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Die falschen Küsse des Millionärs

1. KAPITEL

„Hallo, wen haben wir denn da?“, murmelte Case Fortune überrascht. Er war davon ausgegangen, dass eine Kinderbuchautorin wie eine Bibliothekarin aussah. Hornbrille, flache Schuhe und ein Kleid, das mindestens bis zu den Knöcheln reichte.

Er warf einen Blick auf das Transparent, das von einem Ende der Kinderecke des Buchladens zum anderen gespannt war. Kein Zweifel, er war am richtigen Ort.

Heute Lesung und Signierstunde mit Gina Reynolds, der Autorin der „Geschichten aus Krötenhausen“!

Case unterdrückte ein abfälliges Lachen. Welche Art von Frau schrieb Erzählungen über Kröten? Da musste es sich um ein äußerst seltsames Exemplar handeln. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der fraglichen Person zu.

Gina Reynolds wirkte allerdings überhaupt nicht verschroben. Anmutig saß sie auf einem Stuhl in Miniaturgröße und hielt ein Buch in die Höhe, damit die auf dem Boden kauernden Kinder die farbigen Illustrationen sehen konnten. Ihr kurzer schwarzer Rock enthüllte lange schlanke Beine, die in eleganten Lederstiefeln steckten.

Ihr Aussehen widersprach allen Vorstellungen, die er sich gemacht hatte. Eine seidige Mähne rotblonden Haars umspielte ihr hübsches Gesicht und fiel ihr über die schmalen Schultern. Ihre zierliche Nase war von Sommersprossen übersät und ihre großen Augen funkelten intensiv grün.

Case beobachtete, wie sie ihren kleinen Fans vorlas und dabei ihre Stimme verstellte, um den unterschiedlichen Figuren der Geschichte mehr Ausdruckskraft zu verleihen. Er hatte nicht erwartet, bei dieser Lesung eine hinreißende Schönheit vorzufinden, und das war Gina Reynolds auch nicht. Sie war jedoch auf jeden Fall einen zweiten Blick wert. Er konnte nicht genau sagen, was ihn an dieser Frau fesselte. Sie gehörte zu den weiblichen Wesen, deren Attraktivität erst bei näherer Betrachtung immer deutlicher zutage trat. Es war vor allem ihre Stimme, die ihn in ihren Bann zog. Er lehnte sich an ein Bücherregal, um zuzuhören, und war bald genauso in die Erzählung versunken wie die Kinder zu Ginas Füßen.

Als sie zum Ende kam und das Buch zuklappte, erhob sich einhelliges Stöhnen der Enttäuschung. Sofort begannen die kleinen Zuhörer, um eine weitere Geschichte zu betteln. Eine zweite Frau, vermutlich die Managerin des Geschäfts, trat in den Kreis der Rabauken, um zu vermitteln.

„Es tut mir leid, Kinder“, sagte sie bedauernd. „Aber Miss Reynolds muss jetzt aufhören. Stellt euch bitte in einer Reihe an der Wand auf, wenn sie euer Buchexemplar signieren soll.“ Sie warf Gina ein Lächeln zu. „Ich bin sicher, sie wird für jeden ein paar persönliche Worte finden.“

Erstaunlich graziös erhob die Autorin sich von dem niedrigen Stuhl und setzte sich hinter einen Tisch, auf dem sich mehrere Stapel ihrer Bücher befanden. Folgsam bildeten die Kinder eine Schlange, die in kurzer Zeit von einem Ende des Ladens bis zum anderen reichte.

Case war verärgert, weil es bedeutete, dass er nun noch länger warten musste, um mit Gina Reynolds ins Gespräch zu kommen, aber so leicht gab er nicht auf. Er brauchte ihre Unterstützung, um eine geplante Fusion in die Realität umzusetzen, deshalb war er fest entschlossen, nicht eher zu gehen, bis er die Gelegenheit bekommen hatte, mit ihr darüber zu reden. Er fasste sich in Geduld, drückte sich zwischen den Bücherregalen herum und gab vor, die Titel zu studieren. Irgendwann musste sich schließlich auch das letzte Kind in der Reihe mit einer Signatur der Autorin im Buch auf den Heimweg machen.

Als es endlich so weit war, trat er an den Tisch und nahm ein Buch vom Stapel. „Würden Sie das für mich signieren?“, bat er höflich.

Gina hatte sich gerade hinuntergebeugt, um ihre Handtasche aufzuheben. Sie schaute freundlich lächelnd auf. Als ihre Blicke sich trafen, blieb das Lächeln zwar auf ihrem Gesicht, aber es verlor deutlich an Wärme. Das versetzte ihn in Erstaunen. Er kannte Gina nicht und war sich sicher, dass auch sie ihn nicht kannte, dennoch glaubte er, so etwas wie Abneigung in ihren Augen zu sehen. Oder doch zumindest Missbilligung.

Sie richtete sich auf, nahm das Buch entgegen, schlug es auf und zückte den Füllfederhalter. „Für wen soll denn die Widmung sein?“

„Für mich“, antwortete er. „Case Fortune.“

„Für Sie?“, fragte sie überrascht.

„Ist das ein Problem?“

Sie errötete und schüttelte abwehrend den Kopf. „Nein, natürlich nicht, aber Sie sind das erste erwachsene männliche Wesen in meiner Laufbahn, dem ich eine Widmung in eins meiner Bücher schreiben soll.“

Er lächelte sie strahlend an. „Dann habe ich den anderen ja etwas voraus.“

Entgegen seiner Erwartung erwiderte sie sein Lächeln nicht. Stattdessen erntete er ein frostiges Stirnrunzeln.

Sie beugte sich über das Buch und schrieb eilig eine Widmung hinein. Ebenso eilig klappte sie den Buchdeckel zu und reichte ihm das signierte Exemplar. „Sie können an der Kasse zahlen“, erklärte sie kurz angebunden und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Handtasche.

Er nickte irritiert. „Danke.“

Ehe er auf den eigentlichen Grund seines Besuchs zu sprechen kommen konnte, wandte sich die Managerin des Geschäfts an Gina.

„Ich würde gern noch mit Ihnen reden, bevor Sie gehen, Miss Reynolds.“

Gina richtete den Blick auf die Frau, die hinter dem Verkaufstresen stand. „Ich bin sofort bei Ihnen.“ Sie erhob sich und nahm ihre Handtasche. „Bitte entschuldigen Sie mich“, sagte sie zu Case.

Verärgert über die Unterbrechung zückte er seine Brieftasche und folgte ihr zum Tresen. Er legte eine Kreditkarte bereit und lauschte der Unterhaltung zwischen den beiden Frauen. Die Managerin gratulierte Gina zum kürzlich erhaltenen Newbury-Buchpreis. Während er weiter zuhörte, fiel sein Blick auf eine Porträtaufnahme der Geschäftsführerin hinter dem Verkaufstresen. Ein kleines Schild darunter wies sie als Susan Meyer aus.

Nachdem er bezahlt hatte und das Buch von der Angestellten an der Kasse entgegengenommen hatte, näherte er sich den beiden Frauen.

„Miss Meyer?“, fragte er höflich.

Sie wandte ihm ihre Aufmerksamkeit zu. „Ja, kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin Case Fortune.“

Bei diesem Namen weiteten sich ihre Augen. „Oh, Mr Fortune!“ Sie kam auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. „Es ist eine Freude, Sie bei uns im Laden zu begrüßen.“

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, erwiderte er galant. „Es tut mir leid, Sie zu unterbrechen, doch ich bin nicht umhingekommen, Ihr Gespräch mit anzuhören. Sie sagten, Miss Reynolds hat den Newbury-Buchpreis gewonnen. Ich bin mit solchen Ehrungen nicht vertraut. Ist das eine wichtige Vergabe?“

Susan Meyer legte sich theatralisch eine Hand aufs Herz. „Aber ja! Dabei handelt es sich um eine hohe Auszeichnung der American Library Association. Sie wird an Autoren vergeben, die einen besonders wertvollen Beitrag zur Kinderliteratur geleistet haben. Dieses Jahr ist der Preis an Gina gegangen. Wir sind alle sehr stolz auf sie.“

„Das kann ich mir vorstellen“, sagte Case beeindruckt und wandte sich an Gina. „Ich vermute, Sie feiern eine Party nach der anderen wegen Ihres großen Erfolgs?“

Feine Röte überzog ihre Wangen. „Nein, eigentlich nicht.“

„Ich hoffe, Sie erlauben mir, dieses Versäumnis nachzuholen. Darf ich Sie zu ein paar Cocktails einladen?“

„Cocktails?“, wiederholte sie verblüfft.

„Das scheint mir angemessen.“

„Oh nein“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Ich kann Ihre Einladung unmöglich annehmen. Trotzdem vielen Dank. Ich muss hierbleiben und Susan beim Aufräumen helfen.“

„Das kommt überhaupt nicht infrage“, widersprach die Managerin. „Sie sind unser Gast. Ich werde mich zusammen mit meinem Team um alles kümmern.“ Sie deutete zum Ausgang. „Gehen Sie feiern. Man bekommt nicht jeden Tag die Gelegenheit, Cocktails mit einem attraktiven Mann zu trinken.“

Das Restaurant, das Case ausgewählt hatte, lag nicht nur in der Nähe der Buchhandlung, es zählte auch zu den besten in Sioux Falls, Dakota. Werktags saßen hier vor allem Geschäftsleute, die während des Essens doppelte Martinis tranken und Kontakte knüpften. Abends war das Geschäft genauso gut besucht. Dieselben Geschäftsleute hofierten nach Feierabend ihre Kunden bei Filetsteak in Pfefferkruste oder bei geräuchertem Lachs. Die Weine waren so exquisit wie die Gerichte. Am Wochenende herrschte allerdings eine andere Atmosphäre. Viele Paare nutzten den Freitag- oder Samstagabend für ein romantisches Dinner bei Kerzenlicht.

Gina wusste das, weil ihr Vater ihre Mutter oft hierher ausgeführt hatte. Nachdem er sie in der Regel die Woche über vollständig ignoriert hatte, versuchte er auf diese Weise, sie milde zu stimmen. Nicht wenige seiner Geschäftsfreunde verfuhren mit ihren Ehefrauen genauso.

Sie warf einen verstohlenen Blick auf Case und überlegte, ob er dieses Restaurant wohl jemals aus ähnlichen Gründen aufgesucht hatte. Er war nicht verheiratet, es gab also keine Ehefrau, die er umgarnen musste, aber vielleicht waren solche Maßnahmen ja auch bei einigen seiner zahlreichen Freundinnen nötig. Soweit sie das einschätzen konnte, verging kaum eine Woche, ohne dass sein Foto in irgendeinem Magazin auftauchte. Und jedes Mal hing eine andere Frau an seinem Arm. Eins hatten sie alle gemeinsam, sie wirkten immer jung und äußerst attraktiv.

An weiblicher Gesellschaft schien es ihm nicht zu mangeln, daher fragte sie sich, wieso er darauf bestanden hatte, mit ihr auszugehen. Unter gesenkten Augenlidern musterte sie ihn aufmerksam. Sie glaubte keine Sekunde daran, dass er nur ihren Erfolg feiern wollte. Männer wie Case Fortune taten nichts, ohne dabei an ihren eigenen Vorteil zu denken. Und davon, mit ihr auf ihren Buchpreis anzustoßen, hatte er nun wirklich nichts.

Während der Kellner routiniert die Champagnerflasche öffnete, beobachtete sie Case mit unverminderter Wachsamkeit. Sie gab es nicht gern zu, aber er sah leibhaftig noch besser aus als auf den Fotos in den Hochglanzmagazinen. Dichtes, dunkles, sehr kurzes Haar. Ein markantes, gut geschnittenes Gesicht. Die Lederjacke, die er lässig über die Stuhllehne gehängt hatte, stammte vermutlich aus dem Atelier eines italienischen Designers, genauso wie das maßgeschneiderte Hemd. Er hatte das Geld, sich jeden Luxus zu erlauben, und das Beste schien gerade gut genug für ihn zu sein. Auch in dieser Hinsicht fühlte sie sich an ihren Vater erinnert.

Der Gedanke an Curtis Reynolds hob ihre Stimmung nicht, im Gegenteil. Sie warf einen kurzen Blick auf die Uhr und fragte sich, wie lange sie wohl bleiben musste, um nicht unhöflich zu wirken. Fünf Minuten? Oder zehn?

„Ihr Champagner, gnädige Frau.“

Erschrocken blickte sie auf und sah sich dem Kellner gegenüber, der ihr eine Champagnerflöte reichte. Sie zwang sich zu einem Lächeln und nahm das Glas. Währenddessen verfluchte sie im Stillen die Managerin der Buchhandlung aufs Gröbste. Susan hatte sie förmlich zur Tür hinausgestoßen. Ihr war kaum etwas anderes übrig geblieben, als Case Fortunes Einladung anzunehmen. Eine Ablehnung wäre ebenso undankbar wie unhöflich gewesen.

„Auf viele weitere Auszeichnungen in der Zukunft.“

Gina schaute auf und sah, dass Case sein Glas erhoben hatte. „Danke“, murmelte sie, prostete ihm zu und nippte an ihrem Champagner.

Sie mochte dieses perlende Getränk nicht besonders. Ihr Vater war völlig versessen darauf. Das allein genügte ihr schon, um eine Abneigung dagegen zu hegen. Bei der erneuten Erinnerung an ihn erschauerte sie unwillkürlich und setzte unwillig das Glas ab. Zweifellos war Case dafür verantwortlich, dass sie heute andauernd an ihren Vater denken musste.

Besorgt blickte er sie an. „Wenn Sie Champagner nicht mögen, kann ich Ihnen auch etwas anderes bestellen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, vielen Dank. Ich trinke nur nicht besonders oft Alkohol.“

Er nickte verständnisvoll und sah sie interessiert an.

„Wissen Sie, ich bin erstaunt, dass wir uns noch nie begegnet sind. Immerhin leben wir in derselben Stadt. Unsere Wege hätten sich ja irgendwann einmal kreuzen können.“

„Eigentlich ist das kein Wunder“, sagte sie und zuckte mit den Schultern. „Ich war lange auf einem Internat und danach an der Universität. Ich bin erst vor einigen Jahren wieder nach Sioux Falls gezogen.“

„Ich schätze, das erklärt alles“, erwiderte er und lächelte. „Ich kenne Ihren Vater. Ehrlich gesagt, bin ich sein größter Fan. Er hat Reynolds Refining zu einem Unternehmen gemacht, das auf dem Weltmarkt eine bedeutende Rolle spielt. Die Firma wird hervorragend geführt und steht finanziell sehr gut da. Das ist bei der heutigen Wirtschaftslage keine Selbstverständlichkeit.“

Gina langweilte das Gespräch zu Tode. Sie wandte den Blick ab. „Ich habe kaum Ahnung von diesen Dingen.“

„Sie interessieren sich nicht für das Unternehmen Ihres Vaters?“

„Absolut nicht.“

„Und warum nicht?“

Sie schaute erneut auf die Uhr. „Ich sollte jetzt gehen.“

Erstaunt hob er die Augenbrauen. „Aber wir haben unseren Champagner noch gar nicht ausgetrunken.“

Sie griff nach ihrer Handtasche. „Wie ich schon sagte, ich mag Alkohol nicht besonders gern.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust, beugte sich vor und musterte sie eindringlich. „Ich habe vielmehr den Eindruck, Sie mögen mich nicht besonders.“

Peinlich berührt senkte Gina den Blick. Sie ärgerte sich, weil sie ihre Gefühle nicht besser verborgen hatte. „Nicht Sie persönlich. Nur Männer wie Sie.“

„Und was für ein Mann bin ich Ihrer Meinung nach?“

Ungeduldig zuckte sie mit den Schultern. „Ich muss jetzt wirklich gehen. Vielen Dank für den Champagner.“

Er legte eine Hand auf ihre, um sie aufzuhalten. „Ich würde Sie gern wiedersehen.“

Seine Augen waren von einem unglaublichen Blau. Er fixierte sie mit einer Intensität, die es ihr schwer machte, den Blick abzuwenden. „Ich gehe kaum aus. Meine Arbeit nimmt mich sehr in Anspruch.“

„Aber Sie müssen doch dann und wann mal essen, oder?“

„Normalerweise tue ich das am Schreibtisch.“

„Darf ich Sie wenigstens anrufen?“

Panik durchzuckte sie für einen Moment. Ihr fiel absolut keine höfliche Ausrede ein. Hastig entzog sie ihm ihre Hand und stand auf. „Gern“, sagte sie und lächelte gezwungen. „Nochmals vielen Dank für den Champagner.“ Bevor er es schaffte, irgendetwas zu erwidern, drehte sie sich um und eilte zur Garderobe, um in ihren Mantel zu schlüpfen.

Case Fortune würde sie nicht anrufen. Während sie das Restaurant verließ, stahl sich ein triumphierendes Lächeln auf ihr Gesicht. Das konnte er gar nicht.

Ihre Telefonnummer war nicht im Telefonbuch.

„Hast du schon etwas erreicht bezüglich der Fusion mit Reynolds?“

Case lehnte sich in seinem Bürosessel zurück und unterdrückte ein Seufzen, während sein Bruder Creed ihm gegenüber Platz nahm.

Obwohl es ihm lieber gewesen wäre, sein Bruder hätte dieses heikle Thema nicht angeschnitten, konnte er ihm wegen seiner Neugier keinen Vorwurf machen. Es hing viel davon ab für Dakota Fortune. Da er das Unternehmen gemeinsam mit Creed leitete, hatte der natürlich ein großes Interesse am Erfolg der Fusion. „Nein“, antwortete er widerwillig. „Ich arbeite jedoch an dem Problem.“

Creed fluchte verhalten. „Verdammt, Case. Muss ich dich wirklich daran erinnern, wie wichtig diese Sache für uns ist?“

„Nein, nicht nötig. Mir ist das ebenso klar wie dir, aber ich kann nichts dafür, wenn Reynolds einen Rückzieher macht.“

Creed stand auf, um unruhig auf und ab zu gehen. „Es gibt doch bestimmt eine Möglichkeit, ihn zu zwingen.“

„Ich habe Kontakt zu seiner Tochter geknüpft. Sie ist ein wichtiges Rädchen im Getriebe. Reynolds hat sich aus irgendwelchen Gründen entschlossen, ihr sein Unternehmen zu überlassen, anstatt es uns zu verkaufen, wie er ursprünglich vorhatte.“

Sein Bruder blieb stehen. „Tochter? Ich wusste gar nicht, dass Curtis Kinder hat.“

„Ich auch nicht, bis er mir sagte, dass er seine Meinung über die Fusion geändert hat.“

„Hat sie denn überhaupt Erfahrung in der Branche?“

Case stieß ein Schnauben aus. „Kaum. Sie ist Schriftstellerin, Kinderbücher, stell dir vor. Soweit ich das beurteilen kann, hat sie keinerlei Interesse an den Geschäften ihres Vaters.“

„Aber warum will Reynolds das Unternehmen dann ihr überlassen? Wir wissen schließlich beide, wie unbeständig die Energiebranche ist. Wenn jemand ohne Erfahrung die Raffinerie in die Hände bekommt, wird sie innerhalb eines Monats bankrottgehen.“

Case nickte nachdenklich. Daran hatte er auch schon gedacht. „Du erzählst mir nichts Neues, doch was kann ich dagegen tun? Reynolds hat entschieden, dass er sein Geschäft seiner Tochter hinterlassen möchte. Als eine Art Vermächtnis, nehme ich an.“

„Du musst einen Weg finden, ihn zu zwingen, sich an seine ursprüngliche Zusage zu halten. Wir brauchen diese Fusion.“

„Wie gesagt, ich arbeite daran. Die Tochter ist der Schlüssel, dabei will sie seine Firma gar nicht haben. Ich muss nur irgendwie erreichen, dass sie ihren alten Herrn davon überzeugt, mit uns zu fusionieren.“

„Und wie wirst du das bewerkstelligen?“

Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und lächelte süffisant. „Mach dir keine Sorgen, kleiner Bruder. Ich weiß, wie man mit Frauen umgeht.“

Creed verdrehte die Augen und ging zur Tür. „Entschuldige. Für einen Moment hätte ich fast vergessen, mit wem ich rede.“

Nachdem sein Bruder die Tür geschlossen hatte, ließ Case die Hände sinken und runzelte die Stirn. Es war nicht länger nötig, unangebrachten Optimismus zu verströmen. In Wahrheit hatte er Creed etwas vorgemacht. Auch wenn er gewisse Erfahrungen mit Frauen für sich in Anspruch nehmen durfte, so war er doch in diesem speziellen Fall bisher nicht weit gekommen.

Wie sollte er Reynolds’ Tochter überzeugen, ihn zu unterstützen, wo er noch nicht einmal mit ihr sprechen konnte? Diese junge Frau hatte ihn einfach ausgetrickst. Einer Autorin von Kinderbüchern war es mühelos gelungen, Case Fortune hereinzulegen.

Er biss die Zähne zusammen, als er an Ginas unschuldiges Lächeln dachte, mit dem sie ihm erlaubt hatte, sie anzurufen. Natürlich wusste sie in dem Moment ganz genau, dass ihm das nicht möglich sein würde. Nicht, wenn ihre Telefonnummer nirgendwo verzeichnet war.

Es wäre nicht so schwer, ihre Anschlusskennung herausfinden zu lassen, nur ein paar Anrufe bei den richtigen Leuten, aber er konnte es nicht riskieren, es auf diese Art zu versuchen. Sobald Gina seine Stimme hören würde, wäre ihr klar, dass er ihre Nummer auf fragwürdige Weise bekommen hatte. Damit hätte sie nur einen Grund mehr, ihn nicht zu mögen.

Sie hegte schon jetzt nur wenig Sympathie für ihn, oder besser: für Männer wie ihn. Das hatte sie jedenfalls gesagt, wenn er sich recht erinnerte. Für welche Art von Typ mochte sie ihn wohl halten?

Frustriert ließ er die Schultern sinken, aber schließlich riss er sich zusammen. Letztendlich war es egal, was sie von ihm dachte. Sie lag ganz offensichtlich falsch, und er würde sie vom Gegenteil überzeugen.

Es war nur die Frage, wie er das anstellen sollte.

Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht, als ihm die Lösung einfiel. Es war so einfach, dass er sich wunderte, wieso er nicht sofort darauf gekommen war. Er drückte einen Knopf der Sprechanlage.

„Ja, Mr Fortune?“, meldete sich seine Sekretärin augenblicklich.

„Marcia, bestellen Sie bitte bei unserem Floristen drei Dutzend gelbe Rosen. Sie sollen an Gina Reynolds geliefert werden.“

„Finde ich ihre Adresse in Ihrer privaten oder in der geschäftlichen Datei?“

„In keiner von beiden. Sie ist Curtis Reynolds’ Tochter. Vermutlich müssen Sie ein wenig forschen, um die Anschrift herauszufinden, aber sie ist eine bekannte Schriftstellerin. Es dürfte nicht allzu schwierig sein.“

„Wird erledigt. Was soll auf der Karte stehen?“

Case dachte einen Moment nach, dann grinste er breit. „Beste Grüße vom Krötenfan.“

„Wie bitte?“

„Krötenfan“, wiederholte er geduldig. „Sie wissen schon, Kröten. So ähnlich wie Frösche. Nur nicht grün.“

„Äh, ja, Sir. Natürlich. Ich kümmere mich sofort darum“, erwiderte Marcia hörbar irritiert.

„Und beauftragen Sie den Floristen, einen Behälter für die Blumen zu finden, der wie eine Kröte geformt ist. Kristall oder Silber wäre gut.“

„Was immer Sie wünschen“, erklärte die Sekretärin skeptisch. „Ist das eine Art von Scherz?“

„Nein. Eher eine Art von Krieg.“

Das erste Läuten an der Tür ignorierte Gina geflissentlich. Sie saß an ihrem Zeichentisch und fertigte eine Skizze nach der anderen an. Gerade befand sie sich mitten in einer kreativen Phase und die Bilder flossen ihr förmlich aus dem Stift. Wenn sie ihre Arbeit jetzt unterbrach, würde sich alles verflüchtigen, bevor sie eine Chance hatte, es zu Papier zu bringen.

Es klingelte zum zweiten Mal. Sie hob die Schultern und versuchte, das nervtötende Geräusch auszublenden. Beim dritten Mal fluchte sie leise, legte den Zeichenstift beiseite und marschierte übellaunig zur Eingangstür ihres Lofts. Sie war bereit, denjenigen, der sie störte, zu hängen und zu vierteilen.

Das Gesicht grimmig verzogen, spähte sie durch den Spion – und sah Rosen. Gelbe Rosen. Ein ganzes Meer davon. Neugierig öffnete sie die Tür, trat einen Schritt zurück und schlug die Hände vor den Mund. „Ach du meine Güte!“

„Eine Lieferung für Miss Gina Reynolds“, drang eine männliche Stimme hinter dem Wall aus Rosen hervor.

Sie schaffte es nicht, den Inhaber der Stimme zwischen der gelben Pracht zu erkennen. „Das bin ich.“

„Wo soll ich die Rosen abstellen?“

„Ich nehme sie“, bot Gina an und streckte die Arme aus. Vergeblich versuchte sie, die Blumenpracht in den Griff zu bekommen, und gab schließlich auf. „Vielleicht bringen doch besser Sie den Strauß herein. Ich zeige Ihnen den Weg.“ Sie trat hinter den Lieferanten, legte ihm die Hände auf die Schultern und schob ihn sachte vorwärts. „Immer geradeaus. Vorsicht, links von Ihnen ist ein Pfeiler. Ja, so ist es gut. Vor Ihnen befindet sich ein Tisch. Da können Sie die Rosen abstellen.“

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