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Die fünf Leben der Daisy West

Über die Autorin

Cat Patrick lebt mit ihrem Mann und ihren Zwillingstöchtern in der Nähe von Seattle. Die fünf Leben der Daisy West ist das erste Jugendbuch der Autorin und ihr erster Titel, der im Boje Verlag erscheint.
Weitere Titel sind in Vorbereitung.
www.catpatrick.com

CAT PATRICK

Die Fünf Leben der DAISY WEST

Übersetzung aus dem
amerikanischen Englisch
von Anja Malich

BASTEI ENTERTAINMENT

Ich hab Arznei gesehn,

Die hauchte wohl den Steinen Leben ein,

Brächt‘ einen Fels in Gang und macht‘ Euch selbst

Gaillarden tanzen flink und leicht; berührt

Von ihrer Hand, erstände Fürst Pipin,

Ja, Carol Magnus nahm‘ zur Hand die Feder

Und schriebe Vers‘ an sie.

William Shakespeare: Ende gut, alles gut

1

Ich wälze mich auf der Laufbahn neben dem Fußballfeld und schlage um mich. Der Untergrund ist warm von der Sonne und sieht aus wie Asphalt, aber jetzt merke ich, dass es dieses schwammartige, federnde Zeug ist. Es stinkt, als wäre es gerade neu verlegt worden. Neben meiner rechten Schulter kniet eine Frau und schreit in ein Handy: »Sie heißt Daisy ... ich weiß nicht, wie sie mit Nachnamen heißt!«

Für den Bruchteil einer Sekunde weiß ich es auch nicht.

»Appleby«, ruft ein anderer Lehrer.

»Appleby«, wiederholt seine Kollegin für die Person am Notruftelefon. »Sieht aus wie eine allergische Reaktion auf irgendetwas ...«

»Biene«, versuche ich zu sagen, doch ich bekomme keine Luft, kein Wort kommt heraus.

Meine Gliedmaßen zucken und die umstehenden Mitschüler weichen erschrocken zurück, als wären es Giftschlangen. Mit dem ganzen Körper schnappe ich nach Luft und atme doch nur wenig davon ein. Ich weiß, dass es einer meiner letzten Atemzüge ist.

Als uns die Sportlehrerin aufforderte, draußen um den Platz zu laufen und uns für das Volleyballspiel aufzuwärmen, habe ich mich total gefreut. Ein bisschen Farbe würde mir wirklich nicht schaden. Aber dann ist diese schwarz-gelbe summende Bedrohung aufgetaucht und brachte noch einige Freunde mit. Als ich den vertrauten Schmerz des ersten Bienenstichs spürte, habe ich sofort die Kurzwahltaste 1 gedrückt, und ich hoffe, dass Mason rechtzeitig hier ist.

Langsam werde ich ruhiger. Ich weiß, dass es nun nicht mehr lange dauern wird. Mein ganzer Körper, vom Kopf bis zu den Zehen, entspannt sich. Als die anderen keine Angst mehr haben müssen, getreten oder geschlagen zu werden, rücken sie um mich herum zusammen. Mein Blick springt von einem Gesicht zum nächsten. Sie sind mir alle fremd: Die High-School hat erst gestern begonnen. Niemand aus meiner alten Schule, die bis zur zehnten Klasse ging, ist in meinem Sportkurs.

Die meisten wirken verängstigt. Einige Mädchen weinen. Der Direktor eilt herbei und versucht die Menge zu zerstreuen, aber meine Mitschüler sind wie Magneten. Das Unglück zieht sie magisch an.

»Weg da«, ruft er. »Wir brauchen Platz, damit die Sanitäter durchkommen!« Doch niemand hört auf ihn. Niemand tritt zurück. Stattdessen bilden sie, ohne dass es ihnen bewusst ist, eine Mauer zwischen mir und den Helfern.

Ich hefte meinen Blick auf ein hübsches dunkelhäutiges Mädchen, dessen Schließfach in der Nähe von meinem ist. Sie wirkt freundlich. Durchaus geeignet, um die letzte Person zu sein, die ich sehe. Sie weint nicht, ihr Blick jedoch ist zutiefst bekümmert und drückt echtes Mitgefühl aus. Vielleicht wären wir Freundinnen geworden.

Ich starre sie an und sie starrt zurück, bis meine Augenlider zufallen.

Der Menge stockt der Atem.

»Oh Gott!«

»Tut doch jemand was!«

»Ihr müsst ihr helfen!«, ruft eine Männerstimme.

Ich höre ein Martinshorn. Mit Tennisschuhen bekleidete Füße entfernen sich eilig, wahrscheinlich, um den Sanitätern den Weg zu weisen. Ich frage mich, ob es Mason und Cassie sind oder die echten.

Meine Arme liegen schlaff neben meinem Körper.

»Halt durch, Daisy!«, ruft eine Mädchenstimme. Mir gefällt der Gedanke, dass sie meiner Fast-Freundin gehört, doch ich öffne nicht die Augen, um mich zu vergewissern. Geräusche nehme ich nur noch undeutlich wahr. Die Welt wird zu einem Nichts und bevor ich noch einen weiteren Gedanken fassen kann, bin ich tot.

2

»Hast du alles, was du brauchst?«, flüstert Mason, als wir zügig durch die Dunkelheit zu dem wartenden Geländewagen gehen. In Frozen Hills, Michigan, ist es mitten in der Nacht und wir stehen kurz vor dem nächsten Umzug.

»Ja.« Ich bin mir sicher, nichts zurückgelassen zu haben außer Möbeln und Kleidung, die man zu dieser Jahreszeit nicht braucht. Schließlich ziehe ich nicht zum ersten Mal um und weiß inzwischen, worauf man achten muss.

»Lass mich den nehmen«, bietet Mason an und deutet auf den Koffer, den ich hinter mir über das Kopfsteinpflaster ziehe. Bereitwillig überlasse ich ihm das Gepäck, weil ich mich doch noch ein wenig wackelig auf den Beinen fühle. Mason greift nach dem Koffer und was sich für mich wie Backsteine anfühlte, scheint für ihn federleicht zu sein. Er wirft ihn oben auf die anderen Gepäckstücke in den Kofferraum und schließt dann lautlos die Klappe.

Ich steige hinten ein. Cassie dreht sich auf dem Beifahrersitz kurz zu mir um und begrüßt mich, wendet sich dann aber gleich wieder ihrer Arbeit zu. Sie trägt noch immer die Sanitäterkleidung, hat aber ein ausgeblichenes graues Sweatshirt darübergezogen. Ihre strohblonden Haare sind zu einem festen, praktischen Zopf zusammengebunden. Sie schiebt ihre rahmenlose Brille hoch, die sie älter macht, als sie ist, und liest etwas auf dem Bildschirm des vom Staat zur Verfügung gestellten Supercomputers, der als Smartphone getarnt ist.

Ich sehe Mason nach, der für einen letzten Kontrollgang nach drinnen zurückkehrt. Einen Moment lang bleibt mein Blick an dem Haus hängen, in dem ich die letzten drei Jahre gelebt habe. Ein bescheidener, zweigeschossiger Backsteinbau mit schwarzen Fensterläden, der aus der Zeit stammt, als die Menschen noch Telegrafen benutzten. Dieses knackende und knirschende alte Haus hat seinen ganz eigenen Charakter und ich werde es vermissen. Jetzt, da ich mich davon verabschieden muss, wird mir bewusst, dass ich wahrscheinlich nirgends so gern gelebt habe wie hier. Aber wer weiß, vielleicht ist das nächste noch besser.

Ich denke darüber nach, wie ich mein neues Zimmer einrichten werde, als ich Scheinwerfer auf uns zukommen sehe. Die schwarze Limousine hält dicht neben dem Geländewagen und mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Zwei dunkel gekleidete Männer steigen aus. Es ist jedes Mal wieder irgendwie aufregend, das Reinigungs-Team eintreffen zu sehen. Obwohl sie wahrscheinlich noch nie hier gewesen sind, öffnen sie die niedrige Eisenpforte ohne zu zögern und steigen die Stufen zum Eingang hinauf. Gerade als einer der Agenten nach der Klinke greift, tritt Mason heraus. Wortlos gehen sie aneinander vorbei und begrüßen sich lediglich mit einem kurzen Nicken.

Ich beobachte, wie die Tür hinter den Agenten zufällt. Wie eine Eule warte ich mit weit aufgerissenen Augen, dass sich im Haus etwas rührt, doch die Fenster bleiben dunkel, die Nacht still. Wer sie nicht beim Hineingehen gesehen hat, wird nicht merken, dass jemand im Haus ist. In ihrer schwarzen Tarnkleidung wirken sie wie Ninjas, während sie meine Spuren und die meiner falschen Familie löschen. Das Haus hinterlassen sie so authentisch leer, dass der Makler, der es verkaufen soll, nicht eine Sekunde auf den Gedanken kommen wird, jemand anders als ein nettes Paar mit einem vom Unglück heimgesuchten Teenager hätte darin gewohnt.

Sobald sie mit dem Haus fertig sind, mischen sich die Agenten für eine Weile verdeckt unter die Nachbarschaft, bis sich die Gemüter beruhigt haben. Unauffällig werden sie dafür sorgen, dass folgende Geschichte die Runde macht: Die trauernden Eltern wären nach Arizona oder Georgia oder Maine zurückgekehrt, um den Verlust besser zu verkraften. In Umlauf gebracht werden die Gerüchte stets von einem dieser hinter seiner Kapuze nicht erkennbaren Typen an der Tankstelle oder von einem unscheinbaren Mädchen, die den Computer in der Bücherei benutzt.

Die Agenten – die Jünger – sind ausgebildete Ärzte, Wissenschaftler, Beobachter und Bodyguards. Ich bin jedoch der Ansicht, die meisten von ihnen hätten auch in Hollywood Karriere machen können.

Mason, in seiner bewährten Rolle als fürsorglicher Familienvater, nimmt auf dem Fahrersitz Platz. Mit den abgetragenen Jeans, den Halbschuhen und dem bequemen braunen Pullover sowie den müden, grünen Augen und dem zerzausten, dunklen, aber früh ergrauendem Haar passt er perfekt in diese Rolle, die er seit elf Jahren spielt.

»Wohin fahren wir?«, erkundigt sich Mason bei Cassie, die nicht einmal aufblickt, als sie mit ihrem Südstaatenakzent antwortet: »Nebraska. Omaha.«

Mason nickt und legt den Rückwärtsgang ein. Noch einmal suche ich mein ehemaliges Zuhause nach Anzeichen der staatlichen Agenten ab: vergeblich. Dann atme ich einmal tief aus und blase damit den Tag und die Stadt fort. Anschließend stopfe ich ein Kissen zwischen meinen Kopf und die kalte Fensterscheibe. Kaum haben wir die Einfahrt verlassen und sind aus der Straße ausgebogen, bin ich auch schon eingeschlafen.

Als ich die Augen öffne, ist es hell draußen. Das Licht schmerzt so sehr, dass ich die Sonne am liebsten mit einem Stein zertrümmern würde. Mir tut der Nacken weh und mein Mund fühlt sich an, als hätte ich gesalzene Wattebäusche gegessen. Im Rückspiegel sehe ich Masons Gesicht. Als er bemerkt, dass ich wach bin, lächelt er mir kurz zu.

»Na, ausgeschlafen?« Ob er dabei zu mir oder auf die Straße schaut, kann ich nicht sagen, weil er eine dunkle Sonnenbrille trägt.

»Hi«, murmele ich.

»Wie geht es dir?«, fragt er.

»Kopfschmerzen«, antworte ich.

»Das ist normal.«

»Ich weiß.«

»Wasser«, sagt Cassie und reicht mir eine Flasche, ohne mich dabei anzusehen. Ich trinke sie in zwei Sekunden halb leer, dann schaue ich aus dem Fenster auf die Landschaft, die bei 120 km / h vorbeisaust.

»Wo sind wir?«, erkundige ich mich.

»Illinois«, erwidert Mason.

»ILLINOIS?!«

Cassie zuckt zusammen, dreht sich jedoch auch jetzt nicht zu mir um. Ich hole tief Luft und muss daraufhin laut gähnen. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und frage mit ruhigerer Stimme: »Wie lange habe ich geschlafen?«

Mason sieht Cassie an und blickt dann auf die Uhr.

»Ungefähr acht Stunden, würde ich sagen«, teilt er mir so gelassen mit, als hätte ich mich nach dem Wetterbericht erkundigt.

»Acht Stunden? Wie kann das sein?«

»Sie haben ein Beruhigungsmittel beigemischt ... damit du ein bisschen runterkommst«, erklärt Mason.

Ich nicke und fühle mich noch immer wie betäubt.

»Vielleicht hätten sie es ein bisschen niedriger dosieren sollen«, sage ich. »Es sei denn, sie sind auf einen dreifachen Knockout aus.«

»Ich werde es mir gleich notieren«, sagt Cassie, den Blick weiterhin auf das kleine Display des Smartphones gerichtet. Wenn wir unter uns sind, kann Cassie ihr robotermäßiges Workaholic-Ich voll und ganz ausleben.

»Wie heißen wir ab jetzt mit Nachnamen?«, erkundige ich mich. Zu jeder neuen Stadt gehört ein neuer Familienname, Vornamen bleiben gleich – der Beständigkeit wegen.

»West«, antwortet Mason.

»Aha.« Ich lasse ihn mir durch den Kopf gehen. Daisy West. Auf jeden Fall interessanter als Daisy Johnson aus Palmdale, allenfalls ein bisschen zu hübsch. Aber sicher nicht annähernd so schlecht wie Daisy Diamond aus Ridgeland.

»Ich glaube, mir hat Appleby am besten gefallen«, äußere ich laut.

»Daran bist du jetzt bloß gewöhnt«, erwidert Mason. »Aber West ist gut.«

Schulterzuckend überlege ich, wie ich mir am besten die Zeit vertreiben soll.

»Ich wünschte, wir dürften fliegen.« Ich habe nur leise vor mich hin gemurmelt, dennoch ist es Mason nicht entgangen.

»Das wäre in der Tat angenehm«, pflichtet er mir bei. Leider macht unser vierter Mitreisender das unmöglich: Revive – der streng unter Verschluss zu haltende Superwirkstoff, der Menschen wieder zum Leben erweckt. Das Mittel ist zu wertvoll, um es einzuchecken, und zu geheim fürs Handgepäck. Deshalb müssen wir jedes Mal mit dem Auto fahren, wenn wir den Ort wechseln. Ich weiß nie, was ich während der Fahrt tun soll. Ich wünschte, ich könnte lesen, doch im Auto wird mir dabei immer schlecht, und weil wir so plötzlich aufbrechen mussten, ist mein iPod nicht aufgeladen. Irgendwann fange ich an, Verkehrsschilder zu zählen, bis ich so nötig muss, dass ich mir fast in die Hose mache. Ich bitte Mason an der nächsten Raststätte anzuhalten. Da es fast Mittag ist, beschließen wir, dort zu essen.

Nachdem ich die überraschend erträgliche Toilette aufgesucht habe, gehe ich zu Mason und Cassie hinüber, die an einem Tisch in der Ecke Platz genommen haben. Sie sitzen sich gegenüber, unterhalten sich aber nicht. Sie sehen aus wie ein typisches Ehepaar. Nach kurzem Zögern lasse ich mich neben Cassie nieder und entscheide mich damit dafür, so zu tun, als wäre ich ein Mama-Kind. Cassie blickt auf und lächelt mich liebevoll an.

Wir sind in der Öffentlichkeit, nur deshalb verhält sie sich so menschlich.

»Du bist deiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten«, sagt die Kellnerin zu mir, als sie unsere Bestellung aufnimmt. Das hören wir nicht zum ersten Mal, auch wenn es nicht stimmt. Cassies blonde Haare sind glatt und haben einen Rotstich, meine sind wellig und so dunkel, dass man sie eigentlich als hellbraun bezeichnen müsste. Cassies Augen sind rund und tiefblau wie der Ozean, während meine heller sind als der Mittagshimmel, weit auseinanderstehend und mandelförmig. Sie ist fast 1,80 Meter groß und ich nicht einmal 1,70 Meter. Sie ist kurvig, während ich Jeans aus der Jungenabteilung trage.

Noch absurder wird der Kommentar über eine angebliche Ähnlichkeit durch die Tatsache, dass Cassie gerade einmal dreizehn Jahre älter ist als ich.

Doch offenbar spielen wir unsere Rollen recht überzeugend.

»Danke!«, sagt Cassie und legt die Hand auf ihre Brust, als wäre sie geschmeichelt.

»Ja, danke!«, murmele ich und hoffe, dass ich wie ein typischer Teenager rüberkomme, dem nicht besonders viel an einem Vergleich mit der eigenen Mutter liegt. Die Wahrheit ist, dass Cassie zwar kaum eine eigene Persönlichkeit hat, aber ziemlich gut aussieht. Es macht mir deshalb nichts aus, wenn Leute sagen, dass ich ihr ähnlich bin.

»Gern geschehen«, antwortet Hallo, ich bin Bess. »Was kann ich Ihnen bringen?«

Ich bestelle einen Veggie-Burger und einen Schokoladen-Shake, Mason Kaffee und Tortillas und Cassie ein hartgekochtes Ei, trockenen Vollkorntoast und ein Stück Melone dazu.

Bess notiert alles und entfernt sich dann. Fast zu schnell, um es in der Zeit frisch zubereitet zu haben, trägt sie wenig später das Essen auf kräftigen Armen herbei. Forsch stellt sie die Teller ab, schenkt Kaffee ein und holt ein Tütchen Ketchup aus der Schürzentasche.

»Brauchen Sie noch etwas?«, fragt sie dann. Als wir alle drei mit dem Kopf schütteln, geht sie.

Wir essen schweigend. Ich schlinge meinen Burger hinunter, als wäre es meine erste Mahlzeit überhaupt, und frage mich, ob die Wissenschaftler im Zentrallabor der Revive-Spritze außer dem Beruhigungsmittel noch etwas beigefügt haben, was den Stoffwechsel anregt. Mir ist bewusst, wie dumm der Gedanke ist, also behellige ich Mason nicht damit. Dennoch – es ist schon auffällig, dass Masons und Cassies Teller noch halb voll ist, während auf meinem nur noch ein wenig Salatgarnitur liegt.

»Wieso eigentlich Omaha?«, frage ich, während sich Mason ein Stück Tortilla in den Mund schiebt. Ich beobachte, wie sich seine Kiefermuskeln bewegen, während er – absichtlich – langsam kaut. Nachdem er hinuntergeschluckt hat, antwortet er endlich: »Omaha ist eine seiner Lieblingsstädte.«

Mason meint den führenden Kopf des Revive-Projekts. Weil er praktisch unsichtbar ist und dieses Programm kontrolliert, das Leute wieder zum Leben erweckt, hat er irgendwann den Spitznamen Gott bekommen.

»Warum?«, frage ich.

»Wahrscheinlich weil die Stadt so durchschnittlich ist. Nicht zu klein, nicht zu groß, selten geschieht dort etwas Aufsehenerregendes. Freundlich. Gutbürgerlich. Du weißt schon.«

Ich verdrehe die Augen.

»Alles in allem sollten wir dort ziemlich sicher sein. Wenn man davon ausgeht ...«

»Wenn man wovon ausgeht?«, hake ich nach.

Mason wirft einen prüfenden Blick auf die Nachbartische und antwortet dann leise: »Wenn man davon ausgeht, dass sonst nichts geschieht.«

»Ich habe es nicht absichtlich getan, das weißt du«, sage ich kleinlaut.

»Das machst du nie«, erwidert Mason und sieht mich eindringlich an. »Aber du hattest deinen EpiPen nicht bei dir.«

»Ich habe ihn vergessen«, entgegne ich schnell.

Auch wenn das nicht stimmt.

Die Wahrheit ist, dass ich viel zu lange überlegt habe, was ich anziehen sollte, und dann nur noch fünf Minuten hatte, um meine Haare wenigstens ein bisschen zu stylen. Anschließend habe ich mich eilig auf den Weg zur Schule gemacht und auf halbem Weg fiel mir der EpiPen ein, der mir wahrscheinlich das Leben gerettet hätte. Ich hätte immer noch zurücklaufen können, aber aus irgendeinem Grund habe ich es nicht getan.

Mason ist darin geschult zu erkennen, wenn jemand lügt, und verengt den Blick, während er mich weiterhin ansieht. Einen Moment fürchte ich, dass er nachhaken könnte, doch zum Glück geht er zum nächsten Thema über.

»Daisy, ich denke, du solltest wissen, dass wir dich dieses Mal beinahe nicht zurückholen konnten.« Er spricht jetzt noch leiser als zuvor. Fast ist es, als würde er die Worte lediglich ausatmen. An seine direkte Art bin ich gewöhnt – Mason behandelt mich wie einen Geschäftspartner und nicht wie eine Tochter –, aber die Vorstellung, ich hätte dauerhaft tot sein können, befremdet mich doch.

»War das Mittel nicht in Ordnung?«, frage ich.

»Nein, damit war alles bestens«, antwortet Mason. »Aber mit ... dir nicht.«

»Er hätte dich beinahe für tot erklärt«, meldet sich Cassie zu Wort.

Fassungslos sehe ich erst sie und dann wieder Mason an. »Meint ihr das ernst?«, frage ich.

»Es war schwierig«, bestätigt Mason. Kurz scheint in seinen grünen Augen so etwas wie Besorgnis aufzuflackern, doch dann ist sie wieder verschwunden.

Nachdem ich einen Moment lang nachgedacht habe, komme ich zu einer ziemlich rationalen Schlussfolgerung.

»Aber es hat geklappt, also ist alles in Ordnung.«

»Nächstes Mal klappt es vielleicht nicht mehr«, entgegnet er. »Ich kann dir nur raten, vorsichtiger zu sein. Denk an Chase!«

Bei dem Gedanken dreht sich mir der Magen um. Sieben Jahre nach dem Busunfall, mit dem alles angefangen hatte, starb Chase Rogers ohne ersichtlichen Grund. Er wurde mehrfach mit Revive wiederbelebt, aber laut Mason war er wohl gegen das Mittel immun geworden und ist damit endgültig gestorben.

»Ich bin nicht wie er«, sage ich leise.

Bess kommt und bringt die Rechnung, was uns für einige Minuten verstummen lässt.

»Ich bin nicht wie er«, wiederhole ich, als die Luft rein ist.

Mason schaut mir tief in die Augen.

»Das will ich hoffen. Aber sei bitte ein wenig vorsichtiger, okay?«

»Ist gut«, verspreche ich.

Direkt neben uns lässt sich eine Familie nieder, sodass die Unterhaltung zumindest für den Moment beendet ist.

»Haben meine hübschen Damen zu Ende gespeist?«, fragt Mason bewusst laut. Prompt seufzt die Mutter vom Nachbartisch. Mason kann richtig charmant sein, wenn er will.

Ich blicke auf meinen Teller hinab, auf dem nur am Rand noch einige rohe Zwiebelringe, ein verwelktes Salatblatt und ein Stück saure Gurke liegen.

»Ähm ... ja, habe ich«, murmele ich mit betont gelangweilter Teenagerstimme.

»Auf jeden Fall«, antwortet Cassie und klopft sich auf den flachen Bauch. »Ich bin pappsatt.«

»Wunderbar«, ruft Mason, »dann lasst uns von hier verschwinden.«

Wir gehen zum Tresen. Während er zahlt und wir warten, streicht mir Cassie abwesend – fast wie eine Mutter – eine abstehende Haarsträhne hinters Ohr und sieht mich liebevoll von der Seite an. Ich verdrehe die Augen und schiebe ihre Hand fort.

Nachdem Mason Bess noch Trinkgeld gegeben hat, hält er die klingelnde Tür mit der Aufschrift AUSGANG für Frau und Tochter auf. Solange wir von drinnen zu sehen sind, starre ich auf den Boden und gehe drei Schritte hinter meinen händchenhaltenden Eltern. Cassie lacht laut und grundlos.

Dann steigen wir in den Wagen und fahren davon.

3

Möglicherweise liegt es daran, dass ich als Teil eines großangelegten wissenschaftlichen Experiments aufwachse und vielleicht ist es ganz normal, jedenfalls habe ich für jeden Ort, den wir verlassen, so etwas wie ein Postmortem-Erinnerungsritual. Die nächsten Stunden verbringe ich damit, die letzten drei Jahre in Frozen Hills Revue passieren zu lassen: eine mentale Obduktion Daisy Applebys, durchgeführt von der neu zum Leben erweckten Daisy West.

In dem Sommer, bevor ich in die siebte Klasse gekommen bin, sind wir nach Frozen Hills gezogen. Kurz zuvor war ich in Ridgeland, Mississippi, erstickt. Außerhalb von Ridgeland, um genau zu sein: Ich bin um einige Hausboote herumgeschwommen und habe mir dabei eine Kohlenmonoxidvergiftung zugezogen, weil ein Boot dort seinen Motor hatte laufen lassen.

Davon einmal abgesehen, dass ich also schon wieder sterben musste, habe ich es dennoch als großes Glück betrachtet, dass es vor Schuljahresbeginn geschehen ist. Ein noch größeres Glück war es, dass die Mittelstufe in Frozen Hills mit Klasse sieben begann, sodass ich gemeinsam mit all den anderen Zahnspange tragenden, pickeligen Siebtklässlern anfangen konnte. Wenige Tage, nachdem ich mein Zimmer im Stil der Heldin des Films Juno eingerichtet hatte, war der erste Schultag.

»Denkst du über die letzten Jahre nach?«, reißt mich Mason aus meinen Gedanken und lächelt mir über den Rückspiegel zu. Er weiß, wie ich ticke.

»Ja«, gestehe ich. »Ich denke gerade an eine Geburtstagsfeier.«

»Ah«, sagt er. »Die Party von Nora ...«

»Fitzgerald«, helfen Cassie und ich einstimmig aus.

»Ja, genau die«, bestätige ich.

Nora Fitzgerald.

Sie wohnte in derselben Straße wie wir, in einem sonnengelben Haus mit dunkelgrünen Läden und einem »Willkommen«-Schild an der Haustür. Ihre Mutter war eine dieser besonders fürsorglichen Frauen, die schon beim Eintreffen des Umzugswagens mit frisch gebackenen Keksen bereitstehen. Cassie machte Mrs Fitzgeralds Bedürfnis, in unsere Welt einzudringen, verrückt. Immer wieder äußerte sie laut den reichlich paranoiden Verdacht, Noras Mutter wäre womöglich eine Spionin für ein anderes Land, das versucht, an die Formel von Revive zu kommen. Sie meinte, die Rolle der »spießigen Hausfrau« wäre die perfekte Tarnung.

Zwei Wochen, nachdem wir eingezogen waren, stand Nora mit einer Einladung in der Hand vor unserer Haustür – dass ihre Mutter sie geschickt hatte, stand außer Frage.

»Hi«, grüßte sie. »Ich bin Nora.«

»Ja, ich erinnere mich, ihr habt uns doch die Kekse vorbeigebracht«, antwortete ich. »Ich bin Daisy.«

»Ja.«

Wir starrten einander schweigend an. Ich fand, sie sah aus wie Barbies kleine Schwester und fragte mich, ob sie wohl je Outfits trug, die nicht von den Haarspangen bis zu den Sandalen zusammenpassten. Unterdessen musterte sie mich mit meinen abgeschnittenen Jeans und dem rot-weiß gestreiften T-Shirt, als käme ich direkt vom Mars.

»Hier«, sagte sie schließlich und reichte mir den kleinen violetten Umschlag. »Das ist eine Einladung zu meiner Geburtstagsfeier am nächsten Wochenende.«

»Oh«, stammelte ich, »danke.«

»Gern geschehen«, erwiderte Nora. »Bis dann.«

Am nächsten Wochenende tat ich so, als wäre ich krank und beobachtete die Geburtstagsgäste von meinem bequemen Fensterplatz aus. Im Nachhinein war das wahrscheinlich der Moment, in dem entschieden wurde, wer Daisy Appleby sein würde. In den ersten Schulwochen war Noras Party das einzige Gesprächsthema. Zu der Feier waren Jungen und Mädchen eingeladen und wer nicht dabei gewesen war, war ein Niemand. Den Rest des Jahres verhielt sich Nora auf Nachbarschaftsfesten und in der Schule distanziert, aber höflich. Doch in der achten Klasse trug sie plötzlich keine Zahnspange mehr, dafür Körbchengröße B und war auf dem bestem Weg, der Star der Schule zu werden, während ich nur das eigentümliche Mädchen von nebenan war, das meistens für sich blieb. Ohne dass es mir bewusst gewesen wäre, hatte ich dem beliebtesten Mädchen der Schule eine Abfuhr erteilt.

Seitdem war ich praktisch unsichtbar.

Nicht dass mir das etwas ausmachte.

Das Revive-Programm basiert auf Verschwiegenheit und so konnte es nicht schaden, dass ich in der Schule unsichtbar war. Wenn ich mich mit jemandem anfreunde, muss ich höllisch aufpassen, dass mein Verhältnis zu der Person nicht zu eng wird. Immerhin ist mein Familienleben nur eine Fassade und ein schneller Umzug nie ausgeschlossen.

Dennoch war ich in Frozen Hills nicht einsam. Ich hatte eine Lerngruppe und mit einigen von ihnen traf ich mich ab und zu auch einzeln. Außerdem gehöre ich nicht zu den Leuten, denen es unangenehm ist, allein ins Kino oder auf ein Konzert zu gehen. Ich weiß nicht, wann normale Jugendliche anfangen, ein Problem mit so etwas zu haben, mir ging es jedenfalls bislang zum Glück nicht so.

Sorgfältig hefte ich drei Jahre Erinnerungen ab und um neun Uhr, als wir in Omaha, unserem neuen Wohnort in Nebraska, einfahren, komme ich zu dem Schluss, dass ich meine Zeit in Frozen Hills insgesamt als Erfolg verbuchen kann. Ich bin ohne größere Schwierigkeiten durch die Schule gekommen, niemand hat Verdacht geschöpft und ich habe nichts und niemanden zurücklassen müssen, den ich allzu sehr liebgewonnen hätte.

Jetzt bin ich bereit, in die Zukunft zu schauen, und das heißt erstmal, mir die neue Stadt durchs Autofenster anzusehen.

»Der Ort ist größer, als ich dachte«, stelle ich fest.

»Omaha ist die Stadt mit den meisten Einwohnern in Nebraska«, erklärt Mason.

»Wie viele Menschen leben hier?«, erkundige ich mich, weil ich weiß, dass er es weiß. Mason ist ein wandelndes Lexikon.

»Eine halbe Million. Mehrere große Firmen sind hier angesiedelt ...«, beginnt er. Das ist die Gefahr, wenn man ihm eine Frage stellt. Wenn er in der richtigen Stimmung ist, erzählt er dir alles, was du schon immer nicht wissen wolltest.

Ich kann nicht anders, als ihn auszublenden, und bin überrascht, dass meine Gedanken unwillkürlich nach Frozen Hills zurückkehren. Normalerweise habe ich mit einer Stadt nach der Bewertung abgeschlossen und dann beginnt etwas anderes. Dieses Mal ist die Sache jedoch offenbar noch nicht ganz abgehakt.

Habe ich mir dort womöglich eine Chance entgehen lassen?

»Alles in Ordnung?«, fragt Mason.

»Ja, alles gut«, antworte ich. »Ich habe nur gerade darüber nachgedacht, dass ich ... also wenn ich in Omaha eine Einladung zu einer Party erhalten sollte ... wahrscheinlich hingehen werde.«

4

Ich bin gerade dabei, mein Zimmer einzurichten, als mein Handy den Empfang einer SMS meldet. Die Nachricht ist von Megan, die vor elf Jahren in Iowa mit mir gestorben ist – ein weiteres von vierzehn noch lebenden »Revive-Kids«, die die Testgruppe des Programms bilden. Megan wohnt in Seattle, aber wir schaffen es dennoch, in Kontakt zu bleiben. Wir kennen uns über das Programm. Irgendwann haben wir dann festgestellt, dass wir uns richtig gut verstehen – wie Schwestern, die merken, dass sie auch Freunde sind.

Mit dem Finger berühre ich das Display, um ihre Nachricht zu öffnen.

Du hast nix gepostet ... alles o.k.?

Unter den Pseudonymen Blumenmädchen und Fabelfrau schreiben Megan und ich gemeinsam einen Blog mit dem Titel Alles Autopsiert, in dem wir Musik, Bücher, Essen und vieles andere auseinandernehmen, wonach uns der Sinn steht. Er ist im »Sie sagt / Sie sagt«-Format gehalten – oder genaugenommen ist es ein »Sie sagt / Er-Sie sagt«-Blog, denn Megan ist transsexuell. Jedenfalls ist das Ganze nur halb so witzig, wenn eine von uns nichts erwidert.

Ich tippe:

Sorry, wir mussten umziehen.

Die Antwort kommt nicht sofort und ich stelle mir vor, wie Megan fast die schwarz geschminkten Augen aus dem Kopf fallen. Bei dem Gedanken muss ich laut lachen.

Schon wieder???!!!???

»Leider«, sage ich laut, auch wenn sie mich nicht hören kann. Dann tippe ich:

Schon wieder. Bienen.

Ich werde dich wohl Honigschnute nennen müssen.

Bitte nicht.

Blumenmädchen ziehen Bienen an, was?!

Ich verspreche, diese Woche 2x zu posten. Richte gerade mein neues Zimmer ein. Chatten wir später?

Hab dich superlieb.

Ich dich noch mehr.

Ich lege das Handy zur Seite und nehme wieder die Malerrolle in die Hand.

Man könnte meinen, dass es sinnlos ist, Energie ins Einrichten eines Zimmers zu stecken, in dem ich wahrscheinlich nicht lange bleiben werde, aber für mich ist es wichtig, jedem neuen Raum eine persönliche Note zu geben. Immerhin lebe ich mit wissenschaftsversessenen Geheimagenten zusammen, da ist mein Zimmer nun einmal mein Rückzugsort. Und es ist noch mehr als das: meine Tarnung. Wenn eines Tages jemand mein Zimmer sehen will, muss es zu meiner Persönlichkeit passen. Es muss aussehen, als wäre es für immer.

Die ersten drei Tage in Omaha, während Mason und Cassie im Keller das Labor aufbauen, tue ich so, als wäre ich Designerin in einer dieser Fernsehshows, in der Wohnungen neu eingerichtet werden, und gestalte mir mein Traumzimmer. Da mein sechzehnter Geburtstag erst in einem Monat ist, darf ich noch nicht Auto fahren und muss Mason bitten, mich zu einem etwas eigentümlichen Baumarkt namens Nebraska Furniture Mart zu bringen, und auch einen Farben-Laden steuern wir noch gemeinsam an. Danach ist alles mir selbst und meiner Kreativität überlassen.

In diesem Haus entscheide ich mich für ein zurückhaltendes Design. Die Wände streiche ich in einem zarten Grau und den größten Teil des Holzbodens, der dringend abgeschliffen werden müsste, decke ich mit einem superdicken Plüschteppich ab. Ein neues Regal nimmt eine komplette Wand ein. Meinen weißen Nachttisch und das Bett, beide aus Frozen Hills, stelle ich in die kleine Nische des L-förmigen Raums. Der braune Schreibtisch, der mich seit meinem zehnten Lebensjahr begleitet, findet unter dem größten Fenster Platz. Da ich die Farbe irgendwie nicht mehr passend finde, streiche ich ihn in einem blassen Lila.

Dann kommen die kleinen Details dazu, die den eigentlichen Reiz ausmachen. Meine Bücher sortiere ich nach der Farbe des Buchrückens und lege sie in Stapeln quer in die Regalfächer – der Albtraum eine jeden Bibliothekars. An die Wand hänge ich ausschließlich gerahmte Schwarz-weiß-Drucke und Fotos. Alle anderen Poster lasse ich zusammengerollt unter dem Bett verschwinden. Dann suche ich im Internet nach einem übergroßen D als Wandaufkleber. Über meine neue schwarze Kommode kommt ein Spiegel. Den Fenstern verpasse ich strahlend weiße Vorhänge und abgerundet wird das Ganze mit einem grau-weiß-gestreiften Sitzsack.

»Wo ist der elektrische Tacker?«, frage ich Mason am Morgen vor meinem ersten Schultag an der Omaha Victory High School. Mason sitzt in seinem Büro und erteilt einem riesigen Bildschirm, der mit einem der drei ultrakleinen Computer im Haus verbunden ist, gestikulierend Befehle.

»Wofür brauchst du ihn?«, fragt er.

»Ich will meinen Schreibtischstuhl neu beziehen«, antworte ich. Unerwähnt lasse ich, dass ich dafür den Stoff meines alten Deckbetts nehme. Obwohl, eigentlich ist es Wiederverwertung von Müll, also sollte er sich freuen.

»In der Garage«, sagt Mason und reibt sich die Augen. »Dritte Schublade links. Aber sei vorsichtig.«

»Mit einem Tacker kann man sich nicht umbringen.«

»Wahrscheinlich nicht, aber wie wäre es mit Erblinden?«

»Ich setze eine Brille auf«, verspreche ich.

Kopfschüttelnd wendet sich Mason wieder seiner Arbeit zu, während ich mich auf den Weg nach unten mache, um das Gerät zu suchen.

Als mein Zimmer fertig ist, setze ich mich und betrachte ungefähr fünf Minuten lang das Resultat. Dann werde ich unruhig. Ich laufe die Treppe bis ins Labor im Keller hinunter, um nachzusehen, wie sie dort vorankommen.

»Ziemlich hell!«, stelle ich fest und muss blinzeln angesichts der ultrahellen Neonröhren, mit denen die Decke zugepflastert ist.

»Wir müssen sehen können, was wir tun«, antwortet Cassie.

»Das habt ihr locker erreicht«, sage ich.

Mason lacht leise in sich hinein und ich blicke mich neugierig in dem großen Raum um.

Das Labor ist vergleichsweise klein – das in der Zentrale in Virginia ist deutlich größer–, aber beeindruckend ist es dennoch. Es gibt zwei Arbeitsplätze, die beide mit den gleichen kleinen Computern und riesigen Bildschirmen ausgestattet sind, die sich auch oben im Büro noch einmal befinden. Außerdem steht dort eine PCR-Maschine, die aussieht wie eine Kreuzung aus Faxgerät und Mini-Kühlschrank. Mit ihr kann die DNA vergrößert werden. Daneben sind Zentrifugen, Shaker und Rotatoren sowie der Homogenisator zum Mischen von sonst nicht ineinander löslichen Komponenten untergebracht. Schließlich sind eine heiße Platte und Trockeneis zu sehen, ein Wasserbad und eine Waage. Und natürlich Dutzende quiekende Ratten.

Alle Agenten des Programms sind mit bestimmten Projekten betraut, aber nicht viele von ihnen brauchen zu Hause solche Labore wie wir. Ihre Aufgaben reichen von der Überwachung anderer Länder hinsichtlich ähnlich bahnbrechender Entwicklungen wie Revive über die Kontrolle der Technologie des Programms bis hin zur Logistik und Durchführung der Umzüge. Im Hauptlabor sind Agenten damit beschäftigt, Revive durch immer neue Tests zu verbessern, während Leute wie Mason und Cassie sicherstellen, dass mit denjenigen, die die Originalversion verabreicht bekommen haben, alles in Ordnung ist. Die Aufgabe meiner Pflegeeltern besteht darin, Tests und Analysen mit den Revive-Kids durchzuführen. Für den Rest der Welt ist Mason Psychologe und Cassie Hausfrau und Mutter.

Noch einmal lasse ich den Blick durch das Labor schweifen. Dieses supermoderne Pop-Up-Labor beeindruckt mich immer wieder.

»Respekt. Ihr kommt ja offenbar gut voran«, stelle ich fest.

»Danke«, antwortet Mason lächelnd. »Wir haben hier mehr Platz als in Michigan, das macht die Sache einfacher.«

»Stimmt«, pflichte ich ihm bei. »Also, mein Zimmer ist fertig und ich würde gern ein bisschen rausgehen.«

Mason hebt überrascht die Augenbrauen.

»Brauchst du irgendetwas?«, fragt er.

»Nein. Ich will mir einen Büchereiausweis besorgen. Außerdem wollte ich mal gucken, ob man in Omaha gut Schuhe kaufen kann. Vielleicht gehe ich ins Kino oder so. Irgendetwas muss ich einfach tun, um mich zu akklimatisieren. Immerhin fange ich morgen mit der Schule an und ich weiß rein gar nichts über diese Stadt.«

Mason legt den Kopf leicht schräg und wischt sich die Hände an der Jeans ab. »Ich komme mit.«

Cassie starrt ihn an. Wenn Mason mitgeht, muss sie das Labor allein zu Ende aufbauen.

»Lass uns alle fahren«, sagt Mason zu ihr. »Daisy hat recht. Auch uns kann es nicht schaden, Omaha ein wenig kennenzulernen.«

Cassie sieht ihn einen Moment eindringlich an, dann stimmt sie zu. Schließlich ist Mason ihr Boss.

»Aber ich darf mich wenigstens noch umziehen«, sagt sie trocken.

Eine Stunde später stehe ich mitten in einer Wüste und überlege, wie es sich wohl anfühlt, wenn man irgendwo ohne Wasser festsitzt.

»Glaubst du, dass Revive funktioniert, wenn man verdurstet ist?«, frage ich Cassie leise und blicke in die Kuppel der Wüstenwelt im Zoo von Omaha hinauf.

»Das müsste es eigentlich«, antwortet Cassie, ohne den Bick von einem der Kakteen zu lösen. »Wir haben dehydrierte Ratten getestet. Zweiundsiebzig Prozent Erfolgsquote.«

»Verdursten ist garantiert besser als Ersticken«, sage ich.

»Und Ertrinken«, fügt Mason hinzu.

Bei dem Gedanken an Wasser fällt mir ein, welchen Teil des Zoos ich unbedingt noch sehen will.

»Ich gehe ins Aquarium«, teile ich ihnen mit.

»Wir treffen uns um drei Uhr am Eingang wieder«, sagt Mason, bevor er sich umdreht und in Richtung der Fledermäuse verschwindet. Cassie scheint an dem Kaktus festzukleben, sodass ich mich allein zur Unterwasserwelt auf den Weg mache.

»Weißt du, dass sie älter sind als Dinosaurier?«

Ich wende den Blick von den Haien ab und dem Mann zu, der mich angesprochen hat. Ich lächle ihn einen Moment lang höflich an, dann schaue ich wieder in das Becken. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass der Mann ebenfalls in Richtung des riesigen Aquariums blickt.

»Faszinierende Lebewesen«, fährt er fort. Er lispelt ein wenig, was ihn irgendwie sympathisch macht, sodass ich ihm sofort antworte. »Ich mag die großen Schildkröten lieber«, sage ich verträumt, während gerade eine vorbeischwimmt und mein Gesicht von dem glitzernden Wasser aufgehellt wird.

»Stimmt ...«, murmelt der Mann. »... sie sind auch sehr imposant.«

Der Mann und ich sind zwei von vielleicht fünf Leuten in dem Tunnel, der durch das Aquarium hindurchführt. Wir befinden uns unter dem Ozean, zumindest dem von Menschenhand nachgemachten. Hier ist es ruhig und friedlich – für jemanden, der klaustrophobisch veranlagt ist, allerdings der reinste Albtraum. Einen kurzen Moment überlege ich, was wohl geschieht, wenn das Glas über unseren Köpfen plötzlich zerspringt. Ich stelle mir vor, zu ertrinken. Noch einmal.

»Ist heute keine Schule?«, erkundigt sich der Mann freundlich.

»Doch, nur für mich nicht«, antworte ich. »Wir sind gerade erst hierhergezogen und ich fange morgen mit der Schule an.«

»Umziehen ist nicht immer einfach«, sagt der Mann mit sanfter Stimme.

»Hmmm«, pflichte ich ihm bei.

»In welcher Klasse bist du?«

»Zehnte.«

»Aha.« Ein weiterer Hai gleitet über uns hinweg. »Dann alles Gute für den Start in der neuen Klasse.«

Einen Moment lang bewundere ich die Reflektionen des Wassers, bevor ich ihm antworte.

»Danke«, sage ich und frage: »Können Sie in dieser Gegend etwas empfehlen, das man unbedingt gesehen haben muss?«

»Mit wem sprichst du?« Cassie steht plötzlich links von mir.

Verblüfft löse ich den Blick von dem großen Becken und wende mich ihr zu. Dann schaue ich auf die Stelle, wo eben noch der Mann gestanden hat. Von ihm ist nichts mehr zu sehen. Verwirrt sage ich zu Cassie: »Ich habe mich gerade mit einem Typen unterhalten, aber jetzt ist er weg.«

»Wie sah er aus?«, will Cassie sofort wissen. Diese Frage bekomme ich oft zu hören. Mason und Cassie trichtern mir dauernd ein, dass ich meine Umgebung genau beobachten soll. Normalerweise bin ich auch ganz gut darin, doch wenn ich an den Mann denke, kommt mir nur »durchschnittlich« in den Sinn. Ich versuche, mich an seine Haarfarbe oder seine Kleidung zu erinnern. Ich versuche, mir vorzustellen, ob er einen Hut oder auffällige Schuhe trug.

»Ich weiß es nicht mehr«, antworte ich wahrheitsgemäß.

Cassie sieht mich eindringlich an und wartet wahrscheinlich insgeheim auf die übliche akkurate Auflistung sämtlicher Details – Farbe, Schnitt und Stoff der Kleidung und besondere persönliche Eigenheiten –, die sie von mir gewohnt ist. Als sie merkt, dass nichts mehr kommt, zieht sie mich am Arm.

»Mason wartet, los jetzt.«

Auf dem Weg zum Wagen fällt mir doch etwas ein: das leichte Lispeln, zum Beispiel, als er »faszinierend« sagte. Sofort will ich es Cassie mitteilen.

Doch sie ist, wie immer, mit ihrem Smartphone beschäftigt.

5

Die »Omaha Victory High School« ist ein nagelneuer, scharfkantiger Gebäudekomplex, der ultramodern und funktionell auf einem gepflegten Grundstück steht. Die Schule beginnt um 7:45 Uhr, doch Mason, Cassie und ich sind bereits um 7:00 Uhr dort, um die Einschreibeformalitäten zu erledigen, meinen Stundenplan abzuholen und ein Schließfach anzumieten. Wir folgen den Schildern durch die neu riechenden und fast leeren Gänge. Am Eingang des Verwaltungstrakts nimmt uns eine überraschend jung aussehende dunkelhaarige Frau in Jeans und Blazer in Empfang.

»Ich bin Erin Waverly, die Konrektorin dieser Schule«, sagt sie und streckt uns die Hand entgegen.

»Mason West«, stellt sich Mason lächelnd vor und schüttelt Ms Waverlys Hand.

»Ich bin Cassie West«, schließt sich Cassie an. »Wir freuen uns, Sie kennenzulernen.« Ihre Stimme ist heute Morgen so zuckersüß wie ein Donut.

»Und du bist sicher Daisy«, wendet sich Ms Waverly freundlich an mich. »Willkommen an unserer Schule.«

»Danke«, antworte ich.

Wir folgen Ms Waverly in ihr Büro. Mason, Cassie und ich nehmen auf einer kleinen Couch vor ihrem Schreibtisch Platz, während sie meine Unterlagen durchschaut: die echte, wenn auch leicht abgeänderte Geburtsurkunde, vom Staat erstellte Zeugnisse, den gefälschten, aber korrekten Impfpass und die vollkommen falsche Meldebescheinigung.

»In deiner letzten Schule warst du in den A-Kursen«, stellt Ms Waverly fest und legt die Akte dann zur Seite.

»Ja«, bestätige ich.

»Sie ist unser Schlaumeierchen«, neckt Cassie und streicht mir die Haare aus dem Gesicht.

»Mom!«, protestiere ich leise und verdrehe die Augen, als wäre mir die Situation peinlich.

»Daisy scheint in der Tat eine gute Schülerin zu sein«, sagt Ms Waverly zu Cassie. »Leider haben wir im Moment in der zehnten Jahrgangsstufe mehr Schüler als sonst, weil in einer benachbarten Schule Renovierungsarbeiten durchgeführt werden. Deswegen sind die A-Kurse voll.«

Mason verändert seine Sitzposition. »Und für eine einzige zusätzliche Schülerin können Sie keinen Platz schaffen?«, fragt er.

Ms Waverly hebt die Hand. »Machen Sie sich keine Sorgen, ich denke, ich habe bereits eine Lösung gefunden.«

»Aha?«

»Ja, ich glaube, dass Daisy, den Testergebnissen zufolge, in Mathe, Naturwissenschaften und Englisch gut in den Kursen des elften Jahrgangs mitkommen dürfte.«

Ich spüre ein Kribbeln im Magen, eine leichte Nervosität. Ich bin für die anderen hier sowieso die Neue und jetzt werde ich auch noch gleich zu den älteren Schülern katapultiert. Trotzdem, das ist immer noch besser, als mich in den Standardkursen der zehnten Klasse zu langweilen. Das wäre wie sitzenbleiben.

Alle stimmen dem Kompromiss zu und wenig später verlassen wir zufrieden das Büro der Konrektorin. Am Haupteingang verabschiede ich mich von Mason und Cassie und mache mich auf den Weg zu meinem Schließfach. Immer mehr Schüler kreuzen meinen Weg. Als routinierter Neuling registriere ich genau, wie sie gekleidet sind, und stelle fest, dass das hüftlange rote T-Shirt und die verwaschene enge Jeans die richtige Wahl für den heutigen Tag gewesen sind.

Wie ein Chamäleon füge ich mich in meine neue Umgebung ein.

»Coole Schuhe«, sagt eine Stimme, offenbar zu mir. Ich trete einen Schritt von meinem Schließfach zurück und sehe mich suchend um. Ein attraktives Mädchen, das ein Stück weiter vor ihrem Fach steht, deutet auf meine silbernen Stoffballerinas.

»Danke«, erwidere ich und wackele mit den Zehen, dass man es durch den Stoff sieht. Gedanken an Geburtstagseinladungen schießen mir durch den Kopf und ich beschließe, das Gespräch fortzuführen. »Ich mag deine Frisur.«

Das Mädchen fährt sich mit den Fingern durch die mit Strähnchen durchsetzten Haare – goldblonde Akzente auf pechschwarz – und lächelt mit dem ganzen Gesicht, vom Hollywood-Kinn bis zu den dunkelbraunen Augen. Sie trägt ein türkisfarbenes Sommerkleid und dazu kurze Cowbowstiefel. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie zu den beliebtesten Mädchen der Schule gehört. Alles an ihr ist cool.

»Danke«, antwortet sie. »Meine Mutter findet sie grausam.«

»Meine Mutter findet diese Schuhe auch schrecklich«, erwidere ich schulterzuckend, was nicht ganz falsch ist. Cassie hasst alles, was auch nur im Entferntesten schillernd ist und die Aufmerksamkeit erregt.

Das Mädchen lacht.

»Ich bin Audrey McKean«, stellt sie sich vor.

»Daisy West«, sage ich lächelnd.

»Bist du neu? Ich kenne eigentlich jeden hier.«

Yep, sie ist beliebt.

»Heute ist mein erster Tag«, bestätige ich. »Wir sind gerade aus Michigan hergezogen.« Ein Junge geht zu einem Schließfach, das sich zwischen Audrey und mir befindet, sodass wir uns nicht mehr sehen können. Audrey schaut hinter ihm hervor und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. Dann wirft sie die Tür ihres Schließfaches zu und kommt zu mir.

»Was hast du heute als Erstes?«, erkundigt sie sich.

»Englisch«, antworte ich. »Bei Mr Jefferson, glaube ich.«

»Dann bist du in der Elften?«, fragt sie.

»Zehnte«, antworte ich.

»Echt?«

Fragend hebe ich die Augenbrauen.

»Du siehst älter aus«, erklärt sie. »Bist wohl eine totale Streberin.«

Ich sehe sie überrascht an.

»War nur ein Spaß!«, sagte sie und stößt mich leicht am Arm, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. »Komm schon, ich bringe dich zu deinem Kurs. Ist kein Umweg für mich. Ich habe ganz in der Nähe Spanisch.«

»Cool, das ist wirklich nett.«

»Gern«, antwortet Audrey. »Komm, hier geht’s lang.«

Unterwegs sprechen Audrey und ich über unsere Vorliebe für praktische und dennoch coole Schuhe.

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