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Die frühen Kränze

Stefan Zweig

Die frühen Kränze

Im Insel-Verlag Leipzig

1917

Zweite Auflage (3. und 4. Tausend)

 

Titel und Einband zeichnete Marcus Behmer,
den Druck besorgten Breitkopf & Härtel in Leipzig


Die frühen Kränze

 

Oh, come grato ocorre
Nel tempo giovanil, quando ancor lungo
La speme e breve ha la memoria il corso,
Il rimembrar delle passate cose!

Leopardi

 

I

Oft bange ich, vom Tal der Heiterkeit
Biege mein Weg zu Stille schon und Schweigen,
Denn leiser wandelt meiner Stunden Reigen,
Wie Menschen gehn vor naher Müdigkeit.

So war, was ich, ein Kind, ein Träumer nahm
Das Leben schon? Und waren die verfrühten
Geschicke, die ich griff, schon reife Blüten,
Mit denen meine Jugend zu mir kam?

Doch Fragen sind dies, die ich klaglos spreche,
Denn keiner weiß es ganz, was er erlebt,
Da er noch Strom ist und geschnellte Schwinge,

Und erst, wenn alle Unrast fern verbebt,
Malen sich bildhaft auf der stillen Fläche
Die späten Träume der erlebten Dinge.

II

Doch diesen Glanz verlangt es mich, zu halten,
Zu fassen das, was kaum Erlebnis war,
Der Ferne Gruß, der Frauen mattes Haar,
Den lieben Schritt enteilender Gestalten,

Und solche Bilder, ehe sie verschatten,
In heißen Worten formend zu erneuern,
Daß sie, geläutert von den späten Feuern
Ein Glühen geben, das sie einst nicht hatten.

So wird, was schon verging, mir neu zu eigen
Und reicher nun. Gefangen im Gedicht
Runden die Stunden längst schon welker Lenze

Sich lächelnd wieder in den Lebensreigen,
Und ein – fast träumendes – Besinnen flicht
Die bunten Farben in die frühen Kränze.

Die Lieder des Abends

 

Heard melodies are sweet, but those unheard
Are sweeter.

Keats.

 

Die Dinge, die die Abende erzählen,
Die sind so seltsam süß und wunderbar,
Weil sich in ihnen Wunsch und Wort vermählen
Und küssen, wie ein Schwesterlippenpaar.

In ihnen schläft der Schmelz der Violinen
Und träumt ein Trost, der nicht dem Tag entstammt,
Und sorglos nimmst du Süßigkeit von ihnen
Gleich einer Rose, die am Wege flammt.

Wohl müssen die Lieder im Abend sein
Und dort meines Weges warten,
Denn geh ich in seine Arme hinein,
So tönt mein Herz ganz glockenrein
Und klingt wie der Wind durch den Garten.

Ist dies der Abend, der also singt
Und den meine Lieder erlauschen,
Ist's Mondglanz, der süß und silberbeschwingt
In die perlenden Kelche der Blüten sinkt,
Ist's der Wälder traumraunendes Rauschen?

Ich weiß nur: ein lockender Wille drängt
Mich hin in die Abendgelände,
Und wie das Herz dort sinnt und denkt,
Fühlt es oft, wundersam beschenkt,
Eines Liedes aufpochende Hände.

Und fühlt: der Abend ist reich und rein
Und voll von rauschenden Gnaden.
Was wir uns ersingen, war alles sein
Und unser Wandern ein Weg allein
Auf seinen ferndunkelnden Pfaden.

Abendtrauer

Abendtrauer, du klingende Laute,
Seele des Dunkels, du Jugendvertraute,

Abendtrauer, du tröstendes Leid,
Sanftes Gespiel meiner Einsamkeit,

Abendtrauer, du rauschende Kühle, –
Abendtrauer, wie ich dich fühle!

Dunkle Lippen, mit Süße getränkt,
Haben sich leise den meinen gesenkt,

Linde Hände mit zärtlichem Strich
Rühren mein Antlitz und lassen mich

Ganz schon in wartender Wollust beben,
Deiner Wehmut mich hinzugeben.

Sehnsüchtige Melodie

Wie eine windgewiegte Blüte
So ist mein Herz der Unrast voll
Und sehnt sich sehr nach Frauengüte,
Die seinen Schmerz verklären soll.

Nach Händen, die wie Lilien leuchten
Und kühl wie goldne Schalen sind,
In die das Leid mit tränenfeuchten
Verbangten Tropfen niederrinnt.

Es träumt von einer Dämmerstunde,
Da Büßernot in Worten brennt,
Und träumt von einem milden Munde,
Der nur das Wort Vergebung kennt.

Wie eine windgewiegte Blüte
So ist mein Herz der Unrast voll
Und sehnt sich sehr nach Frauengüte,
Die seinen Schmerz verklären soll.

Mein Herz träumt von den sanften Frauen,
Wie Fremde von der fernen Stadt,
Weil es viel Schweres zu vertrauen,
Viel Sünden zu verkünden hat.

Träume

Du mußt dich ganz deinen Träumen vertrauen
Und ihr heimlichstes Wesen erlernen,
Wie sie sich hoch in den flutenden blauen
Fernen verlieren gleich wehenden Sternen.
Und wenn sie in deine Nächte glänzen
Und Wunsch und Wille, Geschenk und Gefahr
Lächelnd verknüpfen zu flüchtigen Kränzen,
So nimm sie wie milde Blüten ins Haar.
Und schenke dich ganz ihrem leuchtenden Spiele:
In ihnen ist Wahrheit des ewigen Scheins,
Schöne Schatten all deiner Ziele
Rinnen sie einst mit den Taten in Eins.

Lied des Einsiedels

Wie seltsam hat sich dies gewendet,
Daß aller Wege wirrer Sinn
Vor dieser schmalen Tür geendet
Und ich dabei so selig bin!

Der stummen Sterne reine Nähe
Weht mich mit ihrem Zauber an
Und hat der Erde Lust und Wehe
Von meinen Stunden abgetan.

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