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Die geheimen Tagebücher

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1. KAPITEL

„Grace? Ich bin’s – Jeffrey.“

Grace DeWilde presste den Hörer dichter ans Ohr, senkte den Kopf und schloss die Augen. Es machte sie unsagbar traurig, dass Jeffrey es nach zweiunddreißigjähriger Ehe für nötig hielt, sich mit seinem Namen zu melden. Selbst im tiefsten Koma hätte sie seine Stimme erkannt …

Sie streifte sich die Schuhe mit den Füßen ab und zog sich ihr übergroßes T-Shirt über die Knie. Es war halb sieben in San Francisco. Sie war noch nicht wach genug, um sich ausrechnen zu können, wie spät es in London gerade war.

„Ist bei dir drüben Nachmittag?“, fragte sie und kniff die Augen gegen die hereinfallende Morgensonne halb zusammen. Normalerweise erwachte sie voller Elan, aber in der letzten Zeit hätte sie sich am liebsten immer wieder auf die Seite gerollt und weitergeschlafen.

„Bist du wach genug, um reden zu können?“, fragte Jeffrey nach. „Du klingst so, als wärst du noch im Halbschlaf“, fügte er hinzu und gab sich keine Mühe, seine Überraschung zu verbergen.

Wie gut wir einander kennen, dachte Grace, rieb sich die Stirn und wünschte, sie hätte eine Tasse Kaffee. Aber die schrecklichen Ereignisse des vergangenen Jahres hatten eindeutig klargemacht, dass sie einander immer noch überraschen konnten.

Abrupt setzte sie sich aufrecht hin und riss die Augen weit auf. „Jeffrey! Ist einem der Kinder etwas geschehen? Rufst du deswegen an?“ Ihr Gehirn raste. „Ich sprach gestern Abend mit Kate, sie kann es also nicht sein … Ist es einer der Zwillinge? Megan? Gabriel? Hat seine Frau Schwierigkeiten mit der Schwangerschaft?“

„Es geht allen gut“, versicherte er ihr. „Ich rufe an, um über uns zu sprechen.“

Erleichtert sanken ihre Schultern herab, aber der Druck auf ihrer Brust blieb. „Es gibt kein uns. Nicht mehr.“

„Dann betreibst du die Scheidung also weiter?“

Grace antwortete nicht sogleich. Wie hielten die Menschen es nur aus? Es war so verdammt hart. Den einen Augenblick erinnerte sie sich daran, wie wundervoll es war, in den Armen ihres Mannes aufzuwachen, und im nächsten sprachen sie über ihre Scheidung. Sie holte tief Luft. „Wir können so nicht weitermachen. Es ist fast ein Jahr her, dass wir uns zuletzt gesehen haben.“ Ihr kam es wie ein ganzes Leben vor. „Nichts ist besser geworden. Wir streiten uns per Rechtsanwalt, und jedes Mal, wenn wir telefonieren, gibt es wieder Krach.“

„Nicht jedes Mal“, sagte er ruhig. Er hörte sich müde an.

Ihr erster Impuls war, ihn zu fragen, ob er auch genügend esse und seine Vitamintabletten genommen hätte. Sie wollte sich erkundigen, ob er genügend schlief. Stattdessen biss sie sich auf die Lippe und wartete, während sie sich fragte, wann diese Gesprächspausen begonnen hatten. Schon bevor sie ihn verlassen und sich nach San Francisco geflüchtet hatte, so weit wie möglich von London fort? Oder hatte es sie bereits gegeben, bevor sie von seiner Affäre mit einer anderen erfahren hatte – einer Frau, die jung genug war, seine eigene Tochter zu sein?

Der Schmerz über seinen Betrug blühte in ihrer Brust auf wie die Blüte einer bösartigen Blume. Jedes Mal, wenn sie an seine Affäre dachte, erwachte wieder frischer Zorn. Wie hatte er ihr dies nur antun können? Ihnen antun können?

„Grace?“

„Ich bin immer noch hier“, fauchte sie.

Sie atmete tief durch, setzte ihre Selbstbeherrschung ein, für die sie berühmt war, und kämpfte ihre negativen Emotionen nieder. Ihrer Kinder wegen musste sie entschlossen sein, Verbitterung und gegenseitige Beschuldigungen aus dieser Trennung herauszulassen.

„Wir leben auf verschiedenen Kontinenten. Wir bauen uns ein Leben auf, das den anderen nicht einschließt“, erinnerte sie ihn in ruhigem Ton. „Die Scheidung erscheint als der nächste logische Schritt.“

Grace bedeckte ihre Augen mit der Hand und hielt den Atem an. Er braucht nur zu sagen: Ich will keine Scheidung. Ich liebe dich und möchte, dass du wieder dorthin zurückkehrst, wo du hingehörst. Bitte, vergib mir.

Wenn er sich dazu durchringen konnte, würde sie irgendeinen Weg finden, ihm zu verzeihen. Sie würden wieder von vorn anfangen können.

„Wenn du entschlossen bist, damit weiterzumachen, müssen wir über ein paar praktische Fragen reden.“

Langsam ließ sie die angehaltene Luft entweichen. Ihre Hoffnung schwand und wurde durch Ärger ersetzt. Sie schlug mit der Faust aufs Bett. „Diese Fragen regeln unsere Rechtsanwälte.“ Nun loderte ihr Zorn auf. War es denn zu viel von ihm verlangt, dass er sich entschuldigte? Oder war es ihm tatsächlich egal, ob ihre Ehe nach so erfolgreichen drei Jahrzehnten einfach zerbrach?

„Was willst du eigentlich, Jeffrey?“

„Ich möchte die strittigen Punkte lieber persönlich zwischen uns klären, anstatt das Risiko einzugehen, dass sich unsere Rechtsanwälte auf einen erbitterten Papierkrieg einlassen.“

„Welche strittigen Punkte?“, erkundigte sich Grace misstrauisch. Sicher würde er gleich ihre neue Firma ansprechen – Grace. „Ich dachte, wir hätten uns über darüber geeinigt, dass diese Klausel über den Ausschluss eines Konkurrenzunternehmens Unsinn sei. Ich werde mich auf nichts dergleichen einlassen, Jeffrey.“ Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn. „Ich habe das Recht, meine Erfahrung zu nutzen, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“

„Du bist eine reiche Frau. Du hast es kaum nötig, dir deinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, wie du es so charmant formulierst.“ Die Amüsiertheit in seiner Stimme fachte ihren Ärger nur noch mehr an.

„Ich habe keine Lust, eine dieser Frauen zu werden, die nur noch dahinvegetieren oder von einem Lunch zum anderen laufen. Ich bin erst etwas über fünfzig, das ist heutzutage noch jung. Grace aufzubauen, hat mir Spaß gemacht, füllt mich aus. Das Geschäft läuft großartig, Jeffrey. Ich gebe es nicht wieder auf!“

„Ich verlange von dir nicht, dass du überhaupt etwas aufgibst“, sagte er scharf.

„Wirklich nicht? Und warum hast du mir dann über deine Rechtsanwälte einen Stein nach dem anderen in den Weg gelegt, bevor ich Grace eröffnen konnte?“

Er seufzte offenbar verzweifelt. „Ich dachte, die Antwort wäre einfach genug. Es bestand die Besorgnis, dass du aus dem Namen DeWilde Kapital schlagen könntest.“

„Ich bin eine DeWilde! Es ist auch mein Name!“ Sie begann zu zittern, weil sie ihr Bedürfnis unterdrücken musste, loszuschreien. Wie er sehr gut wusste, war sie wesentlich länger Grace DeWilde als Grace Powell gewesen. Und noch mehr, ihre Ideen und ihr Einsatz hatten das DeWilde-Imperium zu dem Multimillionenkonzern gemacht, der er heute war.

„Es hat keinen Sinn, dass wir uns deswegen wieder in die Haare kriegen“, bemerkte Jeffrey kühl. „Du hast gewonnen. Wir haben die Angelegenheit erledigt, oder?“

„Wenn dem so ist, warum tischt du dann dieses Thema jedes Mal wieder auf, wenn wir miteinander telefonieren? Jeffrey, Grace nimmt DeWilde’s doch keinen Marktanteil weg!“ Sie zwang sich zu einem ruhigeren Ton. „Du hast recht. Es hat keinen Sinn, weiter darüber zu diskutieren … Über was möchtest du mit mir reden?“

„Mein Rechtsanwalt sagt, du willst Kemberly haben.“

Grace verzog das Gesicht und seufzte. Eine jahrzehntelange Ehe und geschäftliche Partnerschaft aufzulösen, war extrem kompliziert, es gab Hunderte von Dingen zu berücksichtigen. Aber sie war sicher, sie hatte mit ihrem Rechtsanwalt über Kemberly gesprochen. Sie erinnerte sich noch gut an den bitteren Geschmack im Mund, als sie zustimmte, ihr Heim aufzugeben.

„Da hat es wohl ein Missverständnis gegeben“, sagte sie schließlich. „Wenn ich Kemberly behalte, wäre es fast das ganze Jahr hindurch unbewohnt. Deswegen möchte ich, dass du es behältst, Jeffrey, damit die Kinder jederzeit nach Haus kommen können.“

Jeffrey hatte im Rosengarten um ihre Hand angehalten. Ihre Kinder waren in Kemberly aufgewachsen. Sie und Jeffrey hatten dort miteinander gestritten, sich geliebt, gelebt.

„Ich bin froh, dass es deswegen kein Problem gibt. Wenn es irgendetwas auf Kemberly gibt, das du haben möchtest …“

Sie nickte, vergaß, dass er sie nicht sehen konnte. „Ich komme und hole meine persönlichen Sachen, ehe ich nach Nevada fliege.“

Er räusperte sich, um eine weitere unangenehme Pause zu überbrücken. Plötzlich war es ihr unglaublich wichtig zu wissen, wo er sich gerade befand, damit sie ihn sich vorstellen konnte. „Bist du in deinem Büro?“, fragte sie.

„Ich bin in meinem Arbeitszimmer zu Haus.“

Sie sah ihn vor sich, wie er hinter dem alten Schreibtisch seines Vaters saß, die Arme auf der Lederunterlage aufgestützt. Egal, welche Jahreszeit es war, er trug eigentlich immer Jackett und Krawatte. Sie hoffte, er hatte gegen die feuchte Kühle des Februars eine Weste an.

„Und wo bist du?“, fragte er nach einer Minute.

„Ich bin immer noch im Bett …!“

„Sitzt ohne Zweifel mit gekreuzten Beinen da und trägst eines dieser übergroßen T-Shirts.“ Amüsiertheit klang durch, und noch etwas anderes. Bedauern? Wehmut?

„So ähnlich …“, antwortete sie, als sie ihre Stimme wieder in der Gewalt hatte.

„Wo wirst du in Nevada wohnen?“

Grace umklammerte die Telefonschnur. „Erinnerst du dich noch an Marsha Ingram?“

„Ians Schwester. Natürlich erinnere ich mich.“ Er klang verärgert, dass er die Schwester seines engsten Freundes vergessen haben könnte.

„Marshas Mann ist Nevadas bekanntester Landschaftsarchitekt. Marsha und er werden bis Ende des Sommers in Europa sein. Sie haben mir angeboten, ihr Haus am Stadtrand von Las Vegas zu benutzen. Ich muss sechs Wochen lang ununterbrochen in Nevada leben, um die Voraussetzungen für eine Scheidung zu erbringen.“

„Las Vegas?“

Sie lachte über seine offensichtliche Schockiertheit. „Ich weiß. Eigentlich hatte ich vor, die Frist in Reno am Lake Tahoe abzuwarten, es wäre für mich besser zu erreichen gewesen. Aber ich darf Nevada während dieser Zeit nicht verlassen, nicht für einen Tag, nicht einmal für eine Stunde.“

„Du meine Güte, Grace, ich versuche mir dich in Las Vegas vorzustellen, aber ich kann es nicht.“

Es war ein verstecktes Kompliment, aber es bestätigte nur noch, dass Jeffrey die Details ihrer Scheidung mehr oder weniger seinen Rechtsanwälten überlassen würde. Sicherlich hatten sie ihm gesagt, dass die Scheidung in Las Vegas, Nevada, geschehen würde. Es traf sie, dass er sich nicht daran erinnert hatte.

„Was gibt es sonst noch?“, fragte sie und warf einen Blick auf die Uhr. Heute würde sie zu spät ins Büro kommen.

„Wenn du Monica informierst, sobald du in London bist, dann könnten wir vielleicht zusammen zu Abend essen …“

Seine Sekretärin informieren? Nein, sie würde nicht um ein Abendessen mit ihrem eigenen Mann bitten! Stolz und Enttäuschung machten sich in ihr breit. „Angesichts der Umstände wäre das wohl keine gute Idee.“

„Du hast sicher recht“, stimmte er ihr nach längerem Schweigen zu.

„Nun, dann …“

Sie wartete darauf, dass er sich verabschiedete, weil sie selbst es nicht sagen konnte. Aber stattdessen sagte er nach einer weiteren Pause: „Es regnet hier. Die Tulpen auf Kemberly sind schon aus der Erde gekommen. Natürlich blühen sie noch nicht. Aber sie werden dies Jahr früh kommen.“

Grace sah die Frühlingsbeete vor sich. In einigen Wochen würden Massen von Tulpen und Narzissen in prächtigem Rot und Gelb erblühen. „Vergiss nicht, deine Mutter anzurufen. Sie wird nächste Woche einundachtzig.“

„Die DeMarises haben nach dir gefragt. Sie geben Ende März ihren jährlichen Ball in Cannes. Ich habe ihnen deine neue Adresse genannt.“

„Ich werde absagen müssen. Zu der Zeit bin ich in Nevada.“

Die Erwähnung Nevadas ließ das Gespräch abbrechen.

„Also …“, sagte sie beide unisono. Grace lachte, ihre Stimme wurde weicher. „Ich muss jetzt wirklich unter die Dusche springen und mich für die Arbeit fertig machen.“

„Goodbye, Gracie. Danke, dass du wegen Kemberly so vernünftig und verständnisvoll bist.“

Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, schwang Grace die Beine aus dem Bett und biss sich auf die Lippe. Das Gespräch mit Jeffrey gab ihr das Gefühl, völlig ausgelaugt zu sein. Während der letzten zwanzig Minuten hatte sie ein ganzes Kaleidoskop an Gefühlen durchlitten: Traurigkeit, Bedauern, Zorn, Amüsiertheit, Groll und bittersüße Erinnerungen.

Sie würden sich scheiden lassen. Zum ersten Mal glaubte sie daran, dass es wirklich geschehen würde.

Plötzlich drehte sich ihr der Magen um. Sekunden, ehe die Übelkeit sie auf die Knie zwang, erreichte sie das Badezimmer.

Grace lag im Herzen von San Franciscos Geschäftszentrum. Die sandgestrahlten alten Gebäude mit ihren kunstvollen Bogenfenstern schimmerten honigfarben, versprachen Eleganz und erinnerten an Europa.

Grace stieg aus, nachdem ihr der Fahrer die Tür geöffnet hatte, und betrat das Geschäft, in dem reges Leben herrschte. Alle Anprobezimmer waren besetzt, wie sie zufrieden feststellte, als sie auf den Fahrstuhl zuging. Zwei angehende Bräute posierten in Brautkleidern vor den hohen venezianischen Spiegeln, während ihre Mütter in den Tiefen der weichgepolsterten Sofas versunken waren und an ihrem Espresso nippten. Im Hintergrund ertönten die sanften Klänge eines Mozartkonzertes.

Bevor Grace den Fahrstuhl betrat, der sie gleich in den zweiten Stock hinaufbringen würde, fiel ihr auf, dass in allen Boutiquen Kundinnen saßen oder standen, nur das kleine Reisebüro war gähnend leer. Das Reisebüro ist ein Fehler, dachte sie. Hochzeitsreisen werden normalerweise vom Bräutigam geplant.

In ihrem Büro wandte sie sich sofort an Rita Mulholland, ihre persönliche Assistentin und zudem ein Geschenk des Himmels. „Sagen Sie doch bitte Miss Wares vom Reisebüro, dass ich sie sprechen möchte.“

Rita Shannon Mulholland folgte Grace in ihr sonniges Zimmer. Sie schenkte Grace eine Tasse Kaffee ein, während Grace ihre Kostümjacke auszog, sich hinter ihren Schreibtisch setzte und die allmorgendliche Suche nach der Lesebrille begann.

„In der mittleren Schublade“, sagte Rita mit einem Lächeln.

„Das Reisebüro hat keinen Sinn“, bemerkte Grace und setzte sich die Brille auf die schmale, gerade Nase. „Sollen wir die Schleierboutique vergrößern? Oder uns etwas ganz anderes für den freiwerdenden Raum ausdenken?“

„Die Brautschleier laufen ausgesprochen gut“, meinte Rita und ließ sich auf der Schreibtischkante nieder. „Aber ich würde gern einmal ein paar topmodische, unkonventionelle Brautkleider wagen. Wir haben eine Designerin an der Hand, die Brautkleider aus weißen T-Shirts und schwarzen Satinhosen kreiert. Was halten Sie davon?“

Grace lachte und verdrehte die Augen. „Ein T-Shirt als Top? Toll! Versuchen Sie ein Treffen mit ihr in der Zeit zwischen meiner Rückkehr aus London und meiner Abreise nach Nevada zu arrangieren. Ich würde gern mit ihr reden.“ Sie blickte auf. „Das erinnert mich daran, dass ich ein Hotelzimmer in London benötige.“

Rita machte sich eine Notiz. „Ich kümmere mich darum. Claridge’s?

Grace überlegte. „Nein“, sagte sie schließlich. „Buchen Sie irgendeines, in dem ich nicht gleich einem Bekannten in die Arme laufe.“ Sie hatte nicht vor, Freunde oder Bekannte zu informieren, dass sie kommen würde. Ihr Leben in England abzuschließen, war etwas, was sie allein erledigen wollte. „Und was steht heute auf der Agenda?“

Rita legte den Kopf zurück und musterte sie. „Grace … ist alles in Ordnung?“

„Warum fragen Sie?“

„Sie sehen ein wenig blass aus. Und dies ist das erste Mal, seit ich Sie kenne, dass Sie später kommen.“

Grace lächelte schief. „Wie um alles in der Welt soll ich sechs Wochen von hier fortbleiben, wenn ich schon Schuldgefühle bekomme, wenn ich eine halbe Stunde zu spät komme?“ Aber sie wusste, Rita Mulholland kannte das Geschäft so gut wie sie selbst, sie war seit der Eröffnung dabei.

Ritas Augen zeigten Verständnis und Bedauern. „Dann haben Sie sich also entschlossen, sich wirklich scheiden zu lassen?“

„Sie sind heute schon der zweite Mensch, der mir diese Frage stellt“, erwiderte Grace ruhig und rückte ihre Brille zurecht. „Ja, es ist definitiv. Sie müssen mir meinen Terminkalender für die sechs Wochen in Nevada freihalten. Anschließend fliege ich noch für eine Woche zu Ryders Hochzeit nach Australien.“ Ryder Blake leitete die Filiale in Sydney und war ein enger Freund der Familie.

„Es tut mir so leid. Ich hatte gehofft, es würde doch noch alles wieder gut werden zwischen Ihnen und Jeffrey …“

Grace straffte die Schultern und zwang sich zu einem Lächeln. „Wenn wir es nicht geschafft haben, unsere Differenzen in einem Jahr auszuräumen, bezweifle ich, dass es uns noch in den nächsten Tagen oder Wochen gelingt. Machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen, Rita. Es ist alles zum Besten so. Aber nun … was liegt heute an?“

Rita warf einen Blick auf ihren Block. „Sie haben in einer halben Stunde ein Gespräch mit Sandra Callas vom Chronicle. Beim Lunch halten Sie eine Rede vor den Women in Business. Ihre Rede befindet sich in dem grünen Aktenordner. Um zwei Uhr haben Sie eine Sitzung mit den Abteilungsleitern. Ihr Rechtsanwalt ruft Sie um drei Uhr an.“ Sie legte einen Stapel rosafarbener Anrufmemos auf den Tisch. „Das meiste hiervon kann warten. Ihre Tochter Kate hat angerufen. Auch Ihre Masseurin. Und Alex Stowe.“ Rita machte eine Pause und hob leicht eine Augenbraue.

Grace lachte. „Alex ist der Nachbar meiner Nichte.“

„Mit dem Sie bereits einige Male ausgegangen sind.“

„Wir waren zusammen essen und im Theater, und es war ein sehr schöner Abend, aber Alex ist nur ein guter Freund.“

Rita grinste. „Oh, wirklich?“

„Ja, wirklich. Himmel, Rita, ich habe weder die Zeit noch die Absicht, mich jetzt auf Männer einzulassen!“

Als Rita den Raum verlassen hatte, starrte Grace ins Leere. An so etwas hatte sie lange nicht gedacht. Das letzte Mal, dass sie mit einem Mann ein Rendezvous hatte, war, als sie … zwanzig gewesen war? Und Jeffrey war damals vierundzwanzig. Lyndon B. Johnson war Präsident der USA gewesen, Winston Churchill hatte noch ein Jahr zu leben, und der Krieg in Vietnam hatte sich verschärft. Die Beatles sangen I Want To Hold Your Hand, und My Fair Lady gewann den Academy Award als bester Film des Jahres.

Ihr letztes Rendezvous hatte vor einem halben Leben in einer anderen Welt stattgefunden.

Sie begann ein völlig neues Leben mit zweiundfünfzig Jahren. Diese Erkenntnis traf sie wie ein Schlag vor die Brust.

Und sie, die vor nichts Angst hatte, fürchtete sich plötzlich zu Tode.

2. KAPITEL

Der Flug nach England schien sich endlos hinzuziehen. Grace war froh, dass niemand neben ihr saß, so konnte sie sich mit ihrem Aktenkoffer und ihren Papieren ausbreiten. Durchs Arbeiten hoffte sie sich von den Gedanken abzulenken, was an Erinnerungen in Kemberly auf sie einstürzen würde.

„Mrs. DeWilde? Möchten Sie vielleicht noch einen Kaffee?“

„Nein, danke.“ Nun, da der Bordfilm gleich zu Ende sein würde, hoffte Grace, noch den Rest der Nacht zwischen Kanada und dem Nordpol schlafen zu können.

Die Stewardess bot ihr ein Kissen und eine leichte Decke an. „Ich habe viele Artikel über Sie gelesen, Mrs. DeWilde. Ich freue mich, Ihnen einmal persönlich sagen zu können, wie sehr ich das bewundere, was Sie erreicht haben.“

„Danke.“

Früher hatte sie es als angenehme Überraschung empfunden, dass man sie erkannte, aber nun verspürte sie eine ungewohnte Beunruhigung.

In der Vergangenheit hatten sie immer der Name DeWilde, das Vermögen der Familie und die DeWilde Corporation beschützt, wenn sie einmal einen Fehler beging. In Zukunft würde sie ohne Netz zurechtkommen müssen. Und die Leute würden sie beobachten.

Der Artikel im San Francisco Chronicle hatte sich als ausgesprochen positiv erwiesen. Ihr Geschäft wurde in den höchsten Tönen gelobt, sie selbst ebenfalls. Aber sie war Realistin. Grace wusste, für die Journalisten war sie noch interessant, weil ihre Trennung von Jeffrey und das Ausscheiden aus dem Konzern negative Auswirkungen auf den Aktienkurs gehabt hatten. Gerüchte über ihre bevorstehende Scheidung hatten sich herumgesprochen, und immer wieder hatten Journalisten angerufen, um es sich bestätigen zu lassen.

Unruhig spielte sie mit der Decke und fragte sich, ob sie wohl schlafen konnte. Es gab so viele Dinge zu bedenken.

Aber dann sagte sie sich, eigentlich brauchte sie sich keine Sorgen um ihr Geschäft zu machen. Rita Mulholland war ein Musterbeispiel an Tüchtigkeit, und es würde alles so laufen, als wenn sie selbst dort wäre. Und sie und Rita würden jeden Tag miteinander telefonieren.

Dennoch, Grace war ihr Kind – es ging um ihre Idee, ihr Geld und ihren Ruf. Sie wusste, es war nicht gut, eine neugegründete Firma innerhalb des ersten kritischen Jahres allein zu lassen, und es machte ihr auch Sorgen.

Andererseits musste sie mit ihrem Leben weitermachen. Sie hatte die Firmeneröffnung als Ausrede benutzt, eine endgültige Entscheidung noch aufzuschieben. Es wäre einfach, sich weitere Ausreden auszudenken und die Scheidung immer weiter hinauszuschieben.

Sie hatte diese Option überlegt und verworfen.

Grace legte den Kopf zurück und schaute aus dem Fenster. Aber sie konnte nur Wolken und den Ozean darunter sehen. Es gab nichts, das sie von ihren Gedanken ablenken konnte.

Sie lächelte traurig. Über dreißig Jahre lang hatte sie Jeffrey damit aufgezogen, immer und für alles einen Plan zu haben. Und nun saß sie hier, halb in Panik, weil sie keinen Plan für die unbekannte Zukunft hatte.

Aber zuerst einmal musste sie die Vergangenheit abschließen. Deswegen unternahm sie diese unangenehme Reise. Darüber jedoch wollte sie auch nicht nachdenken. Sie würde sich der Situation noch früh genug gegenübersehen.

Kalter Regen prasselte auf das Wagendach, als Grace vom Flughafen Heathrow abfuhr.

Sie lehnte sich zurück und sah hinaus auf die Landschaft. Trotz der tiefhängenden Wolken und der grauen Feuchtigkeit um sie herum empfand ihr Herz schmerzlich, dass sie nach Haus kam, während ihr Verstand sie daran erinnerte, dass es nicht mehr so war.

Es würde lange dauern, ehe sie aufhören würde, England als ihre Heimat zu betrachten. Dazu hatte sie hier zu lange gelebt.

Als der Fahrer bald darauf vor Marlow’s hielt, einem kleinen Hotel, hatte sie das Gefühl, etwas wäre nicht richtig. Die Wohnung in Chelsea war nur einige Minuten weit entfernt, voller vertrauter, geliebter Dinge und dem Duft und den Geräuschen des eigenen Heims. Eine halbe Stunde Fahrt in die entgegengesetzte Richtung würde sie zum Firmensitz bringen, wo sie sich glücklich und zufrieden jeden Tag einem Dutzend willkommener Herausforderungen gegenübergesehen hatte.

„Mrs. DeWilde?“

Grace fuhr zusammen, als ihr bewusst wurde, dass der Portier in den Wagen lugte und ihren Namen bereits zweimal gesagt hatte. Sie stieg aus, in die feuchte, kalte Luft.

Der Portier spannte einen Schirm auf und begleitete sie zur Eingangstür und hielt sie ihr auf.

„Danke.“

Die Lobby war klein, luxuriös und freundlich. Im Kamin prasselte ein wärmendes Feuer. Rita hat eine gute Wahl getroffen, dachte Grace, als sie an die Rezeption trat, um die Formulare auszufüllen.

Nachdem der Page ihr Gepäck aufs Zimmer gebracht hatte, zog sie ihre Kostümjacke aus und schaute sich um. Viktorianische Tapeten und schöne alte Möbel wirkten anheimelnder als amerikanische Hotelzimmer, aber ein Heim konnten sie nicht ersetzen. Dies war nicht ihre Wohnung in Chelsea.

„Diese Reise wird schlimmer werden, als ich dachte“, flüsterte sie und warf einen Blick aufs Telefon.

Aber bevor sie ihren Sohn anrief, brauchte sie etwas zu essen. Und nachdem der Zimmerservice ihren Appetit gestillt hatte, beschloss sie, noch ein heißes Bad zur Entspannung zu nehmen.

Schließlich fielen ihr keine Ausreden mehr ein. Sie setzte sich auf den Bettrand und wählte Gabriels Nummer in der Firma.

„Gabriel DeWilde“, meldete er sich.

„Gabe? Hier ist Grace.“ Sie hatten ausgemacht, dass er sie in der Firma bei ihrem Vornamen nannte, wenn es um geschäftliche Dinge ging, sonst Mutter. Da sie seinen Vater verlassen hatte, nannte er sie fast durchgängig Grace.

„Wie war dein Flug?“ Es klang zurückhaltend.

„Ereignislos – wie ich einen Flug mag. Wie geht es dir? Und Lianne?“ Das Baby würde erst in einigen Monaten kommen, aber jedes Mal versetzte der Gedanke daran ihr einen Stich. Sie hätte sich niemals vorstellen können, dass sie einmal eine Großmutter werden würde, die weit entfernt von ihrem Enkelkind lebte. Sie hatte sich immer als eine Großmutter gesehen, die für ihre Kinder und Enkelkinder dasein konnte.

„Lianne geht es gut“, erwiderte Gabriel ruhig. „Und dir?“

„Mir geht es fein.“

Ein unangenehmes Schweigen folgte, und traurigerweise schienen sie sich nichts mehr zu sagen zu haben. Grace senkte den Hörer und legte die Hand an die Stirn. Gabriel war verletzt und zornig, dass sie seinen Vater verlassen und sich auf die andere Seite der Welt geflüchtet hatte. Und sie war verletzt, weil er und Lianne durchgebrannt waren und geheiratet hatten, ohne ihre Familien an ihrer Hochzeit teilhaben zu lassen.

Keins ihrer Kinder wusste den Grund, warum sie Jeffrey verlassen hatte, und sie wollte es auch nicht. Kate und Megan versuchten, neutral zu bleiben, aber Gabe machte sie für alles verantwortlich.

„Ich rufe an, um sicher zu sein, dass wir heute Abend zusammen essen“, sagte sie und versuchte einen fröhlichen Ton anzuschlagen. „Ich freue mich so darauf, euch beide zu sehen.“

„Hast du die Nachricht nicht erhalten?“ Sie hörte Gabe unterdrückt fluchen. „Leider geht es heute Abend nicht. Nick Santos ist in London, und heute ist der einzige Abend, wo Dad und ich ihn treffen können.“ Als Grace nichts sagte, versuchte er das Schweigen durch längst bekannte Dinge zu füllen. „Du weißt, dass ein paar der gestohlenen Juwelen aufgetaucht sind.“

Natürlich wusste sie es.

„Nick hat versucht, die Spur der Stücke zurückzuverfolgen.“

Auch das war längst bekannt. „Hatte Mr. Santos irgendwelchen Erfolg?“

„Darum geht es heute Abend. Wir hoffen, dass er etwas zu berichten hat. Obwohl … ich bezweifle es.“

Es wurde als Familiengeheimnis gehütet, dass Stücke aus der privaten Schmucksammlung der DeWildes auf mysteriöse Weise verschwunden waren. Niemand außer den DeWildes wusste, dass Stücke gestohlen und durch exzellente Kopien ersetzt worden waren. Jeffrey aber war fast wie besessen davon, das Geheimnis zu lüften und die Stücke wieder zurückzubringen. Seinetwegen hoffte Grace, dass das Geheimnis bald aufgeklärt wurde.

„Mr. Santos ist ein interessanter Mann“, bemerkte sie und dachte dabei an die Funken, die zwischen dem Privatdetektiv und ihrer Tochter Kate übergesprungen waren, als Santos in San Francisco auftauchte, um Grace Fragen zu stellen. „Gibt es einen Abend, der dir und Lianne besser passt?“, fragte sie. „Vielleicht könntet ihr beide nach Kemberly kommen, und wir essen dort zusammen. Ich werde eine ganze Woche dort sein …“

Gabe antwortete nicht sofort, und sie konnte förmlich sehen, wie er nach Ausreden suchte. „Also, im Augenblick ist es schwierig für uns … es stehen so viele Dinge an.“

„Ich verstehe“, sagte Grace sanft und zupfte an ihrem Bademantel.

„Nun …“, sagte er, und sie stellte sich vor, wie er auf seine Armbanduhr schaute.

„Wie geht es deinem Vater?“

„Lass mich aus dem Spiel, Grace.“

„Du hast dich selbst hineingebracht.“ Seine Stimme hatte verärgert geklungen, und das löste nun ihren eigenen Ärger aus. „Du hast schon vor langer Zeit eine Seite gewählt.“

„Was hast du denn erwartet? Als du so einfach gegangen bist, hast du nicht nur Dad verlassen. Du hast ein Dutzend unerledigter Angelegenheiten zurückgelassen, bei mindestens sechs Sachen musste ich Feuerwehr spielen. Du hast niemandem auf Wiedersehen gesagt. Und einen Grund für all das hast du uns nie genannt!“

„Ich gebe zu, ich bin schlecht mit der Sache umgegangen. Ich versuchte dich anzurufen, bevor ich abflog, aber …“

„Hör zu, das haben wir alles schon beredet. Wirklich, ich muss jetzt los. Ich bin für die Marketingsitzung schon spät dran. Du erinnerst dich doch an Marketing? Die Abteilung, die von dir abhing?“

Seine Bitterkeit schockierte und verletzte sie. „Gabriel, bitte. Wir müssen miteinander reden.“

Ein langes Schweigen, ehe sie die Andeutung eines Seufzers hörte. „Du wirst immer meine Mutter bleiben, und ich versuche das zu respektieren. Ich will nicht mit dir Kämpfe austragen, und ob du es glaubst oder nicht, ich ziehe es vor, offen zu bleiben. Aber du machst es mir schwer. Du hast Dad verlassen und auch die Firma. Du hast ein neues Leben in den USA begonnen und betreibst eine Scheidung. Ich dachte, ich würde dich kennen, aber dem ist leider nicht so.“

„Und du wirst mich auch nicht kennen können, wenn du nicht mit mir redest oder mir keine Chance gibst.“

„Das möchte ich“, sagte er nach kurzem Schweigen. Und es tauchten Erinnerungen an ihn als kleiner Junge in ihr auf. Der kleine Junge, der mit aufgeschürften Knien und verwundeten Gefühlen nach Haus gekommen war, der mit ihr seine Sorgen und Freuden teilte, während er zum Mann heranwuchs. „Aber du musst mir auf halbem Weg entgegenkommen. Du könntest damit beginnen, dass du mir erklärst, warum du dich von Dad scheiden lässt.“

Sie schluckte und presste die Augen zusammen. Plötzlich drohten sie die Folgen des Interkontinentalflugs und der Zeitzonensprung zu überwältigen.

„Das kann ich nicht“, sagte sie ruhig. Unter keinen Umständen würde sie ihren Kindern erzählen, dass ihr Vater eine Affäre gehabt hatte. Wenn sie jemals die Wahrheit erfahren sollten, dann von ihrem Vater, nicht von ihr. „Ich … es funktionierte einfach nicht.“

„Nach zweiunddreißig Jahren erkennst du plötzlich, dass eure Ehe nicht funktioniert?“, explodierte er. Sie zuckte unter dem Klang von Schmerz und Frustration in seiner Stimme zusammen. „Kein Mensch wartet zweiunddreißig Jahre, um dann zu erkennen, dass seine Ehe nicht funktioniert. Besonders nicht bei einer Ehe, die alle für wundervoll und solide hielten! Warum zum Teufel wollt ihr uns nicht die Wahrheit sagen? Wir sind eure Kinder, wir haben ein Recht darauf!“

„Nein, Gabriel“, entgegnete sie mit ruhiger Würde. „Ihr habt nicht das Recht, mehr zu wissen, als euer Vater und ich entschlossen sind, euch zu sagen. Und wir respektieren das gleiche in Bezug auf deine Ehe mit Lianne.“

Er war für eine gute Minute ruhig, dann sprach er mit frustrierter Stimme. „Warum muss es ein solch verdammtes Geheimnis bleiben?“

„Unsere Gründe sind privat, kein Geheimnis.“

„Wenn du es so haben willst, dann gut. Aber sag mir bitte nicht, dass du mit mir sprechen willst. Wenn du mich jetzt entschuldigst, ich komme sonst zu spät.“

„Gabriel, bitte. Leg nicht auf. Ich weiß nicht einmal, wann ich wieder nach England komme, oder wann wir uns wiedersehen.“

Doch die Leitung war bereits tot. Grace legte den Hörer mit bebender Hand auf und ließ den Kopf sinken. Gab es etwas Schmerzlicheres, als die Entfremdung vom eigenen Kind? Wenn ja, konnte sie es sich nicht vorstellen.

„Verdammt, Jeffrey“, flüsterte sie zornig und wischte sich die Tränen fort. „Du bist dafür verantwortlich!“

Noch lange, nachdem sie eigentlich schon hätte schlafen sollen, lag Grace wach da und starrte gegen die Zimmerdecke.

Wenn Gabriel sich schon für eine Seite entscheiden musste, dann war es besser, er wählte Jeffreys. Er und Jeffrey arbeiteten zusammen und lebten beide in London. Wenn Gabe Jeffrey für die Probleme seiner Eltern verantwortlich gemacht hätte, wäre eine unhaltbare Situation entstanden.

Grace wusste dies alles, aber dennoch kam es ihr so verdammt unfair von Jeffrey vor, dass er es zuließ, dass Gabe seiner Mutter die Schuld zuschob. Nicht sie war es gewesen, die ihr Eheversprechen gebrochen hatte, sondern er.

Sie drehte sich auf die Seite und zog sich die Bettdecke über den Kopf. Aber sie konnte das Bild ihres Mannes mit einer jüngeren Frau nicht vertreiben – einer Frau namens Allison Ames.

Auch wenn sie Jeffrey für voll verantwortlich hielt für das, was er getan hatte, so war ihr andererseits klar, was ihn in die Arme einer anderen Frau getrieben hatte.

Nach über dreißig Ehejahren hatte sie geglaubt, sie könnte Jeffrey ein Geheimnis anvertrauen, ein Geheimnis, das angesichts ihrer erfolgreichen und glücklichen Ehe keine Bedeutung mehr haben würde. Aber leider hatte es für Jeffrey doch noch Bedeutung gehabt. Ihre Eröffnung hatte ihn bis ins Mark getroffen und ihn einen Weg einschlagen lassen, der direkt zu Allison Ames und schließlich zur Auflösung ihrer Ehe geführt hatte.

Für Grace war ihre Ehe gescheitert, weil er eine Affäre gehabt und sie weder bedauerte noch sich dafür entschuldigt hatte. Für Jeffrey, weil seine Frau ihm gestand, dass sie ihn nicht aus Liebe geheiratet hatte. Die Liebe war erst später, nach der Hochzeit, gekommen.

Ihr Eingeständnis war ein schrecklicher Schnitzer gewesen. Doch sie konnte sich nicht für die Wahrheit entschuldigen. Und Jeffreys Affäre war ein schlimmer Fehler gewesen, aber aus irgendwelchen Gründen konnte er es nicht über sich bringen, Grace um Vergebung zu bitten.

Verloren in die Ereignisse der nahen Vergangenheit, starrte Grace zur Decke hoch und lauschte dem Regen, der gegen das Fenster schlug.

Schon beim ersten Anblick von Kemberly mit seinen gelben Sandsteinmauern und den wunderschönen Fenstern hatte Grace ihr Herz an das Anwesen verloren. Das Herrenhaus mit dem Hauptgebäude und den beiden Seitenflügeln schien sie wie mit offenen Armen willkommen zu heißen.

Grace hielt neben den Hecken an, die die Auffahrt säumten, stützte sich mit den Armen auf dem Steuerrad ab und nahm all das mit den Augen auf, was für sie England ausmachte.

Jeffreys Großeltern hatten Kemberly in den dreißiger Jahren gekauft. Genevieve DeWilde hatte mit der Restaurierung des Hauses und den dazugehörigen Antiquitäten begonnen, aber erst Jeffreys Mutter Mary hatte darauf bestanden, dass es mit elektrischen Leitungen, Telefonen und modernen sanitären Anlagen versehen wurde. Nachdem Mary und Charles das Anwesen Jeffrey und Grace zum zehnten Hochzeitstag geschenkt hatten, hatte Grace sich daran gemacht, die Ziergärten wieder in Ordnung zu bringen und die Rosenbeete zu vergrößern.

Drei Generationen von DeWildes hatten auf Kemberly ihre Spuren hinterlassen, aber Grace war insgeheim davon überzeugt, keiner liebte es so sehr wie sie.

Als sie langsam die steile Zufahrt hinauffuhr, stellte sie sich vor, wie schon in einigen Wochen gelbe Narzissen und purpurfarbene Hyazinthen in den Blumenkästen auf den Fenstersimsen blühen würden. Die Felder unten waren bereits grün und würden in einem weiteren Monat fast smaragdfarben leuchten. In einiger Entfernung wies der Kirchturm eines Dorfes den Weg zum Himmel.

Bevor Grace ihr Gepäck aus dem Kofferraum ihres Mietwagens holen konnte, erschien Mrs. Milton in der Eingangstür.

„Wie schön, Sie zu sehen, Mrs. DeWilde, aber dennoch ist es ein trauriger Tag.“ Sie rang die Hände und wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Augen. „Abendessen um halb acht und nicht eine Minute später“, murmelte sie dann.

Grace lachte und berührte Mrs. Miltons Hand. „Noch immer die alte Diktatorin, wie ich sehe.“

„Kommen Sie herein, kommen Sie herein. Im Wohnraum wartet Tee auf Sie, mit Zucker und Zitrone, so wie Sie es mögen, und im Kamin brennt ein hübsches Feuer, um die feuchte Kühle zu vertreiben.“

Da dies wohl das letzte Mal sein würde, dass sie Kemberly besuchte, fielen Grace noch die kleinsten Einzelheiten auf. In den hölzernen Dielen bemerkte sie die Rillen, die von den Rollschuhen der Kinder stammten. Und dort hatte sich Gabriel einen Zahn ausgebrochen, nachdem er die Haupttreppe hinuntergefallen war.

Hier im Wohnraum, unter den Mistelzweigen, hatte Megan ihren ersten Kuss bekommen. Kate hatte unzählige verletzte Tiere in dem Käfig in der Ecke wieder aufgepäppelt.

Die Erinnerungen überwältigten sie fast. Sie setzte sich vor den Kamin, wärmte sich die Hände am Feuer und fragte sich, wie sie die vor ihr liegende Woche wohl überstehen sollte.

Nach einer Weile hob sie den Kopf und schaute hinauf zu dem goldgerahmten Porträt, das über dem Kamin hing.

Es war das Porträt von Anne Marie DeWilde, Jeffreys Urgroßmutter, und war 1870 gemalt worden, dem Jahr ihrer Hochzeit mit Maximilien DeWilde. Grace hatte das Bild von einem der Dachböden heruntergeholt, voller Erstaunen und Freude über einen solchen aufregenden Fund. Sie hatte es hier nicht nur aufgehängt, um Jeffreys Urgroßmutter zu ehren, sondern weil Anne Marie denselben diamant- und saphirbesetzten Verlobungsring trug, den jetzt sie, Grace, am Finger hatte.

Grace hatte immer vorgehabt, Gabriel diesen Ring als Geschenk für seine Braut zu geben. Aber Gabriel und Lianne waren durchgebrannt und hatten allein geheiratet.

Grace drehte den Ring an ihrem Finger und studierte dabei Anne Maries zarte Züge, suchte Ähnlichkeiten in den Zügen ihrer Kinder im Lächeln ihrer Ururgroßmutter. Sie wusste nicht viel über Anne Marie, nur dass auch sie unter einer Entfremdung zu ihrem einzigen Sohn gelitten hatte. Max DeWilde hatte sich vierzig Jahre lang geweigert, auch nur ein einziges Wort an seine Mutter zu richten.

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