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Die falsche Braut des Milliardärs

1. KAPITEL

DC Insider:

Gerüchten zufolge ist der begehrteste Junggeselle aus Washington, D.C. – der Mann, der nun schon drei Jahre in Folge zur besten Partie der Stadt gewählt wurde –, mittlerweile vergeben. War all das Gerede über die schlechten Sicherheitsvorkehrungen und das noch schlechtere Management möglicherweise nur die Rache des kleinen Bruders am neuen Freund seiner Schwester? Als wir Geschäftsmann Derrick Jameson nach seiner neuen Freundin und deren dreistem Bruder fragten, erklärte er nur: „Ellie Gold ist wirklich reizend.“ Klingt ganz nach einem Eingeständnis, oder?

Ellie Gold hatte noch nie jemanden geschlagen. Doch heute werde ich mit dieser Tradition brechen, schwor sie sich. Sie trug das einzige Cocktailkleid, das sie besaß. Es war schwarz und spitzenbesetzt. In den dazu passenden unbequemen Schuhen trat sie in den privaten Speisesaal im obersten Stock des renommierten Hotels Hay-Adams.

Einen Moment lang verflog ihre Wut. Als sie den Blick über die edlen Kronleuchter und cremefarbenen Wände wandern ließ, stockte ihr der Atem. Nur die Geschäftsleute in den marineblauen Anzügen, die unbehaglich an ihren Drinks nippten, nahmen der Szene das Märchenhafte. An den äußeren Wänden reihte sich eine Glastür an die nächste, und an der Decke wölbten sich weitere Fenster. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, damit sie über die Menschenmenge hinweg hinunter auf das Weiße Haus blicken konnte. Die Aussicht war wirklich atemberaubend.

Als sie das Gleichgewicht verlor und ins Stolpern geriet, griff jemand nach ihrem Ellbogen und bewahrte sie gerade noch rechtzeitig davor, hinzufallen. Automatisch sah sie auf, um sich zu bedanken – und erstarrte.

Vor ihr stand Derrick Jameson, ältester Sohn einer der angesehensten Familien Washingtons, deren Geschäftsimperium sich über Immobilien bis zu preisgekrönten Pferdezuchten im ländlichen Virginia erstreckte. Der Mann, der ein besonderes Talent dafür hatte, ihr das Leben schwer zu machen.

Sein bloßer Anblick verschlug ihr die Sprache. Am liebsten hätte sie das auf den glühend heißen Zorn geschoben, der sie nun erneut erfasste, doch selbst sie musste zugeben, dass das nicht der wahre Grund für ihre Sprachlosigkeit war. Sie hatte Recherchen über Derrick angestellt und im Internet verschiedene Artikel über seinen Reichtum und seine zahlreichen Dates gelesen. Aber ihm jetzt persönlich gegenüberzustehen? Das war etwas ganz anderes.

Das schwarze Haar und die bemerkenswerten hellbraunen Augen hatte er eindeutig von seiner japanischen Großmutter geerbt. Dazu noch das markante Kinn … und diese breiten Schultern. All das zusammen machte ihn einfach unwiderstehlich. Er wirkte selbstbewusst, abwägend und äußerst beherrscht. Doch selbst sein attraktives Gesicht konnte sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass er anscheinend darauf aus war, sowohl ihren Ruf als auch ihre Familie zu zerstören.

„Ms. Gold.“ Er nickte und warf ein paar Leuten, die an ihnen vorbeigingen, ein kurzes Lächeln zu. „Ich hatte nicht erwartet, Sie auf einer Unternehmensveranstaltung zu treffen.“

Endlich fand sie ihre Stimme wieder, und ihre Wut flammte erneut auf. „Interessante Taktik.“

„Bitte?“

„Diese charmante Fassade.“ Sie beugte sich vor und senkte die Stimme. „Aber die kaufe ich Ihnen nicht ab.“

Er hatte immer noch eine Hand auf ihrem Arm. Sein Griff war nicht sonderlich fest. Stattdessen strich er leicht mit dem Daumen über ihre nackte Haut, als wolle er sie beruhigen. Ihm schien nicht aufzufallen, dass er der Grund für ihre Nervosität war.

Sie stand kurz vor dem Abgrund, und mit jeder seiner Entscheidungen manövrierte er sie näher an die Kante. Ihr jüngerer Bruder Noah befand sich in einer emotionalen Abwärtsspirale, und das nur, weil Derrick behauptet hatte, Noah hätte ihn bestohlen.

Nachdem ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte sie Noah praktisch allein großgezogen. Er war kein sonderlich umgänglicher Mensch, aber ein Dieb war er nun auch wieder nicht. Damals war er streitlustig und frustriert gewesen, und als sie ihn schließlich zu einem Spezialisten geschleppt hatte, war bei ihm oppositionelles Trotzverhalten diagnostiziert worden – eine Störung, von der Ellie damals noch nie zuvor gehört hatte.

Sie kratzte Geld für die Therapien zusammen, die nicht von der Versicherung übernommen wurden, doch selbst heute noch widersetzte er sich jeglicher Autorität und bekam Wutanfälle, wenn er unter Stress stand oder sich in die Ecke gedrängt fühlte.

Aber das Schlimmste war, dass Noah es selbst nicht merkte. Als er noch klein war, hatte Ellie ihn bei jeder seiner schlechten Entscheidungen beobachtet und versucht, ihm zu helfen, wo es nur ging. Sie gab ihr eigenes Leben auf, um in jeder freien Minute bei ihm sein zu können. Dass seine Probleme wegen Derrick nun wieder schlimmer wurden, obwohl er mittlerweile zwanzig war, war unglaublich ernüchternd. Doch darüber würde sie sich später Sorgen machen. Jetzt musste sie sich erst einmal mit Derrick auseinandersetzen.

„Es ist wirklich ernst.“ So ernst, dass sie ihn schließlich durch mehrere Anrufe in seiner Firma ausfindig gemacht hatte.

„Ach ja?“ Amüsiert reichte er ihr sein Champagnerglas.

Sein selbstgefälliger Tonfall ging ihr unglaublich auf die Nerven, und die aufgesetzte Freundlichkeit brachte sie völlig aus dem Konzept. Erst als sie sich umsah, bemerkte sie, dass er sie unauffällig zu den Aufzügen bugsiert hatte. War das seine Art, unliebsame Gäste loszuwerden? Sein Pech, denn sie hatte ihm noch einiges zu sagen, bevor sie ging. Für sie stand einfach zu viel auf dem Spiel, um so schnell aufzugeben. „Mr. Jameson, ich …“

„Derrick.“

Sie hatte sein Unternehmen überprüft, als Noah dort vor sieben Monaten einen Job bekam. Anfangs hatte ihr Bruder Derrick regelrecht vergöttert und ständig von ihm gesprochen. Seine Begeisterung war ansteckend gewesen. Damals hatte sie jedes Foto von Derrick angeklickt und sich ausgemalt, wie es wohl wäre, sein schockierend schönes Gesicht aus der Nähe zu sehen.

Doch nun wusste sie es besser.

Die Jamesons gehörten zu den angesehensten Familien Washingtons und bewegten sich in völlig anderen Kreisen. Ellie traute so wohlhabenden Menschen nicht, doch Noah war beeindruckt gewesen. Und bis zu jenem Zeitpunkt in seinem Leben hatte ihren brillanten, aber missgelaunten Bruder fast nichts beeindruckt. Rein theoretisch war Derrick reifer und vernünftiger als ihr Bruder. Doch dank der vielen albernen Klatschberichte über ihn glaubte sie das nicht mehr so recht.

„Über uns ist ein Artikel im DC Insider erschienen.“ Der Satz klang ganz selbstverständlich, doch sie konnte immer noch nicht glauben, dass sie mit ihm darüber sprechen musste.

Eine Sekunde lang starrte Derrick sie bloß wortlos an, dann nickte er. „Ja, ich weiß.“

„Was ist das denn bitte für eine Antwort?“

„Die Presse hat meine Erlaubnis, im Gesellschaftsteil über mich zu berichten.“

„Soll das ein Witz sein?“

Er runzelte die Stirn. „Nein.“

„Ich glaube, die Leute lassen Ihnen schon viel zu lange viel zu viel durchgehen.“

Er wollte etwas einwerfen, doch sie sprach einfach weiter. „Ganz im Ernst. Wissen Sie eigentlich, wie gönnerhaft Sie klingen?“

Nachdenklich musterte er sie. Sie konnte förmlich spüren, wie er sie abschätzte und sich eine Strategie zurechtlegte. „Ich habe dich für das Insider-Zitat ganz bewusst ‚reizend‘ genannt, falls das hilft“, sagte er.

Es dauerte eine Sekunde, bis sie seine Worte verarbeitet hatte. Insgeheim gab sie all den Anzugträgern die Schuld; sie starrten sie nun schon länger an und flüsterten miteinander. Doch sie fürchtete, dass der eigentliche Grund für ihre Konzentrationsprobleme sein aalglatter Ton war. „Nein, tut es nicht. Darum geht es auch gar nicht.“

„Hätte ich ein anderes Wort benutzen sollen?“

Wollte er wirklich so tun, als wäre sie nur aufgrund seiner Wortwahl verärgert? Langsam verlagerte sie ihr Gewicht. „Seien Sie still.“

Er stieß einen missbilligenden Laut aus. „So redet normalerweise niemand mit mir.“

„Das ist wahrscheinlich Teil des Problems.“ Im Gegensatz zu ihrer Mutter hatte Ellie nie als Lehrerin gearbeitet, aber es fiel ihr nicht schwer, den enttäuschten Tonfall nachzuahmen, den ihre Mutter gern in ihrer fünften Klasse benutzt hatte. „Sie geben also zu, dass Sie hinter dem Artikel stecken?“

„Ja, natürlich.“

Der Champagner schwappte über den Rand ihres Glases. „Und zwar hinter dem Artikel über mich?“ Genau darum ging es nämlich. Sie war hergekommen, um die Wahrheit über den Artikel aus ihm herauszuquetschen und ihn vielleicht sogar in die Defensive zu zwingen. Sein schnelles Geständnis brachte all ihre Pläne durcheinander. Wieso gab er zu, dass er das Gerücht absichtlich in die Welt gesetzt hatte?

Er nahm ihr die Champagnerflöte aus der Hand und stellte sie auf einen kleinen Tisch hinter ihm. „Streng genommen ist der Artikel über mich.“

Sie atmete tief durch, damit sie nicht die Geduld verlor oder sich versehentlich auf seine Spielchen einließ. Schon jetzt vermutete sie, dass er Diskussionen oft und gern einfach durch verwirrende Debatten über die korrekte Terminologie gewann. „Wieso haben Sie das getan?“

„Um die Öffentlichkeit von den falschen Vorwürfen deines Bruders abzulenken und in der Zwischenzeit herauszufinden, was er mit dem Geld angestellt hat, das von den Konten meines Unternehmens verschwunden ist“, antwortete Derrick, ohne zu zögern.

Sie beschloss, den Teil mit dem Geld fürs Erste zu ignorieren. „Aber Sie haben es so dargestellt, als würden wir … Na ja, ich schätze, als würden wir miteinander ausgehen.“

„Stimmt.“

Diese lässige Antwort wusste sie nicht zu deuten. „Wir kennen uns doch nicht mal. Sie können nicht einfach solche Gerüchte in die Welt setzen. Was gibt Ihnen das Recht dazu?“

„Für mich gibt es nichts Wichtigeres als mein Unternehmen.“

Bei seinem plötzlich strengen Ton zuckte sie unwillkürlich zusammen. „Und für mich gibt es nichts Wichtigeres als meinen Bruder.“

„Falsche Antwort, Ellie.“

Hatte er gerade wirklich abwertend mit der Zunge geschnalzt? „Was stimmt eigentlich nicht mit Ihnen?“

„Ich habe zwei Brüder, beide davon erwachsen“, erklärte Derrick emotionslos. „Sie machen ihr Ding, und ich kümmere mich um mich und ums Geschäft.“

„Das klingt ganz schön kalt …“

Diese Bemerkung quittierte er mit einem Lächeln „Kann es sein, dass eigentlich du deine Prioritäten überdenken solltest und nicht ich?“

Sie schluckte. Dieses ganze Gespräch war absolut lächerlich. Dennoch konnte sie sich nicht von ihm losreißen … zumindest nicht sofort. „Verstehe ich das richtig? Der notorische Junggeselle und berüchtigte Verführer, der von meinem kleinen Bruder im Internet mit Videos über sein Geschäft gepiesackt wird, will mir Tipps für ein besseres Familienleben geben?“ Am liebsten hätte sie laut geseufzt oder mit etwas nach ihm geworfen. „Jetzt hören Sie mal, Mr. Jameson.“

„Wie schon gesagt, ich heiße Derrick.“

Dass er so ruhig blieb, versetzte sie nur noch mehr in Rage. „Erwähnen Sie nie wieder meinen Namen – weder der Presse gegenüber noch privat.“

„Aber, aber, Ellie.“ Seine Augen wurden schmal. „Hältst du das nicht auch für ein wenig übertrieben?“

Anscheinend beherrschte nicht nur sie den Oberlehrerton. Als brauchte sie einen weiteren Grund, ihn nicht zu mögen! „Lassen Sie meinen Bruder in Frieden.“

„Das werde ich – wenn dein Bruder den Diebstahl gesteht und aufhört, diese Videos zu veröffentlichen.“

„Sie sind erwachsen.“

„Das ist er auch.“ Derrick beugte sich so weit vor, dass sie seinen Atem auf der Wange spüren konnte. „Ich würde vorschlagen, dass du ihn endlich entsprechend behandelst.“

„Ich meine es ernst.“

Langsam ließ er den Blick über ihr Gesicht gleiten und dann auf ihrem Mund verweilen. „Das sehe ich.“

Sie ließ sich den Schauer nicht anmerken, der ihr über den Rücken lief. „Hören Sie auf, Spielchen mit mir zu treiben.“

Ehe er etwas erwidern oder sie erneut berühren konnte, schlüpfte sie an ihm vorbei und durch die Menschenmenge. Sie blieb erst stehen, als sie im Aufzug angekommen war und sich die Türen vor seinem lächelnden Gesicht schlossen. Dieses Gesicht aus ihren Gedanken zu vertreiben dauerte jedoch wesentlich länger.

Eine Stunde später schenkte Ellie sich ein Glas Rotwein ein und streifte endlich diese dummen Schuhe ab. Nachdem sie wütend vor sich hin murmelnd das Hotel verlassen hatte, war sie mit der Metro zu ihrer besten Freundin gefahren. Sie musste ihrem Ärger einfach Luft machen.

Vanessa McAllisters Einzimmerwohnung war klein, aber gemütlich. Von den gelben Wänden wurde das Licht reflektiert, und tagsüber strahlte durch das große Fenster im Wohnbereich die Sonne herein.

Ellie vertraute Vanessa stets all ihre Geheimnisse an. Sie hatten sich im College kennengelernt und waren seitdem beste Freundinnen. Sie unterstützten sich gegenseitig und freuten sich füreinander. Doch nun runzelte Vanessa die Stirn.

Sie saß an ihrem Küchentresen und nippte an einem fast leeren Glas Wein, während sie finster auf den Bildschirm ihres Laptops starrte. „Erzähl mir noch mal, was genau bei dieser Cocktailparty passiert ist.“

Dieser distanzierte Tonfall … Das konnte nichts Gutes verheißen. „Ich habe Derrick Jameson getroffen und ihm gesagt, dass er seine Spielchen lassen soll.“

Die Erklärung klang eigentlich gut. So unerschrocken. Genauso wollte sie sein. Nachdem sie so viele Jahre vergeblich versucht hatte, alles am Laufen zu halten, wollte Ellie nun endlich die Kontrolle über ihr Leben übernehmen.

Vanessa tippte auf der Tastatur herum. „M-hm.“

Definitiv nicht gut. „Was soll das heißen?“

„Hast du zufällig einen Fotografen gesehen, während du da warst?“ Vanessa setzte sich gerade hin und winkte ab. „Vergiss es. Ich lese es einfach vor, sonst explodierst du noch vor Neugier.“

Ellie ließ die Serviette fallen, die sie in den Händen gedreht hatte. „Moment, was denn vorlesen?“

„Den neuesten Artikel vom Insider.“

„Nein.“ Ellie drehte sich der Magen um.

„‚Derrick Jameson und Ellie Gold hatten heute im eleganten Hay-Adams ihren ersten gemeinsamen offiziellen Auftritt. Ob sie sich dort ein gemeinsames Zimmer genommen haben, ist unklar, aber sie haben die Unternehmensveranstaltung direkt nacheinander verlassen. Mehr als einer der anwesenden Gäste hat sich gefragt, ob Derrick wohl die Präsidentensuite gemietet hat …‘“ Die folgende Stille war ohrenbetäubend. Schmerzhaft pochten die Worte in Ellies Kopf, während sie die Informationen zu verarbeiten versuchte. Vanessa räusperte sich. „So sieht’s aus.“

„So war das nicht.“ Ellie drehte den Laptop zu sich um. „Wir haben uns gestritten.“ Wahllos drückte sie auf die Tasten, um die mittlerweile vertraute Website des Insider verschwinden zu lassen.

„Moment, geh noch mal zurück. Da war ein Foto.“ Vanessa schob Ellies Hand weg, beugte sich vor und zeigte auf den Bildschirm. „Wieso sieht es so aus, als würdest du dich an ihn lehnen?“

Ellie konnte es nicht bestreiten. Der Beweis war ganz eindeutig, auch wenn er nicht die ganze Geschichte zeigte. An ihn geschmiegt stand sie da und sah zu ihm auf. Auf einen Außenstehenden wirkte es wahrscheinlich so, als würden sie ein intimes Gespräch miteinander führen. „Das ist nicht … Ich bin nur …“ Sie konnte die Worte gar nicht so schnell hervorbringen, wie sie ihr durch den Kopf schossen. „Ich bringe ihn um.“

Vanessa zuckte zusammen. „Du denkst doch nicht, dass er …“

„Natürlich steckt er dahinter. Ich bin sein neuer PR-Plan.“ Und er versuchte nicht einmal, es vor ihr zu verheimlichen. Er hatte es ihr ganz deutlich gesagt. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, dass sie sich trotz allem von ihm hatte einwickeln lassen.

Vanessa seufzte leise. „Irgendwie ist er echt heiß.“

„Klappe.“

„Aber offenbar auch ein richtiger Mistkerl.“

„Schon besser.“

„Ihn zu hassen hilft dir mit Noah aber nicht weiter“, sagte Vanessa und klang so furchtbar vernünftig.

„Und mit meinen Geldproblemen und meinem Leben im Allgemeinen auch nicht, ja, ich weiß.“

Erneut seufzte Vanessa und ließ die Schultern hängen. „Ich könnte dir was leihen … Oder du ziehst hier für ein paar Monate ein, ohne Miete zu zahlen. Dann könntest du mal durchatmen.“

„Nein, das kann ich nicht annehmen.“

„Doch, natürlich kannst du.“ Vanessa murmelte etwas Unverständliches. „Ich denke ständig darüber nach, dir ein paar Zwanziger in die Handtasche zu stecken, wenn du gerade nicht hinschaust.“

Bei diesen Worten verflog Ellies Wut – zumindest teilweise. Sie drückte ihrer Freundin den Arm. „Du bist wirklich toll, und ich hab dich lieb, aber meine Geldsorgen lassen sich nicht so einfach beseitigen. Ich habe das Gefühl, es gerät einfach alles außer Kontrolle und ich kann nichts tun, um es zu ändern.“ Selbst jetzt hinterfragte sie jede einzelne ihrer Entscheidungen. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich wegen etwas gefeuert wurde, das nicht einmal meine Schuld war.“

„Dann hol sie dir wieder.“ Vanessa schnappte sich die Weinflasche und schenkte sich nach. „Die Kontrolle, meine ich. Fang am besten mit etwas Kleinem an. Such dir eins deiner Probleme aus, finde eine Lösung dafür, und dann auf zum nächsten.“

Ellie ließ sich ihre Worte durch den Kopf gehen und wusste sofort, welchem Problem sie sich zuerst widmen wollte. „Klingt gut. Und ich weiß auch schon, wo ich anfange: Derrick Jameson.“

„Äh, nein. Ich dachte da für den Anfang eher an einen Job als Aushilfskraft oder so was.“ Vanessa schenkte Ellie ein frisches Glas Rotwein ein. „Jemand wie Jameson lässt sich nicht so leicht kleinkriegen. Vergiss ihn. Kümmere dich zuerst um das Wichtigste.“

Das ergab durchaus Sinn, aber so konnte Ellie einfach nicht weitermachen. Sie hatte in ihrem Leben schon so viel Zeit darauf verschwendet, anderer Leute Fehler wieder geradezubiegen. Zuerst für ihren Vater, der ein Luftschloss nach dem anderen gebaut hatte, und für ihre Mutter, die verzweifelt darum gekämpft hatte, ihre Familie zusammenzuhalten. Dann für ihren Bruder. Mittlerweile fehlte ihr schlichtweg die Kraft, auch noch ihr eigenes Leben wieder in Ordnung zu bringen – doch das würde sie. Später. „Ich muss mich erst um Noah und Derrick kümmern.“

Vanessa schüttelte den Kopf. „Ellie, manche Sachen lassen sich nicht in Ordnung bringen.“

„Diese aber schon. Wenn Derrick Jameson Krieg will, dann kann er ihn haben.“

2. KAPITEL

DC Insider:

Die heißeste Romanze der Stadt ist gerade noch interessanter geworden. Haben Sie sich je gefragt, was passiert, wenn die betroffene Dame sich bei uns meldet und behauptet, es gäbe keine Beziehung? Nun, dann rufen wir bei besagtem Herren an und bitten ihn um eine Stellungnahme. Und Derrick Jameson hat uns nicht enttäuscht. Der sonst so ernste Geschäftsmann hat bloß gelacht und sagte: „Sie sollten auf Ellie hören. Ich beuge mich nur zu gern ihrem Willen.“ Bei den beiden wird es echt niemals langweilig.

Um kurz nach neun am nächsten Morgen rief Derricks Assistentin bei Ellie an; er wollte sie um elf Uhr sehen. Kurz hatte Ellie darüber nachgedacht, diese Vorladung zu ignorieren, doch sie wollte eh mit ihm sprechen. Daher ging sie zwei Stunden später den langen Flur im fünfzehnten Stock des Bürogebäudes von Jameson Industries hinunter. Die weißen Wände waren absolut makellos, und eifrige Angestellte hasteten mit Papierstapeln in den Händen zwischen den Schreibtischen hin und her.

Sie vermisste die Energie eines geschäftigen Arbeitsplatzes. Bis vor sechs Wochen war sie in der Personalabteilung einer Versicherung beschäftigt gewesen und hatte langsam immer mehr Verantwortung übernommen. Sie liebte es einfach, jeden Morgen einen Stapel Akten auf ihrem Schreibtisch vorzufinden und die Probleme eins nach dem anderen zu lösen. Es war auch alles gut gelaufen, bis ihr Chef plötzlich ein übermäßiges Interesse an ihr entwickelt hatte. Zwar hatte sie alles genau dokumentiert, doch ehe sie sein Verhalten melden konnte, hatte man sie gefeuert.

Laut ihrem Anwalt, den sie sich trotz ihrer finanziellen Probleme nach der Kündigung genommen hatte, hätte sie allen Grund zu klagen und sogar gute Aussichten darauf, zu gewinnen. Doch ihr ehemaliger Chef hatte die nötigen Mittel, um den Fall in die Länge zu ziehen und sie damit zur Aufgabe zu zwingen. Sie versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken. Als sie um eine Ecke bog, wurde es ruhiger um sie herum.

In einem offenen Empfangsbereich standen elegante Ledermöbel mit glänzenden Chrom-Akzenten; nur ein Schreibtisch voller Akten trennte sie von der geschlossenen Flügeltür ihr gegenüber. Nun ja, das und der Mann neben ihr. Sie hatte den Namen ihres Begleiters schon wieder vergessen, war nicht einmal sicher, ob er ihn überhaupt genannt hatte. Ehe sie danach fragen konnte, klopfte er schon an die Tür. Er wartete nicht weiter ab, sondern öffnete sie einfach und ließ Ellie den Vortritt.

Nein danke.

Ihre Beine wollten ihr nicht gehorchen. Die Schwelle wirkte nicht weiter bedrohlich, doch sie wusste, was sie auf der anderen Seite erwartete. Einfach alles an diesem Ort stank förmlich nach Geld. Und davon hatte sie nie genug gehabt.

Abgesehen von einem beeindruckenden Schreibtisch war das Büro scheinbar leer, doch sie weigerte sich, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. „Was wollen Sie?“, rief sie von der Schwelle aus.

„Komm rein“, antwortete Derrick aus einem versteckten Winkel des Büros. Sein Tonfall war geradezu gebieterisch. Dieses Treffen würde sicher sehr kurz ausfallen.

„Ich bleibe lieber hier stehen.“

Der Mann vom Sicherheitsdienst hielt sich eine Hand vor den Mund, um ein offensichtlich künstliches Husten zu dämpfen. Kurz zögerte er, ehe er sie aufforderte: „Sie sollten besser gehorchen.“

Scheinbar war sie, nachdem sie den Aufzug verlassen hatte, hundert Jahre in die Vergangenheit katapultiert worden. „Sagten Sie gerade wirklich ‚gehorchen‘?“

„Streite dich nicht mit Jackson. Du hast es doch auf mich abgesehen.“ Derrick war immer noch nirgends zu sehen.

Sie musterte den Mann neben ihr. Er war über einen Meter achtzig groß, schlank und muskulös und hatte braunes Haar. Attraktiv wie die Jogger, die man so häufig entlang des Potomac antraf. Und ihn amüsierte die Situation anscheinend sehr. „Ist Jackson Ihr Vor- oder Ihr Nachname?“

Ehe er ihr antworten konnte, trat Derrick endlich vor sie. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, während er sie betrachtete. „Ellie, es ist schön, dich wiederzusehen.“

Dieser warme Blick. Und dieser Tonfall. Plötzlich wurde ihr seltsam schwindlig. Aber sie würde sich nicht von seinem Charme einwickeln lassen. Nein, sie wusste es besser. Mit viel Mühe brachte sie ein Nicken zustande. „Mr. Jameson.“

„Komm rein. Wir haben trotz unseres Streits gestern viel zu besprechen.“ Mit großer Geste wies er in sein Büro.

„Und was, wenn ich Nein sage?“

Er runzelte die Stirn. „Wieso solltest du Nein sagen?“

„Sie haben einen Wachhund auf mich angesetzt … Nichts für ungut.“ Entschuldigend sah sie zu Jackson hinüber, bevor sie sich wieder an Derrick wandte. „Und Sie haben mir praktisch befohlen herzukommen. Und zwar genau jetzt.“

„Eigentlich schon vor zehn Minuten.“

„Was?“

„Ich hatte dich eigentlich gebeten, schon vor zehn Minuten hier zu sein. Ich dachte, mit deiner Verspätung wolltest du mir zeigen, dass du dich nicht rumkommandieren lässt. Aber vielleicht bist du auch generell unpünktlich. Daran müssten wir dann arbeiten.“

Wieder sah sie zu Jackson hinüber. „Meint er das ernst?“

Jackson nickte. „Das tut er eigentlich fast immer.“

„Ellie.“ Derrick ging zum Schreibtisch und blieb daneben stehen.

„Sie haben wirklich grauenhafte Manieren.“

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