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Die geheimen Küsse des Millionärs

1. KAPITEL

Der Mann hatte die blauesten Augen, die Paige Adams jemals gesehen hatte.

Ganz zu schweigen von dem Wahnsinnsbizeps, den breiten Schultern und diesem durch und durch ursprünglichen Wildwestcharme, der Frauenherzen zum Schmelzen brachte. Und obwohl sie sich normalerweise nichts aus Männern mit Bart machte, musste sie zugeben, dass der sorgfältig gestutzte Oberlippen- und Kinnbart diesem Mann besonders gut stand. Sie hätte schwören können, dass die Temperatur in ihrem Büro um mindestens zehn Grad gestiegen war, seit ihre Assistentin Cheryl den Fremden hereingeführt hatte.

„Paige, das hier ist Brandon Dilson“, stellte Cheryl ihn vor. „Ana Rodriguez hat ihn zu uns geschickt.“

Paige klappte das Notebook zu, zog den Saum ihres Kay-Unger-Blazers glatt und musterte flüchtig ihr Spiegelbild auf der Oberfläche des verchromten Stifthalters, um zu überprüfen, ob ihr Haarknoten noch dort saß, wo er sitzen sollte. Was er natürlich tat. Auf ihr Äußeres legte Paige besonders viel Wert. Als Imageberaterin war es schließlich ihr Job, stets gut auszusehen.

Geschäftsmäßig lächelnd stand sie auf und streckte die Hand aus. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr Dilson.“

Ihre Hand verschwand beinahe in seiner, und sein Händedruck war fest und warm. Unbeirrt sah er sie aus seinen meerblauen Augen an und lächelte dabei umwerfend sexy, sodass sich um seinen Mund herum kleine Grübchen zeigten. Du meine Güte, wie ich Grübchen liebe, dachte Paige fasziniert und hätte um ein Haar ihren eigenen Namen vergessen.

Sein Haar war dunkelblond, leicht lockig und lag auf dem Hemdkragen auf. Es schien Paige dazu verleiten zu wollen, es zu berühren, um herauszufinden, ob es so herrlich weich war, wie es aussah. Er trug ausgewaschene Jeans, dazu ein kobaltblaues T-Shirt und Cowboystiefel. Und er sah verdammt gut darin aus.

„Die Freude ist ganz meinerseits, Ma’am“, erwiderte er, und sein Lächeln ließ keinen Zweifel daran, dass er auch meinte, was er sagte.

Als Ana – die Leiterin der lokalen Weiterbildungseinrichtung Hannah’s Hope, die unter anderem darauf spezialisiert war, Erwachsenen das Lesen und Schreiben beizubringen – angekündigt hatte, einen ihrer Musterschüler für ein Beratungsgespräch zu ihr zu schicken, hatte Paige keineswegs mit einem attraktiven Cowboy gerechnet.

Cheryl, die hinter ihm stand, sah so verzückt aus, dass Paige auch ohne Worte wusste, was ihre Sekretärin dachte: Wer ist dieser Typ, und wo kann ich auch so einen herbekommen?

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Mr Dilson?“, fragte Cheryl. „Kaffee, Tee, Mineralwasser?“

Immer noch lächelnd sah er sich zu ihr um. „Nein, vielen Dank, Ma’am.“

Zu benehmen verstand er sich also ebenfalls. Wie süß.

Paige deutete auf den freien Stuhl vor ihrem Schreibtisch. „Bitte setzen Sie sich doch.“

Nachdem er ihrer Aufforderung gefolgt war, schlug er die muskulösen Beine übereinander und wirkte, als fühle er sich völlig wohl. Falls er an mangelndem Selbstwertgefühl wegen seines schlechten Schreibvermögens oder irgendwelcher eklatanter Bildungslücken litt, ließ er es sich zumindest nicht anmerken.

Sie strich ihren Rock glatt und setzte sich sittsam auf die Stuhlkante.

„Ich glaube, ich habe noch nie einen so aufgeräumten Schreibtisch gesehen“, sagte Mr Dilson, stützte die Arme auf den Lehnen seines Stuhls ab und verschränkte die Hände vor seinem stattlichen Brustkorb.

„Ich liebe Ordnung“, erwiderte sie. Das war schon fast eine zwanghafte Eigenschaft von ihr. Ein Psychotherapeut hätte ihr vermutlich erklärt, dass diese Neigung im direkten Zusammenhang mit ihrer chaotischen Jugend stand. Doch ihre Vergangenheit war ein für alle Mal Geschichte und würde auch nicht besser werden, wenn sie diese mit psychologischer Unterstützung wieder aufwärmte.

„Ich verstehe“, entgegnete er und bedachte sie mit einem forschenden Blick. Nur mühsam konnte Paige sich davon abhalten, nervös hin und her zu rutschen.

„Ich habe gehört, dass Sie auf der Gala von Hannah’s Hope für Ihre außergewöhnlichen Leistungen geehrt werden sollen“, sagte sie. „Herzlichen Glückwunsch.“

„Wenn man bedenkt, dass ein normaler Schüler dasselbe leistet, ist es doch nichts Besonderes. Aber sie wollen mir unbedingt den Preis verleihen.“

Umwerfend gut aussehend, höflich und bescheiden – diese drei Eigenschaften waren Paige sehr sympathisch, denn sie verabscheute arrogante Männer. Und von denen hatte sie wirklich mehr als genug kennengelernt.

„Hat Ana Ihnen erklärt, worin meine Arbeit für die Stiftung besteht?“, fragte sie.

„Noch nicht.“

„Ich bin Veranstaltungsplanerin und Imageberaterin.“

Leicht hob er eine Augenbraue. „Imageberaterin?“

„Ich helfe Menschen dabei, gut auszusehen und sich gut zu fühlen.“

„Nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich bin ganz zufrieden mit mir.“

Dafür hatte er auch allen Grund, doch ihrer Erfahrung nach gab es bei jedem Menschen noch etwas zu verbessern.

„Haben Sie schon mal im Rampenlicht gestanden, Mr Dilson? Eine Rede vor Publikum gehalten?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, Ma’am.“

„Dann ist es meine Aufgabe, Sie darauf vorzubereiten, was Sie bei der Preisverleihung erwartet. Ich mache Sie mit den formellen Aspekten der Gala vertraut – die ich übrigens selbst plane.“

„Mit anderen Worten sorgen Sie dafür, dass ich mich auf der Gala nicht blamiere – oder die Stiftung.“

Sie glaubte nicht, dass das passieren konnte. Mit diesem Aussehen würde er das Publikum sofort in seinen Bann schlagen. Sie verstand, warum Ana ihn als Aushängeschild der Stiftung auserkoren hatte. „Sie bringt also nichts aus der Ruhe“, stellte sie fest.

„Na ja, Menschenansammlungen sind nicht gerade meine Stärke. Ich mache immer gern eins nach dem anderen, wenn Sie verstehen, was ich meine“, erklärte er und zwinkerte ihr zu.

Falls er versuchte, sie aus der Fassung zu bringen, so war ihm das gelungen. Aus der obersten Schreibtischschublade holte sie einen Block und einen Stift heraus. „Erzählen Sie doch ein bisschen über sich.“

Er zuckte mit den Schultern. „Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich bin in Kalifornien geboren und aufgewachsen. Die letzten vierzehn Jahre habe ich auf verschiedenen Ranchs gearbeitet.“

Gern hätte sie noch mehr über ihn erfahren. Wie es beispielsweise dazu hatte kommen können, dass er erst als Erwachsener Lesen und Schreiben gelernt hatte. Aber Hannah’s Hope war ein traumhafter Kunde und verhalf ihrer Agentur Premier Image and Planning LLC zum ganz großen Geschäft. Die Stiftung als Auftraggeber zu verlieren, weil sie einem ihrer Musterschüler vor den Kopf stieß, war das Letzte, was Paige beabsichtigte. „Wie sind Sie auf die Stiftung aufmerksam geworden, Mr Dilson?“

„Sagen Sie doch einfach Brandon“, entgegnete er lächelnd. „Und ich glaube, Sie wollen bestimmt wissen, wie ich dreißig Jahre alt werden konnte, ohne Lesen zu lernen.“

„Sie haben mich ertappt. Also, wie haben Sie das gemacht?“

„Meine Mom ist gestorben, als ich noch klein war. Mein Dad hat beim Rodeo gearbeitet, und wir sind ständig von Stadt zu Stadt gezogen. Deswegen habe ich nie richtig eine Schule besucht.“

Es stimmte sie traurig, sich vorzustellen, wozu er es mit der richtigen Schulbildung hätte bringen können.

„Mein Boss will mich zum Vorarbeiter auf der Ranch machen, aber vorher muss ich Lesen lernen, und deswegen bin ich hier.“

„Sind Sie verheiratet?“

„Nein.“

„Kinder?“

„Nicht, dass ich wüsste.“

Als sie ihn überrascht ansah, lächelte er, und sie fragte sich, ob er überhaupt eine Ahnung hatte, wie umwerfend er auf Frauen wirkte.

„War nur ein Scherz“, meinte er.

Oh, klar, hatte sie doch gewusst. „Das heißt also nein?“

„Keine Kinder, richtig.“

„Eine Lebensgefährtin?“

„Warum wollen Sie das wissen?“, fragte er stirnrunzelnd. „Haben Sie etwa Interesse?“

Oh, er hatte ja gar keine Ahnung, wie viel Interesse sie an ihm hatte. Aber vor langer Zeit hatte sie sich geschworen, sich nur auf wohlhabende und gebildete Männer einzulassen. Und zwar nachdem sie und ihre Mom dank des erbärmlichen Freundes ihrer Mutter dazu gezwungen worden waren, den schäbigen Wohnwagen zu verlassen und eine Zeit lang in einem noch schäbigeren Frauenhaus unterzukommen. Paige bevorzugte Männer, die ihr kein Geld aus dem Portemonnaie stahlen, um damit Drogen oder billigen Fusel zu kaufen oder es auf einen vermeintlich todsicheren Tipp beim Pferderennen zu setzen.

Natürlich glaubte sie nicht, dass Brandon auch nur im Geringsten etwas mit den Verlierern gemein hatte, auf die ihre Mutter immer wieder hereingefallen war. Ganz bestimmt war er ein echt netter Kerl – und nebenbei auch noch eine wahre Augenweide. Wenn sie ihn ansah, lief ihr förmlich das Wasser im Mund zusammen. Er war halt nur nicht der Typ Mann, mit dem sie sich verabreden würde, auch wenn sie seine finanzielle Lage unberücksichtigt ließ. Er war viel zu sexy und charmant, und sie verspürte keine Neigung, sich hoffnungslos in jemanden zu verlieben. Ihr schwebte ein verantwortungsbewusster, verlässlicher und sicherer Mann vor. Jemand, dem seine Karriere genauso viel bedeutete wie ihr die ihre. Jemand, der ihr ebenbürtig war und sich um sie kümmern konnte, falls es notwendig sein sollte. Nicht, dass das jemals der Fall gewesen wäre, denn sie hatte stets verstanden, für sich selbst zu sorgen. Trotzdem schadete es ja nie, einen Notfallplan in petto zu haben, oder?

„Ich habe nur wissen wollen, ob Sie noch ein zweites Ticket für die Gala benötigen“, erwiderte sie.

„Nein, Ma’am, ich brauche kein Extraticket.“

Ihr war nicht entgangen, dass er zwar geantwortet hatte, jedoch nicht näher darauf eingegangen war, ob er eine Lebensgefährtin hatte. Eigentlich war es auch nicht wichtig, ob sie davon wusste.

„Sie besitzen nicht zufällig einen Smoking?“, fragte sie.

Er lachte. „Nein, Ma’am, so was besitze ich nicht.“

Die Anrede mit Ma’am nervte sie allmählich. „Sie können ruhig Paige zu mir sagen.“

„Okay … Paige.“

Irgendwie wurde ihr plötzlich ganz heiß dabei, wie er ihren Namen aussprach, und sie widerstand dem Drang, sich kühle Luft zuzufächeln. „Die Gala findet in weniger als einem Monat statt. Als Erstes kümmern wir uns um einen passenden Leihsmoking für Sie.“

„Bei allem Respekt, aber das kann ich mir bestimmt nicht leisten.“

Sie zerstreute seine Zweifel. „Sicher kommt die Stiftung für die Kosten auf.“

„Ich will aber keine Almosen.“

„Wir sind eine Wohlfahrtseinrichtung, und wir helfen Menschen. Und bei einer Benefizveranstaltung ist nun einmal Abendgarderobe erforderlich.“

Sein Blick verfinsterte sich. „Ist das denn legal?“, fragte er misstrauisch.

Etwas verwirrt von seinem plötzlichen Stimmungswechsel hakte sie nach: „Was wollen Sie damit sagen?“

„Dass eine Stiftung für Alphabetisierung Geld ausgibt, um Smokings zu leihen. Das klingt unmoralisch.“

So hatte sie das noch nicht betrachtet, allerdings bezweifelte sie, dass es ein Problem darstellen würde. „Ich spreche mit Ana darüber. Bestimmt finden wir eine Lösung.“

Das schien ihn zu besänftigen. Sie hoffte, dass er die Hilfe der Stiftung annehmen würde, denn es wäre eine verdammte Schande, Brandon nicht in einen Smoking zu stecken. Er würde fantastisch darin aussehen. Obwohl ihm vermutlich gar keine Kleidung am besten stehen würde. Und was man alles mit diesem Körper anstellen konnte …

„Also, dann machen wir es jetzt“, sagte er.

Es machen? Erschreckt holte sie Luft. Sie hatte doch nicht laut gesprochen, was sie gerade gedacht hatte, oder? Nein, bestimmt nicht. Konnte er etwa Gedanken lesen? „W… wie bitte?“

„Sie haben doch gesagt, wir brauchen einen passenden Smoking für mich. Also fangen wir an.“

Oh, der Smoking. „Ja, klar. Natürlich.“

„Was haben Sie denn gedacht?“

Die Wahrheit blieb sie ihm besser schuldig. „Nichts. Ich … ich habe nur nicht gedacht, dass wir sofort auf die Suche gehen.“

Er beugte sich vor. „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“

„Ja, sicher, aber …“ Stirnrunzelnd klappte sie das Notebook auf und überprüfte die Termine für den heutigen Tag. „Ich muss auf meinen Kalender sehen. Heute Nachmittag wollte ich eigentlich ein paar Telefonate führen.“

Forschend betrachtete er sie. „Sie gehören wohl zu den Frauen, die ihren Arbeitstag von der ersten bis zur letzten Minute durchplanen?“

So wie er das sagte, klang das ja, als sei sie ein Freak! So spontan, wie er lebte, hatte er sicher keine Ahnung von den Anforderungen in der Privatwirtschaft. Allerdings war sie so unflexibel nun auch wieder nicht. Normalerweise pflegte sie sich mehrere Tage auf solche Treffen vorzubereiten, aber wenn sie ein paar Dinge verschob und nachher eine Stunde länger im Büro blieb, dann könnte es klappen.

Es war ja nicht so, dass bei ihr zu Hause etwas Dringendes anstand. Sie besaß noch nicht einmal ein Haustier. „Ich kann Sie wohl noch dazwischenschieben“, meinte sie. „Aber vorher muss ich ein paar Sachen mit Cheryl besprechen.“

„Wie wär’s, wenn wir uns draußen treffen?“

„Klar doch. Geben Sie mir eine Minute.“ Sie standen zur selben Zeit auf. Brandon überragte sie um gute fünfzehn Zentimeter, obwohl sie hochhackige Manolo Blahniks trug. Normalerweise schüchterten große Männer sie nicht ein. Normalerweise schüchterte sie nichts ein, aber etwas an ihm machte sie nervös. Der Gedanke, dass sie auf dem Weg zur Tür an ihm vorbei musste, verunsicherte sie.

Was dachte sie denn, würde er tun? Sie in seine Arme ziehen und sie küssen, dass ihr Hören und Sehen verging? Ach, wenn er das doch täte … Die Anwesenheit eines so unverschämt attraktiven Mannes erinnerte Paige daran, wie lange es her war, dass sie im Mittelpunkt männlicher Aufmerksamkeit gestanden hatte. In den vergangenen Monaten war sie derart beschäftigt gewesen, dass sie noch nicht einmal an Verabredungen gedacht hatte. Und Sex? Verdammt, sie konnte sich kaum noch daran erinnern, wann sie zum letzten Mal welchen gehabt hatte. Das hieß, welchen, der es wert war, dass man sich an ihn erinnerte. Was für ein Armutszeugnis war das denn? Bestimmt könnte Mr Dilson dieser Abstinenz ein äußerst vergnügliches Ende bereiten. Aber er war kein Typ für eine Beziehung, und sie war eben keine Frau für One-Night-Stands. Außerdem vermischte sie niemals Geschäftliches mit Privatem. Im Großen und Ganzen war es nur zu ihrem Besten, wenn sie ihren Job erledigte und sich so weit wie möglich von Brandon Dilson fernhielt.

Jeder, der behauptete, es hätte keine angenehmen Seiten, den ungebildeten Hilfsarbeiter zu mimen, um einen verbitterten Rivalen in Verruf zu bringen, der kannte Paige Adams nicht.

Brandon Worth – oder Brandon Dilson, denn das war der Name, unter dem man ihn in Hannah’s Hope kannte – stand gegen die Fahrertür seines Pick-up-Trucks gelehnt, genoss die Wärme der kalifornischen Sonne und dachte über die jüngsten Entwicklungen nach. Als er die Entscheidung getroffen hatte, sich bei Hannah’s Hope einzuschleichen und die Stiftung als die betrügerische Einrichtung zu entlarven, die sie seiner Meinung nach war, hatte die Verführung einer Subunternehmerin nicht auf dem Programm gestanden. Doch ein Mann musste schließlich tun, was ein Mann tun musste. Vielleicht würde er mehr über die unlauteren Praktiken herausfinden, die er hinter dem Erfolg von Hannah’s Hope vermutete. Und damit würde er endlich den Stiftungsgründer Rafe Cameron in den Untergang treiben.

Hätte Brandon sich nicht dafür entschieden, die Familienfarm zu bewirtschaften, statt seinem gesundheitlich angeschlagenen Vater zur Seite zu stehen, dann hätte er die feindliche Übernahme von Worth Industries durch Cameron Enterprises vielleicht zu verhindern gewusst. Die Firma war seit Generationen im Besitz seiner Familie gewesen. In letzter Zeit ging das Gerücht, dass Rafe vorhatte, die Fabrik zu schließen, was mehr als die Hälfte der Bürger von Vista del Mar in die Arbeitslosigkeit stürzen würde. Brandon fühlte sich persönlich verantwortlich, weil er seiner Verantwortung der Stadt gegenüber nicht nachgekommen war – und das nur wegen einer Auseinandersetzung mit seinem Vater, die jetzt fünfzehn Jahre zurücklag. Nun war er wild entschlossen, das wiedergutzumachen.

Mithilfe von Hannah’s Hope plante er, Rafe als den Schwindler zu entlarven, der er war. Leider hatten die freiwilligen Helfer, mit denen er in den vergangenen Monaten zu tun gehabt hatte, keine Ahnung von den inneren Strukturen der Stiftung gehabt. Außerdem hatte er sorgfältig darauf geachtet, sich vom Büro der Organisation fernzuhalten, da er einen Überraschungsbesuch seiner Schwester Emma befürchtete, die im Vorstand tätig war. In den letzten fünfzehn Jahren hatte er sich äußerlich nicht sehr stark verändert, und seine eigene Schwester würde ihn bestimmt wiedererkennen.

Paige Adams könnte zu seinem Ass im Ärmel werden.

In diesem Moment trat sie aus dem Gebäude, zog eine Designersonnenbrille aus ihrer Designerhandtasche und setzte sie auf, bevor sie zu ihm herüberkam. Sie schien ein Faible für Marken zu haben.

Im Grunde stand er nicht auf diese Geschäftsfrauen, aber viel schlimmer als seine geldgierige Exverlobte konnte sie auch nicht sein. Außerdem hatten so viele Funken gesprüht, als sie sich die Hand gegeben hatten, dass er schon befürchtet hatte, ihr ordentlicher Schreibtisch würde in Flammen aufgehen. Er hatte den Verdacht, dass unter der sorgfältig gestylten Person eine wilde Lady lauerte, die nur darauf wartete, entfesselt zu werden. Zu gerne würde er ihr dabei behilflich sein, ihr hellblondes hochgestecktes Haar ein wenig in Unordnung bringen und diesen makellos aufgetragenen Lippenstift wegküssen.

Seine Gegenwart machte sie offensichtlich nervös, und das würde er zu seinem Vorteil nutzen.

Er öffnete die Beifahrertür und deutete ins Wageninnere. „Hüpfen Sie rein.“

Überrascht blieb sie stehen. „Oh, ich hatte gedacht, dass wir uns im Geschäft treffen.“

„Warum Benzin verschwenden, wenn wir doch dasselbe Ziel haben?“

Sie zögerte. Vielleicht glaubte sie, dass er auch ein schlechter Fahrer war, nur weil er nicht lesen konnte. Oder sie zog es einfach vor, immer die Kontrolle zu behalten. Das ergab bei einer so selbstbeherrschten Frau wie Ms Adams durchaus einen Sinn. Also schenkte er ihr sein reizendstes Lächeln. „Vertrauen Sie mir etwa nicht?“

Man sah ihr förmlich an, wie sie angestrengt nach einer Antwort suchte, die den Starschüler der Stiftung nicht beleidigte. Schließlich spähte sie in den Truck. Er war nicht sicher, was sie da zu finden glaubte. Oder sie machte sich Sorgen um ihre Designerklamotten. Der Hosenanzug allein musste sie das Gehalt einer Woche gekostet haben. War sie etwa nur ein verwöhntes Mädchen, das von ihrem Daddy alle Wünsche erfüllt bekommen hatte? Auf dem Internat hatte er mehr als genug von diesen selbstsüchtigen Prinzessinnen getroffen.

„Ich bringe Sie in einem Stück wieder zurück“, sagte er. „Versprochen!“

Endlich nickte sie und begann einzusteigen, was angesichts ihrer hohen Absätze eine beachtliche Leistung war. Er umfasste ihren Ellbogen, um ihr dabei behilflich zu sein, und erhaschte einen Blick auf ihren seidenbestrumpften Oberschenkel und – aber hallo, dachte er erfreut, war das etwa ein Strumpfhalter, der darunter hervorblitzte?

„Schnallen Sie sich an“, bat er, bevor er die Tür schloss und zur Fahrerseite ging. „Wo müssen wir hin?“

Sichtlich nervös erklärte sie ihm den Weg und fragte dann: „Wissen Sie, wo das ist?“

„Na klar.“ Zwar hatte er Vista del Mar mit fünfzehn verlassen, als er aufs Internat gegangen war, aber es hatte sich seitdem nicht viel verändert. Während er sich in den Verkehr einfädelte, rutschte Paige verlegen auf die gegenüberliegende Seite der Sitzbank und hielt sich krampfhaft am Sitzpolster fest.

Er musste rasch aus dem Seitenfenster sehen, um sein Grinsen zu verbergen.

Ordnung und Disziplin waren sicherlich sehr wichtig für Paige Adams. Und vielleicht mochte es ein wenig unmoralisch sein, aber wenn er sie schon benutzte, um an Informationen zu gelangen, dann konnte er sich doch gleichzeitig das harmlose Vergnügen erlauben, ihre geordnete Welt aus den Angeln zu heben.

2. KAPITEL

Für einen Mann, der die meiste Zeit abgeschieden vom Rest der Welt in der Gesellschaft von Pferden verbrachte, verstand Brandon sich ausgezeichnet auf den Umgang mit Menschen.

Der Laden, den Paige mit Brandon aufsuchen wollte, war erst vor Kurzem eröffnet worden und Paige war bisher noch nicht da gewesen. Allerdings wusste sie bereits nach zwölf Minuten, dass sie bestimmt nicht noch einmal hierherkommen würde. Die Verkäuferin war eine mürrisch dreinschauende Person, die telefonierte, als Paige und Brandon eintraten. Erst nach zehn Minuten kam sie mit einem hochnäsigen Blick auf sie zu. Als Paige ihr erklärte, dass sie nur über ein begrenztes Budget verfügten und daher die Sonderangebote zu sehen wünschten, besaß sie sogar die Unverfrorenheit, die Augen zu verdrehen. Am liebsten hätte Paige auf der Stelle ein anderes Geschäft aufgesucht, doch bereits einige Minuten später war die Verkäuferin Brandons Charme gänzlich erlegen. Paige war schlichtweg fasziniert. Als Brandon dann auch noch erwähnte, dass der Smoking für eine Wohltätigkeitsveranstaltung gedacht sei, bot ihm die Verkäuferin sogar ein teureres Modell zum selben Preis an.

„Das nenne ich mal ein interessantes Erlebnis“, sagte Brandon, als sie endlich wieder im Pick-up saßen und zum Büro zurückfuhren.

„Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Ich bin heute zum ersten und einzigen Mal in diesem Laden gewesen.“

„Und warum wollen Sie denn nicht mehr hin?“

„Nachdem sie uns erst so herablassend behandelt hat? Ich verstehe nicht, wie Sie so freundlich zu dieser eingebildeten Schnepfe sein konnten.“

Er zuckte mit den Schultern. „Im Zweifel für den Angeklagten. Vielleicht hat sie ja nur einen schlechten Tag gehabt.“

„Das ist trotzdem keine Entschuldigung für Unhöflichkeit.“

„Wollen Sie mir etwa weismachen, dass Sie nie schlecht drauf sind?“, fragte er. „Und dass jemand anderer ganz zu Unrecht Ihren Ärger abbekommt?“

„Jedenfalls lasse ich meinen Frust nie an Kunden aus.“

„Tja, dann sind Sie besser als die meisten anderen Menschen.“

Oder sie hatte einfach nur gelernt, ihre Gefühle aus dem Geschäftsleben herauszuhalten. Sie fand es schade, dass jemand mit Brandons Talent im Umgang mit anderen Menschen auf einer Farm arbeitete. Mit der richtigen Förderung könnte er so viel mehr mit seinem Leben anstellen. Mit seinen neu erworbenen Kenntnissen würde er sogar seinen Schulabschluss nachholen und aufs College gehen können.

Nicht, dass es sie etwas anging, was er mit seinem Leben anstellte, rief sie sich gleich darauf zur Ordnung. Zwar war es ihre Aufgabe als Imageberaterin, das Leben von Menschen zu verändern, und das tat sie mit aller Leidenschaft, aber Brandon hatte ihr ziemlich deutlich gemacht, dass er zufrieden war mit seinem Leben. Sie hatte kein Recht, ihre Nase in seine Angelegenheiten zu stecken – auch, wenn sie fand, dass er sein Potenzial vergeudete.

Plötzlich fiel ihr auf, dass Brandon nicht zum Büro zurückfuhr. „Sie hätten da hinten abbiegen müssen“, sagte sie und deutete hinter sich auf die Straße. Möglicherweise hatte er sich ja den Weg nicht richtig gemerkt, schließlich kam er ja nicht von hier.

„Ich weiß schon, wohin ich fahre“, erwiderte er.

„Aber dorthin wäre es zu meinem Büro gegangen. Wenn wir hier weiterfahren, kommen wir Meilen vom Weg ab.“ Und darüber hinaus gelangten sie in einen nicht sehr angesehenen Teil der Stadt.

„Vielleicht fahre ich Sie ja gar nicht zum Büro zurück.“

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