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Raoul Martinez

Die falsche und die wahre Freiheit

Wofür es sich jetzt zu kämpfen lohnt

Aus dem Englischen von Enrico Heinemann

Hoffmann und Campe

Vorwort

Freie Märkte, freier Handel, freie Wahlen, freie Medien, freie Gedanken, freie Rede, freier Wille. Die Sprache der Freiheit zieht sich durch unser Leben und formuliert dabei die drängendsten Probleme unserer Zeit und die Grundfragen darüber, wer wir sind und wer wir sein wollen. Freiheit ist ein mitreißendes Ideal, das im Mittelpunkt unserer Vorstellung von menschlicher Würde und der Visionen von einem erfüllenden und sinnvollen Leben steht. Ihre universelle Anziehungskraft, die Fähigkeit, zu vereinen und Anstoß zu geben, machten sie lange Zeit zu einer politischen Waffe. Manchen ist sie Weckruf zur Revolution, anderen Rechtfertigung des Status quo. Universitäten, Denkfabriken, Religionen, politische Parteien und Aktivisten gaben dem Begriff eine jeweils eigene Prägung. Im Kampf um seine Festlegung wurde das Ideal der Freiheit begrifflich gedehnt, eingeengt, entstellt oder verzerrt, kurz: professionell zurechtgestutzt, um es den Interessen derer anzupassen, die die Macht zu seiner Ausgestaltung besitzen.

Obwohl die heute vorherrschenden Konzepte der Freiheit unsere Wirtschaftssysteme, Demokratien und Rechtsprechungen lenken, sind sie den meisten Bürgern unbekannt. Sie sind Teil des begrifflichen Fundaments, auf dem die Gesellschaft errichtet wurde und das unsere Meinungen zu allem – von Belohnung und Strafe bis zu Kapitalismus und Demokratie – bestimmt. Dieses Fundament, dem Mythen und Illusionen beigemischt sind, hat allerdings tiefe Risse bekommen. Erschüttert von wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Krisen, ist das hoch aufragende Gebäude, das es trägt, nicht nur instabil und unhaltbar geworden, es hat von jeher auch die Ungerechtigkeit beherbergt. Allzu lange musste die Sprache der Freiheit als Herrschaftsinstrument dafür herhalten, Armut zu rechtfertigen, Demokratie auszuhöhlen und barbarische Strafen zu legitimieren. In einer Zeit, in der Ungleichheit rasant zunimmt, Wirtschaftskrisen ausbrechen, Menschen für weniger Geld immer mehr arbeiten müssen, Flüchtlinge über Grenzen strömen, Konzerne zusehends an Macht gewinnen, Wälder verschwinden und Meeresspiegel steigen, ist es an der Zeit, über dieses geheiligte Ideal grundlegend neu nachzudenken. Wenn eine Gesellschaft an zahlreichen Fronten versagt, müssen ihre Gründungsideen hinterfragt werden.

Diesem Buch liegt ein einfaches Prinzip zugrunde: Je klarer wir die Grenzen unserer Freiheit erkennen, desto eher sind wir in der Lage, sie zu überwinden. Es ist gut möglich, dass wir weniger frei sind, als wir es uns gern vorstellen, und nur indem wir erkennen, inwiefern es uns an Freiheit mangelt, können wir die Freiheit stärken, die wir besitzen. Wenn wir unsere Grenzen nicht kennen, bleiben wir gegenüber denjenigen wehrlos, die sie ausnutzen können. Wenn wir uns den Einschränkungen unserer Freiheit stellen, verpuffen einige zählebige Mythen – Mythen, die sich um individuelle Verantwortung, Gerechtigkeit, politische Demokratie und den Markt drehen. Manche dieser Legenden halten sich deshalb, weil sie den Interessen der Mächtigen dienen, andere, weil sie uns schmeicheln und trügerischen Trost bieten. Alles hat seinen Preis. Unsere Einstellung zur Freiheit bestimmt unsere Sicht auf die Gegenwart und unsere Vision von der Zukunft. Sie ist die Linse, durch die wir die Welt deuten und beurteilen, der Kompass, der uns den Kurs vorgibt. Doch die Konzepte von Freiheit im globalen Angebot sind verschieden gestrickt. Alle beruhen auf Annahmen über die Welt, von denen jedoch manche jeglicher Evidenz und Logik widersprechen.

Oft wird zwischen Fragen des freien Willens und denen der politischen und wirtschaftlichen Freiheit eine scharfe Trennlinie gezogen. Die Praxis, diese Konzepte verschiedenen Kategorien zuzuordnen, hat eine lange Tradition, doch verschleiert sie mehr, als sie aufdeckt. Um wissenschaftliche Untersuchungen durchführen zu können, zerlegen wir Wirklichkeit in handhabbare Stücke, doch wenn wir diese anschließend nicht wieder zusammensetzen, um das gesamte Bild zu erkennen, kann es passieren, dass uns das große Ganze aus dem Blick gerät. Wir riskieren, den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren. Angelegt ist diese Gefahr im modernen Bildungswesen, das ein Weiterkommen innerhalb des Systems nur um den Preis der Spezialisierung gewährt. Allzu oft wird uns beigebracht, zwischen Fachgebieten unüberwindliche Grenzen zu sehen, obwohl wir ihre Verbindungslinien erkennen müssen. Denn die Grenzen, die unserer Freiheit in verschiedenen Bereichen auferlegt werden, sind miteinander verbunden. Ein gründliches Verständnis des einen Gebiets verändert und schärft unsere Wahrnehmung des anderen. Um zum tieferen Sinn der Freiheit vorzustoßen, müssen wir Breschen in die Mauern schlagen, welche die Disziplinen gegeneinander abschotten. So spielen die Einsichten und Erkenntnisse von Philosophen, Psychologen, Wirtschaftswissenschaftlern, Historikern, Naturwissenschaftlern, Kriminologen und Umweltschützern in der nachfolgenden Erörterung allesamt eine wichtige Rolle. Wenn wir Verbindungslinien erkennen und deren weitreichenden Auswirkungen auf den Grund gehen, ergibt sich ein zusammenhängendes Grundmuster, das uns den dringend benötigten Überblick darüber verschafft, wo wir stehen und wo wir stehen könnten.

Auf der einen Seite verharren Teile der Gesellschaft noch immer in Apathie und begegnen möglichen Veränderungen mit tiefster Skepsis. Auf der anderen Seite wachsen als Reaktion auf die miteinander verzahnten Krisen, denen wir gegenüberstehen, rund um die Welt rasant Bewegungen heran. Immer mehr Menschen fordern das System heraus, das ihr Leben beherrscht und ihre Freiheit einzwängt. Vor diesem Hintergrund ist es an der Zeit, das Ideal der Freiheit für die vorrangige Aufgabe zurückzuerobern, Mensch und Planet über Profit und Macht zu stellen.

Wir brauchen eine Bewegung, die einem Bewusstseinswandel entspringt und die Annahmen infrage stellt, auf die sich unsere Gesellschaft gründet. Der Wahrheit, diesem schwer zu erreichenden, aber höchst bedeutenden Ideal, die Ehre zu geben, heißt versuchen, unter die Schale zu blicken, die unser gegenwärtiges Verständnis umhüllt: hinter die Etiketten zu schauen, mit denen unsere angestammte Identität uns versieht, die disziplinierenden Grenzen zu überwinden, die unsere Erziehung prägen, und die Schranken zu durchbrechen, mit denen die Gesellschaft unsere Vorstellungskraft umstellt hat. Dieses Buch wendet sich gegen tiefverwurzelte Vorstellungen von uns selbst und der Welt und fordert einen dringend notwendigen Wandel im Denken und Tun. Es ist ein Manifest für substanzielle, radikale Veränderungen. Durch das Prisma der Freiheit blickend, untersucht es die Beschränktheit unserer vorherrschenden Ideen und die Mängel des gegenwärtigen Systems, erkundet aber auch das bestehende große Potenzial, die Verhältnisse zum Besseren zu wenden. Ideen und Mittel sind vorhanden. Wir müssen sie uns nur zu eigen machen, sie miteinander verbinden und entsprechend handeln. Wir brauchen einen geistigen Aufbruch, der zum Zündfunken für eine revolutionäre Neuorientierung in der Art und Weise wird, wie wir unser Leben organisieren und unsere Gesellschaft strukturieren. Eine bessere Welt ist möglich. Aber wenn wir unsere Freiheit als gegeben annehmen, berauben wir uns selbst der Möglichkeit, wahrhaft frei zu werden.

Teil 1 Das Glücksspiel der Geburt

1 Glück

Unsere Existenz ist nicht das Ergebnis einer freien Wahl. Wir suchen uns nicht aus, wo wir aufwachsen. Wir entscheiden uns nicht dafür, als Kinder von Hindus, Christen oder Muslimen zur Welt zu kommen, in ein Kriegsgebiet oder eine friedliche, wohlhabende Vorstadt hineingeboren zu werden, und wählen nicht zwischen Hunger oder Luxus. Wir suchen uns unsere Eltern nicht aus, entscheiden nicht, ob sie glücklich oder unglücklich, gebildet oder ungebildet, gesund oder kränklich, fürsorglich oder nachlässig sind. Unser Wissen, unsere Überzeugungen, unser Geschmack, unsere Traditionen, unsere Chancen, unsere Arbeit – unser ganzes Leben hängt vollständig von den Erbanlagen und der Umgebung ab, die auf uns einwirkt: vom Glücksspiel der Geburt.

Wir treffen auf die Welt, dafür gerüstet, die Lebensart zu übernehmen, die wir vorfinden. Die Gesellschaft, die uns begrüßt, nimmt unser Potenzial entgegen und gibt ihm Gestalt. Das antike Griechenland, das konfuzianische China, das Italien der Renaissance, das viktorianische England, das kommunistische Russland – Jahrtausende der Menschheitsgeschichte brachten eine spektakuläre Vielfalt an Kulturen hervor, jede mit der Kraft, Menschen auf radikal unterschiedliche Weise zu formen. Frühkindliche Interaktionen, der Umgang, den wir erfahren, und das Verhalten, das wir beobachten, leiten die Entwicklung ein, durch die wir eine IdentitätIdentitätFormung/Prägung gewinnen. Schrittweise werden wir in eine Gemeinschaft hineingeführt.

Die PrägungIdentitätFormung/Prägung siehe auch Sozialisation durch eine Kultur ist ein gewaltiger Prozess, der schöne wie hässliche Ergebnisse zeitigt. Wie schon ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt, scheint keine Überzeugung zu bizarr und keine Verhaltensweise zu erschreckend zu sein, als dass Menschen – die dazu notwendigen kulturellen Einflüsse vorausgesetzt – nicht bereit wären, sie zu übernehmen. So entschieden wir uns auch vom Unrecht und Irrglauben früherer Gesellschaften distanzieren, es spricht doch alles dafür, dass wir unter gleichen Umständen die gleichen Werte verinnerlicht und die gleichen Traditionen verfochten hätten. Wir hätten wahrscheinlich gegenüber jeder Gruppe, Nation, Ideologie oder Religion Loyalität entwickelt, jede Sprache erlernt, jedes gesellschaftliche Brauchtum praktiziert und uns an jedem Akt der Barbarei oder der Selbstaufopferung beteiligt.

Das Nachdenken über das Glücksspiel der Geburt lenkt die Aufmerksamkeit auf eine schlichte Tatsache: Wir erschaffen uns nicht selbst. Schon die Vorstellung an sich ist widersprüchlich. Wenn Sie etwas erschaffen, muss es Sie geben, also müssten Sie, um sich selbst zu erschaffen, schon vor der Selbstschöpfung existieren. Ob wir über Menschen aus Fleisch und Blut oder über immaterielle Seelen reden, diese schlichte Tatsache bleibt ein Fakt.[1] Und sie hat weitreichende Bedeutung: Wenn wir uns selbst nicht erschaffen, wie können wir dann für das, was wir tun, die letzte VerantwortungVerantwortungsmythos tragen? Die Antwort lautet: Wir können es nicht.

Die Art Freiheit, die uns für unser Tun wirklich verantwortlich – lobens- oder tadelnswert – machen würde, ist eine gefährliche Illusion, die von den drängendsten wirtschaftlichen, politischen und moralischen Fragen unserer Zeit ablenkt. Und doch beherrscht sie maßgeblich unser Leben. Bei näherer Betrachtung dieses Trugbilds stoßen wir, wie wir sehen werden, auf eine Reihe von Annahmen im Herzen unserer Kultur – Vorstellungen von Strafe, Belohnung, Schuld und Ansprüchen –, die falsch sind und eine von Grund auf neue Art erforderlich machen, wie wir unsere Gesellschaft organisieren und uns selbst und andere sehen.

Es mag schwierig erscheinen, die Tatsache, dass wir für unsere Lebensführung nicht die letzte VerantwortungVerantwortungsmythos tragen, mit den zahllosen EntscheidungenEntscheidungen in Einklang zu bringen, die wir täglich treffen: was wir essen, wie wir uns kleiden, ob wir lügen oder die Wahrheit sagen, uns durchsetzen oder in Stille leiden. Wie auch immer – ich beschließe jedenfalls, diese Zeilen zu schreiben, und Sie beschließen, sie zu lesen. Gleichwohl trägt der Akt der Entscheidung wenig zur Verantwortung bei. Der Grund ist einfach: Wir wählen mit einem Gehirn, das wir nicht gewählt haben.

Niemand erschafft sein eigenes GehirnGehirn. Keiner durchschaut, was sich in seinem Kopf, geschweige denn in dem eines anderen abspielt. So wie sich Computer nicht selbst programmieren, »verdrahten« auch wir nicht die grauen Zellen in unseren Schädeln. Diese Meisterleistung vollbringen endlose Wechselwirkungen zwischen unseren Genen und unserer Umwelt, zwei Faktoren, über die wir keine Kontrolle haben. In letzter Konsequenz bedeutet das: Ich habe nicht die Wahl getroffen, ich zu sein, und Sie haben nicht die Wahl getroffen, Sie zu sein, und doch bestimmt, wer wir sind, in jeder Lebenslage unsere EntscheidungenEntscheidungen.

Dies leuchtet uns unmittelbar ein. Wir können das Verhalten derer, die wir gut kennen, ziemlich zuverlässig vorhersagen. Wenn ein Kind, ein Partner oder ein Geschwister drastische Veränderungen im Verhalten zeigt, suchen wir nach äußeren Ursachen: Drogen, Mobbing, Arbeitsüberlastung? So auch im realen Fall eines Ehemanns mittleren Alters – nennen wir ihn John –, der eine unbändige Sucht nach Kinderpornographie entwickelte.[2] Nach mehreren sexuellen Entgleisungen und einiger Zeit in einem Rehabilitationsprogramm drohte John ein Gefängnisaufenthalt. Wegen heftiger werdender Kopfschmerzen musste er sich in der Nacht vor seinem Urteilsspruch ins Krankenhaus begeben. Ein GehirnscanGehirn brachte einen massiven Tumor in seinem Orbitallappen zum Vorschein. Nach einem chirurgischen Eingriff, bei dem die Geschwulst entfernt wurde, normalisierte sich Johns sexuelles Verlangen und Verhalten. Aber sechs Monate später kehrten die pädophilen Neigungen zurück. Auf Drängen seiner Frau ging er wieder ins Krankenhaus, wo der Chirurg feststellte, dass ein Teil des Tumors nachgewachsen war. Nach einer zweiten Operation normalisierte sich Johns Verhalten erneut.

Angesichts der Entdeckung seines Gehirntumors erscheint John eher als Opfer denn als moralisch verkommen, als einer, der eher Mitleid als Strafe verdient. Wir sagen uns, dass für sein problematisches Verhalten ein Tumor verantwortlich sei, und den sucht sich ja schließlich keiner aus. Was aber, wenn John keinen Tumor gehabt hätte? Hätte er dann mehr Verantwortung getragen? Würde man sich eher im Recht fühlen, ihm Schuldvorwürfe zu machen, wenn sich sein abnormes Verhalten darauf zurückführen ließe, dass er als Kind selbst missbraucht wurde? Wenn ja, warum? Wir haben auf unsere Kindheitserfahrungen nicht mehr Einfluss als auf das Wachstum von Zellen in unserem GehirnGehirn, und prägende EreignisseIdentitätFormung/Prägung wirken stark auf den Verlauf unseres Lebens ein.

In den fünfziger Jahren zeigte der britische Psychologe John BowlbyBowlby, John, dass die Beziehung eines Kindes zu seiner wichtigsten Bezugsperson entscheidenden Einfluss auf seine seelische und geistige Entwicklung ausübt. Heute sind sich Kinderpsychologen weitgehend einig: Bei KindernKinderKindheitstraumata und Verhaltensstörungen, die keine sichere Bindung zu einer Bezugsperson eingehen, wächst das Risiko, dass sie Verhaltensstörungen entwickeln, die mit einem Mangel an Selbstwertgefühl, an Vertrauen in andere und an Empathie verknüpft sind.

Die sogenannte Adverse-Childhood-Experiences-(ACE)-StudieAdverse-Childhood-Experiences-(ACE)-Studie, eine der größten zu Kindheitstraumata, befasste sich mit den Langzeitauswirkungen traumatischer Erlebnisse in der Kindheit auf die Gesundheit und das Verhalten.[3] Die Ergebnisse bestätigen, was wohl viele erwartet hatten:

Stressbehaftete oder traumatische Kindheitserlebnisse wie Missbrauch, Vernachlässigung, Erlebnisse häuslicher Gewalt oder das Heranwachsen in Haushalten, in denen Missbrauch von Alkohol oder ähnlichen Substanzen, psychische Krankheiten, elterliche Konflikte oder Kriminalität herrschen […], sind ein gängiger Weg zu sozialen, psychischen und kognitiven Beeinträchtigungen, die zu einem erhöhten Risiko […] hinsichtlich Gewalterfahrungen, einer Reviktimisierung, Erkrankungen, Behinderungen oder eines vorzeitigen Todes führen.[4]

Je mehr Missbrauch ein Kind erfahren hat, desto größer sind die entsprechenden Risiken. So erhöht jedes traumatische Erlebnis eines Kindes die Wahrscheinlichkeit um das Doppelte bis Dreifache, dass es später eine SuchtSucht entwickelt.

Der größte Teil der HirnentwicklungGehirn findet beim Menschen erst nach der Geburt statt. Der auf Suchtbehandlung spezialisierte Mediziner Gabor MatéMaté, Gabor resümiert, dass körperliche und seelische Interaktionen in höchstem Maße unsere neuronale EntwicklungIdentitätFormung/Prägung prägen und dass Suchterkrankungen weitgehend ein Ergebnis von Lebenserfahrungen, insbesondere solcher in der frühen Kindheit, sind:

Im kindlichen Gehirn werden Endorphine freigesetzt, wenn es herzliche, entspannte und ruhige Interaktionen mit den Elternfiguren erlebt. Endorphine wiederum fördern das Wachstum von Rezeptoren und Nervenzellen und die Ausschüttung weiterer wichtiger Hirnsubstanzen. Je weniger endorphinfördernde Erfahrungen im Säuglings- und Kleinkindalter gemacht werden, desto größer ist der Bedarf an externen Quellen. Daher eine erhöhte AnfälligkeitKinderKindheitstraumata und Verhaltensstörungen für SuchterkrankungenSuchtMaté, Gabor.[5]

In jedem Moment spiegelt der Zustand unseres Gehirns das Wirken zahlloser – erblicher wie umweltbedingter – Kräfte wider, deren wir uns kaum oder gar nicht bewusst sind. Fortschritte in Wissenschaft und Technik erhöhen Schritt um Schritt unser Verständnis des Gehirns. Während wir heute Gehirntumoren erkennen und identifizieren können, war dies vor 200 Jahren unmöglich. Damals hätte man den erwähnten John für seine Taten vollständig verantwortlich gemacht. Die physischen Folgen der abnormen Gewebswucherung in seinem Gehirn wären unbemerkt und damit unberücksichtigt geblieben. Die Standardauffassung lautete: Jeder Erwachsene trägt die VerantwortungVerantwortungsmythos für seine Taten.

Seither sind uns dank moderner wissenschaftlicher Technik sehr viel tiefere und genauere Einblicke möglich, und unser Wissen über das Gehirn hat sich erheblich erweitert. Beobachtungen und Erfahrungen haben uns gelehrt, dass ein Tumor das Verhalten eines Einzelnen auf dramatische Weise beeinflussen und seine Persönlichkeit radikal verändern kann. Heute machen wir für ein abnormes Verhalten den Tumor verantwortlich, der es verursacht, und nicht mehr die Person, die gerade unter ihm leidet. Das Problem dieser Logik liegt freilich darin, dass unser Urteil über die SchuldhaftigkeitVerantwortungsmythosSchuldmythos eines Verhaltens vom jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnisstand abhängt. Womöglich werden wir in hundert Jahren dank verfeinerter Messtechnik und genauerer Kenntnis des GehirnsGehirn in der Lage sein, alle möglichen Verhaltensweisen, die wir heute dem »freien WillenEntscheidungfreier WilleWille, freier siehe Entscheidung« des Einzelnen zuschreiben, auf geringfügige Veränderungen in dessen Neurochemie zurückzuführen.

Der Neurowissenschaftler David EaglemanEagleman, David schreibt:

Es könnte sich [bei der Ursache] um eine Genmutation, eine geringfügige Schädigung des Gehirns durch einen winzigen, nicht nachweisbaren Schlaganfall, ein Ungleichgewicht der Neurotransmitter oder der Hormone oder eine Kombination aus diesen Ursachen handeln. Keines dieser Probleme lässt sich mit den heutigen technischen Mitteln nachweisen. Aber alle können eine Veränderung der Gehirnfunktionen bewirken und diese wiederum das abnormale Verhalten. […] Das heißt, wenn wir eine Schädigung des Gehirns erkennen, betrachten wir das als mildernden Umstand für den Angeklagten […]. Aber wir geben ihm sehr wohl die Schuld, wenn unsere technischen Mittel nicht ausreichen, um ein biologisches Problem zu erkennenEagleman, David.[6]

Je mehr wir vom Gehirn verstehen, desto mehr werden wir unsere VerhaltensweisenVerantwortungsmythos anhand seiner besonderen Merkmale erklären und diese wiederum auf Erbanlagen und Lebenserfahrungen zurückführen können. Vielleicht werden wir imstande sein, nachzuweisen, dass die Gewalt eines Vaters gegen seine Kinder in einem gestörten Hormonhaushalt wurzelt, der seinerseits von einem Kindheitstrauma herrührt. Wissenschaftliche Fortschritte werden uns helfen, die Entscheidungen eines Einzelnen in einem erheblich erweiterten Zusammenhang zu sehen, auch im Hinblick auf die Kräfte, die sein zur jeweiligen Entscheidung gelangendes GehirnGehirn geprägt haben. Der Begriff der »individuellen SchuldVerantwortungsmythosSchuldmythos« ist nur ein Feigenblatt, das unsere gegenwärtigen Wissenslücken verdeckt.

Unser Wissen über das Gehirn ist noch immer extrem begrenzt. Ein Kubikmillimeter Hirnsubstanz enthält 100 Millionen synaptische Verbindungen zwischen Neuronen. Die gegenwärtigen bildgebenden Verfahren zeigen Signale von Blutströmen aus Dutzenden Kubikmillimetern unseres Hirngewebes.[7] »Von einer derart primitiven Gehirnaufnahme auf die tatsächlichen Vorgänge im Gehirn schließen zu wollen«, so fasst es EaglemanEagleman, David anschaulich zusammen, »ist ungefähr so, als würde man einen Astronauten auffordern, nach einem Blick aus dem Fenster des Spaceshuttles zu beurteilen, wie es der Europäischen Union geht.«[8] Aber wir müssen nicht erst auf wissenschaftliche Fortschritte warten, um zu erkennen, dass Menschen, die sich in einer beliebigen Situation anders verhalten als wir, dies deshalb tun, weil sie anders sind als wir. Auch wenn uns die Technologie fehlt, um zu ermitteln, auf welche spezifische Weise ihre Nervenschaltungen von unseren abweichen, ist schon ihr Verhalten der Beweis für ihre Andersartigkeit. Wenn wir mit ihrem GehirnzustandGehirn in ihre Situation gerieten, würden wir uns – unter insgesamt gleichen Bedingungen – auf genau die gleiche Weise verhalten. Dieses Prinzip gilt unabhängig davon, ob wir das Genie Einsteins (der den VerantwortungsmythosVerantwortungsmythos übrigens zurückwies) oder die Verbrechen Stalins erklären.[9]

Simon Baron-CohenBaron-Cohen, Simon, Professor für psychische Entwicklungsstörungen, bekannt für seine wegweisenden Forschungen zur Empathie, weist darauf hin, dass wir, wenn es um verschiedene Grade von Einfühlungsvermögen geht, »das jeweilige Verhalten wohl nicht als Produkt der Entscheidungen oder der Verantwortung des Einzelnen, sondern als Produkt seiner neurologischen Funktionen sehen sollten«.[10]

Wir machen einen Schizophrenen nicht für seine Halluzinationen und einen Diabetiker nicht für seinen unstillbaren Durst verantwortlich. Im Fall des Diabetikers geben wir die »Schuld« seinem verringerten Insulinspiegel oder seinen Zellen, die auf Insulin nicht normal ansprechen. Wir erkennen also die biomedizinischen Ursachen des Verhaltens an. Wenn in gleicher Weise jemandes Verhalten das Ergebnis einer verringerten empathischen Fähigkeit ist, die ihrerseits von einer Unteraktivität der Empathieschaltungen im GehirnGehirn herrührt, die letztlich aus der individuellen genetischen Disposition und/oder frühkindlichen Erfahrung resultiert, in welchem Sinne ist die »Person« dann verantwortlich?[11]

Als das wohl größte Hindernis steht dieser Sicht die landläufige Vorstellung entgegen, dass wir zwar als Kinder für unsere IdentitätIdentitätFormung/Prägung und Handlungen nicht verantwortlich seien, uns aber mit zunehmender Reife bewusst veränderten und so echte VerantwortungVerantwortungsmythos übernehmen könnten: Schlechte Gewohnheiten könnten abgelegt und Muster aus der Kindheit durchbrochen werden. Oberflächlich betrachtet, erscheint diese Auffassung vernünftig. Aber auch wenn sich Menschen ganz bewusst verändern können – das steht außer Frage –, macht uns dies noch nicht zu wahrhaft verantwortlichen Wesen: Man denke an ein Neugeborenes, das mit Erbanlagen, um die es nicht gebeten hat, auf eine Welt trifft, an deren Gestaltung es nicht beteiligt war. Ab welchem Punkt wird es zum vollverantwortlichen WesenVerantwortungsmythos, das Lob oder Tadel verdient?

Das Problem ist: Zu dem Zeitpunkt, da wir die notwendige Intelligenz entwickelt haben, um die eigene Identität zu reflektieren, hat sich diese bereits weitgehend ausgebildet. Was wir von uns selbst und unserer Umwelt halten, wird bereits durch die KonditionierungSozialisationKonditionierung siehe Sozialisation bestimmt, die wir bis dahin erhalten haben. Diese Prägung beeinflusst jede WahlEntscheidungen, die wir treffen, sogar die Entscheidung, sich gegen Aspekte der eigenen PrägungIdentitätFormung/Prägung aufzulehnen. Natürlich können weiterhin neue Einflüsse, denen wir zufällig ausgesetzt sind, tiefe Wirkungen auf unser Denken und Handeln ausüben, aber für Dinge, die uns zufällig begegnen, sind wir nicht verantwortlich, und zu den Einflüssen, nach denen wir bewusst suchen, zieht es uns aufgrund dessen hin, was wir bereits sind. In den Worten des Philosophen Galen StrawsonStrawson, Galen: »Sowohl der Weg, auf dem man zu dem Vorsatz gelangt, sich selbst zu verändern, als auch der Grad des Erfolgs eines solchen Versuchs hängen von der Wesensart ab, die der- oder diejenige aufgrund von Erbanlagen und Erfahrungen bereits entwickelt hat.«[12]

Der Großteil der Abläufe im GehirnGehirn ist dem BewusstseinBewusstsein vollständig unzugänglich. Statt von Hirnfunktionen als Produkt des Bewusstseins sollte man eher vom Bewusstsein als Produkt der Hirnfunktionen sprechen. EaglemanEagleman, David schreibt:

Aus diesem ersten Blick auf die Schaltkreise unseres Gehirns können wir eine einfache Lektion ziehen: Über die meisten unserer Handlungen, Gedanken und Empfindungen haben wir keinerlei bewusste Kontrolle. Im undurchdringlichen Dickicht unserer Neuronen laufen eigenständige Programme ab. Unser Bewusstsein – das »Ich«, das den Motor anwirft, wenn wir morgens aufwachen – macht nur den kleinsten Teil dessen aus, was in unserem Gehirn abläuft. […] Ihr BewusstseinBewusstsein ist wie ein blinder Passagier auf einem Ozeandampfer, der behauptet, das Schiff zu steuern, ohne auch nur von der Existenz des gewaltigen Maschinenraums im Inneren zu wissenEagleman, David.[13]

Berücksichtigt man – neben vielen weiteren wichtigen Faktoren – den Einfluss des Erbguts, die Wirkung von Umweltgiften, Erfahrungen, die wir mit Eltern, Lehrern, Freunden und Feinden gemacht haben, die uns zugänglichen Rollenvorbilder, die uns offenstehenden Lebenswege, so wird deutlich, dass der Apparat, mit dem wir unsere EntscheidungenEntscheidungen treffen, aus einem Prozess hervorgegangen ist, der sich weit jenseits unserer Kontrolle vollzieht. All diese Einflüsse bestimmen gemeinsam die chemische Zusammensetzung unseres Gehirns: den Hormonhaushalt, die Aktivität der Neurotransmitter oder die Architektur unseres neuronalen Schaltplans, die allesamt wesentlich an den in uns stattfindenden Entscheidungsprozessen mitwirken. Die irreführende Vorstellung von der VerantwortungVerantwortungsmythos rührt daher, dass uns der Entscheidungsakt blind macht für die ursächliche Beziehung zwischen EntscheidungEntscheidungen und HirnaktivitätGehirn sowie zwischen jedem einzelnen Gehirn und der Vielzahl von Einflüssen, die es geprägt haben.

Der Philosoph Ludwig WittgensteinWittgenstein, Ludwig sagte einmal: »Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache.«[14] Was verstehen wir in diesem Licht unter »Verantwortung«? Es muss nicht betont werden, dass Erwachsene mit wenigen Ausnahmen verantwortlicher handeln als Kinder. Hier ist das Wort »verantwortlich« ein Synonym für »verlässlich«, »umsichtig« oder »vertrauenswürdig«.[15] Diese Bedeutung ist zu unterscheiden von der Art Verantwortung, die uns Vorwürfe, Strafe, Lob oder Belohnung eintragen kann: Sie könnten wir als »wahre« oder »letzte« Verantwortung bezeichnen.

Um über Verantwortung Klarheit zu gewinnen, muss diese Unterscheidung unbedingt im Blick bleiben. Erwachsene sind im Großen und Ganzen zuverlässiger, vernünftiger und kompetenter als Kinder, aber deshalb tragen sie noch lange nicht mehr Verantwortung für ihr Wesen oder das Verhalten, das ihm entspringt. Wachsende Kompetenzen versetzen uns in die Lage, unsere Ziele immer effizienter zu verfolgen, aber deswegen sind wir für die Ziele, die wir verfolgen, nicht in höherem Maße verantwortlichVerantwortungsmythos. Bildung, kognitive Entwicklung und politische Freiheit stärken alle unsere Macht, die Umwelt um uns herum zu beeinflussen, aber damit wächst nicht unsere Verantwortung dafür, wozu wir diese Macht nutzen. Was wir in einer gegebenen Situation tun, bestimmt unsere Wesensart, für die wir letztlich nicht verantwortlich sind.

Verwirrung herrscht auch hinsichtlich des Unterschieds zwischen sogenannten »willentlichen« und »nicht willentlichen« HandlungenVerantwortungsmythoswillentliche/nichtwillentliche Handlungen, zwischen Handlungen also, die Absichten umsetzen, und solchen, die dies nicht tun. Wenn Sie erführen, dass ich jemanden vorsätzlich vergiftet hätte, würden Sie daraus ganz andere Schlüsse über mich ziehen, als wenn man Ihnen sagte, ich hätte jemanden versehentlich vergiftet. Im ersten Fall kämen Sie wahrscheinlich zu dem Schluss, dass ich ein heimtückischer Zeitgenosse sei, dem man nicht über den Weg trauen dürfe, während Sie mir im zweiten Fall wohl lediglich größere Sorgfalt anraten würden. Absichten offenbaren Charakter, Unfälle Inkompetenz. Da wir aber uns selbst nicht erschaffen, sind wir weder für unseren Charakter noch für unser Unvermögen verantwortlich. Die Unterscheidung zwischen willentlichen und unwillentlichen TatenVerantwortungsmythoswillentliche/nichtwillentliche Handlungen ist für die Frage der letzten Verantwortung bedeutungslos (auch wenn sie aus anderen Gründen extrem wichtig ist, etwa bei der Einschätzung der Gefahr, die von einer Person ausgeht). Um jemanden moralisch zur Rechenschaft zu ziehen, genügt es nicht, ihm einen Vorsatz nachzuweisen, weil dann noch nachgewiesen werden müsste, dass er für diesen die letzte VerantwortungVerantwortungsmythos trägt, was, wie wir gesehen haben, unmöglich ist. Ein Psychopath trifft viele moralisch verabscheuungswürdige Entscheidungen, doch gehört zu diesen nicht die Wahl eines Psychopathengehirns. Eine niederträchtige Entscheidung zu treffen, mag ein willentlicher Akt sein; das GehirnGehirn zu besitzen, das sie trifft, ist es nicht.

Auch die Nature-Nurture-DebatteNature-Nurture-Debatte – wie viel ist angeboren, wie viel Erziehung? – ist für die Frage um die letzte Verantwortung bedeutungslos. Was zählt, ist die Tatsache, dass wir von Kräften geschaffen und gestaltet worden sind, für die wir keinerlei Verantwortung tragen, ebenso wenig wie für ihr Zusammenwirken oder ihren Ursprung. Wir wissen: Die Spezies Mensch wurde so geprägt, geformt und abgewandelt, und unsere Gene wurden so verteilt, kombiniert und rekombiniert, dass unsere Vorfahren im Überlebenskampf bestehen konnten. Dieser Evolutionsprozess hat vorgegeben, was aus uns noch werden kann. Was tatsächlich aus uns wird, bestimmt die Auseinandersetzung mit der Umwelt, mit der wir im Weiteren konfrontiert sind.

Aufgrund unseres Erbgutsgenetische Einflüsse, das unser körperliches wie seelisches Potenzial begrenzt, sind wir statt mit Flügeln mit Armen und statt mit Schnäbeln mit Nasen ausgestattet. Ihm haben wir es auch zu verdanken, dass wir nur wenige Dinge im Kurzzeitgedächtnis behalten können, während wir das Gesicht eines alten Freundes auch nach Jahren mühelos wiedererkennen. Der Grundfahrplan für die Etappen der menschlichen Entwicklung ist in unserer DNA kodiert. Da die natürliche Selektion dazu neigt, den Bauplan einer Art zu standardisieren, weist die genetische Ausstattung des Menschen rund um den Globus weitaus mehr Ähnlichkeiten auf als Unterschiede. Deswegen kann jedes Kind jede Sprache erlernen und in jede Kultur hineinwachsen.

Das zeigte sich deutlich im Jahr 1938, als in den Dschungeln Neuguineas eine steinzeitliche Stammesgesellschaft entdeckt wurde. Die aus rund 1 Million Menschen bestehende Population hatte seit etwa 40000 Jahren zur übrigen Menschheit keinerlei Kontakt mehr gehabt. Trotzdem wiesen die Säuglinge aus Neuguinea so gut wie keine genetischen Unterschiede zu anderen Menschenbabys auf: Ein Kleinkind von dort, das in einer beliebigen fremden Kultur großgezogen wird, erlernt so mühelos wie jedes andere deren Sprache, passt sich ihrer Ernährungsweise an und übernimmt ihre Traditionen.

So interessant diese Erkenntnisse sind, die Frage nach der letzten Verantwortung bleibt vom Umfang und von den Grenzen unseres biologischen Potenzials unberührt. Ob wir glauben, dass Menschen als »unbeschriebenes Blatt« zur Welt kommen und fast vollständig von der Umgebung geprägt werden oder dass in ihnen ein genetischer DeterminismusDeterminismus wirkt, nach dem das Erbgut das meiste bestimmt, oder dass eine Kombination von beidem den Ausschlag gibt (die einzig plausible Position) – das Ergebnis bleibt stets dasselbe: Wir sind das Produkt von Kräftengenetische Einflüsse, über die wir keine Kontrolle haben. Wir erschaffen uns nicht selbstNature-Nurture-Debatte.

Ein weiteres Thema, das für die Frage der letzten Verantwortung bedeutungslos ist, auch wenn es häufig im Zentrum der Debatte um den freien Willen steht, ist der DeterminismusDeterminismus, also die Überzeugung, dass es nur eine mögliche Zukunft gebe. Unabhängig davon, ob sich das Geschehen in unserem Universum nach einem feststehenden Plan vollzieht oder nicht, die Konzepte der Selbstschöpfung und der letzten Verantwortung sind und bleiben unstimmig.[16] Eine EntscheidungEntscheidungen steht entweder am Ende einer ununterbrochenen Kette aus Ursache und Wirkung, oder sie ist ein Zufallsergebnis. Keine von beiden Optionen lässt Raum für eine letzte VerantwortungVerantwortungsmythos. Wenn jede Wirkung eine Ursache hat, führt uns eine vollständige Erklärung jeder Handlung bis zur Entstehung des Universums zurück. Selbst wenn der DeterminismusDeterminismus durchbrochen wird – selbst wenn manche Ereignisse nicht aus vorangegangenen Ursachen folgen –, macht uns dies nicht verantwortlich. Ein nicht ursächliches, willkürliches Ereignis ist zufällig, und ein Zufallsereignis in unserem Entscheidungsprozess verträgt sich nicht mit einem sinnvollen Begriff von letzter Verantwortung. Wenn ein Zufallsereignis im Gehirn dafür sorgt, dass jemand seinen Arm hochstreckt, steckt hinter seiner Bewegung offenkundig keine Absicht.

Wir sind von den prägenden Kräften um uns herum nicht frei und werden es auch niemals sein. Die Art Verantwortung, wegen der wir Strafe oder BelohnungEntlohnung siehe LohnBelohnung siehe Lohn, Lob oder Tadel verdienen würden, ist eine Illusion, ein heiliger Mythos, der ohne jede rationale Basis von einer Generation zur nächsten weitergereicht wird. Bei anderen Geschöpfen in der Natur – ob Haie, Bäume, Affen oder Amöben – kämen wir niemals auf die Idee, eine letzte VerantwortungVerantwortungsmythos sehen zu wollen, nur uns selbst sprechen wir sie aus irgendeinem Grund zu. Aspekte unserer Kultur stellen dem Wissen um die Grenzen unserer Freiheit Hindernisse in den Weg. Denken Sie an das Bibelwort: »Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin« (1 Kor, 10). Und doch gehen wir insgesamt durchs Leben, bilden uns Meinungen, erziehen Kinder und organisieren die Gesellschaft gemäß dem Mythos der Verantwortlichkeit.

Keine wissenschaftliche Erkenntnis bietet diesem Mythos irgendeine Grundlage. Auch ist kaum vorstellbar, wie ein Forschungsergebnis dies bewerkstelligen sollte. Dagegen widerspricht dem unmittelbar alles, was wir über das menschliche Verhalten und Gehirn wissen. Und immer mehr bedeutende Psychologen, Neurowissenschaftler und Physiker weisen uns darauf hin.[17] Doch ob wissenschaftlich fundiert oder nicht, allein schon mit elementarer Logik lässt sich der Mythos von der letzten VerantwortungVerantwortungsmythos leicht entlarven, weil die Idee in sich inkohärent, konfus und widersprüchlich ist. Im 19. Jahrhundert nannte sie Friedrich NietzscheNietzsche, Friedrich eine »Art logischer Notzucht«. Die Überzeugung, dass der Mensch »die ganze und letzte Verantwortlichkeit für seine Handlungen selbst« trage, schrieb er, »und Gott, Welt, Vorfahren, Zufall, Gesellschaft davon« entlastet würden, sei »nichts Geringeres, als […] sich selbst aus dem Sumpf des Nichts an den Haaren in’s Dasein zu ziehn«.[18]

Schuldzuweisungen

Die Vorstellung von einer letzten Verantwortung wurzelt tief in unseren religiösen Traditionen, politischen Ideologien und Rechtssystemen, in denen sie stillschweigend vorausgesetzt, aber selten formuliert wird. Sie ist in Grundkonzepten der abrahamitischen Religionen wie Himmel, Hölle, Sünde und ewiger Verdammnis enthalten. Ein kosmisches System aus Verdammung und Erlösung ergibt nur dann einen Sinn, wenn die Menschen das ihnen auferlegte Schicksal verdienen. Eine ähnliche Ausrichtung hat auch die – im Hinduismus, Buddhismus und Jainismus zentrale – Vorstellung des Karma. Über Jahrtausende trugen die offiziellen Religionen entscheidend dazu bei, den VerantwortungsmythosVerantwortungsmythos zu verbreiten, und haben damit alle möglichen grausamen und brutalen StrafenStrafe im Diesseits und Jenseits gerechtfertigt, häufig im drastischen Konflikt mit anderen Grundwerten ihrer jeweiligen Glaubenslehre.

Grobe Ausformungen dieses Mythos nehmen auch einen herausragenden Platz in der Alltagskultur ein. Gewaltigen Auftrieb erhielt er in jüngerer Zeit in der wachsenden »Selbsthilfe«Selbsthilfe-Bewegung, die mit einer Mischung aus materialistischen Werten und Pseudospiritualität eine Industrie mit Milliardenumsätzen hervorgebracht hat. Als einer ihrer Exponenten verkörpert Deepak ChopraChopra, Deepak vollendet diese Synthese. Mit einer Vorzeigeklientel, die von Madonna bis zu Hillary Clinton reicht, verkündet er den Wohlhabenden und Aufstiegswilligen eine eingängige Botschaft: »Menschen, die gewaltige Erfolge erzielt haben, sind im Innersten höchst spirituell […]. Wohlstand ist schlicht unser natürlicher Zustand.«[1]

Das wohl erfolgreichste Branding dieser Idee gelang mit Rhonda ByrnesByrne, Rhonda verfilmtem Bestseller The Secret von 2006, der uns in ein sogenanntes universelles Gesetz – das »Gesetz der Anziehung« – einführt, wonach »Gleiches Gleiches anzieht« und wir unsere persönliche Situation verändern können, indem wir unser Denken verändern. Erstrebenswerte Güter wie Gesundheit, Wohlstand und Glück würden denjenigen zufliegen, die »positive« Gedanken und Empfindungen pflegten, was beinhaltet, dass Menschen mit »negativen« Gedanken und Gefühlen Negatives blühen würde. Sogar Naturkatastrophen mit Tausenden von Toten, behauptet die Autorin, ließen sich auf negative Gedankenmuster der betroffenen Gemeinschaften zurückführen. Dazu zitiert Byrne einen Dr. Joe VitaleVitale, Joe: »Wenn Menschen glauben, sie könnten zur falschen Zeit am falschen Ort sein, […] können diese Gedanken der Angst, Abgeschiedenheit und Ohnmacht, sofern sie sich verfestigen, sie dazu hinziehen, tatsächlich zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.«[2]

Auch wenn diese SichtByrne, Rhonda auf die menschliche Freiheit am äußersten Ende des ideologischen Spektrums liegt, sind derlei HaltungenSelbsthilfe einflussreich und in unserer Kultur auf dem Vormarsch. Das zeigt sich etwa am wachsenden ProblemEssstörungen des ÜbergewichtsÜbergewicht siehe Essstörungen: In einer Studie von 2005 werteten Abigail SaguySaguy, Abigail und Rene AlmelingAlmeling, Rene 221 Zeitungsartikel, medizinische Untersuchungen und Bücher zum Thema aus und stellten dabei fest, dass zwei Drittel der Quellen auf individuelle Ursachen von Übergewicht verwiesen, während nur knapp ein Drittel strukturelle Faktoren wie geographische Bedingungen, Arbeitsbelastung, die Fast-Food-Industrie oder geringe Einkommen erwähnten. Bezeichnenderweise verstärkte sich die Tendenz, die persönliche Verantwortung hervorzuheben, wenn es explizit um bestimmte soziale Gruppen ging: 73 Prozent der analysierten Dokumente, die erwähnten, dass sie sich auf Arme oder Menschen mit dunkler Hautfarbe bezogen, machten für die Fettleibigkeit falsche Entscheidungen bei der Ernährung verantwortlich, während dieser Wert in den Artikeln, in denen diese Gruppen ungenannt blieben, auf 29 Prozent absank.[3]

In seinem 2007 erschienenen Buch Stuffed and Starved (»Vollgestopft und ausgehungert«) über die Ernährungsindustrie zeigte Raj PatelPatel, Raj, dass diese Herangehensweise wichtige Aspekte der Lebensumstände unterschlägt. In armen amerikanischen Stadtbezirken herrscht eine deutlich höhere Dichte an Schnellrestaurants als in wohlhabenden Wohngegenden, und gleichzeitig gibt es dort durchschnittlich nur ein Viertel so viele Supermärkte. Mit anderen Worten: In den USA leben Farbige und Arme in Umgebungen, die ein höheres Risiko für Fettleibigkeit bergen. Dagegen bieten wohlhabendere Viertel, in denen eher Weiße leben, gewöhnlich besseren Zugang zu gesünderer, frischerer und nährstoffreicherer Kost mit weniger Salz und Fett. Patel schreibt:

Viele Entscheidungen sind für uns bereits durch unsere Umgebung, unsere Gewohnheiten, unsere tägliche Routine getroffen worden. »Freie Auswahl«Entscheidungfreie Auswahl ist der Begriff, mit dem wir unsere Option bezeichnen sollen, diese eine Packung statt einer anderen aus dem Regal zu ziehen. So bringt man es uns bei. Auf die Frage, warum wir das mit dem Wort »Auswahl« bezeichnen, könnten wir antworten: »Niemand hat uns die Pistole auf die Brust gesetzt, niemand hat uns dazu gezwungen« – als sei dies das Gegenteil der Möglichkeit, eine Auswahl zu treffen. Aber das Gegenteil von Wahl ist nicht Zwang, sondern Instinkt. Und unsere Instinkte sind so stark durch Kräfte vereinnahmt, die wir nicht beherrschen, dass sie durch und durch verdächtig sindPatel, Raj.[4]

Noch bevor wir über unsere Entscheidungen, wie wir uns ernähren, ernsthaft nachzudenken beginnen, sind sie schon eingeengt und in bestimmte Richtungen gelenkt worden. Wie alle Gewohnheiten werden auch die des Konsums von früher KindheitKindheitals Marketing-Zielgruppe an fürs Leben geprägt: Die 10 Milliarden Dollar, die die Lebensmittelindustrie allein in den USA jährlich ausgibt, um ihre Produkte unter Kindern zu vermarkten, sind als Investition klar langfristig angelegt.[5] Die Ideen, Werte und Bilder, auf die wir in unserer Umwelt treffen, prägen unsere Ernährungsgewohnheiten. Ein schlagendes Beispiel sind die Fidschi-InselnFidschi-Inseln, auf denen Essstörungen noch im Jahr 1990 völlig unbekannt waren. 1995 wurde das Fernsehen eingeführt, hauptsächlich aus den USA und vollgepackt mit Werbung. Binnen drei Jahren entwickelten zwölf Prozent der minderjährigen MädchenKinderals Marketing-Zielgruppe auf den Inseln eine BulimieEssstörungen.[6]

Heute wird denen, die ihr Gewicht kontrollieren wollen, in Rhonda ByrnesByrne, Rhonda The Secret eine andere StrategieSelbsthilfe angeboten:

Wenn Sie übergewichtige Menschen sehen, beachten Sie sie nicht, sondern stellen Sie sich sofort das Bild von sich selbst in Ihrem perfekten Körper vor und spüren Sie es. […] Das perfekte Gewicht anzuziehen, ist dasselbe, wie eine Bestellung im Katalog des Universums aufgeben. Sie blättern den Katalog durch, wählen Ihr Idealgewicht und bestellen, dann wird es Ihnen geliefert.[7]

Auch wenn Byrnes Ratschläge der unfreiwilligen Komik nicht entbehren, ist ihre Botschaft symptomatisch für einen mächtigen TrendSelbsthilfe. The Secret besetzte 190 Wochen lang den Spitzenplatz auf der Bestsellerliste der New York Times, wurde in rund 50 Sprachen übersetzt und 20 Millionen Mal gedrucktByrne, Rhonda.[8]

Eine moderne, säkulare Version des Verantwortungsmythos stellt die Verheißung des »amerikanischen Traums« dar: Jeder kann reich werden. Wer reich ist, hat sich den Reichtum verdientVerdienstVerantwortungsmythosVerdienstmythos siehe Verdienst, und wer nicht reich ist, gebe sich selbst die SchuldVerantwortungsmythosSchuldmythos. Die Wurzeln dieses Mythos liegen im klassischen Liberalismus, dem geistigen Vorläufer des Neoliberalismus, der heute vorherrschenden Ideologie. Gefördert wurde die Tendenz, dem Einzelnen die letzte Verantwortung für sein Los zuzuschreiben, gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch den aufkommenden SozialdarwinismusSozialdarwinismus, der aus Darwins Evolutionslehre seine Inspiration zog.

Nach dieser Doktrin (die DarwinDarwin, Charles nicht teilte) sind Einzelne, Gruppen und Rassen dem Gesetz der natürlichen Auslese unterworfen, sodass sich Ungleichheiten hinsichtlich Wohlstand und Macht zwischen Populationen mit biologischen Unterschieden erklären lassen, eine Auffassung, die es ermöglicht, Imperialismus und Kolonialismus als Form des evolutionären Fortschritts zu betrachten. Mit anderen Worten: Es ist natürlich, dass Schwache zugrunde gerichtet werden, während Starke an Macht gewinnen. Der wortreichste amerikanische Verfechter dieser Ideologie, William SumnerSumner, William, versicherte, dass »der Trunkenbold in der Gosse dort liegt, wo er hingehört«, und dass »die Millionäre Produkt der natürlichen Auslese sind […]. Auch wenn sie ein hohes Einkommen haben und im Luxus leben, ist dies für die Gesellschaft ein gutes Geschäft.«[9] In Zeiten, da Regierungen den Reichen Steuern erlassen und den Armen die Unterstützung kürzen, ist klar, dass die Gedanken des SozialdarwinismusSozialdarwinismus immer noch quicklebendig sind, auch wenn sich die Sprache geändert haben mag.

Der Politologe Charles MurrayMurray, Charles schreibt: »Ich möchte den Begriff der SchuldVerantwortungsmythosSchuldmythos wiedereinführen und die Bereitschaft, Menschen ›Opfer‹ zu nennen, drastisch reduzieren.«[10] Ihm liegt mehr an dem »Jungen, der eifrig studiert, sich an das Recht hält, hart arbeitet und darauf achtet, eine ungewollte Schwangerschaft zu vermeiden«, als an dem anderen, »der in der Schule versagt, mit dem Gesetz in Konflikt gerät, keinen Job, aber ein Kind hat, für das er nicht zu sorgen vermag«.[11] Und weiter schreibt er: »Der Standard, an den ich mich selbst halte und den ich anderen Kommentatoren sozialpolitischer Verhältnisse empfehle, lautet: Man beurteile Leute, die man nicht kennt – auch arme Unbekannte –, nicht nach anderen moralischen Maßstäben als denen, die für die Menschen gelten, die man kennt und liebt.«[12]

Dies ist eine auf gefährliche Weise vereinfachende Sicht der Dinge. Wo sie ein Verhalten moralisch bewertet, legt sie großen Wert auf Parität der Kriterien – »Wir müssen alle nach den gleichen moralischen Maßstäben beurteilen« –, verschließt aber die Augen vor der Ungleichheit, aus der das beurteilte Verhalten hervorgeht: ein klassischer Fall von Doppelmoral. Als kleines Zugeständnis behauptet Murray, selbst »wenn es stimmte, dass ein armer junger Mensch für die Verhältnisse, in denen er sich befindet, nicht verantwortlich ist, wäre es das Schlimmste, ihn davon zu überzeugen, dass dem so istMurray, Charles«.[13] Die Äußerung verdient Beachtung. Nur Wissen, nicht Unwissen kann uns stärken. Welche Freiheiten wären erobert worden, wenn Sklaven, Leibeigene und ausgebeutete Lohnarbeiter sich die Schuld für ihre erbärmlichen Lebensverhältnisse selbst zugeschoben hätten? Welche Rechte, Löhne oder staatliche Unterstützungen hätten sich die Mittellosen gesichert, wenn sie ihre Benachteiligung allein auf persönliches Versagen zurückgeführt hätten? Die Ursachen unserer – kollektiven und individuellen – Probleme zu verstehen, ist ein entscheidender Schritt zu ihrer Lösung.

Theologen und Philosophen haben gewaltigen geistigen Aufwand betrieben, um »die Welt schuldfähig zu machen«.[14] Viele Denker widmeten sich dieser Aufgabe, aber keiner war erfolgreich. All das ausufernde Räsonieren über die verschiedenen Formen von SchuldVerantwortungsmythosSchuldmythos, ihren gesellschaftlichen Nutzen und unseren instinktiven Antrieb, Menschen VerantwortlichkeitVerantwortungsmythos zuzuschreiben, hat kein stichhaltiges Argument und keinen Beweis dafür erbracht, dass Menschen für ihre Handlungen tatsächlich letztlich verantwortlich sind. Mit Fehlverhalten konfrontiert, haben wir jedes Recht, jemandem unser Vertrauen zu entziehen, ihm Missbilligung zu bekunden, empört zu reagieren, den Kontakt abzubrechen und – wenn es dem Schutz von Gemeinwohl und Gesellschaft dient – für Maßnahmen wie Geldbußen und Gefängnisstrafen einzutreten, aber Schuldzuweisungen brauchen wir dafür nicht. Der Glaube, dass Menschen Schuld zugewiesen werden muss, ist weder wissenschaftlich noch logisch begründet und ignoriert die fundamentalsten Wahrheiten über den Menschen. Der Schuldgedanke ist ein Anachronismus, den Instinkte, Traditionen und Ängste am Leben erhalten.

Auch wird der Verantwortungsmythos als bedeutende politische Waffe eingesetzt. Die Rechtswissenschaftlerin Barbara H. FriedFried, Barbara H. schreibt:

Die Begeisterung für Schuldzuweisungen rührt nicht nur von der Lust her, andere zu bestrafen. Umfassender wurde der ganze Umbau unserer öffentlichen Politik – die schrittweise Zerschlagung des sozialen Sicherungsnetzes, die Tendenz, soziale Absicherung zu privatisieren, die Deregulierung des Bankwesens, die Kämpfe um das Gesundheitswesen, die Weigerung, Eigenheimbesitzer nach dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes vor der Insolvenz zu retten – von unserem kollektiven Gefühl befeuert, dass selbst schuldVerantwortungsmythosSchuldmythos ist, wer in NotFried, Barbara H. gerät.[15]

Je mehr Verantwortung dem Einzelnen aufgebürdet wird, desto leichter sind die zahllosen Ungleichheiten in unserer Welt zu rechtfertigen. Wenn Süchtige, Sünder, Flüchtlinge, Gefängnisinsassen, Obdachlose, Dickleibige, Arbeitslose und Arme für ihre Verhältnisse selbst verantwortlichVerantwortungsmythos sind, gibt es kaum eine Verpflichtung, sie zu unterstützen.

Mit der Überzeugung, jeder sei für sein Schicksal letztlich selbst verantwortlich, lassen sich Diskrepanzen hinsichtlich Macht, Wohlstand und Chancen leichter legitimieren. Wenn die Reichen ihre Privilegien und die Armen ihr Elend verdienen, sind die Dinge offenbar so, wie sie sein müssen. Wie der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Herman CainCain, Herman verkündete: »Gebt nicht der Wall Street, nicht den Großbanken die Schuld. Wenn ihr keinen Job habt und nicht wohlhabend seid, gebt euch selbst die Schuld.«[16] Aber kein Verhalten entsteht aus sich heraus. Jede Entscheidung ist das Ergebnis von Erbanlage, Erfahrung und Gelegenheit. Klarer als die meisten hat der Milliardär Warren BuffettBuffett, Warren die ausschlaggebende Rolle des Faktors GlückIdentitätGlück als EntwicklungsfaktorGlück als Entwicklungsfaktor erkannt:

Die meisten der sieben Milliarden Erdenbürger sind mit einem Schicksal konfrontiert, das zum Zeitpunkt ihrer Geburt im Großen und Ganzen vorgeprägt ist. [… F]ür buchstäblich Milliarden Menschen bestimmt, wo sie zur Welt kommen und wer sie zur Welt bringt, im Zusammenwirken mit ihrem Geschlecht und ihren angeborenen geistigen Fähigkeiten weitgehend, wie ihr Leben verlaufen wird.[17]

Sobald wir menschliches Verhalten in den umfassenderen Kontext von Ursache und Wirkung stellen, in einen Rahmen, der die steuernde Kraft der Gene und der Umwelt berücksichtigt, tritt klar die entscheidende Rolle des Glücks hervor. Allein schon, dass wir existieren, ist ein besonderer Glücksfall; die Chancen, geboren zu werden, sind verschwindend gering. Über 90 Prozent aller Organismen, die auf diesem Planeten lebten, starben ohne Nachkommen,[18] ein Schicksal, dem somit, da Sie dies lesen, alle Ihre Vorfahren seit Anbeginn des Lebens auf der Erde entgangen sind. Und nach der Geburt regiert weiterhin der Faktor GlückGlückGlück als EntwicklungsfaktorGlück als Entwicklungsfaktor. Ein in Japan zur Welt gekommener Säugling hat gegenüber einem in Angola geborenen Baby eine 50-mal so hohe Aussicht, seinen ersten Geburtstag zu erleben.[19] In den USA hat ein afroamerikanisches Kleinkind gegenüber einem weißen ein doppelt so hohes Risiko, im ersten Lebensjahr zu sterben.[20] Im Zeitraum von 1990 bis 2015 starben – zumeist an vermeidbaren Erkrankungen – weltweit rund 236 Millionen Kinder vor dem fünften Lebensjahr.[21] Und wenn wir es bis ins Erwachsenenalter schaffen, ohne dass wir Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung, Krieg, Hunger, Mangelernährung, körperliche oder seelische Erkrankungen, extreme Armut, Behinderungen oder den Verlust eines Elternteils oder Geschwisters erfahren haben, können wir uns glücklicher schätzen als die Allermeisten.

Dem Glück verdanken wir auch unsere Anlagen und Fähigkeiten. Ob wir das Gehirn eines Isaac Newton oder das Lauftalent eines Usain Bolt besitzen, ist reine Glückssache, und das gilt auch für das psychologische Rüstzeug, das uns hilft, das Beste aus unseren Chancen und Talenten zu machen: Selbstvertrauen ist von zentraler Bedeutung, um eine ehrgeizige Aufgabe in Angriff zu nehmen oder Rückschläge und Misserfolge gut zu verkraften, und das Maß unseres Selbstvertrauens hängt wiederum stark davon ab, wie wir als Kinder behandelt wurden, und dafür sind wir nicht verantwortlich. Ob Geduld, Einfallsreichtum, Konzentration, Kreativität, Ausdauer oder Selbstkontrolle – all diese Fähigkeiten sind ungleichmäßig über die Gesellschaft verteilt. In jedem Klassenzimmer gibt es Kinder, die sich stundenlang glücklich dem Lernen widmen, andere, die es nicht aushalten, stillzusitzen, einige, die vor Selbstbewusstsein strotzen, und manche, die von Selbstzweifeln gelähmt werden. Verschiedene Gehirne bilden unterschiedliche Fähigkeiten aus, und sein Gehirn sucht sich bekanntlich keiner aus. Ob wir Musterschüler oder Schulabbrecher, diszipliniert oder unkonzentriert, motiviert oder faul sind, ist letztlich eine Frage des GlücksIdentitätGlück als EntwicklungsfaktorGlück als Entwicklungsfaktor.

Jahrzehntelange Forschungen haben den Einfluss früher Erfahrungen auf die Entwicklung angeborener Fähigkeiten zutage gefördert. So liegen Kinder aus einkommens- und bildungsschwachen Familien bei ihrer Einschulung im Schnitt weit hinter ihren Kameraden aus wohlhabenderen Familien zurück. Wie oft und wie lange unsere Bezugspersonen mit uns sprechen, lesen oder spielen – und die Qualität solcher Interaktionen –, dies alles führt zu ganz unterschiedlichen Werdegängen. Psychologen der Stanford University zeigten, dass schon zweijährige Kinder aus ärmeren Familien in der Sprachentwicklung bis zu sechs Monate im Rückstand sind.[22] Bis zum vierten Lebensjahr hören Kinder aus der Mittel- und der Oberschicht rund 30 Millionen mehr Wörter als Kinder aus Familien, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind.[23] Bei einer vom Scottish Centre for Social Research (SCSR) durchgeführten Studie, in der die Fähigkeiten von 14000 Kindern erfasst wurden, stellte sich heraus, dass Fünfjährige aus Akademikerfamilien ihren weniger privilegierten Altersgenossen im Wortschatz durchschnittlich um eineinhalb Jahre und bei den Fähigkeiten zur Problemlösung um rund 13 Monate voraus sind.[24]

Der Verlauf eines Lebens hängt von einem breiten Spektrum an unvorhersehbaren Faktoren ab. Schon kleine Unterschiede in den Genen und Erfahrungen reichen aus, um unseren Lebensweg nachhaltig zu beeinflussen. Sie können Entwicklungen anstoßen, die in völlig verschiedene Richtungen führen, ein Phänomen, das in der Chaostheorie als »Schmetterlingseffekt«Schmetterlingseffekt bekannt ist. Leicht veränderte Ausgangsbedingungen hätten einen Mann, der mit 25 Jahren an einer Überdosis Drogen stirbt, vielleicht bis ins Großelternalter weiterleben lassen. Eine Nobelpreisträgerin für Literatur hätte ihr Leben unter geringfügig anderen Umständen womöglich als Hausfrau verbracht, ohne je ihr Talent zu entdecken. Wenn wir an einem Scheideweg stehen – etwa vor der Frage, ob wir einen Diebstahl begehen sollen oder nicht, ob wir betrügen, uns rächen, ein Risiko eingehen, eine Stelle kündigen, eine Prüfung wiederholen, an einer missbräuchlichen Beziehung festhalten sollen oder uns besser für die Alternative entscheiden –, können scheinbar banale Unterschiede gewaltige Folgen haben, indem sie uns einen Schubs hin zu dem einen oder zu dem anderen Weg geben. In entscheidenden Augenblicken genügt vielleicht ein aufmerksamer Freund, ein anregendes Buch, ein fürsorglicher Lehrer, ein starkes Vorbild, ein lächelnder Fremder, selbst schönes Wetter oder nur eine gut durchschlafene Nacht, um uns vor einem schwerwiegenden Fehler zu bewahrenSchmetterlingseffekt.

Manche Menschen übertreffen jede Erwartung und vollbringen trotz Widrigkeiten bemerkenswerte Dinge. Es ist verlockend, solche Lebensleistungen als einen Beweis dafür zu sehen, dass wir trotz allem Herren über unsere Geschicke sind, doch das wäre ein Fehler. Kräfte, die wir nicht beherrschen, bestimmen die – mentalen, körperlichen und materiellen – Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, um uns einen neuen Weg zu bahnen, und diese legen im Zusammenspiel mit zahllosen weiteren Schicksalswendungen letztlich fest, wie erfolgreich unsere Versuche sind. Auf jede unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte kommen zahllose Viten von Menschen mit gleichem Potenzial, die infolge niederschmetternder Umstände arm und vergessen starben. Wenn ein Sonderling das große Los zieht, lässt dies nicht den Schluss zu, das Spiel sei nicht darauf ausgerichtet, dass alle anderen verlieren.

Wenn wir die überholte Ideologie von VerdienstVerdienstvon Lohn und Strafe und SchuldVerantwortungsmythosSchuldmythos überwinden, können wir daran zu arbeiten beginnen, die tieferen Ursachen unseres Verhaltens zu verstehen: die Ursachen familiärer, genetischer, wirtschaftlicher und politischer Natur. Dieses notwendige Gegenmittel wirkt gegen die bequeme Überzeugung, wonach der angebliche »freie WilleEntscheidungfreier Wille« dem Einzelnen letzte und volle Verantwortung auferlegt. Solche Vorstellungen erinnern an die ersten Versuche, Theorien zur natürlichen Welt aufzustellen. So wollte AristotelesAristoteles die Tatsache, dass manche Dinge aufsteigen und andere fallen, damit erklären, dass »Körper« ihrem »natürlichen Ort« zustrebten: Äpfel fielen herab, weil das Fallen in ihrer Natur liege; Dampf steige auf, weil das Aufsteigen seiner Natur eigen sei. Gedankenspiele wie dieses dienen allenfalls dazu, unsere Unwissenheit zu kaschieren. So wie das Herabfallen von Äpfeln und das Aufsteigen des Dampfes hat auch das Verhalten von Menschen Gründe, die den Willen des Einzelnen bei weitem überschreitenEntscheidungfreier Wille.

Unsere Begabungen, Haltungen, Neigungen und Chancen sind das Ergebnis von Kräften, die sich unserer Kontrolle entziehen. Auch wenn noch umstritten ist, welchen Anteil die biologischen und die umweltbedingten Faktoren jeweils haben, wurde die These von der VerantwortlichkeitVerantwortungsmythos als Mythos entlarvt – und damit die Grundlage für die Zuweisung von Verdienst und SchuldVerantwortungsmythosSchuldmythos.[25] Sie mag instinktiv verlockend wirken, dem Glücklichen schmeicheln und dem Mächtigen zweckdienlich sein, aber sie ist ein Mythos, ein irrationales Dogma, das vielen Menschen großen Schaden zufügt.

GlückGlück als Entwicklungsfaktor war die entscheidende Kraft im Leben eines jeden, der jemals gelebt hat. Unabhängig von unseren guten oder schlechten Taten haben wir ein Glück, das uns zuteilwird, niemals mehr oder weniger als andere verdient. Erweist sich letzte Verantwortung als ein in sich unstimmiges Konzept, verliert auch der Begriff des VerdienstesVerdienstvon Lohn und Strafe – dass wir BelohnungLohn oder StrafeStrafe wirklich verdient hätten – seine Bedeutung. Wenn wir für das, was wir tun, nicht wirklich verantwortlich sind, haben wir für unser Tun auch keinen Schmerz und keinen Genuss, kein Leiden und keine Freude verdient. Strafe und Belohnung mögen wichtige praktische Aufgaben erfüllen, Anreize für Verhaltensweisen schaffen, die wir in der Gesellschaft fördern wollen, aber das ist eine andere Frage, um die es in den beiden nachfolgenden Kapiteln gehen wird.[26]

Ich muss hinzufügen, dass es einen anderen Gebrauch des Wortes »verdienen«Verdienstnach Bedürftigkeit gibt, die von dieser Sicht auf das Thema VerantwortungVerantwortungsmythos unberührt bleibt. Im Bus hat eine gebrechliche alte Dame eher als eine junge Frau einen Platz verdient. Eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern verdient mehr Unterstützung als ein Konzern mit vielen Millionen Dollar Umsatz. Warum? In beiden Fällen ist klar, wer bedürftiger ist. Das Wort »verdienen« bedeutet in diesen Beispielen nur »es nötiger haben«. Wenn Sie erschöpft sind und ich ausgeruht bin, haben eher Sie als ich Urlaub verdient, nicht weil Sie härter gearbeitet haben – auch wenn das ein Grund für Ihre Erschöpfung sein kann –, sondern einfach deshalb, weil Sie ihn dringender benötigen. Wie wir sehen werden, ist ein am Grad der BedürftigkeitVerdienstnach Bedürftigkeit orientiertes System von BelohnungenLohnnach Bedürftigkeit das einzige, das den Gerechtigkeitstest besteht.

Eine gefährliche Idee?

Ist es gefährlich, den VerantwortungsmythosVerantwortungsmythos zu entlarven? Dem Philosophen Daniel DennettDennett, Daniel zufolge ist »die Einschätzung, dass keiner je für etwas, das er tut, voll verantwortlich sei, der erste Schritt auf dem Weg in einen Polizeistaat, der alles ›asoziale‹ Verhalten in medizinische Kategorien einordnet, und dieser Weg führt in den Gulag«.[1] Auch warnt er, dies könne uns »unserer Würde berauben« und unsere Neigung verringern, uns moralisch einwandfrei zu verhalten. Sind diese Befürchtungen berechtigt?

Dass ein Gedanke zu destruktiven oder repressiven Zwecken genutzt werden kann, sagt wenig über dessen Wahrheitsgehalt oder Wert aus. Große Ideen führen immer zu einem Kampf darum, wer die Deutungshoheit über sie erhält, um sie in den Dienst seiner Interessen stellen zu können. Dabei werden im Eifer des Gefechts Begriffe umso stärker gedehnt, verbogen und verzerrt, je mehr auf dem Spiel steht. Ein typischer Fall ist die Evolutionstheorie, die das Denken über unsere eigene Art und die Natur revolutioniert hat. Bei einer Erkundung dieser Revolution schreibt DennettDennett, Daniel in seinem Buch Darwins gefährliches Erbe:

Seit 1859, als Die Entstehung der Arten erschien, hat DarwinsDarwin, Charles Grundidee immer wieder heftige Reaktionen ausgelöst, von wütender Verdammung bis zu begeisterter Gefolgschaft, die manchmal fast an religiösen Fanatismus grenzte. Darwins Theorie wurde von Freunden und Feinden gleichermaßen missbraucht und falsch dargestellt. Man wandte sie falsch an, um entsetzlichen politischen und gesellschaftlichen Lehren einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.[2]

Wenn Darwins Idee zur Rechtfertigung von »entsetzlichen politischen und gesellschaftlichen Lehren« missbraucht werden kann, heißt das dann, man sollte sie ignorieren, unterdrücken, verschleiern, öffentlich diskreditieren? Dennett spricht sich dagegen aus: »Ein geheiligter Mythos hat keine Zukunft. Warum? Wegen unserer Neugier.« Die einzige Art, das Wertvolle zu bewahren, bestehe darin, »den Vorhang des Nebels zu durchstoßen und die Idee so entschlossen und leidenschaftslos wie möglich zu betrachten«. Wenn man sich Darwins gefährlichem Gedanken stellt, zeige sich, dass »das, was uns wirklich wichtig ist und wichtig sein sollte, hindurchschimmert – verwandelt, aber auch gekräftigt durch das Durchleben der darwinistischen Revolution«.[3] DennettsDennett, Daniel Überlegung lässt sich auf den »geheiligten Mythos« der individuellen VerantwortungVerantwortungsmythos übertragen. Müsste der umfassend zurückgewiesen werden, bräuchte die Gesellschaft eine gedankliche Revolution, um sich an die dadurch ausgelösten Entwicklungen anzupassen. Wie wir sehen werden, hat ein Verständnis, wo die Grenzen unserer Freiheit liegen, wie im Falle der Evolutionstheorie das Potenzial, eine »verwandelte, aber auch gekräftigte« Auffassung davon zu schaffen, was in unserem Leben das Wichtigste ist. Darwin selbst wies den Verantwortungsmythos zurück. Sein Credo: »Diese Sicht sollte einen tiefe Demut lehren, man verdient weder Lob noch Tadel für irgendetwas«, und »auch sollte man andere nicht an den Pranger stellenDarwin, Charles«.[4]

Ehe wir erkunden, wie diese »Verwandlung« aussehen könnte, ist es wichtig, festzuhalten, dass der – stillschweigende oder explizite – Glaube an die Verantwortung selbst mit ganz eigenen Gefahren behaftet ist. Er diente zur Rechtfertigung grausamster Taten, indem er den Begriffen von Sünde, SchuldVerantwortungsmythosSchuldmythos und »verdienter« VergeltungVerdienstvon Belohnung und Strafe trügerische Glaubwürdigkeit verschaffte. Er rechtfertigt ein Anspruchsdenken und stärkt den Impuls, Schuld zuzuweisen und Strafen zu verhängen. Neuere Forschungen haben die hässlichen Auswüchse, die mit diesem Denken einhergehen, empirisch nachgewiesen.

Um zu messen, wie stark sich Menschen mit der Vorstellung identifizieren, dass die Welt gerecht sei – dass den Guten Gutes und den Schlechten Schlechtes widerfahre –, nutzen Psychologen die Skala des »Gerechte-Welt-GlaubensGerechte-Welt-Glaube«. Eine Person, die auf dieser Skala mit einem hohen Wert abschneidet, zeigt eine signifikante Zustimmung zu Sätzen wie »Im Großen und Ganzen bekommen Menschen das, was sie verdienen« oder »Menschen, denen Unglück widerfährt, haben es sich selbst zuzuschreiben«. Als weiterer Maßstab dient die Skala des »rechten Autoritarismus«Autoritarismus, rechter, die den Grad des Einverständnisses mit Äußerungen wie den folgenden erfasst: »Was die staatlichen Institutionen machen, erweist sich im Allgemeinen als durchdacht und richtig, während die Radikalen und Demonstranten gewöhnlich ›Schreihälse‹ sind, die keine Ahnung haben, wovon sie reden«, oder »Unser Land braucht dringend einen starken Führer, der tut, was getan werden muss, um den immer schlimmer werdenden Sittenverfall zu stoppen, der uns zugrunde richtet.« Wer auf dieser Skala mit einem hohen Wert abschneidet, ist eher bereit, sich einer Obrigkeit zu unterwerfen, und begegnet kritischen Geistern eher feindseligAutoritarismus, rechter.

Die Psychologen Jasmine CareyCarey, Jasmine und Del PaulhusPaulhus, Del ermittelten, dass ein starker Glaube an den VerantwortungsmythosVerantwortungsmythos mit hohen Werten auf beiden Skalen korreliert. Ihre Arbeit ist Teil eines wachsenden Korpus empirischer Forschungen, die deutlich zeigen, dass sich mit dem Glauben an diesen Mythos zugleich auch die Tendenz verstärkt, Opfern die SchuldVerantwortungsmythosSchuldmythos für ihre Lage zuzuschieben, härtere Strafen zu fordern, sich Mächtigen zu unterwerfen und extreme wirtschaftliche Ungleichheiten als fair und gerecht wahrzunehmen.[5] Das Bestreben, diesen Mythos zu fördern, birgt wohl eher als der Versuch, ihn zurückzuweisen, die von Dennett beschworene Gefahr, »den Gulag« erneut entstehen zu lassen.[6]

Eine Reihe von Studien, die in der Fachzeitschrift Psychological Science erschienen, zeigte, dass Menschen weniger stark dazu neigen, andere zu verurteilen, wenn ihr Glaube an die letzte Verantwortung durch Argumente gegen den freien Willen oder Ergebnisse der Gehirnforschung erschüttert wird.[7] Solche Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Abschied vom Verantwortungsmythos ethisches Verhalten eher fördert als behindert und dass er einen wichtigen Schritt zu mehr Mitgefühl darstellt. Wenn wir für unsere Leistungen und unsere Unzulänglichkeiten nicht verantwortlich sind, befinden wir uns jedenfalls alle auf Augenhöhe: Letztlich steht niemandem mehr Freude, Glück oder Freiheit zu als jedem anderen. Das zwingt uns nicht, jeden gleich zu behandeln, macht aber deutlich, dass sich die Benachteiligungen mancher und die Privilegien anderer nicht mit der Behauptung rechtfertigen lassen, die jeweilige Gruppe hätte sie verdient. Aus dieser Perspektive entdecken wir ein solides Fundament für Gleichheit, EmpathieEmpathie und MitgefühlMitgefühl.

Es wäre unethisch, auszublenden, wie viel Glück an ethischen Verhaltensweisen beteiligt ist.[8] Handlungen, die wir als unmoralisch ansehen, sind – wie jedes Verhalten – letztlich ein Produkt prägender Verhältnisse. Deshalb sind diejenigen, die keinerlei Mitgefühl für andere haben, eines Mitgefühls keineswegs weniger würdig. Es aufzubringen fällt natürlich zuweilen nicht leicht. Wenn wir unter jemandem leiden, gilt es zunächst einmal, heftige und komplexe Emotionen zu bewältigen, bevor Anteilnahme zu einem gangbaren Weg werden kann, damit umzugehen – und in bestimmten Situationen ist dieser Punkt für manche vielleicht auch unerreichbar. Um dies anzuerkennen, bedarf es selbst eines MitgefühlsMitgefühl.

Mitunter tun wir uns schwer, uns selbst Leid zu verzeihen, das wir anderen zugefügt haben. Aber einiges deutet darauf hin, dass dieses Verzeihen für unsere körperliche und insbesondere seelische Gesundheit wichtig ist.[9] Anscheinend verstärken Gefühle des Selbsthasses destruktive Neigungen. Wie ein englisches Sprichwort sagt: »Verletzte Menschen verletzen Menschen.« Wir dürfen nie vergessen, dass die Welt uns prägt, ehe wir eine Chance bekommen, die Welt zu prägen. Diese Sicht bietet uns die Option, jenseits unserer eigenen Schuld und unserer individuellen Schwächen die systembedingte und kulturelle Basis unserer Identität in den Blick zu nehmen. Eine erweiterte Perspektive kann uns darin unterstützen, Zyklen selbstzerstörerischen Verhaltens zu durchbrechen. Geschehenes kann nicht ungeschehen gemacht werden; immer lautet die wichtige Frage: »Was steht als Nächstes an?«[10]

Wir sind in unserem Umfeld verwurzelt und von dessen Angeboten ebenso stark abhängig wie ein Baum, dessen Gesundheit unauflöslich von den Licht-, Luft- und Bodenverhältnissen abhängt, die er vorfindet. Auch wir starten als ein Same ins Leben, dessen Wachstum und Entwicklung von der Umwelt abhängt. Unsere Fähigkeit zu Glück, Vertrauen, Ekstase, Empathie, Liebe und Hass haben wir nicht selbst geschaffen. Das heißt aber nicht, dass wir nicht in der Lage wären, uns zu verändern, zu lernen und uns weiterzuentwickeln oder dass solche Bemühungen unwichtig sind – im Gegenteil, sie sind entscheidend –, aber es bedeutet, dass wir es uns nicht als VerdienstVerdienst anrechnen können, wie weit wir verglichen mit anderen in diesen Bemühungen vorangekommen sind. So wenig, wie der mächtige Mammutbaum, der aus einem kleinen Schössling herangewachsen ist, auf seine Höhe stolz sein kann, können wir es uns zugutehalten, was aus uns geworden ist. In einem entscheidenden Sinne sind unsere Leistungen eigentlich nicht unsere Leistungen. Wir sind Töne in der Melodie des Lebens, nicht der Komponist.

Zu bestreiten, dass wir im eigentlichen Sinne verantwortlich sind, heißt nicht, zu leugnen, dass es von Prinzipien geleitetes und ethisches Verhalten gibt. Um jemanden wegen eines staunenswerten Wesenszugs schätzen zu können, brauchen wir nicht zu glauben, dass er für ihn verantwortlichVerantwortungsmythos ist. Wir erfreuen uns an der leuchtenden Farbe, der eleganten Form und vollendeten Schönheit der Rose, ohne ihr für diese Eigenschaften irgendeine Verantwortung zuzuschreiben. Das Gleiche gilt für die gesamte Natur in ihrer Vielfalt und Pracht – einschließlich des Menschen. Warum sollten wir eine Künstlerin wie Nina Simone für ihre Genialität verantwortlich machen, um sie dafür bewundern zu können, was sie geschaffen hat? Warum sollten wir Martin Luther King als verantwortlich für seinen Mut ansehen, um zu ehren, was er erreicht hat? Den Verantwortungsmythos entlarven heißt nicht, inspirierende und vorbildhafte menschliche Eigenschaften zu leugnen. Es bedeutet nur, sie wie den Glanz eines Sonnenuntergangs als Gaben der Natur zu betrachten. Solche Schönheit ist aus sich selbst heraus bedeutsam und erhebend.

Was DennettDennett, Daniel und andere wohl tatsächlich befürchten, ist eine durch Verzicht auf den Verantwortungsmythos ausgelöste Entwicklung, die »verantwortungsloses« – gedanken- oder sogar rücksichtsloses – Verhalten fördert: dass wir dann weniger Grund zu Fürsorge, Gewissenhaftigkeit, Respekt und Zuverlässigkeit hätten. Diese Sorge ist fehl am Platz. Werte, nicht der Glaube an eine letzte Verantwortung, an Verdienst oder Schuld, motivieren unser Verhalten. Und Werte sind das Ergebnis eines breiten Spektrums an Kräften, die auf komplexe Weise auf uns einwirken. EinsteinEinstein, Albert hätte den Verantwortungsmythos sicher zurückgewiesen, doch dies hinderte ihn keineswegs daran, sein Leben voller Energie und Begeisterung der Entschlüsselung der Rätsel des Universums zu widmen, gegen die Verbreitung von Atomwaffen zu kämpfen und sich für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass unsere Entschlossenheit, unseren Bedürfnissen nachzugehen oder unsere Ziele zu erreichen, geschwächt wird, wenn wir Verantwortung als Illusion entlarven. Unsere Fürsorglichkeit gegenüber Angehörigen, unser Wissensdurst, unsere Empörung über empfundenes Unrecht werden sich dadurch nicht verringern. Wie ich im Schlussteil des Buches ausführen werde, entdecken wir unsere grundlegendsten Freiheiten, indem wir anstreben, erschaffen und erleben, was uns wirklich wichtig ist.

Verantwortung als MythosVerantwortungsmythos zu entlarven, hat einen weiteren Nutzen: Es hebt die fundamentale Bedeutung jeglichen Unterfangens hervor, Dinge zu hinterfragenIdentitätIn-Frage-Stellen des Gewohnten. Wenn wir für die Art unseres Seins nicht verantwortlich und auch nicht die Urheber unserer Identität sind, wer oder was ist es dann? Das Wissen darum, wie empfänglich wir für Kräfte sind, die wir nicht beherrschen, zwingt uns dazu, uns mit diesen auseinanderzusetzen und ihren Einfluss gegebenenfalls zu überwinden. Dieser Punkt ist wichtig. Eine entscheidende Voraussetzung, um Demokratie mit Leben zu erfüllen und die Gefahr zu bannen, die von zentralisierter Macht ausgeht, sind Bürger, die willens und in der Lage sind, Dinge infrage zu stellenIn-Frage-Stellen des Gewohnten siehe Identität.

Nicht zufällig sind Sudanesen in der Mehrheit Muslime, Thais mehrheitlich Buddhisten und Italiener mehrheitlich Katholiken. (In allen Fällen zu fast 90 Prozent.) Wo wir zur Welt kommen, ist zufällig, nicht aber die PrägungIdentitätFormung/Prägung durch die Welt, in die wir hineingeboren werden. Zahlreiche Kräfte konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit und Loyalität. Unser Geist ist ein Kampfplatz rivalisierender Anschauungen. Der Ausgang des Kampfes bestimmt, was aus uns wird und welcherart Gesellschaft wir erschaffen. Aber die siegreichen Kräfte sind nicht notwendigerweise diejenigen, die uns selbst am meisten nützen. Im Verlauf der Geschichte sind zahllose Menschen dazu abgerichtet worden, Ideologien der Knechtschaft zu verfechten, mörderische Regime zu unterstützen und dreiste Lügen zu glauben. Einst diente es den Interessen der Monarchen, den Untertanen die Idee vom Gottesgnadentum einzuimpfen, so wie der Gedanke einer rassischen Überlegenheit den Interessen von Kolonialherren diente. Heute sind andere Interessen im Spiel, wenn alljährlich Milliarden ausgegeben werden, damit Kinder Fastfood konsumieren, und das in einer Zeit, in der übergewichtige Heranwachsende bereits zu einem bedeutenden Problem der öffentlichen Gesundheit geworden sind.

Auch wenn die ideologischen, kulturellen und religiösen Etiketten, die uns trennen, nicht Teil unserer Natur sind, zeigt der Verlauf der Geschichte, dass die Fähigkeit, sich beliebig mit ihnen zu identifizierenIdentitätund Identifikation, durchaus angeboren ist. Erst diese Fähigkeit ermöglicht es, voreingenommene Haltungen, Vorurteile und ignorante Einstellungen mühelos von einer Generation an die nächste weiterzureichen. Wenn wir unsere Freiheit erweitern wollen, müssen wir unsere Einstellungen, unsere Werte und die Einflüsse hinterfragen, die zu ihrer Entstehung geführt haben. Warum vertreten wir bestimmte Überzeugungen? Warum haben wir bestimmte Gewohnheiten entwickelt? Und, entscheidend, wessen Interessen dienen sie? Die religiösen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Paradigmen unserer Zeit infrage zu stellen, ist in heutiger Zeit so wichtig wie eh und je. IdentitätenIdentitätFormung/Prägung prägen heißt Zukunft gestalten, aber welche Zukunft? Heute fürchtet sich die Welt vor Krieg, ausufernder Ungleichheit und Umweltzerstörung. Wenn wir eine alternative Zukunft gestalten wollen, können wir das prägende Denken der Vergangenheit nicht einfach reproduzieren.

Man schaue sich die nachfolgenden beiden Linien an.

Wer die Müller-Lyer-IllusionMüller-Lyer-Illusion, eine optische Täuschung, kennt, der weiß, dass die beiden abgebildeten Linien gleich lang sind, obwohl die untere länger erscheint. Der Psychologe Daniel KahnemanKahneman, Daniel schreibt:

Um nicht der Illusion zu erliegen, können Sie nur eines tun: Sie müssen lernen, Ihren Wahrnehmungen der Länge von Linien zu misstrauen, wenn sie mit »Pfeilspitzen« oder »Schwanzflossen« versehen sind. Um diese Regeln zu befolgen, müssen Sie das illusorische Muster erkennen und sich an das erinnern, was Sie darüber wissen. Wenn Sie dies tun können, werden Sie sich nie mehr von der Müller-Lyer-Illusion hinters Licht führen lassen. Aber die eine Linie wird Ihnen nach wie vor länger erscheinenMüller-Lyer-Illusion als die andereKahneman, Daniel.[11]

Viele empfinden die psychologische Erfahrung, Entscheidungen zu treffen, als unvereinbar mit der Vorstellung, dass wir für sie nicht wirklich verantwortlichVerantwortungsmythos sind, und so eingehend wir auch die philosophischen Argumente und wissenschaftlichen Erkenntnisse abwägen, es mag uns nicht gelingen, dieses Gefühl zu überwinden. Die Illusion der Verantwortlichkeit bleibt wie eine optische Täuschung selbst dann noch bestehen, wenn sie ihre rationale Glaubwürdigkeit verloren hat. Aber das ist vielleicht gar kein Problem. Wir sind, wer wir sind, und müssen mit dem zurechtkommen, was wir haben.

Die Erfahrung einer Illusion mag bestehen bleiben, aber wir können unsere Einstellung zu ihr verändern und unsere Reaktion auf sie entsprechend anpassen. Dazu Bertrand RussellRussell, Bertrand: »Eine Halluzination ist ein Fakt, kein Irrtum, irrig ist nur ein auf ihr beruhendes Urteil.«[12] Dies gilt auch für die kognitive Illusion der letzten Verantwortung. Die endlose Debatte darüber, ob ein »freier WilleEntscheidungfreier Wille« existiere oder nicht, wird von der kognitiven Illusion genährt, wir seien in der Lage, freie Entscheidungen zu treffen. Der Umstand, dass das Konzept einer wirklich freien WahlWahl siehe Entscheidung niemals kohärent formuliert wurde, hat an der Heftigkeit dieses Disputs kaum etwas geändert. Auch wenn es uns nie gelingen wird, die Illusion vollständig zu überwinden, können wir uns doch für eine andere Reaktion auf sie wappnen, indem wir unser Verständnis von Freiheit und VerantwortungVerantwortungsmythos weiterentwickeln. In Fragen von wesentlicher Bedeutung können wir unser Urteil auf eine geistig besser fundierte und moralisch vertretbarere Perspektive gründen, die berücksichtigt, dass unser Wille konditioniert und eben nicht frei ist. Die Antriebe des Verhaltens reichen weit über den Willen des Einzelnen hinaus, weil sie in wirtschaftlichen, politischen, familiären und kulturellen Verhältnissen wurzeln.

Der Philosoph Thomas NagelNagel, Thomas schrieb, um »ein objektiveres Verständnis von einem Aspekt des Lebens oder der Welt zu gewinnen, rücken wir von unserer ursprünglichen Sicht auf ihn ab und bilden eine neue Konzeption, die sich eben diese Sicht und ihre Beziehung zur Welt zum Gegenstand nimmt. Mit anderen Worten: Wir positionieren uns selbst in der Welt, die wir verstehen wollenNagel, Thomas[13] Wenn wir betrachten, wer wir sind und welche Kräfte uns geprägt haben, tun wir genau dies: Wir betrachten unsere Überzeugungen und Werte, Loyalitäten und Vorurteile, Annahmen und Zugehörigkeiten nicht als freie Entscheidungen, sondern als Ergebnisse eines komplexen Prozesses, dessen Ursprünge weiter zurückliegen als der Beginn unserer Existenz. Aus dieser Perspektive, dieser »objektiven Haltung« – die tatsächlich nur eine Übung des Vorstellungsvermögens ist, wie wenn man sich in einen anderen hineinversetzt –, kommt die wesensmäßige Beliebigkeit zahlreicher Aspekte unserer Identität zum Vorschein. Diese Sicht liefert eine logische Basis, auf der sich die zwangsläufig fehlerhaften Landkarten der Realität, die wir im Kopf haben, hinterfragen lassen, und lockert unsere Verbundenheit mit den Etiketten, Traditionen, Gewohnheiten und Überzeugungen, die gewöhnlich unser Selbstbild bestimmen.

Der Versuch, unsere Identität und unsere Welt aus einer neuen, kritischen Perspektive zu betrachten, ist Teil eines Prozesses, von dem die Kraft ausgeht, das beobachtete Selbst mit der Zeit gründlich zu verändern. Er liefert ein starkes Mittel gegen die schlimmsten Auswüchse der beliebigen IdentifikationIdentitätund IdentifikationIdentifikation siehe Identität, gegen engstirnige, tiefverwurzelte und dogmatische Anschauungen, die uns dazu treiben, für Flaggen, Symbole, Götter und Regierungen, die nur eine rein zufällige Verbindung zu uns haben, zu töten oder zu sterben.

*

Der Fatalismus ist eine Sicht, der zufolge unsere Geschicke durch Götter, Sterne oder andere äußere Kräfte vorherbestimmt seien. Er äußert sich in der Überzeugung, dass das Schicksal unausweichlich und dass es weitgehend sinnlos sei, selbständig zu denken, eigene Entscheidungen zu treffen und unabhängig zu handeln. Um es in aller Deutlichkeit klarzustellen: Diese Position wird hier nicht vertreten. Ja, das Glück spielt unser ganzes Leben lang eine entscheidende Rolle, aber weder diese Tatsache noch irgendein anderer in diesem Kapitel entwickelter Gedanke impliziert, dass wir machtlos sind. Dieses Buch ist keine Übung in ergebener Resignation. Der Zweck, unsere Grenzen aufzuzeigen, besteht vielmehr darin, uns selbst die besten Chancen zu geben, diese zu überwinden. Wenn wir erkennen, wie wir beschaffen sind, verbessern wir unsere Möglichkeiten, so zu sein, wie wir sein wollen.

Auf dieses Thema komme ich unter verschiedenen Aspekten in den hinteren Kapiteln zurück, wo es um die Erkundung des langen Schattens geht, den der VerantwortungsmythosVerantwortungsmythos über die Politik, die Wirtschaft und die breitere Kultur legt – und der Frage, wie die Gesellschaft aussehen könnte, wenn sie aus diesem Schatten heraustreten würde. Wie wir sehen werden, hängt vieles von unserer Fähigkeit ab, ein eingehenderes Verständnis von uns selbst und voneinander zu gewinnen. Die Vorstellung, dass für unser Sein und Tun letztlich wir selbst verantwortlich seien, führte zu absurden Überzeugungen und grausamen politischen Praktiken. Sie legitimiert die Behauptung, Menschen verdienten ihre Privilegien und ihre Strafen. Sie fördert die Ansicht, dass die Wohlhabenden wie die Armen, die Gefeierten wie die Verachteten ihre Geschicke selbst zu verantworten hätten, und bietet eine solide Basis für die stillschweigende und doch mächtige Befürwortung von sozialer Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Den VerantwortungsmythosVerantwortungsmythos zu entlarven, heißt, diese gefährlichen Denkweisen aufzudecken und all denen ein effizientes Werkzeug an die Hand zu geben, die für eine gerechtere Verteilung von Wohlstand, Macht und Chancen eintreten. Dies bedeutet auch einen Schritt hin zum Aufbau einer Welt mit mehr Mitgefühl, in der der Impuls, andere schuldig zu sprechen, von einem Bedürfnis nach Verstehen überwunden wird und Bescheidenheit an die Stelle von Anspruchsdenken tritt. Wenn wir den VerantwortungsmythosVerantwortungsmythos zerschlagen, verschaffen wir uns die beste Position, um die Freiheit zu erweitern, über die wir persönlich und politisch verfügen. Je mehr wir über die Einflüsse der Welt auf uns erfahren, desto besser beherrschen wir den Einfluss, den wir auf die Welt ausüben.

2 Strafe

Die Vorstellung, dass Übeltäter Leiden verdienten, ist in unserer Kultur tief verankert. Über Jahrhunderte drückte sie sich in der Lehre vom »Auge um Auge«Strafeals Vergeltung aus. In der Praxis verlangten die religiösen Traditionen weitaus mehr als die fadenscheinige Gleichbehandlung, die sich aus diesem Prinzip zu ergeben schien. Oft wurde die Bibel so gedeutet, als schreibe sie für Sünden wie Ehebruch, Sodomie, Gotteslästerung, Bruch des Sabbatgebots, Verehrung anderer Götter oder ein Verfluchen der eigenen Eltern die TodesstrafeTodesstrafe vor. Der Koran befürwortet die Hinrichtung unter anderem für das »Verderbenstiften auf Erden«, wozu je nach Auslegung Verrat, Abfall vom Glauben, Ehebruch und homosexuelle Handlungen zählen. Der Glaube an ein göttliches System der Vergeltung und Strafe, dem zufolge Sünder, die keine Reue zeigen, ewige Qualen in der Hölle verdienten, ist für weite Teile der Menschheit nach wie vor ein zentrales Dogma.

In Anlehnung an die Glaubenslehre behaupteten Philosophen, Richter und politische Führer über Jahrtausende hinweg, dass der wichtigste Sinn von Strafe Vergeltung sei, die im Leiden des Täters Erfüllung finde.[1] Diese Anschauung ist noch weit verbreitet. Meinungsumfragen zur Todesstrafe sprechen eine deutliche Sprache. Eine Erhebung von YouGov im Jahr 2014 ergab, dass eine Mehrheit der Bürger Großbritanniens die Wiedereinführung der Todesstrafe befürwortet. Schon eine Umfrage 2010 hatte gezeigt, dass 74 Prozent die Todesstrafe »unter bestimmten Umständen« unterstützen würden, wenn auch nicht für alle Morde.[2] In den USA liegt die Zustimmung zur TodesstrafeTodesstrafe bei rund 61 Prozent.[3]

Die kulturelle Hinwendung zum Vergeltungsprinzip mag in der menschlichen Natur wurzeln. Hirnscans von Probanden, die man in einem Experiment aufforderte, einen vermeintlichen Betrüger oder Ausbeuter zu bestrafen, wiesen eine gesteigerte Aktivität in den »Lustzentren« auf.[4] Es gibt sogar Hinweise darauf, dass schon acht Monate alte Säuglinge ein Bedürfnis haben, Fehlverhalten zu vergeltenStrafeals Vergeltung.[5] Evolutionspsychologen vertreten den Standpunkt, dass sich Bestrafung als ein Mittel herausgebildet hat, um in der Gruppe wechselseitig vorteilhafte Formen von Kooperation aufrechtzuerhalten. Unter Berufung auf die Theorie des reziproken Altruismus behaupten sie, die Bestrafung von »Schummlern«, die Vorteile einheimsen, ohne sich an Kosten zu beteiligen, wirke als starker Anreiz für kooperatives SozialverhaltenStrafeals Anreiz zur Kooperation.

Unabhängig von den Gründen, aus denen sich im Verlauf der Evolution ein Trieb zur Bestrafung herausgebildet hat, sei daran erinnert, dass die natürliche Selektion ein Prozess ohne Moral ist. Die Natur ist, wie Tennyson es einmal formulierte, »rot an Zähnen und Klauen«. Insofern sie eine evolutionäre Grundlage haben, sind aufrichtige Empörung und Rachegelüste Teil unseres menschlichen Wesens, weil sie die Überlebenschancen unserer Vorfahren lange genug erhöhten, um den sie steuernden Genen den Weg in die nachfolgenden Generationen zu ermöglichen. Robert WrightWright, Robert, Autor von Diesseits von Gut und Böse, einem Buch über die entwicklungsgeschichtlichen Ursprünge unserer moralischen Instinktemoralische Instinkte, bemerkt dazu, vielleicht sei »der unmittelbar einleuchtende Gedanke, dass Dinge verdientermaßen geschähen, der Kern des menschlichen Gerechtigkeitssinns, […] die Heftigkeit unserer moralischen Empörung, die innigste Gewissheit, dass […] der Schuldige Strafe verdiene, [nichts anderes als] ein Nebenprodukt der Evolution, eine einfache genetische KriegslistWright, Robert«.[6]

Unseren Instinkten mit einem gewissen Maß an Skepsis zu begegnen, sie im Licht anderer Anschauungen, Überzeugungen und Werte zu hinterfragen, zu analysieren und zu bewerten, ist für den gesellschaftlichen Fortschritt und die Selbsterkenntnis von wesentlicher Bedeutung. Moralische Entrüstungmoralische Instinkte kann zu einer gefährlichen Regung werden. Das Gefühl, dass wir das Recht hätten, einen vermeintlichen Übeltäter leiden zu lassen, hat in der Menschheitsgeschichte besonders unmenschliche Praktiken hervorgebracht, von Steinigung und Pfählung über Verbrennen auf dem Scheiterhaufen bis zu Ausweiden oder Enthaupten. Auch prägte es unser StrafrechtssystemStrafjustiz so, dass es mit den stumpfsinnigen Eingebungen von verdienter Strafe, VergeltungStrafeals Vergeltung, Schuld und Verantwortung in Einklang steht.

Die am höchsten entwickelten RechtssystemeStrafjustizVerantwortung und Willensfreiheit als ideologische BasisVerantwortungsmythosals Basis von Rechtssystemen der Welt basieren auf dem Gedanken, dass die meisten Menschen die meiste Zeit eine Freiheit besitzen, dank derer sie für ihre Handlungen letztlich verantwortlich seien. Laut dem Obersten Gerichtshof der USA ist der »Glaube an die Freiheit des menschlichen Willens« ein »universeller und dauerhafter« Grundbestandteil des Rechts. »Eine deterministische SichtDeterminismus des menschlichen Verhaltens« sei »mit den grundlegenden Prinzipien unseres StrafrechtssystemsStrafjustiz unvereinbar«.[7] Ein ausdrückliches BekenntnisStrafjustizVerantwortung und Willensfreiheit als ideologische Basis zur »Willensfreiheit« findet sich in etlichen Urteilsbegründungen dieses Gerichtshofes und in den Arbeiten zahlreicher Rechtswissenschaftler.[8] Es gehört zu den Fundamenten eines Strafrechtssystems, die inzwischen unter der Last wissenschaftlicher Erkenntnisse zerbröckeln.

Unter diesem Druck haben einige Rechtstheoretiker eine Rückzugsposition abgesteckt. In den Augen des Gesetzes sind wir praktisch denkende Menschen: In bewusster Überlegung wählen wir unser Tun, um unsere Ziele zu erreichen. Laut dem Rechtswissenschaftler Stephen J. MorseMorse, Stephen J. und vielen anderen, die seinen Standpunkt teilen, müssen wir gar nicht ergründen, ob Menschen eine ausreichende »Willensfreiheit« besitzen, um sie für ihre Handlungen verantwortlich zu machen. Die Feststellung ausreichender RationalitätVerantwortungsmythosRationalität als Prüfstein der Verantwortlichkeit genüge. »Rationalität«, schreibt er, »ist der Prüfstein für Verantwortlichkeit.«[9] Entscheidend sei, ob ein Verbrechen klare bewusste Absichten widerspiegle (deren tiefere Ursachen er anscheinend als irrelevant betrachtet). Morse erkennt an, dass der freie Wille eine Illusion und dass menschliches Verhalten determiniert sein könnte, weist aber den Gedanken zurück, dass sich dies irgendwie auf die Verantwortlichkeit auswirke: Solange die rationalen Fähigkeiten einer Person »unbeeinträchtigt erscheinen«, könne sie »verantwortlich gemacht werden, was auch immer die Neurowissenschaft aufzeigt«. In der Praxis müssten Gerichte nur voraussetzen, dass mit wenigen Ausnahmen »Erwachsene zu einer minimalen Rationalität und Verantwortung fähig sind und dass für alle dieselben Regeln gelten könnenMorse, Stephen J.«.[10]

Diese Sicht zur Frage der Verantwortung wirft ein Licht auf viele in heutigen GerichtssälenStrafjustiz eingesetzte Verfahrensweisen, ist aber von Grund auf konfus. Sie räumt ein, dass unser Verhalten letztlich ein Ergebnis von Einflüssen jenseits unserer Kontrollmöglichkeiten ist, beharrt aber darauf, dass wir für sie dennoch verantwortlichStrafjustizVerantwortung und Willensfreiheit als ideologische Basis gemacht werden können.[11] Ihre Verfechter wollen offenbar auf zwei Hochzeiten tanzen. Wie wir gesehen haben, sorgen rationales Denken und andere Fähigkeiten zwar dafür, dass wir Ziele leichter erreichen und die Konsequenzen unserer Handlungen besser verstehen, doch sie machen uns nicht für unsere Ziele verantwortlich. Ich führe nochmals den Psychopathen ins Feld, der zahlreiche aus moralischer Sicht entsetzliche Entscheidungen treffen mag, aber gewiss nicht die, das Gehirn eines Psychopathen zu besitzen. Die Konsequenzen der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse liegen auf der Hand: Das Verhalten ist untrennbar mit biologischen Abläufen verknüpft, die wir uns nicht aussuchen können. In manchen Fällen wird diese Einsicht von Gerichten bereits akzeptiert, wie die länger werdende Liste der »Syndrome« und »Störungen« zeigt, die zur Verteidigung von Straftätern vorgebracht werden. Allerdings bleibt dies die Ausnahme. Angesichts der in der Welt herrschenden gewaltigen Variationsvielfalt des genetischen Potenzials, der Lebenserfahrungen und der sozialen Chancen ist die Vorstellung, dass mit wenigen Ausnahmen »dieselben Regeln für alle gelten sollen«, schlicht ein Rezept für Ungerechtigkeit und kein Ansatz, sie zu überwinden.

Als Gesellschaft können wir uns auf jede von uns gewünschte Definition von Verantwortung einigen, in Begriffen von Rationalität, Jahreseinkommen, Bildungsstand oder auch Körpergröße, wenn wir es so wollen. Aber Definitionen verändern nichts an den zugrundeliegenden Fakten. Die Kriterien für Verantwortung zu lockern, kann dazu beitragen, die Risse zu übertünchen, die sich im Fundament dieses Konzepts auftun, aber die Probleme für die StrafjustizStrafjustiz treten mit der Zeit nur umso deutlicher zutage. Obwohl nach bester Wissenschaft und Logik die Sinnlosigkeit der Frage erwiesen ist, ergründen die Gerichte weiterhin, ob Gesetzesbrecher SchuldVerantwortungsmythosSchuldmythos auf sich geladen haben und welche Strafe sie verdienen. Solange diese Frage im Zentrum steht, operiert die Strafjustiz mit irrationalen Methoden, die zu ungerechten Urteilen führen.

So muss es nicht sein. Anstatt irreführenden Eingebungen zu folgen, könnte sich unser Strafrecht den Ergebnissen der Wissenschaft und den Erfordernissen der Vernunft anschließen. Dies würde die Erkenntnis beinhalten, dass niemand wirklich Schuld trägt, dass es keine gerechte Vergeltung gibt, die Strafen rechtfertigt, und dass man sich darauf konzentrieren muss, eine bessere Zukunft zu schaffen, anstatt Rache für Vergangenes zu fordern.

Auf Schuld und VerantwortungVerantwortungsmythosSchuldmythos verzichten heißt nicht notwendigerweise, sämtliche StrafenStrafegesellschaftlich nützliche abzuschaffen. Ergebnisse psychologischer Studien deuten darauf hin, dass »die Motivation zu strafen, um der Gesellschaft zu nützen«, selbst dann erhalten bleibt, »wenn die Notwendigkeit von Schuldzuweisung und das Bedürfnis nach Vergeltung verschwinden«. Die Gesellschaft kann also den »sozialen Nutzen von Strafe unberührt lassen, wenn sie überflüssiges menschliches Leiden und die finanziellen Kosten von Strafmaßnahmen vermeidet, die mit dem retributivistischen Schuld-und-Sühne-Denken oft assoziiert sind«.[12] Sobald wir wissen, dass jemand eines Verbrechens schuldig ist, stellt sich die wichtige Frage, welche Auswirkung Strafe auf den Gesetzesbrecher und auf die übrige Gesellschaft hat. In einem rational funktionierenden JustizsystemStrafjustiz ließen sich Ahndungen ausschließlich mit den positiven Auswirkungen auf die Gesellschaft, nicht mit dem Begriff verdienter Strafe rechtfertigen.

Der Nutzen von Strafe

Sobald die Vergeltung als Legitimation wegfällt, muss die Logik der AbschreckungStrafezur Abschreckung als einflussreichste Rechtfertigung für Strafe herhalten. Der zugrunde liegende Gedanke ist, dass Strafmaßnahmen nicht nur die Gesetzesbrecher von Wiederholungstaten abhalten, sondern zudem allgemein zu einer Reduzierung des Verbrechens in der Bevölkerung führen. Dabei gilt gewöhnlich die Annahme, dass Strafen umso wirkungsvoller abschrecken, je härter sie ausfallen. Obwohl diese Logik in manchen Zusammenhängen einleuchtend erscheint, hat sie ebenfalls Mängel und versagt als Rechtfertigung für zahlreiche Strafmaßnahmen, die gegenwärtig von der Staatsgewalt – in demokratischen genauso wie in anderen Systemen – rund um den Globus praktiziert werden.

Strategien der AbschreckungStrafezur Abschreckung erzielen selten die erwarteten Ergebnisse. Es ist schwierig, Vergleiche anzustellen, aber vieles deutet darauf hin, dass sich in Ländern mit geringeren Strafmaßen ein Trend zu niedrigeren RückfallquotenStrafeund Rückfälligkeit abzeichnet. In den USA und Großbritannien liegen sie zwischen 60 und 65 Prozent – und damit um rund 50 Prozent höher als in milder strafenden Ländern wie SchwedenSchweden, NorwegenNorwegen oder JapanJapan.[1] Bei einer Auswertung von 50 verschiedenen Studien zu über 300000 Straftätern fand der kanadische Kriminologe Paul GendreauGendreau, Paul keinen einzigen Beleg dafür, dass Gefängnishaft die Rückfälligkeit verringert. Tatsächlich gingen längere HaftstrafenStrafjustiz mit einer um 3 Prozent erhöhten Rückfallquote einher – Wasser auf die Mühle der Theorie, Gefängnisse seien »Schulen des Verbrechens«.[2]

In den USAStrafjustizin den USA landen fast sieben von zehn männlichen Häftlingen innerhalb von drei Jahren nach ihrer Entlassung erneut im Gefängnis.[3] Eine staatliche britische Erhebung von 2010 zeigte, dass 68 Prozent der Erwachsenen, die in den ersten Monaten des Jahres 2000 aus dem Gefängnis entlassen worden waren oder eine andere Strafe angetreten hatten, binnen fünf Jahren erneut straffällig wurden.[4] Nach Jahrzehnten der Forschung gelangte der amerikanische Gefängnispsychiater James GilliganGilligan, James zu dem Schluss, dass »die effizienteste Art, eine nicht gewalttätig gewordene Person zum Gewalttäter zu machen, in einer Verurteilung zu Gefängnishaft besteht« und dass »das Strafjustiz- und das Vollzugssystem unter einem gewaltigen Irrtum operierten, nämlich im Glauben, Strafe schrecke von Gewalt abStrafezur Abschreckung, beuge ihr vor oder verhindere sie. Dagegen ist sie tatsächlich der stärkste Ansporn zur Gewalt, den wir bislang entdecktGilligan, James haben.«[5]

Objekte, Naturkatastrophen, Tiere, Kleinkinder und (manchmal) Menschen mit psychischen Erkrankungen kommen eben deshalb ohne Strafe davon, weil ihnen das kognitive Vermögen – die »minimale Rationalität« – fehlt, das nötig ist, um sich von StrafandrohungStrafjustiz abschrecken zu lassen.[6] Auch wenn dies einigermaßen vernünftig erscheint – das Problem besteht darin, dass jeder Straftäter per definitionem unter die Kategorie von Menschen fällt, die sich eben nicht abschrecken ließen. Zumindest während seiner Straftat besitzt jeder Gesetzesbrecher ein Gehirn, das sich durch drohende Verhaftung, Verurteilung oder sogar Hinrichtung nicht davon abhalten lässt, seine Ziele zu verfolgen. Die hohen RückfallquotenStrafeund Rückfälligkeit ehemaliger Strafgefangener zeigen, dass Abschreckung bei ihnen kaum eine Wirkung entfaltet.

Wenn Strafen häufig darin versagen, Straf- und Wiederholungstaten durch AbschreckungStrafeals Abschreckung zu verhüten, wozu dienen sie dann? Die Standardantwort lautet: Würden Verbrecher nicht zur Rechenschaft gezogen, sänke die Hemmschwelle bei denjenigen, die sich bislang gesetzeskonform verhalten hätten, und die Kriminalitätsrate stiege weiter an. Die möglichen Auswirkungen auf Leute der Kategorie zwei (die vor Rechtsbrüchen zurückschreckenden Staatsbürger) dienen also als Legitimation für die Bestrafung von Leuten der Kategorie eins (der Gesetzesbrecher). Kriminelle werden bestraftStrafjustiz, um die übrige Bevölkerung von kriminellen Handlungen abzuhalten. Wenn aber Menschen nicht wirklich verantwortlich sind, gerät Abschreckung als Rechtfertigung für schwere Strafen, wie Daniel DennettDennett, Daniel hervorhebt, »zur Heuchelei«:

Diejenigen, die wir am Ende bestrafen, zahlen faktisch einen doppelten Preis, denn sie halten zum einen als Sündenböcke her, denen die Gesellschaft Schaden zufügt, um ihren mit mehr Selbstbeherrschung ausgestatteten Mitgliedern als eindrückliches Beispiel zu dienen, sind aber zum anderen nicht wirklich verantwortlich für die Taten, von denen wir scheinheilig behaupten, sie hätten sie aus freiem Willen begangen.[7]

So verwirrend diese Überlegung sein mag, sie berührt den Kern des AbschreckungsargumentsStrafezur Abschreckung. Der einflussreiche amerikanischeStrafjustizin den USA Jurist Oliver Wendell HolmesHolmes, Oliver Wendell (jr.) jr. räumte freimütig ein: »Wenn ich mit einem Mann, den ich aufhängen (oder auf dem elektrischen Stuhl hinrichten) lassen werde, ein philosophisches Gespräch zu führen hätte, müsste ich sagen: ›Ich habe keine Zweifel, dass Ihre Tat für Sie unvermeidlich war, aber damit andere sich möglichst scheuen, sie zu begehen, schlagen wir vor, Sie dem Gemeinwohl zu opfern. Wenn Sie wollen, können Sie sich als einen Soldaten betrachten, der für sein Land stirbt.‹«[8] So ausgedrückt, kommt die Ungerechtigkeit hinter dem AbschreckungsargumentStrafezur Abschreckung zum Vorschein. Es verfügt StrafeStrafjustiz, sogar den Tod, über Menschen, die für ihr Tun nicht letztlich verantwortlich sind, sich vielfach sogar in äußersten Notlagen befanden und Entbehrungen erlitten, damit diejenigen, die sich besser unter Kontrolle haben – und häufig privilegierter sind –, vor Gesetzesbrüchen bewahrt bleiben.

Abgesehen davon, dass sie moralisch fragwürdig ist, kann sich die Strategie, manchen Schaden zuzufügen, um andere abzuschrecken, leicht ins Gegenteil verkehren. Nicht selten wirken schwere Strafen auch enthemmend und befördern die Gewaltkriminalität, anstatt ihr entgegenzuwirken. So verzeichneten beispielsweise die USAStrafjustizin den USA und Nigeria nach Einführung der TodesstrafeStrafeTodesstrafe siehe TodesstrafeTodesstrafe erhöhte Mordraten, während KanadaKanada nach deren Abschaffung bei den Tötungsdelikten einen Rückgang erlebte.[9] Und unter den Staaten mit den höchsten Mordraten kommen in den fünf führenden Ländern, in denen die Todesstrafe praktiziert wird, auf 100000 Einwohner 41,6 Fälle, während diese Rate in den fünf führenden Ländern ohne Todesstrafe mit 21,6 um rund die Hälfte niedriger liegt.[10] Eine Erklärung lautet, schwere institutionelle StrafenStrafjustiz führten zu einer Verrohung der allgemeinen Sitten. Anstatt Gewalt zu verhindern, stachle das staatliche Vorbild eher zu ihr an. Angesichts der Beziehung zwischen Todesstrafe und der Rate von Tötungsdelikten schlossen die Vereinten Nationen: »Die Faktenlage insgesamt liefert weiterhin keinen positiven Befund, der die AbschreckungshypotheseStrafezur Abschreckung stützt.«[11] Laut Meinungsumfragen glaubt die große Mehrheit der Kriminologen und Polizeichefs nicht, dass die TodesstrafeTodesstrafe von Gewaltverbrechen stärker abschreckt als eine Haftstrafe.[12]

Die Ungerechtigkeit, dass Gefangene den »doppelten Preis« zahlen, wird durch die Härte der auferlegten Strafen verschärft. Solange AbschreckungStrafezur Abschreckung als effizientester Beeinflussungshebel gilt und brutalere Strafen als wirkungsvoller angesehen werden, besteht der Druck, Gefangenen immer größere Leiden aufzubürden. Auf ethisch fragwürdigen und sachlich haltlosen Annahmen beruhend, wird dieser Druck weltweit immer wieder ausgenutzt, um StrafenStrafjustizund Folter siehe Folter zu rechtfertigen, die als Form von FolterFolter gelten müssen. Den Vereinten Nationen zufolge bezeichnet der Begriff Folter

jede Handlung, durch die einer Person vorsätzlich große körperliche oder seelische Schmerzen oder Leiden zugefügt werden, zum Beispiel um von ihr oder einem Dritten eine Aussage oder ein Geständnis zu erlangen, um sie für eine tatsächlich oder mutmaßlich von ihr oder einem Dritten begangene Tat zu bestrafen oder um sie oder einen Dritten einzuschüchtern oder zu nötigen […].[13]

Man braucht sich nur einmal vorzustellen, man würde selbst aus seinem vertrauten Umfeld herausgerissen und jahrelang in eine überfüllte Einrichtung gesperrt werden, in der man Drohungen und Gewalt ausgesetzt wäre – in der häufig Menschen verprügelt, verletzt, vergewaltigt oder sogar getötet werden, dauerhaft getrennt von Angehörigen und Freunden, während jeder Aspekt des Alltagslebens von bezahlten Fremden überwacht wird. Die Unterscheidung zwischen FolterFolter und der vorherrschenden Form des StrafvollzugsStrafjustiz hält kaum einer kritischen Überprüfung stand.

Das gilt etwa für die sogenannten Supermax-GefängnisseSupermax-Gefängnisse in den USAStrafjustizin den USA, in denen die Gefangenen in Hochsicherheitsverwahrung 23 Stunden am Tag in Einzelhaft gehalten werden. Solchen Verhältnissen ausgeliefert, entwickeln Menschen häufig psychische Erkrankungen. Sie sind jeder sinnvollen Arbeit, Ausbildung, körperlichen Bewegung oder Bildung beraubt und von fast jedem menschlichen Kontakt abgeschnitten. Der Zugang zu Telefon, Büchern, Zeitschriften, Radio und Fernsehen – ja sogar zu Sonnenlicht und frischer Luft – wird streng reguliert oder sogar komplett verweigert. In den Zellen brennt rund um die Uhr Licht.[14] Laut dem Menschenrechtsausschuss der New York City Bar Association, einer Vereinigung von Anwälten und Jurastudenten, verletzt diese Form der GefängnishaftStrafjustiz »grundlegende Menschenrechte« und stellt in vielen Fällen »nach internationalem Recht FolterFolter und gemäß der US-Verfassung eine grausame und ungewöhnliche Bestrafung« dar.[15] Schätzungen zufolge leben derzeit allein in den USA bis zu 80000 Häftlinge unter solchen Bedingungen.

Kriminologen warnen vor »gravierenden psychischen Schäden, die Gefangene davontragen, und wie dies ihnen das Leben nach ihrer Entlassung erschwert«.[16] Amnesty InternationalAmnesty International, Human Rights Watch und der UN-Ausschuss gegen Folter haben das US-GefängnissystemStrafjustizin den USA wegen seiner inhumanen Praktiken verurteilt. Dazu gehören die Inhaftierung von Kindern in Erwachsenengefängnissen, die Misshandlung psychisch Kranker und Behinderter, eine fest etablierte Vergewaltigungsroutine, das Festschnallen weiblicher Gefangener bei Geburten sowie der Einsatz von Elektroschocks als Mittel zur Disziplinierung.[17] Wie GendreauGendreau, Paul schreibt: »Wenn das Gefängnis die Insassen psychisch zerstört, kann die Wiedereingliederung in die Gesellschaft nach der Entlassung nur fehlschlagen, mit RückfallStrafeund Rückfälligkeit als wahrscheinlicher Konsequenz.«[18]

Der AbschreckungseffektStrafeals Abschreckung des »doppelten Preises«, den die Häftlinge zu zahlen haben, wird nicht nur überschätzt, sondern ist auch ein bedeutender Teil des Problems. Die für ihn ins Feld geführten Argumente sind löchrig, kaschieren sie doch zahlreiche inhumane, ungerechte und nicht zu rechtfertigende Praktiken. Verstärkt wird diese Verschleierung durch unser instinktives Festhalten an der Vorstellung, dass es eine individuelle Verantwortung gebe und Unrecht vergolten werden müsse. Diese Denkweise zieht sich durch die gesamte BestrafungspraxisStrafjustiz, prägt die Haltungen in der Bevölkerung und erleichtert es so erheblich, über gravierende Missstände in überholten Vollzugssystemen hinwegzusehen.

Die meisten von uns antizipieren die wahrscheinlichen Konsequenzen ihrer Handlungen, sodass uns eine Strafandrohung mitunter von einem Kurs abbringen kann, den wir sonst vielleicht einschlagen würden. Neueren Forschungen zufolge schreckt uns eher die Aussicht, ertappt zu werden, als die Härte der zu erwartenden Strafe von Handlungen abStrafezur Abschreckung, auf die wir uns andernfalls einlassen würden.[19] Sobald Menschen, die für die Gesellschaft eine ernstzunehmende Gefahr darstellen, in Gewahrsam genommen sind, dienen ihre Leiden (neben dem Freiheitsentzug) kaum der Sache der Gerechtigkeit und erhöhen selten die öffentliche Sicherheit. Tatsächlich erhöhen sie das Gefahrenpotenzial in der Gesellschaft.

In einem rational ausgelegten Rechtssystem gälte es keineswegs als ausgemacht, dass es der Gesellschaft nützt, Rechtsbrechern Schaden zuzufügen. Wie die Wirksamkeit eines neuen Medikaments, müsste der positive Effekt zunächst empirisch nachgewiesen werden, wobei die Beweislast bei den Verfechtern schwerer Strafen läge. Aber selbst wenn dieser Nachweis gelänge, müsste immer noch der soziale Nutzen gegen die Grundrechte des Einzelnen auf Unversehrtheit abgewogen werden. Angesichts der humanenStrafjustizhumane und wirksamen Alternativen lässt sich die Logik der Abschreckung, die Gesetzesbrechern absichtlich Leiden auferlegt, vielfach schwer rechtfertigen.

Jenseits der Strafe

Eine der weltweit humansten Haftanstalten liegt auf der Insel BastøyBastøy, Justizvollzugsanstalt (Norwegen) in NorwegenStrafjustizin Norwegen siehe Bastøy.[1] In diesem offenen Gefängnis erhält jeder Häftling Angebote für eine qualifizierte Ausbildung und Schulungsprogramme, um sich auf vielfältige Weise weiterzuentwickeln. Die Gefangenen leben in Sechsergemeinschaften in gut ausgestatteten Wohnungen, wo jeder ein eigenes Schlafzimmer hat, während sie sich die Küche und die übrigen Räumlichkeiten teilen. Sie erhalten täglich eine Mahlzeit, die übrigen Lebensmittel müssen sie sich im örtlichen Supermarkt kaufen. Dafür bekommen sie – jeder von ihnen – einmal im Monat einen Gutschein über 500 Kronen. Zusätzlich verdienen sie rund 50 Kronen pro Tag mit diversen Tätigkeiten, darunter Landwirtschaft, Pferdezucht, Fahrradreparatur, Schnitzarbeiten und verschiedene Instandhaltungen auf der InselStrafjustiz.

Auf Bastøy gibt es eine Kirche, eine Schule und eine Bibliothek. Das Freizeitangebot für die Gefangenen umfasst Reiten, Angeln und Tennis. Das Wachpersonal ist dank eines dreijährigen Trainings hervorragend ausgebildet und erfüllt eher die Aufgaben von Sozialarbeitern als die von Schließern. Arne Kvernvik NilsenNilsen, Arne Kvernvik, der die Anstalt fünf Jahre lang bis 2013 leitete, beschreibt seine Philosophie: »Ich respektiere die Gefangenen, die hierherkommen, und im Gegenzug respektieren sie sich selbst, alle anderen und die Gemeinschaft.« Nilsen glaubt, dass »wir das Rachebedürfnis der Menschen respektieren müssen, es aber nicht als Grundlage dafür nutzen dürfen, wie wir Gefängnisse betreiben. […] Soll ich im Namen des Staates dafür sorgen, den Gefangenen zu einem noch größeren Problem zu machen, […] zu einer noch größeren Gefahr für die Gesellschaft, weil ich ihn in meiner Obhut schlecht behandelt habeNilsen, Arne Kvernvik[2] Die InselStrafjustizhumane beherbergt Straftäter verschiedener Art, darunter Mörder und Vergewaltiger, hat aber bemerkenswerterweise die niedrigsten Rückfallquoten in Europa: 16 Prozent gegenüber einem europäischen Durchschnitt von ungefähr 70 Prozent. Und Bastøy ist eines der billigsten Gefängnisse in Norwegen.

Nicht alle HaftanstaltenStrafjustiz des Landes sind so offen und komfortabel, aber alle funktionieren nach der gleichen Philosophie, basierend auf der Überzeugung, dass die vom Staat verhängte Strafe einzig im Freiheitsentzug bestehen sollte. Das Leiden der Gefangenen wird absichtlich minimiert. Es gibt weder Todesstrafe noch lebenslange Haft. Das Ziel heißt heilen, nicht schaden. Und trotz aller Einwände der Kritiker hat diese Philosophie Erfolge vorzuweisen. In der Landesstatistik Norwegens liegt die Rückfallquote zwar höher als in BastøyBastøy, Justizvollzugsanstalt (Norwegen), doch gehört sie mit durchschnittlich 30 Prozent immer noch zu den niedrigsten in Europa. Überall in Skandinavien werden Strafmaßnahmen weitgehend Experten anvertraut. Kriminologen entwerfen anhand der Faktenlage eine Politik, mit der die Öffentlichkeit bislang ausgezeichnet gefahren ist. Neben HollandNiederlande und JapanJapan gilt NorwegenNorwegen im JustizvollzugJustizvollzug als Vorbild, aber es laufen auch in anderen Ländern Kampagnen, um die GefängnisseStrafjustizhumane zu humanisieren.

Als eine der effizientesten Strategien, um Straftäter vor Rückfällen zu bewahren, hat sich die FortbildungStrafjustizFortbildungsmaßnahmen erwiesen, die Häftlingen angeboten wird und es ihnen ermöglicht, anerkannte Abschlüsse zu erwerben. Wo Strafen scheitern, führt Bildung zum Erfolg. Eine Metastudie der RAND Corporation (finanziert vom US Bureau of Justice Assistance, einer Dienststelle zur Verbrechensvorbeugung des US-Justizministeriums) stellte fest, dass Häftlinge, die im VollzugStrafjustizin den USA an einem Weiterbildungsprogramm teilgenommen hatten, zu 43 Prozent seltener erneut straffällig wurden.[3] Der ehemalige Direktor der größten Haftanstalt Louisianas legte Zahlen vor, die zeigen, dass Fortbildung »eine der wenigen tauglichen Maßnahmen« ist, um Gefangene vor erneuter Straffälligkeit zu bewahren. Im berüchtigten Folsom State Prison in Kalifornien lagen die Rückfallquoten bei allen Insassen bei 55 Prozent, aber bei null unter denjenigen, die sich auf einen Studienabschluss vorbereitet hatten.[4] Und wie eine Studie der University of California in Los Angeles von 2004 zeigte, ist bei der Senkung von Kriminalität »WeiterbildungStrafjustizFortbildungsmaßnahmen im StrafvollzugStrafjustiz fast doppelt so kosteneffizient wie reine Verwahrung«.[5]

Ein weiterer vorausschauender Ansatz zur RehabilitationStrafjustizhumane ist die Restorative JusticeStrafjustizRestorative JusticeRestorative Justice siehe Strafjustiz, wie sie auch außerhalb des angelsächsischen Sprachraums heißt. Sie geht auf verschiedene Weise vor, aber der Idealfall ist, Opfer und Täter auf freiwilliger Basis zu einem direkten, durch Mediation gestützten Dialog über die begangene Tat zusammenzubringen. Auch wenn das ein heikler Prozess sein kann, so geben am Ende doch viele der beteiligten Geschädigten an, sie hätten das Gefühl, gestärkt aus ihm hervorgegangen zu sein. Die Opfer erhalten Gelegenheit, zu erzählen, wie sich das Verbrechen auf ihr Leben ausgewirkt hat, die Fragen zu stellen, die sie umtreiben, und ihre Gefühle auszudrücken. Die Täter können die Umstände der Tat und deren Auswirkungen auf sie selbst erläutern. Sie bekommen Gelegenheit, sich zu entschuldigen und dem Opfer gegenüber in irgendeiner Weise Wiedergutmachung zu leisten, von gemeinnütziger Arbeit bis zu finanzieller Entschädigung. Die Restorative JusticeStrafjustiz erzielt erstaunliche Erfolge. Zahlreiche Untersuchungen belegen ihren finanziellen, psychologischen und präventiven Nutzen. Wie eine über sieben Jahre laufende, staatlich finanzierte Studie in Großbritannien zeigte, senkte sie bei schweren Straftaten die Rückfallquoten um 27 Prozent, was »zu neun Pfund Einsparung auf jedes ausgegebene Pfund führte«.[6] Außerdem ergab die Untersuchung, dass sich die meisten der angefragten Opfer zu einer persönlichen Begegnung mit dem Täter bereiterklärten, wenn ihnen ein geschulter Mediator zur Seite stand, und dass sich 85 Prozent von ihnen zufrieden über das Ergebnis des Prozesses äußerten. 2007 erschien, kompiliert von den Kriminologen Lawrence W. ShermanSherman, Lawrence W. und Heather StrangStrang, Heather, eine Metastudie über Forschungsprojekte zur Restorative Justice, die über einen Zeitraum von 19 Jahren sämtliche in Englisch verfassten Untersuchungen abdeckte. Die ErgebnisseStrafjustizhumane fielen eindeutig positiv aus.[7] Dazu zählen gesenkte Rückfallquoten, auf der Opferseite reduzierte Symptome von posttraumatischem Stress, auf beiden Seiten eine deutlich bessere Bewertung im Vergleich zur rein richterlichen JustizStrafjustiz, ein geringeres Bedürfnis der Opfer, sich an den Tätern gewaltsam zu rächen, und erheblich gesenkte KostenStrafjustizRestorative Justice.

Eines der erfolgreichsten Gefängnisprojekte in den USAStrafjustizin den USA ist das 1997 von der Polizeibehörde des Bezirks San Francisco eingeführte Resolve to Stop the Violence ProjectResolve to Stop the Violence Project (RSVP). Das Programm startete in einer Gefängnisabteilung mit 62 Betten und bezog sämtliche Insassen ein. Innerhalb der Abteilung blieben alle Türen unverschlossen. Inmitten kleinerer Räumlichkeiten für Schulungen, Gespräche und Gruppenarbeit lag ein großer Bereich für Aktivitäten. Dort wurde den Häftlingen an sechs Tagen in der Woche zwölf Stunden täglich ein breites Spektrum an Beschäftigungen angeboten, darunter Kunst, kreatives Schreiben, Gruppendiskussion, Seminare, Theater, Rollenspiele, Beratung sowie Begegnungen und Gespräche mit Gewaltopfern. Die Gefangenen nahmen an dem Programm für die Dauer ihrer Haft teil, von einigen Tagen bis über ein Jahr. Die Ergebnisse des Experiments waren verblüffend.[8] Die gewalttätigen Übergriffe im Haus sanken von 24 gefährlichen Vorfällen pro Jahr einen Monat nach Programmstart für denselben Zeitraum auf null. Die Rückfallquote ging bei Häftlingen, die mindestens 16 Wochen teilgenommen hatten, gegenüber einer Vergleichsgruppe, die außen vor geblieben war, um 83 Prozent zurück. Auf jeden Dollar, der in das ProgrammStrafjustizhumaneStrafjustizin den USA investiert wurde, entfielen vier eingesparte DollarResolve to Stop the Violence Project.

Die erste Art der institutionellen BestrafungStrafein der Schule, mit der wir Bekanntschaft machen, findet in der SchuleSchule statt. SchülerKinderin der Schule werden angebrüllt, eingesperrt, vom Unterricht ausgeschlossen oder fliegen von der Schule.[9] Das traditionelle pädagogische Paradigma besagt, dass Kinder, die in der Unterrichtszeit störendes, aufsässiges oder gewalttätiges Verhalten zeigen, durch Belohnung und Strafe unter Kontrolle gebracht werden müssen. Die aktuelle Forschungslage sagt uns etwas ganz anderes: Herkömmliche Methoden zur Bekämpfung störenden Verhaltens verschärfen Auffälligkeiten oft nur. Allzu häufig eskalieren die Maßregelungen von verbalen Verwarnungen bis zum Schulverweis, ohne dass sich irgendeine Besserung des Verhaltens einstellt. Die Logik der AbschreckungStrafezur Abschreckung scheitert, und am Ende steht ein Kind vor verschlossenen Schultoren, dessen Risiko, in einer Jugendstrafanstalt zu landen, deutlich erhöht ist.

Der amerikanische klinische Kinderpsychologe Ross GreeneGreene, Ross hat einen bahnbrechenden Ansatz zur Lösung schulischer Probleme entwickelt, die sogenannten Collaborative & Proactive Solutions (CPS)Collaborative & Proactive Solutions (CPS). Er geht von der Annahme aus, dass KinderKinderin der Schule in der SchuleSchule gute Leistungen erbringen wollen. Gelingt ihnen das nicht, liegt es daran, dass ihnen notwendige Fähigkeiten fehlen. Kinder, die den Unterricht oder Schulalltag stören, tun dies nicht einfach deshalb, weil sie Aufmerksamkeit auf sich ziehen oder ihre Umgebung manipulieren wollen oder weil sie »null Bock« auf Schule haben, sondern sie tun es vor allem, weil es ihnen Mühe bereitet, die an sie gestellten Anforderungen zu erfüllenStrafein der Schule. CPS rückt die Tatsache in den Fokus, dass Kinder mit den Regeln und Erwartungen im Klassenzimmer und auf dem Pausenhof unterschiedlich gut zurechtkommen. So haben Schüler, bei denen Lernschwächen und Verhaltensauffälligkeiten festgestellt werden, im Vergleich zu den Kameraden ihrer Altersgruppe, bei denen dies nicht der Fall ist, ein doppelt so hohes Risiko, vom Unterricht ausgeschlossen zu werden, und sie landen später mit dreimal höherer Wahrscheinlichkeit im Gefängnis.[10]

Anstatt Heranwachsende wegen ihrer Störmanöver zu rügen, sollten die Lehrer, so GreeneGreene, Ross, besser die Ursachen zu ergründen versuchen und daran arbeiten, diese zu überwinden. Wenn ein Schüler stört oder sich destruktiv verhält, rät er zu folgenden Schritten: sich Zeit nehmen, um von dem Kind Auskünfte zu erhalten, die seine Perspektive möglichst deutlich machen, ihm die eigenen Besorgnisse erläutern und mit ihm im Brainstorming nach praktikablen Lösungen suchen, um ähnliches Verhalten in Zukunft zu vermeiden. Die Strategie zielt darauf ab, Schüler mit Werkzeugen auszustatten, die es ihnen ermöglichen, eigene Wege zur Lösung ihrer Probleme zu finden. Der Schlüssel zum Erfolg ist die Bereitschaft des LehrpersonalsSchule, selbst neue Fähigkeiten zu entwickeln und enge Beziehungen zu den Schülern zu pflegen, insbesondere zu denen, die sich aufsässig verhalten.

Die Central School in Maine hat mehrere von GreenesGreene, Ross Vorschlägen umgesetzt. Vor Einführung des CPSCollaborative & Proactive Solutions (CPS)-Konzepts, sagt die Direktorin Nina D’AranD’Aran, Nina, »brachten wir viel Zeit damit zu, KinderKinderin der Schule zu diagnostizieren, indem wir über sie redeten […]. Jetzt reden wir mit dem Kind und nehmen es ernst, wenn es uns anvertraut, wo seine Probleme liegen.«[11] So unrealistisch dies manchem Pädagogen angesichts der Anforderungen des modernen Schulsystems auch erscheinen mag – an der Central School jedenfalls hat Nina D’Aran einen dramatischen Wandel beobachtet. Die Zahl der Empfehlungen für DisziplinarmaßnahmenStrafein der Schule an ihr Büro sank um über zwei Drittel und die der Schulverweise von zwei pro Jahr auf null. Sie führt dies darauf zurück, dass »die Bedürfnisse des Kindes berücksichtigt und Probleme gelöst werden, anstatt Verhalten zu kontrollieren«.[12] Dies bedeutet anstrengende Arbeit, die KindernKinderin der Schule wie Erwachsenen einiges abverlangt, aber die bisherigen ErgebnisseD’Aran, Nina deuten darauf hin, dass sie die Mühe lohnt. In einer Reihe weiterer SchulenSchule, in denen das CPS-Konzept eingeführt wurde, gingen seither die Empfehlungen für Disziplinarmaßnahmen um bis zu 80 Prozent zurück.

GreenesGreene, Ross Philosophie wurde in psychiatrischen Kliniken und staatlichen Jugendeinrichtungen weiterentwickelt und getestet. Im Long Creek Youth Development CenterLong Creek Youth Development Center, einer ebenfalls in Maine gelegenen Erziehungsanstalt für jugendliche Straftäter, stieß CPS bei den Wachleuten zunächst auf Widerstand. »Unser Personal dachte anfangs, CPS sei eine Art Kuschelkurs im Umgang mit Jugendlichen. Und viele außerhalb des Jugendstrafsystems meinen doch, gerade bei Kids sollte man hart durchgreifen«, sagt Rod BouffardBouffard, Rod, ehemaliger Leiter der Anstalt. Aber nach der Einführung zeigte sich klar der Nutzen: Die gewalttätigen Übergriffe verringerten sich mit der Zeit, es gab weniger Verletzungen beim Personal und bei den Insassen, und nach der Entlassung blieben die Jugendlichen auch deutlich häufiger straffrei. Die Rückfallquote ging von 75 Prozent 1999 auf 33 Prozent im Jahr 2012 zurück.[13] Über mehrere Jahre war das eine der niedrigsten in den USALong Creek Youth Development Center.

Strafanstalten wie BastøyBastøy, Justizvollzugsanstalt (Norwegen), Projekte wie Resolve to Stop the ViolenceResolve to Stop the Violence Project und Ansätze wie die Restorative JusticeRestorative Justice und Collaborative & Proactive SolutionsCollaborative & Proactive Solutions (CPS) haben die simplen Paradigmen von Vergeltung und Abschreckung zugunsten von Rehabilitierung – der Täter wie der Opfer – überwunden. Natürlich ist keine dieser Initiativen vollkommen: Alle sind Teil einer Experimentierphase, aus der weitere Verbesserungen hervorgehen werden. Aber sie haben schon jetzt gezeigt, dass solche Alternativen nicht nur humaner, sondern zugleich auch deutlich wirksamer sind als die vorherrschenden Strategien.

Grundursachen

Winzige Umstände können große Auswirkungen auf unser Sozialverhalten haben. Ein Duft, den wir unbewusst wahrnehmen, eine leichter Anstieg des Geräuschpegels im Hintergrund, Eile, um zu einer Verabredung zu gelangen – all das kann etwa unsere Hilfsbereitschaft beeinflussen.[1] Wie ein Experiment zeigte, waren Menschen, die gerade eine Münze im Geldrückgabeschlitz einer Telefonzelle gefunden hatten, eher geneigt, einem Unbekannten in der Nähe zur Seite zu springen, dem Papiere aus der Hand gefallen waren.[2] Der Geldfund erhöhte den Anteil derer, die halfen, die Blätter aufzuheben, von 4 auf 86 Prozent, doch auf die Frage nach dem Grund ihres Verhaltens kamen nur wenige von ihnen auf die Idee, es könnte mit der kurz zuvor in ihren Besitz gelangten Münze zusammenhängen.

Eine andere – für das Thema Bestrafung erheblich aussagekräftigere – Studie untersuchte das Verhalten von Richtern.[3] Ohne ihr Wissen wurden acht Richter dabei beobachtet, wie sie Anträge auf bedingte Haftentlassung bearbeiteten. Sie befassten sich mit den einzelnen Anträgen durchschnittlich sechs Minuten und brachten mit dieser Arbeit mitunter ganze Tage zu. Nur 35 Prozent der Anträge wurde stattgegeben. Die Beobachter protokollierten die exakten Zeiten jeder Entscheidung sowie der drei Essenspausen, die die Richter täglich einlegten. Dabei stießen sie auf eine auffällige Korrelation: Unmittelbar nach jeder Pause schnellte die Quote der bewilligten Anträge bis zu 65 Prozent in die Höhe und sackte dann in den zwei Stunden danach, in denen die Richter müde und hungrig wurden, stetig bis zur nächsten Mahlzeit auf nahezu null ab.

Mit ein bisschen Naturwissenschaft lassen sich diese Ergebnisse nachvollziehen. Das Nervensystem verbraucht mehr Glukose als die meisten anderen Teile des Körpers. Bei anspruchsvollen geistigen Tätigkeiten sinkt der Blutzuckerspiegel nach einer Weile rasch ab, was zu einer deutlichen Verringerung der Leistungsfähigkeit unseres Gehirns und einer wachsenden Neigung zu automatischem Verhalten führt. Wenn sich eine harmlose Münze oder ein leichtes Absinken des Zuckergehalts im Blut unbewusst so stark auf unser Verhalten auswirken kann, welchen Einfluss hat dann wohl unsere Umwelt insgesamt auf den Verlauf eines ganzen Lebens?

Der am besten nachgewiesene gewaltförderndeGewalt Umweltfaktor in einer Gesellschaft ist die UngleichheitUngleichheitund KriminalitätUngleichheitals gewaltfördernder Faktor in den Einkommensverhältnissen.[4] In Gesellschaften mit geringerer Gleichheit herrscht mehr Gewalt.[5] Die Beziehung zwischen Ungleichheit und Tötungsraten, erhoben innerhalb einzelner Länder und im Ländervergleich, wurde in Dutzenden unabhängigen Studien nachgewiesen – wobei erhebliche Unterschiede zutage getreten sind. Im Vergleich der Nationen weichen der britischen nichtstaatlichen Organisation The Equality Trust zufolge die Mordraten, die sich auf unterschiedliche Gleichheitsniveaus zurückführen lassen, bis um das Fünffache voneinander ab. Tatsächlich geht ein höheres Maß an UngleichverteilungUngleichheitund KriminalitätUngleichheitals gewaltfördernder Faktor mit zahlreichen sozialen Problemen einher: psychischen Erkrankungen, Mobbing unter Kindern, Drogenmissbrauch, Schwangerschaften bei Minderjährigen, Scheidungen, Misstrauen und Analphabetentum.

Der renommierte amerikanische Forensiker James GilliganGilligan, James hat in einer Reihe von Büchern beleuchtet, wie im Zusammenwirken solcher Faktoren besonders gewalttätigeGewalt Formen der KriminalitätKriminalität entstehen können. Nach Jahren der Arbeit mit aggressiven Häftlingen, schreibt er, halte er »noch immer Ausschau nach einer schweren Gewalttat, die nicht durch ein Gefühl der Scham oder Demütigung ausgelöst wurde«.[6] Aus ersichtlichen Gründen herrschen Scham und Demütigung eher in Gesellschaften mit größeren Ungleichheiten vor, wo mit besonders harten Bandagen um den sozialen Rang gekämpft wird. In solchen Umfeldern, so Gilligan, konkurrierten die Untersten in der Hierarchie um Mittel, sich Statusmerkmale zu sichern. Da sie weder über die Bildung noch über den Wohlstand, die Fürsorge und die Chancen der Bessergestellten verfügten, sei die Verteidigung jedes noch so geringen Ansehens für sie von immenser Bedeutung. Und dabei sähen sie oftmals GewaltGewalt als einziges Mittel an. Kleinste Anzeichen mangelnden Respekts könnten zu schlimmsten Gewaltausbrüchen führenGilligan, James. (Dies erklärt, warum WeiterbildungStrafjustizFortbildungsmaßnahmen im GefängnisStrafjustiz so effizient dabei hilft, Rückfallquoten zu verringern: Ein Abschluss ist ein Statusmerkmal, das als Mittel gegen Gefühle von Scham und Demütigung wirkt.)

Die schrecklichsten GewaltakteUngleichheitals gewaltfördernder Faktor von Einzeltätern sind fast immer Symptome extremer Formen erlittener Misshandlungen und Vernachlässigungen. In den USAStrafjustizin den USA sitzen zehnmal mehr Personen mit psychischen Erkrankungen – etwa einer bipolaren Störung oder einer Schizophrenie – im Gefängnis als in einer staatlichen Psychiatrie.[7] Faktisch wurde Krankheit zum VerbrechenVerbrechen siehe Kriminalität gestempelt. Die britische Juristin und Sozialpolitikerin Baroness Helena KennedyKennedy, Helena, die über dreißig Jahre an Strafgerichten und »ziemlich viel Zeit in Gefängnissen« zugebracht hat, resümiert ihre Erfahrung aus zahllosen Gesprächen, wenn sie schreibt:

Für die meisten ist das Gefängnis das Ende einer Straße, die mit Entbehrungen, Benachteiligungen, Diskriminierungen und vielfältigen sozialen Problemen gepflastert war. Ein inhaltsleeres Leben bringt VerbrechenUngleichheitund KriminalitätKrininalität hervor […]. Immer wieder tauchen die gleichen Probleme auf: erschreckende Familienverhältnisse, Geschichten von Vernachlässigung, Misshandlung und sexueller Ausbeutung, schlechte Gesundheit, psychische Störungen, mangelnde Unterstützung, unzulängliche Unterbringung oder Obdachlosigkeit, Armut und Schulden, kaum Aussicht auf Veränderung […]. So stelle ich mir die Hölle vor.[8]

In unserer Gesellschaft werden Kinder, die den lebensfeindlichsten und ärmsten Umgebungen ausgesetzt sind, zunehmend kriminalisiert. Helena Kennedy: »Neunzig Prozent der jungen Menschen im GefängnisStrafjustiz haben psychische oder Drogenprobleme. Bei fast einem Viertel liegen die Schreib- und Rechenfähigkeiten unter denen eines durchschnittlichen Siebenjährigen. Und eine erhebliche Anzahl hat körperliche Misshandlungen oder sexuellen Missbrauch erfahrenKennedy, Helena[9]

Wirtschaftliche, politische und kulturelle Verhältnisse prägen Identitäten, Chancen und letztlich das Verhalten. Diejenigen hart zu bestrafen, die durch solche Verhältnisse bereits verroht und angegriffen sind, häuft nur weiteres Unrecht auf Unrecht. Wenn die Gesellschaft nicht auf allen Ebenen des Systems ihre Möglichkeiten ausschöpft, die Ursachen von KriminalitätKriminalität zu bekämpfen, verliert die Rechtfertigung strenger Strafen aus angeblich pragmatischen Gründen jede Glaubwürdigkeit. Mit welchem Recht verurteilen wir das Verbrechen, ohne die Verhältnisse anzuprangern, die es ausbrüten?

Letztlich trennt den Verbrecher vom Nichtverbrecher lediglich Glück. Dabei ist besonders verstörend, wie dieses Glück unter ethnischenUngleichheitrassistisch-ethnischeRassismus Gesichtspunkten verteilt ist, zum Beispiel in den USAStrafjustizin den USA. Obwohl dort Schwarze nur 12 Prozent der Bevölkerung ausmachen, stellen sie 40 Prozent der GefängnisinsassenStrafjustizrassistische. Im Verhältnis zu Weißen werden sie sechsmal häufiger in Haft genommen, um 31 Prozent häufiger einer Fahrzeugkontrolle unterzogen und doppelt so oft (und öfter unbewaffnet als Weiße) von einem Polizisten erschossen.[10] Rassistische Vorurteile durchdringen fast jeden Bereich der US-amerikanischen Gesellschaft und verringern in großem Umfang die Chancen SchwarzerUngleichheitrassistisch-ethnische und anderer ethnischer Minderheiten. Fünfzig Jahre nach Martin Luther Kings Rede »I have a dream« bestehen nach wie vor zahlreiche »rassische« Trennlinien in der amerikanischen Gesellschaft fort. Ein Weißer mit Vorstrafen wird noch immer eher für eine Anstellung in Betracht gezogen als ein Schwarzer ohne Eintrag im Strafregister.[11] Eine Auswertung von Daten der US-Regierung durch das Pew Research Center zeigte 2013:

Im Hinblick auf Einkommen und Wohlstand der Haushalte hat sich die Kluft zwischen Schwarz und Weiß ausgeweitet. An Kriterien wie dem Highschool-Abschluss oder der Lebenserwartung gemessen, hat sie sich verringert. Bezüglich anderer Maßstäbe, darunter Armut und Wohneigentum, sind die Unterschiede ungefähr dieselben wie vor vierzig Jahren.[12]

Ein ähnliches Muster findet sich unter ethnischen MinderheitenRassismus in Großbritannien, wo Schwarze fünfmal häufiger im GefängnisStrafjustizrassistischeStrafjustiz landen als Weiße.[13] Die britische Equality and Human Rights CommissionEquality and Human Rights Commission (UK) stellte fest, dass bei Fahrzeugkontrollen, die Polizeibeamte ohne konkreten Verdacht (Abschnitt 60 des Criminal Justice and Public Order Act 1994) durchführen können, Schwarze 37-mal häufiger ins Visier geraten. Junge Schwarze haben in diesem Land eine bessere Aussicht, ins Gefängnis zu kommen als an eine Eliteuniversität.[14] Und Inquest, eine britische Organisation, die Todesfälle unter Eingesperrten recherchiert und publik macht, stellte fest, dass in England seit 1990 über 400 Menschen aus schwarzen Communitys oder ethnischen MinderheitenUngleichheitrassistisch-ethnischeRassismus im Gefängnis oder in Polizeigewahrsam ums Leben gekommenStrafjustizrassistische sind.[15]

Die InhaftierungStrafjustiz von Gesetzesbrechern, einst eine rein hoheitliche Aufgabe, gerät zunehmend zum kommerziellen PrivatgeschäftStrafjustizkommerzielle – ein Trend, der sich in den USAStrafjustizin den USA fest etabliert hat und in Großbritannien immer mehr Unterstützung findet. In den Vereinigten Staaten sind ungefähr 10 Prozent der Strafgefangenen in privat betriebenen Haftanstalten untergebracht. Eine 2015 veröffentlichte Studie der University of Wisconsin kam zu dem Ergebnis, dass Bundesstaaten mit Privatgefängnissen höhere Rückfallquoten haben und die Häftlinge dort länger inhaftiert bleiben.[16] Da mehr Gefangene mit längeren Haftstrafen größere Gewinne abwerfen, war das Ergebnis absehbar. Heute tut diese Industrie mit einem Umsatz von 5 Milliarden Dollar, was für alle Großindustrien gang und gäbe ist: Sie investiert einen Teil ihrer Profite in Lobbyarbeit bei den Regierungen, um Regulierungen auszuhebeln und Gesetze auf den Weg zu bringen, die ihnen noch größere Gewinne bescheren. Die Gefängnisindustrie bemüht sich um eine Einflussnahme auf den Staat, damit er noch mehr Menschen hinter Gitter schickt. Wie ein Bericht des US National Institute on Money in State Politics verrät, spendeten Gefängniskonzerne den politischen Parteien für die Wahlzyklen 2002 und 2004 3,3 Millionen Dollar. Von 2006 bis 2008 investierte das landesgrößte Gefängnisunternehmen 2,7 Millionen in Lobbyarbeit, die auf eine Verschärfung der Gesetze hinwirkte.[17] Dabei erschöpft sich die Rentabilität von Gefangenen nicht in deren Verwahrung. Privatgefängnisse vergeben Häftlingsarbeit zunehmend an größere Konzerne, die abgründig niedrige Löhne zahlen. Während sich die Entgelte in öffentlichen Gefängnissen auf der Höhe des Mindestlohns bewegen, liegen sie in privaten Vollzugsanstalten mitunter bei 17 oder, in großzügigeren Einrichtungen, bei 50 Cent pro Stunde. Arbeitsverweigerer landen in Isolierzellen.[18] Die Praktiken nähern sich Formen von SklavenarbeitStrafjustizin den USAStrafjustizkommerzielleStrafjustiz an.

Obwohl die Sachlage nahelegt, dass man nicht »rigoros gegen das Verbrechen« vorgehen kann, ohne »rigoros gegen Ungleichheit« vorzugehen, hat im letzten halben Jahrhundert ein Wandel vom Sozialstaat zum Sicherheitsstaat stattgefunden. In Großbritannien und den USA haben sich die großen Parteien längst auf die Rhetorik »rigoros gegen das Verbrechen und rigoros für den Sozialabbau« verständigt, eine Politik, die rasch zu stetig steigenden Häftlingszahlen und immer krasserer Ungleichheit geführt hat. In Großbritannien kostet es 75000 Pfund, einen Ort zur Unterbringung eines Häftlings zu errichten, und weitere 37000 Pfund jährlich, um ihn zu unterhalten (das sind höhere Ausgaben als für einen Platz am britischen Eliteinternat Eton).[19] In den USA verursachen die Vollzugsanstalten jährliche Kosten von rund 63 Milliarden Dollar.[20] Manche US-

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