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Die gelassene Art, Ziele zu erreichen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Einleitung
  7. 1. Die gehetzte Gesellschaft
  8. Spiel und Leistungsdruck
  9. Gladiatoren der Konsumgesellschaft
  10. Altes spielerisch loslassen – Riten des Übergangs
  11. Schnellsterbige Zeit
  12. Verlorene Traditionen des Dranbleibens
  13. 2. Mechanismen des Erfolgsdrucks
  14. Die Aufschieber – dennoch Kreativität entfalten
  15. Im Rhythmus von Arbeit und Ruhe
  16. Nichts zu Ende bringen können – das Zwischenlager
  17. 3. Dranbleiben in der Liebe
  18. Das Kränkungsdepot – emotionale Zwischenlager
  19. Hans im Glück – die Flucht in die Abhängigkeit
  20. Der steinerne Gast – die Absurdität des Erfolgs
  21. Wo schnelle Lösungen zum Problem werden
  22. Was Treue bedeuten kann
  23. 4. Die Regeln der Konsumgesellschaft
  24. Dumme Treue – die Erosion des Vertrauens
  25. Endkontrolle beim Verbraucher
  26. 5. Tagträume und Realitätsverleugnung
  27. Die Radikalität der Adoleszenten
  28. Aufgestaute Wut und jugendliche Amokläufer
  29. Tagträume und virtuelle Welten
  30. Die Destruktivität des virtuellen Erfolgs
  31. 6. Balanceakte – Kompetenzen entwickeln
  32. Gut ist besser als perfekt
  33. Warum Erfolgsdruck ins Risiko führt
  34. Die Mühen und Freuden der Ebene
  35. Absicht und Wille – der Vorteil langsamer Annäherungen
  36. 7. Beweglichkeit und Bodenhaftung
  37. Vom ideal zum Leben finden
  38. Das Überflüssige weglassen
  39. Die Mitte zwischen überschätzen und verzagen – Flow
  40. Zwischen Anstrengung und Mühelosigkeit
  41. Die Bedeutung der frühen Bindung
  42. 8. Wie der Weg zum Ziel wird – Freude an der eigenen Leistung
  43. Warum auch Genies üben müssen
  44. Die Schwierigkeit der Hochbegabten
  45. Ausdauer und die Gefahr des Burn-outs
  46. 9. Das Selbstgefühl verankern
  47. Sich an Illusionen klammern – manische Abwehr
  48. Kontaktvermeidung – soziale Ängste
  49. Traumatisierung durch Verwöhnung
  50. Idealisierte und entwertete Helfer
  51. Die Ernsthaftigkeit des Rollenspiels
  52. Schluss:
  53. Durch Verändern bewahren
  54. Anmerkungen

Über dieses Buch

Wolfgang Schmidbauer zeigt, wie Erfolgsdruck ins Risiko führt, dass es sinnvoll ist, die Freuden und Mühen der Ebene zu durchschreiten und dass Ausdauer nicht in den Burnout führen muss. Denn nur wem es gelingt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, entwickelt sein Selbstgefühl und kann im wirklichen Sinne kreativ und erfolgreich sein.

Über den Autor

Wolfgang Schmidbauer, Dr. phil., ist Diplompsychologe, Psychotherapeut und Lehranalytiker. Er lebt in München und hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht.

Wolfgang Schmidbauer

Die gelassene Art,
Ziele zu erreichen

Abschied vom Erfolgszwang

Einleitung

Wir kennen Menschen, die ihre Aufgaben pünktlich erledigen und doch Zeit haben, wenn es darum geht, etwas zu unternehmen oder einem Freund einen Gefallen zu tun. Ihre Arbeit scheint ihre Stimmung zu heben, jedenfalls klagen sie nicht und haben nicht das Projekt, schnell viel zu verdienen und dann gar nichts mehr oder ganz anderes zu tun.

Und wir kennen andere, die immer hektisch sind, nie Zeit haben und uns abwechselnd mit grandiosen Plänen oder Geschichten über ihr Pech traktieren. Inzwischen haben sich Arbeitspsychologen, Kreativitätsforscher und Psychotherapeuten mit solchen Unterschieden beschäftigt. Es gibt viele einzelne Ergebnisse in Fachzeitschriften, Lehrbüchern und populären Texten über Zeitmanagement und Arbeitsorganisation. Und es mangelt von Karl Marx bis Richard Sennett nicht an Versuchen, entfremdete oder erfüllende Arbeit sozialphilosophisch zu fassen.

In diesem Buch geht es um die Ergänzung und Weiterentwicklung dieser Ansätze aus der Sicht eines Psychologen, der sich seit vielen Jahren für den Zusammenhang zwischen Berufstätigkeit und seelischen Störungen interessiert.1 Es geht am Rande auch um Mittel, unsere Konzentration zu steigern und ohne innere Widerstände zu arbeiten. Dranbleiben ist eine Haltung, die wir besonders brauchen, wenn wir die Gefahren der Moderne ernst nehmen. Diese Haltung hängt damit zusammen, sich so gut es nur geht von einer Orientierung an Erfolg und Anerkennung zu befreien. Je mehr es etwas um seiner selbst willen tut, desto unabhängiger wird das Ich von ehrgeizigen Zielen, desto mehr Befriedigung findet es im Weg.

Die Kunst des Dranbleibens läuft darauf hinaus, eine handwerkliche Tradition wiederzubeleben: etwas gut zu machen. Wer sich danach richtet, gewinnt eine kontinuierliche Bestätigung aus dem, was er tut. Er kann auch dann zufrieden sein, wenn er weder materiell üppig belohnt noch als Star gefeiert wird.

Ich will zeigen, dass diese handwerkliche Haltung auch ein Schutz vor Burn-out ist und sich in den sozialen Berufen als professionelle Entwicklung fassen lässt, in der eine wachsende Freude an der Entwicklung der Tätigkeit selbst gelingen kann.

Die ethische Spannung der Gegenwart lässt sich in zwei Maximen fassen: Der Zweck heiligt die Mittel auf der einen, der Weg ist das Ziel auf der anderen Seite. Der erste Satz wird gerne den Jesuiten zugeschrieben, aber schon vor ihnen hatte Macchiavelli seine Reflexionen über Macht, Staat und Führerschaft darauf aufgebaut. Der zweite Satz wird bald Konfuzius, bald Buddha zugeschrieben, findet sich aber sinngemäß auch in der antiken Philosophie oder bei Goethe.

In seiner aktuellsten Variante ist der erste Satz das Motto einer allein an Profitmaximierung orientierten Wirtschaft, in der ohne Rücksicht auf die Mitarbeiter Werke geschlossen, Firmen zerschlagen und Produktionen in Billigländer ausgelagert werden. Er spricht für eine Politik, welche die Rüstungsausgaben steigert. Waffenproduzenten und ihre kriegerischen Vertreter in der Gesellschaft haben die bösesten Mittel für die besten Zwecke schon immer energisch befürwortet: Atombomben für Freiheit und Demokratie!

Die zweite Maxime kommt bescheidener daher, aber sie kann einen dauerhaften Einfluss auf unser Leben entfalten. Sie befreit uns davon, zwischen der Sehnsucht nach großem Erfolg und dem Erleben eigenen Scheiterns zerrieben zu werden. Ein Musiker, der nicht für den Beifall im Konzert übt, sondern aus Freude am eigenen Spiel, ein Buchautor, der die Komposition seines Textes als Wert in sich erlebt und nicht um jeden Preis einen Bestseller produzieren will, ein Student, der sich für den Stoff seiner Prüfungsvorbereitung interessiert und sich gerne in ihn vertieft, sind wenig spektakuläre Beispiele für diese Qualität.

In der Konsumgesellschaft werden Güter des täglichen Bedarfs und des Luxus industriell gefertigt. Sie stehen in nie da gewesener Vielfalt allen zur Verfügung, die genügend Geld haben. Aber viel einflussreicher als die Güterproduktion ist die Produktion medialer Ablenkungen und damit auch imaginärer Konkurrenzen. Alles ist potenziell gleichzeitig da. Jeder gute Werbedesigner verspricht uns ein neues Paradies, um uns ein Parfüm, ein Auto, einen Sportschuh oder eine Zigarette zu verkaufen. Unsere seelische Umwelt wird von Angeboten überschwemmt, es besser und schöner zu haben.

Wer viele Wahlmöglichkeiten hat, fühlt sich bereichert. Wer aus einem armen Land, in dem die meisten Menschen von der Hand in den Mund leben, in ein durchschnittliches Einkaufszentrum bei Paris, Berlin oder Washington kommt, könnte sich fühlen wie der Schatzsucher vor einer mit Juwelen gefüllten Truhe. Oder er könnte sich fragen, ob ein Mensch zwanzig Sorten Joghurt braucht, um sich nicht arm zu fühlen.

Wahlmöglichkeiten zwingen uns zu Entscheidungen, Entscheidungen kosten Zeit und machen Angst. Je mehr Wahlmöglichkeiten, desto mehr müssen die Wählenden fürchten, sich falsch entschieden zu haben und in eine Sackgasse zu geraten. Sich aber diesem Supermarkt der Alternativen ganz zu verweigern kann ebenfalls eine Sackgasse sein.

Als ich ein Kind war, ging ich nach Hause, machte die Schularbeiten und stand vor der Wahl, draußen zu spielen oder drinnen etwas zu lesen. Meine Kinder mussten die Versuchung niederkämpfen, sich von einem Bildschirm mühelos in erregendere Welten locken zu lassen. Je mehr Ablenkungen, desto schwerer fällt die Konzentration.

Die elementarste Form des Dranbleibens ist die Konzentration. Wir können uns eine ganze Weile zur Konzentration zwingen, aber je energischer wir dabei vorgehen, desto mehr erschöpfen wir auch unsere Fähigkeiten. Dabei sind die höchsten Formen der Konzentration, die mit schöpferischen Leistungen verbunden sind, auch jene, die besonders schnell erlahmen.

Ehrgeiz und Erfolgsdruck sind schlechte Ratgeber, wenn es darum geht, unsere kreativen Fähigkeiten zu entwickeln. Die menschliche Leistungsfähigkeit ist ein leicht störbares Geschehen. Sie will gepflegt und umsorgt werden, wenn sie gedeihen soll. Unter Druck gesetzt, mit Zwang umgeben, gedeiht sie schlecht. Dranbleiben ist mehr als Konzentration. Auch wer ein Video betrachtet, ein Computerspiel verfolgt, konzentriert sich. Konzentration ist eine Leistung, die heute kaum jemand besser fesseln kann als die Filmemacher (welche inzwischen den Stil großer Bereiche der Medien prägen). Aber die Konzentration, die beispielsweise ein gut gemachter Werbespot an sich reißt, betäubt uns und lässt uns mit einem Gefühl der Entfremdung zurück.

Dranbleiben hingegen ist eine persönliche, menschliche Qualität, die damit zusammenhängt, eigene Ziele zu erkennen, sie zu verfolgen, und vor allem: sie auch wiederzufinden, wenn wir sie für eine Weile losgelassen haben. Das hängt mit der Fähigkeit zusammen, sich von primitiven Idealisierungen zu befreien, die schnell in eine völlige Entwertung kippen. Dranbleiben enthält viel von den Qualitäten, die in psychoanalytischen Texten als »depressive Position« und »Ambiguitäts-(oder Ambivalenz-)Toleranz« beschrieben werden. Dranbleiben klingt zwar nicht ganz so hochtrabend, ist aber ein gutes deutsches Wort, das eigentlich genauer sagt, worum es geht, als die der Psychiatrie entlehnten Fachbegriffe.

Während Konzentration vor allem eine Bündelung der Aufmerksamkeit ist, geht es beim Dranbleiben um die Verteilung der Aufmerksamkeit und der verfügbaren Energie. Beides sind vorethische Haltungen. Der Chirurg braucht Konzentration so gut wie der Einbrecher. Wer in der Mafia Karriere machen will, muss ebenso an seinen Zielen dranbleiben wie eine Krankenschwester, die Mutter Theresa nacheifert.

Konzentration ist Taktik, Dranbleiben ist Strategie. Wer sich konzentriert, muss ausblenden, was ihn von den Zielen seiner Aufmerksamkeit ablenkt. Wer dranbleiben will, muss eine innere Ordnung finden. Es kann sogar notwendig sein, ein Ziel aus den Augen zu verlieren, um es zu erreichen. Wer auf einen Gipfel will, von dem ihn ein Tal trennt, muss es wagen, sich scheinbar von dem ersehnten Ziel zu entfernen, um zu ihm zu kommen. Er muss es loslassen, es in dem Tal ganz aus dem Blick verlieren, um es zu erreichen.

Konzentration ist (er)fassen und festhalten; Dranbleiben ist loslassen und lenken. Der Feind der Konzentration ist die Ablenkung; der Feind des Dranbleibens die (Selbst-)Entwertung. Die Haltung des Dranbleibens entwickelt sich aus unseren Beziehungen. Wenn die Mutter nicht beim Neugeborenen bleibt, wird es nicht überleben. Wenn sie ihr Kind nicht rechtzeitig loslässt, ihm eigene Ziele erlaubt und ihm den Weg zu seiner eigenen Entwicklung ebnet, wird das Kind irgendwann mit der Mutter brechen oder seelisch verkümmern.

Dranbleiben ist die Haltung der guten Beziehung, die auf einem gelingenden Austausch beruht, in dem beide Partner sich im Geben und Nehmen in ihrem Weltbezug festigen. Die Grundlage guter Beziehungen ist eine ausgewogene Mischung von Bindung und Loslassen, von Entgegenkommen und Wehrhaftigkeit. Krisen werden als gemeinsames Problem angenommen. Selbst wenn jemand versucht, alle Verantwortung (alle Schuld) für einen Konflikt mir zuzuschieben, lasse ich mich nicht darauf ein, ihm im Gegenzug alle Schuld zuzuschieben. Ich breche die Beziehung nicht ab, um ihm zuvorzukommen. Ich bleibe an meiner Grenze stehen. Ich bin an Verhandlungen interessiert und behandle den Partner nicht rücksichtslos, um meine Ziele durchzusetzen.

Das Dranbleiben erlaubt es, an eine stabile Beziehung auch dann noch zu glauben, wenn ich andere weder bewundere noch mit ihnen verschmelze. Ich bin überzeugt, dass ich eine Beziehung halten kann, auch wenn ich mich von Handlungen abgrenze, die mich beeinträchtigen.

Wenn ich sparsam bin, mein Partner aber großzügig ist, wird die Beziehung scheitern, sobald ich ihn zur Sparsamkeit zwingen will oder er mich zur Großzügigkeit. Am Ende wird er mich dann geizig nennen, ich ihn verschwenderisch. Die Haltung des Dranbleibens würde darauf hinauslaufen, nach einer Strategie zu suchen, auf die sich die Partner trotz ihrer unterschiedlichen Ausgangspositionen einigen können.

Das wären im Fall von ständigem Streit über die Verwendung des gemeinsamen Geldes getrennte Kassen. Jetzt können die Partner beieinanderbleiben, weil sie sich vor dem schützen, was sie völlig auseinander bringt, wenn sie es ignorieren, jeder muss für die Folgen seines Wirtschaftens geradestehen, beide müssen sich von der Illusion verabschieden, ihr Gegenüber von ihrer »besseren« Haltung zu überzeugen. Der Sparsame kritisiert nicht mehr jede Ausgabe des Großzügigen, und dieser gibt nicht mehr Geld aus, das der Sparsame lieber auf die hohe Kante legt.

Woran kann ich dranbleiben? Fast erübrigt sich ein Katalog – er ist so vielfältig wie unsere Ziele: an Menschen, an Dingen, an Arbeiten in Handwerk, Wissenschaft und Kunst, am Erlernen von Kenntnissen, an der Begegnung mit einer Kultur, einer Landschaft, einer Organisation, wie einer Firma, einem Verein.

Wer an seinen leiblichen Empfindungen dranbleiben kann, wird sich nicht überessen und seinen Körper nicht so beanspruchen, dass er geschädigt wird. Dranbleiben hat sehr viel mit dem Annehmen der Wirklichkeit zu tun. Je mehr wir in unseren Plänen Tagtraum und Realität einander annähern können, desto besser sind wir davor geschützt, beim ersten Rückschlag so abzustürzen, dass wir unser Ziel verlieren. Die Wirklichkeit ist ein Konglomerat ohne jede Bereitschaft, Idealvorstellungen zu entsprechen. Orientieren wir uns an ihr, dann ist Zweifel angebracht, dass wir in den Sternen lesen oder uns einen Liebeszauber brauen können. Umgekehrt müssen wir auch nicht fürchten, ins Bodenlose zu fallen, wenn die Sterne Katastrophen künden und die Hexe uns verwünscht. Wir bleiben auf dem Boden, und er ist so hart oder weich, so fruchtbar oder karg, wie wir ihn durch unsere eigene Arbeit gemacht haben.

1. Die gehetzte Gesellschaft

Spiel und Leistungsdruck

Die Tat ist alles, nichts der Ruhm2

Von des Lebens Gütern allen

Ist der Ruhm das höchste doch,

Wenn der Leib in Staub zerfallen,

Lebt der große Name noch.3

Den Augenblick zu genießen würde nicht so oft besungen und unterstrichen, wenn es leicht wäre, es zu tun. »Freut euch des Lebens« hat zwei mächtige Feinde: die Angst und den Neid. Die Angst lässt nicht locker, solange wir keinen sicheren Ort gefunden haben (genauer: uns das einbilden können, denn dauerhaft sichere Orte gibt es nicht). Der Neid schärft unsere Aufmerksamkeit für die sicheren Orte, die andere schon haben. Verdienen wir sie nicht mehr als diese?

Goethes Rat, sich auf die Tat zu konzentrieren und nicht auf Anerkennung von außen zu setzen, wird nicht dadurch falsch, dass es fast unmöglich ist, ihm dauerhaft zu folgen. Kaum habe ich mir vorgenommen, ganz im Hier und Jetzt zu leben, überfällt mich wieder die Angst vor der Zukunft. Muss ich mich nicht gegen Armut im Alter, gegen Hilflosigkeit, gegen Feuer und Diebstahl versichern? Habe ich genug getan, um meine Geltungsansprüche durchzusetzen? Ist es nicht ungerecht, dass andere, die weniger leisten, mehr haben?

Wer spielende Kinder beobachtet, kann erkennen, dass Selbstvergessenheit und Konzentration auf das gegenwärtige Tun ohne sonderliche Fixierung auf Erfolg nicht das Ergebnis pädagogischer oder therapeutischer Bemühungen sind. Das bringt jedes gesunde Kind schon mit, wenn ihm diese Möglichkeit nicht genommen wird.

Ein Kind kann mit Dingen und sozialen Situationen spielen, es kann auf Menschen zugehen, ihnen sagen, was ihm an ihnen auffällt, sie betasten, zärtlich zu ihnen sein oder sich unerwünschten Zärtlichkeiten entziehen. Kindern wird jedoch so energisch ein von Schamgefühlen bestimmtes Sozialverhalten beigebracht, dass sie später Hilfe brauchen, um zu diesen ursprünglichen Fähigkeiten zurückzufinden. Therapeuten, Rhetoriklehrer oder Tanzpädagogen rechnen es sich dann als Verdienst an, dass ihre Klienten zumindest ansatzweise wieder »können«, was sie schon als Dreijährige beherrschten: auf andere Menschen zugehen und Kontakt suchen, laut sprechen, ohne die eigene Stimme schon im Ansatz zu hemmen, oder sich expressiv zu bewegen.

Psychoanalytiker verbringen ihr Berufsleben dann damit, Erwachsene an jene Stellen ihrer Entwicklung zurückzuführen, wo sie verlernt haben, zu spielen. So suchen sie ein Erziehungswerk rückgängig zu machen, in dem sich der Ernst nicht aus dem Spiel entwickeln darf, sondern es bekämpft und unterdrückt.

Die schwarze Pädagogik4 ist sozusagen von Missionaren und für Missionare entworfen worden. In ihr wird die neue Norm zum Feind ihrer angeblich wertlosen Vorgänger. Die spielerischen Orientierungen an der Funktionslust des Organismus werden verteufelt, ihre intuitiven Verbindungen mit dem Umweltangebot zur »richtigen« Leistung kanalisiert. Was dazu nicht passt, darf auch nicht bleiben.

Wie gut das gelingen kann, zeigen jene Menschen, die als Erwachsene von Ängsten und Depressionen gequält nach der »richtigen« Arbeit, dem »richtigen« Beruf, dem »richtigen« Partner suchen. Wo der Weg zum Ziel wird, gibt es viele Wege, und vor jedem Hindernis können wir in aller Ruhe entscheiden, ob wir weitergehen, ausweichen oder umkehren. Wo aber Erfolg und Ruhm die Kriterien sind, wird Ausweichen oder Umkehren mit Scheitern gleichgesetzt.

Alle Beobachtungen über die menschlichen (Glücks-)Möglichkeiten lehren uns, Abstand zu halten von Ehrgeiz und Erfolgsstreben. Aber diese Einsicht stößt in einer an Leistung und Wettbewerb orientierten Kultur auf viele Widerstände. Ironischerweise kann auch die Distanz von ihr zum Gegenstand von Konkurrenz werden. Wer ist der am meisten erleuchtete Weise? Welcher Mönch hat sich am meisten von weltlichem Ehrgeiz entfernt? Welche Nonne ist die demütigste? Wer seinen Mitmenschen wertfrei und empathisch begegnen will, bewertet sein Verhalten im Licht dieser Ziele; am Ende ist es ja auch ein Ziel, den Weg zu diesem zu machen.

Die Kunst des Dranbleibens respektiert dieses Dilemma. Obwohl kein Mensch ganz autonom ist, macht es doch Sinn, sich um Unabhängigkeit zu bemühen, wohl wissend, dass wir sie immer wieder verlieren werden. Der Wilhelm von Oranien zugeschriebene Spruch »Ich brauche weder die Hoffnung, um zu beginnen, noch den Erfolg, um fortzufahren!« ist ein Motto, kein Rezept. Seine Botschaft können wir immer wieder auf unsere Emotionen anwenden; ändern werden wir diese dadurch keineswegs. Wir gewinnen im besten Fall etwas mehr Abstand zu ihnen.

Misserfolg wird erst dann zum Scheitern, wenn wir auf dem Weg zu einem idealisierten Ziel versäumt haben, uns dieses Weges zu bemächtigen und seiner zu erfreuen. Wer sich selbst und den ihm nahestehenden Menschen in seelischen Krisen vermitteln kann, dass es stets die Möglichkeit gibt, einzelne Schritte in Arbeit, Kunst und Leben als in sich wertvoll zu erleben, findet Möglichkeiten der Erholung, die ihm sonst unzugänglich bleiben. Wer nur schnell fertig werden und den Erfolg einheimsen will, gerät in Gefahr, zum Scharlatan zu werden. In der Wissenschaft wird er zum Plagiator. Forschung macht ihm keine Freude, es geht allein um den Titel, da sind gestohlene Texte genauso gut wie selbst verfasste.

Da in unserer Kultur die größte Anerkennung mit der höchsten Leistung verbunden wird, kommen auf den einen, der dieses Ziel erreicht, zahllose andere, die sich selbst entwerten, weil sie dazu nicht fähig sind. Erste Preise sind selten, Depressionen häufig; sie sind inzwischen die gefährlichste Erkrankung, was den Erhalt der Arbeitsfähigkeit angeht.

Im Herbst 2011 wurden die neuesten Zahlen der Deutschen Rentenversicherung veröffentlicht. Sie belegen, dass psychische Störungen (und von ihnen am häufigsten Depressionen) inzwischen die wichtigste Ursache für unfreiwilliges, vorzeitiges Ausscheiden aus dem Berufsleben sind. Während früher Rücken- und Gelenkbeschwerden an erster, Herz- und Kreislaufleiden an zweiter Stelle der Ursachen einer verminderten Erwerbsfähigkeit standen, sind es heute seelische Überlastungen, die auch erheblich früher einsetzen als die körperlichen: 1980 waren die erwerbsunfähigen Neurentner durchschnittlich 56 Jahre alt, heute sind es 50 Jahre, bei den seelischen Störungen sogar nur 48 Jahre. Jede zweite Frau und jeder dritte Mann gehen wegen einer seelischen Störung vorzeitig in Rente.5

Manche Spitzensportler erkranken nach einer Verletzung, die sie aus dem Rennen wirft, an einer Depression. Der Sport, einmal ihr Ein und Alles, macht ihnen keine Freude mehr, weil sie nicht mehr so erfolgreich sind wie früher. Andere können sich diese Freude erhalten und zu den alten Fähigkeiten neue hinzugewinnen. Diese Unterschiede hängen auch damit zusammen, wie viel Spielerisches in den Leistungsernst übernommen werden konnte.

Wem sein Können unabhängig vom Erfolg wertvoll bleibt, der hat sich etwas von der primären Funktionslust erhalten, die schon das Spiel höherer Wirbeltiere prägt. Keine Katze würde das Mausen lernen, wenn ihr der komplizierte Such-, Beschleich- und Fangablauf nicht ganz unabhängig von genießbarer Beute Selbstzweck wäre.

Gladiatoren der Konsumgesellschaft

Wenn im Geschichtsunterricht die Gladiatorenspiele der römischen Antike durchgenommen werden, meinen die Gymnasiasten doch Trost im Heute zu finden. Ist es nicht undenkbar, dass Menschen mit Peitschen getrieben werden, um Leib und Leben in der Arena zu riskieren? Wer aber die Dynamiken des Profisports studiert, an die Doping-Skandale denkt und zur Kenntnis nimmt, wie oft Aktive schwere Verletzungen auskurieren müssen, ist sich des Fortschritts nicht mehr sicher. Im modernen Leistungssport wird die Verführbarkeit des Menschen deutlich, die Grenzen seiner Belastbarkeit zu ignorieren, um kurzen Ruhm zu erlangen.

Vor einigen Jahren schrieb der frühere Trainer und damalige »Alpindirektor« der deutschen Ski-Frauen6 seinen Schützlingen eine Hysterie zu, weil sie nur allzu berechtigte Ängste zeigten: »Das ist hausgemacht, sie steigern sich in etwas rein, was gar nicht existent ist. Das ist der Verletzungswahn. So wie sie zuletzt fuhren, muss man sagen: Die haben die Hosen voll. Dabei haben sie keinen Grund, so defensiv Ski zu fahren … Es gibt keine Verletzungsserie aufzuarbeiten wie 2003 oder 2004, als von acht unserer Starterinnen vier im Krankenhaus lagen. Es gibt nur eine Psycho-Hysterie.«

Der Experte am sicheren Rand der Piste hat den Begriff der Psycho-Hysterie seiner Sportlerinnen erfunden, um eine sozusagen doppelte Hysterie zu brandmarken, eine ganz besonders wenig ernst zu nehmende Willens- und Mutschwäche, welche durch die Androhung einer Rückstufung in Rennen der zweiten Garnitur behoben werden kann. Die Suada des Alpin-Direktors gegen die »Feigheit« seiner Kämpferinnen beweist, wie militaristische Traditionen die Leistung absolut setzen und den Sinn des Sports darüber preisgeben: die Nähe zu Freude, Muße und Spiel.

Das alte olympische Motto7 knüpfte noch an die Maxime an, dass der Weg das Ziel sein sollte. Wichtig sei die Teilnahme und nicht der Sieg. Manche Sportfunktionäre sind heute in ihrem psychologischen Wissen und in ihren geistigen Haltungen zum Stand der preußischen Armee von 1914 zurückgekehrt. Damals gab es keine durch nervöse Überlastung kampfunfähigen Soldaten; es gab nur Feiglinge. Die Opfer der seelischen Traumatisierungen wurden moralisch abqualifiziert. Ausgebrannte, erschöpfte Kämpfer existierten nicht. Soldaten, die an Grabenschock oder Granatenfieber litten, wurden als Simulanten diagnostiziert und durch eine pseudowissenschaftliche Behandlung mit elektrischen Schlägen – einer verleugneten Folter – an die Front zurückgezwungen.

Als der amerikanische General Patton, ein berüchtigter Haudegen, 1942 in Sizilien einen Soldaten ohrfeigte, der wegen eines posttraumatischen Syndroms im Lazarett lag, wandten sich die klüger gewordenen Ärzte an die Presse. Nach einer heftigen Diskussion in den Medien behielten die inzwischen psychoanalytisch aufgeklärten Militärpsychiater recht. Patton musste sich öffentlich entschuldigen.

Aber diese Einsicht in die Grenzen menschlicher Belastbarkeit ist offensichtlich keine stabile Errungenschaft des Fortschritts der Zivilisation. Sie fällt in den letzten Jahrzehnten einer mehr und mehr enthemmten Siegesgeilheit zum Opfer. Sie prägt nicht nur die Trainer und Funktionäre, sondern auch die Berichterstattung in den Medien. Sollte nicht Sport ein Spiel sein, das Freude macht und den Verlierer nicht beschämt? Das wirkt angesichts einer wachsenden nationalistischen und militaristischen Tendenz in der Sportindustrie wie ein Ammenmärchen. Der Traum von Fair Play und gesunder Seele im gesunden Körper ist vergessen, wo Siege zum Triumph und Niederlagen zur Schmach werden.

»Und zurück bleibt die Erinnerung an eines der größten Talente, das der deutsche Fußball je hatte.« So kommentierte die Presse Sebastian Deislers Rückzug vom Profisport – mit 27 Jahren selbst in diesem hektischen Gewerbe sehr früh. Von dem Spieler wurde gesagt, er habe das Rüstzeug zu einem deutschen Zidane, er spiele elegant wie ein Brasilianer, lasse seine Gegner im Dribbling wie Statisten aussehen und könne Bälle auf Flugbahnen befördern wie sonst nur wenige.

Sebastian Deisler hatte ganz offensichtlich sehr viel weniger seelische Schutzmechanismen als andere Profispieler. Ehrgeiz und das militaristische Klima im Kampf der Bundesliga-Gladiatoren wirkten zusammen. Er riskierte viel zu viel, erholte sich nicht richtig und litt zwischen 19 und 26 Jahren an nicht weniger als 15 Verletzungen, die in fünf Operationen (die meisten am rechten Knie) behandelt wurden.

2003 überzeugte der Münchner Neurologe Florian Holzboer Sebastian Deisler, sich als Depressions-Patient zu outen. Holzboer ist ein sehr ehrgeiziger und in der Fachwelt nicht unumstrittener Forscher, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine körperliche Ursache der Depression zu entdecken. Entsprechend ignoriert er in seiner Arbeit tiefenpsychologische oder konfliktorientierte Ansätze. Er arbeitet in der Öffentlichkeit darauf hin, die Depression als ein Leiden darzustellen, das auf einem Stoffwechseldefekt beruht und mit den Gaben der Pharma-Industrie ähnlich erfolgreich behandelt werden kann wie Diabetes durch Insulin.

Kritische Psychiater sehen in solchen Theorien moderne Mythen. In Wahrheit ist die Entstehung einer Depression komplex, psychosoziale Einflüsse spielen eine zentrale Rolle. Der Mythos des Erbleidens, den Holzboer an Deislers »erfolgreicher« Behandlung mit Psychopharmaka demonstrieren wollte, hat neben entlastenden auch sehr problematische Folgen.

Die Betroffenen werden angeleitet, nicht kritisch über sich selbst und ihr bisheriges Leben nachzudenken. Das mag sie von Gefühlen persönlichen Versagens entlasten, zu denen sie in ihrer von Skrupeln, Ängsten und Schuldgefühlen verfinsterten Psyche neigen. Aber es entlastet ihre soziale Umwelt noch weit mehr. Positiv denken, Pille einwerfen, alles ist wieder gut! Das freut den Ehemann der melancholischen Hausfrau ebenso wie den Trainer des verletzungsgeplagten Fußballers. Beide müssen nicht erwägen, wie viel Mitverantwortung sie an den Gefühlen des Scheiterns, der Verzweiflung, der Aussichtslosigkeit tragen.

»Es tut mir sehr leid«, sagte der Nationaltrainer Joachim Löw auf die Frage eines Reporters zu Deislers Rücktritt, »dass ein Fußballer mit solchen herausragenden Qualitäten auf diese Weise seine Karriere beenden muss. Aber er kennt seinen Körper am besten …«

Ein Profisportler darf seinen Körper gar nicht kennen. Trainer sind gnadenlos, wenn sie den Eindruck haben, dass sich jemand »schont«. Natürlich gibt es Ausnahmetalente wie einst Franz Beckenbauer, selbstbewusste Spieler, die sich von niemandem in ihrer körperlichen Risikobereitschaft beeinflussen lassen. Aber eher weiche, selbstunsichere Persönlichkeiten können sich kaum vor solchen (Über-)Forderungen schützen.

Depressiv gefährdete Personen haben wenig Kontakt zu sich selbst. Sie haben schon als Kinder begonnen, eigene Gefühle zu unterdrücken, um anderen zu gefallen. Sie gewöhnen sich daran (und werden oft auch darin sehr anerkannt), sich an Forderungen anzupassen, Fehler bei sich zu suchen und Harmonie zu finden, indem sie alles tun, um andere Menschen nicht zu kränken.

Man kann sich vorstellen, wie wenig ein hochbegabter Spieler mit dieser Persönlichkeitsstruktur seinem Trainer widersprechen kann, der ihn auffordert, Schmerzen zu ignorieren und endlich wieder die Leistung zu bringen, die von ihm verlangt wird. Je mehr ihn die erste Verletzung gekränkt und verunsichert hat, desto heftiger wird er alles daransetzen, den Eindruck auszulöschen, dass er versagt hat.

Wer sich mit der seelischen Komponente von Sportverletzungen auseinandersetzt, findet sehr oft, dass den Betroffenen vorher durchaus bewusst war, dass sie eine Grenze überschritten haben, die sich vielleicht als körperliches Sicherheitsgefühl beschreiben lässt. Ich erinnere mich an einen 40-jährigen Patienten, einen hervorragenden Skifahrer, der an einem schönen Wintertag zunächst sehr stolz war, dass er ebenso schnell wie früher die schwarze Piste bewältigen konnte.

Dann überholte ihn ein junger Mann. Der 40-Jährige fühlte sich herausgefordert, wollte dem anderen zeigen, dass er besser war, ignorierte die warnenden Stimmen in seinem Erleben – und landete mit einem komplizierten Bruch im Krankenhaus. Die verborgene Depression, welche ihn in die Psychotherapie gebracht hatte, wurde durch dieses Ereignis manifest.

Vielen Depressionen geht eine ähnliche Szene von Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung voraus. Diese fällt dem Betroffenen ebenso wenig auf wie seiner sozialen Umwelt; »gesunde« Depressive sind meist besonders angenehme, scheinbar belastbare und begabte Menschen. Dass sie Hilfe brauchen, wird erst deutlich, wenn der Überschwang zusammenbricht.

Kreuzbandriss, Meniskusriss, Innenbanddehnung, Muskelriss, Innenbanddehnung und Meniskusschaden, Leistenprobleme, Luxation und Kapselriss im rechten Knie … das sind nur einige der Verletzungen, die Deisler zwischen 1998 und 2001 verkraften musste. Trainer und Manager behaupteten später, sie hätten ihm zugeredet, sich vollständig auszukurieren und erst dann wieder zu spielen. Deisler hat seine Geschichte inzwischen zusammen mit einem Journalisten erzählt.8

Altes spielerisch loslassen – Riten des Übergangs

Den Weg zum Ziel machen bedeutet, auch unerwünschte Rollen anzunehmen. Wenn beispielsweise von Ärzten generell gesagt wird, dass sie anderen raten, sich mit Fieber ins Bett zu legen und gründlich auszukurieren, selbst aber Aspirin einwerfen und weiterarbeiten, signalisiert das eine Verwendung der Helferrolle, um die Patientenrolle abzuwehren. Ein hoch kränkbares Selbstgefühl duldet keine Schwäche. Es kann nicht zwischen einem vorübergehenden und einem endgültigen Verlust unterscheiden. Da sich ein Weg in die Gesundheit oft nur dann öffnet, wenn eine Krankheit ernst genommen wird, bestätigt sich diese Angst durch ihre eigenen Folgen, wie im Beispiel des Sportlers, der sich – noch nicht ganz kuriert – schon wieder anstrengt.

In menschlichen Sozialisationen gab und gibt es Riten des Übergangs. In primitiven Kulturen spiegeln sie in oft drastischer Symbolik, wie Beschneidung, (Narben-)Tätowierung, Isolation und ritueller Tod, dass jetzt neue Rollen, neue Aufgaben an die Stelle der alten treten.

In der Moderne gibt es diese Rituale in abgemilderter Form weiter: Gesten wie sich zu betrinken, verbotene Drogen zu nehmen, Graffiti an Wände zu sprühen, signalisieren auch: Ich bin kein Kind mehr. Sozial verträglicher sind Konfirmation, Abiturfeier, Abiturreise.

Um Platz für das Neue zu schaffen, muss das Alte verschwinden. Sobald das zu radikal geschieht, geht Unersetzliches verloren. Die Gefährdung durch Depressionen wächst. Ein Ernst, der auf dem Spiel aufbaut und dieses integriert, kann notfalls zu diesem zurückfinden. Was fast noch wichtiger ist: Er wird Kinder und das, was sie in ihm auslösen können, nicht bekämpfen und seinen Ernst gegen das kindliche Spiel setzen müssen.

Es ist kein Zufall, dass die wichtigsten Übergangsrituale helfen sollen, die Schwelle zwischen Kind und Erwachsenem zu überschreiten. Das geschieht nur körperlich und sozial definitiv, wird in unserem Erleben aber häufig nicht nachvollzogen. Innerlich erhält sich das zaghafte Kind.

Viele Erwachsene berichten in einer Therapie, dass sie akademischen Titel und herausgehobene berufliche Position als etwas Äußerliches erleben, das ihnen gar nicht wirklich gehört. »Morgens im Bett fühle ich mich wie ein verzagtes Kind, das nichts kann und nichts weiß und jederzeit als Hochstapler verhaftet werden kann. Dann dusche ich und ziehe mich an, und dann bin ich wieder der Professor und Abteilungsleiter.«

Die Flüchtigkeit der Einsicht und die Forderung, sie immer wieder neu zu gewinnen, hängt mit dieser Instabilität unserer seelischen Strukturen zusammen. Der Mensch ist zwar in seinem Körperbau ein Wirbeltier, dem Knochen und Bänder eine feste Struktur geben. Seelisch aber gleicht er den Insekten, deren Körper innen weich ist und von einer äußeren Schale gleichzeitig getragen und gegen die Umwelt geschützt wird.9 Wir sind psychisch darauf angewiesen, von außen gefestigt zu werden. Ohne symbolische oder im zwischenmenschlichen Kontakt wurzelnde Bestätigung verlieren wir unseren inneren Halt.

Gleichzeitig aber gefährdet uns diese starre Schale. Sie beeinträchtigt Spontaneität, Empathie und Begeisterung. Ausgedehnte Erfahrungen mit diesem Dilemma haben die großen religiösen Organisationen. Indem sie Glauben verwalten und in hierarchische Strukturen fassen, schwächen sie auch die persönliche Spiritualität, die sich in der Nähe zu einer heiligen Gestalt entfaltet. Sie entfernen sich von den Menschen. Dostojewski hat dieses Dilemma beschrieben in der Novelle über den Großinquisitor, der Jesus begegnet und ihn belehrt, er habe das Evangelium für den ...

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