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Die geheime Drachenschule

BASTEI ENTERTAINMENT

Charles schloss die Augen und legte den Kopf an die bucklige Stirn seines Gegenübers. Er streckte die Arme aus und erreichte gerade so mit den Fingern die Hörner seines besten Freundes. Er umklammerte die astdicken Spitzen, um seine Stirn noch fester gegen die des uralten Wesens pressen zu können. Es war ein Abschied für lange Zeit. Vielleicht für immer.

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Foul!“

Henry lag auf dem Rücken und umklammerte sein Bein. Dieser Tritt hatte ordentlich wehgetan! Henry sollte wirklich noch mal darüber nachdenken, in Zukunft mit Schienbeinschonern zu spielen.

Die Pfeife des Schiedsrichters ertönte, seine Mitspieler jubelten, und ihre Gegner stöhnten auf. Es war mal wieder ein typischer Samstagnachmittag auf dem Fußballplatz.

Ein Junge mit roten Haaren zog Henry wieder auf die Beine.

„Geht’s?“, fragte er, und Henry nickte seinem Teamkollegen zu. An blaue Flecken war er gewöhnt. Gemeinsam sahen sie zum Schiri, der auf den Elfmeterpunkt deutete.

„Yes!“, freute sich Henry. Wenn er den Elfer verwandelte, würden sie nicht nur gewinnen. Dann waren sie Tabellenführer!

Er wandte den Kopf zur Anzeigetafel. 1:1 stand dort, und die Uhr daneben zeigte die 89. Spielminute an.

Henry schnappte sich den Ball und legte ihn auf den Elfmeterpunkt. Dann rückte er seine Kapitänsbinde zurecht und sah zum gegnerischen Torwart. Er war in die Knie gegangen und hatte seine langen Arme ausgestreckt. Der Spitzname Krake passte perfekt. Langsam ging Henry einige Schritte rückwärts, um Anlauf zu nehmen.

Heute war sein elfter Geburtstag. Ein besseres Geschenk, als seine Mannschaft zum Sieg zu schießen, gab es nicht. Er grübelte noch, in welche Ecke er schießen sollte, als plötzlich ein Mann hinter dem Tor auftauchte. Fast wäre Henry schon losgelaufen, doch irgendetwas ließ ihn stutzen. Der Fremde passte einfach nicht ins Bild. Er trug einen langen schwarzen Mantel, der sehr teuer aussah, schwarze Hosen und feine Lederschuhe. Definitiv die falschen Klamotten für den matschigen Fußballplatz der Pimrose Mittelschule. Sahen so etwa die Talentsucher der Profiklubs aus? Henry wurde nun doch ein wenig nervös, aber der Fremde lächelte ihm aufmunternd zu. Dann deutete er unauffällig mit dem Kopf ins linke obere Eck des Tores.

Der Pfiff des Schiedsrichters ertönte, und Henry atmete tief durch. Konzentrier dich!, ermahnte er sich selbst. Schließlich hing nun alles an ihm. Er lief los. Er konnte nicht sagen, warum, aber er vertraute dem Fremden. Und einen Moment später zappelte der Ball im Netz. Der Torwart hatte sich für die falsche Ecke entschieden.

Henry riss die Arme hoch. 2:1! Er hatte getroffen! Laut jubelnd kamen seine Mitspieler auf ihn zugerannt und begruben Henry unter sich. Als er sich endlich aus den vielen Umarmungen befreit hatte, schaute er zum Tor. Doch der Fremde war verschwunden. Seltsam, dachte Henry und war einen Moment lang enttäuscht. Doch dann lief er zu seiner Mutter, die am Spielfeldrand begeistert auf und ab sprang. Ihren bunten Schal hatte sie fest um sich gewickelt. Zwar schien die Sonne, doch im Frühherbst in London bedeutete das nicht viel.

„Gut gemacht“, strahlte sie ihn an und wuschelte ihm durch die Haare. Sie war sein größter Fan.

„Das ist der beste Geburtstag überhaupt!“, freute sich Henry atemlos. „Hast du den Typen hinterm Tor gesehen, Mum?“, fuhr er aufgeregt fort. „Der hat mir gezeigt, wohin ich schießen soll. Ich wette mit dir, das war ein Talentsucher. Vielleicht sogar von Arsenal London. Stell dir das mal vor …“

Seine Mutter unterbrach ihn. „Er hat dir einen Tipp gegeben?“, fragte sie ernst.

Henry nickte.

Sie bekam große Augen. „Henry, der Mann war kein Talentsucher. Zumindest nicht für einen Fußballklub. Hast du nicht das Wappen auf seinem Mantel gesehen? Das war eindeutig ein …“

Doch weiter kam sie nicht, denn der Trainer der Pimrose Mittelschule rief Henry ungeduldig auf den Platz zurück. Noch war das Spiel nicht vorbei.

„Gleich, Mum! Wir müssen noch das Spiel gewinnen!“, rief Henry und lief los.

Seine Mannschaft spielte auch die letzten Minuten souverän und gewann mit 2:1. Als der Schiedsrichter abpfiff, ließ sich Henry abgekämpft, aber glücklich ins Gras fallen. Wieder einmal hatte er seine Mannschaft zum Sieg geschossen. Und wenn er richtig rechnete, führte er mit den beiden Toren von heute die Torschützenliste an. Damit hatte er beste Chancen, zum dritten Mal in Folge Torschützenkönig zu werden. Und wer weiß, vielleicht schaffte er es irgendwann sogar auf eins der begehrten Fußballinternate. Henry starrte verträumt in den Himmel.

„Henry!“, ertönte da die Stimme seiner Mutter. Richtig, noch war es nicht so weit. Jetzt wurde erst mal gefeiert: das gewonnene Spiel und sein Geburtstag. Schließlich wartete zu Hause ein riesiges Blech Apfelkuchen darauf, von ihm und seinen Freunden vernichtet zu werden.

Henry rappelte sich auf und blickte sich um. Erstaunt stellte er fest, dass sich der Fußballplatz in Windeseile geleert hatte. Die meisten seiner Mitspieler waren bereits bei ihren Eltern, um sich auf den Heimweg zu machen.

„Hey!“, rief Henry ihnen hinterher. „Kommt ihr nicht noch mit zu mir? Geburtstagskuchen essen und unseren Sieg feiern?“

Ein kräftiger Junge mit hochrotem Kopf drehte sich zu ihm um, wurde aber von seiner Mutter am Ärmel weitergezerrt.

„Ein andermal“, rief er. „Hast du es noch nicht gehört? Alle wollen schnell nach Hause. Wie dämlich wäre es, wenn ein Späher von Sieben Feuer bei einem klingelt und man ist nicht da?“

„Sieben Feuer? Was redest du denn für einen Quatsch? He, warte!“

Doch die Eltern des Jungen hatten ihn bereits außer Hörweite geschleift.

Verwirrt lief Henry zu seiner Mutter, die immer noch am Spielfeldrand stand und auf ihn wartete.

„Hast du das gehört, Mum?“, fragte Henry. „Was haben die denn auf einmal mit Sieben Feuer? Ich wusste echt nicht, dass die noch an Märchen glauben.“

Seine Mutter wirkte nervös. „Henry, der Mann hinter dem Tor, der dir den Tipp gegeben hat …“

„Der Talentsucher?“

Seine Mutter schüttelte den Kopf. „Das war kein Talentsucher.“

„Nicht?“, fragte Henry enttäuscht.

„Na ja, jedenfalls nicht so, wie du denkst. Hol erst mal deine Sachen. Ich erkläre es dir auf dem Heimweg.“

Henry seufzte. Schnell rannte er zur Spielerbank, wechselte die Schuhe, nahm seine Tasche und lief zurück zu seiner Mum.

Das kleine Reihenhaus, in dem Henry mit seiner Mutter wohnte, lag nicht weit entfernt, und so gingen Henry und seine Mum immer zu Fuß zu den Heimspielen. Normalerweise trödelten sie auf dem Rückweg gerne, aber heute hatte es Henrys Mutter eilig.

„Also, was habe ich verpasst?“, fragte Henry ungeduldig.

Seine Mutter zupfte nervös an den Enden ihres Schals. „Es ist so“, begann sie. „Der Mann, der hinter dem Tor aufgetaucht ist … Er hatte ein Wappen auf seinem Mantel. Das Zeichen von Sieben Feuer.“

Henry blieb stehen. Also doch? Hatte sein Freund vielleicht gar keinen Unsinn erzählt?

Henry erinnerte sich an die Geschichten seines Urgroßvaters. Das Internat von Sieben Feuer reihte sich ein in die großen Mythen des Königreichs. Und wie jedes Kind kannte auch Henry die Legenden, die sich um Robin Hood, die Ritter der Tafelrunde, das Monster von Loch Ness und eben um Sieben Feuer rankten. Der große Unterschied war nur, dass es Sieben Feuer angeblich wirklich noch gab.

„Du meinst also, der Mann kommt von Sieben Feuer, um mich zu holen? Wie Uropa immer gesagt hat?“, fragte Henry aufgeregt und fing wieder an zu träumen. „Mum, stell dir das mal vor! Ich in Sieben Feuer. Das wäre der Oberkracher! George aus der Fünften hat erzählt, dass man dort zum Geheimagenten ausgebildet wird. Und jeder, der dort war, wird anschließend stinkreich! Dann kaufe ich uns die Villa mitten in der Stadt direkt am Stadion. Dann können wir vom Balkon aus Arsenal London bei den Heimspielen zugucken. Mum, ich muss dahin!“

„Mach dir mal nicht zu große Hoffnungen, Henry“, sagte seine Mutter, während sie weitergingen. „Und nebenbei: Als Geheimagent hast du keine Zeit mehr zum Fußballgucken, weder vom Balkon aus noch im Fernsehen.“

Aber Henry hörte ihr gar nicht mehr richtig zu. Er malte sich gerade aus, wie er als James Bond Verbrecher jagte. Doch anders als der berühmte Spion würde er keinen Anzug, sondern ein Fußballtrikot tragen. Mit dem Wappen von Sieben Feuer auf der Brust. Ob es dort überhaupt eine Fußballmannschaft gab? Sie bogen in den Holunderweg ein, an dessen Ende ein riesiger Fliederbusch wuchs. Und dahinter stand ihr kleines Häuschen.

„Ich lauf schon mal vor!“, rief Henry aufgeregt.

Ihr schmales Sträßchen lag verlassen da. Nur das Gartentor ihrer Nachbarn quietschte leise im Wind. Ansonsten war es still. Sehr still.

Es wirkte definitiv nicht so, als ob sie ein Empfangskomitee von Sieben Feuer erwarten würde. Enttäuscht wurde Henry langsamer.

Er umkurvte den großen Fliederbusch und blieb wie angewurzelt stehen.

„Das gibt’s doch nicht“, flüsterte Henry.

Auf den Stufen der Treppe, die zu ihrer Haustür führte, saß der ganz in Schwarz gekleidete Mann vom Fußballplatz. Und auf seiner Brust prangte ein Wappen. Sieben goldene Flammen.

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Darf ich mich auf eine Tasse Tee einladen, Henry?“, fragte der Fremde und stand auf.

Henry starrte ihn stumm und mit offenem Mund an.

Woher kannte er seinen Namen?

Als Henrys Mum das Haus erreichte, blieb auch sie wie versteinert stehen.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie so überrumple. Das ist eigentlich nicht meine Art“, ergriff der Fremde wieder das Wort. „Aber wollen wir nicht vielleicht reingehen?“ Er deutete zur Tür.

Henrys Mum erwachte aus ihrer Starre. Sie kramte nervös in ihrer Tasche und zog einen Schlüssel hervor. Und während sie aufschloss, musterte Henry den Fremden.

„Ist das wirklich das Wappen von Sieben Feuer?“, platzte es schließlich aus ihm heraus.

Der junge Mann lächelte stumm und zeigte auf das Küchenfenster des Nachbarhauses. Der Vorhang hatte sich fast unbemerkt zur Seite geschoben, und die Nasenspitze der Nachbarin lugte hervor.

„Bitte, kommen Sie rein“, sagte Henrys Mutter mit zittriger Stimme.

Sie gingen durch den schmalen Flur in die Küche. Die Erwachsenen setzten sich, und Henry ging zum Herd, um Teewasser aufzusetzen.

Nach mehreren Versuchen flackerte ein bläulicher Flammenkranz um eines der Kochfelder. Henry füllte den verbeulten Teekessel mit Wasser und stellte ihn auf die Flamme, bevor er sich zu seiner Mum und ihrem Gast setzte.

Der Fremde räusperte sich.

Henry schaute ihn gespannt an.

„Wie wär’s, wenn du unter die Dusche hüpfst und dir was anderes anziehst?“, schlug seine Mum vor.

Henry blickte an seinen Fußballklamotten hinab und dann zu seiner Mutter. Um nichts in der Welt wollte er verpassen, was der Fremde von Sieben Feuer zu sagen hatte. Doch seine Mutter wies mit einem entschuldigenden Lächeln zur Küchentür.

„Es gibt da ein paar Dinge, die ich mit deiner Mum unter vier Augen besprechen möchte“, bestätigte der Fremde.

„Oh Mann“, murmelte Henry und sprintete los. Noch auf der knarzenden Treppe nach oben zog er das Trikot aus, der Rest seiner Klamotten landete auf dem Fußboden im Flur. Er wollte keine Zeit verlieren. Statt zu warten, bis das Wasser warm wurde, sprang er, ohne zu zögern, unter den eiskalten Wasserstrahl. Das Einseifen sparte er sich. Er hüpfte vor Kälte von einem Bein auf das andere und stellte das Wasser wieder ab.

Das Handtuch um die Hüften gebunden, rannte er in sein Zimmer, riss den Kleiderschrank auf und griff wahllos hinein. Keine fünf Minuten nachdem er die Küche verlassen hatte, schlitterte er auf verschiedenfarbigen Socken den Flur entlang und polterte wieder in die Küche – zeitgleich mit dem Pfeifen des Teekessels.

Die Erwachsenen unterbrachen ihr Gespräch und schauten ihn erstaunt an.

„Das war wohl eher eine Katzenwäsche“, murmelte ihr Gast.

„Na ja, immerhin kommst du genau richtig, um deinem Cousin eine Tasse Tee anzubieten“, sagte seine Mum und lächelte.

Henry stutzte. „Cousin?“

Der Mann nickte. „Dritten Grades.“ Er stand auf und deutete eine Verbeugung an. „Wie unhöflich von mir, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: Charles Benedict Alexander McBain. Und gerne nehme ich einen Tee. Auch wenn wir uns eigentlich sputen müssten. Aber für eine gute Tasse Tee sollte immer genug Zeit sein. Hat schon meine Großmutter immer gesagt. Ihr habt nicht zufällig Kamille da?“

Wieso sputen?, fragte Henry sich. Und Kamille? Im Ernst? Wer trank freiwillig dieses eklige Zeug, wenn er nicht krank war?

Henry blickte dem Fremden neugierig ins Gesicht. Wirklich ähnlich sahen sie sich nicht. Henry hatte dunkelbraune Augen und leicht abstehende Ohren. Charles hingegen blickte ihn aus strahlend blauen Augen an. Okay, die etwas schiefe Nase hatten sie gemeinsam, aber mehr auch nicht.

Nachdem Henry den Teekessel vom Herd genommen hatte, goss er den Tee auf.

„Wieso müssen wir uns denn beeilen?“, fragte Henry. Er reichte seiner Mutter und seinem Cousin einen dampfenden Becher und setzte sich wieder zu ihnen. Seine Mutter zog eine Grimasse, als sie den Kamillentee entgegennahm, und zwinkerte Henry zu.

Charles hingegen blies in seinen Becher, nahm einen Schluck und sah ihm dann fest in die Augen. „Ich komme in der Tat von Sieben Feuer. Und du, lieber Cousin, wurdest auserwählt. Die Wolkenburg ruft nach dir.“

„Die Wolkenburg?“, krächzte Henry.

„So heißt das Schulgebäude auf Sieben Feuer.“

Es war also wirklich wahr. Henry stellte seinen Becher ab. Vor Aufregung zitterte seine Hand so stark, dass an trinken nicht zu denken war. Tausend Fragen wirbelten durch seinen Kopf, und er brachte nicht eine einzige über die Lippen.

Hilfe suchend blickte er zu seiner Mum. Sie nickte ihm aufmunternd zu.

Henry holte tief Luft und fasste etwas Mut. „Gibt … Gibt es eine Fußballmannschaft auf Sieben Feuer?“

Als er die Frage gestellt hatte, konnte er es selbst nicht fassen. Bei all den Geheimnissen, die sich um Sieben Feuer rankten, war die Frage nach einem Fußballteam wohl die dämlichste, die man stellen konnte.

Charles schüttelte den Kopf. „Auf Sieben Feuer bevorzugt man gefährlichere Spiele.“

Henry war beeindruckt. „Was denn genau?“

Statt zu antworten, hob Charles seinen Becher und nahm einen weiteren Schluck. Dabei fielen Henry die mit Narben und Schwielen übersäten Hände auf, die so gar nicht zu dem sonst so eleganten Auftreten seines Cousins passen wollten.

Henrys anfängliche Scheu war verflogen. Seine Neugier war größer. Er wollte mehr über diesen geheimnisvollen Ort erfahren.

„Die Verletzungen an deinen Händen? Sind die auch von Sieben Feuer?“

„Henry!“, tadelte ihn seine Mutter. „So was fragt man nicht.“

Doch sein Cousin lächelte.

„Der Preis, den man für die Ausbildung auf Sieben Feuer zahlt, ist kein geringer. Aber ich versichere dir, er ist jede Schramme, jeden blauen Fleck und jeden Kratzer wert. Zumal die Blessuren eh recht schnell verheilen.“

Henry spürte den Arm seiner Mutter, der sich um seine Schulter legte.

„Machen Sie sich keine Sorgen um Ihren Jungen. Es gibt da jemanden auf Sieben Feuer, der Henry beschützen wird. Und glauben Sie mir, mit diesem Jemand an seiner Seite wird Sieben Feuer zum sichersten Ort der Welt für ihn.“

„Und wer genau ist das?“, fragte Henry.

Charles kniff die Lippen zusammen und schüttelte bedauernd den Kopf. „Sieben Feuer bewahrt seine Geheimnisse. So war es von Anbeginn, so muss es für immer sein“, sagte er. Fast hörte es sich so an, als ob er aus einem Buch zitieren würde. Er blickte kurz auf seine Uhr. „Wer nach Sieben Feuer berufen wird, folgt dem Ruf. Auserwählt zu werden ist ein Geschenk und gleichzeitig eine Verantwortung, die man nicht ablehnen kann.“ Charles hob seine Schultern. „Ich weiß, das alles kommt ziemlich plötzlich. Aber es geht nicht anders. Vertrau mir. Du kannst noch in Ruhe deinen Tee trinken, Henry. Danach müssen wir aufbrechen.“

„Aufbrechen? Jetzt sofort?“ Henry blickte mit weit aufgerissenen Augen zwischen seiner Mum und Charles hin und her.

Seine Mutter beugte sich vor und griff wieder nach seinen Händen. „Es ist genauso, wie Uropa es uns immer wieder erzählt hat.“

Charles schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Hat mich wirklich sehr gefreut. Einen tollen Jungen haben Sie. Ich bin mir sicher, dass er Ihnen auf Sieben Feuer alle Ehre machen wird.“ Er reichte ihr zum Abschied die Hand. „Ich warte draußen im Wagen.“

Henry legte die Stirn auf den Tisch. Er musste nachdenken. Das waren wirklich krasse Neuigkeiten. Da tauchte aus dem Nichts dieser Charles auf, den er nie zuvor gesehen hatte, und behauptete, sein Cousin zu sein. Und im nächsten Moment war er dabei, sein Leben auf den Kopf zu stellen. Na ja, wenn er ehrlich war, hatte er doch immer schon von so einem Abenteuer geträumt. Ein aufgeregtes Kribbeln machte sich in Henry breit. Doch dann versetzte es ihm einen Stich.

„Aber …“ Henry hob den Kopf. „Aber muss ich wirklich sofort los, Mum?“, fragte er, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war. „Was wird denn dann aus dir?“

Sie drückte seine Hände. „In den Ferien bist du ja wieder hier. Du wirst sehen, die Zeit vergeht wie im Flug. Du wirst Sieben Feuer lieben, so wie dein Urgroßvater es geliebt hat. Du bist doch mein Held. Und Helden sind nun mal für Abenteuer gemacht.“

Sie stand auf und zog ihn an sich.

Normalerweise mochte Henry es gar nicht, wenn sie das tat. Er war definitiv zu alt für so was. Doch heute war alles anders.

„Was hat er dir eigentlich über Sieben Feuer erzählt, als ich duschen war?“, fragte er.

„Nicht viel“, sagte seine Mutter. „Er hat mir aber das hier gezeigt.“ Sie reichte Henry ein altes Foto. Er erkannte den Mann darauf sofort. Es war sein Urgroßvater. Und er trug genau wie Charles das Wappen von Sieben Feuer.

Henry staunte. In Gedanken sah er schon sich selbst auf dem Foto stehen – mit dem Wappen von Sieben Feuer auf der Brust … Er lächelte. Bis seine Mutter sich geräuschvoll schnäuzte und ihn aus seinen Gedanken riss.

„Lass deinen Cousin nicht länger warten“, sagte sie und steckte ihr Taschentuch weg.

„Aber zieh deine Jacke an, es ist kalt draußen.“

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Charles raste in seinem Mini Cooper durch den Londoner Feierabendverkehr. Henry wurde in den Sitz gedrückt und krallte seine Hände in das Polster. Charles begann zu plaudern, als ob sie gemütlich durch den Hyde Park spazierten.

„Wusstest du eigentlich, dass unser letzter Premierminister und ein Enkel der Queen auch auf Sieben Feuer waren?“

Henry schüttelte den Kopf und presste die Augen zusammen. Sie waren auf die Gegenfahrbahn geraten und fast mit einem Lieferwagen zusammengekracht. In letzter Sekunde hatte Charles das Steuer herumgerissen und sich in eine Lücke zwischen einem Bus und einem Lkw gedrängt. Der Busfahrer hupte empört.

„Premierminister, Enkel der Queen“, murmelte Henry. „Klingt ja wie ein ziemliches Schnöselinternat.“

Er dachte an seine Freunde aus der Schule. Eben noch hatten sie Fußball gespielt, und jetzt war er, ohne sich zu verabschieden, auf dem Weg nach … Ja, wohin eigentlich? Sieben Feuer. Mehr als einen Namen und jede Menge Gerüchte kannte er nicht.

Charles trat wieder aufs Gaspedal. „Mach dir mal keine Sorgen. Du wirst Sieben Feuer lieben.“

Sie ließen die Innenstadt hinter sich und fuhren Richtung Hafen. Hier waren die Straßen leerer, und Henry entspannte sich etwas.

Kurze Zeit später hielten sie an. Im Schatten einer alten Schiffswerft entdeckte Henry eine kleine Gruppe Kinder.

„Da sind die anderen“, sagte Charles. „Gleich werdet ihr abgeholt.“

„Wie jetzt? Ich dachte, du bringst mich nach Sieben Feuer?!“

Charles schüttelte den Kopf. „Würde ich ja gerne. Aber wer seinen Abschluss auf Sieben Feuer gemacht hat, kehrt nicht wieder zurück.“

Er beugte sich über Henry und öffnete die Beifahrertür. Dann hielt er inne und sah Henry eindringlich an. „Du wirst schon bald jemanden kennenlernen. Jemanden sehr Altes, der ganz schön griesgrämig sein kann. Versprich mir, dich gut um ihn zu kümmern. Wenn ihr erst mal Freundschaft geschlossen habt, wird Sieben Feuer die schönste Zeit deines Lebens werden.“

Bevor Henry wusste, wie ihm geschah, stand er auf der Straße und sah dem davonbrausenden Auto nach. Das wurde ja immer besser! Er zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch bis zum Kinn. Ein kalter Wind, der nach Fisch und Seetang roch, ließ ihn frösteln. Kopfschüttelnd ging er auf die Gruppe der wartenden Kinder zu.

„Du bist der Vorletzte“, wurde Henry von einem pummeligen Jungen begrüßt, der ihm bis zur Schulter reichte und ihn durch dicke Brillengläser anglotzte. „Logisch, natürlich, macht ja Sinn. Schließlich sind wir jetzt zu sechst. Sieben Feuer gleich sieben neue Schüler. Also fehlt noch einer. Mein Name ist übrigens Arthur Doyle. Und du heißt?“

„Henry“, stotterte Henry, der sich ziemlich überrumpelt vorkam. „Henry McGregor.“

Der Junge kniff die Augen zusammen. „Henry McGregor“, murmelte er. Dann hellte sich seine Miene auf. „Absolut klar. Henry McGregor, das Stürmerass der Pimrose. In den letzten beiden Jahren bist du Torschützenkönig geworden!“

Henry nickte erstaunt.

Ein groß gewachsener Junge in gelber Cordhose und blauem Hemd gesellte sich zu ihnen und streckte Henry die Hand entgegen. „Edward Abercrombie. Freut mich.“

Der Junge hätte sich nicht vorstellen müssen. Die Abercrombies kannte jeder. Aus der Klatschpresse und aus dem Fernsehen. Reich, berühmt und engste Freunde der Königsfamilie.

„Das ist Chloé“, fuhr Edward fort und deutete auf ein blondes Mädchen. Um ihre Schultern hing ein Jackett. Trotz der Jacke war ihre Nasenspitze vor Kälte ganz rot. Schüchtern nickte sie Henry zu.

„Timothy.“ Edward wies mit dem Kinn auf einen kräftigen Jungen mit feuerroten Haaren und jeder Menge Sommersprossen im Gesicht.

Timothy grinste und kam auf sie zugeschlendert. „Dafür, dass wir auf die angeblich beste Privatschule Englands kommen, ist das hier ein ziemlich seltsamer Treffpunkt. Und wenn ich mir euch so anschaue, seid ihr ein genauso seltsamer Haufen: Prinz Edward und Prinzessin Chloé, Arthur der Nerd, Henry der Fußballstar und …“, er zeigte auf ein Mädchen, das etwas abseits stand, „ein namenloses Zirkuskind.“ Timothy legte die Hände um den Mund und rief: „Zirkuskind! Verrätst du uns deinen Namen?“

Das Mädchen reagierte nicht. Sie blickte weiter in den grauen Nebel, der über dem Meer waberte, und pfiff eine leise Melodie. Sie war so ziemlich das Gegenteil von der hübschen Chloé: klein und mit kohlrabenschwarzen Locken, in die bunte Bänder geflochten waren. Am meisten aber erstaunte Henry, dass sie bei der Kälte barfuß unterwegs war. Und das wohl auch schon seit Längerem, so dreckig, wie ihre Füße aussahen.

Timothy zuckte mit den Schultern und ging auf Arthur zu, der gerade etwas in sein Handy tippte.

„Hey, Pummelfee“, sagte er, „hab mein Handy zu Hause vergessen. Du hast doch sicher nichts dagegen, wenn wir uns deins teilen.“

Arthur schaute Timothy erschrocken an und steckte das Handy schnell in seine Hosentasche. „Negativ. Das teile ich mit niemandem.“

„Ist das so?“, fragte Timothy leise und knackte mit seinen Fingern. Henry wollte sich gerade einmischen, als das seltsame namenlose Mädchen schon zwischen Timothy und Arthur stand. Sie hatte sich auf die Zehenspitzen gestellt und ihr Kinn angriffslustig nach vorne gereckt. Ihre Nasenspitze war nur wenige Zentimeter von Timothys entfernt. „Meine Freunde nennen mich Lucy“,

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