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Die französischen Schwestern

François Vallejo

Die französischen Schwestern

Roman

Aus dem Französischen
von Christel Gersch

Inhaltsübersicht

ERSTER TEIL

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DRITTER TEIL

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ERSTER TEIL

1

Sie waren drei Schwestern, und sie hatten drei Angewohnheiten: sich mit einem Blick zu verständigen, alle zur selben Zeit stillzuschweigen und alle auf einmal zu reden. Allein fühlte jede sich wehrlos. Wenn die Schwestern Brelan sich zu sprechen getrauten, dann nur gemeinsam. Kein anderer verstand mehr sein eigenes Wort, weil sie dreimal so laut waren, da kannten sie keine Furcht.

Verbieten Sie ihnen doch den Mund, Herr Richter, sonst kommen wir nie zum Ende.

Dabei hatte der Familienrat gut angefangen. Die drei hielten die Köpfe gesenkt, wie es sich für Vollwaisen gehörte, denen nun familiärer Beistand zuerteilt werden sollte. Dass sie nicht ganz leicht zu lenken wären, wusste man, aber vor einem Friedensrichter würden die Minderjährigen ja wohl Respekt zeigen. Bisher hatten sie sich auch recht gut benommen. Wenn sie schwiegen, sich nur flüchtige Blicke zuwarfen, hieß das nicht, dass sie sich fügten?

Zweimal schon hatten sie einen Aufschub dieser Sitzung erwirkt, die durch ihre neue Lebenslage erforderlich geworden war. Im März hatte die Jüngste hohes Fieber gehabt, Anfang April die Älteste eine Prüfung, als ob Halbwüchsige der Justiz die Termine diktieren dürften. Ihre Anwesenheit, hatte der Friedensrichter gesagt, sei nicht notwendig, aber doch wünschenswert. Und so hatte er den Familienrat auf den 18. April verlegt.

Nach dem Eintreten hatten die drei Mädchen sich aus den gleichen grauen Augen angesehen und eine halbe Stunde geschwiegen, die Fragen des Friedensrichters beantworteten sie nur knapp, und zu den Sprüchen ihrer Tante Rosie sagten sie gar nichts. Ihre Mienen blieben verschlossen, was man allerdings ja verstehen musste, schließlich lag der Tod ihres zweiten Elternteils erst wenige Monate zurück. Aber mochten sie ruhig stumm bleiben, wenn sie den Beschluss des Richters und der sechs Ratsmitglieder nur anerkannten. Schließlich musste über ihr Los endlich entschieden werden.

Wieder ein Blickwechsel im Dreieck, ausgehend von Sabine hin zu Marthe, rechts von ihr, was Judith zu ihrer Linken spürte und mit einer Kopfbewegung auffing. Die beiden Großen suchten den Rückhalt der Kleinen, und dann legten sie los, obwohl kein Mensch sie gefragt hatte. Die Dreifaltigkeit ihrer Stimmen übertönte jede andere: Sag ihnen, Judith, Marthe, ja, sag du es, Sabine, einer muss es doch zur Sprache bringen ... Unser Geburtstag, anscheinend haben Sie das Datum überhaupt nicht beachtet ... Ich dachte, Sie wüssten, dass heute der Tag ist, ja, heute, sag du es, Marthe, das ändert doch alles.

Herr Richter, entziehen Sie ihnen das Wort, worauf warten Sie?

Der Richter in seinem grauen Zwirn straffte sich, hob Schweigen gebietend die Hand. Doch die drei durcheinanderredenden Mädchen störte das nicht, man musste offenbar streng werden und drohen, dass man sie des Raumes verweisen würde. Schneidend klang seine Stimme, im Nu waren sie verstummt. Sie erklärten sich bereit, eine nach der anderen zu sprechen.

Marthe fing an: Seit dieser Familienrat tagt, geht es um einen Vormund und einen Gegenvormund für drei verwaiste, unmündige Schwestern ... Es ist die Höhe, fiel Sabine ein ... Aber da hat sich etwas verändert, ergänzte Judith ... Ja, heute ist nämlich der 18. April, und der 18. April ist unser Geburtstag. Meine Schwester und ich sind an einem 18. April geboren, mit vier Jahren Abstand, aber am gleichen Tag, ein Zufall, der die Familie immer amüsiert hat und erst recht, als dann Judith, unsere Jüngste, an einem 19. April eine Viertelstunde nach Mitternacht eintraf. Die Kleine hatte sich eine Viertelstunde vertrödelt, alle sagten das, und so ist es bis heute geblieben, immer müssen wir auf sie warten ... Ja, und nun wird Judith morgen, kurz nach Mitternacht, vierzehn ... Und Marthe ist heute, an diesem 18. April, um Punkt sechzehn Uhr einundzwanzig geworden, damit ist sie volljährig ...

Als Louis Brelan Ende vergangenen Jahres gestorben war, waren sie alle drei noch minderjährig gewesen, die Amtsgänge hatten andere in ihrem Namen erledigen müssen. Da war es so drunter und drüber gegangen, dass niemand zum Nachdenken kam. Heute nun, mit einundzwanzig Jahren, brauchte Marthe keinen Vormund mehr, nichts hatte der Familienrat mehr über sie zu bestimmen.

Den hohen Herrn überlief es rot, er blies die Backen auf und nestelte an seiner Krawatte. Als er den Termin festgesetzt hatte, hatte er die Akte halt nur überflogen. Wo er so viele Verfahren gleichzeitig führte. Minderjährige Töchter des Louis Brelan, hatte er gelesen, weiter war er nicht gekommen. Nun musste er sich doch für ihren Geburtstag interessieren. Auf einen Schlag wurde ihm klar und mit ihm den sechs Mitgliedern des Rates, dass die Schwestern diese Versammlung zweimal hinausgezögert hatten, damit die Älteste sich hier als Mündige präsentieren konnte. Eine List, wie man sie so jungen Mädchen niemals zugetraut hätte. Nur Tante Rosie wusste es besser. Sie kannte ihre Nichten, und sie nahm es gar nicht wunder, dass die Gören trotz ihrer Trauer zu solchen Machenschaften imstande waren. Wie aus einem Mund protestierten die drei Schwestern. Nichts sei geplant gewesen, der Richter selbst habe die Versammlung auf den 18. April angesetzt. Hätten sie ahnen können, dass ein Richter ihre Geburtsdaten nicht ebenso gut kennt wie die Gesetzesartikel? Aber sogar die Familie habe ja nicht daran gedacht. Wie oft schon war vergessen worden, den Nichten zu gratulieren.

Das wollte Tante Rosie nun nicht auf sich sitzen lassen. Als ihr Bruder verunglückt sei, habe sie sehr wohl daran gedacht. Aber da sei es noch lange hin gewesen, erst einmal habe man dafür sorgen müssen, die drei Schwestern unter Vormundschaft zu stellen, und wenn es dann so weit gewesen wäre, hätte man die älteste daraus entlassen.

Nichts hindert uns, an diesem Vorsatz festzuhalten, Herr Richter, beharrte die Tante. Wir gewinnen sogar Zeit, wenn wir von Marthe nun absehen können und nur noch über zwei der Mädchen entscheiden müssen.

Der Richter atmete auf, seine Nachlässigkeit würde ohne Folgen bleiben, die vorbereiteten Papiere brauchten nur korrigiert zu werden. Die drei Geschwister sahen einander entsetzt an – und schwiegen.

Unterschreiben wir die Papiere, sagte Rosie, und verlieren wir keine Zeit mit Nebensächlichkeiten.

Alle wollten zum Schluss kommen, Rosie, die Schwester des Verstorbenen, die beiden Schwägerinnen seiner verstorbenen Frau, eine altjüngferliche Großtante und die Nachbarn, das Ehepaar Beaumont, beide so hilfsbereit und nun so peinlich berührt, an einer Verhandlung teilzunehmen, die mit jeder Minute verworrener wurde.

Also, wo sind die Dokumente?

Die Mädchen blickten aus ihren grauen Augen auf, rückten ihre Stühle zusammen, dass es kreischte. Was, fuhren sie hoch, die Papiere sind schon fertig? Sie waren sich vor dieser Sitzung also schon alle einig? Das hätte man sich ja denken können. Aber Ihre Papiere sind überholt. Marthe ist volljährig. Dann fangen wir eben von vorne an. Sie zwingen uns Ihren Vormund auf. Aber den wollen wir nicht.

Wer hat das gesagt? Ihr redet alle durcheinander. Wer hat gesagt, dass ihr den Mann, auf den sich alle geeinigt haben, nicht wollt? Das ist unerhört. Warst du das, Judith? Sie ist nämlich die Vorlauteste der drei, Herr Richter. Ihr beiden Großen, bringt eure kleine Schwester zur Räson. Das ist eure Pflicht, besonders deine, Marthe, wo du jetzt mündig bist.

Tante Rosie wollte die geschlossene Front ihrer Nichten durchbrechen. Doch die waren schlau genug: Eine wie die andere behauptete, den unerhörten Satz gesagt zu haben, und sie wiederholten, dass sie Pierre Ledru als Vormund ablehnten. Außerdem sei er nicht mal da.

Nun hatte der Friedensrichter einen Trumpf: Das ist gesetzlich vorgeschrieben, der vorgesehene Vormund darf an der Beratung nicht selber teilnehmen. Pierre Ledru, der Mann Ihrer Tante Rosie, wartet draußen. Es ist alles in Ordnung, fahren wir fort.

Wie denn, fortfahren? Sie hätten gerade erst angefangen, ihre Meinung zu sagen, und ihre Meinung über Onkel Pierre sei übrigens die gleiche wie die ihres Vaters: Pierre Ledru ist ein Schwächling, er steht unterm Pantoffel seiner Frau und ist der fadeste Ehemann, den es in der Familie je gab. Er verbringt alle Zeit in seinem Gärtchen, bloß um sich Scherereien vom Leib zu halten, sogar wenn die Familie auf Besuch da ist.

Seine Vormundschaft, die soll er an seinen Rosenstöcken auslassen, sagte Judith, wir sind aber keine Rosenstöcke.

Das war eine Unverfrorenheit ohnegleichen, sie konnte es nicht leugnen. Mit ihren dreizehn oder vierzehn Jahren war Judith die Unbeugsamste der drei, das wusste die ganze Familie.

Der Vater hat seinem Töchterchen immer viel zu viel durchgehen lassen, sogar ermutigt hat er ihre lose Zunge noch, bemerkte Rosie spitz. Sie habe ihn oft genug darauf hingewiesen.

Man wird ihr den Kopf in den künftigen Jahren zurechtsetzen müssen, pflichtete die Großtante bei, da wird Pierre wohl zu tun haben. Aber erst einmal muss das aus der Welt: ihren Onkel beleidigen, damit auch ihre Tante, und das vor dem Richter, den Nachbarn, dem Familienrat. Judith soll sich in aller Form entschuldigen.

Marthe und Sabine beeilten sich, der kleinen Schwester beizuspringen, sie setzten noch eins drauf und stempelten Pierre Ledru rundweg als unfähig ab. Wir wissen doch, dass Tante Rosie dahintersteckt. Sie wird dem armen Pierre sämtliche Entscheidungen diktieren, und der in seinem Garten wird zu allem ja und amen sagen und seine Rosen düngen. Wie nennt man so einen? Einen Strohmann, jawohl, den Strohmann von Rosie Ledru. Wozu die Heuchelei? Wenn Rosie die Vormundschaft über ihre Nichten will, so wie schon über ihre Mutter, Großmama Madeleine, die ein bisschen wirr im Kopf ist und sich dauernd verrechnet, dann soll sie es doch offen sagen.

Rosie Ledru gab zu, dass sie die Verantwortung einer weiteren Vormundschaft, also zweier Vormundschaften auf einmal, nicht hatte tragen wollen, aber natürlich würde sie ihrem Mann ihren Rat nicht verweigern. Wo die Töchter ihres Bruders Louis ihr doch so naheständen. Und wenn ihnen so viel daran lag, wollte sie die Aufgabe gern übernehmen. Sie räumte ein, dass ihr Gatte ein zurückhaltender Mensch sei, der sich jeglicher Initiative enthielt, aber aus purer Herzensgüte, er wolle eben keinem seiner Nächsten zu nahe treten.

Ein Angsthase, sagte Judith, vor seiner Frau kriegt er das Zittern. Doch die Schwestern übertönten ihre Worte, zum einen, um das Angebot ihrer Tante in Betracht zu ziehen, zum anderen, um auf einen Widerspruch hinzuweisen: Der Herr Richter hat uns gerade dargelegt, dass der vorgesehene Vormund nicht am Familienrat teilnehmen darf. Wie wir sehen, ist aber Rosie hier die aktivste. Sie müsste also mit Pierre den Platz tauschen. Was auch heißt, dass die Papiere neu ausgefertigt werden müssen, dass eine neue Sitzung anberaumt und alles noch mal von vorn aufgerollt werden muss, wie wir es ja verlangt haben.

Der Richter presste die Fäuste gegen seine Backen, die Mädchen hatten nicht unrecht, die ganze Chose war miserabel vorbereitet. Vielleicht könnten wir, wenn wir die Entscheidung nun auf ein andermal vertagen, uns heute wenigstens über die Regeln der Vormundschaft einigen? Es würde die Gemüter beruhigen. Was erwarten Sie voneinander?

Für die Ledrus war die Sache einfach: Drei unmündige Mädchen, also gut, zwei plus eine seit dem heutigen Tag Volljährige, aber alle ohne jede Lebenserfahrung, würden weder allein leben noch über den ererbten Besitz verfügen können. Ihre nächsten Verwandten mussten sich zu Opfern bereitfinden, um ihnen Hilfe zu leisten. Die Großmutter konnte es nicht wegen ihres Alters, ihrer beginnenden Demenz und weil sie selbst unter Vormundschaft stand. So kamen denn Schwester und Schwager des Verstorbenen in Frage, zu denen er die besten Beziehungen hatte. Wer anders als seine ältere Schwester hatte ihn nach dem frühen Tod seiner Frau unterstützt? Wer anders hatte die drei Schwestern Brelan wie eigene Kinder behandelt, die sie wegen der Sterilität ihres Mannes, Pierre Ledru, nicht hatte haben können?

Natürlich war es beim besten Willen der Welt ausgeschlossen, auf einmal drei zusätzliche Personen in die winzige Wohnung aufzunehmen, die Rosie und Pierre in ihrem Gartenhaus schon mit Großmutter Madeleine teilten. Sie dachten ... na schön, sie dachte ..., da ihr Bruder Louis Brelan sich ja ein so großes Haus hatte bauen lassen, eine Narretei, sein Traum von zukunftsweisender Architektur, den sie nie hatte gutheißen können ... Sie also dachte, dass sie in dem reichlich seltsamen und für eine Hausfrau nicht besonders praktischen, immerhin aber sehr geräumigen Gebäude alle gemeinsam leben könnten. Ein Privileg in diesen schwierigen Zeiten, wie sie nicht bestritt. Der Krieg war ja noch nicht lange her ... Sie verstand ein Haus zu führen, auch wenn es größer war als ihr eigenes, sie würde den jungen Mädchen ihr Wissen weitergeben, würde mit dem Richter über deren Rücklagen und Besitz wachen, und wenn sie in sieben Jahren dann allesamt volljährig wären, oder auch länger, falls die Schwestern sie brauchten, würde sie sich nach erfüllter Pflicht zurückziehen, froh, für ihren Bruder getan zu haben, was er von ihr erwarten durfte.

Klar, erwiderte Judith, es herrscht Wohnungsnot, unsere Tante lebt beengt, da will sie sich bei uns einquartieren.

Niemand ging mehr auf diese Frechheit ein. Selbst wenn sie nicht unrecht hätte und die Ledrus aus der Situation einen Vorteil zögen, wer könnte es ihnen verdenken? Die Beaumonts würden sich freuen, sie zu Nachbarn zu haben, wo sie sich so lange kannten. Es war die vernünftigste Lösung. Jeder käme dabei auf seine Kosten. Die sechs Ratsmitglieder waren einverstanden, sie mussten nur noch abstimmen. Das Einfachste wäre, die Geschwister Brelan würden die offizielle Vormundschaft von Pierre Ledru annehmen, auch wenn er von seiner Frau dirigiert wurde.

Unser Garten ist aber viel größer, da muss er noch viel mehr Rosen ziehen. Bloß, wir sind keine Rosenstöcke.

Was waren diese Mädchen doch eigensinnig. Sie täten gut daran, nicht zu vergessen, dass sie zu dieser Sitzung lediglich mit beratender Stimme zugelassen waren. Dem Familienrat oblag der Schutz der Minderjährigen, sogar vor sich selbst.

Und Sie täten gut daran, nicht zu vergessen, dass eine der Minderjährigen seit heute volljährig ist.

Diese Volljährigkeit ändert nichts an der Sache: Niemand wird durch seinen Geburtstag verantwortungsvoller oder fähiger, eine Familie zu unterhalten.

Die drei Schwestern benötigen die Autorität eines Mannes. Man sieht doch tagtäglich, seit ihr Vater verunglückt ist, dass es ihnen an männlicher Autorität mangelt.

Gibt es außer Pierre Ledru noch einen Mann in der Familie?, fragte der Friedensrichter.

Tante Rosie tat, als verstehe sie nicht. Die Schwestern wechselten Blicke: Mit ihren Männern war die Brelan-Sippe vom Schicksal nicht gesegnet. Lange Krankheit oder Infarkt bei den Gatten der Schwägerinnen, Louis Brelan verunfallt, die Großtante ganz ohne Mann und Großmama Madeleine schon so lange Witwe, dass keiner mehr wusste, wie sie ihren Mann verloren hatte. Der einzige wer weiß warum verschont Gebliebene war Pierre Ledru.

Ich verstehe, sagte der Richter.

Was verstehen Sie?

Verstehen Sie mich nicht falsch ...

Darum geht es nicht, entgegneten die drei Schwestern, ob Männer, ob keine Männer, für uns bleibt es dasselbe.

Um was geht es dann?

Wir meinen, das schaffen wir ... Wir allein ... In dem Haus, das unser Vater gebaut hat. Weder wollen wir bei anderen leben noch andere bei uns aufnehmen. Wir fühlen uns dazu in der Lage. Soll Onkel Pierre ruhig in seinem Garten bleiben, ihm geht es ohne uns bestimmt besser. Auch Rosie bleibt, wo sie ist, und er gehorcht. Warum kann nicht Marthe, da sie nun volljährig ist, Vormund von uns jüngeren Schwestern werden?

Das ist gegen jede Vernunft. Sie haben weder Einkünfte noch Berufe. Selbst wenn das Haus verkauft würde, bliebe das Geld bis zu ihrer Volljährigkeit, wenigstens der beiden Jüngeren, gesperrt. Und wo wollen sie so lange wohnen? Das kostet doch. Am besten ist, wir halten an dem Plan von Rosie und dem Richter fest. Noch sind sie nicht erwachsen. Stimmen wir endlich ab. Die Familie ist sich mit den Nachbarn einig, der Plan hat Hand und Fuß und ist im Interesse der Mädchen, die die Dinge doch gar nicht übersehen. Was man nach dem schrecklichen Unfall ja auch verstehen kann. Drei Mädchen in diesem Alter plötzlich ganz auf sich gestellt? Undenkbar. Später einmal werden sie uns dankbar sein. Geben wir denn unsere sieben Stimmen für Pierre Ledru als Vormund, für Marthe als Gegenvormund, wenn ihr das Freude macht, und der Fall ist erledigt.

Noch eine Minute, bitte. Der Richter betonte, dass seine Stimme im Familienrat doppeltes Gewicht habe. Und im Gegensatz zu den anderen sei er beeindruckt von den Argumenten und der Entschlossenheit der Schwestern. Vielleicht sogar verführt. Nein. Ein Richter hatte nicht verführt zu sein. Sofort nahm er das Wort zurück. Aber überzeugt, das trifft es. Überzeugt war er und gab seine Entscheidung bekannt: Marthe wird Vormund ihrer Schwestern. Pierre Ledru wird Gegenvormund für den Fall, dass der gesetzliche Vormund ausfällt. Das dürfte beide Parteien zufriedenstellen.

Die sechs Ratsmitglieder sprangen auf. Der Richter begehe einen Irrtum ... Sie erinnerten an seine hohe Stellung ... Eine Rechtsverweigerung ... War es zulässig, dass ein Amtsträger wie er den Plan, den er bisher mit den Erwachsenen der Familie vertreten hatte, über Bord warf und ohne Vorwarnung ins Lager dreier unverantwortlicher Gören überwechselte, ja dass er sich zu deren Komplizen machte? Mit welcher Strenge hatte er vorher seine Rolle durchgehalten. Und jetzt tauschte er ungescheut ein Beschützerlächeln mit den drei Mädchen, die ihn anblickten aus ihrem eigenartig gleichen Grau ... Man könnte beinahe meinen, dass sie ihm gefielen ... Wenn das keine Schande war ... Rosie verkündete, sie liefen unweigerlich ins Unglück. Ach, das Unglück war ja schon geschehen. Daneben erschien jedes weitere klein.

Ich glaube, schloss der Richter, in dem für alle günstigsten Sinn entschieden zu haben. Monsieur und Madame Ledru würden sich bei ihren Nichten kaum wohler fühlen als die Fräulein Brelan in ihrer Gesellschaft.

Ich weiß, was ich weiß, sagte Rosie. Das gibt eine Katastrophe. Aber wenn ihr drei dann kommt und mich auf Knien um Hilfe anfleht, ist es zu spät. Dann wendet euch mal hübsch an euren Richter.

2

In einer Reihe schritten die Schwestern durch die Straßen, voller Freude und nicht wenig stolz, dass sie, drei Mädchen, einem hochgestellten Mann abgetrotzt hatten, was sie wollten. Sie hatten den Gang der Ereignisse in ihre Richtung gelenkt. Als sie aber zu Hause in dem endlosen Korridor ihre Mäntel abwarfen, brach das Gefühl einer großen Leere über sie herein.

Wie gern wäre Marthe jetzt nur erleichtert gewesen, dass sie das hinter sich hatten und die übrige Familie los waren, wie gern wäre sie überzeugt gewesen, dass sie stark genug war, die Dinge in die Hand zu nehmen, aber was vor ihr lag, war so riesig, dass sie erschrak. Zweifel überfielen sie. Wo sollte sie das Geld für das große Haus hernehmen? Wie ihre Geschwister durchbringen, woher immer wissen, was gut für sie war, und wie sich bei ihnen durchsetzen? Sie hatten Rosies Ratschläge und Drohungen verlacht, hatten die Familie vor den Kopf gestoßen. Mit keinem der Verwandten, die sie öffentlich verspottet hatten, konnten sie mehr rechnen. Waren sie tatsächlich in der Lage, mit so viel Alleinsein fertig zu werden?

Marthe fragte sich laut, ob sie vor dem Familienrat nicht zu heftig aufgedreht hatten? Ob das nicht eine Dummheit gewesen war? Die Beaumonts laden uns bestimmt nicht mehr zu einem Grog ein wie nach den Bombardierungen der Alliierten oder wie nach Mutters Beerdigung und Vaters Unfall.

Aber können wir jetzt noch zurück? Rosie wäre nur zu befriedigt, würden wir zu Kreuze kriechen.

Und wenn sie recht damit hätte, dass wir nicht Rückgrat und Erfahrung genug haben?

Das Haus hatte sechs Zimmer, die Schwestern kauerten sich in Marthes Zimmer zusammen, in einem Bett alle drei, um sich Mut zu machen. Wieder fühlten sie sich verlassen wie an jenem Tag, als ihr Vater starb.

Dass er tot war, hatten sie in der Nacht davor noch nicht gewusst, aber so allein im Haus, hatten sie sich bis zum Morgen nicht voneinander trennen mögen. Am Abend hatte Sabine dann die Nachricht mitgebracht: Sie war nach einer Feier bei einer Mitschülerin zu Fuß auf dem Heimweg gewesen, als ein Radfahrer sie angesprochen hatte.

Ich bin mir nicht sicher, sind Sie es?

Sie hatte sich die Mütze tiefer in die Augen gezogen, was wollte der Mann von ihr?

Sind Sie nicht eine von den Brelans? Ich meine, Sie einmal mit Monsieur Brelan gesehen zu haben. Armes Kind, Ihr Vater ist eben in einem Krankenwagen abtransportiert worden. Drei Straßen von hier. Ich kam gerade vorbei. Ganz zufällig. Ich arbeite oft als Bote für ihn. Er hat eine Kopfverletzung, aber keine Bange, die Sanitäter und ein Arzt haben sich um ihn gekümmert. Warten Sie daheim, bis das Krankenhaus sich meldet. Bleiben Sie ganz ruhig. Es wird schon gutgehen.

Mit dieser Nachricht war sie nach Hause gekommen.

Dann los, nur schnell ins Krankenhaus.

Nein, warten wir ab.

Bei den Brelans gab es kein Telefon, aber die Beaumonts hatten eins, durch sie würde der Vater sie benachrichtigen lassen. Es sollte doch nicht so schlimm sein.

Kein Anruf kam. Entweder wusste er die Nummer nicht auswendig, oder er wollte so spät nicht mehr stören. Aneinandergeschmiegt in Marthes Bett, rätselten die Schwestern ohne Ende, was das wohl heiße, und immerfort musste Sabine ihnen die beruhigenden Worte des Radfahrers wiederholen.

Weit vor Morgen war ein Angestellter des Krankenhauses erschienen. Ist Madame Brelan zu sprechen? Ach, nicht Madame Brelan? Verzeihung, sind Sie das Fräulein Brelan? Machen Sie sich keine Sorgen, Ihrem Vater geht es besser. Er braucht nur saubere Sachen. Seine sind durch den Sturz verschmutzt.

Was für Sachen?

Nichts Besonderes, nur einen reinen Anzug.

Er führte sie in ein Gebäude abseits vom Krankenhaus, man nahm ihnen den Anzug ab, sie warteten.

Bleiben Sie ganz ruhig.

Seltsam, dieses Krankenhaus, so ohne Kranke.

Man wird Sie gleich empfangen.

Es war Zeit, die Mädchen mit der Wahrheit bekannt zu machen: Ihr Vater, Louis Brelan, ist einer Kopfverletzung erlegen. Noch weiß man nicht, wie er sie sich zugezogen hat, ob ihm übel geworden ist, ob es ein Sturz oder ein Überfall war. Zeugen gibt es keine. Die polizeiliche Untersuchung wird es erbringen.

Warum hat man uns gesagt, dass es unserem Vater bessergeht?, fragte Judith.

Um Sie zu schonen, Mademoiselle Brelan.

Ein Lügner sind Sie! Darf man Menschen zur Schonung belügen?

Lass, Judith. Sie sind eben rücksichtsvoll.

Bestimmt werden Sie uns aus Rücksicht auch ersparen wollen, ihn zu sehen.

Es wäre tatsächlich besser ... Die Wunde ...

Judith wollte sofort in den Aufbahrungsraum. Marthe hätte lieber verzichtet, aber Judith hatte recht. Ihre Mutter war ihnen gezeigt worden, als sie noch klein waren. Sie waren ihrem Vater dasselbe schuldig.

Sind Sie nicht noch minderjährig? Dann müssen wir Ihre anderen Angehörigen benachrichtigen. Sie können den Toten nur mit ihrem Einverständnis und in ihrem Beisein sehen.

Die Stimmen der Geschwister überschlugen sich immer hemmungsloser, sie gellten durch die ganze Leichenhalle. Der Angestellte wusste nicht mehr aus noch ein ... Ein solches Geschrei an so einem Ort ... Schließlich gab er nach, der Leichnam müsse nur erst in den reinen Anzug gekleidet werden.

Das war nicht ihr Vater, was sie sahen, nur ein weiß und dicht verbundener Männerkopf, der ganze Schädel umwickelt, das Kinn von einer Binde gehalten. An der rechten Schläfe ein rosaroter Fleck, der aussah, als ob er größer und größer würde.

Wenn das Blut noch fließt, lebt er noch, sagte Judith.

Der Fleck wird nicht größer, das sieht nur so aus.

Wenn man lange draufguckt, wird er größer.

Sie starrten nur mehr auf den roten Fleck im Verband. Alle drei hatten sie Kopfschmerzen bis zur Beerdigung. Ihr einziger Gedanke war: verlassen. Unser Papa hat uns verlassen. Es war Schicksal, er hatte sich verletzt, oder er war ermordet worden, die Polizei hatte es nicht eindeutig feststellen können.

An diesem Abend jedoch lag der Fall anders.

Wir sind noch verlassener, aber jetzt durch unsere Schuld. Wir hätten Onkel Pierres Vormundschaft nicht ablehnen dürfen.

Mitternacht war vorüber, der 19. April hatte begonnen, Judith war soeben vierzehn geworden. Auf einmal verstand sie die Verzagtheit der Großen nicht mehr. Sie umschlang die Schwestern mit ihren schmächtigen Armen. Die grauen Augen in ihrem spitzigen Gesichtchen wirkten größer als die der beiden anderen.

Ihr werdet wieder behaupten, ich weiß nicht, wovon ich rede. Aber wie können wir sagen, wir sind allein, wenn wir zu dritt sind? Solange wir zu dritt sind, sind wir nicht allein. Wir müssen nur zusammenhalten, meint ihr nicht? Wir sind Schwestern von Anfang an, und wenn wir es wollen, bleibt es so bis ans Ende. Ihr dürft mich nur nie im Stich lassen.

Die Großen ließen sich nur zu gern auf Judiths Beschwörungen ein, auch wenn ihre Überlegungen ihnen, wie so oft, nicht ganz behagten. Seit sie sprechen konnte, setzte sie ihre Umgebung durch Worte in Erstaunen, die für ihr Alter zu klug oder zu spöttisch waren. Und nun sollten sie ihr heute Nacht geloben, ein für alle Mal Schwestern zu bleiben und sonst gar nichts.

Das ist wieder so eine Dummheit von dir. Aber davon haben wir gestern genug gemacht: Sobald es Tag wird, geht Marthe zum Gericht, meldet sich bei dem Richter an und sagt, dass sie von der Vormundschaft für ihre Geschwister zurücktritt.

Wenn du das machst, schlitze ich mir die Pulsadern auf.

Judith stand auf und ging fort, kam mit einer Schere wieder und streifte sich die Ärmel hoch.

Marthe verbat sich diese kindische Erpressung und kassierte als verantwortliche große Schwester die Schere. Judith brüllte, dann solle sie auch gleich sämtliche Messer im Haus verstecken. Sabine schlug vor, nichts zu übereilen. Marthe solle warten, ehe sie den ganzen Bau über den Haufen warf. Und ebenso Judith, ehe sie sich die Pulsadern aufschlitzte. Sie gefiel sich in der Vermittlerrolle zwischen den Schwestern, es gab ihr bei beiden ein höheres Ansehen.

Nur dass beide nicht groß auf sie hörten. Kaum wurde es Tag, da behaupteten sie, ihre Drohungen wahr zu machen. Marthe zog den Mantel an, zog ihn wieder aus. Judith entblößte dauernd ihre Handgelenke.

Wir kleben zu sehr aneinander, dachte Sabine. Marthe hat recht, wenn wir uns derart isolieren, dann gute Nacht. Wir brauchen jemanden, der uns beisteht, uns Rat gibt. Aber Judith hat auch nicht unrecht: Wenn wir jetzt zurückrudern, erniedrigen wir uns. Die Stirn am Küchenfenster, hing sie ihren Gedanken nach und überwachte gleichzeitig, was ihre Schwestern machten. Das Haus lag an einem Straßenknick; der Vater hatte diesen Platz geliebt: Von hier hatte man freie Sicht bis zum Boulevard, über hundert Meter in gerader Linie. So weiß man immer, wer zu uns kommt und wer von uns weggeht, pflegte er zu sagen.

Da nahte auf dem rechten Gehsteig eine wackelige Gestalt in Trauer, Großmama Madeleine, noch kleiner und zarter als Judith. Das Alter hatte sie geschrumpft. Lange hatte sie bei ihrem verwitweten Sohn und ihren Enkelinnen gelebt und ihnen geholfen. Als sie immer schwächer wurde und nicht mehr helfen konnte, nahm ihre Tochter Rosie sie zu sich und schließlich unter Vormundschaft. Die Großmama kam oft unangemeldet auf ein Pläuschchen und ließ sich ihr Taschengeld zählen.

Rosie gab ihr wöchentlich einen Betrag für ihre kleinen Bedürfnisse. Großmama verhedderte sich in den Zahlen, sie wusste nie, wie viel sie noch hatte. Wenn sie Rosie danach fragte, wurde sie gescholten; also fragte sie lieber die Enkelinnen. Wie viel hab ich im Portemonnaie? Man sagte es ihr, doch noch bevor sie ging, hatte sie es wieder vergessen; es wurde noch mal gezählt. Rosie sagte, das sei die Strafe dafür, dass sie nie gelernt habe, mit Geld umzugehen: In der Jugend hat Großmama es zum Fenster rausgeworfen, anscheinend ohne es zu merken, jetzt kapiert sie nichts mehr. Über ihre Vergangenheit weiß niemand recht Bescheid, sie ist so alt, dass sie sogar ihre Jahre nicht mehr zählen kann.

Jedes Mal, wenn sie über die Schwelle trat, lachte sie erst einmal, es begann hoch und kullerte rasch die Tonleiter abwärts. Judith hätte zu gerne gewusst, was sie so lustig fand. Sie bekam nie eine Antwort. Marthe meinte, Großmama sei immer eine fröhliche Frau gewesen. Sie freut sich, uns zu sehen, und lacht, weiter hat das nichts zu sagen. Das allerdings bezweifelte Sabine, Fröhlichkeit könne sie in diesem Lachen nicht recht entdecken.

Noch zweifelhafter war etwas anderes: Die Großmama war seit zwei, drei Wochen nicht zum Zählen ihres Taschengeldes erschienen, warum kreuzte sie gerade heute auf? War sie etwa von Pierre und Rosie Ledru geschickt worden, um den Mädchen auf den Zahn zu fühlen? In der Hoffnung, dass die Schwestern ihren Irrtum einsahen? So abwegig war der Gedanke nicht, die Großmama würde den Ledrus eine Freude machen, wenn sie von der Verlegenheit der Mädchen berichtete.

Sabine warnte ihre Schwestern: Wir müssen so tun, als ob wir zufrieden und einig wären.

Es war das erste Mal, dass sie vor Großmama Madeleine Komödie spielen sollten, und das, wo alles schieflief.

Zuerst kam also ihr Lachen, genauso rasch und flüchtig wie gewohnt. Sie legte ihr Portemonnaie auf den Tisch, Judith zählte ihr mit deutlicher Stimme die Münzen vor. Sabine wartete bis zum Schluss, dann fragte sie die Großmutter, ob die Ledrus viel Böses über sie gesagt hatten.

Mir erzählen sie ja nichts, wisst ihr, dazu bin ich zu alt. Aber ich höre noch ganz gut. Und ich sage euch, ihr habt es richtig gemacht, Kinder. Und dass ihr’s wisst, auf Großmama Madeleine ist Verlass.

Keine der drei Schwestern war sich klar, ob sie die neue Lage denn begriffen hatte: Wusste sie überhaupt, dass Louis tot war?

Wenn man vom Tod ihres Sohnes sprach, lachte sie laut und offen heraus, was einen über ihren mentalen Zustand nicht eben beruhigte, nur dass dieses Lachen wohl etwas anderes bedeutete als Fröhlichkeit. Die Schwestern erklärten ihr, natürlich alle drei durcheinander, was sie im Familienrat und bei dem Richter erreicht hatten. Marthe konnte ihre Unsicherheit nicht verhehlen, Judith übertönte die zweifelnde Stimme nach Kräften.

Die Großmutter lachte lauter. Ihr denkt, ich verstehe nichts, so wie Rosie, aber ich weiß genau, dass eure Tante euch die ganze Zeit nur das Leben versauert hätte. Mit mir macht sie das ja schon. Glaubt mir, ohne sie und Pierre seid ihr besser dran.

Kann schon sein, sagte Marthe, aber siehst du auch, dass wir jetzt ganz allein dastehen?

Wieso ganz allein? Bin ich denn nicht da?

Sicher – nur, welche Hilfe konnte eine Frau ihres Alters schon sein?

Wie viel ist in meinem Portemonnaie?, fragte Großmama Madeleine, bevor sie sich auf den Rückweg machte.

Sie war beizeiten vor Mittag losgetapert, damit sie nicht zu spät zum Essen bei den Ledrus erschien.

Bei ihr kann man nie sicher sein, sagte Marthe, aber ich glaube, sie sähe es sehr ungern, wenn wir uns ihrer Tochter unterwerfen würden. Und wenn ich jetzt nicht zum Richter gehe, dann nicht deinetwegen, Judith, sondern Großmama zuliebe.

Judith frohlockte: Großmama ist eben immer auf meiner Seite.

Sabine atmete auf, langsam begriff sie, dass sie doch nicht mehr so allein dastanden.

Seht mal, was ich auf dem Tischchen in der Diele gefunden habe: Großmamas Portemonnaie, sie hat es vergessen, wir müssen ihr nachlaufen.

Nein, nein, das hat sie absichtlich liegenlassen; sie denkt, dass uns das zum Leben reicht. Damit will sie uns zeigen, dass sie zu uns hält.

Sie waren beschämt, weil sie ihre Großmutter verdächtigt hatten, für die Ledrus spionieren zu wollen.

3

Die Schwestern hatten Zuversicht daraus geschöpft, dass sie zu dritt waren. Und die hatten sie nötig, als der Notar die Familie wegen der Erbschaft zusammenrief. Es gab kein Testament; als Louis mit dreiundvierzig Jahren starb, war ihm keine Zeit dafür geblieben; seine gesamte Hinterlassenschaft ging an seine direkten Nachkommen, seine drei Töchter.

Marthe durfte über ihr Erbteil verfügen, ihre Schwestern jedoch noch nicht. Vielleicht könnten sie bald den Status von selbständigen Minderjährigen erhalten, das würde man sehen. Eine jede erbte ein Drittel des Hauses, ein Drittel der Möbel und Barschaften, ein Drittel von Louis’ Anteilen an einem Architekturbüro in Boulogne, das im Pariser Westen und darüber hinaus tätig war. Marthe beschloss, ihr verfügbares Geld für den Unterhalt der Schwestern einzusetzen, bis die einmal das Gleiche tun könnten. Der Notar warnte sie, das wäre so, als würde sie ihren Schwestern Geld ohne Garantie leihen. Wenn die bei ihrer Volljährigkeit die gleichen Beträge erhielten, könne sie nichts an deren alleinigem Gebrauch hindern, ohne in den Gemeinschaftstopf einzuzahlen. Sie könne sie zu keiner Rückerstattung zwingen.

Wir sind Schwestern, sagte Judith. Und vom Schwesternsein kann man nicht zurücktreten.

Da kenne ich andere, antwortete der Notar.

Marthe wurde unsicher. Aber das war jetzt nicht der Ort, nicht in der Öffentlichkeit. Sie hatte mit den Jüngeren seit je ihr Spielzeug, ihre Kleider, ihre Näschereien geteilt, ohne jede Berechnung. Sie würde ihr Eigentum für die Bedürfnisse aller verwenden, ohne etwas zurückzuerwarten, außerdem würde sie so bald wie möglich eine Arbeit aufnehmen. Sie war noch nie enttäuscht worden. Sie waren Schwestern, Judith hatte recht. Misstrauen war unnötig untereinander. Marthe bezweifelte nicht, dass Judith und Sabine ebenfalls teilen würden.

Die Erbsache nahm ihren Lauf. Da hieß es durchhalten, bis das Drittel der verfügbaren Summe frei gegeben würde.

Sabine rasselte bei der Reifeprüfung durch und musste die Klasse wiederholen. Wie hätte sie bei all den Aufregungen der letzten Monate büffeln sollen? Am besten, man fand sich damit ab. Wie sollte jemand seinen Abschluss machen, wenn ihm der Vater gestorben war?

Judith hatte ein Vierteljahr vor dem Unfall ihre Regel bekommen, die blieb seit der Beerdigung aus. Der Schock, sagte der Hausarzt der Familie, Doktor Bontemps, vorläufig ist das kein Problem. In ein paar Wochen, ein paar Monaten kommt das wieder in Gang. Und wenn nicht, wird man sehen. Vertrauen wir auf die Zeit. Großmutter Madeleine kam jede Woche, ließ ihr Portemonnaie durchzählen und vergaß den Inhalt in der Küche oder auf der Toilette. Wohin, fragte sich Rosie Ledru, mochte das Geld ihrer Mutter nur immer verschwinden? Keine Spur von kürzlichen Einkäufen, keine Rechnungen.

Törtchen beim Konditor, sagte die Großmama, die hab ich aufgegessen. Eine Tasse Kaffee in der Teestube, die hab ich ausgetrunken.

Geld für eine ganze Woche an einem Tag weg?

Es waren halt viele Törtchen, viele Tassen Kaffee.

Großmama Madeleine kannte die Geschäftsleute seit Jahrzehnten, die stellten ihr Papierchen mit Stempel aus. Sie lachte, wenn sie ihrer Tochter die Rechnungen vorlegte, wagte sogar, um eine Zulage zu bitten. Womit sie den Argwohn noch vermehrte. Aber wenn das Leben nun mal so teuer ist? Willst du mich wieder auf Rationierung setzen?

Du vergeudest doch alles, sagte Rosie, für sie war die verschwenderische Jugend ihrer Mutter eine Schande. Sie war genauso unvernünftig wie ihre Enkelinnen.

Tante Rosie kam ihren gemeinsamen kleinen Schummeleien immer mehr auf die Spur, und die legte sie den Geschwistern zur Last.

Bestehlen sie dich? Es würde mich nicht wundern. Wenn es so ist, reichen wir Klage ein. Dann kommen sie vor Gericht. Die zwingen dich nicht mehr, sie zu besuchen.

Großmama Madeleine protestierte, sie drohte, es wäre ihr Tod, wenn ihr die Besuche verboten würden. Rosie gab nach, aber Ende des Sommers strich sie ihr jegliche Zuwendungen: Wenn sie dich nicht bestehlen, musst du dein Geld doch unterwegs verlieren. Bist du sicher, dass du deine Handtasche immer richtig zumachst? Sag mir, was du brauchst, ab jetzt kaufe ich für dich ein.

Es waren keine großen Summen, aber die drei Schwestern hatten sich an diese Geschenke, die sie nicht ausschlagen konnten, gewöhnt. Kleinigkeiten, die auf einmal fehlten.

4

Die Regel kam nicht wieder. Judith träumte von Blut, von einem roten Fleck, der größer und immer größer wurde. Überzeugt, in ihrem Blut zu schwimmen, fuhr sie aus dem Schlaf hoch, es war aber nichts, nur ständige Leibschmerzen, deren Ursache der Doktor nicht finden konnte. Nach den Oktoberferien blieb sie dem Unterricht fern, ein Gefälligkeitsattest von Doktor Bontemps entschuldigte sie als kränkliches Kind.

Sabine schwänzte die Schule unter dem Vorwand, sie müsse auf ihre kleine Schwester aufpassen, ein kränkliches Kind ohne andere familiäre Fürsorge. Auch Marthe scheute sich bei ihrer Arbeitssuche nicht mehr, ans Mitgefühl zu appellieren. Sie hatte mit einem Jurastudium begonnen, in ihrer Situation war an eine Fortsetzung des Studiums aber nicht zu denken. Sie musste sich um eine Anstellung bewerben, indem sie bei kleineren Firmen der Stadt ihre paar juristischen Kenntnisse unter Beweis stellte. Ihr Schicksal war allbekannt, der unaufgeklärte Unfalltod von Louis Brelan hatte viel Gerede verursacht. Sie brauchte sich nur als älteste Tochter von Monsieur Brelan vorzustellen. Zu Anfang ging das auch gut: Marthe erhielt eine kleine verwaltungstechnische Aufgabe ohne Vertrag und dafür eine Anerkennungssumme, ein Akt der Mildtätigkeit. Wenn Sie gut arbeiten, können wir Sie öfter beauftragen ... Eine Familie wie die Ihre ... Wir sehen es als unsere Pflicht an, Sie zu unterstützen. Fünf, sechs Aufträge der Art kamen zustande, zwei Gesellschaften zeigten sich auf Grund der Schnelligkeit und Klarheit von Marthes Arbeit an mehr interessiert. Sie sah sich schon eingestellt, ihre Schwestern konnten unbesorgt weiter zur Schule gehen.

Als sie mit einem Versicherungsagenten abzuschließen hoffte, war es aus mit dem Mitgefühl: Ihm waren Informationen über Marthe und ihre Schwestern zugegangen. Drei Mädchen, die mit ihrer Familie gebrochen hatten, die sich für sie hatte aufopfern wollen; es fehlte ihnen weder an Besitz noch an Geld, doch rissen sie sich unter den Nagel, was sie nur konnten, ein Haus, das viel zu groß für sie war, während ihre Angehörigen in winzigen Wohnungen aufeinanderhockten. Sogar der Tod des Vaters machte sie verdächtig. Wenn er beim Eintreiben ausstehender Rechnungen umgekommen war, wie gemunkelt wurde, bewies das nicht, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen war? Der Agent hatte einen Vertrag vorbereitet, fühlte sich nun aber hinters Licht geführt von einer jungen Frau, die weniger offen war, als sie den Anschein erweckt hatte. Er wollte mit niemandem Ärger, er werde sie einigen Kollegen empfehlen.

Marthe traf die Kollegen. Nun war es offensichtlich, dass die Mädchen den Ruf hatten, hochnäsig, familienfeindlich und verlogen zu sein. Seine Quellen nannte keiner, sie waren ja leicht zu erraten. Rosie hatte sie bei allen Geschäftsleuten ringsum angeschwärzt. Ein Krämer spuckte es schließlich aus: Intrigantinnen hatte Madame Ledru sie genannt, einen Friedensrichter hätten sie in die Tasche gesteckt, hätten einem Mann des Gesetzes den Kopf verdreht, so dass er gegen jede Vernunft geurteilt habe. Wenn eine vierzehnjährige Göre gestandene Männer nach ihrer Pfeife tanzen ließ, wo sollte das hinführen?

Keiner will mich nehmen, ich muss woandershin gehen, wo man uns nicht kennt.

Die Direktorin des Lyzeums wird auch allmählich ungeduldig.

Der Doktor sagt, er verlängert das Attest nicht. Dass die Regel ausbleibt, na und? Das passiert vielen Mädchen. Er ist auch Hausarzt der Ledrus, mehr braucht man nicht zu wissen.

Die Beaumonts schauten mehrmals bei den Mädchen vorbei. Sie hatten mit Louis Brelan im besten Einvernehmen gestanden, hatten sich um die Kinder gekümmert, als er in Gefangenschaft war, hatten sie bei der Befreiung zu sich genommen, als die aus der Normandie anrückenden Panzer durch die Straßen donnerten, dass sämtliche Häuser erzitterten. Solcher Erinnerungen eingedenk, öffneten die Schwestern ihnen bereitwillig ihre Tür. Das Ehepaar gab sich freundlich: Braucht ihr etwas? Man sieht euch gar nicht mehr. Habt nur keine Hemmungen, was immer es ist, Würfelzucker, Öl oder Brot.

Wir haben alles, sagten die Mädchen.

Doch sie ließen nicht locker, traten ein, plauderten wie gute Nachbarn, denen das Unglück der Brelans naheging. Die ersten Male schienen sie auch aufrichtig besorgt, keinerlei Anspielung auf den Familienrat. Scherzende Reden, Monsieur Beaumont hielt sich für einen Spaßvogel, aber Madame Beaumonts Blicke saugten sich an der Küchenspüle fest: Nanu, habt ihr euren Abwasch noch nicht fertig? Sie fuhr mit einem Finger über die Fensterbretter.

Sag mal, Judith, man sieht dich ja nicht mehr zur Schule gehen. Natürlich musst du mit vierzehn Jahren nicht mehr. Aber womöglich hat Marthe nur vergessen, dich anzumelden?

Die Schwestern waren sich sicher, dass die Beaumonts im Auftrag von Tante Rosie kamen. Sie würden bald bei den Ämtern angezeigt werden, und sie konnten sich vorstellen, was ihnen vorgeworfen würde: das Haus in Verwahrlosung, die Sanitärverhältnisse besorgniserregend, Erziehungsmängel. Dabei hielten sie das Haus ihres Vaters sauber, seine Kleider, seine persönlichen Dinge in Ordnung, ohne etwas zu verändern, wie ein Museum seit der Stunde seines Todes. Und Judith lernte allein besser als auf dem Lyzeum, fand sie. Den ganzen Tag las sie Bücher aus der väterlichen Bibliothek, Lehrbücher für Architektur, Artikel über utopische Stadtplanung, Louis Brelans Leidenschaft.

Die Beaumonts bezweifelten, dass Lesen die Schule ersetzen könne. Darauf schwiegen die Mädchen lieber still, sie würden nur für verrückt gehalten, und Rosie würde es sich zunutze machen. Vielleicht war etwas der Art schon im Gange. Die Schwestern meinten, amtliche Kontrolleure umstrichen das Haus. Sie öffneten nicht mehr, wenn jemand klingelte, es sei denn, sie hatten ein bekanntes Gesicht sich nähern sehen. Nur die Beaumonts aus dem Nachbarhaus konnten unbemerkt plötzlich vor der Tür stehen, die einzige Schwachstelle in Louis Brelans baulicher Planung. Sie ließen sie nicht mehr herein. Sollten sie den Ledrus doch erzählen, was sie wollten. Das Gesetz ist auf unserer Seite, sagten Judith und Sabine, Marthe ist unser gesetzlicher Vormund.

Immer öfter wünschte Marthe, sie wäre die Verantwortung los. Obwohl sie zu dritt waren, fühlte sie sich sehr allein. Sie wagte es nicht, dieses Gefühl laut auszusprechen. Sogar Großmama Madeleine besuchte ihre Enkelinnen nicht mehr so oft, seit es in ihrem Portemonnaie nichts mehr zu zählen gab. Nur ab und zu noch kam sie mit ihrem freudlosen Lachen, ihrem wirren Geplapper, dem Schalk, der ihr aus den Augen blitzte, wenn sie von ihren kleinen häuslichen Diebereien erzählte: Esswaren, Geldstücke für die Mädchen. Sie glaubte immer, Wunder wie groß die entwendeten Beträge seien, widersprechen nützte nichts.

Die Schwestern fühlten sich unehrlich vor ihr: Genauso wie sie ihnen von ihrem Leben bei den Ledrus erzählte, von den unfreundlichen Worten, die sie manchmal zu hören bekam, konnte man sich vorstellen, dass sie Rosie ohne böse Absicht auch von ihren Gesprächen mit den Enkelinnen berichtete. Also nahmen sie sich in Acht und schönten ihr Dasein, während sie viel lieber ihr Herz ausgeschüttet und sich hätten trösten lassen. Man wusste nie, wie weit die Großmutter sich täuschen ließ.

Manchmal stellte sie peinliche Fragen: Arbeitest du heute nicht, Marthe? Ich dachte, du hättest eine Stelle im Architekturbüro.

Wie kam sie denn darauf?

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