Sammlung europäischer Erotika, darunter ein exquisiter dreibändiger illustrierter Privatdruck der Werke von François Rabelais. Wer sehr viel Glück hatte, den nahm der Regisseur mit in seinen bungalowartigen Boom Boom Room, wo Frauen zur Musik von Ravel den TANZ DER SIEBEN SCHLEIER tanzten und, endlich nackt, in den Worten eines Gastes, «die gastronomischen Wünsche der Männer» erfüllten.

DU SOLLST WAS?

DeMille hat zwar DIE ZEHN GEBOTE (THE TEN COMMANDEMENTS) verfilmt, was aber nicht heißt, dass er sich an sie gehalten hätte. Nehmen wir beispielsweise das Verbot des Ehebruchs. Dass er während mehr als fünfzig Jahren mit seiner Frau Constance verheiratet war, hielt DeMille nicht davon ab, mit anderen Frauen zu schlafen, wann immer er Lust dazu hatte. Zeitweise hatte er sogar zwei Mätressen gleichzeitig: die Schauspielerin Julia Faye und die Drehbuchautorin Jeanie MacPherson, die praktischerweise ihr Büro gleich neben dem seinen hatte. Constance DeMille wusste von den Affären ihres Mannes, aber sie schien gewillt, ihn sich austoben zu lassen, solange er für sie und ihre Kinder sorgte.

C.B.S VERMÄCHTNIS

Apropos The Ten Commandements: Als es 1956 darum ging, für seine zweite Version des biblischen Epos die Trommel zu rühren, ließ sich DeMille einen besonderen Werbegag einfallen. Er ließ Steintafeln der Zehn Gebote in Gerichten und anderen Regierungsgebäuden der USA anbringen. Viele dieser Monumente sind heute noch an ihrem Platz, und einige davon wurden das Ziel von Klagen, die Bürgerrechtsgruppen einreichten, die sich für die verfassungsgemäße Trennung von Kirche und Staat einsetzten.

GUTE MIENE ZUM BÖSEN SPIEL

Es gibt Regisseure, die hatten eine Casting Couch. DeMille hatte sein Eisbärenfell der Liebe. Das riesige Fell, welches fast seinen ganzen Büroboden bedeckte, war in Hollywood wohl bekannt als der Ort, den DeMille gerne für seine kreativen Konferenzen mit weiblichen Drehbuchautoren benutzte. Einer hoffnungsvollen Schreiberin erklärte er, dass er ihre Geschichte gerne dem Studio vorschlagen würde, aber erst, nachdem sie sich besser kennengelernt und eine echte Beziehung entwickelt hätten, denn das sei die Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Autor und Regisseur. Die Frau warf einen Blick auf das Fell und floh entsetzt aus DeMilles Büro.

ZEIGT HER EURE FÜSSE

DeMille war ein ausgewachsener Fußfetischist, der in Hollywood zur Legende wurde. Auf seine langjährige Geliebte, Julia Faye, wurde er ursprünglich aufmerksam, weil sie in einem Zeitschriftenartikel als die Frau mit den schönsten Füßen und Fesseln Amerikas beschrieben wurde. Eine andere Geliebte, die Schauspielerin Bebe Daniels, enthüllte, dass sie nie Geschlechtsverkehr miteinander hatten. DeMille zog es vor, ihre Füße zu lecken, während er masturbierte. Als sich Paulette Goddard 1940 um die weibliche Hauptrolle in DeMilles Film NORTH WEST MOUNTED POLICE (Die Scharlachreiter) bewarb, bestand das Vorsprechen darin, dass sie barfuß in sein Büro spazierte und einen nackten Fuß auf seinen Tisch stellte. Sie bekam die Rolle. Kein Wunder, dass es DeMille war, der dem Impresario Sid Grauman vorschlug, die Hollywood-Elite dadurch zu verewigen, dass sie ihre Fußabdrücke im nassen Zement vor dessen Chinese Theatre hinterließ.

WAR DIESER MANN EIN FUSSFETISCHIST ODER WAS? ALS PAULETTE GODDARD SICH UM DIE HAUPTROLLE IN EINEM CECIL-B.-DEMILLE-FILM BEWARB, BESTAND IHR VORSPRECHEN DARIN, BARFUSS IN SEIN BÜRO ZU TRETEN UND EINEN NACKTEN FUSS AUF SEINEN SCHREIBTISCH ZU STELLEN.

EIN ECHTER MACHO

DeMille war einer der ersten Hypermacho-Regisseure – eine Kategorie, zu der nach ihm unter anderem auch Howard Hawks, Sam Peckinpah, William Friedkin und andere gehörten. «Cecil war wie ein junger Stier: dynamisch, männlich, entschlossen und unverschämt», so seine Nichte Agnes. Seine Fähigkeit, Schmerz auszuhalten, war legendär. «Er hatte den Mut eines Löwen», sagte Gloria Swanson. Während der Dreharbeiten zu THE PLAINSMAN (Der Held der Prärie) 1937 wies DeMille Jean Arthur (die Calamity Jane spielte) an, ihre Peitschentechnik an ihm zu erproben. Sie schlug ihn mehrmals aufs Handgelenk, bis sie ihm eine ziemlich tiefe Wunde zufügte. Er wollte kein Geld verschwenden und einen Statisten verlieren, bis sie so weit war, den Trick vor der Kamera auszuführen. Der 73-jährige DeMille erlitt einen schweren Herzinfarkt, als er am Set von THE GREATEST STORY EVER TOLD (Die beste Geschichte, die je erzählt wurde) eine 33 Meter hohe Leiter erklomm. Er ignorierte die Anweisungen seines Arztes und war innerhalb einer Woche wieder bei der Arbeit. Nichts machte DeMille mehr Freude, als wenn seine Schauspieler über sich hinauswuchsen und ebenso mutig wurden wie er. Als Gloria Grahame sich weigerte, ein Double für eine Szene in The Greatest Show on Earth zu verwenden, in der ein Elefant beinahe auf ihr Gesicht tritt, war DeMille begeistert. Das riesige Tier war so knapp davor, Grahames wunderbares Antlitz zu zermalmen, dass es mit seinem Fuß einen Schmutzfleck auf ihrer Nase hinterließ. Bei einer anderen Gelegenheit bot DeMille einem Statisten, der einen aztekischen Krieger spielte, vierzig Dollar dafür, dass er splitternackt eine Wand hinabrutschte. Der Mann trug einen übel geschundenen Rücken davon, erhielt aber seine Prämie. Dann gab es auch die unglücklichen Schauspieler, die im entscheidenden Moment versagten. DeMille machte 1949 den Fehler, den scheuen und ängstlichen Victor Mature als männliche Hauptrolle für sein Bibelepos SAMSON AND DELILAH (Samson und Delila) zu verpflichten. Mature hatte vor ziemlich allem Angst: vor Wasser, Höhe, Menschenmengen, dem zahnlosen Löwen, mit dem er hätte kämpfen sollen, den Kartonschwertern, die in den Schlachtszenen verwendet wurden, und sogar vor der Windmaschine, die am Set zum Einsatz kam. Einmal floh Mature in seine Garderobe, um all den Dingen, die ihn ängstigten, zu entkommen. Wutentbrannt ließ ihn DeMille herbeischaffen und stauchte ihn vor versammelter Mannschaft zusammen. «Ich habe viele Menschen kennengelernt», schimpfte der Regisseur. «Einige hatten Angst vor Höhe, andere vor Wasser, wieder andere vor Feuer, und auch Leute mit Platzangst waren darunter. Sogar solche, die sich vor dem offenen Gelände fürchteten oder vor sich selber, kenne ich. Aber in den gesamten fünfunddreißig Jahren, in denen ich Filme mache, Mr Mature, habe ich nie einen Mann getroffen, der zu hundert Prozent ein Feigling ist.»

image

AIR CECIL

Obwohl vor allem als Filmpionier bekannt, hinterließ DeMille auch eine übergroße Spur in der Geschichte der Luftfahrt. Als lizenzierter Pilot gründete er 1919 seine erste Fluggesellschaft, MERCURY AVIATION. Es war die erste kommerzielle Fluggesellschaft, die Passagiere nach einem Flugplan beförderte. DeMille entwarf außerdem 1954, im Auftrag der Air Force, die Uniformen für die Kadetten der U.S. AIR FORCE ACADEMY. Diese Uniformen werden heute noch getragen.

DER IRRE BIBLIOTHEKAR

Neben seiner Leidenschaft für schöne Füße war DeMille auch krankhaft ordentlich. Er bestand darauf, die Bücher seiner Bibliothek in absteigender Reihenfolge der Höhe nach zu ordnen.

CHARLIE CHAPLIN

16. April 1889—

25. Dez. 1977

image

NATIONALITÄT

Brite

STERNZEICHEN

Widder

WICHTIGSTE FILME

The Gold Rush/
Goldrausch (1925),
City Lights/Lichter der
Großstadt (1931),
Modern Times/Moderne
Zeiten (1936)

image

 

Ich kann mit Amerika nichts mehr anfangen. Ich würde nicht einmal dorthin zurückkehren, wenn Jesus Christus Präsident wäre.

Er war einer der meistimitierten Menschen in der Filmgeschichte, doch Charlie Chaplin bot nur eine schlechte Imitation seiner selbst. Er nahm 1915 an einem Charlie-Chaplin-Ähnlichkeitswettbewerb in San Francisco teil … und verlor. Ja, er schaffte es nicht einmal ins Finale. Ein verstimmter Chaplin sagte danach zu Reportern, dass er «versucht gewesen sei, Unterricht im Chaplin-Gang zu erteilen», sowohl aus Mitleid wie auch im Bestreben, dafür zu sorgen, dass dieser korrekt ausgeführt würde.

Die Tatsache, dass diese Anekdote immer noch erstaunt, zeugt von dem Grad an Berühmtheit, den der Kleine Tramp, der bescheidene englische Music-Hall-Komiker erreicht hatte, der über Jahrzehnte hinweg der berühmteste Mann der Welt war. Wie berühmt war Chaplin wirklich? Auf der Höhe seines Ruhms, in den 1920er Jahren, erhielt er während eines Besuchs in London in zwei Tagen mehr als 73.000 Briefe.

Er war der erste Schauspieler – ganz zu schweigen vom ersten Regisseur –, der die Titelseite der Zeitschrift TIME zierte, und der erste lebende Entertainer, der als Vorlage für einen Zeitungscomic diente, nämlich für den HEULER von 1916 PA’S IMPORTED SON-IN-LAW (Papas importierter Schwiegersohn). Sein Kleiner Tramp war zu jener Zeit weltweit der bekannteste fiktive Charakter und machte ihn im Alter von dreißig Jahren zum Millionär. Doch auch als er schon lange reich war, lebte der geizige Künstler noch immer in schäbigen Hotelzimmern, wechselte selten die Kleider und bewahrte seine uneingelösten Checks monatelang in einer Truhe auf. Der Legende nach schuf er den Tramp nach dem Vorbild seiner eigenen heruntergekommenen Erscheinung als Jugendlicher im Londoner East End. Chaplins Eltern ließen sich kurz nach seiner Geburt 1889 scheiden. Sein Vater war Alkoholiker und trank sich zu Tode. Die Mutter landete im Irrenhaus. Vor ihrem Niedergang verpassten sie es jedoch nicht, ihren Sohn in die Welt der Music Halls einzuführen, dem britischen Pendant zum Varieté. Diese sollten ihm einen Fluchtweg bieten aus der harschen Realität der viktorianischen Waisenhäuser, in die er gesteckt wurde. Chaplin verbrachte Jahre auf britischen Bühnen, feilte an seinen komischen Figuren (einschließlich verschiedener eingebildeter Großstadt-Typen und des stets beliebten komischen Juden), bevor er sich ab 1910 auf eine Reihe erfolgreicher Tourneen durch die USA begab. Er wurde 1913 vom Produzenten Mack Sennet entdeckt, der ihm Arbeit bei Stummfilmkomödien in Hollywood verschaffte.

Das Zeitalter des Tramps, das bis zum letzen großen Leinwandauftritt der Figur 1936 dauern würde, hatte offiziell begonnen. Der Charakter war dermaßen beliebt, dass Chaplin 1917 völlige künstlerische Kontrolle über sein eigenes Schaffen erhielt. Dank dieser Freiheit produzierte Chaplin eine Reihe von Meisterwerken. THE GOLD RUSH im Jahr 1925, CITY LIGHTS 1931, MODERN TIMES 1936. Sein Privatleben verlief weniger erfolgreich und geriet ihm mitunter außer Kontrolle: zwei Muss-Ehen mit sehr viel jüngeren Frauen endeten in Skandal und Scheidung. Eine Vaterschaftsklage von 1943, von der Schauspielerin Joan Barry gegen ihn erhoben, führte zu einer Anklage wegen Zwangsprostitution, von der er später freigesprochen wurde. Und obwohl Chaplins Schürzenjägerei (die je nach Sichtweise an Pädophilie grenzte) das Sittlichkeitsempfinden der Bürger empörte, war es seine linke politische Einstellung, die ihm am Ende mehr schadete. Seine Weigerung, die Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg zu unterstützen, seine prosowjetischen Ansichten und seine ausgesprochene Ablehnung des industriellen Kapitalismus erweckten die Aufmerksamkeit der antikommunistischen Kreuzzügler im amerikanischen Kongress, die drauf und dran waren, ihn vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe zu zerren. Sie ließen erst davon ab, als Chaplin damit drohte, die Anhörung zur Farce zu machen und in seinem Tramp-Kostüm auszusagen. Die McCarthy-Fraktion rächte sich aber, indem sie Chaplin 1952 nach einer Europareise daran hinderte, wieder in die Vereinigten Staaten einzureisen. Der Künstler ging in der Schweiz ins Exil und kehrte bis 1972 nicht mehr in seine Wahlheimat zurück. Nach einer langen Zeit physischen und mentalen Zerfalls, während der er an neuer Filmmusik für einige seiner klassischen Werke arbeitete, starb der große Regisseur am ersten Weihnachtstag 1977.

AUF DER HÖHE SEINES RUHMS WAR CHARLIE CHAPLIN WOHL EINER DER BELIEBTESTEN MENSCHEN DER WELT – TROTZ SEINER MANGELNDEN KÖRPERHYGIENE UND SEINER ABSTOSSENDEN AUSDÜNSTUNGEN.

image

LOLITA-SYNDROM

Es wäre untertrieben zu behaupten, dass Chaplin auf jüngere Frauen stand. Er ehelichte seine erste Frau, Mildred Harris, 1918, als sie sechzehn und er neunundzwanzig war. Sie hatte die Ehe erzwungen, indem sie behauptete, schwanger zu sein. Sie war es nicht. Aber sie wurde es kurz nach der Hochzeit. Das Baby kam jedoch mit schweren Geburtsschäden zur Welt und lebte nur drei Tage. Die stürmische Ehe dauerte ein weiteres Jahr, bevor sie sich in einem Orkan skandalträchtiger Anschuldigungen auflöste. Chaplin klagte, dass Harris hinter seinem Rücken mit einer anderen Frau geschlafen habe. Harris behauptete, Chaplin hätte sie im Bett geschlagen.

Chaplin ließ sich aber nicht abschrecken und versuchte es mit einer weiteren sechzehnjährigen Braut, der Schauspielerin Lillita McMurray. McMurray, die das Vorbild für die namensgebende Nymphe in Vladimir Nabokovs Roman LOLITA war, nahm den Künstlernamen Lita Grey an und spielte in mehreren von Chaplins bekanntesten Filmen mit. Als Chaplin sie kennenlernte, war sie fünfzehn und er fünfunddreißig. Er verfiel sofort in ein von Sex getriebenes Delirium, wie es ein Biograph ausdrückte, und schlief schon bald mit ihr. Sie wurde schwanger, und obwohl Chaplin alles versuchte, um sie zu einer Abtreibung zu überreden, erpresste ihn Litas Familie 1924 dazu, sie zu heiraten. In ihrer Scheidungsklage von 1927 gab sie an, dass er sie zur Fellatio gezwungen und sie mit mindestens fünf berühmten Schauspielerinnen betrogen habe. Um weitere negative Schlagzeilen zu vermeiden, einigte sich Chaplin außergerichtlich und zahlte die damals exorbitante Summe von 625.000 Dollar. Der Regisseur war von der Scheidung dermaßen verletzt, dass er Lita in seiner Autobiographie nur zwei Zeilen widmete.

Mit dem Alter wurde Chaplin zumindest ein bisschen weiser. Vielleicht hat er 1936, mit siebenundvierzig, die sechsundzwanzigjährige Schauspielerin Paulette Goddard während einer Chinareise geheiratet. Vielleicht auch nicht. Die Unterlagen dazu sind nicht eindeutig, aber 1943 folgte er wieder seinem althergebrachten Beuteschema und heiratete Oona O’Neill, die Tochter des Drehbuchautors Eugene O’Neill. Sie war damals siebzehn und hatte schon Beziehungen mit Orson Welles und dem zukünftigen Verfasser von THE CATCHER IN THE RYE (Fänger im Roggen), J.D. Salinger, hinter sich. (Der sensible Salinger war dermaßen erschüttert, dass ihm der kleine Tramp die Freundin ausspannte, dass er Oona einen bitteren Brief schrieb, in dem er detailliert seine Vorstellung ihrer Hochzeitsnacht mit Chaplin schilderte). Die Ehe mit Oona war Chaplins erfolgreichste. Sie blieben 34 Jahre zusammen. Danach verfiel Oona dem Alkoholismus – für einige der Beweis dafür, dass sie während ihrer Ehe einiges hatte ertragen müssen.

MEGASTAR UND GROSSER STINKER

Das amerikanische Publikum mag ihn geliebt haben, aber Chaplin war in der Filmszene nie besonders populär. Laut Minta Durfee, der Frau von Fatty Arbuckle, hatte das einen triftigen Grund: Chaplin stank. Der kleine Tramp hatte einen fürchterlichen Körpergeruch, weil er sich fast nie wusch. «Er war ein sehr kluger Mann, aber er war äußerst dreckig», gab Durfee zu Protokoll.

Chaplin war dafür bekannt, denselben Anzug, einschließlich Schuhe und Socken, mindestens zwei Wochen lang nicht zu wechseln. Sein Körpergeruch war so abstoßend, berichtete Durfee, dass mindestens ein Regisseur sich wegen des Gestanks weigerte, mit Chaplin zu arbeiten. Das Problem war zu Beginn seiner Karriere, bevor Chaplin reich und berühmt wurde, am ausgeprägtesten. Ein ehemaliger Assistent Chaplins wusste zu sagen, dass dieser glaubte, er könne Kleiderkosten sparen, indem er nur ein Hemd kaufte und dieses trug, bis es dahin war. Dann warf er es weg. Dies sorgte für echte Probleme während der Sommermonate. Während der Dreharbeiten zu TILLIES PUNCTURED ROMANCE 1914 schockierte Chaplin seine Kollegin Marie Dressler, die die weibliche Hauptrolle spielte, in dem er dasselbe verfaulte Stück Banane während sechzehn Drehtagen an der heißen Julisonne auf seinem Kragen beließ. Dressler musste sich schließlich beim Regisseur Mack Sennett beschweren, damit Chaplin das widerliche Fruchtstück entfernte.

DER NICHT SO KLEINE TRAMP

Aber wenn Chaplin dermaßen roch, warum hatte er dann solchen Erfolg bei den Frauen? Er hatte andere Qualitäten, mit denen er seine himmelschreiende Ungepflegtheit wettmachte. Als sie ihn kennenlernte, versuchte die berühmt-berüchtigte Prominentenmätresse Peggy Hopkins Joyce ihn angeblich mit der Frage aufzureißen: «Stimmt es, was alle Mädchen sagen? Sind Sie wirklich wie ein Pferd bestückt?»

WENN IKONEN KOLLIDIEREN

Chaplins Beziehung zu einer anderen Hollywoodlegende war weniger erfreulich. Marlon Brando spielte 1967 die Hauptrolle in Chaplins letztem Film A COUNTESS FROM HONG KONG (Die Gräfin von Hongkong). Die beiden wurden nie warm miteinander und Brando ging mit ziemlicher Verbitterung aus der Zusammenarbeit mit dem Filmemacher, den er einst «wahrscheinlich den talentiertesten Mann, den das Medium je hervorgebracht hat», genannt hatte. Chaplin, so schrieb Brando in seiner Autobiographie, war ein «erschreckend grausamer Mensch», ein «egoistischer Tyrann und Geizhals» und «wahrscheinlich der sadistischste Mann, den ich je kennengelernt habe. Er beschimpfte die Leute, die zu spät kamen», klagte Brando, «und trieb sie gnadenlos an, schneller zu arbeiten.» Als Brando einmal eine Viertelstunde zu spät aufs Set kam, stauchte ihn Chaplin vor allen Schauspielern und Technikern zusammen und nannte ihn eine Schande für das gesamte Schauspielfach. (Brando verlangte später eine Entschuldigung und bekam sie auch). Besonderes Befremden rief Chaplins erniedrigende Behandlung seines vierzigjährigen Sohnes Sidney, der in dem Film Brandos Kumpel spielte, hervor. Vor versammelter Mannschaft machte sich Papa Chaplin über Sidneys Intelligenz und schauspielerische Fähigkeiten lustig. Einmal meinte er, sein Sohn verfüge nicht einmal über genug Verstand, um eine Türklinke hinunterzudrücken. Chaplin seinerseits behauptete, dass es schlicht unmöglich sei, mit Brando zu arbeiten.

ANGSTHASE

Hinter der Fassade seines herrischen Gebarens war Chaplin ein Mann voller Ängste und bizarrer Phobien. Ein Beispiel: Er hatte panische Angst vor Gummi und allem, was daraus hergestellt wurde. Aus welchen Gründen auch immer empfand er Gummi als schmutzig und weigerte sich während seiner ganzen Filmkarriere, Requisiten aus Gummi zu verwenden. Aus diesem Grund weigerte er sich auch, Kondome zu benutzen – eine mögliche Erklärung für die zahlreichen ungewollten Schwangerschaften, die er über die Jahrzehnte verschuldete. Zipfelmützen machten ihn auch nervös, und es hieß, er habe nie mit jemandem gesprochen, der eine solche trug. Warme Milch war ein weiteres rotes Tuch. Der Geruch ungekühlter Milch widerte ihn derart an (er behauptete, es erinnere ihn an Sex), dass er es sogar vermied, Milchflaschen anzufassen. Schließlich hatte Chaplin eine Mordsangst davor, einem Attentat zum Opfer zu fallen.

Er war dermaßen überzeugt, dass jemand versuchen würde, ihn umzubringen, dass er nur selten in der Öffentlichkeit auftrat – er weigerte sich sogar, fotografiert zu werden, als sein Stern am Hollywood Walk of Fame eingeweiht wurde.

CHAPLINS LEICHNAM GESTOHLEN!

Vielleicht hätte sich Chaplin weniger davor fürchten sollen, umgebracht zu werden, als davor, was ihm nach seinem Tod zustoßen sollte. Im März 1978 machten sich Grabräuber in Vevey mit Chaplins zwei Monate alter Leiche aus dem Staub und verlangten 400.000 englische Pfund Lösegeld. Die Schweizer Polizei brauchte fast drei Monate, um die Leichenfledderer zu schnappen. Unterdessen machten ein paar geschmacklose Spekulationen über das Motiv des Verbrechens die Runde. (Ein Reporter behauptete, Chaplin sei exhumiert worden, weil er als Jude auf einem nichtjüdischen Friedhof begraben wurde – eine seltsame Behauptung, da Chaplin gar kein Jude gewesen ist). Am Schluss stellte sich heraus, dass es sich bei den Tätern um zwei arbeitslose bulgarische Automechaniker handelte, die dringend Geld gebraucht hatten und in dem Leichenraub eine Gelegenheit sahen, sich welches zu beschaffen. Nach ihrer Verhaftung wurden sie der versuchten Erpressung und der Störung des Totenfriedens angeklagt. Der Anführer wurde schließlich zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Polizei musste einen Amindetektor einsetzen, um Chaplins Sarg zu finden, weil die stümperhaften Verbrecher vergessen hatten, wo sie ihn versteckt hatten. Chaplin wurde in jenem Mai erneut begraben und in einem Hochsicherheitsgrab einbetoniert. Chaplins Witwe Oona fasste das makabre Schurkenstück treffend zusammen: «Charlie hätte es wohl zum Lachen gebracht

ONKEL CHARLIE

Spencer Dryden, Schlagzeuger der wegweisenden psychedelischen Rockband aus den Sechzigerjahren, JEFFERSON AIRPLANE, war Chaplins Neffe. Dryden verbrachte als Kind sogar viel Zeit in den Studios, in denen Chaplin arbeitete. Trotzdem verheimlichte Dryden diese Beziehung vor seinen Mitmusikern. Er fürchtete, sie würden ihn weniger ernst nehmen, wenn sie wüssten, dass Charlie Chaplin sein Onkel war.

TRAMPS WIE WIR

Gibt es eine besondere Seelenverwandtschaft zwischen großen Komikern? Der kleine Tramp war einer der vielen Fans des dummen Jungen. Bei einer Preisverleihung zu Ehren von Jerry Lewis in Berlin im Jahr 2005 erzählte Chaplins Tochter Geraldine die Geschichte ihrer letzten Begegnung mit ihrem Vater. Auf seinem Totenbett schaute sich Chaplin einen Film von Jerry Lewis an und rief immer wieder aus: «Der Kerl ist komisch! Der Kerl ist wirklich witzig! Er weiß, wie man ein Publikum begeistert!»

JOHN FORD

1. Febr. 1894

31. Aug. 1973

image

NATIONALITÄT

Amerikaner

STERNZEICHEN

Wassermann

WICHTIGSTE FILME

Stagecoach/Ringo
(1939), The Searchers/
Der schwarze Falke
(1956), The Man Who
Shot Liberty Valance/
Der Mann, der Liberty
Valance erschoss (1962)

image

 

Es ist sinnlos, mit mir über Kunst zu sprechen. Ich mache Filme, um die Miete zu bezahlen.

Der Legende nach bekam John Ford seine erste große Chance in Hollywood, nachdem der Produzent Carl Laemmle den damaligen Requisiteur dabei beobachtet hatte, wie er den stürmischen Ritt einer Horde Cowboys choreographierte. «Nimm Ford», riet Laemmle einem befreundeten Produzenten, der einen Regisseur für einen Western-Kurzfilm suchte. «Er schreit laut

Ford hörte nie mehr auf zu schreien. Tatsächlich kämpfte sich Ford zu einer unsterblichen Persönlichkeit Hollywoods empor und verdiente sich den Ruf zu Recht, einer der größten Tyrannen der Filmindustrie zu sein. Kein Schauspieler war vor Pappy Fords Schmähungen sicher, weder Superstars wie John Wayne (dessen Arbeit Ford regelmäßig herabwürdigte, obwohl er ihn für über zwanzig Filme engagierte) noch die kleinsten Statisten. Dass Ford trotzdem von so vielen verehrt wurde, die mit ihm zusammengearbeitet haben, zeugt von der Qualität der Darbietung, die er aus seinen Schauspielern herauszuholen wusste.

Es gibt keine einfache biographische Erklärung für seinen großen Zorn. Ford wurde als Kind nicht geschlagen, und er wuchs auch nicht unter schwierigen Umständen auf. Er wurde am 1. Februar 1894 in Portland, Maine, geboren und auf den Namen John Martin Feeney getauft. (Obwohl er als frühes Beispiel der Selbstmystifizierung, für die er berüchtigt werden sollte, behauptete, sein Geburtsname sei Sean Aloysius O’Feeney. Sein Vater führte einen Saloon im Hinterzimmer eines Lebensmittelgeschäfts, und seine Mutter spezialisierte sich aufs Kinderkriegen (ab 1876 insgesamt elf in einem Zeitraum von zwanzig Jahren).

Ford war ein uninteressierter Schüler, der seine Zeit am liebsten in der hintersten Reihe des Klassenzimmers damit verbrachte, Cowboys und Indianer zu zeichnen. Als der beste Verteidiger im Footballteam seiner Highschool trug er den Spitznamen Der Stier. Er hatte die Gewohnheit, den Lederhelm wie einen Rammbock tief ins Gesicht zu ziehen und so durch die gegnerische Verteidigungslinie zu stürmen. Er bildete sich nach der Highschool nicht mehr weiter, obwohl er später behauptete, mehrere Universitätsabschlüsse zu besitzen. (Wenn es die wissenschaftliche Disziplin des Plagiierens gäbe, besäße Ford sicher einen Doktortitel.)

Ford hatte viele rechtschaffene Geschwister, aber zum Vorbild nahm er sich das schwarze Schaf der Familie, seinen Bruder Francis. Dieser schmiss die Highschool, schwängerte ein Mädchen, lief von zu Hause fort, ging zur Armee, schloss sich einer Varieté-Truppe an und zog nach Hollywood, um Stummfilme zu drehen. Ungefähr in dieser Reihenfolge. Er änderte seinen Nachnamen in Ford um, nach der Automarke, wie er sagte. Bestrebt, seinen Bruder nachzuahmen, ließ John Ford ein paar Stufen aus und fing gleich beim Namenswechsel und der Schauspielerkarriere an. In einer seiner ersten Rollen spielte er in D. W. Griffiths BIRTH OF A NATION ein Mitglied des Ku-Klux-Klans. Ford arbeitete auch hinter den Kulissen als Laufbursche, Requisiteur und Mädchen für alles. Dabei lernte er die Grundlagen des Filmgeschäfts kennen. Er begann 1917 Regie zu führen und verdiente seine Sporen mit einer Reihe von Stummfilmwestern mit Harry Carey. Bis in die 1920er Jahre hatte sich Ford den Ruf erworben, ein Filmemacher zu sein, der seine Werke fristgerecht fertigstellte, das Budget einhielt und ganz allgemein Geld verdiente für das Studio. Auf dem Set verströmte er eine autoritäre Aura – so sehr, dass seine Crews ihn Pappy nannten. Ein Spitzname, den er für den Rest seines Lebens behalten sollte.

Während seiner fast fünfzig Jahre dauernden Karriere drehte Ford 140 Filme und gewann vier Oscars. Seine üppigen, gemäldeartigen Landschaftsaufnahmen, viele davon vor Ort im Monument Valley von Utah gedreht, definierten den Look des klassischen Westernfilms und beeinflussten eine ganze Generation von Filmemachern. Ford war es auch, der John Wayne zum Star machte, indem er den ehemaligen B-Movie-Cowboy zu Höchstleistungen anstachelte. Ständiges Drangsalieren und autoritäre Psychospielchen schienen Ford dazu die geeignetsten Mittel. (Der große Idiot war sein Kosename für John Wayne, und Ford war angeblich der einzige Mann in Hollywood, der den Duke zum Weinen bringen konnte.) Trotz zahlreicher Vorfälle unprofessionellen Verhaltens (1954 schlug er Henry Fonda angeblich auf dem Set von MISTER ROBERTS nieder) genoss Ford ein Maß an Respekt und Bewunderung, das es in der Filmwelt weder vor ihm noch nach ihm je gegeben hat. Dies hatte zur Folge, dass er völlige Freiheit besaß, die Filme zu machen, die er wollte, bis er weit über sechzig war und ihn Gesundheitsprobleme zum Aufhören zwangen. Er starb 1973 im Alter von neunundsiebzig Jahren an Magenkrebs.

DER EINÄUGIGE KÖNIG

Fords Markenzeichen war die schwarze Augenbinde, obwohl er sie erst relativ spät in seiner Karriere zu tragen begann. Der Grund dafür geht auf das Jahr 1953 zurück, als Ford sich operieren ließ, um den grauen Star entfernen zu lassen. Die Operation verlief erfolgreich, aber er regte sich dermaßen über die Verbände auf, die ihm die Ärzte verpasst hatten, dass er sie abriss, bevor das Auge verheilt war. Als Folge davon wurde sein rechtes Auge extrem lichtempfindlich, und er trug die Augenklappe für den Rest seines Lebens.

F

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die grossen Filmregisseure und ihre Geheimnisse" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen