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Die geheimen Pfade der Liebe

1. KAPITEL

„Du magst ja durchaus schwanger sein, Caroline. Aber von mir ist dieses Kind definitiv nicht“, erklärte Justin de Wolfe kalt.

Caroline sah ihren Mann an, als hätte er den Verstand verloren.

Heute hatte ihr der Arzt bestätigt, dass sie in der sechsten Woche schwanger war. Am liebsten wäre sie sofort in Justins Büro geeilt, um ihm die glückliche Nachricht zu verkünden. Dann hatte sie es sich jedoch anders überlegt und stattdessen ein festliches Abendessen vorbereitet.

Mit sechsunddreißig Jahren wurde Justin zum ersten Mal Vater. In einem entsprechend romantischen Ambiente wollte sie dieses bedeutende Ereignis mit ihm feiern.

Die Kerzen brannten noch, und die Rosen auf dem Tisch verströmten einen süßen Duft. Trotzdem war Caroline plötzlich gar nicht mehr nach Feiern zumute. Wie kam Justin nur darauf, dass es nicht sein Kind war? Bestimmt erlaubt er sich nur einen schlechten Scherz mit mir, versuchte sie sich einzureden. Justins eisiger Blick verriet allerdings deutlich, wie ernst es ihm mit seiner absurden Behauptung war.

„Justin, ich …“

„Ich bin nämlich gar nicht in der Lage, ein Kind zu zeugen“, fuhr er mit beängstigender Ruhe fort und trank bedächtig einen Schluck Wein. „Weder mit dir noch mit einer anderen Frau.“

Während Justin sie kühl und abwartend betrachtete, hätte Caroline schreien mögen. In Ohmacht fallen. Irgendetwas zerschlagen … Doch sie konnte nur wie versteinert dasitzen und stumm seinen Blick erwidern.

„Hast du verstanden, was ich gerade gesagt habe? Ich …“

„Hör auf, Justin!“ Die eigene Stimme erschien ihr zu laut und unangenehm schrill. „Das ist wirklich nicht komisch.“

„Da bin ich ganz deiner Meinung“, stimmte Justin ihr zu. Mit einem Zug trank er den Rest seines Weins aus und stand auf, um die Deckenbeleuchtung einzuschalten. „Und ich wüsste auch nicht, dass ich gelacht hätte.“

Caroline fühlte sich unversehens in einen Albtraum versetzt. Sie kniff vor der plötzlichen Helligkeit die Augen zusammen und blickte zu ihm auf. Justin war genau der Typ, von dem zahllose Frauen träumten: groß, dunkel und auf eine wilde, ungezähmte Weise attraktiv. Der elegante Abendanzug hätte ihm einen seriösen Anstrich verleihen müssen. Aber er ließ ihn eher wie einen verwegenen Piraten aussehen, den man vergeblich zu zivilisieren versucht hatte.

Sein Anblick überwältigte Caroline genauso wie bei ihrer ersten Begegnung. Noch immer war sie gefesselt von Justins widersprüchlicher Persönlichkeit. Aber was in diesem Moment in seinem Kopf vorging, war ihr schlicht unbegreiflich.

„Jedenfalls ist das Baby von dir!“, erklärte sie entschieden.

„Wie ich bereits sagte, das ist unmöglich.“

Obwohl er nach außen hin die Gelassenheit in Person war, las Caroline in seinen Augen weit heftigere Gefühle.

„Aber von wem sollte es denn sonst sein?“, hielt sie ihm verzweifelt entgegen.

Justin schwieg eine Weile, als würde er über ihre Frage nachdenken. Schließlich schlug er in beiläufigem Tonfall vor: „Vielleicht von Tony?“

Bei dieser ungeheuerlichen Unterstellung wich Caroline alles Blut aus den Wangen. Sie war zu schockiert, um etwas erwidern zu können. Stumm beobachtete sie, wie Justin zum Barschrank schlenderte und sich einen großzügig bemessenen Brandy einschenkte.

Er musterte mit ausdrucksloser Miene Carolines flammend rotes Haar, das sie locker hochgesteckt hatte. Die nackten Schultern. Das figurbetonte schwarze Kleid. Dann wandte er sich ab und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.

Caroline hörte die Tür seines Arbeitszimmers ins Schloss fallen. Noch immer war sie wie vom Donner gerührt. Geistesabwesend blies sie die Kerzen aus und betrachtete starr die aufsteigenden Rauchspiralen. Sie hätten jetzt den Champagner trinken sollen, den sie schon kalt gestellt hatte. Stattdessen war Justin an seinen Schreibtisch geflüchtet. Mutterseelenallein saß sie an dem von ihr so liebevoll gedeckten Tisch und versuchte zu begreifen, was gerade geschehen war.

Einen Mann wie Justin de Wolfe zu lieben war von Anfang an keine einfache Aufgabe gewesen. Auch nach der Hochzeit war es nicht leichter geworden. Aber dies war das erste Mal, dass Caroline sich wünschte, ihm nie begegnet zu sein.

Unvermittelt schweiften ihre Gedanken zu jenem ersten Abend, der ebenfalls verheißungsvoll begonnen und dann so verstörend geendet hatte …

„Sieht so aus, als wäre meine reizende Schwester wieder einmal auf der Jagd gewesen.“

Bei Tonys spöttischer Bemerkung blickte Caroline zum Eingang des Festsaals. Es war der vierzigste Hochzeitstag von Tonys Eltern. Sie feierten ihn stilvoll in einem eleganten Londoner Hotel.

Caroline entdeckte Tonys Schwester, Paula Hammond, in der Menge. Sie musste wieder einmal feststellen, dass Paula eine der attraktivsten Frauen war, die sie je gesehen hatte. Sie war groß, elegant und hatte tiefschwarzes Haar. Heute trug sie ein eng anliegendes rotes Abendkleid, das ihre Traumfigur perfekt zur Geltung brachte.

Mit fünfunddreißig hatte Paula bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich. Seit ihrer Scheidung vor fünf Jahren genoss sie ihre Freiheit in vollen Zügen. Seit acht Monaten war Caroline jetzt mit Tony zusammen. Während dieser Zeit hatte sie seine Schwester schon mit vielen Männern gesehen. Paulas heutiger Begleiter war ihr jedoch unbekannt. Andernfalls hätte sie sich mit Sicherheit an ihn erinnert.

So wie jede Frau es getan hätte.

Sein Haar war ebenso schwarz wie das von Paula. Als schön konnte man sein Gesicht nicht bezeichnen. Trotzdem fühlte Caroline sich geradezu magisch davon angezogen. Sichtlich gelangweilt ließ er den Blick über die Gäste schweifen. Er wirkte ein wenig ungeduldig, als er Paula etwas zuraunte.

Mit ihrer unübersehbaren Schönheit und ihrer sinnlichen Ausstrahlung schlug sie ihre Verehrer für gewöhnlich ganz in ihren Bann. Dieser Mann war jedoch nicht leicht zu beeindrucken. Während Paula sehnsüchtig zu ihm aufblickte und fast beschwörend auf ihn einredete, wirkte er ausgesprochen kühl und unbeteiligt.

Peinlich berührt wandte Caroline sich ab. Normalerweise war Paula so selbstbewusst, und nun bettelte sie förmlich um die Aufmerksamkeit ihres Begleiters. Es war unangenehm, sie so zu sehen.

„Ich glaube, ich sollte mal ein ernstes Wort mit meinen Eltern reden“, meinte Tony amüsiert. „Offenbar haben sie es versäumt, ihre Tochter vor dem bösen Wolf zu warnen.“

Caroline warf Paulas Begleiter erneut einen Blick zu. Ohne Frage war er ein faszinierender Mann. Und sicher war sie nicht die erste Frau, die das bemerkte. Allerdings schien er nicht besonders daran interessiert zu sein, das schöne Geschlecht zu beeindrucken. In diesem Punkt unterschied er sich wohltuend von den Männern, denen sie in der Vergangenheit begegnet war.

Bis sie Tony kennengelernt hatte.

Schon ihr ganzes Leben lang hatte Caroline nach einem Mann wie ihm Ausschau gehalten. Seine ungezwungene, herzliche Art, sein jungenhafter Charme und sein wacher Verstand hatten sie vom ersten Moment an bezaubert. Außerdem sah er mit seinem widerspenstigen hellbraunen Haar, den funkelnden braunen Augen und der schlanken, sportlichen Figur blendend aus. Seit acht Monaten waren sie jetzt schon ein Paar. Caroline wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er ihr einen Heiratsantrag machen würde.

Ihre Antwort würde ein von Herzen kommendes, uneingeschränktes „Ja“ sein.

Wieder fiel ihr Blick auf Paula und ihren Begleiter. „Du solltest deine Schwester nicht unterschätzen“, tadelte sie ihn nun sanft. Caroline wusste, dass Tony und Paula sich im Grunde ihres Herzens liebten. Trotzdem herrschte leidenschaftlicher, aber harmloser Geschwisterkrieg zwischen ihnen. Auch jetzt schien es Tony mit diebischer Freude zu erfüllen, dass seine erfolgsverwöhnte Schwester im Begriff war, sich eine Abfuhr einzuhandeln. „Ich bin sicher, dass Paula hervorragend in der Lage ist, ihre Frau zu stehen“, fügte Caroline nachdrücklich hinzu.

„Mag sein“, räumte Tony ein. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete er seine Schwester. Diese schmiegte sich an ihren Begleiter und ließ verführerisch die Finger durch das dunkle Haar in seinem Nacken gleiten. „Aber diesmal hat sie sich eindeutig übernommen. Der Wolf könnte sie jederzeit zum Frühstück verspeisen. Aber das wäre es dann auch schon gewesen. Er ist nämlich, wie alle seine Artgenossen, ein unverbesserlicher Einzelgänger.“

Der Wolf. Caroline hatte zuerst gedacht, Tony würde nur eine Anspielung auf dessen Charakter machen. Diesmal klang es jedoch so, als wäre es der Name des Mannes.

„Der Wolf?“, fragte sie neugierig. Im selben Moment spürte sie den Blick seiner silbergrauen Augen. Er glitt ebenso schnell über sie hinweg wie über alle anderen Gäste, doch dann kehrte er plötzlich wieder zu ihr zurück. Jähe Hitze durchflutete Caroline. „Der Wolf“, wie sie ihn bereits insgeheim nannte, musterte sie mit unverblümtem Interesse von Kopf bis Fuß. Schließlich richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf ihr Gesicht. Er ließ den Blick beunruhigend lange auf ihren Lippen ruhen.

Seine eingehende Musterung ließ Caroline das Blut in die Wangen steigen. Sie wollte sich abwenden, aber sein Blick hielt sie gefangen. Sie besaß seine gesamte Aufmerksamkeit, während Paula ihn verzweifelt zum Bleiben zu überreden versuchte. Auf eine seltsame Weise war diese Situation erotisch. Es war fast, als würde er seine Hand nach ihr ausstrecken und sie berühren …

„Paula arbeitet in Justin de Wolfes Anwaltskanzlei. Er ist bekannt dafür, dass er immer nur die Klägerseite vertritt. Soweit ich weiß, hat er noch nie einen Prozess verloren.“

Tonys Stimme drang wie durch einen Nebel an Carolines Ohr. Nervös befeuchtete sie ihre Lippen und versuchte erneut, den Blick von dem beunruhigenden Fremden abzuwenden. Sie schaffte es nicht. „Tatsächlich?“, fragte sie heiser. Ihre Hände begannen zu zittern.

Endlich wandte Justin de Wolfe sich wieder Paula zu. Caroline nutzte erleichtert die Gelegenheit, ihm den Rücken zuzuwenden. Seine intensive Musterung war ihr durch und durch gegangen. Selbst jetzt, da sie ihn nicht mehr sehen konnte, klopfte ihr das Herz noch bis zum Hals.

Dabei war dieser Mann überhaupt nicht ihr Typ! Sicher, er war sehr attraktiv. Aber es ging etwas Finsteres, Bedrohliches von ihm aus. Er strahlte eine direkte, fordernde Sexualität aus. Sein Blick hatte sie gefesselt. Erst als er sich abwandte, konnte sie sich aus seinem Bann befreien.

Was war nur los mit ihr? Sie liebte doch Tony und wollte ihn heiraten!

Entschlossen verdrängte Caroline die verstörenden Empfindungen, die Justin de Wolfe in ihr ausgelöst hatte. Kurz darauf kam er mit Paula auf sie und Tony zu. Sofort wurden ihr wieder die Knie weich.

„Schön, dich zu sehen, Schwesterherz.“ Tony beugte sich leicht vor und küsste Paula flüchtig auf die Wange.

In Paulas grünen Augen blitzte es verärgert auf. Sie hasste diese Anrede, was ihr Bruder natürlich genau wusste. „Ich möchte dich mit Justin de Wolfe bekannt machen, Tony“, sagte sie mit ihrer leicht rauchigen Stimme. Sie legte ihrem Begleiter besitzergreifend die Hand auf den Arm.

Caroline beobachtete, wie die beiden Männer einander die Hand schüttelten. Sie versuchte, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen. Eine einzige Berührung von Justin de Wolfe würde genügen, um sie nach mehr verlangen zu lassen. Das wusste sie instinktiv.

„Und das ist Caroline Maxwell, Tonys Freundin.“

Justin de Wolfe neigte leicht den Kopf und deutete ein Lächeln an. „Miss Maxwell …“

Lieber Himmel, selbst seine Stimme war unwiderstehlich!

Er wusste genau, was in diesem Moment in ihr vorging. Das sah Caroline an dem spöttischen Zug um seinen Mund. Sie zwang sich, ruhig durchzuatmen, und reichte ihm höflich die Hand.

Seine langen, kräftigen Finger schlossen sich um ihre schmale Hand. Es trat genau das ein, was sie befürchtet hatte. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt, und eine ihr bis dahin unbekannte Sehnsucht breitete sich in ihrem Körper aus. Am liebsten hätte sie die Flucht ergriffen. Aber sie konnte sich nicht von dem Bann befreien, der sie auf der Stelle festhielt.

Caroline konnte nicht glauben, was gerade mit ihr geschah. Sie war doch sonst so vernünftig und besonnen! Sie glaubte nicht an Liebe auf den ersten Blick, ja, nicht einmal auf den zweiten. Für sie war Liebe etwas, das langsam wuchs und auf gegenseitigem Respekt und gemeinsamen Interessen gründete.

So, wie es bei ihr und Tony gewesen war.

Schon durch ihre Berufe gab es vieles, das sie miteinander verband. Er war Arzt und sie Krankenschwester. Auch in Fragen der Weltanschauung passten sie hervorragend zusammen. Von Justin de Wolfe dagegen wusste Caroline fast nichts. Im Gerichtssaal sollte er unschlagbar sein. Und er hatte eine Abneigung gegen persönliche Bindungen. Außerdem sagte ihr eine innere Stimme, dass er gefährlich war.

„Mr. de Wolfe“, brachte sie steif hervor. Endlich schaffte sie es, ihre Hand seinem festen Griff zu entziehen.

In diesem Moment begann die Band, einen langsamen Walzer zu spielen.

„Dürfte ich Sie um das Vergnügen dieses Tanzes bitten, Miss Maxwell?“

Verzweifelt überlegte Caroline, wie sie seine Bitte ablehnen könnte, ohne unhöflich zu sein. Doch sie kam nicht dazu, ihm einen Korb zu geben. Er legte ihr wie selbstverständlich die Hand auf den Rücken und führte sie auf die Tanzfläche.

Wenig später glitten sie mit den anderen Paaren im Takt der Musik übers Parkett. Justin de Wolfe war ein ausgezeichneter Tänzer. Caroline war aber viel zu aufgewühlt, um es zu genießen. Mit einem gezwungenen Lächeln auf den Lippen bewegte sie sich wie eine Marionette. Vergeblich versuchte sie, die beängstigenden Empfindungen zu unterdrücken, die seine Nähe in ihr auslöste.

„Entspannen Sie sich“, murmelte er dicht an ihrem Ohr und zog sie noch ein wenig enger an sich.

Prompt verkrampfte Caroline sich noch mehr. Wie sollte sie sich entspannen, solange ihr Körper so überaus heftig auf diesen Mann reagierte?

„Aber das ist gar nicht so einfach, wenn man vor Verlangen brennt, nicht wahr?“

Seine Stimme umschmeichelte sie wie dunkler Samt. Er drückte seine Hüften leicht gegen ihre, um ihr das Ausmaß seines eigenen Verlangens deutlich zu machen. Caroline zog scharf die Luft ein.

Das alles war der reine Wahnsinn! Sie war seit acht Monaten mit Tony zusammen. Was immer die unerwünschte Anziehungskraft zwischen ihr und de Wolfe ausmachte, war bedeutungslos. Es war nur sexueller Natur. Eine chemische Reaktion, nichts weiter.

„Schlafen Sie und Shepherd miteinander?“, erkundigte er sich nun in sachlichem Tonfall.

Caroline hob abrupt den Kopf und funkelte ihn empört an. „Hören Sie, Mr. de Wolfe, falls Sie es darauf anlegen, mich zu beleidigen …“

„Das war keineswegs meine Absicht“, unterbrach er sie gelassen. „Ich wollte nur wissen, wie schwierig es für Sie wird, ihn zu verlassen.“

„Ich habe nicht die leiseste Absicht, mich von Tony zu trennen“, erklärte Caroline scharf. „Und ich wäre Ihnen dankbar, wenn wir diese absurde Unterhaltung jetzt beenden könnten.“

Justin schüttelte langsam den Kopf, als spräche er mit einem trotzigen Kind. „Sie begehren mich genauso sehr, wie ich Sie begehre, Caroline“, hielt er ihr geduldig entgegen. „Wir werden miteinander schlafen, und zwar sehr oft. Aber Sie müssen wissen, dass ich in dieser Beziehung ein wenig altmodisch bin. Wenn ich mit einer Frau zusammen bin, möchte ich sie mit keinem anderen Mann teilen.“

Mittlerweile war Caroline davon überzeugt, es mit einem Verrückten zu tun zu haben. Hilfesuchend warf sie einen Blick in Tonys Richtung. Der war jedoch wieder einmal in eine Auseinandersetzung mit seiner Schwester verwickelt und bemerkte nichts von ihrer Notlage.

Warum sah er nicht zu ihr herüber?

Sie wünschte inständig, er möge sie aus dieser unmöglichen Situation befreien. Denn solange Justin sie in seinen Armen hielt, war sie selbst nicht dazu imstande …

„Natürlich ist mir klar, dass Sie zu jung für mich sind und …“

„Könnte es nicht sein, dass Sie zu alt für mich sind?“, erwiderte sie. Sogleich ärgerte sie sich über ihre unüberlegte Reaktion. Auf die Frage des Altersunterschieds hätte sie nicht eingehen sollen. Es gab genügend andere Gründe, diesen Menschen nie wiederzusehen.

„Sicher“, räumte er bereitwillig ein. „Und ich gebe auch zu, dass wir nicht viel voneinander wissen.“

„Wir wissen gar nichts voneinander!“, korrigierte Caroline ihn hitzig.

„Nun, eins wissen wir definitiv“, hielt Justin dagegen. „Wenn wir jetzt in meine Wohnung gingen, kämen wir für mindestens eine Woche nicht mehr aus dem Bett heraus.“

Als Caroline darauf nichts erwiderte, umspielte ein leises Lächeln seine Lippen. „Ich möchte Sie auf jede erdenkliche Weise lieben“, fuhr er unbeirrt fort. „Auf tausend verschiedene Arten, wie noch kein Mann Sie je geliebt hat …“

Caroline wäre gerne einfach weggegangen, aber ihre Beine schienen aus Watte zu sein.

„Und was dann?“, war alles, was sie hervorbringen konnte.

Justin lächelte. „Dann fangen wir wieder von vorne an“, schlug er gelassen vor.

Mit aller Kraft verdrängte Caroline die erotischen Bilder, die vor ihrem inneren Auge aufstiegen. „Aber wir … wir lieben uns nicht“, hielt sie ihm entgegen.

Unvermittelt verhärteten sich Justins Züge. „Liebe wird meiner Erfahrung nach völlig überschätzt“, bemerkte er verächtlich. „In den meisten Fällen bringt sie nur Schmerz und Unglück. Haben Sie eine Ahnung, wie viele Menschen ich deswegen schon ins Gefängnis gebracht habe? Nur weil sie aus lauter Liebe irgendeine Verzweiflungstat begangen haben.“

Er verstummte kurz und schüttelte erneut den Kopf. „Nein, Caroline, natürlich liebe ich Sie nicht. Aber ich kann Ihnen garantieren, dass Sie in jeder anderen Hinsicht auf Ihre Kosten kommen werden. Ach ja, und ich werde Sie von jetzt an immer, wenn ich mit Ihnen schlafen möchte, Caro nennen.“

Das war der Gipfel der Unverschämtheit!

„Und ich nehme an, Sie erwarten, dass ich mich dann jedes Mal brav zu ihnen ins Bett lege“, entgegnete sie sarkastisch. Anscheinend glaubte dieser Mann tatsächlich, er könnte einfach so aus dem Nichts auftauchen und die Kontrolle über ihr Leben übernehmen.

Justin verzog leicht die Lippen. „Sie überschätzen meine Willenskraft, was Sie angeht“, stellte er fest. „Sie erregen mich wie noch keine andere Frau zuvor. Unsere Aktivitäten werden sich keineswegs aufs Bett beschränken.“ Bevor Caroline protestieren konnte, fügte er hinzu: „Und das Vergnügen wird nicht allein auf meiner Seite sein, das kann ich Ihnen versprechen.“

Instinktiv wusste Caroline, dass er recht hatte. Schon jetzt spürte sie tausend verbotene Wünsche in sich erwachen …

Aber er konnte doch unmöglich erwarten, dass sie sich einfach so in eine Affäre mit ihm stürzte!

Unsicher blickte sie zu ihm auf – und wünschte sogleich, sie hätte es nicht getan. Justin de Wolfe gehörte nicht zu den Männern, die sich mit Worten zufriedengaben. Der entschlossene Ausdruck in seinen silbergrauen Augen ließ keinen Zweifel daran zu.

Das Ganze war einfach absurd!

Sie hatten einander erst vor wenigen Minuten kennengelernt. Er hatte ihr unverblümt mitgeteilt, dass die Liebe in seinen Augen nur das Schlechteste im Menschen hervorbrachte. Außerdem wusste er, dass sie in einer festen Beziehung lebte. Dennoch schien er sich völlig sicher zu sein, dass sie ihr Leben in seine Hände legen würde.

Und irgendetwas tief in ihrem Inneren sehnte sich danach, genau das zu tun … Es war verrückt.

„Befürchten Sie denn nicht, Ihren Ruf als einsamer Wolf zu verlieren?“, fragte sie ihn herausfordernd. „Wie ich hörte, sind Sie ein überzeugter Einzelgänger.“

„Das ist richtig, und daran wird auch eine Affäre zwischen uns nichts ändern“, teilte Justin ihr sachlich mit. „Ich habe nicht die Absicht, meine Unabhängigkeit aufzugeben. Auch bin ich nicht bereit, mich vor wem auch immer für mein Tun und Lassen zu rechtfertigen. Daher wird jeder von uns seine eigene Wohnung behalten. Allerdings werden wir uns vorwiegend bei mir aufhalten.“

Er hielt einen Moment inne und betrachtete Caroline nachdenklich. „Ursprünglich wollte ich Paula nicht hierher begleiten“, fügte er leise hinzu. „Aber in dem Augenblick, als ich Sie sah, ist mir klar geworden, warum ich es trotzdem getan habe. Ich glaube zwar nicht an die Liebe, aber gegen das Schicksal bin sogar ich machtlos.“

Auch Caroline hatte das Gefühl, gegen etwas anzukämpfen. Etwas, das außerhalb ihrer Macht lag. Justin de Wolfe nannte es Schicksal. Für sie dagegen bedeutete es eine akute Gefahr für ihr zukünftiges Glück.

Mein Schicksal war es, Tony kennenzulernen“, sagte sie entschlossen und rückte demonstrativ ein Stück von ihm ab. „Ich liebe ihn und werde ihn heiraten.“

Zu ihrer Überraschung nickte er darauf nur und umfasste sanft ihren Ellbogen. „Dann bringe ich Sie besser wieder zu ihm zurück“, erbot er sich freundlich.

Während Justin sie von der Tanzfläche führte, warf Caroline ihm einen unauffälligen Seitenblick zu. Seine dreiste Ankündigung, dass sie eine Affäre miteinander haben würden, hatte sie schockiert. Noch beunruhigender aber war seine plötzliche Nachgiebigkeit. Instinktiv wusste sie, dass er sich nicht so leicht geschlagen geben würde.

„Du warst lange weg“, stellte Tony missmutig fest. „Ich war schon fast so weit, aus purer Verzweiflung Paula zum Tanzen aufzufordern.“

Seine Schwester bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. „Bilde dir bloß nicht ein, dass ich Ja gesagt hätte.“

In Tonys braunen Augen blitzte es verärgert auf. „Ich vermute, du hast ohnehin vor, jetzt zu gehen. Deine Pflicht unseren Eltern gegenüber hast du ja bereits erfüllt.“

Paula errötete schuldbewusst. „Justin und ich haben noch etwas anderes vor“, verteidigte sie sich.

„Natürlich, da bin ich mir sicher.“

Ganz offensichtlich war Paulas Absicht, die Party nach kaum einer halben Stunde wieder zu verlassen, der Grund für den Streit zwischen den Geschwistern gewesen. Zu ihrer Bestürzung stellte Caroline fest, dass auch ihr der frühe Aufbruch des Paares missfiel.

Wenn auch aus ganz anderen Gründen.

Sie blickte verstohlen zu Justin auf.

„Caro …“

Er sagte es so leise, dass nur sie es hören konnte. Doch es genügte, um sie davon zu überzeugen, dass er die Nacht nicht mit Paula verbringen würde. Dass sie es war, die er wollte.

Es war abwegig, sich darüber zu freuen. Und noch dazu treulos, denn immerhin wollte sie Tony heiraten. Dennoch wünschte Caroline sich einen Moment lang, dass sie diejenige wäre, die mit Justin die Party verließ.

„Warum bleibst du nicht noch ein bisschen, Paula?“, schlug Justin vor. „Ich muss jetzt wirklich los.“

Paula sah beunruhigt aus. Justin schien ihr zu entgleiten. „Aber wir …“

„Wir sehen uns dann am Montag in der Kanzlei.“ Sein Tonfall machte deutlich, dass er entschlossen war, allein zu gehen. „Nett, Sie kennengelernt zu haben, Tony. Caroline …“ Er hielt kurz ihren Blick fest, bevor er sich umdrehte und zielstrebig auf den Ausgang zuschritt.

„Verflixt!“, murmelte Paula wütend. Justin war gegangen, ohne sich noch einmal nach ihr umzudrehen.

„Diesmal hast du ...

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