Logo weiterlesen.de
Die ersten 3 Jahre meines Kindes

Unsere eBooks werden auf kindle paperwhite, iBooks (iPad) und tolino vision 3 HD optimiert. Auf anderen Lesegeräten bzw. in anderen Lese-Softwares und -Apps kann es zu Verschiebungen in der Darstellung von Textelementen und Tabellen kommen, die leider nicht zu vermeiden sind. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Wichtiger Hinweis

Dieses Buch bietet aktuelle und fachlich kompetente Begleitung für die ersten drei Jahre mit Ihrem Baby bzw. Kleinkind. Alle Informationen wurden von den Autorinnen nach bestem Wissen erstellt und mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft. Jede Leserin und jeder Leser muss sich bei vorbeugenden Maßnahmen und Selbstbehandlungen genau an die im Buch gegebenen Anleitungen halten. Es ist jeweils vermerkt, wann ärztliche Hilfe nötig ist. Wenn Sie bei der Behandlung unsicher sind, fragen Sie unbedingt einen Arzt! Sie sind verpflichtet, in eigener Verantwortung zu entscheiden, ob und wie weit Sie die dargestellten Methoden und Maßnahmen anwenden möchten. Weder Autorinnen noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gegebenen praktischen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.

IMG

Birgit Gebauer-Sesterhenn hat Ernährungswissenschaften studiert und ist ausgebildete Journalistin. Sie arbeitet für verschiedene Magazine und hat eine Reihe von erfolgreichen Ratgebern im Bereich Schwangerschaft, Geburt und Baby, Lernen und Grundschule sowie Ernährung veröffentlicht, die bisher in 13 Sprachen erschienen sind. Neben ihrer Tätigkeit als Buchautorin ist sie hauptberuflich Mutter und empfindet dies als schönste Berufung. Dank ihrer drei Kinder Paulina, Samuel und Sophie hat sie gemeinsam mit ihrem Mann die ersten drei Jahre der kindlichen Entwicklung gleich dreimal durchleben dürfen. Birgit Gebauer-Sesterhenn wohnt mit ihrer Familie am Ammersee.

IMG

Anne Pulkkinen ist Erzieherin, Diplom-Pädagogin (univ.), PEKiP-Ausbilderin und Gordon-Familientrainerin. Sie ist seit 1982 in der Familien- und Erwachsenenbildung tätig: Als PEKiP-Gruppenleiterin hat sie viele Eltern mit ihren Babys begleitet. Zudem bildet sie PEKiP-Gruppenleiterinnen aus. Mehr als zehn Jahre lang hat Anne Pulkkinen Eltern-Kind-Spielgruppen für Ein- bis Dreijährige (»Mini-Clubs«) geleitet. Sie hält Vorträge, gibt Kurse zu Erziehungsthemen und führt überdies Qualifikationsfortbildungen für Krippenerzieherinnen durch. Anne Pulkkinen hat zwei Kinder und lebt mit ihrer Familie im Landkreis Augsburg.

IMG

Dr. med. Katrin Edelmann ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und in eigener großer Facharztpraxis in Brühl tätig. Neben der medizinischen und verhaltenstherapeutischen Psychotherapieausbildung hat sie zahlreiche Weiterbildungen, u. a. im Bereich lösungsorientierte Kurzzeittherapie, systemische Arbeit und Hypnotherapie, absolviert. Ein Schwerpunkt ihrer Praxis sind neben der Behandlung von Entwicklungsverzögerungen und Schulproblemen die Babysprechstunde sowie die Diagnostik, Beratung und Therapie von Klein- und Kindergartenkindern. Im Jahre 2008 gründete sie das Institut für ganzheitliche Kindertherapie. Sie ist Mutter von drei Kindern.

Vorwort

Herzlichen Glückwunsch, liebe Eltern! Kinder sind ein Geschenk – und wenn Sie eines bekommen haben, ist das Grund genug, um herzlich zu gratulieren.

Eltern als sicherer Hafen

Auf Sie als Eltern kommen spannende Zeiten zu: Von jetzt an haben Sie einen kleinen Menschen an Ihrer Seite, der rund um die Uhr in Ihrer Nähe sein möchte, denn dort fühlt er sich am wohlsten. Ihre Liebe, Fürsorge und Zuneigung lässt ihn wachsen und gedeihen. Und Sie können ihm bei seinen großen und kleinen Schritten auf dem Weg des Erwachsenwerdens regelrecht zuschauen.

Es passiert viel im Babyleben. Aus dem Säugling, der kurz nach der Geburt eher hilflos und gebrechlich wirkte, entpuppt sich innerhalb weniger Monate ein robustes Kleinkind, das mit wachem Blick und gut gelaunt durch die Wohnung marschiert. Während Ihr Neugeborenes in den ersten Wochen vorwiegend durch Schreien oder Nicht-Schreien mit Ihnen kommuniziert hat, lernt es über das Lallen, Gurren und späteres Lautebilden seine ersten Worte sprechen. Sein erstes »Ma-ma« oder »Pa-pa« werden Sie vielleicht niemals vergessen.

In den ersten Jahren hat Ihr Baby nur Augen für Sie, denn Sie als Eltern stellen seinen sicheren Hafen dar: Bei Ihnen fühlt es sich wohl und geborgen, Ihre Liebe macht es stark, Sie bieten ihm die lebenswichtige Sicherheit. Je mehr Ihr Kind davon erfahren darf, desto besser steht es später auf seinen eigenen zwei Beinen im Leben. Denn schon in wenigen Jahren erweitert Ihr Kind seinen Horizont und knüpft eigene neue Kontakte – mit seinen ersten Freunden.

Ohne Bedienungsanleitung

Ob Handy oder Waschmaschine – bei Neuanschaffungen gibt es die Bedienungsanleitung gleich gratis dazu. Wer sie studiert, weiß in der Regel, wofür die Knöpfe und Schalter da sind und wie das Gerät reibungslos funktioniert.

Ihr Kind ist keine Maschine. Und es gibt auch keine Bedienungsanleitung dazu. Ihr Kind ist einzigartig und mit individuellen Wünschen und Bedürfnissen ausgestattet. Wenn Sie als Eltern sich darauf einlassen, seine Wünsche auch ohne Worte zu verstehen und möglichst auf seine Bedürfnisse einzugehen, tragen Sie viel dazu bei, dass auch das Familienleben reibungslos funktioniert. Das Zusammenleben als Familie ist ein ständiges Geben und Nehmen. Denn sehr bald können Sie feststellen, dass auch Ihr Kind Ihre »Knöpfe« drücken kann ...

Kompetenter Rat in allen Phasen

Manchmal geschieht das Großwerden so schnell, dass man als Zuschauer kaum mit dem Tempo mithalten kann. Ähnliches gilt auch für die Anzahl der von Geburt an unweigerlich aufkommenden Fragen, ob die eine oder andere Verhaltensweise, Fähigkeit oder Fertigkeit des Kindes im Rahmen des »Normalen« liegt oder nicht.

In diesem Buch haben Sie einen Ratgeber, der ausführlich beschreibt, welche Phasen Ihr Schatz in seinen ersten drei Jahren in Bezug auf seine motorische, kognitive, sozial-emotionale und sprachliche Entwicklung durchläuft. Darüber hinaus erhalten Sie detaillierte Informationen rund um die Themen Erziehung, Gesundheit, Schlaf und Ernährung – und wie Sie Ihr Kind spielerisch fördern, ohne es dabei zu überfordern.

Wir Autorinnen wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen dieses Werkes und einen gelungenen Start ins Familienleben!

IMG

Gemeinsam durch die Babyzeit

IMG

ENTWICKLUNG IN RIESENSCHRITTEN

Wenn werdende Eltern erfahren, dass sie ein Baby bekommen, ist das mit vielen Emotionen verbunden. Vielleicht ist der lang ersehnte Kinderwunsch endlich in Erfüllung gegangen; vielleicht hat es auch einfach schneller geklappt als gedacht. Womöglich war von Nachwuchs (noch) gar nicht die Rede … Ab dem Zeitpunkt, zu dem der Arzt die Schwangerschaft bestätigt, tauchen jedoch bei allen werdenden Eltern ähnliche Fragen auf: Entwickelt sich das Ungeborene richtig? Was braucht es in den kommenden Monaten? Was darf oder soll die Schwangere essen und trinken, damit es dem Baby gut geht?

Mit der Geburt hört die Unsicherheit nicht auf, die Gedanken kreisen weiterhin um die Gesundheit und Entwicklung des neuen Erdenbürgers. Und so werden die Vorsorgeuntersuchungen nicht selten von bangen Gefühlen begleitet. Zum Glück jedoch kann der Kinderarzt in den meisten Fällen bestätigen, dass das Kleine gesund ist und sich altersgemäß entwickelt. Trotzdem endet die Sorge bei vielen Eltern erst, wenn aus dem Nachwuchs nach gut zwei Jahrzehnten ein glücklicher Erwachsener geworden ist, der dann vielleicht selbst eines Tages stolz verkündet: »Wir sind schwanger.«

Lernen ist ein Grundbedürfnis

Lange haben Entwicklungswissenschaftler gestritten, ob ein Kind eher von seinen Erbanlagen (Genen) oder durch die Umwelt geprägt werde. Ob es ein »Werk« der Gesellschaft oder seiner selbst sei. Heute ist sich die moderne Entwicklungspsychologie einig, dass Neugeborene zwar einen genetischen Plan (in der Fachsprache nature genannt) mitbringen, aber dass die Umwelt ( nurture ) und somit die Erfahrungen, die ein Kind macht, eine nicht minder wichtige Rolle spielen. Nicht zuletzt trägt auch die eigene Motivation des kleinen Menschen zur Entwicklung bei: Er will sich weiterentwickeln und hat den inneren Drang, die nächste Stufe zu erklimmen. Kinder entwickeln sich also aus eigenem Antrieb und mit allen Sinnen. Es macht ihnen Spaß, Neues zu lernen, zu entdecken und zu verstehen, weil sie von Natur aus neugierig sind.

Auch die These, dass Babys hilflos und rein reflexgesteuert seien, ist lange widerlegt. Seit über 20 Jahren weiß man, dass sie vom ersten Tag an lernbegierig sind. Hat ein Kind zum Beispiel nach vielen Monaten endlich gelernt zu krabbeln, gibt es sich damit nicht zufrieden. Sehr bald will es sich hochziehen. Kaum kann es sicher laufen, möchte es seine Fertigkeit optimieren und auf einer Mauer balancieren. Es will sich weiterentwickeln – und das ein Leben lang. Auch das kulturelle Umfeld beeinflusst die Entwicklung: Die Umgebung, in der ein Kind aufwächst, spielt dabei eine ebenso bedeutende Rolle wie die dort üblichen Sitten und Gebräuche. Denn Kinder passen sich ihren individuellen Entwicklungsbedingungen sehr gut an (Entwicklungswissenschaftler nennen diesen Prozess Adaption). So können zum Beispiel die meisten Kinder mit eineinhalb Jahren allein aus einer Tasse trinken oder ein Geschenk auspacken – vorausgesetzt, sie hatten vorher regelmäßig die Möglichkeit, andere bei dieser Tätigkeit zu beobachten und es selbst immer mal wieder auszuprobieren. Hatte ein Kind aufgrund seiner Herkunft keine Gelegenheit, diese Fähigkeiten zu üben, wird es sich dagegen mit hoher Wahrscheinlichkeit dabei schwertun. Das bedeutet jedoch nicht, dass es in seiner Entwicklung zurückläge oder auffällig wäre. Es konnte bisher einfach nur keine Erfahrung in den entsprechenden Fertigkeiten sammeln.

INFO

Das Klavier und der Klavierspieler

Auf die genetische Ausstattung eines Babys haben Eltern – abgesehen von der Wahl des Ehepartners – keinen Einfluss. Dagegen können sie sehr wohl Einfluss darauf nehmen, wie sich das Kind entfaltet. Vergleichen Sie ein Kind einmal mit einer Klaviersonate; das Klavier entspräche den Genen, der Pianist der Umwelt. Ist das Klavier gut gestimmt, kommt es auf den Spieler an, das Musikstück zum Leben zu erwecken. Klimpert er andauernd nur wahllos auf den Tasten herum, klingt das genauso schräg, als würde er nur ab und zu die immer gleichen Töne anschlagen. Damit die Sonate schön klingt, ist ein harmonisches Spiel der Tasten erforderlich.

Was heißt normal entwickelt?

»Dein Kind kann schon krabbeln, obwohl es sechs Wochen jünger ist als meins.« »Mein Kleines kann immer noch nicht laufen, während dein Sohn die ersten Schritte schon mit elf Monaten gemacht hat.« Auf der ganzen Welt vergleichen Eltern ihre Kinder mit anderen, weil sie Angst haben, dass der Nachwuchs sich nicht altersgemäß entwickelt. Damit ist Stress vorprogrammiert, denn kein Kind gleicht dem anderen. Dasselbe gilt, wenn sich Eltern zu stark an Entwicklungstabellen orientieren, die sie in Büchern und Zeitschriften entdeckt haben. Diese Übersichten sollten lediglich als Orientierungshilfe dienen. Was als »normal« definiert wird, ist ein rein statistischer Befund. Diejenige Fähigkeit, die Entwicklungswissenschaftler bei den getesteten Kindern am häufigsten beobachtet haben, wird als Norm deklariert.

Wie ungenau solche Angaben sein können, zeigt der Vergleich zweier Statistiken, die deutsche Kinderärzte oft verwenden, um den Entwicklungsstand eines Kindes zu beurteilen: die »Münchner funktionelle Entwicklungsdiagnostik« (MFED) und der »Denver-Suchtest« (Denver Developmental Screening Test). Obwohl für beide streng wissenschaftlich und statistisch korrekt Daten von Kindern ausgewertet wurden, unterscheiden sich die Altersangaben zuweilen deutlich. So sollte ein Baby nach MFED mit 12 Monaten frei stehen können, laut Denver Developmental erst mit 13 Monaten.

INDIVIDUELLES TEMPO – ABER (FAST) IMMER IN DERSELBEN REIHENFOLGE

Besonders im zweiten Lebenshalbjahr geht die Entwicklungsschere weit auseinander. So drehen sich zum Beispiel einige Babys schon mit fünf Monaten vom Rücken auf den Bauch, andere erst mit neun. Auch beim Krabbeln und Laufen sind die individuellen Zeitunterschiede groß. Viel wichtiger als bloße Altersangaben ist daher die entwicklungschronologische Abfolge. Diese Abfolge und Zeiträume, bis wann ein Kind zum Beispiel krabbeln sollte, sagen weit mehr über die Entwicklung Ihres Kindes aus als bloße Momentaufnahmen. So kann beispielsweise eines von drei Babys im Alter von zehn Monaten flink durch die Wohnung krabbeln, sich am Sofa hochziehen und dort mit wackeligen Beinen stehen bleiben. Das zweite Baby bewegt sich robbend vor und hat gerade den wackligen Vierfüßlerstand erreicht. Das dritte macht die ersten Schritte. Was für Mütter und Väter wichtig ist: Jedes dieser drei Kinder ist unterschiedlich, aber altersgerecht entwickelt. Denn jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Die Reihenfolge der einzelnen Entwicklungsschritte bis zum Ziel ist bei fast allen Kindern gleich. Lediglich um die zehn Prozent überspringen manchmal eine Phase.

Dazu kommt: Es gibt Kinder, die zum Beispiel im motorischen Bereich weit entwickelt sind, aber sprachlich etwas zurückliegen. Andere, die sich nicht viel bewegen, beobachten dafür die Welt ganz genau und saugen buchstäblich alles in sich auf. Grund dafür können unter anderem unterschiedliche Anlagen und Interessen sein.

Für jeden einzelnen Entwicklungsabschnitt braucht ein Kind ausreichend Zeit. Es ist zu jedem Zeitpunkt das vorläufige Ergebnis einer unvorhersehbaren Entwicklung. Denn jeder Mensch entwickelt sich auf individuelle und einzigartige Weise. Ein afrikanisches Sprichwort besagt: »Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.« Im Gegenteil, es würde wahrscheinlich sogar darunter leiden.

INFO

Besser gleich zum Kinderarzt

In kaum einer anderen Wissenschaft melden sich so oft Laien zu Wort wie in der Entwicklungspsychologie. Auch wenn Sie, was die Entwicklung Ihres Kindes betrifft, unsicher sind: Setzen Sie sich nicht unter Druck, indem Sie andere Mütter und Väter um Rat fragen, sondern gehen Sie besser gleich zu Ihrem Kinderarzt oder einem Kinder- und Jugendpsychiater. Denn selbst wenn Ihr Kind einen Meilenstein noch nicht erreicht haben sollte, ist in den meisten Fällen keine Behandlung nötig. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich lediglich um eine Entwicklungsvariante.

Viele Entwicklungen laufen parallel

Entwicklung ist ein ganzheitlicher Prozess. Es lassen sich folgende Bereiche unterscheiden: motorische Entwicklung (Grobmotorik und Feinmotorik), Sprachentwicklung, Wahrnehmung sowie soziale und geistige (kognitive) Entwicklung. Die jeweiligen Entwicklungsschritte lassen sich zwar auf künstliche Weise getrennt voneinander betrachten. Im Entwicklungsalltag jedoch gehen sie Hand in Hand, wie das folgende Beispiel deutlich macht:

Die zehn Monate alte Sarah krabbelt (Grobmotorik) im Wohnzimmer auf den gleichaltrigen Lars zu (soziale Entwicklung: auf andere zugehen) und setzt sich hin (Grobmotorik). Die beiden heben vorsichtig die Strohhalme auf (Feinmotorik), die Sarahs Mutter ihnen zum Spielen gegeben hat. Nach einiger Zeit krabbelt das Mädchen in die Küche (lebenspraktisches Lernen: Ich kann krabbelnd meinen Platz ändern und der Mama in den anderen Raum folgen). Auf dem Weg dorthin entdeckt sie den Raum immer wieder neu (die Wahrnehmung wird geschult). Am Ziel angekommen öffnet Sarah die unterste Schublade, die für sie »reserviert« ist: Mit dem Inhalt der Schublade darf sie spielen. Im Hinblick auf Sarahs geistige Entwicklung bedeutet dies, dass sie die Schlussfolgerung gezogen hat: Wenn ich die bunte Schüssel haben will, muss ich in die Küche krabbeln (kognitive Entwicklung: wenn – dann).

Es geht stetig voran

Ab dem Zeitpunkt der Geburt – und natürlich auch schon vorher – vollbringen die Kleinsten enorme Entwicklungsleistungen. Jeder Moment in ihrem noch jungen Leben bedeutet einen weiteren Entwicklungs- und Lernschritt.

Das Neugeborene liegt noch asymmetrisch und in Beugehaltung auf dem Bauch. Lediglich den Kopf kann es unter großer Anstrengung zur Seite drehen. Auf dem Rücken liegt es ebenfalls noch nicht gerade. Seine Hände sind zu Fäusten geballt und bei lauten Geräuschen oder ruckartigen Bewegungen reagiert es mit dem Moro-Reflex (>). Nach nur zwölf Monaten krabbelt dasselbe Menschlein flink durch die Wohnung; die Hälfte der Einjährigen macht sogar schon die ersten Schritte oder spricht Ein-Wort-Sätze wie »Papa« und »Mama«. Das Kind findet mühelos einen Gegenstand, der in seinem Beisein unter einem von drei Bechern versteckt wurde. Und geschickt sammelt es Krümel vom Boden auf. Stellen Sie sich nun noch einen Dreijährigen vor, der breitbeinig von einer Treppe herunterspringt, mit dem Laufrad fährt, bunt malen kann und Drei-Wort-Sätze mit fast richtiger Grammatik spricht. Was für eine Entwicklung!

Babys, die heute geboren werden, werden voraussichtlich etwa 80 Jahre alt. Bis dahin werden sie noch vieles lernen und sich ständig weiterentwickeln. Doch so schnell wie in den ersten drei Lebensjahren wird es nie wieder gehen. Besonders das erste Jahr sowie die Sprachentwicklung bei den Ein- bis Dreijährigen lässt sich in puncto Geschwindigkeit kaum toppen.

Zeitfenster und kritische Phasen

Die Forschungsergebnisse der Entwicklungspsychologie – und hier insbesondere aus der modernen Hirnforschung – zeigen, dass der Mensch sein Leben lang lernt. Es gibt nur sehr wenige Entwicklungszeitfenster, die sich irgendwann völlig schließen und so verhindern, dass sich eine Fähigkeit ausbildet, die man nicht rechtzeitig erlernt hat. Diese kritischen Phasen beschränken sich noch dazu eher auf das Organwachstum. Wenn ein Baby zum Beispiel in seinen ersten sechs Lebensmonaten keine visuellen Reize erhält, wird sich sein Sehvermögen kaum normal entwickeln. In diesem Fall schließt sich ein Zeitfenster.

Für Eltern bedeutet die Erkenntnis vom lebenslangen Lernen eine große Entlastung. Schließlich standen nicht wenige jahrelang unter Stress, um nur ja keinen richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Was jedoch wichtig ist: Es gibt sensible Phasen, in denen das Kind eine Fähigkeit oder Verhaltensweise besonders leicht erlernt. In diesem Zeitraum ist es für bestimmte Reize aus der Umwelt empfänglich und auch sehr interessiert daran. Wenn ein Zweijähriger zum hundersten Mal am Tag die Frage stellt »Is des …«, befindet er sich gerade in der sensiblen Phase der Erweiterung des Wortschatzes und des »Weltbegreifens«. Ihr Kind will Ihnen nicht auf die Nerven gehen, auch wenn die ständige Fragerei mitunter anstrengend sein kann. Es braucht Sie als Entwicklungsbegleitung jetzt besonders dringend.

Entwicklungsaufgaben

In den letzten Jahren hat sich ein neuer Begriff immer mehr durchgesetzt: Entwicklungsaufgaben. Viele Eltern mag dies zunächst verwirren, denkt man doch bei »Aufgaben« nur allzu schnell an die Schulaufgaben – und das nicht immer mit gutem Gefühl.

Tatsächlich bezeichnen die Entwicklungsaufgaben jedoch Entwicklungsthemen, die ein Kind in den ersten Lebensjahren zu bewältigen hat. In den ersten drei Monaten muss es zum Beispiel lernen, den Schlaf-wach-Rhythmus zu entwickeln und Nahrung zu sich zu nehmen. Später kommen Abstillen und/oder die Entwöhnung von der Flasche dazu. Auch eine Bindung zu einer oder mehreren Personen aufzubauen ist ein zentrales Thema – ebenso wie zu lernen, sich abzunabeln oder die Umwelt zu erkunden. Das Laufen und Sprechen zu lernen, eine erste räumliche Vorstellungskraft zu erwerben (zum Beispiel beim Turmbauen) und die eigenen Körperausscheidungen zu kontrollieren (Sauberkeitserziehung) sind weitere Bereiche und lebenswichtige Themen für Kinder unter drei Jahren. Zu guter Letzt schafft die Ich-Entwicklung (Autonomie) gegen Ende des dritten Lebensjahres eine Basis für die weiteren Entwicklungsaufgaben im nächsten Lebensabschnitt (vier bis sechs Jahre). In einer anregenden Umgebung und mit der Unterstützung liebevoller Menschen meistern Kinder die Entwicklungsaufgaben durch Neugier, Lernfreude, Selbstgestaltung und spontane Tätigkeit.

INFO

Fremdsprache, Musik und Spitzensport

Experten wissen, dass es kaum möglich ist, eine Fremdsprache ohne Akzent zu sprechen, wenn man sie erst im Alter von über zehn Jahren erlernt. Auch für das Erlernen eines Musikinstruments oder einer Sportart scheint es ein ideales Zeitfenster zu geben: Wer erst mit zwölf Jahren Klavierspielen oder Skifahren lernt, wird kaum ein zweiter Mozart oder Olympiasieger. Das bedeutet aber nicht, dass er nicht gut Klavier spielen kann oder Spaß beim Sport hat. Und ist das nicht viel wichtiger?