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Die feurige Rache des spanischen Milliardärs

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1. KAPITEL

Als Alejandro Aguilar um vier Uhr morgens nach einer eiskalten Dusche aus dem Badezimmer trat, empfing ihn das Klingeln seines Telefons. Die meisten Menschen hätte ein Anruf zu solch früher Stunde vermutlich beunruhigt. Doch Alejandro ahnte bereits, wer seine morgendliche Routine störte.

Er durchquerte das Schlafzimmer seines Chicagoer Penthouses, ein Handtuch um den Nacken geschlungen, und nahm das Gespräch an.

„Ist es erledigt?“

Sein Chef-Stratege, Wendell Grant, seufzte am anderen Ende der Leitung unterdrückt. „Es tut mir wirklich leid, Sir, aber sie haben sich durch nichts und niemanden umstimmen lassen. Wir haben wirklich alles versucht.“

Alejandros Hände schlossen sich fester um den Telefonhörer. Das nagende Gefühl, das ihn nun schon seit ein paar Wochen begleitete, schien Realität zu werden. Es gab viel zu viele Anzeichen, als dass er seinen Verdacht noch länger ignorieren konnte.

„Um ehrlich zu sein, ich begreife nicht, warum sie plötzlich so kompromisslos sind“, sprach Wendell weiter. „Das Team der Ishikawa-Brüder weigert sich rigoros, das Problem auch nur zu besprechen. Sie sagen immer nur, dass sie mehr Zeit benötigen.“

Alejandro wusste genau, wo das Problem lag. Die Köpfe des Japanischen E-Commerce-Konzerns zögerten den Abschluss des Deals heraus, der schon vor mehr als einem Monat hätte stattfinden sollen. Und dafür gab es nur einen möglichen Grund: Es existierte eine dritte Partei, die ebenfalls ihr Interesse angemeldet hatte.

„Wie sind Sie verblieben?“, fragte er.

„Sie haben um ein paar weitere Tage gebeten. Wir wollten einen früheren Termin herausschlagen, aber da war nichts zu machen. Schließlich haben wir uns auf eine Videokonferenz am Freitag geeinigt.“

„Das ist inakzeptabel! Ich warte nicht noch einmal fünf Tage. Rufen Sie sie zurück und sagen Sie ihnen, dass ich die Ishikawa-Brüder morgen zu einer Konferenz erwarte.“

„Ja, Sir.“

Alejandro war eigentlich schon im Begriff aufzulegen, als er innehielt. Irgendetwas an der Zurückhaltung seines Angestellten machte ihn stutzig. „Gibt es noch etwas, das ich wissen sollte?“

„Nun … Ich habe das Gefühl, dass sie glauben, die Zügel in der Hand zu halten. Die Atmosphäre der Verhandlungen scheint sich verändert zu haben.“

Wendell sprach das aus, was Alejandro schon die ganze Zeit über befürchtete. Ärgerlich ballte er die Hände zu Fäusten. Wenn seine Führungsangestellten die Lage schon genauso einschätzten, dann war es vermutlich an der Zeit, wieder selbst das Ruder zu ergreifen.

„Ich übernehme von hier an“, erklärte er. „Richten Sie dem ganzen Team meinen Dank aus. Sie alle können sich einen Tag freinehmen – das haben Sie sich wirklich verdient.“

„Soll ich trotzdem wie besprochen den Anruf machen?“, hakte Wendell nach.

„Nein, darum kümmere ich mich.“ Nun, wo er wusste, womit er es zu tun hatte, war es an der Zeit, andere Saiten aufzuziehen.

„Dann sollte ich wohl zusehen, dass ich nach Hause komme, ehe meine Frau die Scheidung verlangt.“ Wendell lachte matt. „Ach, noch eine letzte Sache. Ich bat meinen Assistenten, eine Liste von PR-Firmen für Sie zu erstellen. James PR hat die meiste Erfahrung auf dem asiatischen Markt. Ich denke, an diesem Punkt sollten wir jede Hilfe annehmen, die wir kriegen können.“

Alejandro verabschiedete sich und beendete das Gespräch. Dann ging er ins Ankleidezimmer, das angefüllt war mit den für ihn typischen grauen Anzügen, schwarzen Hemden und Krawatten mit Nadelstreifenmuster. Er entschied sich für einen anthrazitfarbenen Anzug, zog sich mit geradezu militärischer Präzision an und verließ keine fünfzehn Minuten später die Wohnung.

Die Fahrt nach The Loop, dem Geschäftsbezirk von Chicago, dauerte noch einmal etwa zehn Minuten. Dass er so früh unterwegs war, brachte den Vorteil mit sich, dass die Straßen verlassen waren und er den Motor seines Bugatti Veyron ungestört röhren lassen konnte.

Doch heute Früh half ihm auch das nicht, die Anspannung abzubauen, die von ihm Besitz ergriffen hatte. Und es milderte auch nicht seinen Zorn, der mit jeder verstreichenden Sekunde heftiger zu werden schien.

Er war einundzwanzig gewesen, als er Spanien verließ und zuerst nach Kalifornien und ein Jahr später nach Chicago zog – einzig und allein, weil er nichts mit irgendjemandem aus seiner Familie zu tun haben wollte. Mit seinem Fortgang aus Spanien hatte er alle Brücken hinter sich abgebrochen – nur um herauszufinden, sich ausgerechnet in unmittelbarer Nähe zu seinem Halbruder niedergelassen zu haben.

Gael Aguilar.

Er und seine Mutter hatten den bis dahin namenlosen Gestalten, die die schmutzigen Affären seines Vaters für Alejandro gewesen waren, ein Gesicht verliehen.

Gael hatte Kalifornien kurz nach ihm erreicht. Und Silicon Valley war für sie beide nicht groß genug gewesen. Zumal sein Bruder schnell damit anfing, sich in genau die Geschäfte zu drängen, an denen Alejandro Interesse zeigte. Natürlich hätte er Gaels aufblühendes Internetunternehmen auch einfach ausradieren können. Doch damit hätte er eingestanden, dass er noch so etwas wie Verbundenheit mit seinem alten Leben verspürte. Und dem war einfach nicht so. Die Vergangenheit besaß keine Macht mehr über ihn – deshalb hatte er sich entschieden, das Weite zu suchen.

Er mochte ein Aguilar sein, doch das nur dem Namen nach. Soweit es ihn betraf, hatte er niemanden mehr auf der Welt. Dummerweise schien sein lieber Halbbruder die Sache ein wenig anders zu sehen. Knapp ein Jahrzehnt, nachdem sie ein zweites und letztes Mal aneinandergeraten waren, hatte Gael es offenbar wieder darauf abgesehen, sich in seine Geschäfte zu drängen.

Zumindest will er sich den Deal unter den Nagel reißen, an dem ich so lange und hart gearbeitet habe …

Alejandro stellte seinen Wagen in der Tiefgarage seines Unternehmenshauptsitzes ab und trat in den Lift, der ihn direkt in die Chefetage von SNV International beförderte. Während die Kabine lautlos nach oben glitt, erinnerte er sich an sein letztes Gespräch mit Gael.

„Du verlegst deinen Geschäftssitz? Warum? Hast du Angst, ich könnte dich vorführen?“

Gaels Lächeln, herausfordernd und herablassend, hatte Alejandro auf unangenehme Art und Weise an ihren gemeinsamen Vater erinnert.

„Mach dir nichts vor. Meine Firma ist erfolgreich genug, um überall auf der Welt wachsen zu können. Du solltest deinem Glücksstern danken, dass ich der Versuchung nicht nachgebe, dich unter meinem Absatz zu zerquetschen. Auf diese Weise besteht wenigstens die leise Hoffnung, dass du etwas aus dir machst.“

Seine Worte hatten das Lächeln vom Gesicht seines Bruders gewischt. Stattdessen nahmen seine Züge einen Ausdruck grimmiger Entschlossenheit an, den Alejandro nur allzu gut von sich selbst kannte.

„Ich freue mich auf den Tag, an dem du dich an diesen Worten verschlucken wirst, Bruderherz.“

Alejandro hatte nur mit den Schultern gezuckt und war gegangen. Gael und er würden niemals echte Brüder sein. Ihm einmal als Teenager zu begegnen, war schon schlimm genug gewesen. Ihr zweites Aufeinandertreffen Jahre später des Guten eindeutig zu viel.

Mit einem dritten Mal hatte er nicht gerechnet.

Er betrat sein Büro, als sich gerade die Aprilsonne über dem Lake Michigan erhob. Normalerweise hätte er den Anblick bei einer Tasse Espresso genossen, doch an diesem Montagmorgen stand ihm der Sinn nicht danach. Stattdessen warf er seine Schlüssel auf den Schreibtisch, zog seine Jacke aus und ging an die Arbeit.

Gegen neun Uhr hatte er die endgültige Bestätigung dafür, dass es tatsächlich Gael war, der sich in seinen Deal mit den Japanern einmischte. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und runzelte die Stirn. Gaels Firma, Toredo Inc., hatte sich in eine treibende Kraft auf dem E-Commerce-Sektor entwickelt, nur noch übertroffen von Alejandros eigenem Unternehmen.

Dieser Umstand hatte ihn jedoch nie auch nur eine Sekunde lang beunruhigt. Der Wert seiner Firma belief sich auf mehrere Milliarden Dollar und war der Top-Player in seinem Geschäftsfeld. Manchmal war ihm die Konkurrenz durch Toredo sogar willkommen gewesen. Aber nicht dieses Mal.

Den Deal mit den Japanern unter Dach und Fach zu bringen würde bedeuten, eine ganz neue Stufe von Erfolg zu erklimmen. Es wäre der Höhepunkt all dessen, was er seit seinem Fortgang aus Spanien erreicht hatte.

Seine erste Millionen hatte er mit vierundzwanzig gemacht, kurz bevor er Kalifornien verließ. Und in den vergangenen zehn Jahren war er bis ganz an die Spitze aufgestiegen.

Der Ishikawa-Deal wäre die Krönung all seiner Erfolge. Alejandro hatte zu hart und zu lange daran gearbeitet, um sich nun von Gael alles kaputtmachen zu lassen.

Sein Strategieteam hatte ihm geraten, mit einer erfahrenen PR-Agentur bei der Betreuung japanischer Firmen zusammenzuarbeiten. Alejandro hatte die Idee auf Eis gelegt, bis die Verhandlungen nun plötzlich zum Stillstand gekommen waren. Obwohl er noch immer nicht davon überzeugt war, dass eine Agentur von außen mehr leisten konnte als seine eigenen Leute, öffnete er nun das Exposé.

Das Porträt der Bewerberin fesselte seine Aufmerksamkeit sofort. Aber warum eigentlich? Ihr Mund war eine Spur zu breit, ihre Nase ein wenig zu spitz. Ihre mandelförmigen goldbraunen Augen wirkten verhangen, und für seinen Geschmack trug sie einen Hauch zu viel Make-up. Er bevorzugte es eher natürlich.

Dennoch fiel es ihm schwer, seinen Blick von Elise Jamesons Bild losreißen. Er überflog ihren akademischen Werdegang, der beeindruckend genug war, dass er weiterlas. Die Erkenntnis, dass es sich bei Jameson PR um ein Familienunternehmen handelte, entlockte ihm ein schiefes Lächeln. Anscheinend war nicht jede Familie so verpfuscht und kaputt wie seine eigene.

Genug damit!

Er musste einen klaren Kopf behalten, um dieses Geschäft durchzuziehen. In der Vergangenheit zu schwelgen war unter diesen Umständen keine besonders gute Idee. Er schaute sich die zwei anderen Lebensläufe an, doch für ihn stand schnell fest, dass diese Kandidaten nicht infrage kamen.

Als er sich schließlich dabei ertappte, wieder das Porträt von Elise Jameson anzustarren, griff er zum Telefon und rief in seinem Vorzimmer an.

„Margo, arrangieren Sie doch bitte ein Gespräch mit den Leuten von Jameson PR für heute Nachmittag.“

„Ähm … Einer ihrer Geschäftsführer ist bereits hier. Soll ich sie zu Ihnen reinschicken? Ihr Terminkalender ist für den Rest des Tages relativ frei.“

Er runzelte die Stirn. „Sie haben jemanden einfach auf gut Glück hergeschickt?“ Alejandro wusste nicht recht, was er davon halten sollte.

„Nun, Wendell nahm an, dass es klug wäre, für den Fall, dass Sie rasch eine Entscheidung an der PR-Front treffen wollen.“

Alejandro nickte. Erneut schaute er die Fotografie auf seinem Bildschirm an. „Welcher Repräsentant von Jameson ist da?“

„Die Junior-Chefin – Elise Jameson. Ich kann natürlich dafür sorgen, dass …“

„Nein, schon gut“, fiel er seiner Assistentin ins Wort. „Schicken Sie sie herein. Und bringen Sie uns doch bitte Kaffee. Gracias.“

Ein paar Minuten später klopfte es an der Tür zu seinem Büro, und er blickte auf. Margo trat zuerst ein, einen Servierwagen mit einer Kanne und zwei Tassen vor sich herschiebend.

Alejandro schaute an ihr vorbei, seine Aufmerksamkeit sofort wie gebannt von der dunkelhaarigen Frau, die ihr folgte. Es gefiel ihm nicht, dass er bei ihrem Anblick beinahe auf der Stelle einen Anflug von Verlangen verspürte. Doch im Grunde war es ja kein Wunder. Die Verhandlungen hatten seine volle Aufmerksamkeit gefordert, sodass für Dinge wie Sex seit nunmehr fast einem Jahr einfach keine Zeit gewesen war.

Allerdings musste er zugeben, dass er auch nur überraschend selten den Drang verspürte, fleischlichen Genüssen zu frönen. Die Jagd war irgendwann langweilig geworden. Seine Reaktion auf Elise Jameson aber machte deutlich, dass er durchaus noch ein heißblütiger Mann war.

Das goldene Licht der Morgensonne hauchte den Zügen, die er bereits von dem Porträtfoto kannte, Wärme und Leben ein. Und wenn er schon vorher wie gebannt von ihr gewesen war, so ließ die Wirkung, die ihr richtiger Anblick auf ihn ausübte, sich kaum mit Worten beschreiben.

Mit selbstsicherem Gang trat sie in den Raum. Sie trug einen marineblauen Bleistiftrock und einen dazu passenden Blazer. Der Schnitt ihrer Kleidung zog seinen Blick auf ihren perfekt geformten Körper. Sie war attraktiv. Bezaubernd. Und dennoch nicht wirklich etwas Besonderes.

Doch dann lächelte sie Margo zu, als diese das Büro verließ, und die Erkenntnis traf Alejandro wie ein Blitzschlag. Elise erinnerte ihn an das Bild einer Frau, das er mit vierzehn im Arbeitszimmer seines Vaters hatte hängen sehen. Einer Frau, die mit geschlossenen Augen an einem Fenster stand, während der Sonnenschein ihr Gesicht zum Leuchten brachte.

Die Ähnlichkeit war frappierend.

Mit dem Unterschied, dass die Frau auf dem Gemälde nichts am Leib getragen hatte.

Das Bild war ein immerwährender Zankapfel zwischen seinen Eltern gewesen. Seine Mutter hatte geschworen, es zu verbrennen, während sein Vater sie für ihre übertriebene Eifersucht aufzog. Nach sechs Jahren war es dann plötzlich verschwunden. Und obwohl Alejandro sich immer wieder heimlich ins Arbeitszimmer seines Vaters geschlichen hatte, um es zu betrachten, war er froh gewesen, als es fort war.

Für ihn war nur wichtig gewesen, dass die Streitereien endlich aufhörten. Doch das war natürlich nicht von Dauer gewesen.

Er verscheuchte die Erinnerungen.

„Vielen Dank, dass Sie mich empfangen, Mr. Aguilar. Ich bin Elise Jameson.“

Ihre Worte rissen ihn aus seinen Gedanken. Er ergriff die perfekt manikürte Hand, die ihm entgegengestreckt wurde, und war angenehm überrascht über den kräftigen Händedruck. Doch noch mehr erstaunte ihn die Tatsache, dass diese eigentlich so harmlose Berührung ausreichte, um ein heftiges Kribbeln bei ihm zu verursachen.

„Mir ist klar, dass einer meiner Angestellten Ihnen nahegelegt hat, wir könnten an Ihren Diensten interessiert sein“, sagte er. „Aber halten Sie es nicht für ein bisschen töricht, deswegen gleich herzukommen? Sie hätten einen ganzen Tag verschwenden können.“

Ihre Augen weiteten sich ein wenig, doch sie hatte sich schnell wieder im Griff. „Sie mögen es als töricht bezeichnen, ich nenne es perfektes Timing.“

Er hob eine Braue. „Wir sind uns wirklich schnell uneins. Kein gutes Zeichen für eine potenzielle Zusammenarbeit – oder wie sehen Sie das?“

Ihre Haltung wirkte nun angespannt. „Entschuldigen Sie meine Offenheit, aber wenn Sie nur jemanden suchen, der Ihnen nach dem Mund redet, dann ist Jameson vermutlich wirklich nicht die richtige Agentur für Sie.“

Obwohl ihr Akzent eindeutig amerikanisch war, deuteten ihre Züge auf eine asiatische Herkunft hin, was ihre Schönheit noch unterstrich. Außerdem bemerkte er, dass ihr Ärger ihn amüsierte.

Er stand auf, trat um seinen Schreibtisch herum und nahm den Servierwagen, beladen mit Kaffee und Bagels in Augenschein. „Kaffee?“, fragte er, während er sich selbst seinen fünften Kaffee heute einschenkte.

„Nein, danke. Ich hatte heute bereits meine Dosis an Koffein. Noch mehr, und ich hüpfe wie ein Flummi durch dieses Büro.“

„Wenn das so ist, dann setzen Sie sich doch bitte, Miss Jameson“, sagte er und kehrte selbst wieder zu seinem Platz hinter dem Schreibtisch zurück. „Und dann erzählen Sie mir, was Ihr Aufgabengebiet ist.“

Sie nahm sich die Zeit, ihren Blazer aufzuknöpfen. Alejandro erhaschte einen Blick auf ein jadefarbenes Seidentop.

„Normalerweise läuft es umgekehrt. Sie sagen mir, wobei Sie in Sachen PR Hilfe benötigen, und wir beraten Sie, wie Sie Ihr Ziel erreichen können.“

Sie trug einen sehr dezenten Duft. Es war einzigartig. Betörend. Er ertappte sich selbst dabei, wie er tief einatmete, und runzelte die Stirn.

„Mir scheint, dass wir die übliche Vorstellungsprozedur ohnehin schon ein wenig durcheinandergebracht haben. Warum sehen wir also nicht einfach, wohin uns das Ganze führt?“

Sie blinzelte. „Oh, das würde ich sehr gern. Dummerweise war Wendell Grant nicht besonders mitteilsam, als er mich anrief, um mich herzubitten. Unter diesem Umständen kann ich Ihnen schwerlich helfen.“

„Da ich noch nicht entschieden habe, ob wir Sie engagieren oder nicht, werde ich keine vertraulichen Informationen mit Ihnen teilen.“

Ihre Lippen wurden schmal, ehe sie sich zu einem gekünstelten Lächeln verzogen. „Ich kann Ihnen versichern, dass Verschwiegenheit unser oberstes Gebot ist. Sie können jederzeit Erkundigungen über uns einholen, wenn Sie wollen.“

„Wie auch immer – bis ich darüber entschieden habe, Sie offiziell in unsere Dienste zu stellen, möchte ich lieber ein wenig … Zurückhaltung üben.“

Ihre Blicke begegneten sich, und einen Moment lang schien die Zeit stillzustehen.

Dann nickte Elise. „Gut, sprechen wir also ganz hypothetisch. Was kann ich für Sie tun?“

Alejandro runzelte die Stirn. Sie war intelligent. Und sie sagte immer genau das Richtige. Dennoch konnte er das Gefühl nicht abschütteln, dass sie etwas vor ihm zu verbergen versuchte.

„Wie alt sind Sie?“, fragte er.

Sie hob eine Braue. „Inwiefern ist das für die Sache relevant?“

Alejandro verschränkte die Arme vor der Brust. Er ärgerte sich selbst über seine Frage. Doch er würde jetzt keinen Rückzieher machen. „Handelt es sich um ein Staatsgeheimnis?“

„Nein, natürlich nicht. Aber Sie haben meine Akte. Ich bin sicher, dass Sie sie gelesen haben, bevor Sie mich hereinbaten. Sie kennen also mein Alter. Wenn ich Sie wegen irgendetwas anlügen wollte – was ich, nebenbei bemerkt, nicht vorhabe –, wäre es ziemlich dumm, ausgerechnet mit meinem Alter zu beginnen. Und ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, warum Sie mir eine solche Frage stellen sollten, wenn nicht, um mich bei einer Lüge zu erwischen.“

„Beantworten Sie eine einfache Frage immer mit einem solchen Monolog?“

Ihre Wangen färbten sich in einem zarten Rosa, und ihre Augen blitzten, ehe sie die Fassung wiedergewann. „Ich bin fünfundzwanzig – genau, wie es in meiner Akte steht“, erwiderte sie kühl.

„Wie lange arbeiten Sie schon für Ihre Eltern?“ Wieder eine Frage, die er eigentlich gar nicht hatte stellen wollen.

Ihre Lippen pressten sich zusammen. „Seit ich mit einundzwanzig die Universität abgeschlossen habe.“

Alejandro musterte sie schweigend. Eines musste man ihr lassen – sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Er holte tief Luft. „Ich glaube nicht, dass das funktionieren wird, Miss Jameson. Trotzdem vielen Dank, dass Sie gekommen sind.“

Zuerst wirkte sie fast ein wenig erleichtert, dann überrascht. Bis sie schließlich verarbeitete, was er gesagt hatte. „Verzeihung?“

„Wenn Sie nicht einmal ein paar Fragen beantworten können, ohne gleich emotional zu werden, weiß ich nicht, wie Sie zurechtkommen wollen, wenn es hart auf hart kommt. Margo wird Sie hinausführen.“

Langsam erhob sie sich – ließ sich dann aber wieder zurücksinken. „Das ist eine Art Test, oder?“

Jetzt war es an Alejandro, überrascht zu sein. Er hatte sich jedoch gleich wieder im Griff. „Ich arbeite an einem Geschäft, das kurz vor dem Abschluss den Bach hinunterzugehen droht. Sie können mir ruhig glauben, dass ich meine kostbare Zeit nicht mit irgendwelchen Tests verschwenden würde. Auf Wiedersehen, Miss Jameson.“

Er konnte deutlich die Fragen lesen, die in ihren haselnussbraunen Augen standen. Schließlich stand sie auf und drehte sich ohne ein weiteres Wort um.

Alejandro wünschte, auch er hätte den Blick abgewandt, denn ihre wohlgeformte Kehrseite ließ erneut Verlangen in ihm aufflackern.

Er hatte auf die harte Tour gelernt, dass es keine gute Idee war, das Vergnügen mit dem Geschäftlichen zu vermischen. Damals war er noch jung und naiv genug gewesen, zu glauben, dass man beides voneinander trennen konnte. Seitdem hielt er seine Affären oberflächlich und vor allem vertraulich.

Mit Mühe riss er seinen Blick von den langen Beinen los, die sich soeben in Richtung Ausgang bewegten, wandte sich zum Fenster um und starrte hinaus. Doch auch der Lake Michigan bot ihm keine Ablenkung. Stattdessen sah er immerzu Elise vor seinem inneren Auge.

Elise, Elise und noch mal Elise.

Ein leises Klicken verriet ihm, dass sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er schüttelte den Kopf. Was war heute bloß los mit ihm? Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar und drehte sich wieder um.

Zu seiner Überraschung stand Elise Jameson unmittelbar vor seinem Schreibtisch, ihre Augen suchten seine.

„Wenn ich mich recht entsinne, habe ich Sie gebeten zu gehen.“

Sie atmete langsam aus. Alejandro nahm an, dass es sich um eine Technik handelte, ihre innere Mitte zu finden. Und er hatte das Gefühl, dass er eine solche noch dringend brauchen würde, bevor der Tag vorüber war.

„Das haben Sie, aber ich bin immer noch hier. So, wie ich das sehe, werden Sie mich entweder engagieren, oder wir werden uns niemals wiedersehen. Also ist das hier meine einzige Gelegenheit, Ihnen Folgendes zu erklären: Ich war nicht emotional. Ich sehe einfach nur keinen Sinn darin, Zeit auf Fragen zu verschwenden, deren Antworten Sie bereits kennen. Und ja, ich hätte meinen Ärger darüber besser unter Kontrolle halten müssen. Geben Sie mir noch eine Chance, und ich verspreche, dass so etwas nie wieder passieren wird. Und erlauben Sie mir noch eine Anmerkung.“ Sie schaute ihn direkt an. „Ich bin gut in meinem Job. Sie werden niemand Besseren finden.“

Er zuckte mit den Schultern. „Das war eine nette Rede – aber eben auch nur eine Rede. Sie können mir viel versprechen.“

Versprechungen waren leicht zu machen und noch leichter zu brechen. Diese Lektion hatte er als Kind immer und immer wieder lernen müssen.

Sie senkte kurz den Blick, hob ihn aber sofort wieder. „Führen Sie unser Gespräch zu Ende – wie auch immer Sie wollen. Und danach entscheiden Sie.“

Alejandro wollte sie zurückweisen. Doch noch viel mehr wollte er, dass sie blieb. Er entschied, für den Augenblick nicht zu erforschen, woher dieser Wunsch rührte. Dieser ganze Tag war von Anfang an nicht rund gelaufen.

„Gut, setzen Sie sich, Miss Jameson. Aber lassen Sie mich eines klarstellen.“

Sie nahm ihm gegenüber Platz. „Ja?“

„Ich bediene mich keiner Tricks, um potenzielle Mitarbeiter zu testen. Jegliche Form von Täuschung ist mir zuwider. Denken Sie bitte daran, bevor wir hier weitermachen.“

Sie nickte ernsthaft. „Das sollte kein Problem für mich darstellen.“

2. KAPITEL

Was, zum Teufel, ging hier eigentlich vor?

Elise hatte das Gefühl zu taumeln, und es war klar, dass der Mann, der ihr gegenübersaß, genau das beabsichtigte. Dieser unglaublich maskuline Mann, dessen grüne Augen jede ihrer Bewegungen zu beobachten und nach irgendwelchen Fehlern und Schwachstellen Ausschau zu halten schienen.

Sie atmete tief durch. Die Situation war irritierend. Warum nahm er sie so in die Mangel? Immerhin war sie doch hier, um zu helfen.

Vielleicht war der Grund einfach nur das Misstrauen, das er auszustrahlen schien wie ein flackerndes Feuer. Oder sie trug selbst die Schuld daran. Sie hatte ein skeptisches Stirnrunzeln nicht zurückhalten können, als sie sein Büro betrat. Seine Präsenz war umwerfend und erinnerte sie an ein gefährliches Raubtier.

Was auch immer der Grund sein mochte – es hatte ihre innere Balance aus dem Gleichgewicht gebracht.

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