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Die goldene Ananas

Dennis Kornblum, geboren am 03. November 1980 in Frechen, hat schon in seiner Kindheit und Jugend an Romanen geschrieben und schließlich 2001 den ersten fertiggestellt. Nach dem Studium von ein paar Semestern Psychologie kam er 2005 aufgrund depressiver Verstimmung in die Uni-Klinik in Bonn, kurz darauf in ein Übergangswohnheim für psychisch Kranke. Mit der Diagnose Asperger-Syndrom im Jahr 2007 wurden in ihm selber und in seiner Familie die Weichen für ein besseres Verständnis seiner Probleme im Alltag gestellt. Dennoch kam er im selben Jahr in ein Langzeitwohnheim, in dem er fast neun Jahre blieb. Im März 2016 zog er in eine eigene Wohnung in Bonn-Bad Godesberg.

Nachdem er sich bis zum 22. Lebensjahr intensiv mit Literatur und dem eigenen Schreiben beschäftigt hatte, folgte eine lange Zeit, die von gänzlich anderen Spezialinteressen dominiert war. So übte er einige Jahre lang exzessiv das Spielen von E-Gitarre. Diese Leidenschaft wurde später von einem extremen Interesse an Krafttraining und Ernährung abgelöst, bis er im Frühjahr 2019 schließlich, sich wieder auf seine schriftstellerischen Wurzeln besinnend, mit der Arbeit an dem Roman "Die goldene Ananas" begann, in dem er seine Schwierigkeiten im sozialen Kontakt und seiner praktischen Lebensführung literarisch verarbeitet.

Seit zwei Jahren hat er eine Freundin, Aysen Bayar, die ihn wieder zum Schreiben ermutigt und dabei geduldig unterstützt hat.

Dennis Kornblum

Die goldene Ananas

Roman

Für Aysen

Erstes Kapitel

Es war ein überwiegend sonniger Tag Anfang Juni; nur vereinzelt durchzogen Wolken den ansonsten blauen Himmel. Ein mittelstarker Wind wehte durch Elias‘ lange dunkelblonde Haare. Das aufgewirbelte Durcheinander vor seinen Augen war recht störend, daher beschloss er, sie zu einem Zopf zusammenzubinden. Zwar mochte er den etwas wilderen Look von offenem Haar ganz gerne, aber der nützte ihm ja auch nichts, wenn er nichts sehen konnte. Sein Haargummi aus Stoff hervorkramend, fiel ihm auf, dass dieses mittlerweile doch schon arg zerfetzt war. Allmählich sollte er sich wohl wieder ein paar neue anschaffen. Aber den genauen Zeitpunkt dieser Aktion wollte er jetzt nicht festlegen; im Moment hatte er andere Sorgen.

Er stand vor einer relativ breiten Haustür aus weiß lackiertem Massivholz mit einem runden metallenen Knauf, unter dem ein altes Schloss angebracht war. Die Tür gehörte zu einem herrschaftlichen Haus aus der Jahrhundertwende, gestrichen in hellgrau, mit weißen Fensterrahmen und dunklen anthrazitfarbenen Dachpfannen.

Taubenweg 8, dachte Elias – das würde in einer Woche seine neue Adresse sein; und ein leichter Schauer überkam ihn. Frau Pawlowska konnte ihm noch hundertmal sagen, dass dieses Villenviertel eine sehr schöne Wohngegend war und er froh sein konnte, hierhinzuziehen. Am liebsten würde er einfach bleiben, wo er war. Apropos Frau Pawlowska …

Nervös schaute er auf sein Handy; es war 13 Uhr 47. Sie wollte um 13 Uhr 50 da sein. Seiner Erfahrung nach war sie relativ pünktlich, aber immer noch zwischen zwei und sechs Minuten zu spät. Das bedeutete, statistisch betrachtet müsste sie zwischen 13 Uhr 52 und 13 Uhr 56 hier eintreffen, also in fünf bis neun Minuten. Er ärgerte sich, nicht etwas später losgegangen zu sein, denn er hasste es zu warten; aber er hatte nicht ganz genau vorhersehen können, wie lange er brauchte, war die Strecke bisher erst einmal zu Fuß gegangen, und das zusammen mit Frau Pawlowska, die extrem langsam ging; daher war die Dauer jenes Ganges nicht repräsentativ. Mit ihr hatte er über eine Dreiviertelstunde gebraucht, also hatte er für sich allein etwa eine halbe Stunde eingerechnet. Nun war er aber schon nach 23 Minuten angekommen, ging also tatsächlich doppelt so schnell wie sie.

Plötzlich hörte er im Haus eine Tür zuschlagen und im nächsten Moment Schritte. Elias erfasste ein unangenehmes Kribbeln in der Bauchgegend; er ging etwas zurück und zur Seite. Die Haustür sprang auf und ließ einen Mann vor seinen Augen erscheinen, so um die Mitte bis Ende Vierzig, mit braunem, leicht grau meliertem Haar, Geheimratsecken und Brille. Er war kleiner als Elias, etwa 1,75, normale Statur, weder dick noch besonders schlank, und trug ein graues Hemd und eine beige Stoffhose. Ihre Blicke trafen sich für ein oder zwei Sekunden. Elias nuschelte ein leises, zurückhaltendes »Hallo« heraus, der Mann aber entgegnete nichts und ging schnellen Schrittes an ihm vorbei.

Elias hatte den Eindruck, sein Blick wäre unfreundlich gewesen, irgendwie abweisend, aber er war sich nicht sicher, wurde aus dem Gesicht des Mannes so auf die Schnelle nicht schlau; freundlich oder herzlich war sein Ausdruck jedenfalls nicht, eher mürrisch, schlecht gelaunt, nicht der leiseste Anflug eines Lächelns. Auch überlegte er, ob sein eher gehauchtes »Hallo« überhaupt laut genug gewesen war, um von dem Mann vernommen zu werden. War sein Gruß womöglich schlichtweg untergegangen? Oder war dieser Mann ein ziemlicher Stoffel, der seinen Gruß einfach unhöflich ignoriert hatte?

Elias sah ihm mit ungutem Gefühl hinterher. Nein, der Eindruck des ersten Hausbewohners, den er zu Gesicht bekommen hatte, war wirklich nicht positiv.

Es war mittlerweile 14 Uhr 53 und damit das Zeitfenster angebrochen, in dem Frau Pawlowska aller Wahrscheinlichkeit nach hier auftauchen sollte. Sie hatten sich extra zehn Minuten vor dem Termin mit dem Hausverwalter verabredet, damit er nicht alleine war, wenn dieser aufkreuzte, selbst wenn er ein paar Minuten zu früh kommen sollte. In diesem Fall befürchtete Elias nämlich, eventuell wichtige Informationen zu verpassen, irgendetwas falsch zu machen, was auch immer man hier falsch machen konnte. Mit Frau Pawlowska fühlte er sich sicher; diese Sicherheit brauchte er, zumindest in derartig ungewohnten, neuartigen Situationen, im Umgang mit jemandem wie diesem Herrn Kreuzberg, den er bisher erst einmal getroffen hatte, und das auch nicht alleine.

Elias blickte angespannt auf die wenig befahrene Straße, in der Hoffnung, bald einen blauen Opel Corsa heranfahren und vor dem Haus parken zu sehen. Inzwischen war es 14 Uhr 55 – jetzt wurde es aber langsam Zeit! Nicht, dass Herr Kreuzberg vor Frau Pawlowska auftauchen und gar noch auf die Idee kommen würde, ohne sie die Schlüsselübergabe durchzuführen.

Da hörte er Motorgeräusche, ein Auto kündigte sich an. Doch im nächsten Moment wurde er enttäuscht. Es parkte dort zwar tatsächlich ein Wagen, es war aber kein blauer Opel Corsa, sondern ein roter Renault Clio, und heraus stieg auch nicht Frau Pawlowska, sondern eine junge Frau mit einem Kind, ein Mädchen im frühen Grundschulalter. Eine Ähnlichkeit zwischen den beiden war nicht zu verleugnen, daher waren es sehr wahrscheinlich Mutter und Tochter. Die Frau war ein wenig jünger als er, vielleicht so knapp Mitte Zwanzig, und hatte braune, stark geschminkte Augen in einem schmalen, insgesamt recht hübschen, jedoch heftig mit Makeup bearbeiteten Gesicht. Dieses stand in ziemlichem Gegensatz zu ihrem zwar nicht deutlich übergewichtigen, aber doch leicht pummeligen Körper mit kurzen dicken Beinen und einem recht breiten Gesäß, das in eine enge blaue Jeans gequetscht war. Ihr Oberkörper war weniger massiv als der Unterbau; eher dünne Arme und eine geringe Oberweite waren mit einer roten Bluse bedeckt. Außerdem trug sie weiße Sneakers. Beeindruckend fand Elias ihre ungewöhnlich langen seidigen, dunkelbraunen Haare, die ihr bis unter die Hüfte reichten, und ihre schön gebräunte Haut.

Das Mädchen war sehr klein und viel zierlicher als die Frau, außerdem heller und mit nicht ganz so langen Haaren. Auch sie hatte ein hübsches Gesicht, altersentsprechend ohne Schminke und Makeup und dadurch viel natürlicher wirkend. Sie trug ein rosa Kleidchen und hielt ein Stofftier in ihren Händen, einen hellblauen Elefanten. Ihre grünbraunen Augen funkelten Elias neugierig an, als sie auf ihn zukamen. Die Frau warf ihm bloß einen flüchtigen Blick zu, während sie laut und temperamentvoll telefonierte.

»Der hat echt ‘n Knall!«, hörte er sie mit schriller Stimme sagen. »Der ist doch total verrückt … Ja, das hab ich auch gesagt. Boah ey … Was der sich einbildet.« Sie wirkte stark in das Telefonat vertieft; weder Elias noch die brav hinter ihr hertrottende Kleine schienen etwas von ihrer Aufmerksamkeit zu erhalten.

Als die beiden an ihm vorübergingen, sah die Frau Elias plötzlich in die Augen, ziemlich intensiv, aber doch irgendwie abwesend, während sie weiter in ihr Handy sprach.

»Erzähl ich dir nachher«, sagte sie. »Bin jetzt zu Hause.«

Die Situation war ihm unangenehm; er wusste nicht, was er oder ob er überhaupt etwas sagen sollte, ein Hallo oder so etwas, immerhin telefonierte sie ja gerade und grüßte ihn nicht. Schließlich wandte er den Blick von ihr ab und dem kleinen Mädchen zu, das ihn immer noch ansah.

»Hi«, sagte die Kleine munter. Sie strahlte ihn dabei freundlich an und lächelte mit einer gewissen Wärme, die Elias sofort als angenehm empfand.

»Hallo«, erwiderte er und lächelte ebenfalls, wenn auch etwas unsicher. Mit Kindern hatte er überhaupt keine Erfahrungen; er fand sie eigentlich meistens eher störend, nervig und dazu unberechenbar, schwer einzuschätzen, manchmal sogar angsteinflößend. Bei diesem Mädchen hatte er aber ein besseres Gefühl, sie schien keinen Stress zu bedeuten, von ihr keine Gefahr auszugehen. Auch hatte er bereits jetzt den sicheren Eindruck, dass sie wesentlich intelligenter und feinsinniger als ihre Mutter war, die ihm eher etwas prollig erschien.

Die beiden verschwanden schnell im Haus. Elias hörte die Kleine noch »Wer war das, Mama?« fragen, konnte jedoch die Antwort nicht mehr verstehen, denn die Tür war bereits zugefallen.

Elias warf erneut einen Blick auf sein Handy, und jetzt überkam ihn ein ekliges Gefühl von Stress, fast schon Panik.

14 Uhr 57! Frau Pawlowska hatte ihr Zeitfenster überschritten und somit die Statistik verändert; sechs Minuten waren nicht mehr länger die größte Verspätung, jetzt waren es bereits sieben, und die Tendenz zeigte nach oben. Es könnte jeden Moment der Hausverwalter kommen, und sie war noch nicht da. Es fühlte sich für Elias an, als würde eine Bombe in ihm ticken, die zu explodieren drohte.

Er war gerade im Begriff, sich noch stärker in diese beißende Unruhe hineinzusteigern, als endlich die Rettung erschien – ein blauer Opel Corsa fuhr die Straße herauf und parkte vor dem Haus, direkt hinter dem roten Renault Clio.

Die Fahrertür sprang auf und eine ältere, kleine und ziemlich dicke Frau stieg aus. Sie trug eine Brille und kurze, blondierte Haare, außerdem Jeans und ein schwarzes T-Shirt.

»Entschuldigen Sie, Herr Bach!«, rief sie, schnellen Schrittes auf den zwar jetzt erleichterten, aber immer noch etwas aufgebrachten Elias zuhechtend. »Es war sehr viel Verkehr, und dann habe ich auch noch ewig vor der Schranke gestanden. Eigentlich war ich sehr pünktlich losgefahren.«

»Ist nicht so schlimm«, entgegnete Elias, dem jedoch sein Unmut über das verspätete Auftauchen Frau Pawlowskas ins Gesicht geschrieben stand. »Aber was wäre gewesen, wenn Herr Kreuzberg etwas früher gekommen wäre?«

»Ich bin doch jetzt hier, Herr Bach, und der Herr Kreuzberg ist noch nicht gekommen. Es ist also alles gutgegangen.«

»Wir haben noch gar nicht genau den Ablauf besprochen.« Elias legte eine unzufriedene Miene auf. »Da haben wir jetzt gar keine Zeit mehr für.«

»Der Ablauf ist ganz einfach«, erwiderte Frau Pawlowska mit ruhiger Stimme. »Wir gehen gleich mit dem Herrn Kreuzberg zusammen hoch, dann unterschreiben Sie den Mietvertrag und erhalten die Schlüssel.«

»Okay … Und der wird nicht vielleicht noch irgendwelche Fragen stellen?«

»Nein, es ist doch bereits alles geklärt. Sie könnten ihn höchstens noch etwas fragen, wenn Ihnen noch was einfällt.«

»Hm …« Elias überlegte.

Aber schon bald wurde sein Gedankengang unterbrochen. Ein Fahrrad näherte sich dem Anwesen, darauf sitzend Herr Kreuzberg. Er hielt auf dem Bürgersteig und schob das Rad auf das Grundstück.

»Hallo zusammen!«, rief er ihnen zu.

Herr Kreuzberg war ein schlanker, drahtiger Mittvierziger um die 1,80, in braunem, enganliegendem Anzug und Sneakers. Elias hatte ihn bereits einmal bei der Hausbesichtigung erlebt. Sein Eindruck von ihm war recht gemischt. Einerseits schätzte er seine freundliche, wohlwollende Art, auf der anderen Seite kam er ihm aber auch etwas hektisch vor; er schien nicht der allergeduldigste Mensch zu sein.

»Guten Tag, Herr Kreuzberg«, begrüßte ihn Frau Pawlowska. »Sie sind ja mal wieder pünktlich wie die Maurer.«

»Aber sicher! Wie geht´s euch beiden?«, fragte Herr Kreuzberg, während er an seinem Fahrradschloss herumfummelte.

Elias fiel, wie auch schon bei ihrem letzten Treffen, der Plural von »du« auf, den er statt der üblichen höflichen »Sie«-Anrede verwendete. Einzeln siezte er sie seltsamerweise. War das wohl einfach eine Angewohnheit oder sprachlich-grammatikalische Unkenntnis?

»Es geht so«, antwortete Elias verhalten. »Und Ihnen?«

»Na, dann lasst uns mal reingehen«, gab Herr Kreuzberg zurück, der zwischenzeitlich mit dem Fummeln fertig geworden war, ohne eine Antwort zu geben oder Frau Pawlowskas Antwort hinsichtlich ihres Befindens abzuwarten.

Er schloss die weiß gestrichene Haustür auf, und sie traten ein. Nachdem sie einen kleinen Flur durchquert hatten, der links und rechts an den beiden Erdgeschosswohnungen vorbeiführte, stiegen sie die schmalen Stufen einer Treppe aus Holzdielen hinauf. Diese befand sich am Ende des Flures auf der linken Seite; rechts ging es zu einer weiteren Wohnung, ein Extra-Anbau, der, aus der Vorderansicht des Hauses zu schließen, nicht gerade klein war. Nach der ersten Etage kam das Dachgeschoss, und hier war Elias' neue Wohnung.

Die Schlüsselübergabe war tatsächlich weitgehend unkompliziert verlaufen. Elias hatte keine anstrengenden Fragen gestellt bekommen und war nun im Besitz eines Schlüsselbundes mit jeweils zwei Schlüsseln für die Haustür, die Wohnungstür und den Außeneingang zum Garten, welcher sich links von der Hausfassade befand. Eigene Fragen waren ihm auf die Schnelle nicht mehr eingefallen.

Jetzt stand er mit Frau Pawlowska vor dem Anwesen und rauchte eine Zigarette, die ihm nach der Aufregung besonders gut schmeckte. Er fühlte sich etwas erschöpft. Die Eindrücke, die er in der letzten halben Stunde gesammelt hatte, schwirrten ihm chaotisch im Kopf herum.

»Schön werden Sie hier wohnen«, meinte Frau Pawlowska und betrachtete mit verträumtem Blick das Anwesen.

»Na ja, mal gucken«, erwiderte Elias, nicht sehr überzeugt, mit einem Anflug von Traurigkeit und einem Kloß im Hals.

»Sie haben wirklich Glück gehabt, dass Ihr Vater das für Sie möglich gemacht hat. Und Sie werden sehen, Sie haben sich schnell eingewöhnt.« Elias ließ seine Zigarette auf den Bürgersteig fallen und trat sie sorgfältig aus. »Kommen Sie, ich fahr Sie noch ins Wohnheim.«

Er mochte Frau Pawlowska. Seiner Ansicht nach besaß sie ein sehr freundliches, gutmütiges Wesen und war außerdem sehr verlässlich; auch wenn sie heute leicht aus dem Rahmen ihres bisherigen Verspätungszeitfensters gefallen war, im Endeffekt war sie ja noch rechtzeitig gekommen. Im Wohnheim war sie eine ganze Zeit lang seine wichtigste Ansprechpartnerin gewesen, doch seit ein paar Monaten arbeitete sie nicht mehr dort, sondern kümmerte sich nur noch um betreutes Wohnen. Ausnahmsweise war ihr noch der Fall Elias übertragen worden, hauptsächlich mit dem Auftrag, seinen Umzug zu organisieren und ihn dabei zu begleiten, wofür sie regelmäßig Termine ausgemacht hatten. Außerdem würde sie ihn in der neuen Wohnung weiterhin betreuen, zumindest noch eine Zeit lang. Denn sie war schon 64 Jahre alt und würde somit bald in Rente gehen. Elias graute es bereits davor, in nicht allzu ferner Zukunft einen völlig ungewohnten Nachfolger vorgesetzt zu bekommen.

Sie stiegen in den blauen Opel Corsa und fuhren los. Im Wagen blickte Elias noch einmal zurück auf das alte, hellgrau gestrichene Haus, dessen Dachgeschosswohnung er in einer Woche beziehen würde.

Elias lag rücklings auf seinem Bett, die Augen gedankenversunken an die Decke geheftet, und ließ den vielen Bildern in seinem Kopf freien Lauf, aus den Emotionen und Eindrücken entspringend, die er an diesem Tag empfunden und gesammelt hatte.

Als er nach der Schlüsselübergabe zurückgekehrt war, hatte er erst einmal eine starke Unruhe und eilige Hektik in sich gespürt, da er viel Zeit verloren hatte für das, womit er seine Tage normalerweise fast ausschließlich ausfüllte. Er hasste es, wenn ihm weniger Zeit für seine Interessen, seinen Tagesplan und seine Tagesziele blieb. Also hatte er sogleich eine Einheit Gitarre üben eingelegt, diesmal ausnahmsweise auf die Hälfte abgekürzt, lediglich drei Stunden, auf das komprimiert, was ihm am wenigsten Anstrengung bereitete. Denn heute war kein gewöhnlicher Tag und seine Konzentration ziemlich eingeschränkt.

Nachdem er diese Einheit mit Mühe absolviert hatte, hatte er ein Musikalbum eingelegt und auch hier etwas leichtere Kost gewählt, keinen allzu komplexen Tech Death von Bands wie Nile oder Obscura, sondern einen schönen Death-Metal-Klassiker von 1991, also noch vor seiner Geburt aufgenommen, das Debütalbum von Immolation, Dawn of the possession – eines seiner Lieblingsalben von einer seiner Lieblingsbands. Es unterschied sich von den Nachfolgealben unter anderem durch den etwas weniger tiefen, dafür aber eine Spur fieser daherkommenden Gesang und den Verzicht auf allzu schnelle Blastbeats. Normalerweise berührten Elias das charismatische, böse Growling und die hier nicht allzu vertrackten Soli Robert Vignas bei jedem weiteren Hören (und er hatte das Album bestimmt schon über zwanzigmal gehört), aber dieses Mal war der größte Teil des Materials seltsam an ihm vorbeigerauscht; ständig hatten sich Bilder vom Haus im Taubenweg und den Bewohnern und angstvolle Gedanken an den Umzug dazu gemischt.

Das Werk trotzdem zu Ende gehört, hatte er dann schließlich beschlossen, erst einmal keine weiteren Alben mehr zu konsumieren und stattdessen verfrüht seine von ihm sogenannte »Dreamsession« einzulegen, bei welcher er eine ganz andere Art von Musik einlegte, um sich nicht konzentrieren zu müssen, sondern etwas chillen, entspannen zu können, wenigstens ein oder eineinhalb Stunden einfach an alles und nichts zu denken. Hierfür hörte er stets eines von bloß drei Alben, die er von der Trance-Elektro-Pop Combo Schiller besaß. Deren Musik war eingängig, sehr ruhig, fast schon meditativ, und dadurch, dass er alle Alben in und auswendig kannte, sehr gut als Hintergrundmusik für seine Gedanken und Tagträume geeignet.

So lag er also nun im Bett, den leisen Klängen von Schiller lauschend, und dachte wieder an das Haus, den heutigen Nachmittag und an den Umzug, der nächste Woche bevorstand. Er war in seinem Leben bisher zweimal umgezogen, einmal von seinem Elternhaus in ein Übergangswohnheim und dann noch einmal in diese Einrichtung, und hatte beide Umzüge als äußerst stressige Unterfangen in Erinnerung. Da war zunächst einmal das frühe Aufstehen und darüber hinaus das körperlich anstrengende Schleppen von Möbelstücken und Kisten; in diesem Fall musste alles eine schmale Treppe hinaufgetragen werden. Aber am meisten fürchtete sich Elias vor dem Ungewohnten, Neuen, was vom Tag des Umzuges an auf ihn zukam. Außerdem hatte er Angst davor, vor allem in der ersten Zeit, nicht richtig in seine tägliche Routine zu finden, da seine Aufmerksamkeit von unvorhergesehen Störfaktoren und zusätzlichen Aufgaben beeinträchtigt werden könnte, und vor dem Verlust wertvoller Energie, die er für sein tägliches Pensum an Übungseinheiten und Musikalben benötigte.

Er nahm den Blick von der Decke und schaute sich in seinem Zimmer um. Das alles, die Aussicht aus dem Fenster, der Schnitt des Raumes, die Farbe der Wände, war über die letzten Jahre Teil seines täglichen gewohnten Sehens und Erlebens, ja irgendwie eine Einheit mit ihm geworden, nahezu mit ihm verschmolzen. Nicht weil es so schön eingerichtet war, darauf legte er gar keinen besonderen Wert, sondern weil er es kannte. Glücklicherweise hatten seine Betreuer sich bei der Geschäftsführung erfolgreich dafür eingesetzt, dass er sämtliche Möbel in die neue Wohnung mitnehmen durfte (wobei sein Ersteinrichtungsgeld dann in eine komplett neue Einrichtung seines alten Zimmers investiert werden sollte), so dass ihm wenigstens das Mobiliar vertraut und bekannt blieb.

Auch die übrigen Bewohner dieses Hauses waren ihm bekannt. Doch zum größten Teil mochte er sie nicht besonders; er hatte bloß zu einem einzigen einen Kontakt, den man entfernt als so etwas wie freundschaftlich bezeichnen konnte. Aber es waren eben alles bekannte Gesichter, und er hatte keine Überraschungen von ihnen zu erwarten. Natürlich konnte er sich irgendwann auch an die Bewohner des Hauses im Taubenweg gewöhnen, nur würde das mit Sicherheit sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Drei von ihnen hatte er heute bereits zu Gesicht bekommen, allerdings zum überwiegenden Teil unangenehme Eindrücke von ihnen erhalten. Den komischen Mann in Hemd und Stoffhose fand er etwas beängstigend, und die hübsche Dunkle mit dem dicken Hintern hatte auch nicht unbedingt den herzlichsten, sympathischsten Eindruck auf ihn gemacht. Lediglich das kleine Mädchen war ein Lichtblick gewesen; sie hatte ihn freundlich gegrüßt und außerdem etwas Angenehmes, Gutmütiges in ihrer Ausstrahlung gehabt.

Elias graute es. Noch eine Woche würde er in seiner gewohnten Umgebung verbringen, dann war der Friede vorüber, dann musste er in den Krieg ziehen (zumindest kam es ihm so vor), in den Kampf gegen die neuartigen Bilder, Gesichter, Stimmen, Geräusche und Farben, welche plötzlich und ohne Erbarmen auf ihn einschlagen würden.

Eine gute Woche später, an einem Freitagmorgen, saß Elias auf seinem dunkelgrauen Drehstuhl vor seinem kleinen schwarzen Tisch, rauchte eine Zigarette und trank starken schwarzen Kaffee. Er war sehr müde, seine Augen fühlten sich klebrig an und fielen immer wieder zu. Sein Handywecker hatte heute schon um 8 Uhr 12 geklingelt, drei Stunden vor seiner gewohnten Aufstehzeit, und da er vor lauter Aufregung sogar noch später als sonst eingeschlafen war, hatte er nur knapp dreieinhalb Stunden Schlaf abbekommen. Mit einer äußerst unangenehmen Mischung aus Schläfrigkeit und innerer Aufregung blickte er sich in seinem Zimmer um. Vor ihm standen, im Raum verteilt, drei große Umzugskartons mit CDs, Büchern, alten Comics und Zeitschriften, außerdem eine große schwarze Mülltüte mit Klamotten. Die Regale seiner beiden Schränke waren blankgeräumt und weiß vom Staub, die Wände leer; da hing kein Poster von Obscura und auch kein Katzenkalender mehr.

Elias drückte die Zigarette aus und schaute auf sein Handy. Es war 8 Uhr 52; das bedeutete, dass er seine nächste Zigarette ab 10 Uhr 7 genießen durfte. Außerdem hatte er noch acht Minuten, bis der Umzug losgehen würde. Dann würde er gemeinsam mit Herrn Kohlstadt, einem sportlichen Betreuer Anfang Dreißig, und zwei von der Einrichtung beauftragten Hilfskräften, die hier im Haus schon öfters etwas repariert und montiert hatten, den Wagen, einen weißen Vito, beladen. Außerdem würden seine Schränke und das Bett abgebaut und in der neuen Wohnung wiederaufgebaut werden, aber da hatte Elias nichts mit am Hut, so etwas hatte er noch nie gemacht und war daher froh, dass ihm das von anderen abgenommen wurde. Gegen elf Uhr wollte Frau Pawlowska dazu stoßen und schauen, wie weit sie waren. Sie hatte es Elias angeboten und er es dankend angenommen; denn Frau Pawlowska war ihm nun einmal sehr vertraut und hatte eine beruhigende und auch motivierende Wirkung auf ihn.

Auf einmal klopfte es an seiner Tür. »Herr Bach?« Es war die Stimme von Herr Kohlstadt. »Sind Sie soweit?«

Elias schaute auf sein Handy; es war erst 8 Uhr 57. Wenn Leute zu früh dran waren, hasste er noch mehr als zu spät, selbst wenn es sich nur um ein paar Minuten handelte; er könnte schließlich gerade noch auf Toilette sein.

»Ja«, antwortete er angespannt, mit einem leichten Zittern in der Stimme.

Herr Kohlstadt öffnete die Tür und betrat das Zimmer. Er hatte braune, gelockte Haare und war etwa so groß wie Elias, irgendetwas knapp unter 1,85, aber kräftiger als er, mit einem zwar ebenfalls insgesamt recht schlanken, jedoch sehr athletisch gebauten Körper. Elias kam im Großen und Ganzen ganz gut mit ihm zurecht, auch wenn er manchmal etwas neidisch auf seine dicken Oberarme war, da konnte er nicht mithalten, und Herr Kohlstadt häufig etwas mehr von ihm abverlangte als andere Betreuer. Er hatte mitunter eine ziemlich bestimmende Art und konnte sich seiner Meinung nach auch nicht so gut in ihn hineinversetzen. Am liebsten war ihm immer noch Frau Pawlowska.

»Na, dann wollen wir mal«, sagte Herr Kohlstadt jetzt.

»Es ist aber noch keine Neun«, erwiderte Elias missmutig.

»Ach, die paar Minuten, Herr Bach. Kommen Sie, die anderen sind schon da und warten.«

»Okay.« Elias erhob sich langsam und träge aus seinem Drehstuhl.

»Sie hätten ruhig schon mal die Schränke entstauben können.«

»Ja, hätte ich«, entgegnete Elias in etwas patzigem Tonfall. Er hasste es, wenn man ihn zu etwas aufforderte oder ihn tadelte; das ließ in ihm immer einen gewissen Widerstand, manchmal sogar Zorn aufkommen. Und heute war er durch die hohe Anspannung noch gereizter als gewöhnlich. »Hab ich nicht mehr geschafft.«

Nun konnte der Stress also beginnen.

Glücklicherweise stellte sich heraus, dass nur eine Fuhre nötig war. Elias‘ Sachen nahmen nicht allzu viel Platz ein - drei Umzugskisten, eine Mülltüte, die Einzelteile eines kleinen und eines mittelgroßen Regalschrankes und des Bettes, sein dunkelgrauer Drehstuhl, seine Gitarre und ein kleiner Verstärker; außerdem ein kleiner Fernseher, die kleine Musikanlage, das Tischchen, eine alte, dimmbare Stehlampe und zwei Zehn-Kilo-Kurzhanteln. Den Kleinkram, unter anderem seinen Laptop, konnte er in einem Rucksack und einer Tüte vorne im Wagen transportieren. Sein altes Mountainbike würde er an einem anderen Tag abholen, das brauchte er im Grunde erst einmal gar nicht, den Weg zum Supermarkt konnte er auch zu Fuß zurücklegen.

Der Vito war ein Dreisitzer, daher fuhr Herr Kohlstadt separat mit seinem blauen Ford zum Taubenweg, der sich im selben Stadtbezirk befand und daher weniger als zehn Minuten Autofahrt von der Wohneinrichtung entfernt war. Es war Elias wichtig, nicht zu weit weg von seiner gewohnten Umgebung zu ziehen, am liebsten wäre ihm dieselbe Straße gewesen, aber das war nicht möglich.

Dort angekommen, stand er nun zum dritten Mal vor dem hellgrau gestrichenen Altbau, der jetzt sein Zu Hause war - Taubenweg 8.

»Gehen Sie bitte schon mal hoch und schließen die Wohnung auf!«, forderte ihn Herr Kohlstadt auf. »Die Schlüssel haben Sie ja.«

Elias kramte aus der obersten Tasche seines Rucksacks den Schlüsselbund hervor. Er verspürte nicht die geringste Lust, der Aufforderung nachzugehen, sah aber ein, dass ihm wohl keine andere Wahl blieb. Die Unlust bestand neben seiner immer noch anhaltenden Müdigkeit darin, dass er noch nie mit diesen Schlüsseln diese Türen aufgeschlossen hatte, und jedes andere Schloss mit anderem Schlüssel fühlte sich beim Aufschließen auch anders an. Außerdem hatte er sich nicht gemerkt, welcher Schlüssel zu welcher Tür gehörte.

Widerwillig schritt Elias über den durch einen kleinen Vorgarten führenden Steinweg zur Haustür. Er probierte einen Schlüssel. Der passte nicht. Dann nahm er den nächsten. Der passte auch nicht. Ach, Moment, der ging doch. Er öffnete die Tür und beschritt das Hausinnere. Beim Einladen hatte er fast alles alleine getragen, da die beiden Beauftragten des Wohnheims hauptsächlich mit Abbauen des Bettes und der Schränke und Herr Kohlstadt mit dem Verstauen der Teile im Wageninneren beschäftigt gewesen waren, daher war er bereits ziemlich erschöpft; dies in Kombination mit dem wenigen Schlaf ließ ihn sich wie in Trance, ein wenig wie angetrunken fühlen. Außerdem kreisten seine Gedanken ständig darum, wie lange das Ganze wohl noch gehen, wann er wohl heute endlich zur Ruhe kommen würde, sich etwas hinlegen und dann noch ein paar Alben hören und vielleicht noch einen Film gucken könnte. Seine Eltern würden ja später auch noch vorbeikommen und ihm beim Einrichten und Einräumen helfen. Würde er heute überhaupt noch Zeit haben?

Er ging also nun den kleinen Flur entlang und dann die schmalen Stufen der Treppe aus Holzdielen hinauf, oben angekommen nach links und stand vor einer weißen Tür. Er hatte leider bereits vergessen, welcher Schlüssel denn jetzt unten gepasst hatte, also nahm er wahllos einen, um ihn zu probieren. Dieser passte schon einmal nicht. Er probierte den nächsten, aber auch der ging nicht. Also nahm er den letzten, es konnte ja nur noch dieser sein. Aber zu seinem Schrecken passte auch der nicht ins Schlüsselloch. Wie konnte das sein? Elias wurde hektisch, sein gesamter Körper spannte sich an.

Da vernahm er plötzlich Geräusche aus dem Inneren der Wohnung. Es hörte sich an, als würde sich da jemand bewegen, umhergehen oder so etwas. Elias erschrak. Dann schoss ihm etwas in den Kopf, ein Aha-Erlebnis, aber ein sehr unangenehmes. Adrenalin flammte in ihm auf, und es wurde wieder ein sehr starkes Kribbeln in der Bauchgegend spürbar. Er wandte sich um und sah eine weitere Wohnungstür. Er wohnte doch allein im Dachgeschoss … Er befand sich tatsächlich im falschen Stockwerk!

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und ein Mann um die Mitte dreißig stand vor ihm, so zwei, drei Zentimeter kleiner als er, aber bestimmt fast dreißig Kilo schwerer. Er trug ein blaues T-Shirt, das sich hauteng um einen derart massiven Oberkörper presste, dass Elias seinen Augen kaum traute. So etwas Muskulöses hatte er aus dieser Nähe noch nicht zu Gesicht bekommen. Die Oberarme waren doppelt so dick wie von Herrn Kohlstadt, zwei dicke Venen liefen an ihnen zu den Unterarmen herab. Die Beine wirkten gegen den Oberbau eher dünn und waren von einer ebenfalls recht engen blauen Jeans bekleidet; an den Füßen hatte er weiße Sneakers. Außerdem war er blond und trug eine frisch geschnittene und an den Seiten radikal rasierte Undercut-Frisur mit recht kurzem Deckhaar. Seine Haut glänzte in einem dunklen Rotbraun, das in dieser Intensität einen sehr häufigen Besuch der Sonnenbank vermuten ließ. Dieser Koloss sah Elias nun fragend und mit skeptisch gerunzelter Stirn an. Elias überkam ein leichter Schwindel. Irgendetwas musste er jetzt sagen.

»Oh, äh, entschuldigen Sie bitte«, stammelte er mit zittriger Stimme. »Ich hab mich vertan. Ich muss eine Etage höher. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte.«

»Ja, ja, alles gut«, entgegnete der Muskelprotz mit unerwartet sanfter Stimme.

»Tut mir wirklich leid. Ich war erst zweimal hier und bin heute etwas unkonzentriert.«

»Bisschen verpeilt, hä?« Er grinste Elias schelmisch an.

»Ja, manchmal«, entgegnete Elias und lächelte verkrampft.

»Macht aber nichts. Du ziehst hier ein, richtig? Dachgeschoss. Ich hab schon von dir gehört.«

»Ja … genau.«

»Dann sehen wir uns bestimmt öfter. Wie heißt du?«

»Elias.«

»Ich bin Joe.« Er reichte ihm die Hand, und Elias ergriff sie zaghaft.

»Hast aber keinen starken Händedruck.« Joe grinste wieder.

»Nee …« Elias war verunsichert.

»Aber kriegst du hin mit dem Umzug heute, hast Leute zum Tragen, oder?«

»Ja, hab ich, ist auch nicht so viel.«

»Alles klar. Na dann, Elias, hau rein. Ich muss grad noch meine Tasche packen und gleich los.«

»Okay, alles klar, danke.« Als er es bereits ausgesprochen hatte, bemerkte Elias, dass es ja eigentlich nichts gab, wofür er sich bedanken musste. Na ja, vielleicht für die teilnahmsvolle Frage, ob er genug Leute zum Tragen hätte, auch wenn Joe ja offensichtlich jetzt sowieso keine Zeit zum Helfen gehabt hätte, oder einfach dafür, dass er ihn nicht angepflaumt hatte, immerhin hatte er an seinem Türschloss herumgefuhrwerkt.

Joe lächelte. »Mach‘s gut, wir sehen uns.« Dann war er wieder im Inneren der Wohnung verschwunden, und Elias stand vor der geschlossenen weißen Tür.

»Herr Bach?«, vernahm er jetzt Herrn Kohlstadts Stimme von unten. »Alles in Ordnung bei Ihnen?«

»Ja«, antwortete Elias. »Ich war nur an der falschen Tür.« Es war ihm sehr unangenehm, durchs Treppenhaus zu rufen, denn man konnte ihn sicherlich in den Wohnungen hören, obwohl er natürlich nicht wusste, wie viele Bewohner überhaupt zu Hause waren. »Ich komme gleich runter!«

»Lassen Sie die Wohnungstür bitte möglichst weit auf, damit wir die Sachen reintragen können.«

»Ja, mache ich.« Elias schaute auf sein Handy; es war schon 10 Uhr 36. »Kann ich, bevor wir anfangen, erst mal eine rauchen?«

»Ja, können Sie.«

Elias war erleichtert, denn die Zigarette war schon überfällig, und er wusste nicht, wann er das nächste Mal dazu kommen würde, wenn sie erst intensiv mit Tragen und Aufbauen beschäftigt waren. Er ging nun die Treppe hinauf, die ins Dachgeschoss führte, und befand sich erneut vor einer weißen Tür. Er zögerte, bevor er den ersten Schlüssel probierte, denn der Schock von gerade eben saß ihm noch in den Knochen. Der erste Schlüssel passte nicht, und Elias spürte bereits wieder einen Anflug von Panik in sich aufsteigen. Zu seiner großen Erleichterung passte der zweite, und er öffnete die Tür.

Im Weiteren ging es eigentlich recht zügig vorwärts, Herr Kohlstadt half auch mit hochtragen, zwei längere Teile mussten sie zu zweit nehmen. Als alles oben war, und die Arbeiter bloß noch damit beschäftigt waren, den größeren der beiden Schränke aufzubauen, war weniger als eine Stunde vergangen. Elias fühlte sich allmählich wieder etwas wacher und auch entspannter; es verlief alles doch um einiges unkomplizierter, als er befürchtet hatte.

Gegen halb zwölf kamen zwei Techniker vom Internetanbieter, die sich für das Zeitfenster zwischen zehn und zwölf angekündigt hatten, und installierten den WLAN-Router. Elias hatte sich mit Frau Pawlowska glücklicherweise frühzeitig um einen Termin pünktlich zum Einzug gekümmert.

Kurz darauf stieß diese dann auch zur Gruppe, und Elias erzählte ihr von seiner Begegnung mit Joe, während sie ein paar Häuser weiter zu einer kleinen Bäckerei gingen, damit er einen Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen konnte. Herr Kohlstadt hatte sich zwischenzeitlich verabschiedet, während die anderen Umzugshelfer noch in der Wohnung herumwerkelten.

»Sehen Sie es doch mal positiv«, meinte Frau Pawlowska nun zu ihm. »Es war Ihnen vielleicht sehr peinlich, aber es ist ja nichts Schlimmes passiert; dieser Joe hat sich doch gar nicht gestört gefühlt. Seien Sie doch froh, dass Sie schon eine nette Bekanntschaft in Ihrer neuen Umgebung gemacht haben.«

»Na ja«, entgegnete Elias nachdenklich. Irgendwie hatte sie ja recht. Wobei … »Aber den hätte ich ja wahrscheinlich eh noch kennengelernt. Und dann hätte ich nicht direkt so einen dämlichen Eindruck hinterlassen.«

»Ich glaube nicht, dass Joe einen dämlichen Eindruck von Ihnen hatte. Sie haben sich doch auch ganz nett mit ihm unterhalten.«

»Hm …« Elias war noch etwas unschlüssig.

Dann erreichten Sie die Bäckerei. Sie setzten sich draußen hin, bestellten Kaffee, und Elias drehte sich eine Zigarette.

Als sie zurückkamen, waren die Helfer gerade fertig geworden und verabschiedeten sich.

»Ich muss auch gleich wieder los, Herr Bach«, sagte Frau Pawlowska.

Elias schaute auf sein Handy; es war jetzt 12 Uhr 2. Seine Eltern wollten gegen 13 Uhr vorbeikommen. Also blieb ihm noch eine Stunde Zeit, in der er ein kleines Schläfchen halten oder ein Musikalbum hören könnte.

»Sie haben es ja jetzt erst mal geschafft. Ruhen Sie sich ein wenig aus, und wenn Ihre Eltern kommen, richten Sie in Ruhe Ihre Wohnung schön ein. Sie wollten um eins kommen, oder?«

»Ja«, antwortete Elias.

Sein Blick fiel nun auf einen Mann, der sich auf einem alten lilafarbenen City-Bike dem Anwesen näherte. Er hielt auf dem Bürgersteig, kurz vor dem den Steinweg zur Haustür umgebenden kleinen Vorgarten, und schloss sein Rad an das braune Zäunchen an, das diesen vom Bürgersteig abgrenzte. Es war ein älterer Herr, wie alt ließ sich schwer schätzen. Er konnte durchaus über fünfzig sein, mit seinem grau-melierten Haar, das jedoch mit einem recht modernen Schnitt versehen war, eine gemäßigte Undercut-Variante, an den Seiten nicht allzu kurz geschoren, aber in dem Stil doch eher von jüngeren Männern getragen. Dazu ließ er sich einen ebenfalls schon stark ergrauten Dreitagebart stehen und trug eine Kette aus türkiesen und blauen kleinen Steinen um den Hals. Er war so knapp 1,80 und von schlanker, recht sportlicher Gestalt, für das Alter in sehr guter körperlicher Form. Seine Arme, die aus einem schwarzen Diesel-T-Shirt hervortraten, sahen drahtig und auch durchaus etwas trainiert aus. Seine langen schlanken Beine waren in eine blaue Jeans mit (sehr wahrscheinlich gewollten) Löchern gekleidet; außerdem trug er dunkelbraune Cowboystiefel.

»Hallo!«, sagte der Mann mit recht lauter und etwas tiefer, aber dabei dennoch angenehmer Stimme, während er zügig auf Elias und Frau Pawlowska zuschritt. Er schien voller Energie zu sein und sehr gut gelaunt, seine blauen Augen funkelten wach und fröhlich. Die beiden grüßten freundlich zurück.

»Ich bin heute hier eingezogen«, sagte Elias, der das Bedürfnis verspürte, seine Anwesenheit zu erklären.

»Das dachte ich mir schon«, erwiderte der Mann und zwinkerte dabei Frau Pawlowska lustig zu. »Hab schon gehört, dass hier ein junger Mann einzieht. Und? Hat alles gut geklappt? Oder seid ihr noch dran?«

Erneut fiel Elias, wie auch bei Herrn Kreuzberg, der Plural von Du auf; aber es störte ihn seltsamerweise hier gar nicht, er fühlte sich wohl dabei, von diesem Mann brauchte, ja wollte er eigentlich gar nicht gesiezt werden, auch wenn er sich im Moment nicht recht erklären konnte, warum.

»Nein, wir sind vorhin fertig geworden«, erklärte Frau Pawlowska. »Hat alles geklappt, wir sind zügig vorangekommen; der Herr Bach hat schön fleißig getragen.«

»Aber er hat nicht alles alleine getragen?« Der Mann lächelte verschmitzt.

»Nein, ich hatte Hilfe«, sagte Elias. »Die sind eben gefahren.«

»Wo in diesem Haus wohnen Sie denn?«, fragte Frau Pawlowska.

»Erdgeschoss rechts«, antwortete der Mann. »Wenn mal was ist, kannst ruhig runterkommen.«

»Das ist aber nett«, meinte Frau Pawlowska. »Sehen Sie, Herr Bach, da haben Sie schon einen Ansprechpartner hier im Haus.«

»Ich bin übrigens der Willi.« Er reichte Elias die Hand; dieser gab ihm seine schüchtern.

»Ich bin Elias.«

»Oder Herr Schroth«, wandte sich Willi nun an Frau Pawlowska. »Was Ihnen lieber ist.«

»Pawlowska.« Sie schüttelte ihm ebenfalls die Hand.

»Sie ist meine Betreuerin«, erklärte Elias. Er hatte wieder das Gefühl, Erklärungsarbeit leisten zu müssen.

»Kommen Sie von der Arbeit?«, fragte Frau Pawlowska jetzt.

»Ja. Und jetzt mach ich Mittagspause. Ich bin Schreiner, hab meine Werkstatt ganz in der Nähe. Ist das eine Band?« Er zeigte auf Elias‘ T-Shirt. Es hatte auf schwarzem Hintergrund einen Aufdruck in grünlichen Farben, der eine große, um eine Art Zepter geschlungene Schlange zeigte. Oben auf dem Zepter stand in kunstvoll gemalten Buchstaben »Nile« geschrieben; links aus dem »n« und rechts aus dem »e« ragten jeweils eine Sperrspitze hervor.

»Ja«, entgegnete Elias. »Das ist Nile.«

»Bestimmt Heavy Metal, oder?« Willi grinste.

»Ja, Death Metal. Also Technical Death Metal.”

»Death Metal”, wiederholte Willi mit leichtem Lachen. »Nee, also da hört´s bei mir auf. Ich bin mehr so aus der Hardrock-Schiene. Also Deep Purple oder Led Zeppelin … Iron Maiden hab ich auch schon mal ganz gern gehört, aber das ist glaub ich einfach Heavy Metal, oder?«

»Ja, genau.« Elias lächelte. »Iron Maiden finde ich auch ganz gut. Hab ich früher viel gehört.«

»Ja, die sind schon geil. Da muss ich aber auch in Stimmung für sein. Immer Heavy Metal ist mir zu viel. Meine Freundin mag diese Musik gar nicht.« Er grinste. »Die steht mehr auf ruhigere Sachen. Deshalb hör ich in letzter Zeit auch häufiger mal so was. Ich kann an für sich alles Mögliche hören, hat alles irgendwie was.« Elias dachte bei sich, dass er nicht vom Metal abweichen würde wegen seiner Freundin, falls er eine hätte.

»Der Herr Bach spielt übrigens auch sehr gut Gitarre«, meldete sich Frau Pawlowska wieder zu Wort.

»Ja?« Willi machte große Augen.

»Na ja«, meinte Elias verlegen. »Ich übe viel, aber perfekt ist es noch nicht.«

»Toll!«, sagte Willi und nickte anerkennend. »Das find ich wirklich super. Ich würd auch gern Gitarre spielen, hab mich aber nie dazu aufraffen können zu üben. Mein Bruder spielt in ‘ner Band, aber ich krieg nicht mal einen einzigen sauberen Ton raus. Ich hab auch eine richtig geile E-Gitarre bei mir stehen, eine Gibson. Kann halt nur nicht drauf spielen. Spielst du auch so richtig in einer Band?«

»Nein«, antwortete Elias kleinlaut.

»Noch nicht«, ergänzte Frau Pawlowska lächelnd.

»Ich will erst noch weiter üben«, fügte Elias hinzu.

»Ist immer gut, wenn man die Disziplin hat«, meinte Willi. »Ich war immer zu faul, wollte am liebsten gleich sofort auf ‘ner großen Bühne abrocken. Aber man muss das Instrument halt erst beherrschen … So, Leute, ich geh mal rein, ich hab Hunger. Wir sehen uns, Elias.«

»Wir werden uns vielleicht auch noch mal sehen«, sagte Frau Pawlowska. »Guten Appetit.«

»Danke.« Willi schloss die Haustür auf. »Einen schönen Tag euch noch.« Dann verschwand er im Haus, und kurz darauf fiel die Tür ins Schloss.

»Das ist aber ein netter Mann«, meinte Frau Pawlowska.

»Ja, finde ich auch«, bestätigte Elias. Er hatte ihn wirklich als sehr angenehm und sympathisch empfunden.

Frau Pawlowska wartete noch kurz, bis er die Tür erfolgreich aufgeschlossen hatte, dann verabschiedeten sie sich, und er ging hoch ins Dachgeschoss. Diesmal konnte er sich an den richtigen Schlüssel erinnern und öffnete gleich beim ersten Versuch seine Wohnungstür. Er stand also nun in seiner neuen Wohnung. Dabei überkam ihm mit einem Mal ein seltsam wohliges Gefühl. Er konnte sich nicht recht erklären, wo es herkam, für einen Moment wichen die Anspannung und die Ängstlichkeit, die er fast den gesamten Tag in sich getragen hatte, einem Gefühl von angenehmer Aufregung und gespannter Erwartung auf das Neue. Die kurze Unterhaltung mit Willi hatte ihm sehr gutgetan; er freute sich darauf, ihn demnächst einmal wieder zu sprechen. Auch an die Begegnung mit Joe dachte er jetzt mit etwas entspannterem Gefühl zurück; es stand für ihn nicht mehr bloß sein peinlicher Blackout im Vordergrund, sondern auf einmal auch das recht freundliche Gespräch.

Elias sah sich um. Er bewohnte nun ein 35 Quadratmeter großes Einzimmerappartement mit weiß gestrichenen schrägen Seitenwänden. Eingangs befand sich rechts ein kleines Badezimmer mit Fenster. Nach links breitete sich länglich der Raum aus und mündete dann links in einer kleinen Küchenzeile mit Spüle, vier Herdplatten, Kühlschrank und Küchenschränken. An der Wand gegenüber der Wohnungstür hatten sie das Bett und kurz davor seine Stehlampe aufgestellt; unmittelbar rechts davon den kleineren der beiden schwarzen Regalschränke mit seinem Fernseher im obersten Regal; in die beiden unteren sollte später der Großteil seiner CDs eingeräumt werden. Links davon stand der größere Regalschrank, in welchen Bücher, Zeitschriften, noch ein paar CDs und etwas Krimskrams hineinkamen, etwa eineinhalb Meter davor sein kleiner Tisch und links davon sein dunkelgrauer Drehstuhl. Die Gitarre nebst Verstärker waren links neben dem Schrank an der Wand platziert, davor seine beiden Zehnkilohanteln. Fenster befanden sich an den seitlichen schrägen Wänden, drei links und eins rechts, neben dem Badezimmer. Ein großer Kleiderschrank, der schon vorher zur Einrichtung des Zimmers gehört hatte, stand direkt neben der Wohnungstür, gegenüber dem großen Regalschrank. Sein Obscura-Poster und den Katzenkalender würde Elias später noch aufhängen.

Diese Wohnung war deutlich größer als sein Zimmer in der Wohneinrichtung, daher sah es hier eher ein wenig leer aus. Seine Eltern wollten ihm noch zwei weitere Stühle und einen Esstisch mitbringen, erstere, damit er auch einmal Besuch empfangen könnte, den Esstisch eigentlich zum Essen, aber da Elias im Grunde immer entweder an seinem schwarzen Tischchen oder im Bett aß, schwebte ihm eine andere Funktion vor: er könnte darauf seine kleine HiFi-Anlage und seinen Laptop stellen.

Elias beschloss, zunächst ein Album zu hören, um ein wenig Gewohnheit in die ungewohnte Umgebung zu bringen. Eigentlich hatte er eine Oldschool-Scheibe hören wollen, irgendetwas nicht allzu Komplexes, das seinen Gehörgängen durch bereits etliche Durchläufe sehr vertraut war; er hatte an Revelations von der polnischen Death-Metal-Band Vader gedacht oder an eine der älteren Scheiben von Deicide oder Cannibal Corpse. Aber irgendwie hatte er jetzt, angeregt durch das Gespräch mit Willi, Lust auf Nile bekommen. Er hätte Willi am liebsten noch mehr über diese Band erzählt, zum Beispiel, dass sie auch Einflüsse aus ägyptischer Musik in ihre Lieder einbrachte, aber das könnte er ja vielleicht bei der nächsten Gelegenheit tun. Das Album, dessen Cover auf seinem T-Shirt abgebildet war, hatte allerdings eine zu lange Spielzeit von fast einer Stunde, und in einer Dreiviertelstunde würden seine Eltern kommen, also entschied er sich für den kürzeren Vorgänger aus dem Jahr 2000.

Er legte sich dafür auf sein Bett, eine Couch hatte er ja nicht. Es erfüllte ihn eine (wenn auch eher leichte) Vorfreude auf seine Eltern. Sie würden etwas Vertrautheit in diese vier Wände bringen. Er sah sie nicht allzu oft, da sie eine ganze Ecke von ihm entfernt wohnten, etwa eine Stunde Autofahrt. Mittlerweile hatte sich sein Verhältnis zu ihnen etwas gebessert. Früher, als er noch zu Hause gewohnt hatte, war er häufig mit ihnen aneinandergeraten, aber seitdem es eine konkrete Diagnose gab, die seine Andersartigkeit, seine oft nur schwer nachvollziehbaren Eigenschaften und Anwandlungen erklärbar machte, waren sie verständnisvoller geworden, und auch er hatte sich mehr Mühe gegeben, ihre Perspektiven zu verstehen.

Aufgrund der Entfernung war exakte Pünktlichkeit schwierig, dennoch erreichten seine Eltern das Anwesen immerhin um sechs Minuten nach 13 Uhr. Elias schätzte ihre Zuverlässigkeit; sie würden sofort Bescheid sagen, wenn es zum Beispiel aufgrund von Verkehr deutlich später werden würde.

Sein Vater war ganze sieben Zentimeter kleiner als er, und seine Mutter bloß knapp 1,60, daher fragte man sich häufig, wo seine doch recht stattliche Größe von 1,84 herkam. Seine Mutter war dunkelblond, so wie er, und hatte eine für ihr Alter recht gute Figur. In Elias‘ Augen war sie ein vorsichtiger, zuweilen recht ängstlicher Typ; sie hatte sich in der Vergangenheit oft Sorgen um ihn gemacht und stand seinem Auszug aus dem Wohnheim noch etwas unsicher gegenüber, ein wenig skeptisch, ob das wirklich die richtige Entscheidung gewesen war. Heute trug sie einen braunen Rock und eine graue Bluse; sie neigte dazu, sich immer ein wenig konservativ, altmodisch zu kleiden. Von Beruf war sie Sozialpädagogin, darin allerdings schon lange nicht mehr tätig; Elias‘ Vater verdiente als Architekt genug, um sie beide zu versorgen. Seinen Beziehungen durch diesen Beruf hatte Elias auch zu verdanken, dass er diese gute Wohngegend und diese schöne Villa hatte beziehen können; sein Vater hatte selbst einmal ein Objekt für den Hauseigentümer entworfen und stand seitdem in guter Beziehung zu diesem. Elias hielt seinen Vater für einen intelligenten, selbstbewussten Mann, vielleicht manchmal etwas zu wenig einsichtig in die eigenen Schwächen und Fehler, ansonsten aber tolerant und gutmütig.

Elias war froh, dass sein Vater recht volles Haar besaß (wenn auch mittlerweile recht ergraut), denn er hatte gehört, dass die Wahrscheinlichkeit hoch war, auf dem Kopf irgendwann einmal wie der Vater auszusehen; und lange Haare mit Plät sahen schrecklich aus. Außerdem hatte er noch den spärlichen Bartwuchs von seinem Vater, den dieser in Form eines Bartes auch noch offen zur Schau stellte, sowie den schmalen, schlanken Körperbau. Heute hatte Elias‘ Vater eine graue Jeans und ein blaues Hemd an; Hemden trug er gerne und häufig.

»Hier hast du es aber schön«, sagte Elias‘ Mutter, nachdem sie eingetreten waren. »Auch die ganze Gegend um das Haus. Hier wohnst du wirklich schön.«

»Ja«, bestätigte sein Vater. »Gefällt mir auch hier.«

Nach einem kurzen Bericht von Seiten Elias‘, wie der Umzug verlaufen war, trug er die beiden Stühle und den Esstisch herauf, und sie begannen, die Kisten auszupacken und die Wohnung einzurichten. Damit fertig, fuhren sie in ein Restaurant im Ortszentrum, in dem sie schon öfter zusammen gewesen waren, aßen und unterhielten sich noch eine Weile. Elias bestellte nur einen Salat, denn er wollte sich den größten Hunger für die Brotschnitten aufbewahren, die er jeden Abend zu sich nahm.

Nach insgesamt etwa vier Stunden saß Elias wieder alleine auf seinem Drehstuhl und rauchte eine Zigarette. Es war jetzt 17 Uhr 11. Er beschloss, nun erst einmal eine Entspannungsstunde mit leiser Musik von Schiller einzulegen, um die Eindrücke dieses Tages zu überdenken und zu verarbeiten. Anschließend würde er noch zwei, drei Alben hören, oder nur eines, das er noch nicht kannte, auf Youtube streamen und es dann ein paarmal hintereinander hören. Später würde er noch gemütlich sein spätabendliches Ritual vollziehen, indem er sich einen Teller Brote machte und dabei einen Film sah.

Frau Pawlowska hatte ihm nahegelegt, die ersten Tage in der neuen Wohnung nicht Gitarre zu üben, um sich nicht zu überlasten, da die Eingewöhnung in die neue Umgebung ihm viel Energie abverlangte. Er sollte lieber Dinge tun, die ihn nicht besonders anstrengten. Außerdem würde eine Pause auch guttun und sogar konstruktiv auf die instrumentalen Fähigkeiten wirken. Nach anfänglichem Zögern hatte Elias zugestimmt und beschlossen, zumindest den heutigen und morgigen Tag frei zu machen und dann am Sonntag wieder streng nach Plan loszulegen. Womöglich würde er durch die beiden freien Tage tatsächlich einen kleinen Schub machen; er hatte es im Grunde, seitdem er mit Gitarrespielen begonnen hatte, noch niemals ausprobiert, höchstens einmal einen Tag frei gemacht, wenn es gar nicht anders ging, aber auch nur sehr selten.

Er freute sich schon ein wenig auf morgen, darauf, etwas länger zu schlafen, dann bis nachmittags Musik zu hören und abends Filme zu gucken. Er musste lediglich irgendwann am Tag in den Supermarkt gehen, und eventuell in den gleich nebenan liegenden Drogeriemarkt, um neue Haargummis zu kaufen, aber das würde nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen. Das Training mit seinen Kurzhanteln, das er zwei- bis dreimal wöchentlich absolvierte, würde er auch erst am Sonntag wieder in Angriff nehmen.

Jetzt lag er also auf seinem Bett und dachte, im Hintergrund leise Klänge von Schiller, an den Tag, den Umzug und die Begegnungen, die er bereits gemacht hatte.

Kannte er eigentlich schon alle Bewohner des Hauses? Er überlegte. Das Haus müsste außer ihm noch fünf weitere Bewohner haben, unten mit dem Anbau drei und in der ersten Etage noch zwei. Er hatte zwar schon fünf gesehen, aber das kleine Mädchen wohnte sehr wahrscheinlich mit seiner Mutter zusammen, also fehlte noch ein Bewohner. Elias ließ die Begegnungen vor seinem geistigen Auge noch einmal Revue passieren, angefangen mit den ersten Eindrücken, die er am Tag der Schlüsselübergabe gesammelt hatte.

Da war zunächst dieser unhöfliche Mann mit der beigen Stoffhose und dem Hemd gewesen, der einfach an ihm vorbeigegangen war, ohne ihn wirklich wahrzunehmen oder zu grüßen. Von dem hatte er keinen guten Eindruck. Dann hatte er die hübsche, aber etwas pummelige, stark geschminkte Frau mit den superlangen Haaren gesehen; sein Eindruck von ihr war auch nicht viel besser. Sie gehörte zu der Art Frauen, die Elias aufgrund ihrer Art zu sprechen oder sich zu bewegen irgendwie unangenehm waren, ihn verunsicherten, ja ihm beinahe Angst machten. Auf der anderen Seite ging aber für ihn auch eine merkwürdige Anziehungskraft von ihnen aus.

Ihre kleine Tochter war dagegen eine sehr nette Erscheinung gewesen, mit einer schönen Ausstrahlung; sie hatte ihn freundlich gegrüßt. Allerdings war sie ein Kind, und Kinder waren Elias normalerweise eher etwas suspekt.

Die Begegnung mit dem Muskelprotz hatte sehr peinlich begonnen, war aber im Endeffekt dann doch nicht so unangenehm verlaufen. Jener hatte zwar auch etwas an sich, das Elias nicht behagte, war aber im Grunde sehr freundlich zu ihm gewesen.

Am besten hatte ihm die Art von Willi gefallen; die kurze Unterhaltung mit ihm hatte etwas Beruhigendes auf Elias gehabt. Er mochte Willi und hatte irgendwie das Gefühl, dass der ihn auch mochte, obwohl er sich da natürlich nicht sicher sein konnte, schließlich kannten sie sich bisher kaum. Aber mit Willi würde er gerne wieder reden, er hatte irgendetwas Vertrauenswürdiges an sich. Elias hatte das Gefühl, ihm alles Mögliche erzählen zu können, ohne vorsichtig sein zu müssen, jene Vorsicht, die vielen anderen Menschen gegenüber, diese Erfahrung hatte er gemacht, nützlich oder sogar notwendig sein konnte. Allerdings bemerkte er oft zu spät, wenn Vorsicht angebracht gewesen wäre, häufig erst dann, wenn ihm bereits Sätze herausrutscht waren, die er besser nicht gesagt hätte. Er war nämlich leider für gewöhnlich kein Experte darin, einzuschätzen, ob eine Person es gut oder eher schlecht mit ihm meinte. Allerdings kam es mitunter vor, dass er gleich zu Beginn ein sicheres Gefühl hatte, eine deutliche Tendenz in die eine oder andere Richtung spürte; und dann irrte er sich auch meistens nicht. Das war bei Willi der Fall.

Während dieser ganzen Gedankenwanderungen schlief Elias ein und erwachte erst zweieinhalb Stunden später. Erschrocken schaute er auf sein Handy; es war 19 Uhr 42. Erst ärgerte er sich ein wenig über die verschlafene Zeit, aber irgendwie hatte der Schlaf ihm gutgetan, und er beschloss, einfach nur noch zwei kurze, ihm bekannte Alben zu hören, dann seine Brote zu machen und Filme zu schauen. Langsam richtete er sich auf und stieg aus dem Bett.

Als Elias am nächsten Tag nach dem Einkaufen, der einzigen Anforderung, die dieser Tag an ihn stellte (er hatte auch erfolgreich drei neue Stoffhaargummis besorgt), zurückkam und das Anwesen im Taubenweg 8 betrat, hielt er plötzlich inne. Knapp zwei Meter rechts von der Haustür entfernt lag etwas im Vorgarten auf dem Rasen und schaute ihn mit großen, ängstlich aufgerissenen Augen an. Es handelte sich um eine sehr schlanke, eher ein wenig kleine, aber mit Sicherheit erwachsene Katze mit honigfarbenem Fell, das hier und da mit ein paar weißen Flecken verziert war.

Elias kniete sich langsam und vorsichtig hin, streckte die Hand aus und rieb seine Fingerspitzen aneinander. Bei der Bewegung des Hinkniens zuckte die Katze zusammen und stand auf, ein nervöses Funkeln in den Augen und scheinbar am ganzen Körper angespannt. Sie ließ, mit wachsam aufgestellten Ohren, den Blick keine Sekunde vom knienden Elias, schien in absoluter Alarmbereitschaft zu sein. Geduldig blieb Elias, wo er war, das Reiben mit den Fingern war die einzige Bewegung.

»Na«, raunte er im Flüsterton. »Komm mal her.«

Es verging eine Minute, zwei, drei, in der keiner von beiden die Position änderte. Elias kniete mit ausgestreckter Hand, und die Katze stand auf allen vieren, den Kopf leicht unter die Schultern geduckt. Als noch zwei weitere Minuten verstrichen waren, hatte sie den Kopf zwar wieder über den Schultern und schien auch wieder ein wenig entspannter, jedoch entschied er, dass sie wohl nicht mehr zu ihm käme, zumindest diesmal nicht; sie war wohl äußerst vorsichtig und ängstlich. Es tat ihm leid, dass sie jetzt gleich wieder erschrecken würde, aber er konnte nicht den ganzen Tag da hocken bleiben, also begann er, sich langsam aufzurichten, und obwohl er diese Bewegung sehr behutsam und wie in Zeitlupe ausführte, fuhr sogleich wieder starke Anspannung in den Körper der Katze, in den Augen standen wieder Furcht und höchste Alarmstufe geschrieben. Als Elias sich wieder aufgerichtet hatte, machte er einen vorsichtigen Schritt auf das Haus zu. Das war wohl zu viel für die Katze. Sie sprang in unglaublicher Geschwindigkeit aus ihrer Position, an der Haustür vorbei durch den Vorgarten und über das braune Tor, das in den Garten führte, und war verschwunden.

Elias war beeindruckt von der nahezu elektrischen Energie, die in so einer Katze steckte; diese Athletik, die Geschwindigkeit und die Kletterkünste waren innerhalb der Raubtierwelt unerreicht.

Schade, dachte Elias, als er wieder das Haus betrat. Er hätte die Katze gerne ein wenig gestreichelt. Dann wanderten seine Gedanken kurz zu der Katze, die sie im Wohnheim gehalten hatten und welche immerzu auf seinem Bett geschlafen hatte, bis sie leider vor eineinhalb Jahren gestorben war.

Elias schloss seine Wohnung auf, trat hinein, zog Schuhe und Jeans aus und schlüpfte in seine Jogginghose. Dann ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen.

Die Umgebung wirkte bereits eine Spur weniger fremd auf ihn als am gestrigen Tag, aber immer noch recht ungewohnt. Wenn er schon nicht das sah, was er die letzten zwei Jahre immer vor Augen gehabt hatte, so wollte er zumindest möglichst genau das tun, was er immer tat. Glücklicherweise konnte er das auch, und das gab ihm ein wenig Sicherheit. Es war ja alles da, was er brauchte – sein Fernseher, Internet, ein Kühlschrank mit Lebensmitteln, sein Drehstuhl, sein Bett, seine Anlage und sein Laptop.

Trotzdem war er sich noch nicht so ganz sicher, ob es wirklich die richtige Entscheidung gewesen war, in eine eigene Wohnung zu ziehen. Aber im Verlauf des letzten halben Jahres hatte man ihn von allen Seiten davon zu überzeugen versucht; alle waren sich einig gewesen – seine Betreuer, sein Psychiater, ja sogar (wenn auch mit einer gewissen Skepsis) seine Eltern –, dass er jetzt so weit sei, dass das Wohnheim nicht länger der richtige Ort für ihn wäre.

Elias ging an seinen Laptop, klickte auf der Youtube-Seite das Album Heretic von Morbid Angel an, schüttete sich in der Küche eine halbe Tasse Kaffee ein, setzte sich auf seinen Drehstuhl und begann, sich eine Zigarette zu drehen. Prompt waren seine Gehörgänge von den düsteren Riffs und abgefahrenen Soli Trey Azagthoths sowie dem vertrackten und immer wieder in Blastbeat-Attacken ausartenden Schlagzeugspiel Pete Sandovals erfüllt.

Zweites Kapitel

Es war Sonntag, 11 Uhr 12, als Elias‘ Handywecker ihn aus dem Schlaf riss. Wie immer hätte er gerne noch weitergeschlafen, aber es lag einiges an Arbeit vor ihm; ab heute würde wieder sein gewohntes Programm, der übliche Tagesablauf beginnen.

Elias stand auf und sah aus dem Fenster. Es war ein warmer, aber überwiegend bewölkter Vormittag. Gegen die Wolken hatte Elias gar nichts, denn Sonne brauchte er hier drinnen nicht, und ihm graute ohnehin schon vor möglichen Hitzewellen im Hochsommer. Er hatte sich sagen lassen, dass solche in einer Dachgeschosswohnung sehr unangenehm werden könnten.

Das erste, was er morgens machte, war Kaffee aufsetzen, denn es gab, über den Tag verteilt, zu jeder Zigarette eine halbe Tasse davon, bis auf die letzten vier Stunden vor dem Schlafen gehen. Zum Frühstück gab es, wie immer, 70 Gramm Haferflocken, 175 Milliliter fettarme Milch und darein Apfel –und Bananenstücke sowie ein Ei. Während er aß, dachte er an seinen Tagesablauf, der heute zum ersten Mal in der neuen Wohnung vollzogen werden würde. Nachdem er gleich noch eine Zigarette geraucht hätte, würde er mit seinem Gitarre–Übungsplan einsetzen - eine halbe Stunde chromatische Fingerübungen zum Aufwärmen, dann Wechselschlagübungen auf den Drei-Notenpro-Seite-Skalen, hiernach Legatotechniken, Sweeping mit Arpeggios, Tapping, Eightfingertapping und schließlich noch String-Skipping. Anschließend erwarteten ihn 25 bis 30 Minuten Powerchords und bekannte Death Metal Riffs (denn er wollte auch die Rhythmusgitarre nicht komplett vernachlässigen) und schließlich 25 bis 30 Minuten freies Spielen, wobei er meistens über ein paar Metal-Jamtracks solierte, die er auf CD hatte. Das ganze Programm erstreckte sich, vier kurze Rauch- und Kaffeepausen nicht miteingerechnet, über ziemlich genau sechs Stunden.

Wenn er damit fertig wäre, würde er sich einen kleinen Snack gönnen, meist einen Apfel und ein paar Walnüsse. Danach würde er ein paar Musikalben hören, die er für gewöhnlich bereits beim Frühstück ausgesucht hatte. Für heute hatte er sich drei Alben vorgenommen, als letztes eines von Deicide, bei welchem er sein Sportprogramm durchziehen würde, bestehend aus sieben Übungen innerhalb einer guten halben Stunde für den gesamten Körper. Diese hatte er vor ein paar Jahren mithilfe eines Home-Trainer-Buches zusammengestellt. Nachdem er im Anschluss geduscht hätte, würde er eine Dreiviertelstunde bei einer Dreamsession mit Schiller-Musik entspannen und danach seinen Teller mit fünf Scheiben Brot vorbereiten, die er jeden Abend als letzte Mahlzeit aß, zwei mit Käse und Zigeunersauce, darauf zwei mit Wurst (Salami und/oder Schinken) und scharfem Senf, und ganz oben noch eine mit Schmelzkäse. Er belegte alle Scheiben entweder mit Zwiebel- oder mit Gurkenscheiben; dies war im Grunde die einzige Variationsmöglichkeit, die es für diese Mahlzeit gab. Während des Essens würde er dann gemütlich einen Film schauen, und anschließend noch einen weiteren. Je nachdem, wie lange die Filme dauerten, würde er auch noch einen dritten schaffen, ansonsten hörte er stattdessen noch ein oder zwei Alben oder surfte ein wenig im Internet, googelte ein paar Dinge nach, die ihn interessierten. Irgendwann so gegen halb drei, drei Uhr ging er dann ins Bett. Das war sein üblicher Tagesablauf.

Nach dem Verzehr seines Frühstücks gönnte Elias sich nun den ersten halben Kaffee und rauchte die erste Zigarette. Hochmotiviert, jetzt mit dem Üben anzufangen, drückte er die Zigarette aus, lüftete ein paar Minuten (das tat er nach jeder Zigarette, Sommer wie Winter) und nahm seine schwarze Ibanez aus dem Gitarrenständer. Nachdem er sein Stimmgerät angeschlossen und sie sorgfältig gestimmt hatte, stellte er das Metronom auf 60 Schläge. Er fing bei jedem der einzelnen Übungsteile immer ganz langsam bei Achteln beziehungsweise Triolen an und steigerte die Geschwindigkeit bis 208 (bis dahin reichte sein Metronom), dann setzte er bei 100 mit Sechzehntelnoten beziehungsweise Sextolen wieder ein und tat das gleiche. Er setzte sich nun auf den Drehstuhl, verband seine Kopfhörer mit seinem kleinen Champ Verstärker, setzte sie auf, stellte den Sound erst einmal auf Clean und legte mit den chromatischen Warmups los.

Es klappte sehr gut heute. Mitunter wie in Trance sah er seine Finger die Bünde rauf und runter fegen. Er fand es faszinierend zu beobachten, wie schnell sie im Laufe der letzten Jahre geworden waren, und sie wurden weiterhin schneller. Beim Alternate Picking brach er bei den Sechzehntelnoten heute sogar seinen Rekord, indem er eine Geschwindigkeit von 196 erreichte, wobei es ab 180 dann doch etwas unsauber wurde. Das machte ihn überaus zufrieden; er liebte es, wenn er sich steigern konnte. Nach dem Legatospiel legte er eine kurze Pause ein, konsumierte eine weitere halbe Tasse Kaffee und eine Zigarette, dann fuhr er mit Sweeping fort. Hochkonzentriert machte er sich an verschiedene Arpeggios in unterschiedlichen Lagen auf dem Griffbrett.

Elias arbeitete gerade an einem besonders schwierigen Sweep-Lick und hatte das Metronom mühsam auf 123 gesteigert, als er durch ein Klopfen an der Tür gestört wurde. Erschrocken fuhr er zusammen. Er stellte das Metronom aus, nahm die Kopfhörer ab und lauschte in Richtung der Wohnungstür. Da ertönte wieder ein Klopfen, diesmal ein wenig lauter. Jetzt spürte Elias einen Anflug von Verzweiflung in sich aufsteigen, ein Gefühlschaos aus Ängstlichkeit und Verärgerung, Panik und Wut.

Er hasste Unterbrechungen. Einige Sekunden lang spielte er mit dem Gedanken, einfach nicht zu reagieren, immerhin erwartete er ja niemanden. Andererseits fürchtete er weitere Klopfdurchgänge; also erhob er sich und ging zur Tür.

Er öffnete sie zaghaft, und vor ihm stand eine Dame, Anfang bis Mitte Fünfzig, relativ groß, sehr schlank. Sie hatte mittellange braune Haare und trug ein hellblaues Sommerkleid und elegante schwarze Schuhe mit kleinem Absatz. Elias blickte gepeinigt in ihr gutmütig lächelndes und recht ansehnliches, ja irgendwie klassisch schönes Gesicht.

»Hallo«, begrüßte sie ihn freundlich. »Entschuldigung, ich wollte Sie nicht stören.«

Elias wollte keinen unfreundlichen Eindruck machen, also gab er sich Mühe, entspannter zu wirken; jedoch schaffte er nicht mehr, als ein verkrampftes Lächeln aufzulegen.

»Hallo«, entgegnete er höflich.

»Mein Name ist Bettina Kinateder; ich wohne eine Etage unter Ihnen. Ich habe gehört, dass hier ein junger Mann eingezogen ist, und wollte mich mal vorstellen. Wir wohnen ja immerhin im gleichen Haus. Ich wollte Sie einfach mal kurz kennenlernen, also dachte ich, ich komme mal eben hoch. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass ich an einem Sonntag vorbeikomme.«

»Nein, nein, ist kein Problem«, erwiderte Elias immer noch sehr angespannt. »Ich heiße Bach. Elias Bach.«

Sie reichte ihm lächelnd die Hand. »Freut mich, Herr Bach.«

»Wollen Sie reinkommen?«, bot er ihr an, obwohl ihm das eigentlich überhaupt nicht behagte, aber er fand die Frau sehr nett und wollte auf ihre Freundlichkeit nicht unangemessen reagieren.

»Ja, danke, für einen Moment vielleicht, ich will Sie wirklich nicht lange stören. Das ist nett.« Sie betrat Elias´ Wohnung und sah sich um. »Das ist eine sehr schöne Wohnung. Eigentlich unglaublich, dass sie so lange Zeit leer stand. Gefällt es Ihnen hier?«

»Joa«, antwortete Elias. »Gefällt mir ganz gut.« Er versuchte, freundlich zu sein, war innerlich aber erfüllt von Unruhe; es machte ihm großen Stress, dass er Zeit zum Üben verlor.

»Schön«, sagte die Dame lächelnd.

Jetzt trat eine Pause ein, welche Elias als etwas peinlich empfand. Sie standen bloß im Raum und lächelten sich verlegen an.

»Sie können sich ruhig setzen«, unterbrach Elias schließlich das Schweigen.

»Dankeschön«, entgegnete Frau Kinateder und setzte sich auf einen der Stühle, die seine Eltern ihm mitgebracht hatten. Jetzt haben die wenigstens einen Nutzen, dachte Elias.

»Hätten Sie gern einen Kaffee?«

»Ja gerne, aber nur, wenn es wirklich keine Umstände macht.«

Elias begab sich in seine kleine Küchenzeile, nahm eine Tasse aus dem Schrank und schüttete aus seiner silbergrauen Thermoskanne Kaffee hinein, alles in äußerst langsamem Tempo. Jetzt, wo er ihr eine kurze Zeit lang nicht gegenüberstand, wollte er die Gelegenheit nutzen, kurz seinen Tagesplan zu überdenken. Wie lange würde sie wohl bleiben? Er rechnete vorsichtshalber eine halbe Stunde ein. Er würde also gleich, wenn er weiterübte, eine halbe Stunde in Verzug sein. Da er seinen Übungsplan auf keinen Fall verkürzen wollte, musste er die verlorene Zeit an anderer Stelle wieder reinholen. Eine Möglichkeit bestand darin, nach seinem Snack ein Album weniger zu hören; ansonsten würde er, anstatt wie gewohnt gegen halb zehn, erst eine halbe Stunde später zum Essen und Filmegucken kommen. In diesem Fall könnte er wohl auf keinen Fall mehr einen dritten Film schauen, zumindest nicht ohne später ins Bett zu kommen, was ihn wiederum wertvollen Schlaf kosten würde, denn um 11 Uhr 12 ging ja morgen wieder sein Wecker. Auch wenn er ohnehin häufig bloß zwei Filme sah, widerstrebte ihm die Vorstellung, es von vornherein ausschließen zu müssen; ihm missfiel der Gedanke, erst verspätet sein Abendessen einzunehmen und mit dem Filmeabend zu beginnen. Also tendierte er im Moment eher dazu, im mittleren Teil des Tages ein Album auszulassen, er musste gleich nur noch entscheiden, welches.

Aber was, wenn Frau Kinateder noch länger blieb? Zur Not müsste er sie irgendwann freundlich bitten zu gehen, auch wenn ihm das sehr schwerfallen und ihm einiges an Energie abverlangen würde.

»Ach so«, sagte er jetzt. »Ich hab keinen Zucker, nur Milch hab ich da. Ich trinke meinen Kaffee immer schwarz.«

»Ich trinke ihn auch immer schwarz«, gab Frau Kinateder lächelnd zurück. »Alles bestens.«

Elias brachte ihr den Kaffee und setzte sich auf seinen dunkelgrauen Drehstuhl ihr gegenüber. Zwischen ihnen stand das kleine schwarze Tischchen, auf dem er die Tasse platziert hatte.

»Trinken Sie keinen?«, fragte sie.

»Nein, ich hab vorhin erst einen getrunken. Nachher wieder.«

Ihr Blick fiel nun auf die Gitarre. »Sie spielen Gitarre? Oh, ich hoffe, ich habe Sie nicht beim Üben gestört.«

»Na ja, ich war grade am Üben, aber ist nicht so schlimm. Ich mache gleich weiter.«

»Ich bleibe auch nicht so lange, trinke nur den Kaffee hier, dann lasse ich Sie wieder alleine.« Sie schlürfte die ersten paar Schlucke von ihrer Kaffeetasse.

Elias entgegnete nichts; das wäre jetzt zu viel des Guten, wenn er sie auch noch anhielt, länger als die Kaffeelänge zu bleiben. Er nickte bloß verlegen.

»Sie spielen bestimmt sehr gut. Machen Sie das beruflich oder betreiben Sie es als Hobby?«

»Also ich mache das nicht beruflich, aber es ist schon mehr als ein Hobby für mich. Ich übe sehr viel, so sechs Stunden am Tag nach einem Übungsplan.«

Frau Kinateder machte große Augen und blickte ihn bewundernd an. »Wirklich? Da sind Sie aber sehr diszipliniert.«

»Ich hab früher auch mal bis zu zehn Stunden am Tag geübt«, ergänzte Elias.

Er fühlte sich allmählich ein bisschen weniger angespannt. Eine halbe Stunde hatte er ja sowieso einberechnet, da konnte er sich jetzt auch ein wenig unterhalten. Außerdem schmeichelte ihm das Interesse der Dame.

»Aber da ging es mir irgendwann nicht mehr gut mit, ich …« Er hielt inne, denn er wollte ihr nicht unbedingt von den Angstzuständen und Heulkrämpfen berichten, die jene Überlastung bei ihm hervorgerufen hatte. Frau Pawlowska und sein Psychiater hatten ihm damals dringend ans Herz gelegt, die Übungsstunden zu reduzieren. »Ich wollte auch noch etwas Zeit zum Musik hören, Filme gucken und Trainieren haben.«

Frau Kinateder sah verwundert aus. »Aber dann bleibt ja gar keine Zeit mehr für etwas anderes. Ich hätte angenommen, Sie sind Student.«

»Nein«, sagte Elias zögerlich.

»Irgendeine Arbeit?«

»Auch nicht.« Elias wurde unbehaglich zumute. Er kannte diesen Verlauf einer Konversation mit fremden Menschen bereits, und er wusste nie so recht, was und wie viel er zu diesem Thema sagen sollte.

»Und wovon leben Sie?«

»Das ist eine lange Geschichte. Ich …« Er stockte. »Ich bin sozusagen Frührentner. Beziehe Erwerbsminderungsrente.«

Frau Kinateder blickte ihn ein wenig ungläubig an. »Das ist aber sehr früh. Sie machen auf mich keinen besonders eingeschränkten Eindruck. Sie sind doch ein fitter junger Mann. Wie alt sind Sie?«

»26«, antwortete Elias. »Ich hab auch keine körperliche Einschränkung. Es ist eher … psychisch. Aber wie gesagt, das ist eine lange Geschichte.«

»Schon gut. Sie müssen mir nichts davon erzählen, wenn es Ihnen unangenehm ist. Ich war vielleicht auch etwas zu neugierig. Es wird schon gute Gründe dafür geben. Tut mir leid, wenn ich indiskret war.«

»Nein, schon okay. Ich hab diesen Zustand, also das mit der Rente und so, auch nicht unbedingt für immer, es ist halt momentan so.«

»Sie sind ja auch noch sehr jung. Mit 26 haben Sie noch so viel Zeit vor sich.« Sie schaute wieder auf seine Gitarre. »Was spielen Sie denn für Musik? Das ist doch eine E-Gitarre, oder? Demnach Rockmusik, oder Jazz vielleicht?«

»Also …«, entgegnete Elias, wieder mit leichtem Zögern. »Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Techniken, die im Hardrock und Metal angewandt werden. Ich übe diese schnellen Soli, die Sie vielleicht aus manchen Heavy-Metal-Stücken kennen. Am meisten interessiere ich mich für Death Metal, das ist auch die Musik, die ich fast ausschließlich höre und später spielen möchte; am liebsten Technical Death Metal, aber auch Oldschool im Stil vom Florida und New York Death Metal.«

»Aha.« Frau Kinateder hob die Augenbrauen. »Death Metal. Ich muss zugeben, damit kenne ich mich gar nicht aus. Ist das so etwas wie Metallica?«

»Nein, nicht ganz. Metallica spielen Thrash Metal und sind schon vor langer Zeit sehr kommerziell geworden. Die Bands, die ich höre, kennt man eigentlich nur, wenn man sich stark mit dieser Musikrichtung beschäftigt. Das ist eher Underground, so was läuft nicht im Radio. Ich weiß nicht, ob Sie so etwas irgendwann schon mal gehört haben. Das ist diese Musik mit diesem ganz speziellen Gesang, der mit dem Kehlkopf erzeugt wird, und ganz tief gestimmten Gitarren.«

»Ach ja …!« Frau Kinateder schien ein Licht aufzugehen. »Das habe ich schon mal gehört. Da wird gar nicht richtig gesungen, eher gebrüllt, ganz dunkel und aggressiv, und die Musik ist ganz chaotisch und disharmonisch.«

»Ja genau das. Aber Singen ist das schon, das nennt man gutturalen Gesang. Und die Musik ist sehr anspruchsvoll, chaotisch wirkt es nur beim ersten Eindruck, die Liedstrukturen sind sehr komplex. Technisch ist diese Musik mit das Anspruchsvollste, das es gibt. Anders als diese simplen Drei-Akkord-Lieder, die man meistens im Radio hört und die in den Charts stehen, mit dem langweiligen Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Schema.«

»Ja, das glaube ich Ihnen, sie beherrschen ihre Instrumente bestimmt sehr gut. Also mein Geschmack ist diese Musik nicht, das ist mir zu düster und zu aggressiv, aber die Geschmäcker sind ja zum Glück verschieden, und jeder Musikstil hat seine Berechtigung. Ich höre auch nicht unbedingt das, was so im Radio und in den Charts läuft. Ich höre gern klassische Musik und hin und wieder auch ein wenig Jazz. Das ist auch sehr anspruchsvoll.«

»Das stimmt«, bestätigte Elias. »Metal hat auch häufig Einflüsse aus der Klassik und dem Jazz. Es gibt zum Beispiel auch Neo-Classical-Metal und Symphonic Metal. Aber auch im Death Metal gibt es solche Einflüsse, den klassischen vor allem im Melodic Death, Jazz eher im Technical Death Metal.«

»Interessant«, meinte Frau Kinateder. »Haben Sie auch einen Lieblingsgitarristen?«

Elias überlegte kurz. »Da gibt es einige. Zum Beispiel Eric Rutan von Hate Eternal, Karl Sanders von Nile, Robert Vigna von Immolation … Oder Jon Levasseur von Cryptopsy und Michael Keene von The Faceless. Ein besonderer Fan bin ich von Trey Azaghtoth von Morbid Angel; der hat einen ganz eigenen, einzigartigen Sound und Stil in seinen Soli, das finde ich sehr faszinierend.«

»Kenne ich alle nicht«, sagte Frau Kinateder mit einem leichten Grinsen. »Spielen Sie denn auch in einer Band?«

»Nein«, antwortete Elias kleinlaut.

»Warum nicht?«

»Na ja … Es fällt mir ehrlich gesagt etwas schwer, Kontakte zu knüpfen. Ich kann auch nicht gut mit anderen Menschen zusammenarbeiten.«

»Aber in einer Gruppe macht das doch viel mehr Spaß! Sie könnten eine Anzeige aufsetzen, dass Sie ein paar Musiker suchen. Es gibt auch bestimmt viele Anzeigen von Bands, die Gitarristen suchen, sicherlich auch in dieser Musikrichtung.«

»Ich will lieber noch etwas damit warten«, meinte Elias. »Ich bin noch nicht ganz mit meiner Spielstärke zufrieden; ich will das erst noch perfektionieren. Außerdem bin ich es nicht gewöhnt, vor anderen zu spielen.«

»Das ist reine Übungssache«, erwiderte Frau Kinateder. »Natürlich sind Sie nicht daran gewöhnt, wenn Sie immer alleine spielen. Außerdem glaube ich nicht, dass Sie noch großartig besser werden müssen; Sie üben sechs Stunden am Tag, früher sogar zehn. Sie müssen doch kein Weltklasse-Gitarrist sein, um mal mit anderen zusammen zu spielen. Ich glaube, Sie stellen zu hohe Ansprüche an sich selbst. Sie sollten mit ein wenig Selbstvertrauen an die Sache herangehen.«

Elias sah sie erwartungsvoll an. Er fand das Gespräch mittlerweile sehr interessant.

»Wissen Sie«, fuhr Frau Kinateder fort. »Die meisten Menschen leben in der Vergangenheit und in der Zukunft, aber niemals wirklich in der Gegenwart, obwohl dort das Glück zu finden ist. Und Sie üben und üben auf das Ziel hin, einmal gut genug zu sein, um in einer Band spielen zu können. Aber so, wie ich Sie einschätze, werden Sie sich wahrscheinlich niemals gut genug fühlen, also üben Sie immer weiter und weiter, immer im Hinterkopf das Bild in der Zukunft, wenn Sie perfekt spielen können. Dabei haben Sie Ihr Ziel sehr wahrscheinlich schon längst erreicht. Jetzt ist der Zeitpunkt für Sie, eine Band zu kontaktieren, jetzt, in der Gegenwart.«

»Das klingt, als hätten Sie darüber mal gelesen«, entgegnete Elias schmunzelnd. »Das mit der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und so.«

»Ja, das habe ich tatsächlich. Wenn Sie möchten, gebe ich Ihnen mal etwas darüber zu lesen. Ich glaube, das würde Ihnen guttun. Ich vermute, Sie sind ein Mensch, der sehr viel denkt, vor allem sehr viel daran denkt, was möglicherweise passieren könnte.«

»Das könnte stimmen … Früher habe ich übrigens auch viel gelesen. Mittlerweile lese ich kaum noch, eigentlich hauptsächlich nur noch Musikzeitschriften und Albumrezensionen im Internet … Aber nochmal zu dem, was Sie gerade gesagt haben. Es ist bei mir nicht nur die Angst, nicht gut genug zu sein. Ich hab auch wirklich Schwierigkeiten mit sozialen Kontakten.«

»Das mag sein. Aber das wird bestimmt nicht besser, wenn Sie den ganzen Tag bloß üben, Musik hören und Filme gucken. Aber ich lasse Sie jetzt in Ruhe.« Sie lächelte Elias freundlich an. »Ich wollte Ihnen nur mal einen kleinen Denkanstoß geben. Ich bin sicher, es gibt gute Gründe für Ihr Verhalten und dafür, dass Sie momentan Rente beziehen. Ich glaube aber auch, dass Sie ein netter, intelligenter junger Mann sind. In Ihnen steckt bestimmt noch großes Potenzial.«

»Na ja«, entgegnete Elias verlegen. »Sie kennen mich ja eigentlich kaum.«

»Ich habe eine gute Menschenkenntnis«, meinte Frau Kinateder. »Und mein Gefühl sagt mir, dass mehr in Ihnen steckt, als es anfänglich scheint und als Sie selber glauben.«

»Na ja … Danke.« Elias taten ihre Worte sehr gut, auch wenn er nicht wirklich daran glaubte.

»Ich möchte Sie wirklich nicht länger aufhalten. Den Kaffee habe ich auch ausgetrunken.« Frau Kinateder erhob sich.

Elias stellte fest, dass sie nur über ihn gesprochen hatten und er über sie eigentlich überhaupt nichts erfahren hatte. Er überlegte, welche Frage er ihr stellen könnte.

»Haben Sie eigentlich schon jemand anderen hier aus dem Haus kennengelernt?«, fragte sie ihn jetzt, bevor ihm etwas einfiel.

»Ja, ich hab alle schon einmal gesehen. Mit dem Willi hab ich schon gesprochen, als ich ihn am Tag meines Einzugs vor der Haustür getroffen habe. Und mit dem …« Ihm fiel der Name nicht mehr ein. »Dieser unglaublich muskulöse Typ eine Etage unter mir, also Ihnen gegenüber.«

»Ach, der Herr Meurer«, sagte Frau Kinateder mit einem Anflug von Lachen. »Der nennt sich Joe, heißt eigentlich Jochen. Das ist eigentlich ein ganz Netter, wenn man so oberflächlich mit ihm kommuniziert, aber ich glaube, unter der Oberfläche ist er auch etwas narzisstisch. Und seine Muskelmasse ist auch nicht natürlich. Er nimmt anabole Steroide, das gibt er auch offen zu. So etwas missfällt mir, aber das muss ja jeder für sich selbst entscheiden. In meinen Augen ist er ein Prolet. Übrigens ist er eigentlich Metzger, aber im Moment ist er glaube ich wieder mal arbeitslos. Er scheint das mit dem Beruflichen auch nicht allzu eng zu sehen … Der Willi ist ein ganz feiner Kerl, immer freundlich, immer gut gelaunt und sehr hilfsbereit.« Sie lachte. »Er hat mir schon mal einen Schrank aufgebaut, das fand ich richtig lieb von ihm.«

»Ach, stimmt, er ist ja Schreiner, oder?«

»Ja, genau, er ist selbstständig. Seine Werkstatt befindet sich ganz in der Nähe, einen Block weiter. Haben Sie die Frau Schmitz mit ihrer Tochter auch schon gesehen?«

»Ja, aber nur kurz«, antwortete Elias. »Schmitz? Ich hätte bei ihr eher eine ausländische Abstammung vermutet, also optisch jetzt, sie sieht sehr südländisch aus.«

»Ja, sie ist halbe Tunesierin, der Vater ist Deutscher. Die Tochter ist süß, oder?«

»Ja, sie hat mich total nett begrüßt. Aber Frau Schmitz hat mich gar nicht richtig beachtet, war am Telefonieren.«

»Ja, die Aziza hängt ständig am Handy; sie ist auch so ein Fall für sich. Aber sie hat ein ganz besonderes Kind. Ich habe nur manchmal die Befürchtung, das ist ihr gar nicht so klar. Sie ist leider zu sehr mit sich selbst beschäftigt.«

»Wer ist eigentlich dieser etwas kleinere Mann mit der Brille?« Elias nutzte die Gelegenheit, einmal nach diesem merkwürdigen Stoffel zu fragen, den er als allerersten zu Gesicht bekommen hatte.

»Ach, das ist Herr Ingelheim.« Frau Kinateder runzelte die Stirn. »Ein ganz komischer Kauz, total arrogant und unfreundlich. Er wohnt in diesem Extraanbau hier im Erdgeschoss und spricht eigentlich mit niemandem, nur dann, wenn er was zu meckern hat. Merkwürdigerweise war mein allererster Eindruck von ihm ganz gut, als ich hier eingezogen bin. Ich fand ihn irgendwie interessant, so zurückhaltend und eigensinnig. Aber schließlich entpuppte er sich als ziemlich unfreundlich. Ich glaube, er ist ein sehr egozentrischer Mann. Im ganzen Haus hier hat sich, soweit ich weiß, noch niemand richtig mit ihm unterhalten. Das scheint mir auch gar nicht möglich zu sein. Wenn er gut drauf ist, grüßt er mal mürrisch, aber oft geht er einfach so an einem vorbei, ohne einen zu beachten. Keine nette Art, finde ich. Aber zumindest tut er niemandem was. Er scheint sich einfach selbst genug zu sein. Ich habe niemals erlebt, dass er mal Besuch gehabt hätte. Es weiß auch keiner, was er beruflich macht. Er scheint jedenfalls viel zu Hause zu sein.«

»Ich bin auch viel zu Hause«, sagte Elias und grinste zaghaft. »Das hab ich mit ihm gemeinsam.«

»Ja, bei Ihnen gibt es ja auch einen guten Grund dafür. Außerdem sind Sie sehr höflich und nett.« Sie hielt einen Moment inne. »So, jetzt lasse ich Sie aber wirklich alleine!«

Während sie zur Tür schritten, fiel Elias wieder ein, dass er sie ja noch etwas zu ihrer Person fragen wollte.

»Was machen Sie eigentlich beruflich?« Etwas Besseres war ihm nicht eingefallen. Sie standen nun an der Türschwelle.

»Ich bin klassische Philologin«, antwortete Frau Kinateder, sichtlich erfreut über Elias‘ Frage. Ob sie ihm die Mühe, die er sich gab, vielleicht anmerkte? »Ich halte Vorträge, Vorlesungen und unterrichte in der Hochschule.«

»Das hat mit Latein zu tun, oder?«

»Ja genau, Altgriechisch und Latein.«

»Latein war in der Schule mein Lieblingsfach.« Elias hatte mit einem Mal ein Glitzern in den Augen. »Erste Person Singular Indikativ Präsens Aktiv und so weiter … Das fand ich immer total spannend.«

»Ja, Latein ist eine sehr interessante Sprache, aber trotzdem bei vielen Menschen ziemlich verhasst. Bei Ihnen hätte ich als Lieblingsfach aber wohl eher Musik erwartet.«

»Als Schulfach mochte ich Musik nicht, ich hab mich erst später mehr dafür interessiert. Aber Latein hat mich von Anfang an begeistert.«

»Dann waren Sie sicherlich ein guter Schüler in diesem Fach?«

»Ja, in Latein hatte ich durchgehend eine Eins auf dem Zeugnis, selbst in der Phase, in der ich so gut wie nichts für die Schule getan habe und fast sitzen geblieben wäre.«

»Interessant«, meinte Frau Kinateder.

»Amo, amas, amat, amamus, amatis, amant«, sagte Elias fröhlich auf. »Das hat mir einen Riesenspaß gemacht.«

Frau Kinateder lachte. »Man merkt, dass Sie Freude daran hatten. Vielleicht hätten Sie das studieren sollen.«

»Ja, vielleicht.« Elias‘ Gesicht nahm wieder ernstere Züge an.

»Aber Sie spielen ja jetzt Gitarre, und das hat bestimmt seinen Grund … Alles hat seinen Grund. Und nun, machen Sie es gut! Kommen Sie mich doch demnächst auch mal besuchen, dann können wir uns weiter unterhalten.« Mit diesen Worten machte sie einen Schritt aus der Wohnung und betrat den kleinen Flur des Dachgeschosses. Sie gab ihm noch einmal die Hand. »Hat mich sehr gefreut, Elias.«

»Mich auch«, erwiderte dieser.

Dann ging sie die Treppe herunter und verschwand aus seinem Blickfeld.

Wieder allein in seiner Wohnung, setzte Elias sich zurück auf seinen Drehstuhl und legte die Gitarre auf den Schoß. Er warf einen Blick auf sein Handy. Ziemlich genau 36 Minuten waren seit der Unterbrechung vergangen. Da würde er nachher ein Album weniger hören, dann passte es wieder. Er sah die verlorene Zeit nun etwas gelassener, ruhiger an. In gewisser Hinsicht war die Zeit ja auch eigentlich gar nicht verloren, er hatte schließlich ein interessantes Gespräch geführt. Er fühlte sich angenehm belebt von der Unterhaltung und wollte sie unbedingt nachher noch einmal in Ruhe Revue passieren lassen, wenn er seine Dreamsession mit Schiller-Musik einhielt; aber jetzt musste er erst einmal weiter üben. Es war eigentlich schon wieder Zeit für den nächsten halben Kaffee mit Zigarette, aber er beschloss, erst mit dem Sweeping abzuschließen und dann eine kleine Pause einzulegen.

Als Elias etwa vier Stunden später rücklings auf seinem Bett lag und sehr leise eine seiner drei CDs von Schiller hörte, ging er vor seinen geistigen Augen und Ohren das Gespräch mit Frau Kinateder noch einmal durch und überlegte, wie er sie einschätzen und welche innere Haltung er ihr und ihren Worten gegenüber einnehmen sollte. Sie war auf jeden Fall sehr freundlich und interessiert gewesen; er würde ihre Art also durchaus als wohlwollend einschätzen. Doch diese Einschätzung nahm er eher vorsichtig und zögerlich vor, er stand Frauen generell etwas skeptischer gegenüber. Womöglich lag das an einer schlechten Erfahrung, die er einst mit seiner ehemaligen Deutschlehrerin Frau Schultze gemacht hatte. Diese hatte sich ihm gegenüber zunächst sehr wohlwollend und freundlich verhalten, sich dann aber später als ungeduldig und fies herausgestellt. Allerdings war er damals auch noch um einiges jünger gewesen, vielleicht war er ja mittlerweile besser darin, Menschen einzuschätzen. Bei Frau Kinateder hatte er zumindest die starke Vermutung, dass sie es gut mit ihm meinte.

Etwas merkwürdig fand er bloß ihre sehr direkte, offene Art, wie zügig sie mit ihm ins Gespräch gekommen war und wie schnell sie ihm dann ihre Meinung über ihn dargelegt hatte. Aber das war wahrscheinlich einfach ein Teil ihrer Persönlichkeit, eine Charaktereigenschaft.

Elias dachte nun an das, was Frau Kinateder über Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft gesagt hatte, und befürchtete, dass da schon etwas dran war. Das, was ihn jeden Tag antrieb, stundenlang zu üben, war ein Bild in der Zukunft, wenn er gut genug spielen könnte, um mit seinen Spielkünsten nach außen zu gehen, sie anderen zu präsentieren. Aber obwohl er seine Technik immer weiter verbesserte, wurde der Abstand zwischen dem jetzigen Zustand und diesem Bild irgendwie kaum geringer. Das Niveau, welches er mittlerweile erreicht hatte, wäre zum Beispiel vor sieben Jahren noch völlig jenseits seiner Vorstellung gewesen, viel weniger hatte er da erst einmal angestrebt. Doch mit dem Spielniveau sind die Ziele immer weiter angestiegen.

Plötzlich überkam ihn eine beißende Gewissheit. Auf diese Weise würde er niemals in einer Band spielen und wirklich etwas Kunstvolles aus seiner erlernten Technik machen, er würde sich ewig weiter mit Fingerübungen aufhalten. Dieser Gedankengang schmerzte Elias, quälte ihn nahezu; es war kaum auszuhalten. Daher beschloss er, ihn vorerst nicht weiterzugehen. Er würde erst einmal weiter nach Plan arbeiten.

Im Folgenden tagträumte er noch ein wenig, wie er auf einer großen Bühne die krassesten Gitarrensoli hinlegte und damit das tobende Publikum begeisterte. In dem Publikum befanden sich viele Menschen aus seiner Vergangenheit und Gegenwart, die ihn unterschätzt hatten und ihn nun tief beeindruckt anstarrten. Schließlich erhob er sich aus seinem Bett und ging in die Küche, um seinen Teller mit den Broten vorzubereiten.

Nachdem Elias zwei weitere Tage seinen Tagesablauf gewohnt und ohne irgendwelche diesen verändernd beeinflussenden Vorkommnisse abgespult hatte (er hatte lediglich noch einmal die laut telefonierende Stimme der halben Tunesierin aus dem Treppenhaus gehört), kam am Mittwoch Frau Pawlowska zu ihm. Sie beide hatten einen Termin um 16 Uhr. Zwar stellte dies einen ärgerlichen Störfaktor für seinen Tagesrhythmus dar, aber er hatte sich ja darauf einstellen können und seinen Plan für heute dementsprechend angepasst.

Um 16 Uhr 3, also innerhalb ihres obligatorischen Verspätungszeitfensters, erreichte Frau Pawlowska seine Wohnung und äußerte sich zunächst einmal sehr erfreut über die Einrichtung; seine Eltern hätten mit ihm gemeinsam gute Arbeit geleistet. Nachdem Elias ihr eine Tasse Kaffee mit Milch hingestellt und sie sich einander gegenüber an sein schwarzes Tischchen gesetzt hatten, fragte sie nach dem Verlauf der ersten Tage in der neuen Wohnung und wollte wissen, ob er sich schon ein wenig eingelebt hätte. Er bejahte dies grundsätzlich, erzählte ihr aber auch von der etwa halbstündigen Übungsunterbrechung, die er am Sonntag durch Bettina Kinateder erfahren hatte, und davon, dass sie ihm geraten hatte, in einer Band zu spielen.

»Immer mit der Ruhe, Herr Bach, überlasten Sie sich nicht«, meinte Frau Pawlowska in ihrem gewohnt besänftigenden Tonfall. »Sie sind doch jetzt erst mal ausgezogen, haben den Schritt aus dem Wohnheim in eine eigene Wohnung gewagt. Damit haben Sie schon einen sehr entscheidenden Schritt für Ihr weiteres Leben getan. Immer eins nach dem anderen. Wenn Sie so weit sind, machen Sie den nächsten großen Schritt und suchen sich eine Band. Aber setzen Sie sich nicht unter Druck. Sie haben Zeit. Ihre Nachbarin kennt Sie doch noch gar nicht. Sie weiß nichts über Ihre Schwierigkeiten und kann nicht nachvollziehen, was ein solcher Schritt für Sie bedeuten würde.«

»Ja, stimmt eigentlich«, entgegnete Elias. Er fühlte sich jetzt ein wenig beruhigter.

»Waren Sie eigentlich schon mal im Garten?«

»Nur das eine Mal bei der Hausbesichtigung.«

»Sie sollten es ausnutzen, dass Sie hier einen so schönen großen Garten haben. Wir bekommen jetzt die Tage richtig schönes Wetter. Und Sie könnten wirklich etwas Farbe vertragen, Sie sehen sehr blass aus. Es ist außerdem nicht gut für die Psyche, immer nur drinnen zu hocken. Und wir haben schließlich Sommer.«

»Ich bin doch draußen, wenn ich einkaufen gehe«, wandte Elias lakonisch ein.

»Einmal in der Woche für eine Viertelstunde, Herr Bach. Der Supermarkt ist doch gleich um die Ecke.«

»Halbe Stunde«, verbesserte Elias. »Hin und zurück.«

»Dann eben eine halbe Stunde. Das ist trotzdem sehr wenig.«

»Hm…« Elias grübelte ein wenig nach. Gerade im Moment hielt er Frau Pawlowskas Vorschlag für eher keine so gute Idee.

Die restliche Zeit sprachen sie über organisatorische Dinge - Hilfeplan, Briefe, Termine für Behördengänge und andere ihn nicht im Mindesten interessierende Dinge. Heute kümmerten sie sich unter anderem um eine Vollmacht, sodass er nicht zum Amt gehen musste; ein Zugeständnis, das Frau Pawlowska ihm gemacht hatte, um seinen Stress innerhalb der ersten Wochen in der neuen Wohnung so gering wie möglich zu halten.

Um 16 Uhr 48 war Frau Pawlowska wieder gegangen, und Elias konnte mit seinem Programm fortfahren.

Zwei Tage später, an einem schwülwarmen Freitagabend, stand Elias von seinem Bett auf und schaute auf sein Handy. Es war 19 Uhr 47. Er hatte soeben zwei Musikalben durchgehört, nachdem er davor relativ erfolgreich seinen Übungsplan durchgearbeitet und seinen Snack eingenommen hatte. Nun klickte er auf Youtube das neueste Album von Decapitated an, eine polnische Tech Death Band, die er sehr schätzte. Er hatte dieses Album bisher erst zweimal gehört und war gespannt, ob nun beim dritten Durchgang der ein oder andere Riff griffiger, eingängiger klingen würde.

Der erste Song ertönte aus den Boxen in wie immer recht gemäßigter Lautstärke. Elias hatte nur sehr selten das Verlangen, Musik richtig laut zu hören, da er ein sehr empfindliches Gehör besaß und im Grunde alle Arten von lauten Geräuschen als sehr unangenehm empfand.

Er ging in die kleine Küchenzeile. Es war an der Zeit, noch eine kleine Menge Kaffee für die letzten zwei halben Tassen des Tages aufzusetzen. Er warf den alten, mit Kaffeesatz gefüllten Filter in den Biomüll, setzte neuen Kaffee auf und drückte auf den Startknopf. Es ertönte sogleich das gewohnte Rattern der Maschine; allerdings nur für wenige Sekunden, dann ging das gelbe Lämpchen plötzlich aus, und auch die Musik verstummte.

Elias fuhr ein Schauer durch den Körper. Es machte sich wieder jenes Kribbeln in der Bauch- und Brustgegend bemerkbar, das er in Schrecksituationen immer fühlte, im Grunde ein wenig wie Schmetterlinge im Bauch, aber als äußerst unangenehme Variante. Panisch drückte er erneut ein paarmal auf den Knopf, aber es tat sich nichts. Dann betätigte er den Lichtschalter, doch auch das Licht ging nicht an. Es war ein Schock für Elias, chaotisch wirbelten Gedanken wie »kein Strom«, »Was mach ich jetzt?«, »Ich will noch Musik hören und nachher Filme gucken«, gemischt mit Emotionen von Angst, Wut und Verzweiflung in seinem Kopf herum.

Stromausfall? Wenn ja, wie lange würde das dauern?

Elias versuchte, das Chaos in seinem Kopf zu ordnen, einen klaren Gedanken zu fassen; er musste jetzt ruhig bleiben und genau überlegen, was er tat.

Er setzte sich auf den Drehstuhl, griff sich sein auf dem schwarzen Tischchen liegendes Handy und suchte im Internet nach Informationen über Stromausfälle. Wenige Minuten später hatte er herausgefunden, dass Stromausfälle zumeist nur von kurzer Dauer waren, wenn die gesamte Wohngegend betroffen war. Betraf es denn die gesamte Wohngegend oder nur seine Wohnung? Er nahm seinen Schlüsselbund, ging aus der Wohnung und betätigte den Lichtschalter im Treppenhaus. Das Licht ging an, - das bedeutete, dass es nur seine Wohnung betraf.

Er kehrte in seine Wohnung zurück, setzte sich wieder auf den Drehstuhl und überlegte, mit stark anwachsender Nervosität wegen der jetzt schon verlorenen und immer weiter verloren gehenden Zeit.

Im Wohnheim würde er um diese Uhrzeit keinen Betreuer mehr erreichen. Er könnte seine Eltern anrufen. Aber die wohnten ja so weit weg, die konnten ihm bestimmt auch nicht helfen.

Da kam ihm eine Idee, - und ein kleiner Funke Hoffnung sprühte in ihm auf. Willi, der sportlich aussehende, graubärtige Mann, mit dem er vor einer Woche gemeinsam mit Frau Pawlowska eine ziemlich angenehme Unterhaltung vor der Haustür geführt hatte – der hatte ihm doch angeboten, dass er zu ihm kommen könnte, wenn einmal etwas sein sollte. Das könnte die Rettung sein!

Aber Elias zögerte. Er wollte Willi nicht stören, und außerdem bedeutete es immer eine große Anstrengung für Elias, mit Menschen in Kontakt zu treten, vor allem mit solchen, die er kaum kannte. Unruhig schaukelte er auf seinem Stuhl vor und zurück.

Es war jetzt 20 Uhr 2, seit einer Viertelstunde hatte er bereits keinen Strom und noch nichts Nützliches dagegen unternommen. Seine Unruhe wurde immer stärker und beißender.

Schließlich gab er sich einen Ruck und erhob sich aus dem Drehstuhl. Er nahm seinen Schlüsselbund, verließ die Wohnung, ging die Treppen hinunter ins Erdgeschoss und stand schließlich vor der Wohnung, von der er dachte, dass es Willis sein musste. Er holte tief Luft. Vielleicht war Willi gar nicht zu Hause, es war immerhin Freitagabend. War es wirklich Willis Tür, oder hatte sich dieser womöglich bei der Angabe der Tür vertan? Nicht, dass ihm gleich diese ständig telefonierende halbe Tunesierin aufmachen würde, das wäre ihm äußerst unangenehm. Namen standen in diesem Haus nicht an den Türen. Aber er musste es einfach riskieren, er brauchte unbedingt wieder Strom. Also drückte er auf den neben dem Lichtschalter befindlichen Klingelschalter. Ein schriller Ton erklang im Inneren der Wohnung, der gleiche, der auch bei ihm ertönt war, als seine Eltern und Frau Pawlowska ihn besucht hatten; Frau Kinateder hatte ja bloß geklopft, was deutlich angenehmer für seine Ohren gewesen war. Er fand dieses laute Klingelgeräusch aufdringlich, irgendwie eklig und war beide Male davon zusammengezuckt. Das tat er auch hier, obwohl es durch die verschlossene Wohnungstür etwas abgedämpft war.

Unmittelbar nach dem Ertönen der Klingel tat sich erst einmal gar nichts. Nachdem bereits eine Viertelminute vergangen war, die Elias unendlich lang vorkam, stand er ziemlich unentschlossen da; unsicher, ob er wieder gehen oder noch einmal klingeln sollte, wippte er nervös auf der Stelle, innerlich stark angespannt.

Plötzlich vernahm er Fernsehgeräusche aus dem Inneren der Wohnung, scheinbar war eine Tür aufgegangen, und Schritte, die sich der Wohnungstür näherten.

Im nächsten Moment stand Willi vor ihm, in grünen kurzen Shorts, oberkörperfrei, an den Füßen blaue Adidas-Schlappen. Zuerst war sein Gesichtsausdruck sehr verwundert, doch dann erhellte sich seine Miene, als ob er Elias jetzt erkannte.

»Hallo«, grüßte Elias schüchtern.

»Da hab ich doch richtig gehört, dass es geklingelt hat«, entgegnete Willi mit einem Grinsen. »Hi. Was gibt‘s, Junge?«

»Es tut mir leid, wenn ich störe. Ich hab da ein Problem in meiner Wohnung, und Sie meinten ja letztens, wenn mal was ist, könnte ich ruhig runterkommen. Da dachte ich, ich versuch‘s mal. Weiß auch nicht, ob Sie mir helfen können … ich …«

»Was hast du denn für ein Problem?«, fiel Willi ihm ins Wort, in klarem, bestimmtem Ton.

»Ich hab Stromausfall, also … keinen Strom mehr in meiner Wohnung. Das scheint nur meine Wohnung zu betreffen, denn das Licht im Treppenhaus funktioniert, und Sie scheinen ja auch Strom zu haben.«

»Hast du mal im Sicherungskasten nachgeschaut, ob alle Schalter oben sind?«

»Sicherungskasten?«

»Du hast doch irgendwo in deiner Wohnung so einen Kasten mit den Sicherungen. Da musst du reingucken. Vielleicht hast du einen Kurzen gehabt, und der FI-Schalter ist rausgesprungen.«

»FI-Schalter? Ich weiß nicht …« Elias schaute ihn hilflos an. Er wusste absolut nicht, wovon Willi da sprach, und das war ihm sehr peinlich.

»Warte, ich komm mal mit hoch.« Mit diesen Worten verschwand Willi kurz in der Wohnung.

Elias war erleichtert, dass er ihn nicht mit dem Sicherungskasten und diesem merkwürdigen FI-Schalter, von dem er noch nie etwas gehört hatte, alleine ließ.

Wenige Augenblicke später trat Willi aus der Wohnung. Er trug jetzt ein schwarzes T-Shirt mit Deep Purple-Aufschrift und einen großen Schlüsselbund in der Hand. »Dann woll‘n wir mal!«

Sie stiegen die Treppen bis ins Dachgeschoss hoch, und Elias schloss seine Wohnungstür auf. Seine Hände zitterten dabei ein wenig; er fühlte sich immer noch ziemlich angespannt. »Eine schöne kleine Wohnung hast du hier«, meinte Willi, als sie eingetreten waren.

»Joa«, entgegnete Elias zaghaft.

»Ah, da ist er ja.«

Willi öffnete die Tür eines weißen, länglichen Kastens, der etwa zwei Meter von der Wohnungstür entfernt auf halber Höhe der Wand befestigt war. Elias fiel er jetzt zum ersten Mal richtig auf. Zwar hatte er ihn während der letzten Woche immer wieder unbewusst wahrgenommen, aber eher, wie man ein Bild oder eine Kachel an der Wand wahrnahm, ohne ihm praktische Bedeutung zuzuschreiben.

»Das ist der Sicherungskasten«, sagte Willi. »Und das sind alle Sicherungen für die Wohnung, Licht im Badezimmer, Licht in der Küche, Herdplatten und so weiter. Die Schalter sind alle oben. Und der einzelne hier an der Seite, das ist der FI-Schalter, die Hauptsicherung, und die ist rausgesprungen, siehst du? Der Schalter ist unten. Dann machen wir den mal wieder hoch … Okay, springt direkt wieder raus. Dann ist wahrscheinlich hier irgendwo ein defektes Gerät mit dem Stromkreis verbunden. Was hast du gerade gemacht, als der Strom ausgefallen ist?«

»Na ja, ich habe Kaffee aufgesetzt« antwortete Elias. »Dann ist die Maschine plötzlich ausgegangen, und die Musik auch.«

»Aha, dann haben wir´s ja. Wo ist die Kaffeemaschine, in der Küche?« Ohne eine Antwort abzuwarten war Willi schon um die Ecke in die kleine Küchenzeile gegangen. Elias folgte ihm. »Da haben wir den Übeltäter.«

Dies ausgesprochen, zog Willi den Stromstecker der Kaffeemaschine aus der Steckdose. Dann ging er zum Kasten zurück und schaltete den FI-Schalter wieder hoch. Zwei bis drei Sekunden später ging das Licht in der Küche an, und ein wuchtiges Riff vom neuesten Decapitated-Album erfüllte den Raum.

»Oh, ich mach das mal eben aus«, sagte Elias und eilte zu seiner Anlage.

»Kannst du ruhig laufen lassen«, meinte Willi, aber da hatte Elias bereits den Powerknopf gedrückt und die Musik war verstummt.

»Deine Kaffeemaschine hat einen Kurzschluss verursacht«, sagte Willi, als Elias wieder neben ihm in der Küche stand. Er nahm die Kanne heraus. »Und das wundert mich auch gar nicht, wenn ich mir die Platte hier ansehe. Die ist ja komplett durchgebrannt, hier, alles schwarz. Da ist mit Sicherheit Wasser an die Elektroden gekommen. Die kannst du wegschmeißen.«

»Aber ich wollte heute noch Kaffee machen«, wandte Elias mit bebender Stimme ein.

»Mit dem Ding nicht mehr. Wie alt ist die denn?«

»Ich weiß nicht genau, ich …« Beinahe hätte Elias das Wohnheim erwähnt, von dort hatte er nämlich eine ältere Maschine mitnehmen dürfen, aber er wollte nicht jetzt schon damit herausrücken, dass er in einer Einrichtung gelebt hatte. »Ich hab ja vorher in so einer Art … WG gewohnt, und da hab ich die mitgegeben bekommen.«

»Da haben die dir aber einen ganz schönen Schrott angedreht. Also ich würde sagen, du brauchst eine neue Maschine. Die gibt‘s momentan sehr günstig im Aktion-Markt.«

»Aber«, stammelte Elias erschrocken. »Ich muss heute noch Kaffee machen.«

Willi schaute auf seine silberne Armbanduhr. »Also der Aktion-Markt hat schon zu. Heute kriegst du nur noch eine im Obi, drüben in Gehring, der hat bis 22 Uhr auf. Hast du ein Fahrrad?«

Elias verzweifelte innerlich, er war den Tränen nahe. »Gehring? Da war ich noch nie.«

»Du warst noch nie in Gehring?« Willi schaute ihn ungläubig an. »Wie lange wohnst du schon in dieser Stadt?«

Elias wusste nicht, was er entgegnen sollte; mit einem Mal konnte er nicht mehr sprechen. Er blickte Willi verzweifelt an und sagte nichts.

»Okay, pass auf«, fuhr dieser nun mit ruhiger Stimme fort. »Du hast Glück, ich hab noch eine Maschine bei mir unten, die ich nicht mehr brauche. Ich hab mir so einen Vollautomaten geholt. Eigentlich wollte mein Sohn die haben, aber der will sich jetzt wohl doch eine neue besorgen. Also die kannst du erstmal haben, wenn du willst. Ach, weißt du was, die schenk ich dir, ich brauch das Ding nicht mehr.«

Elias‘ Augen leuchteten. Ein wohliges Gefühl von Entspannung und Erleichterung breitete sich in seinem Inneren aus. »Oh, danke, das ist wirklich nett.«

»Warte, ich hol die mal grad«, sagte Willi und verließ Elias‘ Wohnung.

Elias setzte sich auf seinen dunkelgrauen Drehstuhl und wartete. Er schaute auf sein Handy; es war 20 Uhr 28. Das bedeutete, er würde heute entweder auf das Decapitated-Album oder auf die Dreamsession verzichten müssen, um ohne Verspätung seine Brote vorbereiten und seinen Fernsehabend starten zu können. Aber immerhin hatte er wieder Strom und konnte Kaffee kochen. Er würde auch gleich eine rauchen, die nächste Zigarette war bald möglich, und durch den ganzen Stress verspürte er auch ein starkes Verlangen danach.

Sollte er Willi vielleicht anbieten, auf eine Tasse Kaffee bei ihm zu bleiben? Immerhin hatte er ihm jetzt sehr nett geholfen, ja ihn nahezu gerettet. Allerdings würde er dann noch mehr Zeit verlieren.

Da erschien Willi wieder in der Wohnung, eine schwarze Kaffeemaschine in seinen Händen. Er stellte die defekte Maschine auf den Küchenboden und schloss die neue an. Elias war beruhigt, als er sie ansah. Es war eine ganz normale Filterkaffeemaschine, wie er im Wohnheim schon ein paar kennengelernt hatte, die er ohne Schwierigkeiten zu bedienen wusste.

»Vielen Dank«, sagte er freudig. »Dann setze ich jetzt mal Kaffee auf.« Er zögerte, ging einen kurzen Moment in sich. »Trinkst du auch einen?«

»Ja, warum eigentlich nicht. Ich warte noch auf eine Nachricht von meiner Freundin; werd wohl gleich noch zu ihr fahren. Aber ich trink ‘ne Tasse mit.« Willi setzte sich auf den Stuhl, auf dem ein paar Tage zuvor Frau Kinateder gesessen hatte. »Ist das auch eine Death Metal Band?« Er zeigte auf das große Poster, das über dem Bett an der Wand hing. Es waren dort auf schwarzem Hintergrund vier junge Männer mit langen Haaren und in schwarzen Sweat-Shirts abgebildet; bis auf einen hatten alle die Hände vor dem Körper verschränkt. Sie schauten ernst, aber nicht unbedingt unfreundlich.

»Ja, das sind Obscura«, antwortete Elias, während er den Kaffee aufsetzte. »Eine Technical Death Metal Band aus Deutschland.«

»Aha«, erwiderte Willi.

Elias setzte sich vor ihn auf den Drehstuhl.

»Sag mal, die hat aber auch schon bessere Zeiten gesehen.« Er deutete auf Elias‘ blaue Jogginghose, auf der in Höhe des rechten Knies ein tennisballgroßes Loch klaffte. Auch am linken Bein war bereits ein kleiner Riss.

»Oh, äh …« Elias grinste verlegen.

Er trug diese Hose bestimmt schon drei Jahre, das Loch war erst sehr klein gewesen und dann immer größer geworden. Er dachte kurz daran, dass er diese Hose auch getragen hatte, als Frau Kinateder bei ihm gewesen war. Er nahm das Loch mittlerweile gar nicht mehr wahr, hatte sich schon vollständig daran gewöhnt. Frau Kinateder war es womöglich auch unangenehm aufgefallen und hatte lediglich aus Höflichkeit nichts dazu gesagt.

»Die habe ich schon ziemlich lange. Das ist meine Lieblingshose; auf das Loch achte ich eigentlich gar nicht.

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