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Die geheimen Reisen des Jack London
Abbildung

CHRISTOPHER GOLDEN & TIMM LEBBON

Titel

Aus dem Englischen
von Collin McMahon

INHALT

  1. Kapitel 1 · In die Wildnis
  2. Kapitel 2 · Todesmarsch
  3. Kapitel 3 · Die Yukonschönheit
  4. Kapitel 4 · Das wird sein Tod
  5. Kapitel 5 · Erwachen
  6. Kapitel 6 · Stadt der Hoffnung und der Gier
  7. Kapitel 7 · Nur die Wildnis
  8. Kapitel 8 · Das Festmahl
  9. Kapitel 9 · Der Schönheit in die Hände
  10. Kapitel 10 · Die Macht des alten Waldes
  11. Kapitel 11 · Die Sprache des Landes
  12. Kapitel 12 · Der Friedhof der Lebenden
  13. Kapitel 13 · Zurück an den Tatort
  14. Kapitel 14 · Der Geist der Gewalt
  15. Kapitel 15 · Rückkehr aus der Wildnis
  16. Kapitel 16 · Gebrochene Kreise
  17. Kapitel 17 · Der Ruf der Wildnis

Für unsere Kinder Nicholas, Daniel,
Ellie, Lily und Daniel.
Leben ist ein wildes Abenteuer.
Hör seinen Ruf. Hab keine Angst.

»Der Mensch muss leben,
nicht nur überleben.«

Jack London

Ich konnte noch nie gut schreiben. Aber für eine spannende Geschichte bin ich immer zu haben. Das habe ich Jack London zu verdanken. Er hat mir gezeigt, dass es bei Geschichten um Herz und Seele geht, nicht um Rechtschreibung und Wortschatz. Und er hatte Herz und Seele für zwei.

Jack hat mir viele Male das Leben gerettet. Einmal wirklich handgreiflich, als er zwei fiese Typen vertrieben hat, die mich entführen und versklaven wollten. Und dann bei anderen Gelegenheiten über die Jahre hinweg immer mal wieder, wobei er meistens gar nicht anwesend war. Es reichte der Gedanke an Jack. Der Gedanke an seinen Mut, seine Weltsicht, seine Philosophie, dass wir nicht bloß vor uns hin existieren sollen, sondern das Leben bis zum Anschlag leben sollen. Seine Überzeugung, dass es mehr zu entdecken gibt, als man in einem Leben schafft. Manches Sagenhafte, manches Schreckliche. Jack hat beides gesehen.

Wegen ihm bin ich Entdecker geworden, sowohl geistig als auch körperlich. Und ich bilde mir gerne ein, dass ich ihm auf meine bescheidene Weise bei seinen Abenteuern geholfen habe.

Wir wissen alle, was später aus ihm geworden ist: Einer der größten Schriftsteller Amerikas, der wie kein zweiter eine Geschichte schreiben und ihr eine Kraft verleihen konnte, die beinahe … übernatürlich schien. Viele dachten, er schriebe über das Leben, das er selbst gelebt hatte. Doch ich wusste die Wahrheit, denn mir hatte er sie anvertraut: Niemals konnte er niederschreiben, was ihm selber widerfahren war. Es war zu privat, zu persönlich. Und zu grauenhaft. Er hat Dinge gesehen, die nicht für andere Menschen bestimmt waren. Aber mir hat er nie verboten, darüber zu schreiben.

Jack starb viel zu jung. Doch in seinem kurzen Leben hat er soviel erlebt, wie viele Männer zusammen. Und er starb mit dem Wissen, dass es in dieser Welt mehr gibt, als wir verstehen können oder sollen.

Das ist mit ein Grund, warum ich dies hier alles nun endlich aufschreibe. Ich bin jetzt ein alter Mann. Wem wird die Wahrheit jetzt noch schaden? Wird sie überhaupt jemand glauben? In diesen modernen, hochtechnologischen Zeiten, in denen das Wunderliche gar nicht so wunderlich erscheint und die Wildnis gar nicht so wild ist, denke ich, müssen diese Geschichten Gehör finden, so entsetzlich sie auch sein mögen.

Sie sind eine Warnung, auf die wir hören sollten.

Hier also nun die wahre Geschichte von Jack London.

Seine geheimen Abenteuer.

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San Francisco

Juni 1962

KAPITEL 1
IN DIE WILDNIS

Jack London stand auf dem Deck der Umatilla und blickte auf den Hafen von San Francisco zurück. Er fragte sich, wann er seine Heimatstadt wiedersehen würde. Er war mit Fernweh im Herzen geboren worden, suchte das Abenteuer und hatte keine Angst vor den Gefahren von Reisen ins Ungewisse. Sobald die Umatilla die Bucht von San Francisco verließ, wäre er unterwegs in den Yukon, fernab der Zivilisation im eiskalten Norden, wo angeblich riesige Mengen Gold entdeckt worden waren und jeder zum Krösus werden konnte.

Doch es war nicht nur das Gold, was Jack in den Yukon lockte. Wenn man ihn vor die Wahl gestellt hätte, wäre er auch nur wegen der Reise selbst gefahren und hätte allein wegen des Abenteuers alles riskiert. Er hatte in seinem abenteuerlustigen Herzen die fixe Idee entwickelt, dass die Wildnis des Nordens auf ihn wartete.

Jetzt lehnte er an der Reling der Umatilla und atmete die Gerüche ein, sah sich das Panorama an und lauschte dem Trubel und dem Chaos um sich herum. Noch nie zuvor hatte er so eine bunte Menschenmischung gesehen. Menschen jeder Herkunft, Rasse und jeden Glaubens waren an Bord. Obwohl der Geruch des Meeres so stark war, konnte man doch ein Dutzend weiterer Düfte ausmachen. Am Steg verkaufte man geröstete Nüsse. Direkt neben Jack stank jemand nach billigem Fusel. Manche rochen nach Gewürzen, Rauch oder Essen, andere hatten dringend ein Bad nötig. Jack war Landstreicher gewesen, Austernpirat und Häftling und hatte Freunde gehabt, die seit Ewigkeiten nicht gebadet hatten. Aber der Gedanke, wie es unter Deck riechen würde, bis sie in Alaska waren, ließ ihn erschaudern.

Man munkelte, der Dampfer hätte doppelt soviel Passagiere an Bord, wie zugelassen waren, und das glaubte man sofort. Jack und Shepard, sein älterer, kränklicher Schwager, hatten ihre Ausrüstung eigenhändig im Frachtraum verstaut und mussten sich dazu durch eine Menge von Goldgräbern, Seeleuten und einfachen Tagelöhnern, aber auch von Söhnen aus reichem Haus zwängen, die ihr Glück selbst suchen wollten.

Nun nahmen sie an der Reling Abschied von San Francisco.

»Kein Grund zur Wehmut«, fand Shepard. »Die Stadt wird immer noch da sein, wenn wir wiederkommen, genauso wie jetzt.« Er sah Jack aus dem Augenwinkel an, und seine sonst funkelnden Augen schienen matt und leer. »Meinst du, wir haben uns verändert?«

Jack dachte an die Entbehrungen, die sie auf sich nehmen müssten. Er hatte schon siebzehn ereignisreiche Jahre gelebt. Für ihn war die Zukunft übervoll mit Möglichkeiten, die ihn mit einer Stimme riefen wie der Wind in der Wüste oder das Echo des Waldes zwischen weiß bedeckten Bäumen nach einem schweren Schneesturm. Diese Stimme nannte er den Ruf der Wildnis, und sie ließ Jacks Herz wie nichts anderes höher schlagen.

»Wir werden uns verändern, John, aber nur zum Guten«, erwiderte er schließlich. »Abenteuer lassen den Menschen wachsen.« Die andere Möglichkeit erwähnte er lieber nicht: Man kann bei Abenteuern auch zugrunde gehen. Doch Shepards Blick sagte ihm, dass dieser sehr wohl die brutale Wahrheit kannte.

John Shepard war ein großer Mann, den die Krankheit klein gemacht hatte. In seinen Augen leuchtete noch der Elan der Jugend, doch sein Körper war von den grausamen Spuren der Zeit gezeichnet, die ihre Furchen und Narben hinterlassen hatten. Nun wehrte er sich gegen diesen letzten großen Frontalangriff auf seine Gesundheit. Sein Herz wurde zwar schwächer, doch sein Verstand blieb so scharf wie immer. Jack hatte Shepard mit seinen grauen Haaren und grauen Augen immer gemocht. Er war zwar um einiges älter als Jacks Schwester Eliza, aber er schien sie glücklich zu machen. Und dass Eliza glücklich war, war Jack wichtiger als alles andere auf der Welt.

Obwohl Jack wusste, was für ein Risiko diese Reise für Shepard bedeutete – und Eliza es ebenfalls wusste –, hatte der ältere Mann schließlich alles finanziert. Es widerstrebte Jack, sein Abenteuer mit dem Makel des schnöden Geldes zu belasten, doch das war die einfache Tatsache. Zudem wirkte Shepard seit Reiseantritt wacher und lebendiger, wie schon lange nicht mehr. Das konnte nur gut für sie beide sein.

Endlich legten sie ab und winkten wie wild den Zuschauern am Pier zu. Jack war noch nie so aufgeregt gewesen. Vor ihnen lagen tausendsechshundert Meilen offene See, Wildflüsse, schneebedeckte Berggipfel, gefährliche Passstraßen und eine der unwirtlichsten Landschaften der Erde.