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Die feurigen Küsse des Wüstenprinzen

PROLOG

„Amjad, ich frage dich: Verzeihst du?“

Amjad Aal Shalaan fiel es schwer, den Mann anzusehen, der diese Frage laut und deutlich gestellt hatte: seinen Vater, den König, der in vollem Ornat vor ihm stand. In sein Gesicht, das jetzt einen beherrschten Ausdruck zeigte, hatte sich die Last jahrelanger Verantwortung tief eingegraben. Nur in seinen Augen erkannte man die widerstreitenden Gefühle, die von Bedauern über Schmerz bis zu Wut reichten.

Amjad ließ den Blick zu seinen Brüdern schweifen, die neben dem Vater standen.

Die Dar Al Adl, die prächtige Gerichtshalle des Königreichs Zohayd, war bis auf den letzten Platz mit Stammesvertretern besetzt. Sie alle sahen ihn erwartungsvoll an, während die Säulen und Kuppeln das Echo der kräftigen Stimme des Königs zurückwarfen.

Verzeihen?

Dabei hatte er bereits mehr verziehen, als es jeder andere Mann an seiner Stelle getan hätte.

Er hatte seiner Braut vergeben, dass sie nicht unberührt in die Ehe gegangen war. Gelassen hatte er ihr versichert, dass er von ihr nichts verlangen würde, was er selbst nicht bieten konnte. Wichtig war doch nur, dass sie als seine Frau hinter ihm stand und seine Ziele unterstützte.

Dann hatte er ihr vergeben, dass sie ein Kind von ihrem früheren Geliebten erwartet hatte. Fehler gehörten zum Leben – warum deshalb eine Beziehung opfern?

Betrogen fühlte er sich nicht. Er hatte seine Braut, die er bis dahin nicht gekannt hatte, eine Woche vor der Hochzeit unter mehreren ausgewählt. Oder, besser gesagt: Sie war ihm empfohlen worden. Für ihn als Kronprinzen eines Reiches, in dem Stammesvereinbarungen eine ausschlaggebende Rolle spielten, kamen die eigenen Überlegungen oft erst an zweiter Stelle.

Er hatte sie geheiratet, als seine einzige Frau. Und weil es nicht nur um Staatspolitik gegangen war, sondern um sein Leben, war er entschlossen gewesen, das Beste daraus zu machen. Er hatte in seiner Frau nur das Gute sehen und ihr alles geben wollen.

Und wie hatte sie es ihm gedankt? Mit übelstem Verrat.

„Amjad?“, fragte sein Vater scharf.

Antworten hatte er viele gehabt. Für Sorgen, Appetitlosigkeit, Schmerzen wie Nadelstiche in den Handflächen und Wadenkrämpfe hatte er Überarbeitung, Stress und Erschöpfung verantwortlich gemacht.

Als Bauchschmerzen, nicht endende Halsschmerzen und ein übler Geschmack im Mund hinzugekommen waren, hatte er einen anderen Grund vermutet: Kummer.

Vom Kopf her ließ sich vieles akzeptieren – aber tief im Herzen hatte er sich nicht wirklich mit der Situation abfinden können.

Also hatte die Ehe mit einer Lüge begonnen, um die Ehre seiner Braut und ihrer Familie zu schützen. Nur so würde der Frieden, der durch ihre Heirat besiegelt worden war, auch halten.

Was aber, wenn er das Kind nicht so lieben konnte, wie jedes Kind es verdiente?

Erst als er richtig krank geworden war und er weder Nahrung noch Getränke bei sich behalten konnte, hatte er die königlichen Leibärzte hinzugezogen.

Zuerst waren sie ratlos gewesen. Die Symptome passten zu keinem Krankheitsbild, und die verordneten Medikamente hatten nicht angeschlagen.

Als er schließlich immer apathischer wurde, hatte er sich sogar erleichtert gefühlt. Die Bewusstseinstrübung hatte seinen Schmerz gelindert.

Doch als darauf Schwindel und Benommenheit gefolgt waren, hatte er gewusst, dass ihm etwas Heimtückisches zu schaffen machte. Und da man bei den Untersuchungen nichts gefunden hatte, musste es von außen kommen.

Alles und jeden hatte er verdächtigt – nur nicht sie. Wie sollte er einer Ehefrau misstrauen, die ihn dankbar und zärtlich verwöhnte?

Er betrachtete seine Hände, die kraftlos auf den Knien lagen und die die Zeichen des Verrats trugen: weiße halbmondförmige Einlagerungen in den Fingernägeln und dunkle Flecken auf der Haut.

Nie würde er den Moment vergessen, als er begriffen hatte, wie er vergiftet worden war: mit liebevollen Geschenken! Süßigkeiten, Handtücher, Badesalz, Duftöle und andere Aufmerksamkeiten – alle in Smaragdgrün, seiner Augenfarbe, die sie, wie sie sagte, besonders liebte.

Alle versetzt mit Arsen.

Seine Frau hatte ihn umbringen wollen. Langsam und so gut wie ohne Spuren.

Fast wäre es ihr gelungen. Er hatte es gerade noch seinen Brüdern zuflüstern können, dann war er ins Koma gefallen. So hatten die Ärzte endlich gewusst, wie sie ihn behandeln sollten, und ihm geholfen. Aber die Behandlung war die Hölle gewesen …

Und jetzt stand sein Vater vor ihm und stellte die Frage im Namen der Familie der Giftmörderin, die beinahe Erfolg gehabt hätte.

Verzeihen.

Etwas abseits stand Salmah – und an ihrer Seite ihr Geliebter und Komplize. Beschämt sahen sie ihn an, aber in ihrem Blick lag noch etwas: die Hoffnung, dass er ihnen vergeben würde. Nein, mehr als das: die Gewissheit.

Hatte er nicht schon viel Unverzeihliches entschuldigt?

Wenn er auf sein Recht verzichtete, das Strafmaß selbst zu bestimmen, würden mildere gesetzliche Bestimmungen greifen. Bestand er aber darauf, konnte er eine Strafe verhängen, die ihm angemessen erschien. Und nicht nur an den Übeltätern Vergeltung üben, sondern auch an allen, die das Unglück hatten, zu ihrer Familie zu gehören.

Er betrachtete Salmah. Jetzt, da er sich nichts mehr vormachte, war ihm klar, dass die Reue, die sie zur Schau trug, ebenso vorgetäuscht war wie zuvor ihre Liebe und Fürsorglichkeit.

Zweifellos hielt sie ihn für schwach und manipulierbar. Sie hatte ihn benutzt und weggeworfen. Leidtat ihr dabei nur, dass ihr Plan nicht aufgegangen war.

Und plötzlich begriff er, dass sie doch Erfolg gehabt hatte: Er war tot. Tief in seinem Herzen war etwas gestorben …

„Amjad!“

Die Dringlichkeit in der Stimme des Königs holte ihn in die Gegenwart zurück.

Seinem Vater ging sein beklagenswerter Zustand unendlich nahe, und sein heimlicher Zorn auf die Täter war grenzenlos.

Die Brüder hatten Amjad beim Anziehen geholfen und ihn im Rollstuhl hierher gefahren. Alle hatten ihn zutiefst verstört angesehen, denn er war nur noch ein Schatten seiner selbst. Ein halbes Jahr schleichender Vergiftung hatte verheerenden gesundheitlichen Schaden angerichtet.

Aber sein Vater musste sich in erster Linie für den Frieden einsetzen – auch wenn alles in ihm nach Rache für seinen Erstgeborenen schrie. Die Brüder Hassan, Amir, Haidar und Jalal schäumten ebenfalls insgeheim vor Wut, mussten sich aber genauso zurückhalten.

Als Amjad versuchte, sich im Rollstuhl aufzurichten, und ihm sofort die Arme zitterten, wurde ihm mehr als deutlich, was man ihm angetan hatte. Er hob schwach die Hand, um die Hilfe seiner Brüder und des Vaters zurückzuweisen. In den Gesichtern von ihnen allen spiegelte sich tiefe Trauer, fast als hätten sie ihn tatsächlich verloren …

Was immer noch passieren konnte!

Wenn er überlebte, würde er nie wieder die Augen vor noch so unliebsamen Wahrheiten verschließen. Und nie wieder würde er sich bei seinen Entscheidungen von Gefühlen leiten lassen.

An das Gute im Menschen würde er nie wieder glauben.

Mit letzter Kraft gelang es ihm, sich zu erheben. Er sah die versammelten Menschen an.

„Ich vergebe nicht“, verkündete er mit einer rauen Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war.

In der Stille, die darauf folgte, hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

Offenbar hatten sich alle darauf verlassen, dass er das Gemeinwohl über sein eigenes stellen würde.

Salmah brach in Tränen aus. Ihre Mutter wurde ohnmächtig, und ihr Vater beteuerte stumm und händeringend seine Unschuld.

Amjads Lippen zitterten, als er sich über die Theatralik der Szene bewusst hinwegsetzte. Die Machtgier dieser Menschen hätte ihn fast umgebracht. Er sah sie an. Sie standen nicht hier, weil sie ehrlich bedauerten, was sie getan hatten, sondern um ihre eigenen Interessen zu wahren.

Mit einer weit ausholenden Handbewegung wies er auf sie alle. „Ich verzeihe keinem von euch. Nie werde ich vergessen, was ihr mir angetan habt. Ich rate euch, zu Allah zu beten. Und noch etwas: Versucht das nicht noch einmal. Es wird euch übel bekommen, das verspreche ich euch.“

1. KAPITEL

Acht Jahre später.

Endlich bekam Maram Aal Waaked ihre Chance bei dem verrückten Prinzen.

So jedenfalls nannte man Amjad Aal Shalaan.

Aber für sie gab es nichts Wunderbareres auf der Welt, vielleicht außer Schokoladensoße.

Seit vier Jahren fühlte sie sich zu dem atemberaubend attraktiven Mann mit dem dunklen Teint hingezogen – eine Leidenschaft, die immer stärker geworden war.

Dass er ihr offenbar aus dem Weg ging, vergrößerte ihre Sehnsucht nur. Aber dieses Mal würde es klappen.

Diesmal, in der Wüste, wo Dutzende Männer von königlichem Geblüt aufeinandertreffen würden, konnte er sich ihr nicht entziehen.

Amjad war so wenig greifbar, dass er sich – wie einst der berühmte Entfesselungskünstler Houdini – aus einem Raum mit nur einem, noch dazu sorgfältig bewachten, Ausgang davonstehlen konnte.

So etwas hatte sie bereits erlebt, während geheimer Verhandlungen, bei denen sie ihr Emirat vertreten hatte. Als einige Teilnehmer begonnen hatten, sich zu ereifern, hatte Amjad plötzlich seinen charakteristisch gelangweilten Gesichtsausdruck bekommen – und dann war er verschwunden. Einfach so.

Ihre Freundinnen machten sich darüber lustig, dass sie überhaupt an ihn dachte. Natürlich war er ein attraktiver Mann, bei dessen Anblick die Frauen nur so dahinschmolzen, das konnten sie nicht leugnen. Aber zugleich verlieh ihm das eine fast unheimliche Macht über sie, denn er war nun mal … verrückt.

Doch warum sammelte er dann nicht eine Eroberung nach der anderen?

Dass er kaum eine Frau in seine Nähe ließ, brachte Maram zu dem Schluss, dass er in Wirklichkeit absolut zurechnungsfähig und sogar so etwas wie gnädig sein musste. Es schien, als würde er damit die Damenwelt vor sich selbst schützen.

Ihre Freundinnen dagegen verstanden sein merkwürdiges Verhalten nicht. Sie fanden, er müsste längst über seine Vergangenheit hinweg sein.

Maram hingegen glaubte, dass man eine so entsetzliche Erfahrung nur überwinden konnte, wenn man etwas erlebte, was im selben Maße wunderbar war.

Amjad brauchte jemanden, der sich von seinem skrupellosen Verhalten nicht abschrecken ließ, sondern es als Geradlinigkeit schätzte. Jemanden, den sein Reichtum und seine Macht nicht interessierten. Jemanden, der begriff, wie tief verletzt die Seele dieses aufrechten, heldenhaften Mannes war.

Maram lebte für die Chance zu beweisen, dass sie dieser Jemand war …

Um ihrem hochgesteckten Ziel näherzukommen, musste sie es allerdings erst einmal schaffen, sich längere Zeit mit ihm zu unterhalten.

Bis auf ein Mal hatte er nur immer seine kurzen, bissigen Bemerkungen gemacht – und sie dann stehen lassen, noch bevor sie die Gelegenheit gehabt hatte, etwas zu erwidern.

Doch sie würde dieses wundervolle wilde Tier besänftigen, und wenn es das Letzte war, was sie tat. Allein die verheißungsvolle Vorstellung davon, was dann kommen würde, rechtfertigte alle Blessuren, die ihr ganz sicher nicht erspart bleiben würden …

Bald würde das Rennen in die erste Runde gehen.

Laut ihrem GPS näherte sie sich der Rennbahn, einem acht Kilometer langen Rundkurs auf festem Untergrund, umgeben von Dünen. Amjad selbst hatte diesen Ort inmitten der Wüste für das jährliche Pferderennen ausgewählt. Normalerweise wurde es im Herbst ausgerichtet, aber diesmal war es von Amjad wegen dringender anderweitiger Verpflichtungen vorverlegt worden.

Alle waren entsetzt darüber, dass das Rennen nun im Hochsommer stattfand. Daher hatte Amjad spöttische Briefe verschickt – etwas, was nur er sich erlauben konnte.

Maram hatte den Brief gesehen, den ihr Vater bekommen hatte.

Im Geiste hatte sie Amjads gleichgültig-gefährliche Stimme gehört, während sie die elegante, kraftvolle Schrift betrachtet hatte.

Wollte ihr Vater nicht auf seinen gewohnten Luxus verzichten? Scheute der große kräftige Mann die Entbehrungen der Wüste? Oder die Hitze, obwohl er am Rennen selbst nicht teilnahm?

Offenbar hatte Amjad seine Briefe ganz genau auf die Eigenheiten der Empfänger zugeschnitten. Ihr Vater war eben etwas … anspruchsvoll, er legte Wert auf einen gewissen Komfort. Eigentlich wusste das niemand, denn aus Imagegründen versuchte er, den gegenteiligen Eindruck zu erwecken. Aber Amjad Aal Shalaan konnte man nichts vormachen. Seine tiefe Menschenkenntnis war einer der Gründe für seinen anhaltenden Erfolg in der internationalen Politik und in der Finanzwelt.

Kein Wunder, dass alle sich seinen Wünschen gefügt hatten. Um drei Uhr nachmittags sollten Teilnehmer und Zuschauer eintreffen.

Inzwischen ging es auf Mittag zu. Maram hatte gerade ihren Vater angerufen, um ihm zu sagen, dass sie wohlbehalten angekommen war. Auch ohne das Gefolge, mit dem sie seiner Ansicht nach hätte reisen sollen.

Sie ging vom Gas, um den unvergleichlichen Anblick auf sich wirken zu lassen.

Nur war es nicht die atemberaubende Schönheit der Wüstenlandschaft unter der weiß glühenden Sonne, die sie in ihren Bann schlug. Nein, er war derjenige, der ihr Herz höher schlagen ließ und ihr den Atem raubte.

Inmitten seiner Männer, die er alle um einen Kopf überragte, stand er vor einem der großen Zelte. Hoch gewachsen, schlank und breitschultrig, strahlte Amjad Aal Shalaan natürliche Autorität aus. Die Sonne, die auf sein schwarzes Haar brannte, störte ihn offenbar nicht. Überhaupt schien ihm nichts etwas anhaben zu können.

Kein Wunder, dass man ihn auch den Prächtigen nannte.

Bisher hatte sie ihn immer nur in maßgeschneiderten Anzügen aus feinster Seide gesehen, in denen er schlichtweg umwerfend aussah. Aber der Anblick, den er in seinem weiten weißen Hemd, der engen weißen Hose und den braunen Stiefeln bot, übertraf alles …

Sie parkte das Ungetüm von Geländewagen, das ihr Vater ihr für die Fahrt hierher überlassen hatte, und stieg aus. Sie schlang den Riemen ihrer Tasche um die Schulter und setzte ihren Hut auf, um sich vor der Sonnen zu schützen, wie sie vorgab – in Wirklichkeit sollte er sie daran hindern, auf der Stelle zu ihm zu rennen.

Amjad hatte es anscheinend nicht eilig, sie zu begrüßen. Erst als sie die Autotür zuschlug, sah er in ihre Richtung – mit seinem unverwechselbar nonchalanten Blick, der sie fast verrückt machte.

Seinen smaragdgrünen Augen unter den halb gesenkten Lidern entging keine ihrer Bewegungen.

Während sie auf ihn zuging, betrachtete sie seinen rücksichtslos sinnlichen Mund und den perfekt proportionierten Körper im gleißenden Licht der Sonne, die fast senkrecht stand. Durch die harten Schatten wirkten die meisten Menschen unvorteilhaft, ja fast wie Karikaturen. Nur Amjad nicht. Er erschien dadurch als der Rachegott, der er ja auch tatsächlich war. Und gerade deshalb fühlte sich Maram unwiderstehlich zu ihm hingezogen. Für sie war er das Kostbarste, was die Welt ihr zu bieten hatte.

Als sie beinahe vor ihm stand, sah er sie richtig an. Oder wenigstens fast, denn die für ihn typische Gleichgültigkeit war nicht aus seinem Blick gewichen.

Mit einer Handbewegung grüßte Maram die Umstehenden, dann wandte sie sich ihm zu und sagte lächelnd: „Hier bin ich.“

Was, zum Teufel, wollte sie hier?

Amjad hatte Prinz Aal Waaked eingeladen, aber gekommen war Prinzessin Maram Aal Waaked. Geschmeidig und bedrohlich wie eine Tigerin kam sie auf ihn zu.

Er zwang sich, gelassen zu bleiben, während er insgeheim den Zauber ihrer anmutigen Erscheinung bewunderte.

Ihr beigefarbener Hosenanzug aus fließendem Stoff betonte ihre schöne weibliche Figur mit den langen schlanken Beinen. Die goldbraunen schulterlangen Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die Augen in dem ebenmäßigen Gesicht mit dem hellen Teint strahlten wie die Sonne und wirkten unergründlich und geheimnisvoll wie die Wüste.

Ihr gesamtes Auftreten kündete ebenso von Selbstvertrauen wie von Beherrschtheit. Sie verhielt sich wie eine Frau, die wusste, was sie wert war, und ihre Schönheit wie eine Waffe gebrauchte.

Amjad spürte die Luft heiß in seinen Lungen.

Da begriff er. So wie es aussah, gab es gegen das … Männliche im Mann kein Heilmittel.

Und er sprang stark auf diesen Typ Frau an, das war nicht zu leugnen. Kein Zweifel, Maram Aal Waaked stellte eine Gefahr dar – und hier sprach nicht die Paranoia aus ihm, die man ihm nachsagte.

Mit dreißig hatte sie schon zwei Ehemänner gehabt, zumindest offiziell. Einen Prinzen und einen reichen Erben. Der eine älter als ihr Vater, der andere jung wie ein kleiner Bruder. Dabei war es ein offenes Geheimnis, dass die Männer ihr reihenweise zu Füßen lagen.

Und jetzt galt ihre Aufmerksamkeit ihm! Mit ihren glänzenden Augen, die das Sonnenlicht einzufangen schienen, sah sie ihn an.

War er für sie etwas Besonderes? Wohl kaum, denn sie interessierte sich für ihn und seinen Bruder.

Vermutlich würde sie sogar damit zurechtkommen, wenn sie ihr beide nicht widerstehen konnten … Aber so weit würde es nicht kommen, denn er würde sich auf keinen Fall auf sie einlassen.

Eher würde sie den Teufel persönlich bekommen als ihn!

Bei seinem Halbbruder Haidar allerdings sah die Sache anders aus. Er war seit Kindertagen mit Maram befreundet und würde schon deshalb leichter auf sie hereinfallen.

Abgesehen davon würde so ziemlich jeder Mann heftig auf sie reagieren …

Sie trug ihren Namen zu Recht: Maram bedeutete die Angebetete, die Begehrte.

Nur er selbst schaffte es, sich ihrem Zauber zu entziehen – was im Moment wichtiger war denn je.

Wenn er sie schon früher nicht besonders geschätzt hatte, so stand sie inzwischen wegen des Verhaltens ihres Vaters auf der Liste seiner erklärten Feinde.

Yusuf Aal Waaked, der regierende Prinz des Nachbaremirats Ossaylan, steckte hinter dem Diebstahl des Kronschatzes, Pride of Zohayd genannt, und war der Kopf der Verschwörung gegen die Königsfamilie der Aal Shalaans.

Und jetzt stand die Tochter dieses Treulosen vor ihm wie ein Raubtier, das schon vielen Männern gefährlich geworden war, und sah ihn auf ihre durchdringende Art an wie ein potenzielles Opfer …

Er neigte höflich den Kopf und sagte so geringschätzig wie möglich: „Prinzessin Haram.“

Maram blinzelte. Hatte er sie Haram genannt?

Das Funkeln seiner einzigartigen Augen sagte ihr, dass es so war.

Sündig. Verrucht. Unerreichbar.

All diese Bedeutungen hatte das Wort. Und noch mehr.

Und er hatte es laut genug gesagt, dass alle es hörten.

Was glaubte er, wie sie darauf reagieren würde? Nervös? Abwehrend? Schockiert?

Nein. So wie sie Amjad kannte, erwartete er einen Gegenangriff.

Den konnte er haben.

Sie knickste und senkte die Lider. „Prinz Abghad.“

Kurz war in Amjads makellosem Gesicht eine Spur von Erschrockenheit zu erkennen.

Dann griff er sich ans Herz und spielte den Gekränkten. „Und ich dachte, du magst mich.“

„Mehr als das. Und du weißt es.“ Sie lachte ihm zu. „Aber eine Haram verdient einen Abghad.“

„Prinzessin Sünde und Prinz Hass“, sagte er langsam und fast genießerisch.

Für Maram klang seine Stimme nach dunkler Schokolade, als würde er ihr die süßesten Komplimente machen.

„Irgendwie besser als die langweiligen Namen, die unsere Eltern uns gegeben haben.“

Sie nickte. „Klingt nach Fantasyfilm oder Adventure Game!“

„Passt auch besser zu uns. Du bist jetzt das blonde Tabu, und ich bin der böse verabscheuenswürdige Prinz. Das gäbe Verkaufszahlen!“

Sie griff nach ihrem Pferdeschwanz und hielt ihn ihm vor die Nase. „Ich bin nicht blond, meine hohnerfüllte Hoheit.“

„Nicht so wichtig, meine Widrigkeit.“

Sie lachte, als ihr auffiel, wie verdutzt die Umstehenden dreinschauten.

„Wo ist eigentlich Prinz Assef?“, fragte er beiläufig. „Hat wohl die ganze Nacht gespielt und schläft jetzt noch?“

Mit diesem neuen Wortspiel wuchs Marams Belustigung. Auf Arabisch bedeutete das der betrübte Prinz. „Yusuf ist betrübt, dass er nicht kommen kann“, sagte sie folgerichtig.

Sogar die Wüste schien mit angehaltenem Atem auf Amjads Reaktion zu warten.

Als sie endlich wieder den Klang seiner Stimme hörte, spürte Maram, wie ihr ein warmer Schauer den Rücken hinablief. „Heißt das, er kommt gar nicht?“

Seltsam … Wie groß musste seine Verstimmtheit hierüber sein, dass er sie sich anmerken ließ!

„Er hatte vor Kurzem Lungenentzündung und muss sich schonen“, erklärte sie. „Aber ist es nicht ein Glück, dass stattdessen ich gekommen bin?“

Verächtlich verzog er die schönen, vollen Lippen. „Von allen ungebetenen Besuchen ist deiner hier der ärgste.“

Erleichtert stellte sie fest, dass er zu seinem beißenden Sarkasmus zurückgefunden hatte. „Oh, ich liebe es, wenn du versuchst, gemein zu sein.“

„Glaub mir, wenn ich das wirklich versuchen würde, hättest du nichts mehr zu lachen.“

„Da musst du dich aber anstrengen, Prinz Abrad.“

Das bedeutete kalt. Oder gemein. Trotz des Sonnenlichts waren seine Pupillen groß, sodass die Augen dunkel wie Obsidian wirkten. „Was soll witzig daran sein, wenn du dich so unempfindlich gibst, Prinzessin Rokham?“

Maram kämpfte gegen den Wunsch, ihm in die rabenschwarzen Haare zu fassen, ihn an sich zu ziehen und zu küssen.

Natürlich ging das nicht! Sie seufzte leise und sagte: „Vorsicht! Ich bin aus Marmor, und deine Pfeile können nicht in mich eindringen.“

Bei dem Wort eindringen zogen sich seine Pupillen schlagartig zusammen, und die Augen wirkten wieder grün wie sonst.

So hatte sie es nicht gemeint!

„Es ist ein Jammer, dass deine Taktik auf Männer unwiderstehlich wirkt.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich schäme mich für mein Geschlecht.“

„Jetzt sei kein Flegel, Amjad!“ Sie betrachtete seine edlen hohen Wangenknochen und musste wieder gegen den Impuls ankämpfen, ihn zu berühren.

„Ich bin einer, das weiß doch jeder! Aber keine Sorge, damit habe ich noch niemanden umgebracht. Jedenfalls bisher nicht.“

Maram konnte nicht anders: Sie streckte ihm die Zunge heraus.

Das brachte ihn aus dem Konzept.

Sie nutzte ihren Vorteil. „Auch wenn dir deine Flegelhaftigkeit offenbar Spaß macht: Mir wird es hier allmählich zu heiß.“

Er zuckte die Schulter. „Du stehst nur vier Schritte vor einem voll klimatisierten Raum. Setz einfach einen Fuß vor den anderen.“

Sie zog eine Braue hoch. „Das kannst du aber besser. Versuch es noch mal, diesmal als vollendeter Gastgeber.“

„Was erwartest du? Dass ich dich über die Schwelle trage?“

„Ich bin über dreihundert Kilometer durch die Wüste gefahren – nach einem einstündigen Flug. Da darf ich wohl ein wenig Aufmerksamkeit erwarten.“

„Erstens bin ich bei dieser kleinen Veranstaltung nicht der Gastgeber, nur die Aufsicht. Und zweitens habe ich keine Lust, ungebetene Gäste herumzuführen.“

„Nicht dass dein … Ruf noch unter einer so ritterlichen Geste leidet!“

„Eben.“

Sie lachte. „Also gut. Ich denke, die vier Schritte schaffe ich zur Not auch allein.“

Als sie das Zelt betrat, umfing sie angenehmes Dämmerlicht und eine im Vergleich zur Außentemperatur erschreckende Kälte.

Gebannt hielt sie den Atem an, während sie den hohen Innenraum, der im Beduinenstil reichlich ausgestattet war, auf sich wirken ließ. Das leise Summen des Stromgenerators war kaum zu hören.

Dann wandte sie sich schnell um. Nicht dass Amjad sie allein hatte eintreten lassen.

Erleichtert stellte sie fest, dass er vor dem Zelteingang stand, der nun wieder geschlossen war, und sie aus seinen grünen Augen beobachtete.

Dass sie erbebte, hatte nichts damit zu tun, dass es kühl war.

Plötzlich verspürte sie den Impuls, auf einen bestimmten Punkt von vorhin ...

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