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Die goldene Arschkarte

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Thomas Noll, Jahrgang 1968, Abiturient, Bundeswehrsoldat, Student, 13 Jahre Banker im Prozessund Qualitätsmanagement; Aussteiger, Sevaka (Angehöriger) in einem Yoga- und Meditationskloster, heute Texter und Autor.

Horst Grewenig, Jahrgang 1941, Bundeswehrsoldat, Fliesenleger, internationaler Unternehmer und Buchautor.

Horst Grewenig Thomas Noll

Die goldene Arschkarte

Eine internationale saarländische Biografie

© 2017 Thomas Noll

Fotos: Fliesenhandel Schittek, Rita Klein, Gemeinde Riegelsberg, Horst Grewenig, Thomas Noll

weitere Mitwirkende: Vorwort von Prof. Meinrad Maria Grewenig

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN 978-3-7345-9233-1 (Paperback)

ISBN 978-3-7345-9234-8 (Hardcover)

ISBN 978-3-7345-9235-5 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Kirchenbrand

Künstler soll ich werden

Einberufen

Ein Unfall und eine Hochzeit

Zwischenzeit

Prelude: Baustoffhandel-Fiasko

„Moosgrün“ und hoch zu Ross

Ein Job bis zur Rente

Ein Flugzeug und zwei Erfinder

Ausgebootet - Wendezeit

Weißer Granit aus Kasachstan

Guter Rat ist teuer

„Büro 2“

Schweineohren aus China

DTM

Einmal Glück – an entscheidender Stelle

Heute

Einzelbild-Nachweis

Geburtstelegramm:

„583 REGELSBERGSAAR 1217 1830

= OBERGEFR KARL GREWENIG

FPNR 08324 399 BREST LITOWSK A

= KRAEFTIGER JUNGE ANGEKOMMEN MUTTER UND KIND WOHLAUF = ANNY +++“

Vorwort

Die höchst vergnügliche Biografie des Horst Grewenig lässt das Leben eines besonderen, künstlerisch durchdrungenen Menschen lebendig werden und spiegelt saarländische Befindlichkeit von ihrer Grundkonstellation. Wenn es heißt: „Handwerk hat goldenen Boden“, so bekommt diese Grundwahrheit im Leben von Horst Grewenig eine besondere Dimension. Sie führt in die große, weite Welt an die Schnittstelle von Millionen-Geschäften und zeigt Horst Grewenig immer als Bezug und im Zentrum des Geschehens, trotz großer Hoffnungen oft mit unerwartetem Ausgang.

Horst gehört zur Familie derer zu Grewenig, die soweit man denken und sich erinnern kann, immer etwas Besonderes waren und sind, weil sie eine Fähigkeit besitzen oder besaßen, die die schönen Dinge der Welt ins Zentrum ihres Lebens stellt und sie zur Leidenschaft macht. Alle Mitglieder der Familie Grewenig sind miteinander verwandt und sind sowohl in ihrer Haltung zur Welt als auch im Umgang mit ihr verbunden. In der Regel stehen sie in enger Beziehung zum Künstlerischen. Seien sie nun selbst Artisten, Künstler und den komplexen Dingen des Lebens zugeneigte Gestalter und Macher oder stehen sie auf der anderen Seite als Kaufleute, Handwerker oder auch Beamte und definieren sich im Abstand zu diesem Künstlerischen. Immer wieder gibt es in einer Generation ein „schwarzes Schaf“, das sich ganz und vollständig dem künstlerischen Ziel zuwendet. Immer wieder zeigt sich je nach Konstellation jedoch das, was Horst Grewenig als „goldene Aschkarte“ empfunden hat. Dann wenn vor allem das Umfeld erkannt hat, welche ökonomische Potenz in kreativen und künstlerischen Ansätzen sich entfalten kann. Wenn dieses Umfeld sich paart mit kriminellen Energien sind Ideengeber wie Horst Grewenig immer auf der negativen Seite. In ihrem Weltbild sind – letztendlich wegen ihrer Hochherzigkeit - Betrug, Übervorteilung und historische Umwälzungen nicht (als zu beherrschende Größen) enthalten. Viele Beispiele aus der Familie zeigen dies.

Sei es der Nicolaus Grevenich (bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts finden sich folgende variierende Schreibweisen: Grevenic, Grewenich, Grewenig, Grevenig, Gräbenich, von Grewenich, von und zu Grew(v)enich(g), Herzog zu Gre(ae)w(v)enich(g), Fürst zu Grewenich) Ebenist von König Ludwig XVI. von Frankreich, dessen höchst künstlerische Möbel Glanzpunkt der Tuilerien in Paris waren, jedoch ausnahmslos im Zuge der Französischen Revolution zerstört wurden, und heute praktisch vergessen sind. Nicolaus Grevenich stammte ursprünglich aus dem Saarland/Rheinland, führte sein Atelier in der Rue du Bac und genoss einen exzellenten Ruf als hervorragender Ebenist. Später arbeitete er am Quai Malaquais und in der Rue du Monceau-Saint-Gervais. Heute lassen einige wenige Exemplare im Victoria und Albert Museum in London noch etwas von dem Glanz dieser außergewöhnlichen Möbelstücke erahnen. Wenn ab und an sehr selten eines dieser Möbelstücke auf den Kunstmarkt kommt, erhält es in der Regel immer horrende Preise.

Oder Hanns Grewenig (*1891 Straßburg; † 1961 in München), der Werkleiter (Vorstandsvorsitzender) von BMW nach dem Zweiten Weltkrieg, der als Erfinder und Beförderer der Isetta gilt, BMW zu seiner neuen Größe führte und wegen einer Finanzkrise verließ. Er starb bei einem tragischen Autounfall.

Oder Prof. Leo Grewenig (*1898 Heusweiler; † 1991 Bensheim), der nach seiner Malerlehre zum Studium an die Kunstakademie Kassel und ans Bauhaus Weimar ging, wo er bei László Moholy-Nagy, Josef Albers, Wassily Kandinsky und Paul Klee studierte. Nach ersten Ausstellungserfolgen wurde der Künstler von den Nationalsozialisten mit Ausstellungsverbot belegt. Kriegsdienst und Krankheit bedeuteten weitere Einschnitte in seinen künstlerischen Lebensweg. Nach dem Krieg arbeitete Leo Grewenig als Kunsterzieher im Saarland und wurde vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Die Entdeckung dieses Meisters des Bauhauses setzt erst allmählich ein.

Und Prof. Fritz Grewenig (*1891 Heusweiler; † 1974 Trier) älterer Bruder von Leo, der nach der Malerlehre im väterlichen Geschäft ab 1913 an der Königlich Sächsischen Akademie Dresden bis zum Militärdienst 1914/18 studierte. 1918 kehrte er ins Saarland zurück, setze aber 1920 sein Studium in Dresden fort und schloss dieses 1922 ab. Noch im selben Jahr gründete er eine Privatkunstschule in Saarbrücken. 1924 wurde seine Kunstschule zur Staatlichen Schule für Kunst und Kunstgewerbe Saarbrücken und Grewenig war bis 1936 ihr erster Direktor. 1925 wurde er zum Professor bestellt und erhielt den Auftrag als künstlerischer Leiter des Staatlichen Museums für Neue Kunst in Saarbrücken eine Sammlung aufzubauen. Es entstand die Keimzelle der Modernen Galerie des Saarland Museums. Auf Initiative der Nationalsozialisten wurde der Maler 1932 als Vorsitzender des Deutschen Künstlerbundes im Saargebiet abgewählt, seine Bilder bei Ausstellungen häufig abgewiesen und er als Beamter entlassen. Während seiner Zeit als Direktor der Staatlichen Kunstsammlung in Saarbrücken zeigte Fritz Grewenig in dem selbstständigen Saargebiet Künstler wie Kandinsky, Paul Klee oder Gabriele Münter, die Deutschland als diffamierte Künstler aufgrund ihrer „entarteten“ Kunst verlassen mussten. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Dozent, Professor und Direktor an der Kunstschule Trier und an der Staatlichen Werkschule Mainz. Das Saarland verdankt Fritz Grewenig die Hinwendung zur modernen Kunst und die Grundlagen der Modernen Galerie, des wichtigsten Kunstmuseums der Moderne des Saarlandes, ohne dass das heute im Bewusstsein aller Saarländerinnen und Saarländern verankert ist.

Insofern ist möglicherweise das, was Horst Grewenig in seinem Leben erfahren hat, etwas, was als besonderer Wesenszug der Grewenigs zur Grundausstattung der Familie gehört.

Meine Berührungspunkte

Die Grewenigs sind alle miteinander verwandt und es gibt unzählige unterschiedliche Berührungspunkte. Während meiner frühen (Grund-)Schulzeit ging ich in Riegelsberg immer durch die Hauergasse zu meiner Schule, vorbei am Geburtshaus von Horst Grewenig.

Horst Grewenig stellt für mich eine der großen handwerklich-künstlerischen Fantasien im Umgang mit der Welt dar. Vor ca. 40 Jahren verkaufte er meinen Eltern für ihr Haus, das diese im Norden des Saarlandes erworben hatten und das mit seinen über vier Meter hohen Räumen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts stammte, ein sensationelles Badezimmer. Horst Grewenig hatte es selbst eingerichtet. Mein Vater Albert Grewenig (*1920 Güichenbach; † 1987 Hermeskeil) hatte dieses besondere Badezimmer meiner Mutter zum Einzug geschenkt. Damals lernte ich Horst Grewenig über die üblichen Familienkontakte umfänglich mit seinen besonderen Fähigkeiten kennen. Exklusive handbemalte italienischen Fliesen, freitragende cremefarbene Porzellan-Waschbecken und Bidet- und Toilettenanlagen mit handgegossenen bronzenen Wassergarnituren, die teilweise vergoldet waren. Nie zuvor hatte ich Ähnliches gesehen, es dauerte dann viele Jahre bis ich in Italien oder den Metropolen der Welt Vergleichbares an anderen Orten erleben durfte. Horst Grewenig stand für mich für eine unerreichte künstlerischhandwerkliche Qualität, die auch bei höchster Anstrengung in meinem damaligen Umfeld im Saarland nirgendwo erreicht wurde. Er hatte dieses Badezimmer geplant und persönlich, sowohl was die Fliesen als auch die Sanitäranlagen und Wasser-Systeme angeht, eingerichtet. Über mehr als vier Wochen – auch am Wochenende - konnte ich täglich die Entstehung dieses außergewöhnlichen Kunstwerks erleben und begleiten. Das Vorgehen interessierte mich brennend. Dabei erfuhr ich sehr viel von seiner Philosophie: nur das Beste, handwerklich perfekt Ausgeführte hat nach seinem Verständnis dauerhaft Bestand. Diese Qualität zu denken ist nicht Teil der üblichen Welt, sondern erfordert ein außergewöhnlich gutes Auge, ein untrügliches Gespür und eine exzellente Perfektion in der Ausführung. Ich habe Vergleichbares später in dieser Konsequenz im beschriebenen Segment nie wieder erfahren. Dieses Badzimmer existiert immer noch und ist nach wie vor positiver Teil meiner Erinnerung.

Prof. Meinrad Grewenig,

Generaldirektor Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Völklingen, im August 2016

Kirchenbrand

Ich stehe auf der Wiese mit meinen Kühen, als plötzlich die Feuersirene losheult. Obwohl ich mich an den Krieg kaum aktiv erinnern kann, löst das Geräusch eine Gänsehaut aus. Prüfend blicke ich in die Landschaft, ob ich einen Grund für das Sirenengeheule sehe. Und da: eine gewaltige, schwarze Rauchsäule! Sie steigt aus meiner Gemeinde auf!

Ich muss sofort wissen, was dort brennt! Ich treibe meine Kühe zusammen und sporne sie an, im Laufschritt die Wiese zu verlassen. Der Bauer wird schimpfen. Eigentlich muss der Tag natürlich ausgenutzt werden und die Milchkühe sollen möglichst viel frisches Gras fressen und erst abends zum Melken wieder in den Stall kommen.

Aber das ist mir jetzt egal. Ich renne mit den Kühen ins Dorf zurück, muss dauernd anhalten und Ausreißer wieder zurück in die Herde treiben. Inzwischen sind aus allen Richtungen Martinshörner zu hören. Feuerwehren und Polizei sind im Einsatz.

Der Bauer schimpft nicht, als ich mit den Kühen angelaufen komme. Er steht selbst draußen und schaut sich schockiert die Rauchsäule an. Nach dem Abgeben der Tiere renne ich Richtung Zentrum, treffe unterwegs meine Freunde, andere Kinder, Erwachsene, die alle mithasten.

Wir können es nicht fassen: es ist unsere Kirche, die lichterloh in Flammen steht!

Nur mit Mühe schafft es die Polizei, die Schaulustigen abzudrängen. Viele wollen auch helfen… doch bei diesem Brand sind professionelle Hände gefragt. Immer mehr Feuerwehren aus den Nachbardörfern treffen ein.

Indes: zu spät! Meterhohe Flammen züngeln aus den Fensterlöchern, schlagen aus dem Dach! Dauernd ist lautes Krachen zu hören, die Konstruktion des Daches bricht zusammen! Die starke Hanglage erschwert alle Arbeiten. Aber der Ort hier ist sehr hügelig, entweder geht es steil den Berg hinauf oder steil hinunter…

Es ist Mittwoch, der 28. September 1949, wir befinden uns in Riegelsberg an der Saar.

Ich bin Horst. Ich bin sieben Jahre alt.

Wir Kinder helfen den Bauern beim Weiden der Kühe. Im Jahre 2017 würde man das einen Minijob nennen. Mal abgesehen davon, dass ´Kinderarbeit´ nicht mehr möglich sein wird… wir sind aber draußen an der frischen Luft, bekommen ein Gefühl für Tiere und entwickeln ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, in der Gemeinde hilft jeder jedem. Vergütet wird das Ganze meist mit Essbarem. „Saisonal aus der Heimat“ wird das später einmal genannt und reißenden Absatz in der Gastronomie finden.

Das wissen wir aber damals alles noch nicht.

Am allermeisten freue ich mich im Spätsommer auf Quetschekuche. Das ist ein Pflaumenkuchen mit Hefe- oder Mürbeteig. Einen davon schaffe ich alleine…

Geboren wurde ich am 17. November 1941 in der Gemeinde Riegelsberg in der Hauerstraße. Wie damals üblich war ich eine Hausgeburt. Es muss wohl ziemlich schnell gegangen sein. Mein Taufpate, ein schneidiger SS-Mann, fand in der Wohnung keinen gescheiteren Platz für meine Mutter als den Küchentisch – wurde dafür aber vom Geburtshelfer Dr. W.1 aus dem Dorf ausgiebig gelobt, da durch seine provisorische Geburtsstätte Arzt und Hebamme von allen Seiten helfen konnten.

Mein Vater war natürlich im Krieg. Noch heute existiert das Telegramm, welches meine Tante ihm schickte mit den kurzen Worten „KRAEFTIGER JUNGE ANGEKOMMEN - MUTTER UND KIND WOHLAUF.“

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Mein Geburtshaus, heute nicht mehr im Familienbesitz

Auf einem Küchentisch und mit einem Telegramm hat es also begonnen… mein ungewöhnliches Leben mit vielen Höhen und Tiefen… aber gewiss nie langweilig!

Vom Krieg hat mein Vater nie viel erzählt. Mein Geburts-Telegramm ging jedenfalls nach Brest-Litowsk an den Obergefreiten Grewenig. Brest-Litowsk liegt in Weißrussland, genau an der polnisch-russischen Grenze. Ich gehe davon aus, dass mein Vater bei den Fernmeldern war und hier im Übergangsbereich für die Kommunikation gesorgt hat, und so antelegrafiert werden konnte. Eigentlich war es sehr ungewöhnlich, dass Soldaten an der Ostfront zeitnah von einem Telegramm erreicht wurden… Auch einer russischen

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Ich mit meiner Mutter im Alter von 6 Tagen

Gefangenschaft konnte mein Vater entkommen, nachdem er von einem Krad-Melder über die zusammenbrechende Front informiert wurde und er sich noch legal absetzen konnte.

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Mein Vater Karl Grewenig

Mein Vater Karl Grewenig war vor und nach dem Soldatenleben – wie soll es im Saarland anders sein – „auf der Grub“ und verdiente dort recht gut. Er war Schwachstrom-Elektromeister, das heißt er war zuständig für die Funktion von Telefonen oder Steueranlagen unter Tage.

Meine Mutter war gelernte Köchin und versorgte eine wohlhabende Familie in deren Haushalt.

Meine Kindheit war recht wohlbehütet, wenn man die Schwere der Zeit während und nach dem Krieg bedenkt.

Wer desselben oder ähnlichen Jahrgangs ist, wird sich an die Zeit vielleicht erinnern, auch wenn bei jedem Leser die Landschaft, der Name der Heimatstadt und die Straßennamen verschieden sind. Riegelsberg im Saarland mag hier stellvertretend für viele andere Gegenden im Nachkriegsdeutschland stehen, und die Atmosphäre der Epoche mag von vielen Heranwachsenden ähnlich empfunden worden sein.

Von der Kriegszeit fehlen die meisten Erinnerungen. Ich entsinne mich an Holzvergaser-Fahrzeuge, die schrecklich wenig Rest-Leistung hatten… noch dazu mit der schweren Kessel-Anlage auf der Ladefläche. Es gab Lebensmittel-Einschränkungen und Lebensmittelmarken, aber „hamstern“, wie sonst in der Region üblich, mussten wir nicht. Wohl aber haben wir „getauscht“: wir hatten Imker mit Bienen in der Familie, deren Stöcke den Ausgang des 2. Weltkriegs heil überstanden hatten und wir hatten Verwandtschaft in Mußbach bei Neustadt an der Weinstraße; Bauern mit großen Höfen. Dort tauschten wir dann Honig gegen Speck oder Schmalz.

Und ich erinnere mich dunkel an Luftangriffe, als wir alle das Haus mit einem Handwagen in Richtung Bunker verlassen mussten. Unbewusst wird mir wohl die Sirene in Zusammenhang mit nervöser Flucht und Gefahr im Gedächtnis geblieben sein.

Zuhause waren wir zu viert, später zu fünft, ich habe noch zwei Schwestern.

Auch gab es einen Umzug von der Hauerstraße zum sogenannten Lampennest in Riegelsberg. Es muss in den letzten beiden Kriegsjahren gewesen sein: meine Mutter und ich haben das Haus zu einem Besuch in Norddeutschland verlassen, kamen zurück und fanden unsere Wohnung belegt mit einer Familie von Ausgebombten, denen man die Bleibe als ´nicht genutzter Wohnraum´ zugewiesen hatte. Ein Protest bei den damaligen Behörden wäre nutzlos gewesen, ihnen entglitt während des Zusammenbruchs des 3. Reiches der Realitätsbezug.

Vom Lampennest sind mir die meisten Erinnerungen gewahr.

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Das Lampennest heute, umgebaut zu zwei Wohneinheiten, noch in Familienbesitz

Meine Kinderjahre waren ländlich geprägt, wir machten Heu, hüteten die Kühe, halfen im Herbst beim Dreschen – das Landleben war unser Abenteuerspielplatz. Unser Haus war umrahmt von Bauernhöfen. In alten Schützengräben spielten wir Kinder Krieg, und ich entdeckte dort meinen Hang zum Fischen, der lebenslang bleiben sollte: an dem Bach in der Nähe vom Lampennest lebte neben den Bauern auch ein Fischzüchter, der den Mäusbach aufgestaut hatte und in den Weihern Forellen züchtete. Beim Arbeiten an den Staudämmen entwichen immer wieder kleinere Fische in den Bach und wurden dort größer – und die musste ich haben! Sei es mit der Hand, mit einem Kescher oder später mit immer besseren, selbstgebastelten Angeln! Manchmal freute sich meine Mutter durchaus über Fisch, der den Speiseplan bereicherte… jedoch weniger über meine durchnässten, schmutzigen Klamotten. Speziell, wenn ich Sonntags nach der Kirche im Sonntagsanzug mal wieder einen Streifzug an „meinen Fluss“ machte…

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Ungefährer Platz heute, an dem die dorfeigene Dreschmaschine im Herbst stand

In dieser Zeit lernte ich auch Reiten. Obwohl, „lernen“ klingt so nach Reitstunden… ich wuchs einfach mit Pferden auf! Ich konnte sie sattellos reiten wie ein Indianer. Ein Nachbar züchtete Reitpferde, und zwar schon in der dritten Generation. Es waren viele, denn er und sein Vater hatten einen Vertrag mit dem Deutschen Heer im Kaiserreich und später mit der Wehrmacht, die die Pferde abnahmen. Militärpferde mussten speziell ausgebildet werden, sie wurden an Gefechtslärm gewöhnt, damit sie auf dem Schlachtfeld nicht davonliefen.

Ich ging in den katholischen Kindergarten der Gruben-Angehörigen.

Da die Gruben sofort nach dem Krieg wieder liefen – auch im Interesse der französischen Besatzung – war dessen finanzielle Ausstattung sehr gut, es gab ausgezeichnetes Essen, legendäre, mondäne Weihnachtsfeiern mit Festessen, Geschenken und Schokoladen-Nikoläusen, wofür das Saarbrücker Staatstheater gemietet war…

Eine andere Kindheitserinnerung ist historisch gut einzuordnen: die vielen Hügel in Riegelsberg luden natürlich die Kinder im Winter ein, eifrig und überall Schlitten zu fahren. Ich war zu Fuß unterwegs, rutschte auf Eis weg, fiel hin – und ein Junge fuhr mir mit seinem Schlitten genau gegen den Kopf! Der Arzt diagnostizierte „Gehirnerschütterung“ und ich sollte drei Wochen im Bett bleiben… bei dem schönen Schnee!

Als ich ein paar Tage lag, gab es einen riesen Aufruhr auf der Straße! Es wurde in die Häuser gerufen „Schnell, kommt mit! Im Dorf ist was passiert!“, es gab heftiges Stühlerücken im Haus, die Haustür knallte! Natürlich hielt mich jetzt nichts mehr im Bett und ich musste zum Fenster und auf die Straße schauen, was da vor sich ging: Kinder und Erwachsene liefen Richtung Zentrum!

Die Straßenbahn in Riegelsberg war entgleist!

Das war im Winter 1947 – ich war 6 Jahre alt!

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Deutlich älter war ich bei meinen ersten Versuchen zu Rauchen. Obwohl es natürlich verboten war, trieben wir Kinder uns im Haldenbereich der Kohlegrube h

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