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Die erste Lüge

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. VISBY
  6. KOH LANTA
  7. ALVIKS STRAND
  8. KOH LANTA
  9. VISBY
  10. KOH LANTA
  11. ALVIKS STRAND
  12. ÖSTERMALM
  13. VISBY
  14. ÖSTERMALM
  15. STOCKHOLM
  16. SÖDERMALM
  17. VASASTAN
  18. ÖSTERMALM
  19. STOCKHOLM
  20. ÖSTERMALM
  21. SÖDERMALM
  22. SIGTUNA
  23. KÄRRTORP
  24. ÖSTERMALM
  25. ÖSTERMALM
  26. SÖDERMALM
  27. SCHWEDISCHER SPORTVERBAND
  28. DIE GERICHTSVERHANDLUNG
  29. SÖDERMALM
  30. ÖSTERMALM
  31. SÖDERMALM
  32. ÖSTERMALM
  33. SÖDERMALM
  34. ÖSTERMALM
  35. SÖDERMALM
  36. SCHWEDISCHER SPORTVERBAND
  37. ÖSTERMALM
  38. SCHWEDISCHER SPORTVERBAND
  39. ÖSTERMALM
  40. LIDINGÖ
  41. SÖDERMALM
  42. LIDINGÖ
  43. STOCKHOLM
  44. ALVIKS STRAND
  45. SÖDERMALM
  46. KRISTINEBERG
  47. ALVIKS STRAND
  48. KÄRRTORP
  49. SÖDERMALM
  50. ÖREBRO
  51. ALVIKS STRAND
  52. SCHWEDISCHER SPORTVERBAND
  53. ÖSTERMALM
  54. SCHWEDISCHER SPORTVERBAND
  55. ÖSTERMALM
  56. SÖDERMALM
  57. ÖSTERMALM
  58. ÖSTERMALM
  59. UPPLANDS VÄSBY
  60. SÖDERMALM
  61. ÖSTERMALM
  62. SÖDERMALM
  63. SCHWEDISCHER SPORTVERBAND
  64. ÖSTERMALM
  65. ÖSTERMALM
  66. ÖSTERMALM
  67. EPILOG
  68. Danksagung

Über die Autorin

Sara Larsson, geboren 1973, lebt in Stockholm. Sie hat zunächst Ingenieurswissenschaften, dann Journalistik und Jura studiert. Sie arbeitet momentan als Beraterin, vor allem in Schulen und sozialen Einrichtungen. DIE ERSTE LÜGE ist ihr Debüt, für das sie in Schweden viele begeisterte Rezensionen bekommen hat. Sie stand mit diesem aufrüttelnden Spannungsroman auf der Top-10-Bestsellerliste in Schweden.

VISBY

Juli 1997

Josefin richtet den Oberkörper auf und stützt sich mit dem Ellbogen auf der Matratze ab. Sie versucht aufzustehen, dreht sich halb zur Seite. Weiter geht es nicht, es tut zu weh. Sie kann sich keinen Millimeter mehr bewegen. Wimmernd fällt sie auf das Bett zurück. Möchte weinen, aber ihre Augen bleiben trocken.

»Camilla«, flüstert sie.

Keine Antwort.

»Camilla.«

Der Name prallt von den kahlen Wänden zurück. In der Wohnung ist es still. Angst erfüllt ihre Brust. Wenn sie ganz allein hier ist … Sie rollt sich zusammen und presst die Hand auf den Unterleib, es brennt so sehr, heiße, pulsierende Wellen von Schmerz, warum tut es so weh? Die Selbstsicherheit vom gestrigen Abend, die der Alkohol in ihr ausgelöst hat, ist weg. Jetzt ist da nur noch ein widerlicher Nachgeschmack und der brennende Schmerz zwischen ihren Beinen. Sie muss hier weg, und sie muss Camilla finden.

Sie beißt die Zähne zusammen und versucht noch einmal aufzustehen. Legt erst das eine, dann das andere Bein über die Bettkante. Schwankt, als sie endlich zum Stehen kommt, und stützt sich an der Wand ab, um nicht zu fallen. Sie schaut sich um, ihre Kleider sind nirgends zu entdecken, nur ein zerknülltes Laken mit Blutflecken, die bruchstückhafte Erinnerungen wecken. Rasch schiebt Josefin sie beiseite, sie will einfach nur weg.

Sie nimmt die Bettdecke und wickelt sich ein. Stutzt, als sie sich im Spiegel sieht. Auf ihrem Bauch entdeckt sie vier rote Buchstaben, es sieht aus, als wären sie mit Blut geschrieben, und sie bilden ein Wort, das sie nur allzu gut kennt. HURE. Klar zu erkennen, auch wenn die Buchstaben etwas undeutlich sind und die Farbe nicht ganz ausgereicht zu haben scheint. Am ganzen Körper zitternd wickelt sie die Decke fester um sich und verbirgt das hässliche Wort.

Im Wohnzimmer ist es stickig und es riecht nach Restalkohol. Auf dem Boden liegen Rikard und Jonas und schnarchen um die Wette. Josefin schaut schnell weg, lässt den Blick zum Sofa hinüberwandern und ist erleichtert, als sie Camilla dort entdeckt. Sie schläft tief und fest, ein Bein über der Sofakante.

»Camilla.«

Josefin fasst sie an der Schulter und rüttelt sie vorsichtig. Camilla knurrt nur und dreht sich auf die Seite. Josefin wird immer verzweifelter. Sie rüttelt sie noch einmal, heftiger diesmal.

»Camilla, wach auf.«

»Mmmh, was ist denn los?«

»Bitte, wach doch einfach auf«, flüstert Josefin. »Wir müssen hier weg.«

Sie hat einen Klumpen im Magen. Es tut so furchtbar weh und sie hat Angst vor den Erinnerungen, die allmählich zurückkommen, obwohl sie alles tut, um sie zu verdrängen. Endlich dreht Camilla sich zu ihr um.

»Warum hast du dir eine Bettdecke umgehängt?«, fragt sie erstaunt.

Jetzt kommen die Tränen, langsam rinnen sie ihr über die Wangen, schwarz von zerlaufener Mascara. Camilla nimmt Josefins Hand und hält sie fest, bis sie aufhört zu weinen.

»Erzähl es mir später«, sagt sie. »Lass uns jetzt erst mal hier weg.«

Sie steht auf und sucht Josefins Sachen. Das Kleid liegt im Flur auf dem Boden. Im Bad findet sie die schwarze Unterhose. Sie ist zerrissen. Camilla nimmt sie trotzdem mit. Sie hilft Josefin, sich das Kleid über den Kopf zu ziehen, und führt sie dann zur Wohnungstür.

In der Küche nimmt Josefin eine Bewegung wahr. Oskar sitzt auf einem Barhocker und raucht eine Zigarette. Sein Blick lässt sich nicht deuten. Selbstzufrieden, vielleicht auch ein bisschen höhnisch. Dann lächelt er und hebt die Hand. Ihr zieht sich der Magen zusammen. Sie reißt den Blick von ihm los und folgt Camilla, an der offenen Toilettentür vorbei. Erinnerungsfetzen von ihr und Oskar auf dem Boden in der Toilette. Sie verdrängt sie und wirft die Badezimmertür zu. Bevor sie sich endgültig schließt, sieht Josefin die Klobürste. Sie steht nicht im Ständer, sondern liegt auf dem Boden, der Schaft ist schmutzig, dunkelrote, eingetrocknete Farbe … Sie kann den Gedanken nicht zu Ende denken, geht einfach nur hinaus, ihre Bewegungen sind mechanisch. Camilla zieht die Tür hinter ihnen ins Schloss und zerrt die Freundin hinter sich her zum Aufzug. Josefin sieht und hört nichts. Vor ihrem inneren Auge das Bild von Oskar, Oskar, wie er da in der Küche saß. Irgendetwas ist dort drinnen in der Toilette passiert. Etwas, das sie nur vage ahnen kann.

KOH LANTA

Freitag, 26. Februar 2010

Veronica seufzt, schaut zum wer-weiß-wievielten Mal auf die Uhr und dann zu Viggo und Emma hinüber, die herumlaufen und spielen. Wo Oskar nur bleibt? Sie nippt an dem heißen Kaffee und setzt die große Gucci-Sonnenbrille wieder auf, die sie eben auf den Tisch gelegt hat. Dann holt sie ihr Handy aus der Tasche. Keine entgangenen Anrufe. Zerstreut zupft sie ihre blonden Locken zurecht, die ohnehin schon perfekt liegen, und weicht den Blicken der anderen Gäste aus, die sich vielleicht fragen, warum nicht die ganze Familie am Frühstückstisch versammelt ist, wo der Vater wohl geblieben sein mag. Den ganzen bisherigen Urlaub hat sie sich bemüht, den Schein aufrechtzuerhalten, sie wären eine glückliche Familie, und sie hat nicht vor, dieses Bild jetzt zunichtezumachen. Innerlich aber verflucht sie Oskar, der sie dieser Situation ausgesetzt hat, und schaut heimlich zum Strand hinunter. Kein Oskar in Sicht. Der Mann am Nachbartisch scheint ihr Seufzen gehört zu haben. Neugierig starrt er sie an. Sie erwidert den Blick und reckt dabei den Hals. Es gelingt ihr sogar zu lächeln. Ein natürliches, kein aufgesetztes Lächeln. Sie meint, eine frische Röte in dem ohnehin schon sonnenverbrannten Gesicht des Mannes zu erkennen, bevor er sich verlegen abwendet. Vielleicht hätte sie doch lieber die Theater- statt die Handelsschule besuchen sollen, sie ist eine Meisterin darin geworden, die Fassade aufrechtzuerhalten. Erst gestern hat sie die Familie aus dem Nachbarbungalow angelogen. Hat Oskars Abwesenheit am Frühstückstisch mit einem Migräneanfall entschuldigt, der ihn zwingen würde, der ersten gemeinsamen Mahlzeit des Tages fernzubleiben und sich noch ein paar Stunden auszuruhen. Daraufhin wurde verständnisvoll genickt und sie und die Kinder eingeladen, ihnen Gesellschaft zu leisten. Veronica hat freundlich abgelehnt und zugleich gebetet, Oskar möge sich noch ein paar Stunden nicht blicken lassen, denn sonst wäre ihre Lüge aufgeflogen. Tatsache ist, dass Oskar kein einziges Mal mit ihnen gemeinsam gefrühstückt hat, seit sie vor genau vierzehn Tagen in Koh Lanta angekommen sind. Und kein einziges Mal hat es an seiner Migräne gelegen.

»Entschuldigung, ist der Stuhl noch frei? Können wir den nehmen?«

Veronica zuckt zusammen, schaut auf und nickt der Frau zu.

»Ja, sicher, kein Problem.«

Sie hat sie wiedererkannt, die Frau ist um die fünfunddreißig und wohnt ein paar Bungalows weiter. Sie ist allein mit ihrem Sohn unterwegs. Die Frau lächelt dankbar, und dann plaudern sie ein bisschen über Wind und Wetter, bis sie sich schließlich mit dem Stuhl in der einen und ihrem Sohn an der anderen Hand einen Weg durch die Tischreihen bahnt. Veronica schaut ihnen hinterher und merkt, wie ihr Zorn auf Oskar wieder aufflammt. Wie kommt er darauf, die ganze Nacht durchzumachen, wenn sie doch auf Familienurlaub sind? Was fällt ihm ein, einfach nicht da zu sein, wenn sie am nächsten Morgen erwachen? Noch einmal wählt sie Oskars Nummer, obwohl sie weiß, dass es sinnlos ist. Sein Handy ist ebenso stumm wie zuvor. Wahrscheinlich sollte sie sich Sorgen machen, doch das Einzige, was sie empfindet, ist eine so große Wut, dass sie sich nur physisch entladen kann. Schließlich haben sie sich beide dafür entschieden, Kinder zu haben, wie kann es also sein, dass sie sich ganz allein um die beiden kümmern muss?

»Viggo, komm sofort her! Wie oft soll ich dir das denn noch sagen?«

Sie packt ihn hart am Arm. Viggo schießen die Tränen in die Augen. Sie sieht es, aber sie kann nicht aufhören. Schnell schmiert sie ihn mit Sonnencreme ein und hält ihn dabei unnötig fest. Er jammert, und sie kann einen Anflug von Zufriedenheit nicht unterdrücken. Hinterher hat sie ein schlechtes Gewissen. Nimmt sich vor, dass es nie wieder vorkommen soll. Die Kinder können schließlich nichts dafür, dass Oskar nicht hier ist.

»So, mein Schatz, jetzt lauf.«

Sie streicht ihm über das Haar, um ihren harten Ton wiederwettzumachen, aber Viggo reißt sich ungeduldig los, in Gedanken ist er schon im Pool. Als er außer Sichtweite ist, schaut sie erneut Richtung Strand. Zwar ist Oskar die meisten Abende hier aus gewesen, aber bisher ist er spätestens in den frühen Morgenstunden neben ihr ins Bett gefallen.

Sie nimmt die Frauenzeitschrift, die zusammengerollt in der Strandtasche liegt, und blättert zerstreut darin. Bei einer Reportage über Scheidungsstatistiken in Zusammenhang mit Urlaubszeiten bleibt sie hängen. Der Verfasser des Artikels schreibt, im Anschluss an die Ferien würden die Trennungen rapide ansteigen, viele Ehen hielten den Herausforderungen nicht stand, die es für Paare bedeuten würde, den ganzen Tag gemeinsam verbringen zu müssen. Sie legt die Zeitung wieder weg und gibt dem Kellner ein Zeichen, dass sie bezahlen will. Während sie auf die Rechnung wartet, betrachtet sie ein Passfoto des jungen Oskar, das sie im Portemonnaie herumträgt, seit sie sich kennengelernt haben. Er lächelt in die Kamera, ein selbstsicheres Lächeln. Und er sieht gut aus. So gut, dass es lange das Einzige war, was sie an ihm gesehen hat. Das ist inzwischen anders. Wütend reißt sie das Foto mitten entzwei. Und dann noch einmal. Zerknüllt alle vier Teile und wirft sie in den Aschenbecher. Doch dann bereut sie es und nimmt sie wieder heraus. Will nicht, dass jemand dieses zerrissene Foto von Oskar zu sehen bekommt.

Sie schaut sich um und sieht, dass ihre Nachbarn gerade ins Restaurant kommen. Sie nicken ihr freundlich zu und suchen sich dann etwas weiter hinten einen Tisch. Veronica beobachtet, wie sie Platz nehmen. Mutter, Vater und zwei fröhliche Kinder. Wieder lodert Zorn in ihr auf. So eine Scheiße, dieser Familienurlaub ist ganz allein Oskars Idee gewesen, also hat er auch die gottverdammte Pflicht, dafür zu sorgen, dass er wenigstens aussieht wie einer.

»Bitte sehr, Liebling«, hat er damals gesagt und einen prallen Umschlag vor sie auf den Küchentisch geworfen. »Wir fahren nach Thailand, die Kinder, du und ich. Wir müssen mal ein bisschen raus und diesem elenden Winter entfliehen.«

Er hat die Tickets aus dem Umschlag gezogen und ihr ein Foto des Fünf-Sterne-Hotels in Long Beach gezeigt, hat wahrscheinlich irgendeine Form von Dankbarkeit erwartet. Doch ihr ist es nicht gelungen, Freude vorzutäuschen, sie ist einfach nur wütend gewesen, weil er sie gar nicht in die Entscheidung miteinbezogen hat. Das hat sie ihm so allerdings nicht gesagt. Weder zu diesem noch zu einem späteren Zeitpunkt. Stattdessen hat sie versucht, sich für die Reise zu begeistern. Ist nachts aufgeblieben, wenn die Kinder im Bett waren, und hat im Internet nach einem leichteren Kinderwagen für Viggo gesucht, in den sie ihn abends hineinsetzen können, wenn er müde wird. Beinahe hat sie die Sonnencreme vergessen und ist schnell noch in die Apotheke gerannt, bevor das Taxi nach Arlanda abfuhr. Gefühlt ein Kilo Sonnenschutzmittel ist zu verstauen gewesen, bevor sie sich und den Rest der Familie ins Taxi quetschen und durch das Schneechaos zum Flughafen kriechen konnten.

Und jetzt sind sie hier. Die gemeinsame Zeit ist mehr oder minder ausgeblieben. Oskar hat meist vor den Fernsehapparaten in der Bar gesessen, um sich die Olympischen Winterspiele anzuschauen, während Veronica sich um die Kinder gekümmert hat. Sie will nach Hause. Dort ist Oskar zumindest zeitweise Familienvater und sie kann ihr Leben anders organisieren, als es hier in Thailand möglich ist. Hier tritt offensichtlich zutage, was für eine dysfunktionale Familie sie eigentlich sind. Zwei getrennte Leben hinter einer hübschen Fassade.

Aus dem Augenwinkel sieht sie Tomas, der von seinem Bungalow herübergeschlendert kommt. Er geht am Pool vorbei und winkt Emma und Viggo halbherzig zu. Dann geht er weiter Richtung Restaurant. Sein Blick ist auf das Frühstücksbuffet gerichtet, seine Bewegungen sind verlangsamt, es ist also wahrscheinlich ein feucht-fröhlicher Abend geworden. Veronica nimmt die Sonnenbrille ab, sieht, wie er sich zwischen den Tischen hindurch einen Weg bahnt. Noch hat Tomas sie nicht entdeckt, sie sitzt an einem Tisch relativ weit vom Buffet entfernt, um dem Chaos rund um das Essen zu entgehen, aber auch um einen guten Blick auf das Meer und den Pool zu haben.

»Tomas.«

Sie hebt ein wenig die Stimme, laut genug, dass er sie hören kann, und doch so leise, dass sie nicht die Aufmerksamkeit der übrigen Gäste erregt. Doch Tomas scheint ganz darauf konzentriert zu sein, sich etwas zu essen zu organisieren. Sie lehnt sich zurück und beobachtet, wie er Rührei und Speck auf seinen Teller häuft. Am Kaffeetresen bleibt er kurz stehen und wechselt ein paar Worte mit einer dunkelhaarigen Frau, die Veronica bisher noch nicht aufgefallen ist, dann geht er weiter zum Obst.

Tomas wohnt hier direkt neben ihnen. Ein netter, etwas schüchterner Vorstadttyp, der zwischen zwei Jobs als IT-Consultant allein nach Thailand gereist ist. Kurzgeschnittenes Haar, vielleicht einen Rettungsring zu viel um die Hüften, ein paar nicht besonders originelle Tattoos, ganz lieb, aber nichts Besonderes. Obwohl sie eigentlich wirklich nichts gemeinsam haben, hat Oskar sich an den Abenden, an denen er Lust hatte auszugehen, mangels Alternativen mit ihm zusammengetan. Vermutlich hat Tomas sich, wie die meisten anderen, geschmeichelt gefühlt, von Oskar angesprochen zu werden – das hat sie häufig genug an anderen Menschen beobachtet.

Veronica öffnet ihre Wasserflasche, nimmt einen kräftigen Schluck und sieht, wie Tomas den Kellner um etwas bittet. Sie lächelt, als sie bemerkt, wie er sich anschließend schwer auf einen Stuhl sinken lässt. Mit der Hand wischt er sich den Schweiß von der Stirn. In den vergangenen zwei Wochen hat sie ihn ziemlich gut kennengelernt, nicht zuletzt, weil er sich angewöhnt hat, ihnen beim Frühstück Gesellschaft zu leisten. Außerdem hat er einen beinah erschreckend entspannenden Einfluss auf sie. Obwohl sie sonst so zurückhaltend ist, hat sie sich bereits am zweiten Morgen dabei ertappt, wie sie ihm Dinge erzählt hat, über die sie schon seit Jahren mit niemandem mehr geredet hat. Und gestern Abend ist er mit ihnen zum Essen gegangen. Es war ein sehr netter Abend. Als die Kinder gegen neun zu gähnen anfingen, ist sie mit ihnen ins Hotel zurückgekehrt, während Oskar und Tomas noch sitzen geblieben sind.

***

Oskar beißt die Zähne zusammen und streckt sich nach seinen Shorts, die auf dem Boden liegen. Es tut weh im Schritt, wenn er sich bewegt, er kann sich gar nicht erklären, was da so verdammt wehtut. Das Zimmer dreht sich und sein Kopf hämmert, vermutlich ist er immer noch betrunken. Außerdem hat er beträchtliche Erinnerungslücken. Nur dunkel ist ihm bewusst, dass er gestern Abend eine Kellnerin aus der Bar mit hierher genommen hat, aber nicht, was sie anschließend getan haben. Angesichts seiner Schmerzen müssen es ziemlich avancierte Sexspiele gewesen sein.

Er greift sich an die Stirn, verflucht die Kopfschmerzen, die wie ein eisernes Band um seinen Schädel liegen und einfach nicht nachlassen wollen. Scheiße, er muss hier eindeutig weg. Er seufzt und setzt sich wieder auf die Bettkante, um die Shorts anzuziehen, zuckt jedoch zusammen. Es fühlt sich an, als würde ihm jemand ein Messer in den Arsch stecken. Rasch steht er wieder auf. Ohne darüber nachzudenken, fasst er sich an den Hintern, fühlt vorsichtig nach, es tut wirklich höllisch weh. Als er seine Finger betrachtet, sind sie rot. Wie kann das sein? Verwirrt schüttelt er den Kopf, kann nicht klar denken. Wie kann es sein, dass er aus dem Hintern blutet? Er schaut sich im Zimmer um, die wenigen Möbel stehen noch an ihrem Platz. Im Tageslicht, das durch die kaputten Fensterscheiben fällt, sehen sie schmutziger aus als in der Nacht. Keine Kampfspuren. Und die Frau ist weg. Er kann noch den Abdruck ihres Körpers auf der Matratze erkennen, das Laken liegt zusammengeknüllt in der Mitte des Bettes und gibt den Blick auf die Matratze frei. Diese hat ihr Mindesthaltbarkeitsdatum längst überschritten, sie ist fleckig und verdreckt und durch den zerrissenen Bezug schaut überall gelbbrauner Schaumstoff hervor. Außerdem sind da Blutflecken. Angeekelt wendet er sich ab. Sein Kopf tut so weh, wie er es noch nie zuvor erlebt hat. Er muss sich gestern wirklich maßlos betrunken oder noch etwas Stärkeres genommen haben.

Ein klebriges Gefühl an den Oberschenkeln zwingt ihn zum Handeln. Er reißt sich zusammen und wankt in das schmutzige Badezimmer, wobei er eine rote Spur auf dem Fußboden hinterlässt, vielleicht ist er ernsthafter verletzt, als er zunächst geglaubt hat. Er nimmt das rosafarbene Toilettenpapier, stopft es sich zwischen die Beine und zieht die Shorts hoch. Hat die Frau ihn überfallen und ihm einen Messerstich verpasst, nachdem er ins Koma gefallen ist? Hatte sie mehr Geld verlangt, als er ihr bezahlen wollte? Mit zittrigen Beinen geht er zur Tür, greift nach der Klinke und will sie eben öffnen, als er in der Ecke eine leere Bierflasche bemerkt. Einer Eingebung folgend tritt er näher. Die Flasche ist kaputt. Nicht sehr, doch an der Öffnung ist ein kleines Stück herausgebrochen, und an genau dieser Stelle ist die Kante unglaublich scharf. Ein Bild flackert vor seinem inneren Auge vorbei. Er sieht sich selbst neben der Frau auf dem Bett knien, in der Hand die Flasche, die er zwischen ihren gespreizten Beinen einführt. Er schaut auf die blutige Matratze. Schluckt. Dann öffnet er die Tür einen Spaltbreit und taumelt in die grelle Morgensonne hinaus.

Der Bungalow liegt hinter ein paar Büschen versteckt, auf der anderen Seite ist ein Kiesweg, der vermutlich zur Straße führt. Er humpelt in diese Richtung, es dauert, bis ein Tuk Tuk, eines der vielen dreirädrigen Taxis, auftaucht. Er ruft und winkt. Wer weiß, wie lange er sich noch aufrecht halten kann. Je mehr der Alkoholpegel sinkt, desto stärker werden die Schmerzen. Der Fahrer des Tuk Tuk zeigt mit dem Finger auf ihn und lacht. Als Oskar das Lachen nicht erwidert und deutlich macht, dass er starke Schmerzen hat, hört der Mann auf zu lachen und fragt, wo er hinwill.

»To hospital. How much?«

Der Fahrer erkennt sofort, dass sein Spielraum bei diesem Mann groß ist, und nennt einen relativ hohen Preis.

»Thousand baht.«

Oskar nickt matt und zwängt sich mit Hilfe des Fahrers in das Fahrzeug, versucht, einen Schmerzenslaut zu unterdrücken. Bald wird er wieder bei seiner Familie sein. Und dann, gelobt er sich selbst, wird er nie mehr eine Prostituierte aufsuchen.

***

Veronicas Bemühungen, Tomas’ Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, werden endlich belohnt. Er hebt die Hand zu einem zaghaften Winken, und seine Mundwinkel verziehen sich leicht nach oben, die Andeutung eines Lächelns. Er schenkt sich ein Glas Saft ein und kommt dann zu ihr herüber, ein wenig schwankend, denn er muss immer wieder anderen Gästen ausweichen. Einmal sieht es aus, als würde ihm das Tablett aus der Hand gleiten. Doch dann fängt er sich wieder und gelangt unfallfrei bis zu ihrem Tisch. Erleichtert lässt er sich auf einen Stuhl sinken.

»War’s nett gestern Abend?«

Veronica bemüht sich um einen beiläufigen Ton, Tomas braucht nicht zu wissen, wie schlecht es um ihre und Oskars Ehe steht. Diese Dinge möchte sie ihm gern ersparen.

»Ja, war ganz nett«, sagt er und wird dabei ein wenig rot. »Wir haben allerdings wohl ein bisschen zu viel getrunken.«

Schnell schaut sie zum Pool hinüber, um sich zu vergewissern, dass beide Kinder im flachen Becken sind, wie sie es versprochen haben.

»Dann seid ihr also noch weitergezogen?«

Tomas nimmt einen Bissen Rührei und schaut sie verwundert an.

»Ja, hat Oskar das nicht erzählt? Oder ist er noch gar nicht wach?«

Er streckt die Hand nach dem Salz auf dem Nachbartisch aus und würzt das Ei und den ohnehin schon sehr salzigen Speck nach.

»Wo seid ihr hin? Ist es spät geworden?«

Tomas zögert mit der Antwort, sein Gedächtnis scheint noch nicht wieder richtig zu funktionieren.

»Wir sind gegen elf zum Indianer gegangen, du weißt schon, dieser Pub neben der Easy Bar. Da haben wir uns eine Weile mit ein paar Jugendlichen unterhalten, die gerade erst in Koh Lanta angekommen waren.«

Er hält kurz inne, um seinen Durst zu löschen.

»Dann hat Oskar vorgeschlagen, noch ins Marlin zu gehen, diese Rock-Kneipe oben an der Straße.«

Sie nickt, der Name sagt ihr etwas, sie hat ihn gelesen, als sie an Klong Dao vorbei zum Markt in Saladan gefahren sind.

»Es ist ein richtiger Nachtclub. Nicht besonders voll, vielleicht hundert Leute, aber das Lokal ist ziemlich groß und sah also ziemlich leer aus. Ich habe mich an die Bar gesetzt und mit ein paar Thailändern unterhalten, während Oskar bei ein paar Schweden hängen blieb, die ihn noch aus seiner Zeit bei der Nationalmannschaft kannten.«

»Und dann?« Veronica klingt ungeduldig.

»Tja, dann ist nicht mehr viel passiert. Ich bin irgendwann aufgestanden und gegangen, da war Oskar schon weg.«

Tomas spielt mit einer leeren Marmeladenpackung auf seinem Teller.

»Weg?«

»Ja, ich habe ihn nirgendwo mehr gesehen. Mir war ein bisschen schlecht, deshalb bin ich trotzdem gegangen, dachte, er kommt schon alleine klar.«

Er starrt auf die Tischplatte und versucht erfolglos, einen Klecks Marmelade von seinem Finger zu reiben.

Du lügst doch, denkt Veronica, sagt aber nichts.

»Wann ist er denn nach Hause gekommen? Vielleicht ist er ja vor mir gegangen.«

Veronica sieht ihn skeptisch an. Er verheimlicht ihr irgendwas. Die Frage ist, was. Sie trinkt noch einen Schluck Wasser, dann schraubt sie den Deckel zu und legt die Flasche in die Tasche. Wenn sie Tomas sagt, dass Oskar noch nicht nach Hause gekommen ist, wird er ihr vielleicht eine ehrlichere Antwort geben. Andererseits würde dann ein erster Riss in der schönen Fassade sichtbar. Sie entscheidet sich für einen Kompromiss.

»Genau das wollte ich dich fragen. Oskar ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen. Das ist hin und wieder schon mal vorgekommen, wenn er zu viel getrunken und bei einem Kumpel übernachtet hat, und so wie du es schilderst, könnte das gestern der Fall gewesen sein.«

Sie lächelt ihn an, als wollte sie sagen: »Du weißt ja, wie die Kerle sind.« Aber Tomas lächelt nicht zurück. Er sieht sie nur forschend an. Und schon bereut sie, was sie gesagt hat. Sie will nicht den Anschein erwecken, dass die Familie für Oskar nicht an erster Stelle steht.

»Also, es ist nicht oft passiert, ist jetzt auch schon wieder ein paar Jahre her, aber ich dachte, ihr habt den Abend vielleicht mit ein paar Bier bei dir ausklingen lassen, und er ist dann eingeschlafen.«

Oder bei einer Frau, die er im Nachtclub kennengelernt hat, hört sie eine Stimme in ihrem Kopf sagen. Irritiert schiebt sie sie beiseite, steht auf und geht zur Kaffeetheke. Sie schenkt sich eine halbe Tasse schwarzen Kaffee ein und füllt ihn mit heißer Milch auf. Als sie an den Tisch zurückkommt, hat Tomas den Mund voll. Er kaut zu Ende, dann bricht er das Schweigen.

»Ich weiß, dass es mich nichts angeht«, sagt er, »aber ich wollte dich das die ganze Zeit schon fragen.«

Verlegen wendet er den Blick ab.

»Wie läuft es eigentlich zwischen dir und Oskar?«

Veronicas Hand zittert, als sie die Tasse zum Mund führt, sie kleckert ein wenig und flucht ärgerlich, versucht, die Flecken zu verreiben. Tomas scheint sie misszuverstehen.

»Entschuldige, ich will mich ja nicht einmischen, aber ich kenne euch jetzt zwei Wochen und es scheint mir, als wärst du ganz alleine für die Familie zuständig. Aber vielleicht habt ihr euch ja dafür entschieden.«

Veronica straft Tomas mit einem Blick ab. Es steht ihm nicht zu, ihre Probleme anzusprechen. Aber sie ist ihm nicht böse. Im Gegenteil. Es ist lange her, dass jemand sie gefragt hat, wie es ihr wirklich geht. Die Fassade ist für sie beide so wichtig geworden, dass selten einer wagt, zu erzählen, wie es wirklich um ihn steht. Es fällt ihr schwer, ihre Tränen zurückzuhalten.

»Ach, es läuft ganz gut zwischen uns«, sagt sie beherrscht. »Oskar ist vielleicht nicht besonders präsent als Vater, aber wenn er mit den Kindern spielt, macht er das gut.«

Sie schaut aufs Meer hinaus. Es ist ganz still. Ein einsames Fischerboot liegt ein Stück vom Strand entfernt vor Anker, aber an Bord ist keiner zu sehen.

»Er war auf dem Höhepunkt seiner Fußballkarriere, als die Kinder kamen, deshalb habe ich damals die Verantwortung übernommen, und dann hat sich das irgendwie so eingespielt. Aber so ist es ja in den meisten Familien, vielleicht hat das sogar biologische Gründe.«

Sie erwartet Zustimmung, aber Tomas scheint das mit der Biologie nicht zu begreifen, er sieht sie verständnislos an. Sie beschließt, schnell das Thema zu wechseln.

»Ich habe mir nur ein bisschen Sorgen gemacht, weil er nicht nach Hause gekommen ist, hätte ja sein können, dass ihm was passiert ist. Aber wahrscheinlich hat es ihn im Marlin einfach ausgeknockt, und sie haben es nicht übers Herz gebracht, ihn rauszuwerfen.«

Tomas weicht ihrem Blick erneut aus und sie überlegt, wen er wohl schützen will, sie oder Oskar. Oder ist er einfach nur konfliktscheu?

Viggo kommt angerannt.

»Wo ist Papa? Ich will ihm was zeigen.«

Veronica legt ihm ein Handtuch um den mageren, blau gefrorenen Körper und massiert ihm den Rücken, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen.

»Papa ist noch nicht aufgestanden, aber er kommt bestimmt bald.«

»Okay.«

Viggo gibt sich mit der Antwort zufrieden, wirft das Handtuch weg und rennt wieder los, obwohl er mit den Zähnen klappert.

»Sag ihm, er soll zum Pool kommen, wenn er wach ist«, ruft er noch über die Schulter, dann stürzt er sich kreischend ins Wasser. Veronica wendet sich wieder Tomas zu. Er hat das Handy am Ohr, legt es aber weg, als er merkt, dass sie ihn ansieht.

»Ich habe versucht ihn anzurufen, aber das Handy ist ausgeschaltet«, erklärt er.

Sie seufzt verärgert.

»Ich weiß, ich habe es auch schon mehrmals probiert.«

Tomas schaut zu ihrem Bungalow hinüber.

»Es gibt bestimmt eine gute Erklärung, Veronica. Koh Lanta wirkt nicht so, als würde hier so schnell etwas passieren, auch nicht nachts. Willst du trotzdem zur Polizei gehen?«

Sie hebt eine Augenbraue. Auf die Idee ist sie noch gar nicht gekommen.

»Nein, nein, nicht nötig. Wie du schon sagst, es gibt bestimmt eine Erklärung. Wenn er bis zum Mittag nicht auftaucht, werde ich einfach ins Marlin hinübergehen. Wahrscheinlich liegt er unter einem ihrer Tische und schnarcht.«

Tomas wirft einen Blick zur Straße hinüber. Sie ist leer.

»Entschuldige meine Frage vorhin, ich wollte wirklich nicht aufdringlich sein oder irgendetwas heraufbeschwören. Aber mir ist aufgefallen, dass Oskar ziemlich viel in der Bar rumhängt. Einen besonnenen Familienvater hatte ich mir immer anders vorgestellt. Na ja, ich werde ja sehen, wie das ist, wenn ich selbst mal eigene Kinder habe.«

Er errötet.

»Falls es jemals dazu kommt.«

Veronica würde ihm gern zustimmen, auch sie hatte gedacht, ein Familienvater würde sich von einem Single ohne Kinder unterscheiden, doch diese Diskussion ist ihr jetzt einfach zu viel. Sie hat genug damit zu tun, den wachsenden Zorn darüber zu verbergen, dass Oskar immer noch nicht aufgetaucht ist. Wütend tritt sie nach einer streunenden Katze, die sich unter ihrem Tisch verkrochen hat. Sie will nun erst mal mit den Kindern baden gehen.

Das warme Wasser macht sie schläfrig und das Lärmen der tobenden Kinder verdrängt für einen Moment ihre Wut. Sie bleibt lange im Pool, worüber Viggo und Emma sich freuen, obwohl sie hier jede Menge Spielkameraden gefunden haben. Als die Haut an ihren Fingerkuppen schrumpelig wird, geht sie aus dem Wasser und legt sich in einen der Sonnenstühle direkt neben dem Pool. Heimlich bewundert sie einen Vater, dem es gelingt, nicht nur mit seinen eigenen drei Kindern zu spielen, sondern auch noch mit ihren beiden. Ihr selbst nimmt die Organisation des Alltags immer alle Energie für so etwas. Aber das liegt vielleicht ebenfalls an diesem biologischen Unterschied, den sie Tomas zu erklären versucht hat. Auch wenn er nicht ganz verstanden zu haben scheint, was sie meinte.

***

»Ist er immer noch nicht aufgetaucht?«

Veronica zuckt zusammen, sie muss eingeschlafen sein. Neben ihr steht Tomas in Badehose, ein Handtuch in der Hand. Auf seiner Haut glitzern Wassertropfen, die in der heißen Luft rasch verdampfen.

»Darf ich mich zu dir setzen?« Er zeigt auf den freien Liegestuhl neben ihr.

»Klar«, sagt sie müde. »Setz dich ruhig.«

Sie richtet sich halb auf und blinzelt mit vor die Augen gehaltener Hand.

»Nein, er ist noch nicht wieder da.«

Ihr Versuch, entspannt zu klingen, misslingt. Sie hört sich vor allem müde an.

»Tomas, bitte sag mir, was ihr gestern gemacht habt. Was ist passiert, bevor Oskar verschwunden ist?«

Bevor er protestieren kann, fügt sie hinzu: »Ich weiß, dass du dich nicht mehr an alles erinnerst, aber vielleicht fällt dir doch noch etwas ein, wenn du gründlich nachdenkst. Diese Warterei macht mich ganz verrückt. Ich kann mir genauso gut deine verschwommenen Erinnerungen anhören, statt hier herumzuliegen und zu grübeln.«

Sie legt sich wieder hin, diesmal auf die Seite, damit sie ihn besser sehen kann. Tomas breitet das Handtuch auf dem sonnenheißen Liegestuhl aus und setzt sich auf die Kante.

»Es tut mir leid, ich habe dir vorhin nicht die ganze Wahrheit gesagt. Ich wollte dich nicht unnötig beunruhigen.«

Er fährt sich mit der Hand über die Stirn und wischt den Schweiß an seinem Oberschenkel ab.

»Als wir im Marlin waren, fing Oskar ein Gespräch mit einer Kellnerin an. Dann kam er wieder zu mir und meinte, er wolle noch in eine Karaoke-Bar weiterziehen.«

Tomas mustert Veronica, versucht herauszufinden, ob ihr der Zusammenhang zwischen Karaoke-Bar und thailändischer Prostitution bekannt ist. Das scheint nicht der Fall zu sein, und Tomas beschließt, dass es nicht seine Aufgabe ist, sie darüber aufzuklären. Das muss sie schon mit ihrem Mann ausmachen.

»Zu dem Zeitpunkt war ich schon so angetrunken, dass ich nur noch nach Hause und schlafen wollte, also habe ich ihn allein gehen lassen. Keine Ahnung, wo er hin ist, wahrscheinlich in eine der Bars in der Gegend.«

Veronica beißt sich auf die Lippen. Das glaubt er doch wohl selbst nicht, er will sie nur nicht noch mehr beunruhigen, als sie es ohnehin schon ist.

»Wahrscheinlich hast du recht«, sagt sie. »Bestimmt liegt er in einer der Bars von Koh Lanta und schläft seinen Rausch aus.«

Sie sehen einander an und wissen, dass sie dasselbe denken, dass Oskar aller Wahrscheinlichkeit nach die Nacht mit einer anderen Frau verbracht hat.

***

Das Tuk Tuk knattert, die Vibrationen verstärken den Schmerz, und Oskar beißt die Zähne fest zusammen. Ganz allmählich nehmen die Erinnerungen an die Nacht deutlichere Konturen an.

Im letzten Pub, den Tomas und er besucht haben, ist er an der Bar mit einer Kellnerin ins Gespräch gekommen. Sie war klein, dunkel und hübsch und trug einen kurzen, eng anliegenden Rock, dazu ein viel zu enges T-Shirt und hochhackige Schuhe, die sie mindestens zehn Zentimeter größer erscheinen ließen. Wenn sie nicht gerade andere Gäste bediente, saß sie praktisch die ganze Zeit auf seinem Schoß. Es war offensichtlich, was sie wollte. Oskar wollte es auch, fand jedoch, das Spiel müsste seinen geregelten Gang gehen. Er ignorierte sie zum Spaß, gab ihr jedoch auch den einen oder anderen Klaps auf den Hintern. Er erinnert sich, dass sie ihm sogar erlaubt hat, ihre Brüste zu berühren. Heimlich, als kein anderer zusah. Schließlich schlug sie vor, woanders hinzugehen. Oskar hatte eine Weile geschwiegen und dann nach dem Preis gefragt. Er wollte ihr zu verstehen geben, dass es für ihn keine Rolle spielte, ob sie mit ihm ging oder irgendeine andere Frau, er hatte die Wahl, wenn er Sex haben wollte.

»How much?«, fragte er schließlich.

Ihre Antwort war eine Gegenfrage.

»Sind zweitausend zu viel?«

Oskar überlegte kurz, vierhundert Kronen. Nicht viel für einen Fick. Doch er wusste, dass es für sie viel Geld war, außerdem hatte er die Verhandlungsmacht. Deshalb antwortete er: »Ich gebe dir fünfhundert.«

Daran, wie sie sich unmittelbar von ihm abwandte, erkannte er, dass das nicht nur ein schlechtes Angebot war, es lag unter ihrer Mindestvorstellung. Gut so, dann würde er jedenfalls nicht zu viel bezahlen. Schließlich einigten sie sich auf tausend Baht. Oskar sah, wie sich ihr Blick verdunkelte, das war kein guter Preis, doch offensichtlich brauchte sie das Geld, denn sie protestierte nicht mehr, als er sagte, dies sei sein letztes Angebot. Zweihundert Mäuse, drei Bier im Lokal. Er sollte eigentlich nicht, aber er wollte, hatte Lust auf Sex ohne große Ansprüche. Seit Viggos Geburt war zu Hause im Bett nicht mehr viel zu holen. Und das ewige Genörgel, das sich im Laufe der Zeit in den Wänden festgesetzt hatte, machte ihn ganz kribbelig. Veronica sprach es nie aus, aber er hatte das Gefühl, als wäre sie konstant unzufrieden. Und als richte sich diese Unzufriedenheit gegen ihn.

»Come Mister. We go now.«

Die Frau zog ihn ungeduldig am Arm. Er nahm ihre Hand und verließ mit ihr die Bar. Es war nur ein kurzer Fußweg, vielleicht zehn Minuten, doch die frische Luft machte ihn etwas nüchterner. Veronicas Bild tauchte vor seinem inneren Auge auf, und für einen kurzen Moment hatte er ein schlechtes Gewissen. Er betrachtete die Frau neben sich, die den Blick zu Boden gesenkt hatte, sah, wie sie die Scheine umklammerte, die er ihr eben gegeben hatte. Es war lange her, seit er zuletzt zu einer Nutte gegangen war. Während seiner Fußballkarriere hatte er es häufig getan, aber seit die Kinder da waren, hatte er sich ein bisschen beruhigt. Veronica hatte nie etwas mitbekommen. Zumindest glaubte er das. Vielleicht hatte sie es aber auch einfach nicht sehen wollen. Damals, zu Beginn ihrer Beziehung, war sie noch williger gewesen, hatte sie sich bemüht, ihm zu gefallen. Damit er sie behielt, so viel war ihm klar. Er hatte schon immer Macht über die Frauen gehabt. Es war nicht sonderlich schwierig, es war alles eine Frage der Taktik.

Er folgte der Frau zu einem einfachen Bungalow, der in der Nähe und doch vollkommen abgeschieden lag. Es war nicht ihr Zuhause, das war offensichtlich. Eher ihr »Arbeitsplatz«. Der Großteil des Zimmers wurde von einem durchgelegenen Doppelbett eingenommen. Daneben stand ein kaputter Nachttisch und an der Wand ein Kühlschrank, der noch aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen schien. Außerdem gab es eine Kommode, auf der ein kleiner kompakter Fernseher stand, sowie einen holzfarbenen Schrank. Ein Fensterladen hing lose herab. Eine nackte Glühbirne in der winzigen Toilette spendete etwas Licht, im Zimmer selbst war es schummrig. Als sie an seinem Gürtel zu nesteln begann, kam ihm eine Idee. Er fasste sie am Oberarm. Sie sah ihn ängstlich an, stöhnte aber dennoch: »Me horny.«

»Good«, sagte er, »cause I’ll fuck you tonight.«

Er warf sie auf das Bett, sodass sie auf dem Bauch landete, zog seinen Gürtel heraus und fesselte ihr damit die Hände hinter dem Rücken. Er wickelte ihn mehrere Male um die Handgelenke und zog die Schnalle so fest, dass sie sich nicht befreien konnte. Aber selbst wenn es möglich gewesen wäre, er glaubte nicht, dass sie es getan hätte. Sie würde ihm in dieser Nacht zu Willen sein.

Er hat ihr den Rock heruntergerissen und mit ihm den String. Dann führte er zwei Finger in sie ein, während er mit der anderen Hand ihr T-Shirt hochschob und eine ihrer Brüste packte. Dann öffnete er seinen Reißverschluss und holte seinen Penis heraus. Er war nicht besonders steif. Trotzdem versuchte er, in sie einzudringen. Es gelang ihm nicht, und das machte ihn wütend. Keine Ahnung, wie er auf die Idee kam, aber plötzlich sah er diese Flasche neben dem Bett, eine halbvolle Chang-Flasche. Die würde er benutzen, bis sein Schwanz bereit war. Er beugte sich herab und leerte die Flasche auf dem Boden aus. Als er sie an ihren Unterleib führte, protestierte sie. Sie sagte nein, sie wolle nicht mehr, es tue ihr weh, die Hände auf dem Rücken gefesselt zu haben. Er könne sein Geld wiederhaben, sie wolle einfach nur gehen. Dann brabbelte sie noch irgendetwas, sie sei eigentlich keine Prostituierte, brauche aber das Geld, um ihre Familie zu ernähren. Das machte ihn noch wütender. Er hatte sie bezahlt, um genau dieses Gejammer nicht hören zu müssen, außerdem hatte sie sich den ganzen Abend an ihn herangeschmissen, also hatte sie es sich selbst zuzuschreiben.

Er drückte sie auf das Bett und führte die Flasche ein paar Zentimeter in sie ein. Sie schrie auf. Er fauchte sie an, sie solle die Klappe halten, und schob die Flasche noch tiefer hinein. Jetzt weinte sie. Er bereute schon, hierhergekommen zu sein. Konnte sie nicht einfach die Klappe halten und ihn befriedigen? Ein drittes Mal schob er die Flasche in sie hinein, diesmal ging es leichter. Er beugte sich vor und sah ihr ins Gesicht. Das Schluchzen war verebbt, aber ihre Augen waren groß und voller Angst. Das gefiel ihm irgendwie. Schnell bewegte er die Flasche hin und her, rein und raus, jedes Mal ein bisschen weiter hinein. Dann spürte er, wie sein Körper endlich reagierte, zog die Flasche schnell heraus und drang von hinten in sie ein. Ihr Weinen nahm er kaum wahr. Kurz dachte er, dass es nicht besonders günstig wäre, wenn jetzt draußen jemand vorbeiginge und sich fragte, was dort drinnen los wäre.

Er kam sehr schnell. Als er fertig war, zog er sich aus ihr zurück. Er kniete immer noch auf dem Bett. Und da passierte es. Er bekam einen kräftigen Schlag, vielleicht auch einen Tritt zwischen die Beine. Nicht dahin, wo er vermutlich hatte landen sollen, sondern an die Innenseite des Oberschenkels, gleich neben seinen Hoden. Doch er war nicht darauf vorbereitet und es tat furchtbar weh. Er erinnert sich, dass er laut gebrüllt hatte. Der nächste Tritt war ein Volltreffer. Ihm ging die Luft aus, es brannte und tat höllisch weh. Mit den Händen zwischen den Beinen brach er auf dem Bett zusammen. Aus dem Augenwinkel konnte er gerade noch eine Gestalt erkennen, bevor ihn der dritte Schlag traf, diesmal mit voller Wucht in den Nacken. Er wimmerte leise und merkte noch, wie er das Bewusstsein verlor. Der vierte Hieb, diesmal wieder in den Schritt, musste ihm den letzten Rest gegeben haben. Danach war alles schwarz.

***

Veronica läuft rastlos zwischen Restaurant und Pool hin und her, ab und zu macht sie auch einen Abstecher zum Strand hinunter. Die Kinder sind immer noch mit dem Eis beschäftigt, das sie ihnen nach dem Mittagessen gekauft hat, und sie hofft, dass das noch eine Weile so bleibt.

Sie geht am Wasser entlang, schirmt die Augen mit der Hand ab und blinzelt in die Sonne. Kein Oskar, so weit das Auge reicht, nur Jogger und ein paar wenige Schwimmer. Einer der streunenden Hunde am Strand, dessen Revier sie wohl betreten hat, kommt laut bellend auf sie zugerannt. Sie hebt einen Stein auf und wirft ihn nach ihm, gleichzeitig brüllt sie laut: »Hau ab!« Der Hund jault vom Stein getroffen auf und hinkt kläglich davon. Veronica zittert am ganzen Körper, nicht vor Furcht, sondern wegen des Adrenalins. Sie lässt sich auf den Sand sinken. Zum ersten Mal nimmt sie das beinahe unnatürliche Blau des Wassers richtig wahr und die kräftigen Gerüche in der Luft. Es ist, als wäre ein Teil ihres Zorns, der sie den ganzen Tag begleitet hat, mit dem Stein davongeflogen.

Sie bleibt im warmen Sand sitzen, bis ihr Herz wieder normal schlägt. Dann steht sie auf und geht zum Restaurant zurück. Sie setzt sich wieder an den Tisch, will keine unnötige Aufmerksamkeit erregen. Emma schleckt den letzten Rest von ihrem Eis auf und stibitzt sich ein Stück Ananas vom Obstteller – mehr hat sich Veronica zum Mittagessen nicht bestellt –, dann leckt sie sich genüsslich die Lippen.

»Ich will baden, Mama, kommst du mit? Bitte …«

Veronica seufzt innerlich. Sie hat keine Lust, aber schon allein die Tatsache, dass sie keine Lust hat, macht ihr ein schlechtes Gewissen.

»Nein, mein Schatz, ich muss mich ein bisschen ausruhen. Geht ruhig allein, ihr zwei. Es sind massenhaft andere Kinder im Pool.«

Mit der üblichen Ermahnung, nur ins flache Becken zu gehen, schickt sie sie los, bestellt Kaffee und zieht ihr Buch aus der Tasche. Sie versteckt sich hinter dem Roman und versucht so zu tun, als würde sie lesen, zum Glück sind die Gläser ihrer Sonnenbrille sehr dunkel. So kann sie umherspähen, ohne dass es auffällt.

»Darf ich mich zu dir setzen?«

Diesmal wartet Tomas ihre Antwort nicht ab, sondern setzt sich sofort neben sie, versucht, eine Kellnerin heranzuwinken und seufzt resigniert, als diese ihn nicht beachtet.

»Puh, irgendwie bin ich heute auch noch ganz schön fertig.«

Veronica hält ihm den Obstteller hin. Sie ist froh, dass er gekommen ist und sie ein bisschen ablenkt. Tomas bedankt sich, nimmt ein Stück Wassermelone und steckt es sich in den Mund.

»Jetzt ist es gar nicht mehr lang hin«, sagt er, nachdem er es hinuntergeschluckt hat. »Ich habe ziemlich gemischte Gefühle, wenn ich an die Heimkehr denke.«

Sie nickt.

»Ja, so ist das. Und der Höhepunkt ist dann, wenn man nach Hause kommt und feststellt, dass der Alltag genauso weitergeht wie vorher.«

Sie knickt die Seite um, bevor sie das Buch zuschlägt und wieder in ihre Tasche steckt.

»Wann fängst du bei deinem neuen Job an?«

»In drei Wochen. Ich habe mir gleich etwas länger frei genommen, wo ich einmal die Gelegenheit dazu hatte.«

Sie spürt, dass Tomas sie etwas fragen will, und kommt ihm schnell zuvor.

»Erzähl mir von dem Job, was wirst du dort machen?«

Tomas stutzt, bisher hat sie nicht so gewirkt, als würde sie sich sonderlich dafür interessieren, doch dann beschreibt er folgsam die Aufgaben eines Entwicklers bei einem großen Softwarekonzern. Es interessiert sie tatsächlich kein bisschen, und doch stellt sie immer weitere Fragen, sie will, dass er weiterredet, damit sie nicht an Oskar denken muss.

»Nein, jetzt haben wir genug über mich geredet«, sagt Tomas, als das Thema erschöpft ist. Er beugt sich vor und nimmt ihr die Sonnenbrille ab.

»Jetzt reden wir über dich.«

Sie seufzt.

»Okay, was willst du wissen?«

Tomas greift nach einem weiteren Stück Wassermelone.

»Keine Ahnung, alles, glaube ich, denn ich werde einfach nicht klug aus dir … Als ich dich das erste Mal zusammen mit Oskar gesehen habe, hatte ich ein sehr klares Bild von dir, aber jetzt, nachdem wir uns beinahe jeden Tag unterhalten haben, kommst du mir völlig anders vor. Hast du deine ganze Kindheit in Bromma verbracht?«

»Nein, überhaupt nicht. Als ich geboren wurde, wohnten meine Eltern in Kungsängen, und dort habe ich auch den größten Teil meiner Kindheit verbracht.«

Sie erzählt ihm von den Jahren im Norden der Stadt, von den Granit Girls, wie sie sich nannten, vier Mädchen, die von der ersten bis zur siebten in dieselbe Klasse gingen und alle im Granitstigen wohnten.

»Es war das erste und einzige Mal, dass ich überlegt habe, Punk zu werden. Als ich mit der achten anfing, sind wir nach Bromma gezogen. Dort habe ich mich einer Mädchengang in meiner neuen Klasse angeschlossen. Sie waren nicht unbedingt die Hellsten, aber sie hatten einen gewissen Status. Außerdem wurde ich bald zu einem der beliebtesten Mädchen der Klasse, was ich wohl vor allem meinem Aussehen zu verdanken hatte. Man hat mir immer schon gesagt, ich wäre hübsch.«

Es klang wie eine einfache Feststellung, ganz ohne Eitelkeit.

»Aber ich glaube immer mehr, dass es ein Fluch ist. Das Einzige, was es mir gebracht hat, ist die wahnsinnige Angst, eines Morgens aufzuwachen und potthässlich geworden zu sein.«

Tomas sieht sie an. Das lange blonde Haar fällt ihr über den Rücken, vom Salzwasser ist es hier und da gelockt. Ihre Augen sind grünbraun meliert und von dichten schwarzen Wimpern umgeben. Er findet sie umwerfend schön, außerdem ist sie nicht nur attraktiv, sondern auch intelligent, und es fällt ihm schwer, dieses Bild mit dem eines eitlen, gefallsüchtigen und scheinbar ziemlich langweiligen Teenagers aus Bromma in Übereinstimmung zu bringen. Er lächelt, als sie ihn fragend anschaut.

»Ja, dann haben wir wohl sehr unterschiedliche Kindheitserfahrungen.«

Er lehnt sich zurück und verschränkt die Hände hinter dem Kopf.

»Ich bin nie Teil irgendeiner Gang gewesen, obwohl ich das weiß Gott gern gewollt hätte, ich war der Kumpel von allen.«

Ein Mädchen kommt an ihren Tisch und fragt nach Emma und Viggo, Veronica zeigt auf den Pool. Tomas wartet, bis das Mädchen wieder verschwunden ist.

»Außerdem war ich viel zu schüchtern, um mich den coolen Typen anzuschließen. Ich hatte wohl auch nicht die richtige Ausstrahlung und vermutlich auch nicht das Selbstbewusstsein dazu. Und was Mädchen anging, so fühlte ich mich immer ein bisschen wie Bambi auf dem Eis, unsicher und nervös.«

Der Stuhl knarrt, als er sich bewegt.

»Bei dir hätte ich niemals eine Chance gehabt. Du und Oskar, ihr spielt in derselben Liga. So erscheint es einem zumindest, wenn man siebzehn ist, und so sieht es auch mit fünfunddreißig noch aus. Aber es ist in Ordnung, in eurer Liga würde ich mich vermutlich auch gar nicht wohlfühlen, ich käme mir unecht vor.«

Überrascht hebt sie die Augenbraue, und Tomas sieht peinlich berührt aus.

»Entschuldige, ich wollte damit nicht sagen, du seist nicht echt, aber so kam es mir bei den toughen Leuten in meiner Klasse immer vor, dass es bei ihnen vor allem um Äußerlichkeiten ging. Und auf der anderen Seite bin ich selbst wahrscheinlich auch nicht viel echter, passe mich auch immer meiner Umgebung an.«

Tomas winkt der Kellnerin erneut, und jetzt sieht sie ihn, sie winkt zurück und gibt ihm zu verstehen, dass sie gleich herüberkommt.

»Das ist vielleicht nicht gerade die beste Einstellung der Welt, aber es kann ganz praktisch sein. Man gehört überall dazu und braucht sich niemals richtig einsam zu fühlen. Aber manchmal finde ich es auch zum Kotzen.«

Veronica nickt nachdenklich.

»Ich verstehe, was du meinst.«

Sie betrachtet die dunkle Locke, die ihm in der Stirn klebt, das Grübchen in seiner Wange. Findet ihn eigentlich ganz süß. Und ist fasziniert, dass er sich traut, über seine Unsicherheit zu sprechen, ohne Angst, etwas Falsches zu sagen. Wenn sie selbst in persönlichen Gesprächen über Liebesbeziehungen spricht, gibt sie niemals ihre Angst zu, dass Oskar sie verlassen könnte. Eine Angst, die sie über große Teile ihres Erwachsenenlebens immer wieder gelähmt hat. Sie bemerkt, dass Tomas sie schon wieder beobachtet. Ein kleines Lächeln umspielt seine Mundwinkel.

»Wo bist du denn gerade?«

Sie errötet, schüttelt unmerklich den Kopf.

»Ach, Erinnerungen. Wie ist das jetzt eigentlich, kommt heute noch mal eine Kellnerin vorbei? Du hast doch schon vor einer ganzen Weile nach ihr gewinkt.«

Tomas verdreht die Augen.

»Tja, irgendwie scheine ich heute unsichtbar zu sein. Ich gehe zur Pool-Bar und hole mir so einen Frucht-Drink. Willst du auch einen?«

Sie nickt.

»Ja, gerne.«

Er drängelt sich zwischen den Tischen hindurch, diesmal etwas selbstsicherer, sagt etwas zu Emma und Viggo, als er am Pool vorbeikommt, und die beiden lachen. Wahrscheinlich hat er ihnen noch ein Eis versprochen, so wie sie jubeln. Sie dreht den Kopf und schaut ein letztes Mal zur Rezeption hinüber, obwohl sie eigentlich nicht mehr daran glaubt, Oskar dort zu entdecken. Sie flucht innerlich, zählt bis zehn und nimmt dann ihr Buch wieder heraus. Sie versucht noch einmal zu lesen, aber es gelingt ihr nicht.

***

Der Tuk-Tuk-Fahrer sagt nichts, aber er schaut Oskar, der ganz blass im Gesicht ist, bald neugierig, bald besorgt an. Er fährt, so schnell es das kleine Fahrzeug erlaubt, reicht dem kranken Mann eine Flasche lauwarmes Wasser. Oskar bedankt sich und trinkt gierig, er ist vollkommen ausgetrocknet, vom Alkohol, aber auch von der Hitze.

Das Krankenhaus liegt weiter südlich auf der Insel. Es ist ein ordentliches Stück, im Tuk Tuk eine halbe Stunde bei Höchstgeschwindigkeit. Oskar schwitzt, zwischen seinen Beinen pocht es. Als der Fahrer kräftig bremst, fliegt ihm die Flasche aus der Hand. Ein kleiner Junge ist direkt vor ihnen über die Straße gerannt. Er sieht erschrocken aus, ist in Viggos Alter, vielleicht etwas jünger. Oskar muss an seine Kinder denken. Sie wundern sich bestimmt, wo er ist. Kurz macht sich sein schlechtes Gewissen bemerkbar, dann bringt ihn der Schmerz wieder zurück in die Gegenwart.

Dem Jungen ist nichts passiert. Er läuft in ein Haus auf der anderen Straßenseite. Oskar bückt sich mühsam und hebt die Flasche auf. Der Fahrer beschleunigt wieder das Tempo. Es sind einige Kilometer schlecht asphaltierter Straße. Dann endlich entdeckt Oskar das große Gebäude des Krankenhauses von Koh Lanta. Der Mann fährt ihn direkt vor den Haupteingang. Oskar stolpert hinein und versucht an der Rezeption sein Anliegen zu erläutern. Doch das ist nicht nötig. Die Schwester dort sieht gleich, wie schlecht es ihm geht, sofort spritzt sie ihm ein Schmerzmittel. Gleichzeitig wird ein Bett herangerollt, starke Arme heben ihn hoch und er dämmert weg. So merkt er nicht, wie das Laken weggezogen wird und ein Arzt ihn mit gerunzelter Stirn untersucht. Auch von der Narkose bekommt er nichts mit.

Als er einige Stunden später aufwacht, liegt er in einem kahlen Zimmer in einem Krankenhausbett. Seine Sachen hängen über der Stuhllehne. Ein paar Meter vom Bett entfernt stehen ein Regal und ein Tisch, und es gibt ein Waschbecken, ansonsten ist das Zimmer leer. Er ist allein. Es tut jetzt nicht mehr ganz so weh, es ist eher ein diffuser, anhaltender Schmerz. Die Tür öffnet sich und eine Ärztin kommt herein.

»Wie geht es Ihnen?«

»Tja, es könnte besser sein.«

Er versucht zu lächeln, sie erwidert es nicht.

»Wir haben Sie genäht. Sie haben eine ziemlich üble Wunde im Analbereich, die nicht recht aufhören will, zu bluten.«

Die Ärztin schaut in den Bericht.

»Und wir haben Ihnen Morphium zur Schmerzlinderung gegeben.«

Sie sieht ihn forschend an.

»Was ist passiert?«

Oskar schließt kurz die Augen, auf diese Frage ist er nicht vorbereitet. Wenn er die Wahrheit sagt, werden sie die Polizei einschalten, und dann erfährt Veronica alles.

»Ich kann mich nicht erinnern.«

Die Ärztin scheint ihm nicht zu glauben.

»Ach, es war nur ein Sexspiel, das ein bisschen ausgeartet ist. Ich und mein Freund haben gestern ordentlich einen drauf gemacht, dann sind wir nach Hause und hatten Sex.«

Er schweigt kurz, schließt erneut die Augen. Die kaputte Flasche fällt ihm ein.

»Und … dann hat er eine Flasche benutzt. Sie war wohl kaputt, denn als ich heute Morgen aufgewacht bin, habe ich gemerkt, dass ich blutete und furchtbare Schmerzen hatte. Dann bin ich hergekommen.«

Er ist nicht sicher, ob sie ihm glaubt, dass weiße homosexuelle Männer so bescheuert sind, sich in einer heißen Liebesnacht freiwillig grob misshandeln zu lassen, oder ob sie einfach nur will, dass er sich noch etwas ausruht. Jedenfalls stellt sie ihm keine unangenehmen Fragen mehr.

»Sie haben Glück gehabt«, sagt sie stattdessen. »Die Wunde ist nicht groß, aber eben an der falschen Stelle, ein großes Blutgefäß ist gerissen. Wären Sie nicht so schnell hier gewesen, hätte es richtig schlimm ausgehen können.«

»Werde ich bleibende Schäden davontragen?«

»Nein, das glaube ich nicht, aber es wird noch eine ganze Weile wehtun, vor allem der Toilettengang könnte sehr schmerzhaft werden.«

Zum ersten Mal glaubt er, so etwas wie Sympathie in ihrer Stimme zu hören.

»Doch wenn man sich vorstellt, was hätte passieren können, finde ich, dass Sie Glück gehabt haben. Ich gebe Ihnen ein Abführmittel mit, benutzen Sie das in den nächsten Tagen, dann wird es nicht ganz so wehtun. Wann fliegen Sie zurück nach Schweden?«

»Am Montag.«

Sie reicht ihm einen Blister mit Tabletten und eine Kopie des Untersuchungsberichts.

»Okay. Sobald Sie zu Hause sind, lassen Sie sich noch einmal untersuchen und dann gehen Sie regelmäßig hin, um die Wunde kontrollieren zu lassen. Hier haben Sie auch Schmerzmittel, die reichen müssten, bis Sie wieder in Schweden sind. Nehmen Sie alle sechs Stunden eine, wenn es sehr weh tut. Und keinen Alkohol!«

Er steckt den Zettel und die Medikamente in die Taschen seiner Shorts auf dem Stuhl neben seinem Bett.

»Versprochen. Und vielen Dank.«

»Wollen Sie Anzeige gegen Ihren Freund erstatten?«

Er zuckt zusammen. »Nein, nein, nicht nötig. Er war betrunken, er wollte mir nicht wehtun.«

Sie schaut ihn noch einmal an, als würde sie ihm kein Wort glauben, doch dann scheint sie einzusehen, dass es keinen Sinn hat, zu insistieren. Was auch immer passiert ist, ganz salonfähig ist es nicht, aber ihr Patient hat offensichtlich entschieden, keine Polizei einzuschalten. Sie geht zum Waschbecken und füllt einen Plastikbecher.

»Okay. Hier haben Sie Wasser. Nehmen Sie jetzt eine Tablette, dann können wir Sie gegen Mittag entlassen.«

Oskar nimmt den Becher entgegen und schluckt die Tablette. Die Ärztin nickt ihm noch einmal zu und geht dann hinaus. Er legt sich hin, schließt die Augen und schläft ein.

Als er aufwacht, ist es halb zwölf. Scheiße, er muss zurück ins Hotel. Veronica ist sicher außer sich vor Sorge. Und wahrscheinlich ziemlich sauer. Er zieht sich an, die Tabletten dämpfen den Schmerz und er kann sich fast normal bewegen. Er fragt sich zur Rezeption durch und hinterlässt die Angaben, die das Krankenhaus von ihm benötigt. Dann tritt er in den grellen Sonnenschein hinaus und ruft ein Tuk Tuk. Er erspart es sich, einen Preis auszuhandeln, und steigt ein. Jetzt, wo die schlimmsten Schmerzen vorbei sind, kann er wieder klarer denken. Er zieht die Kopie des Arztberichts heraus, liest, dass die Wunde ein ganzes Stück in den Analbereich hineinreicht. Ist seine erfundene Erklärung wahrer, als er gedacht hat? Hat derjenige, der ihn niedergeschlagen hat, die Gelegenheit genutzt, ihm eine kaputte Bierflasche in den Arsch zu schieben, nachdem er das Bewusstsein verloren hatte? Denn wie hätte man ihm so eine Wunde mit dem Messer zufügen sollen?

Oskar gibt einen verärgerten Laut von sich, und der Fahrer dreht sich um. Kurz darauf stellt Oskar erleichtert fest, dass sie am Hotel angelangt sind. Unbeholfen klettert er aus dem Taxi, steckt die Hand in die Hosentasche und zieht ein paar zerknitterte Scheine heraus, die er dem Mann gibt. Dabei wird ihm plötzlich klar, was das bedeutet. Das Geld ist noch da. Er ist nicht ausgeraubt worden. Oder ist sein Handy … Rasch fährt er noch einmal mit der Hand in die Hosentasche. Nein, da ist es. Selbst sein Ehering aus echtem Gold ist noch da. Plötzlich wird ihm eiskalt. Derjenige, der ihn niedergeschlagen hat, wollte nicht an sein Geld. Aber worum ging es ihm dann?

ALVIKS STRAND

Freitag, 26. Februar 2010

Die vorletzte Mail macht ihn stutzig. Reisendertyp@hotmail.com. Was für eine alberne Adresse! Zerstreut fragt Jonas sich, was diese Nachricht in seinem dienstlichen E-Mail-Account zu suchen hat. Bestimmt ein Urlaubsgruß von irgendeinem Kumpel, mit einem Foto von einem schneeweißen Sandstrand, bunten Cocktails und hübschen Frauen im Bikini.

Er ist zwei Tage auf Dienstreise gewesen und hat dem Provinziallandtag von Gävle Län ein neues System verkauft. Ein großer Auftrag, der größte in seiner bisherigen Laufbahn. Jetzt freut er sich darauf, Kalle abzuholen. Während er fort war, ist Kalle bei seiner Mutter gewesen, denn auch Mia hat ein paar Tage außerhalb zu tun gehabt. Bevor er zur Kita fährt, hatte er aber noch eben die vielen ungelesenen Mails überfliegen wollen, um zu sehen, ob irgendetwas Dringendes dabei ist. Ein Urlaubsgruß fällt natürlich nicht in diese Kategorie, aber andererseits wird es auch nicht viel Zeit in Anspruch nehmen, ihn zu lesen. Er klickt die Nachricht an und schreckt zurück, als er das Foto sieht. Es ist ein wenig verschwommen, aber man kann gut erkennen, dass darauf eine Frau oder ein junges Mädchen zu sehen ist, die allem Anschein nach schlafend oder sogar leblos bäuchlings auf einem Bett liegt. Sie ist nackt bis auf ein Paar rote Pumps. Unter dem Bild leuchtet eine rote Textzeile:

Weiß deine Frau, dass du auf Hardcore stehst, Jonas?

Er kann sich nicht bewegen, kaum atmen, schaut zur Tür, um sich zu vergewissern, dass sie geschlossen ist und die Gardinen zugezogen sind. Er will nicht, dass ein Kollege hereinkommt und sieht, was er gerade sieht. Dann schaut er erneut auf das Foto, seine Hand zittert, als er es vergrößert. Gegen seinen Willen wird er dreizehn Jahre in der Zeit zurückversetzt. In ein Zimmer in Visby. Zu einem Geschehnis, das er mehr als zehn Jahre bewusst verdrängt hat. Auch hat er keinerlei Kontakt mehr zu den beiden anderen gehabt, seit das Urteil gesprochen wurde. Damals, bevor er die Erinnerung dauerhaft in sein Unterbewusstsein verschoben hat, dachte er manchmal, es wäre besser gewesen, wenn er bestraft worden wäre oder was auch immer, um diesem lähmenden Schuldgefühl zu entkommen. Auch hat er niemals gewagt, Mia davon zu erzählen. Er ist sich nicht sicher, ob sie ihm das je verzeihen würde. Und so ist es zu einem Geheimnis geworden, von dem er gehofft hat, es einmal mit ins Grab nehmen zu können.

Noch einmal betrachtet er das Foto. Kein Zweifel, das Bild ist von damals. Es ist Josefin Nilsson, die da auf dem Bett liegt, und er, Jonas, hat sie so fotografiert. Sie sieht jung aus. Verletzlich und ausgeliefert. Wie hat er das nur tun können?

Er steht auf, geht zum Fenster, öffnet es und atmet die eiskalte Luft ein. Überlegt, wie es Josefin wohl nach dem Freispruch ergangen ist, wie es ihr heute geht. Er selbst befindet sich dreizehn Jahre später in einem schicken Büro in Alviks Strand. Er ist mit einer Frau zusammen, die ihm vermutlich eine schallende Ohrfeige verpassen und ihn anschließend aus ihrem Leben werfen würde, wenn sie erfahren würde, was damals passiert ist. Er hat einen zweijährigen Sohn, und er glaubt, dass er heute etwas mehr Selbstbewusstsein hat als damals, aber was nützt ihm das? Jemand hat ihm gerade ein Foto geschickt, von dem er immer gedacht hat, dass es nur einmal existiert und sich bei Oskar befindet. Es war Oskars Kamera, mit der er damals fotografiert hat. Aber er war immer davon ausgegangen, dass Oskar den Film anschließend vernichtet hätte, weil er im Gerichtsverfahren als Beweis gegen sie hätte verwendet werden können. Aber die Mail, die er gerade bekommen hat, spricht eine andere Sprache. Hat Oskar den Film also doch entwickeln lassen? Und wer hat jetzt Zugang zu den Bildern, sodass er eines davon an Jonas schicken konnte?

Er liest den Satz noch einmal und stellt fest, dass die Person zumindest nicht zu seinem näheren Bekanntenkreis gehören kann, denn dann hätte sie gewusst, dass er nicht mit Mia verheiratet ist, sondern nur mit ihr zusammenlebt. Dass Oskar selbst es geschickt hat, ist eher unwahrscheinlich, er wäre derjenige, der am meisten zu verlieren hätte, wenn die ganze Geschichte herauskäme. Zwar hat Jonas lange keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt, doch aus der Ferne hat er seine Karriere verfolgt, vor allem in den Medien. Ehemals hochgelobter Fußballstar und mittlerweile Vortragsreisender und Verfasser einer Väter-Kolumne. Bei Letzterem handelt es sich wahrscheinlich eher um ein PR-Ding als um echtes Interesse an Kindern, aber Jonas muss zugeben, dass die Kolumne stark zu dem durchweg positiven Image von Oskar in der Öffentlichkeit beigetragen hat.

Das Klingeln seines Handys weckt ihn aus seinen Gedanken. Er schließt das Fenster und nimmt den Anruf an.

»Ja, Jonas hier.«

»Hallo Jonas, hier ist Petra von der Kita. Ich wollte nur mal hören, ob Sie schon auf dem Weg sind.«

Er schaut auf die Uhr. Viertel nach fünf. Wie lange hat er am Fenster gestanden? Er greift nach der Jacke, die über seiner Stuhllehne hängt und packt den Laptop ein. Petra sagt er, er sei unterwegs. Dann setzt er sich ins Auto und fährt Richtung Södermalm. Dabei geht ihm immer wieder dieser Satz durch den Kopf: Weiß deine Frau, dass du auf Hardcore stehst, Jonas?

KOH LANTA

Freitag, 26. Februar 2010

»Oskar!« Veronica springt von ihrem Stuhl auf. Tomas dreht den Kopf und sieht Oskar die Restauranttreppe heraufkommen. Er trägt nur Shorts, dieselben wie am Vorabend, das T-Shirt hält er locker in der Hand. Mit seinem braungebrannten, muskulösen Oberkörper zieht er die Blicke der anderen auf sich. Dazu das sonnengebleichte Haar und die dunkle Pilotenbrille – ein cooler Typ. Tomas seufzt resigniert und ein bisschen eifersüchtig. Das Einzige, was darauf hindeutet, dass Oskar nicht so in Form ist, wie es auf den ersten Blick scheint, ist sein etwas steifer Gang, bei jedem Schritt hält er kurz inne. Seinen Blick kann Tomas nicht erkennen, die dunklen Gläser verbergen jede Spur von Reue, Scham, Schuldgefühl, Kater oder etwas anderem, was einem Mann, der die ganze Nacht und einen Großteil des darauffolgenden Vormittags fern seiner Familie verbracht hat, ins Gesicht geschrieben stehen könnte.

Veronica läuft Oskar entgegen, sie stolpert fast vor Eifer. Und inzwischen sieht sie eher erleichtert als wütend aus. Endlich ist er wieder da. In drei Tagen ist ihr Urlaub zu Ende.

»Oskar, wie geht es dir, wo bist du gewesen?«

Sie spricht leise, damit keiner sie hört.

»Entschuldige. Ich habe zu viel getrunken und bin dann einfach aus den Latschen gekippt.«

Er will sich auf einen freien Stuhl setzen, verzieht aber das Gesicht und steht gleich wieder auf, dabei legt er eine Hand auf ihre Schulter. Es ist nicht zu erkennen, ob er sich festhalten will oder ob es eine Geste der Versöhnung ist.

»Ich war plötzlich einfach weg, im Marlin. Der Besitzer hat mich wohl meinen Rausch ausschlafen lassen, ich bin erst gegen zwölf wieder aufgewacht. Tut mir wirklich leid.«

Sie sieht ihn forschend an, weiß, dass sein Geständnis zumindest teilweise gelogen ist. Er hat nicht im Marlin geschlafen. Er ist ohne Tomas von dort weggegangen und nicht zurückgekommen. Außerdem klingen seine Sätze einstudiert und viel zu kleinlaut. Normalerweise würde sich Oskar nicht so offensichtlich für ein Besäufnis schämen oder sich gar zu einer Entschuldigung herablassen. Nicht einmal, wenn er die ganze Nacht weggewesen wäre.

»Du hast nicht im Marlin geschlafen«, sagt sie, wobei sie in Tomas’ Richtung blickt, der immer noch am Tisch sitzt. Inzwischen schaut er zu ihnen herüber, vermutlich verfolgt er ihr Gespräch.

»Tomas hat gesagt, du bist noch in eine Karaoke-Bar gegangen, ohne ihn.«

Jetzt spricht sie etwas lauter, die anderen Gäste sind ihr plötzlich egal.

»Also, wo warst du?«

Auf Oskars Stirn bildet sich eine steile Falte und er atmet heftiger.

»Ich sag doch, ich war plötzlich weg.«

Er lässt ihre Schulter los.

»Hab gedacht, das wäre im Marlin gewesen, aber jetzt, wo du es sagst, fällt mir wieder ein, dass ich noch woandershin gegangen bin. Tomas wollte nicht mit, er meinte, er wäre schon zu betrunken.«

Veronica verflucht Oskars Sonnenbrille, die es unmöglich macht, ihm in die Augen zu schauen.

»Komisch, dass du dachtest, du wärst im Marlin umgekippt, wenn du doch gerade eben in einer anderen Bar aufgewacht bist. Scheinbar funktioniert dein Gedächtnis immer noch nicht wirklich.«

Ihre Stimme ist eiskalt. Nicht genug damit, dass er sich wie ein richtiges Schwein verhalten hat, er wagt es auch noch, ihr ins Gesicht zu lügen.

»Wo genau ist es denn nun passiert? In einer Bar oder doch irgendwo anders? Und mit wem bist du dort gewesen?«

»Ist das jetzt ein Verhör, oder was?«, faucht er.

Mittlerweile hat er zwei Falten auf der Stirn und seine Gesichtsfarbe ist deutlich dunkler. Wütend tritt er einen Schritt zurück, hält aber mitten in der Bewegung inne, greift sich ans Gesäß und gibt einen Schmerzenslaut von sich. Fragend sieht sie ihn an.

»Bist du verletzt?«

»Nein.«

Er stützt sich schwer auf den Tisch, Schweißperlen treten ihm auf die Stirn.

»Aber mir geht es nicht so gut. Ich bin müde und verkatert, ich bin gerade erst nach Hause gekommen, und ich habe gesagt, dass es mir leidtut. Kannst du nicht wenigstens ein bisschen Mitgefühl mit mir haben?«

Jetzt explodiert Veronica. Die ganze angestaute Wut des Vormittags bricht aus ihr hervor.

»Mitgefühl willst du also?«, zischt sie leise und tritt einen Schritt auf ihn zu, wodurch sie den Abstand zwischen ihnen wieder verkleinert.

»Dann sieh zu, dass du mir endlich sagst, was passiert ist. Es ist ein Uhr Mittag, geht das in deinen Kopf? Ein Uhr! Die Kinder haben nach dir gefragt, Tomas auch, und ich habe mir wahnsinnige Sorgen gemacht. Und jetzt will ich wissen, wo du gewesen bist, und zwar diesmal die Wahrheit. Dann werde ich entscheiden, ob du Mitgefühl verdienst oder nicht.«

Oskar sieht sie überrascht an, er wirkt plötzlich unsicher und als er antwortet, klingt er geradezu zerknirscht.

»Entschuldige, Veronica. Ich kann dir alles ganz genau erklären, wenn du willst.«

Er unterbricht sich und bestellt eine Flasche Wasser bei dem Kellner, der gerade vorbeikommt.

»Tomas hat dir ja erzählt, dass wir nach dem Essen ins Marlin weitergezogen sind, da waren wir beide schon ziemlich betrunken. Dort habe ich mich mit einer vom Personal unterhalten und die hat mich gefragt, ob wir noch woandershin wollten, wo es stärkere Sachen gäbe. Tomas hatte keine Lust und ist zurück ins Hotel, aber ich bin noch mit ihr in eine kleine Bar in der Nähe, wo sie Kokain verkaufen.«

Veronica hebt eine Augenbraue.

»Und dann?«

»Dann muss ich vom Stuhl gekippt sein, denn danach kann ich mich an nichts mehr erinnern, bis ich vor einer Stunde aufgewacht bin und gemerkt habe, dass ich nicht in meinem Bett lag.«

Treuherzig sieht er sie an.

»Es tut mir wirklich furchtbar leid. Ich wollte dir nichts von den Drogen sagen, und ich schäme mich zutiefst, dass ich um diese Tageszeit zu dir und den Kindern zurückkomme. Du hast dir bestimmt furchtbare Sorgen gemacht, aber es ist das erste Mal, dass das passiert ist.«

Der Kellner kommt mit dem Wasser und Oskar lässt es aufs Zimmer aufschreiben.

»Verzeih mir.«

Er beugt sich vor und streicht ihr mit der Hand über die Wange. Diesmal ist klar, dass es ein Friedensangebot ist. Doch die Geste stimmt sie keineswegs milder, sie fröstelt, obwohl es hier am Pool ziemlich heiß ist. Möglich, dass Oskar die Wahrheit sagt, wahrscheinlicher ist, dass er lügt. Aber solange sie keine Beweise hat, kann sie nichts tun. Schaudernd zieht sie sich zurück.

»Ich muss den Kindern sagen, dass du wieder da bist«, murmelt sie. »Sie haben den ganzen Morgen nach dir gefragt.«

Sie dreht sich um und geht Richtung Pool.

»Emma, Viggo, Papa ist wieder da!«

Sie schauen in die Richtung, in die sie zeigt.

»Papa!«

Emma springt aus dem Pool und läuft zu Oskar, wohl in der Hoffnung, dass er gleich mit ins Wasser kommt. Viggo ist ihr dicht auf den Fersen. Veronica setzt sich an den Beckenrand, sie ist dankbar, dass die beiden die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die sie jetzt nicht haben will. Aus dem Augenwinkel sieht sie Tomas, der zu ihr herüberkommt.

»Was hat er gesagt?«, fragt er und setzt sich neben sie. Veronica taucht ihre Zehen ins Wasser. Es ist lauwarm.

»Er sagt, er hätte in einer Bar Kokain genommen und wäre dann vom Stuhl gekippt und nicht vor zwölf wieder aufgewacht.«

Sie versucht an Tomas’ Blick abzulesen, was er von Oskars Erklärung hält, doch der lässt keine Reaktion erkennen.

»Er geht irgendwie komisch«, sagt er nur. »Ich frage mich, ob er gestürzt ist und sich am Bein verletzt hat.«

»Alles klar, Oskar? Hast du dich verletzt?«, fragt er, als Oskar und die Kinder zu ihnen herüberkommen.

»Ach, ich bin ausgerutscht und habe mich gezerrt.

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