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Die erstaunliche Familie Telemachus

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. 1995
    1. 1
    2. 2
    3. 3
    4. 4
  8. JULI
    1. 5
    2. 6
    3. 7
    4. 8
    5. 9
  9. AUGUST
    1. 10
    2. 11
    3. 12
    4. 13
    5. 14
  10. DER ABGRUND
    1. 15
  11. SEPTEMBER
    1. 16
    2. 17
    3. 18
    4. 19
    5. 20
  12. 4. SEPTEMBER
    1. 21
      1. BUDDY
      2. MATTY
      3. TEDDY
      4. IRENE
      5. FRANKIE
    2. 22
      1. BUDDY
      2. MATTY
      3. TEDDY
      4. IRENE
      5. FRANKIE
    3. 23
      1. BUDDY
      2. MATTY
      3. TEDDY
      4. IRENE
      5. FRANKIE
    4. 24
      1. BUDDY
      2. MATTY
      3. TEDDY
      4. IRENE
      5. FRANKIE
  13. OKTOBER
    1. 25
      1. FRANKIE
      2. IRENE
      3. TEDDY
      4. MATTY
      5. BUDDY
      6. MATTY
  14. DANKSAGUNG

Über dieses Buch

Auf den ersten Blick ist Matty Telemachus ein typischer vierzehnjähriger Junge mit den typischen Problemen eines vierzehnjährigen Jungen. Aber Matty ist alles andere als normal und seine Familie ist es schon gar nicht. Als Matty entdeckt, dass er über ungewöhnliche Fähigkeiten verfügt, macht er sich auf die Suche nach dem lange gehegten Familiengeheimnis: Sind seine Verwandten wirklich Medien, beherrschen sie Telepathie, Telekinese und vielleicht noch andere Kräfte?

Ein umwerfender Roman über eine ganz besondere Familie und die unsichtbaren Kräfte, die uns alle zusammenhalten.

Über den Autor

Daryl Gregory wurde für seine Romane, Erzählungen und Comics vielfach ausgezeichnet. Seine Novelle Uns geht’s allen total gut gewann 2015 den World Fantasy Award und den Shirley Jackson Award. Gregory lebt in Oakland, Kalifornien.

DARYL GREGORY

Die erstaunliche
FAMILIE
TELEMACHUS

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Roman

»Man könnte meinen, dass das, was diese Dinge bewirkt,
nicht will, dass man sie beweist.«

URI GELLER

1995

JUNI

1

Matty

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Zum ersten Mal verließ Matty Telemachus seinen Körper im Sommer 1995, als er vierzehn Jahre alt war. Vielleicht ist es zutreffender zu sagen, dass sein Körper ihn hinauswarf, sein Bewusstsein auf einem Geysir aus Lust und Scham in die Luft katapultierte.

Als es geschah, kniete er gerade in einer engen Kammer, eine schwitzige Hand gegen die kreidige Gipskartonwand gedrückt, das rechte Auge auf Höhe der Öffnung einer nicht angeschlossenen Steckdose. Auf der anderen Seite der Wand waren seine Cousine Mary Alice und ihre dicke blonde Freundin. Janice? Janelle? Vermutlich Janelle. Die Mädchen – beide zwei Jahre älter als er, im zweiten Highschooljahr, Frauen – lagen nebeneinander mit aufgestützten Ellbogen auf dem Bett, die Köpfe ihm zugewandt. Janelle trug ein mit Pailletten besetztes T-Shirt, aber Mary Alice – die ein Jahr zuvor verkündet hatte, nur noch auf den Namen »Malice«, Bösartigkeit, zu hören – trug ein übergroßes, rotes Flanellhemd, das ihr von den Schultern hing. Sein Blick wurde von dem aufklaffenden Kragen des Hemdes angezogen und folgte der Wölbung ihrer Haut in die Schatten hinein. Er war sich ziemlich sicher, dass sie einen schwarzen BH trug.

Sie sahen sich ein Schuljahrbuch an und hörten Musik über Mary Alice’ Discman, indem sie sich einen Schaumstoffkopfhörer teilten wie eine Wünschelrute. Die Musik war für Matty nicht zu hören, doch selbst wenn, war es wahrscheinlich keine Band, die er kannte. Jemand, der sich selbst Malice nannte, würde niemals Popmusik tolerieren. Einmal hatte sie ihn dabei erwischt, wie er Hootie & the Blowfish summte, und die Verachtung in ihrem Blick hatte ihm die Kehle zugeschnürt.

Sie schien ihn grundsätzlich nicht zu mögen, obwohl es Beweise dafür gab, dass sie es einmal getan hatte: das Weihnachts-Polaroid einer vierjährigen Mary Alice, die seinen weißen Kleinkindkörper in ihre braunen Arme schloss. Doch in den sechs Monaten, seit Matty und seine Mom zurück nach Chicago und in Opa Teddys Haus gezogen waren, hatte er Mary Alice praktisch jede zweite Woche gesehen, und sie hatte kaum ein Wort mit ihm gesprochen. Er versuchte, genauso cool zu sein wie sie und so zu tun, als sei sie nicht im Raum. Dann ging sie an ihm vorbei, ihr Geruch nach Kaugummi und Zigaretten streifte ihn, und der rationale Teil seines Gehirns kam von der Straße ab und krachte gegen einen Baum.

Vor lauter Verzweiflung stellte er für sich selbst drei Gebote auf:

  1. Wenn deine Cousine im Zimmer ist, versuch nicht, ihr in den Ausschnitt zu gucken. Das macht man nicht.
  2. Vermeide lüsterne Gedanken an deine Cousine.
  3. Unter keinen Umständen darfst du dich selbst berühren, während du lüsterne Gedanken an deine Cousine hegst.

Heute Abend waren die ersten beiden Gebote bereits in Flammen aufgegangen, und das dritte stand kurz davor. Die Erwachsenen (außer Onkel Buddy, der das Haus eigentlich gar nicht mehr verließ) waren allesamt zum Abendessen in die Stadt gefahren, offenbar in irgendein schickes Restaurant, denn Mom hatte ihren Bewerbungsrock an, Onkel Frankie sah aus wie ein Immobilienmakler, mit seinem Jackett über dem Golfhemd, und Frankies Frau, Tante Loretta, hatte sich in einen lavendelfarbenen Hosenanzug gequetscht. Opa Teddy trug natürlich Anzug und Den Hut (für Matty war es immer Der Hut). Doch sogar diese Uniform war für den Anlass aufgewertet worden: mit goldenen Manschettenknöpfen, einem edlen Taschentuch, das aus seiner Brusttasche lugte, und seiner nobelsten, diamantenbesetzten Armbanduhr. Sie würden so spät zurück sein, dass Frankies Kinder hier übernachten sollten. Onkel Frankie rührte ein paar Liter Goji-Go!-Beerensaft an, platzierte feierlich einen Zwanzigdollarschein neben dem Krug und wandte sich an seine Töchter. »Ich will Wechselgeld«, sagte er zu Mary Alice. Dann zeigte er mit dem Finger auf die Zwillinge. »Und ihr beide versucht, nicht das verdammte Haus abzufackeln, alles klar?« Polly und Cassie, sieben Jahre alt, schienen ihn nicht gehört zu haben.

Streng genommen hatte Onkel Buddy die Aufsicht, doch alle Kinder wussten, dass sie den Abend für sich hatten. Buddy lebte in seiner eigenen Welt, auf einem Planeten mit hoher Anziehungskraft, den er nur unter großen Anstrengungen verlassen konnte. Er arbeitete an seinen Projekten, hakte die Tage des Kühlschrankkalenders mit pinkem Buntstift ab und sprach mit so wenigen Menschen, wie er nur konnte. Er machte noch nicht einmal dem Pizzaboten auf; Matty war es, der mit dem Zwanziger zur Tür ging und die zwei Dollar Wechselgeld sehr vorsichtig mitten auf dem Tisch platzierte.

Mithilfe einer perfekt getimten Choreografie gelang es Matty, Janelle-den-Eindringling und die Zwillinge auszumanövrieren und sich den Platz neben Mary Alice zu sichern. Er saß das ganze Abendessen hindurch an ihrer Seite, sich jedes Zentimeters hyperbewusst, der seine Hand von ihrer trennte.

Buddy nahm sich ein Stück Pizza und verschwand wieder im Keller. Das schrille Jaulen der Bandsäge war das Einzige, was sie in den nächsten Stunden von ihm hörten. Buddy, ein Junggeselle, der sein gesamtes Leben mit Opa Teddy in diesem Haus verbracht hatte, fing immerzu neue Projekte an – riss etwas ab, zimmerte etwas zusammen, tackerte über etwas drüber –, aber brachte nie eines zu Ende.

Genau wie das halbfertige Zimmer, in dem sich Matty gerade versteckte. Bis vor Kurzem waren dieses und das Nachbarzimmer Teil eines provisorisch ausgebauten Dachgeschosses gewesen. Buddy hatte zwar die alte Wärmedämmung entfernt, durch Trennwände Kammern geschaffen, Lampen angeschlossen, in beiden Zimmern Betten aufgestellt – dann aber etwas anderes angefangen. Diese Hälfte des Dachgeschosses war eigentlich Mattys Zimmer, doch die Kammer darin war zum Großteil mit alten Kleidern belegt, die nicht ihm gehörten. Buddy schien die alten Kleider und die Steckdosen dahinter vergessen zu haben.

Matty jedoch hatte sie nicht vergessen.

Janelle blätterte eine Seite des Jahrbuchs um und lachte. »Ooh! Dein Lover!«, sagte sie.

»Halt’s Maul«, sagte Mary Alice. Ihr dunkles Haar hing auf eine Weise vor ihren Augen, die ihn umhaute.

»Du willst das dicke Ding in den Mund nehmen, gib’s zu!«, sagte Janelle.

Mattys Oberschenkel verkrampften, aber er würde sich jetzt keinen Zentimeter bewegen.

»Halt die Fresse«, sagte Mary Alice. Sie stieß ihrer Freundin vor die Schulter. Janelle rollte sich lachend gegen sie, und als die Mädchen sich wieder aufrichteten, war das Flanellhemd von der Schulter seiner Cousine gerutscht und entblößte einen schwarzen BH-Träger.

Nein: einen dunkel-lila BH-Träger.

Gebot Nr. 3, Du sollst dich nicht selbst berühren, begann zu glimmen und zu qualmen.

Zwanzig fieberhafte Sekunden später wölbte sich Mattys Rücken, als würde ein heißer Draht daran reißen. Ein ozeanisches Getöse füllte seine Ohren.

Plötzlich hing er in der Luft, die Bolzen der schrägen Decke nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Er schrie, doch er hatte keine Stimme. Er versuchte, sich von der Decke abzustoßen, doch er stellte fest, dass er auch keine Arme hatte. Eigentlich überhaupt keinen Körper.

Nach einem Moment wanderte sein Blick, doch er schien keine Kontrolle über diese Bewegung zu haben; eine Kamera, die von ganz allein schwenkte. Der Boden des Zimmers drehte sich in sein Sichtfeld. Sein Körper war aus der Kammer gekippt und lag ausgestreckt auf dem Holzboden.

So sah er aus? Dieser schwabbelige Bauch, dieses picklige Kinn?

Die Augen des Körpers öffneten sich flackernd, und einen schwindelerregenden Moment lang war Matty zugleich Beobachter und Beobachteter. Der Mund des Körpers klappte erschrocken auf, und dann –

Es schien, als hätte jemand plötzlich die Fäden durchtrennt, die ihn in der Luft hielten. Matty stürzte hinab. Der Körper schrie: ein helles, mädchenhaftes Kreischen, das er als extrem peinlich empfand. Und dann krachten Bewusstsein und Fleisch ineinander.

Er sprang wie ein Flummi in seinem Körper herum. Als er sich wieder beruhigt hatte, blickte er durch seine Augen an die Decke, die sich jetzt in angemessener Entfernung befand.

Aus dem Nachbarzimmer kamen laute Schritte. Die Mädchen! Sie hatten ihn gehört!

»Alles okay! Alles okay!«, rief er. Er warf sich in die Kammer hinein.

Irgendwo lachte die Blonde. Mary Alice stand in der Tür zur Kammer, die Hände in die Hüften gestemmt. »Was machst du da drin?«

Er sah zu ihr auf. Die untere Hälfte seines Körpers war mit Frauenkleidern bedeckt, das oberste Kleid war orange gestreift und sah stark nach Siebzigerjahren aus.

»Ich bin gestolpert«, sagte er.

»Aha …«

Er machte keinerlei Anstalten aufzustehen.

»Was ist?«, fragte Mary Alice. Sie hatte eine Veränderung in seinem Gesichtsausdruck bemerkt.

»Nichts«, sagte er. Ihm war gerade ein übler Gedanke gekommen: Das sind Oma Mos Kleider. Ich habe gerade die Kleider meiner toten Großmutter entehrt.

Er stützte sich auf einen Ellbogen und versuchte, es bequem aussehen zu lassen, so als habe er gerade entdeckt, dass zwanzig Jahre alte Kleider sich perfekt als Bettwäsche eigneten.

Mary Alice setzte an, etwas zu sagen, doch dann fiel ihr Blick auf die Wand hinter ihm, direkt oberhalb seiner Schulter. Sie kniff die Augen zusammen. Durch reine Willenskraft schaffte Matty es, sich nicht umzudrehen und zu prüfen, ob sie die leere Steckdose ansah.

»Alles klar«, sagte sie. Sie trat einen Schritt zurück.

»Klar«, sagte er. »Danke. Alles gut.«

Die Mädchen verließen das Zimmer, und er drehte sich sofort um und verdeckte das Loch in der Wand mit dem orangefarbenen Kleid. Dann machte er sich daran, die Kleider und Mäntel wieder aufzuhängen: einen taillenlangen Kaninchenfellmantel, ein paar knielange Röcke, einen karierten Regenmantel. Eines der letzten Stücke befand sich in einer Reinigungshülle aus durchsichtigem Plastik. Es war ein langes, silbern schimmerndes Kleid, und bei seinem Anblick klingelte es tief in Mattys Gedächtnis.

Ah, dachte er. Stimmt. Das hatte Oma Mo auf dem Video an. Dem Video.

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Onkel Frankie hatte Matty das Video vier Jahre zuvor an Thanksgiving gezeigt. Frankie hatte eine Menge Rotwein getrunken, hatte losgelegt, sobald seine Frau, Loretta, die Gläschen mit dem Krabbencocktail ausgepackt hatte, und seine Sätze waren immer nachdrücklicher und dringlicher geworden. Er ereiferte sich über einen Kerl, der Der Sagenhafte Archibald hieß und der alles ruiniert hatte.

»Überleg mal, was wir hätten haben können«, sagte Frankie. »Wir hätten Könige sein können.«

Irene, Mattys Mom, lachte, was Frankie veranlasste, sie finster anzustarren. »Könige wovon?«, fragte sie.

Irene und Matty waren am Vorabend aus Pittsburgh angereist, und am Morgen hatten sie festgestellt, dass Opa Teddy nur den Truthahn gekauft hatte, sonst aber fast nichts; er erwartete, dass seine Tochter den Rest des Festmahls herbeizauberte. Jetzt, da sie das Essen hinter sich gebracht hatten, war der Tisch ein Schlachtfeld: zerstörter Kürbiskuchen, Reste von Rice Krispies Treats, sämtliche Weinflaschen leer. Matty war das letzte Kind, das noch auf seinem Stuhl saß. Er hatte es schon immer gemocht, bei den Erwachsenen zu sitzen. Die meiste Zeit hielt er sich unter dem Radar, sagte nichts, in der Hoffnung, dass sie ihn vergaßen und anfingen, interessante Dinge zu erzählen.

»Dieser talentbefreite Stümper konnte es bloß nicht ertragen, uns gewinnen zu sehen«, sagte Frankie.

»Nein, er war ein talentierter Mann, ein talentierter Mann«, sagte Opa Teddy vom Kopfende des Tisches aus. »Brillant sogar. Aber kurzsichtig.« Wie immer war er der bestgekleidete Mensch im ganzen Haus. Glänzend schwarzer Anzug, rosa Hemd, wilde Paisley-Krawatte, so breit wie eine Forelle. Opa zog sich immer so an, als wolle er zu einer Hochzeit oder Beerdigung, außer früh morgens oder kurz vorm Schlafengehen, wenn er herumlief, als wäre er ganz allein im Haus: ärmelloses Unterhemd, Boxershorts, schwarze Socken. Er schien überhaupt keine »Sportklamotten« oder »Arbeitskleidung« zu besitzen, was daran liegen mochte, dass er niemals Sport trieb oder arbeitete. Aber er war reich. Irene sagte, sie wisse nicht, woher das Geld komme, aber Matty stellte sich vor, dass er es alles beim Pokern gewonnen hatte. Opa Teddy, so hieß es, war der größte Falschspieler aller Zeiten. Er brachte Matty Seven Card Stud bei und saß stundenlang mit ihm am Küchentisch, bis Matty keine Pennys mehr übrig hatte. (Opa Teddy spielte immer um Geld und gab es nach dem Spiel niemals zurück. »Ein Messer kann man nicht an einem Schwamm schärfen«, sagte er immer, ein heiliges Gebot, an das Matty glaubte, ohne es komplett zu verstehen.)

»Archibald war ein notwendiges Übel«, sagte Opa Teddy. »Er war die Stimme der Skepsis. Hätte deine Mutter es ihm gezeigt, hätte das Publikum uns dafür geliebt. Wir hätten mit der Nummer in die Stratosphäre schießen können.«

»Er war böse«, sagte Frankie. »Ein verdammter Lügner und Betrüger! Der würde nicht mal zur Kommunion gehen, ohne die Hostie einzustecken.«

Opa Teddy gluckste. »Das ist doch alles Schnee von gestern.«

»Der war einfach nur neidisch«, sagte Frankie. »Er hat unsere Begabungen gehasst. Er wollte uns zerstören.«

Matty hielt es nicht mehr aus. Er musste einfach fragen. »Was hat der Typ denn getan?«

Frankie beugte sich über den Tisch und sah Matty direkt in die Augen. »Was er getan hat?«, sagte er mit tiefer, vor Emotion erstickter Stimme. »Er hat Oma Mo umgebracht, das hat er getan.«

Matty durchfuhr es eiskalt. Es war nicht bloß diese dramatische Aussage; es war der elektrische Schock, von seinem Onkel wahrgenommen zu werden. Gesehen zu werden. Onkel Frankie war immer nett zu Matty gewesen, aber er hatte nie so mit ihm geredet, als würde Matty wirklich eine Rolle spielen.

»Können wir bitte über was anderes reden?«, fragte Irene.

»Er hat sie umgebracht«, sagte Frankie. Er lehnte sich wieder zurück, behielt Matty aber fest im Blick. »Genau so, als hätte er ihr eine Pistole an den Kopf gehalten.«

Mattys Mom runzelte die Stirn. »Du glaubst das wirklich, stimmt’s?«

Frankie drehte den Kopf und starrte sie an. »Ja, Irene. Ja, das glaube ich.«

Loretta stand auf. »Ich geh eine rauchen.«

»Ich komme mit«, sagte Opa Teddy. Er erhob sich vom Tisch, strich seine Manschetten glatt und nahm ihren Arm.

»Du sollst nicht rauchen, Dad«, sagte Irene.

»Loretta raucht«, sagte er. »Ich rauche mit.«

Onkel Frankie winkte Matty. »Komm, es wird Zeit, dass ich dir was zeige.«

»Ich spüle nicht allein ab«, sagte Irene.

»Lass dir von Buddy helfen.« Er schlug seinem Bruder auf die Schulter – ein bisschen zu fest, fand Matty. Buddys Augenlider flackerten, doch sein Blick ging unverändert ins Leere. Er hatte die Angewohnheit, ganz ruhig dazusitzen und dabei immer mehr in sich zusammenzusacken, als würde er sich langsam in Pudding verwandeln.

»Lass ihn in Ruhe«, sagte Irene.

Buddy reagierte nicht. Seit er den Kuchen aufgegessen hatte, befand er sich wieder einmal im Trancezustand, starrte ins Nichts und lächelte nur manchmal vor sich hin oder formte mit dem Mund lautlos ein paar Worte. Sein Schweigen war Matty ein Rätsel, und die Erwachsenen sprachen nicht darüber, ein doppeltes Schweigen, das undurchdringlich für ihn war. Mattys Mom gab ihm nur Varianten von »So ist er halt« zur Antwort. Einmal hatte Matty den Mut aufgebracht, Opa Teddy zu fragen, wieso Buddy niemals redete, und der sagte: »Da musst du ihn selbst fragen.«

Frankie führte Matty ins Wohnzimmer, vor dessen Wand ein riesiger Schrankfernseher geparkt war wie ein Chrysler. Sein Onkel ließ sich davor schwer auf seinen Hintern fallen – wobei er sein Weinglas hochhielt und es schaffte, den Großteil des Weins nicht zu verschütten – und öffnete eines der Schrankfächer.

»So muss das sein«, sagte Frankie. Auf einem Regalboden stand ein Videorekorder, darunter lag ein Stapel VHS-Kassetten. Er nahm eine davon heraus, betrachte den Aufkleber und warf sie beiseite. So arbeitete er sich voran. »Ich hab Dad eine gegeben«, murmelte er vor sich hin. »Oder Buddy hat sie weggeschmissen, der Bekloppte – hey. Jetzt aber.«

Es war eine schwarze Kassettenhülle mit orangenen Streifen. Frankie nahm die eingelegte Videokassette aus dem Rekorder und schob die aus der Hülle hinein.

»Das ist unsere Geschichte«, sagte Frankie. Er schaltete den Fernseher ein. »Das ist unser Erbe.«

Auf dem Bildschirm drückte ein Supermarktangestellter wie verrückt auf einem Paket Klopapier herum. Frankie drückte die Play-Taste des Videorekorders, und nichts passierte.

»Du musst auf Kanal drei schalten«, sagte Matty.

»Ja, klar.« Der Drehknopf des Fernsehers fehlte, sodass nur der nackte Metallstift zu sehen war. Frankie griff nach der Nadelzange, die Opa Teddy auf dem Schrank verwahrte. »Das war mein erster Job. Opas Fernbedienung.«

Die Bilder wirkten so verschwommen wie etwas, das noch aus dem Antennenfernsehen aufgenommen worden war. Ein Moderator in Anzug und Krawatte saß in einer engen Kulisse, hinter ihm eine leuchtend gelbe Wand. » … und sie haben das Publikum im ganzen Land begeistert«, sagte er gerade. »Begrüßen Sie mit mir Teddy Telemachus und Seine Erstaunliche Familie!« Matty konnte die Großbuchstaben förmlich hören.

Der aufgezeichnete Applaus klang metallisch. Der Moderator stand auf und ging zu einer offenen Bühne, auf der seine Gäste verlegen herumstanden, einen guten Meter hinter einem Holztisch. Vater, Mutter und drei Kinder, allesamt in Anzügen und Kleidern.

Opa Teddy sah ziemlich genauso aus wie immer, bloß jünger. Gepflegt und voller Energie, den Hut nach hinten geschoben, wie ein Reporter von früher, der kurz davorstand, gleich die wahre Geschichte auszupacken.

»Wow, ist das Oma Mo?«, fragte Matty, obwohl es niemand sonst sein konnte. Sie trug ein glänzendes, silbriges Abendkleid, und sie war die Einzige aus der Familie, die aussah, als gehörte sie auf eine Bühne. Nicht nur, dass sie hollywoodmäßig schön war – denn das war sie, mit kurzem, dunklem Haar und großen Augen wie eine Ingenue der 1920er-Jahre. Es lag an ihrer Ruhe, ihrem Selbstvertrauen. Sie hielt die Hand eines niedlichen Onkel Buddy im Kindergartenalter. »Sie ist so jung.«

»Das war ein Jahr vor ihrem Tod, also war sie, so, dreißig«, sagte Frankie.

»Nein, ich meine, im Vergleich zu Opa Teddy.«

»Ja, na ja, da hat er sich schon was Frisches geangelt. Du kennst ja deinen Großvater.«

Matty nickte wissend. Er kannte seinen Großvater tatsächlich, aber nicht auf die Art, von der Onkel Frankie gerade sprach. »Oh ja.«

»Das hier ist die beliebteste Nachmittagssendung im ganzen Land, okay?«, sagte Frankie. »Mike Douglas. Millionen vor den Fernsehern.«

Auf dem Bildschirm zeigte der Moderator die verschiedenen Gegenstände auf dem Tisch: Blechdosen, Besteck, ein Stapel weiße Umschläge. Neben dem Tisch stand eine Art Mini-Glücksrad, das gut einen Meter hoch war, doch statt Zahlen waren zwischen den Speichen Bilder zu sehen: Tiere, Blumen, Autos. Mattys Mutter, Irene, musste ungefähr zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, auch wenn das grüne Samtkleid sie älter aussehen ließ. Genau wie ihr besorgter Blick. Matty war überrascht, dass dieser schon in ihrem so jungen Gesicht zu sehen war. Fest gepackt hielt sie den Arm ihres jüngeren Bruders, eines drahtigen, unruhigen Jungen, der sich aus seinem Anzug und der Krawatte herauswinden zu wollen schien.

»Bist du das?«, fragte Matty. »Du siehst nicht sehr glücklich darüber aus, da zu sein.«

»Ich? Du hättest mal Buddy sehen sollen. Das wurde so schlimm, dass – aber dazu kommen wir noch.«

Maureen – Oma Mo – antwortete gerade auf eine Frage des Moderators. Sie lächelte verschämt. »Also, Mike, ich weiß nicht, ob ›Gabe‹ das richtige Wort ist. Ja, ich denke, wir haben ein gewisses Talent. Aber ich glaube, dass jeder Mensch zu dem fähig wäre, was wir tun.«

Als sie »jeder Mensch« sagte, sah sie Matty an. Sie sah nicht die Kamera an oder das Publikum, das zu Hause saß und zusah – nur ihn. Ihre Blicke trafen sich, über eine Lücke von Jahren und elektronischer Verzerrung hinweg. »Oh!«, machte er.

Onkel Frankie warf ihm einen Blick zu und sagte: »Pass auf. Gleich bin ich dran.«

Opa Teddy erklärte dem Moderator, wie wichtig es sei, unvoreingenommen an die Sache heranzugehen. »In der richtigen, positiven Umgebung ist alles möglich.« Er lächelte. »Sogar Kinder können das.«

Der Moderator ging ungelenk neben Frankie in die Hocke. »Sag mal den Leuten, wie du heißt.«

»Ich kann mit meinen Gedanken Sachen bewegen«, sagte er. Vor Frankies Füßen war eine Linie aus weißem Klebeband zu sehen. Alle außer dem Moderator standen hinter dieser Linie.

»Ach, das kannst du!«

»Er heißt Franklin«, sagte seine Schwester.

Der Moderator hielt ihr sein Mikrofon hin. »Und du bist?«

»Irene.« Sie klang reserviert.

»Hast du eine besondere Fähigkeit, Irene?«

»Ich kann Gedanken lesen, sozusagen. Ich merke, wenn –«

»Wow! Willst du jetzt meine Gedanken lesen?«

Oma Mo legte Irene eine Hand auf die Schulter. »Willst du’s versuchen, Schatz? Wie fühlst du dich?«

»Gut.« Sie sah nicht so aus, als fühle sie sich gut.

Teddy schaltete sich ein und erklärte, dass Irene ein »menschlicher Lügendetektor« sei, »eine Wünschelrute für die Wahrheit, könnte man sagen! Nehmen wir mal diese Karten hier –« Er langte zum Tisch hinüber.

»Ich hole sie«, sagte Mike Douglas. Er griff nach einem großen Stapel übergroßer Spielkarten.

»Arschloch«, sagte Onkel Frankie.

»Was?«

»Pass auf«, sagte Frankie.

Auf dem Bildschirm sagte Teddy. »Das sind ganz normale Spielkarten. Und jetzt, Mike, mischen Sie bitte die Karten und wählen Sie eine aus, die Sie dann in die Kamera halten, für die Zuschauer zu Hause. Aber zeigen Sie sie nicht Irene.«

Mike Douglas ging zu einer der Kameras und hielt eine Karo-fünf vor die Linse. Er alberte ein bisschen damit herum.

»Das ist Ihre Gelegenheit, ein kleines Mädchen anzulügen«, sagte Teddy. »Stecken Sie die Karte zurück in den Stapel. Sehr gut, Mike, sehr gut. Ein wenig mischen … wunderbar. Jetzt strecken Sie bitte die Hand aus. Ich werde jetzt Karten ausgeben, unverdeckt. Alles, was Sie tun müssen, ist, Irenes Fragen zu beantworten. Und keine Sorge, sie fragt immer dasselbe, und es ist eine ganz einfache Frage.«

Opa Teddy legte dem Moderator eine Karte in die Hand. Irene sagte, »Mr Douglas, ist das Ihre Karte?«

»Leider nein, junge Dame.« Er blickte gespielt finster in die Kamera.

»Das ist wahr«, sagte Irene.

»So einfach ist das«, erklärte Opa Teddy dem Moderator. »Sie können Ja oder Nein sagen, ganz wie Sie wollen.« Er legte eine weitere Karte in seine Hand, und noch eine. Mike sagte bei jeder neuen Karte Nein, und Irene nickte. Dann sagte Mike: »Das ist meine.«

»Sie lügen«, sagte Irene.

Mike Douglas lachte. »Erwischt! Es war nicht die Pik-Dame.«

Weitere Karten wurden ausgegeben. Mike sagte jedes Mal »Nein«, doch bei der zehnten schüttelte Irene den Kopf.

»Das ist Ihre Karte«, sagte sie.

Der Moderator drehte seine Handfläche zur Kamera: Die oberste Karte war die Karofünf. Dann wandte er sich an Oma Mo. »Was antworten Sie, wenn jemand sagt, Ach, das sind doch gezinkte Karten? Die haben dem Mädchen beigebracht, sie zu erkennen?«

Oma Mo lächelte, kein bisschen verärgert. »Die Leute sagen alles Mögliche.« Sie hielt immer noch Buddys Hand. Er war so klein, dass sein Kopf nur knapp im Bild war.

Der Moderator griff in seine Jacketttasche und holte einen Umschlag hervor. »Ich habe hier ein paar Bilder mitgebracht. Jedes davon ist eine einfache geometrische Form. Du hast diesen Umschlag noch nie gesehen, richtig?«

Irene sah besorgt aus – allerdings hatte sie bereits von Anfang an besorgt ausgesehen.

»Bereit?«, fragte der Moderator. Er zog eine Karte aus dem Umschlag und sah sie sich konzentriert an.

Irene warf ihrer Mutter einen Blick zu.

»Einfache geometrische Formen«, sagte der Moderator.

»Sie brauchen Ihr nichts vorzusagen«, sagte Oma Mo.

»Sag mir, ob ich lüge«, sagte der Moderator. »Ist es ein Kreis?«

Irene runzelte die Stirn. »Äh …«

»Oder ein Dreieck?«

»Das ist nicht fair«, sagte Irene. »Sie dürfen mir keine Fragen stellen, Sie müssen –«

Onkel Frankie drückte einen Knopf, und das Bild fror ein. »Achte auf die Schüssel da.« Er zeigte auf eine kleine, halbrunde Metallschüssel. »Da ist Wasser drin. Alles klar?«

»Klar«, sagte Matty.

Frankie drückte auf Play. Auf dem Bildschirm sah Irene wütend aus. »Er macht es nicht richtig. Ich kann nicht Ja oder Nein sagen, wenn er ständig –«

Aus dem Off war Opa Teddys scharfe Stimme zu hören. »Frankie! Warte, bis du dran bist!«

Die Schüssel auf dem Tisch schien zu erzittern, und dann vibrierte der gesamte Tisch.

Die Kamera schwenkte zum kleinen Frankie. Er saß im Schneidersitz auf dem Boden und starrte auf den Tisch. Die Besteckteile klapperten, und die Schüssel fing an, hin und her zu wackeln.

»Vorsicht«, sagte Opa Teddy. »Sonst –«

Die Schüssel neigte sich ein Stückchen weiter, und Wasser schwappte über den Rand.

» … verschüttest du’s«, brachte Opa Teddy den Satz zu Ende.

»Heiliger Strohsack!«, sagte der Moderator. »Wir sind gleich wieder da.« Eine Band spielte, und dann kam die Werbung.

»Das warst du, Onkel Frankie?«, fragte Matty. »Cool.«

Frankie war in Rage. »Hast du die Scheiße mit den Bildern gesehen? Das war auch Archibalds Idee, der wollte uns am Arsch kriegen. Hat Douglas gesagt, dass wir nicht unser eigenes Material verwenden dürfen und ihm diese Zener-Karten gegeben.«

Matty wusste nicht, inwiefern das die Kraft seiner Mutter hätte beeinträchtigen sollen. Er wusste, dass man sie nicht anlügen konnte, genau wie er wusste, dass Opa Teddy lesen konnte, was in verschlossenen Umschlägen steckte, und dass Onkel Frankie mit seinen Gedanken Dinge bewegen konnte, und dass Onkel Buddy, als er klein war, die Ergebnisse von Spielen der Chicago Cubs hatte vorhersagen können. Dass sie übernatürliche Fähigkeiten hatten, war einer der Telemachus-Familienfakten derselben Kategorie wie die Tatsache, dass sie halb griechisch und halb irisch waren, Cubs-Fans und White-Sox-Hasser, und katholisch.

»Es wird noch schlimmer«, sagte Frankie. Er spulte die Werbung vor, verpasste das Wiedereinsetzen der Sendung, spulte zurück und dann noch einige Male hin und her. Oma Mo und Buddy standen nicht mehr auf der Bühne. Opa Teddy hatte den Arm um Irene gelegt.

»Da sind wir wieder, mit Teddy Telemachus und Seiner Erstaunlichen Familie«, sagte der Moderator. »Maureen musste sich um einen kleinen Familiennotfall kümmern –«

»Das tut mir leid«, sagte Teddy lächelnd. »Buddy, unser Jüngster, ist ein bisschen nervös geworden, und Maureen musste ihn beruhigen.« Er sagte das, als wäre Buddy noch ein Baby gewesen.

»Ist es okay, wenn wir weitermachen?«, fragte der Moderator.

»Natürlich!«, sagte Teddy.

»Was war mit Buddy?«, fragte Matty seinen Onkel.

»Gott, der hatte einen Zusammenbruch, hat geheult und geschrien. Deine Oma musste mit ihm hinter die Bühne gehen, damit er sich wieder einkriegt.«

Die Hand des Moderators lag auf der Schulter des jungen Frankie. »Vor der Unterbrechung schien der kleine Franklin hier – na ja, wie würden Sie es nennen?«

»Psychokinese, Mike«, sagte Opa Teddy. »Frankie hatte schon immer ein Talent dafür.«

»Der Tisch hat wirklich gewackelt«, sagte der Moderator.

»Das ist nicht ungewöhnlich. Ein Abendessen kann dadurch ziemlich aufregend werden, Mike, wirklich aufregend.«

»Das kann ich mir vorstellen! Und jetzt, bevor wir weitermachen, möchte ich Ihnen einen besonderen Gast vorstellen. Bitte begrüßen Sie den bekannten Magier und Autor, Den Sagenhaften Archibald

Ein kleiner, glatzköpfiger Mann mit einem absurden schwarzen Zwirbelbart trat ins Bild. Teddy schüttelte enttäuscht den Kopf. »Das erklärt einiges«, sagte er. Der glatzköpfige Mann war noch kleiner als Opa Teddy.

»Schön, Sie wiederzutreffen, Mr Telemachus«, sagte Archibald. Sie gaben einander die Hand.

»G. Randall Archibald ist nicht nur ein weltberühmter Magier«, verkündete Mike Douglas, »er ist auch Skeptiker und Entlarver übernatürlicher Phänomene.«

»Das erklärt einiges«, sagte Teddy noch einmal, diesmal lauter.

Der Moderator schien ihn nicht zu hören. »Wir haben ihn gebeten, uns beim Aufbau dieser Tests für die Familie Telemachus zu helfen. Sehen Sie diese Linie?« Die Kamera fuhr zurück, um den kompletten Verlauf des weißen Gaffertapes zu zeigen. »Es war Mr Archibalds Idee, Teddy und seiner Familie nicht zu erlauben, das Besteck anzufassen oder sich dem Tisch überhaupt zu nähern.«

»Vielleicht ist Ihnen aufgefallen«, sagte Archibald zum Moderator, »dass Irene keine Schwierigkeiten hatte, die Karten zu erkennen, die Teddy Ihnen zur Verfügung gestellt hat. Aber als Sie die Zener-Karten nahmen – zu denen Teddy keinen Zugang hatte und die er nicht berühren durfte! –, druckste sie nur noch herum.«

»Stimmt nicht, stimmt nicht!«, sagte Teddy. »Mike hat es falsch gemacht! Und schlimmer noch, jemand voller Negativität hat für Störsignale gesorgt. Schwere Störsignale!«

»Sie meinen, meine bloße Anwesenheit reicht aus, damit ihre Kräfte nicht mehr wirken?«, fragte Archibald.

»Wie gesagt, Mike«, sagte Teddy, »man muss im Kopf komplett unvoreingenommen sein, damit diese Fähigkeiten funktionieren.«

»Oder komplett leer«, sagte Archibald. Mike Douglas lachte.

Archibald wandte sich zufrieden ans Publikum. »Während sich Irene so sehr konzentrierte, hatten wir eine Kamera auf ihren Vater gerichtet. Mike, können wir den Zuschauern an den Geräten einmal zeigen, was wir aufgenommen haben?«

Teddy wirkte schockiert. »Machst du dich über meine Tochter lustig? Machst du dich über sie lustig, du Pimpf?« Das von einem Mann, der kaum fünf Zentimeter größer war.

»Ich mache mich nicht über sie lustig, Mr Telemachus, aber möglicherweise verhöhnen Sie die Fähigkeit des Publikums, sich –«

»Lassen Sie uns meine Frau holen«, unterbrach ihn Teddy. »Maureen Telemachus ist ohne Zweifel die beste Hellseherin der Welt. Mike, können Sie sie holen lassen?«

Der Moderator sah zur Seite und schien jemandem zuzuhören. Dann sagte er zu Teddy. »Ich höre gerade, dass sie verhindert ist. Ich sage Ihnen was, wir schauen uns jetzt das Band an, und dann gucken wir, ob sie nach der nächsten Unterbrechung wieder dabei sein kann.«

»Ich denke, Ihnen wird da etwas höchst Interessantes auffallen«, sagte Archibald. Er hatte eine prahlerische Art zu reden, betonte jeden einzelnen Konsonanten. »Während alle von dem kleinen Mädchen abgelenkt waren, fing der Tisch an, sich zu bewegen und zu zittern.«

»So war’s«, sagte Mike Douglas.

»Aber wie kam es dazu? War es Psychokinese … oder etwas ein wenig Bodenständigeres?«

Der Bildschirm zeigte die Bühne Minuten zuvor, aber mehr von der Seite, von knapp hinter der Familie. Zuerst war die Kamera auf den Moderator und Irene gerichtet, doch dann schwenkte sie auf Teddy. Er hatte die Linie aus Gaffertape überschritten und den Fuß gegen das Tischbein gedrückt.

Archibald sprach über das Playback hinweg. »Das ist ein alter Trick. Man hebt den Tisch leicht an und schiebt den Rand der Sohle unter das Tischbein.«

Teddys Fuß bewegte sich kaum, wenn überhaupt, doch der Tisch erzitterte eindeutig. Dann erschienen wieder Archibald und der Moderator auf dem Bildschirm. Teddy stand am Rand, blickte zur Seitenbühne und verzog frustriert das Gesicht.

»Ich kann Ihnen zeigen, wie man das macht«, sagte Archibald zum Moderator. »Ganz ohne übernatürliche Psi-Kräfte.«

Mike Douglas wandte sich an Opa. »Was sagen Sie dazu, Teddy? Ohne besondere Kräfte?«

Teddy schien ihn nicht zu hören. Sein Blick war auf etwas jenseits der Bühne gerichtet. »Wo verda–« Er verkniff sich den Fluch. »Wo ist meine Frau? Kann sie bitte jemand herholen?«

Irene packte Opa Teddy peinlich berührt am Arm. Sie zischte ihm etwas zu, das die Mikrofone nicht erreichte.

»Gut«, sagte Opa Teddy. Er rief Frankie zu sich. »Wir gehen.«

»Wirklich?«, sagte Archibald. »Was ist mit Maureen? Ich würde sie sehr gerne –«

»Nicht jetzt, Archibald. Deine, äh, Negativität hat es unmöglich gemacht.« Dann, an den Moderator gewandt: »Ich hätte wirklich mehr von Ihnen erwartet, Mike.«

Teddy und seine Kinder traten von der Bühne ab – sehr würdevoll, wie Matty fand. Mike Douglas sah verdutzt aus. Der Sagenhafte Archibald wirkte überraschend enttäuscht.

Onkel Frankie drückte den Eject-Knopf, und der Bildschirm füllte sich mit Rauschen. »Verstehst du, was ich meine?«

»Wow«, sagte Matty. Er wollte die Unterhaltung unbedingt am Laufen halten und hatte Angst, dass Frankie es leid wurde und aufhörte zu erzählen. »Also ist Oma Mo nicht mehr auf die Bühne zurückgekehrt?«

»Yep. Zu ihrem Teil der Nummer kam es nie. Das hätte Archibald das Maul gestopft, ganz klar, aber sie hatte keine Gelegenheit dazu. Bei Buddy wurde es immer schlimmer, und dann sind wir alle gegangen.«

»Okay, aber …«

»Aber was?«

»Wieso hat sie das umgebracht?«

Frankie starrte ihn an.

Oh-oh, dachte Matty.

Frankie kämpfte sich auf die Füße.

Matty sprang ebenfalls auf. »Tut mir leid, ich weiß nur nicht –«

»Weißt du, was die Chaostheorie ist?«, fragte Frankie.

Matty schüttelte den Kopf.

»Schmetterlinge, Matty. Ein Flügelschlag und –« Er vollführte eine ausladende Geste, mit der sein beinahe leeres Glas in sein Blickfeld gelangte. Er trank es aus. »Verdammt.« Sein Blick war auf das Fenster gerichtet, das auf die Straße hinausging, und vielleicht hatte er etwas Neues an den alten Häusern entdeckt. Doch das Einzige, was Matty sah, war das Spiegelbild seines Onkels, dessen glänzendes Gesicht wie ein Geist über seinem Körper schwebte.

Frankie sah auf ihn herab. »Was hab ich gesagt?«

»Äh, Schmetterlinge?«

»Richtig. Du musst Ursache und Wirkung betrachten, die gesamte Kette der Ereignisse. Erst mal war damit unsere Nummer kaputt. Was die Öffentlichkeit angeht, sind wir danach so gut wie tot. Auftritte werden abgesagt, der beschissene Johnny Carson macht sich über uns lustig.«

»Carson«, sagte Matty, mit aufgesetzter Verbitterung. Jeder in der Familie wusste, dass Carson Opa Teddys Umschlagtrick geklaut hatte.

»Sobald sie uns isoliert hatten, waren wir leichte Beute«, Frankie sah mit strenger Miene auf ihn herab. »Überleg mal, Junge.« Er blickte zum Esszimmer hinüber; Mattys Mom war in die Küche gegangen, und es war niemand zu sehen, doch Frankie senkte trotzdem die Stimme. »Neunzehndreiundsiebzig. Der Höhepunkt des Kalten Krieges. Die berühmtesten Psi-Spezialisten, die es auf der Welt gibt, werden in der Mike Douglas Show in Verruf gebracht, und nur ein Jahr später stirbt deine Großmutter, eine Frau mit solch immenser Macht, einfach so?«

Matty öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Immense Macht?

Frankie nickte langsam. »Oh ja.«

Matty sagte: »Aber Mom –« Frankie hob eine Hand, und Matty sprach im Flüsterton weiter. »Mom hat gesagt, sie ist an Krebs gestorben.«

»Klar«, sagte Onkel Frankie. »Eine gesunde Frau, Nichtraucherin, stirbt an Gebärmutterkrebs, mit einunddreißig Jahren.« Er legte Matty die Hand auf die Schulter und beugte sich zu ihm herunter. Sein Atem roch nach Kool-Aid. »Hör zu, das muss unter uns bleiben, ja? Meine Mädchen sind zu jung, um mit der Wahrheit fertigzuwerden, und deine Mom – du siehst ja, wie die reagiert. Für den Rest der Welt ist deine Großmutter eines natürlichen Todes gestorben. Kannst du mir folgen?«

Matty nickte, obwohl er nicht wirklich folgen konnte, angefangen damit, wieso man dieses Geheimnis ihm anvertrauen konnte, aber nicht Mary Alice, die zwei Jahre älter war als er. Lag es vielleicht daran, dass sie keine geborene Telemachus war? Sie war Lorettas Tochter aus erster Ehe. Machte das einen Unterschied? Er wollte fragen, doch Frankie hielt erneut die Hand hoch.

»Hinter dieser Geschichte steckt noch mehr, Matthias. Mehr, als ich dir jetzt gefahrlos anvertrauen kann. Aber eines sollst du wissen.« Er war so bewegt, dass ihm fast die Stimme versagte, seine Augen waren feucht.

»Ja?«, sagte Matty.

»Du stammst von wahrer Größe ab«, sagte Onkel Frankie. »Du hast Großes in dir. Und kein Handlanger der amerikanischen Regierung kann –«

Matty sollte nie erfahren, was Onkel Frankie als Nächstes sagen wollte, denn in diesem Augenblick ertönte aus der oberen Etage ein lauter Schlag. Mary Alice schrie: »Feuer! Feuer!«

»Gottverdammt«, sagte Frankie leise. Er kniff die Augen zusammen. Dann rannte er die Treppe hinauf und brüllte alle an, sie sollten sofort mit dem Brüllen aufhören. Matty folgte ihm ins Gästeschlafzimmer, das zugleich eine Art Hauswirtschaftsraum war, vollgestellt mit Kisten und Wäschekörben. Der gefütterte Bezug des Bügelbretts brannte, und inmitten der Flammen stand das Bügeleisen. Das schwarze Steckerkabel hing seitlich herab, nicht eingestöpselt. Die dreijährigen Zwillinge standen Händchen haltend in einer Ecke und betrachteten mit großen Augen die Flammen; weniger verängstigt als erstaunt. Mary Alice hielt eines von Buddys riesigen Hemden vor sich, als wollte sie sich so gegen die Hitze schützen, obwohl sie wahrscheinlich überlegte, damit die Flammen zu ersticken.

»Mein Gott, bring Cassie und Polly hier raus«, sagte Frankie zu Mary Alice. Er sah sich im Zimmer um, fand nicht, wonach er suchte, und sagte dann: »Alle raus!«

Die Zwillinge rannten in den Flur, doch Mary Alice und Matty blieben im Türdurchgang stehen, zu gebannt, um den Raum ganz zu verlassen. Frankie ging neben dem Bügelbrett in die Hocke und hob es an den Beinen hoch, das Bügeleisen darauf balancierend. Er trug es auf sie zu, als wäre es eine riesige Geburtstagstorte. Mary Alice und Matty hetzten vor ihm her. Er stieg konzentriert die Treppe hinunter, obwohl ihm die Flammen ins Gesicht schlugen. Das beeindruckte Matty enorm. Mary Alice öffnete ihm die Haustür, und Frankie marschierte zur Einfahrt, wo er das Bügelbrett auf die Seite fallen ließ. Das rauchende, teilweise geschmolzene Bügeleisen schlug zweimal auf und blieb dann auf der Gleitsohle liegen.

Tante Loretta trat um die Ecke des Hauses, dicht gefolgt von Opa Teddy. Dann stürzte Mattys Mom durch die Haustür nach draußen, im Schlepptau die Zwillinge. Die gesamte Familie stand jetzt im Vorgarten, bis auf Buddy.

»Was ist passiert?«, fragte Loretta Frankie.

»Ja was wohl?«, sagte Frankie. Er drehte das Bügelbrett auf den Kopf, doch noch immer schossen an den Rändern Flammen empor. »Schnapp dir die Teufelsbraten und Mary Alice. Wir fahren nach Hause.«

Noch Monate später bekam Matty die Videoaufnahme nicht mehr aus dem Kopf. Sie schien eine Nachricht aus einer weit entfernten Vergangenheit zu sein, ein bebilderter Text, der die Geheimnisse seiner Familie enthielt. Er wollte seine Mutter unbedingt danach fragen, doch zugleich wollte er sein Versprechen an Onkel Frankie einhalten. Er begnügte sich damit, seiner Mutter indirekte Fragen zur Mike Douglas Show oder zu Oma Maureen oder der Regierung zu stellen, doch sie blockte jedes Mal ab. Sogar, als er versuchte, sich langsam an das Thema heranzuschleichen – »Mann, wie es wohl ist, im Fernsehen zu sein?« –, schien sie sofort zu merken, worauf er hinauswollte, und wechselte das Thema.

Als er und seine Mutter das nächste Mal in Chicago waren, konnte er die Kassette im Fernsehschrank nicht finden. Onkel Buddy erwischte ihn dabei, wie er die Hüllen durchsuchte, jede einzelne Kassette einschob und vorspulte, um zu sehen, ob Mike Douglas nicht doch plötzlich nach der Hälfte des Bandes auftauchte. Sein Onkel zog die Stirn kraus und schlurfte aus dem Zimmer.

Matty würde die Kassette niemals wiederfinden. Beim darauffolgenden Thanksgiving schien sich Frankie nicht mehr zu erinnern, ihm die Aufnahme je gezeigt zu haben. An allen Feiertagen saß Matty am Esstisch und wartete darauf, dass die Erwachsenen anfingen, über die alten Zeiten zu sprechen, doch seine Mutter hatte eine Art Verbot gegen dieses Thema verhängt. Wenn Frankie etwas Vielversprechendes aufbrachte – irgendeine Bemerkung über Oma Mo oder den »Psi-Krieg« –, erntete er von Mom einen Blick, der die Raumtemperatur sinken ließ. Die Besuche wurden seltener und gezwungener. In zwei Jahren kam Frankies Familie an Thanksgiving gar nicht, manchmal blieben Matty und seine Mom zu Hause in Pittsburgh. Das waren schreckliche Wochenenden. »Du hast eine melancholische Ader«, erklärte sie ihm. Wenn dem so war, dann wusste er, woher er sie hatte; er kannte keinen melancholischeren Menschen als seine Mutter.

Es stimmte, dass er für ein Kind ungewöhnlich nostalgisch war, auch wenn das, wonach er sich zurücksehnte, eine Zeit vor seiner Geburt war. Ihn ließ das Gefühl nicht los, dass er die große Show verpasst hatte. Der Zirkus hatte zusammengepackt und die Stadt verlassen, und als er eintraf, war da nichts mehr außer einem Feld mit plattgetretenem Gras. Doch manchmal, vor allem, wenn Mom sich gut fühlte, war er plötzlich voller Zuversicht, wie der Prinz einer abgesetzten Königsfamilie, der sich seines Anspruchs auf den Thron sicher war. Dann dachte er, früher waren wir mal Erstaunlich.

Doch dann verlor seine Mutter wieder einmal ihren Job, und sie mussten wochenlang Macaroni and Cheese essen, und dann dachte er, früher waren wir mal Erstaunlich.

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Und dann, als er vierzehn Jahre alt war, verlor seine Mutter den besten Job, den sie je gehabt hatte, sie zogen bei Opa Teddy ein, und bald darauf fand er sich in einer Kammer voller Kleider seiner toten Großmutter wieder und erholte sich von dem Interessantesten, was ihm je widerfahren war. Das Gefühl, sich blamiert zu haben, war abgeklungen, was in seinem Körper Raum für andere Empfindungen hinterließ, eine vibrierende Mischung aus Angst, Erstaunen und Stolz.

Er hatte seinen Körper verlassen. Er hatte zweieinhalb Meter über dem Boden geschwebt. Das rief nach irgendeiner Form von Zeremonie.

Er überlegte einen Moment, dann hob er das silberne Kleid am Kleiderbügel hoch und sprach zu ihm. »Hey, Oma Mo«, sagte er, so leise, dass Mary Alice und ihre blöde Freundin ihn nicht hören konnten. »Heute bin ich –«

Er wollte sagen, »Heute bin ich Erstaunlich«. Es wäre ein ergreifender Moment, von dem er eines Tages seinen Kindern erzählen würde. Er war der junge Bruce Wayne, der schwor, seine Eltern zu rächen, er war Superman, der versprach, sein kryptonisches Erbe zu bewahren, ein jüdischer Junge, der tat, was auch immer jüdische Jungs an ihrer Bar-Mizwa taten.

Dann bemerkte er den Schatten in der Tür.

Es war Onkel Buddy. Er hielt einen Hammer in der einen und ein Klammergerät in der anderen Hand. Sein Blick wanderte langsam von Matty zur Kleiderkammer, dann wieder zu Matty – und dem Kleid. Seine Augen weiteten sich minimal. Würde er gleich lächeln? Das hätte Matty nicht ertragen können.

»Ich wollte es gerade zurückhängen!«, sagte Matty. Er warf ihm das Kleid entgegen und rannte los, wild entschlossen, seinem Onkel zu entkommen, dem Zimmer, und seinem Körper.

2

Teddy

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Teddy Telemachus hatte es sich zum Ziel gesetzt, sich mindestens einmal am Tag zu verlieben. Nein, verlieben traf es nicht ganz; sich in die Liebe hineinzustürzen passte besser. Zwei Jahrzehnte nach Maureens Tod bestand die einzige Möglichkeit, sein leeres Herz weiterhin schlagen zu lassen, darin, ihm regelmäßig Starthilfe zu geben. An Sommerwochenenden spazierte er über den Clovers Gartenmarkt auf der North Avenue oder wanderte durch den Wilder Park, in der Hoffnung auf emotionale Defibrillation. An Wochentagen jedoch setzte er auf Supermärkte. Der Jewel-Osco war der nächstgelegene und zum Einkaufen vollkommen ausreichend, doch für Herzensangelegenheiten bevorzugte er Dominick’s.

Sie fiel ihm ins Auge, als sie sorgfältig die Bioregale durchstöberte, einen leeren Einkaufskorb am Arm; Erkennungszeichen einer Frau, die ihre Zeit mit etwas füllen will, nicht ihren Einkaufswagen.

Sie war vielleicht Mitte vierzig. Ihr Stil war auf trügerische Art simpel: ein einfaches ärmelloses Top, Caprihose, Sandalen. Würde ihr jemand ein Kompliment machen, würde sie behaupten, einfach irgendetwas angezogen zu haben, aber andere Frauen wüssten es besser. Teddy wusste es besser. Diese Kleider waren maßgeschneidert, um leger auszusehen. Die schnörkellose Ledertasche, die neben ihrer Hüfte baumelte, war eine Fendi. Die Sandalen waren ebenfalls italienisch. Doch was ihm einen Schauer durchs Herz jagte, war der perfekt abgestimmte Farbton ihrer rot lackierten Zehennägel.

Deshalb kaufte er bei Dominick’s ein. Ging man an einem solchen Dienstagnachmittag in einen Jewel, traf man dort alte Frauen in ballonseidenen Trainingsanzügen, die auf Sonderangebote aus waren und Suppendosen ins Licht hielten, hypnotisiert von Portionsgröße und Preis pro 100 Gramm. In einem Dominick’s, vor allem in den schickeren Vororten, in Hinsdale oder Oak Brook, konnte man Frauen mit Klasse treffen, Frauen, die sich mit Accessoires zu schmücken wussten.

Er schob seinen leeren Wagen nah an sie heran und tat so, als studiere er das Angebot an traditionell hergestelltem Honig.

Sie hatte ihn nicht bemerkt. Sie trat einen Schritt vom Regal zurück und stieß gegen ihn, und er ließ das Kunststoffhonigglas fallen. Es passierte beinahe versehentlich; seine steifen Finger waren an diesem Tag besonders störrisch.

»Das tut mir leid!«, sagte sie.

Sie bückte sich und er sagte, »Oh, das brauchen Sie nicht –«, und beugte sich gleichzeitig hinab, sodass sie fast mit den Köpfen aneinanderstießen. Beide lachten. Sie war schneller beim Honigglas und ergriff es mit einer Hand, an der ein Ehering mit großem Diamanten prangte. Sie roch nach Sandelholzseife.

Er nahm das Glas übertrieben förmlich entgegen, was sie wiederum zum Lachen brachte. Ihm gefiel, wie ihre Augen inmitten dieser freundlichen Fältchen leuchteten. Er schätzte ihr Alter auf fünf- oder sechsundvierzig. Das war gut. Er hatte sich eine feste Regel gesetzt, gegen die er nur selten verstieß: sich nur in Frauen zu verlieben, deren Alter mindestens die Hälfte seines eigenen plus sieben Jahre betrug. Aktuell war er zweiundsiebzig, was hieß, dass das Objekt seiner Zuneigung mindestens dreiundvierzig sein musste.

Ein junger Mann hätte sie nicht für schön gehalten. Er hätte die Oberschenkel einer reiferen Frau gesehen und dabei ihre perfekt geformten Waden und zarten Fesseln übersehen. Er hätte sich auf die markante, römische Nase konzentriert, und dabei wären ihm die leuchtend grünen Augen entgangen. Er hätte die Streifen an ihrem Hals bemerkt, als sie beim Lachen den Kopf schief hielt, und es dadurch verpasst, eine Frau zu schätzen, die sich ganz dem Moment hinzugeben vermochte.

Kurz gesagt, junge Männer waren Idioten. Hätten sie überhaupt den Funken gespürt, als sie ihn berührte, so wie er es getan hatte? Ein paar Finger an seinem Ellbogen, zart und scheinbar beiläufig, als wollte sie sich abstützen.

Er verbarg sein Vergnügen und setzte einen überraschten, besorgten Blick auf.

Sie nahm die Hand von seinem Arm. Sie war bereit, ihn zu fragen, ob etwas nicht stimme, doch dann zog sie sich zurück, vielleicht, weil ihr wieder einfiel, dass sie sich überhaupt nicht kannten. Also sprach er zuerst.

»Sie machen sich Sorgen um jemanden«, sagte er. »Jay?«

»Wie bitte?«

»Oder Kay? Nein. Jemand, dessen Name mit ›J‹ beginnt.«

Ihre Augen weiteten sich.

»Bitte, ich muss mich entschuldigen«, sagte er. »Es ist jemand, der ihnen sehr nahesteht. Das geht mich nichts an.«

Sie wollte fragen, wusste aber nicht, wie sie es formulieren sollte.

»Na gut«, sagte er und hielt das Honigglas hoch. »Danke, dass Sie das aufgehoben haben, auch wenn der Inhalt ganz sicher nicht so süß ist wie Sie.« Diese letzte Portion Schmalz wurde mit der genau richtigen Menge Selbstironie serviert, um noch als Flirt durchzugehen.

Er schlenderte davon, ohne sich umzusehen. Spazierte durch einen Gang und betrat dann den offenen Bereich der Obst- und Gemüseabteilung.

»Mein ältester Sohn heißt Julian«, sagte sie. Er sah auf, als habe er sie nicht kommen gesehen. Ihr Korb war immer noch leer. Nach einem kurzen Augenblick nickte er.

»Er hat eine Lernschwäche«, sagte sie. »Es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren, aber seine Lehrer scheinen das nicht ernst zu nehmen.«

»Keine leichte Angelegenheit«, sagte er. »Wirklich nicht leicht.«

Doch sie wollte gar nicht über den Jungen reden. Ihre Frage hing zwischen ihnen in der Luft. Schließlich sagte sie: »Woher wussten Sie von ihm?«

»Ich hätte nichts sagen sollen«, sagte er. »Es ist nur so, als Sie meinen Arm berührt haben –« Er neigte den Kopf. »Manchmal habe ich Eingebungen. Bilder. Aber das heißt nicht, dass ich alles aussprechen muss, was mir durch den Kopf geht.«

»Wollen Sie mir erzählen, Sie sind eine Art Hellseher?« Es war deutlich zu erkennen, dass sie nicht an so etwas glaubte.

»Das Wort hat einen schlechten Ruf«, sagte er. »Diese Hellseher im Fernsehen, mit ihren neunhundert Zahlen? Das sind Hochstapler und Scharlatane, meine Liebe. Betrüger. Allerdings …« Er lächelte. »Ich muss zugeben, dass auch ich Sie in einem Punkt hinters Licht geführt habe.«

Sie hob eine Augenbraue, ermunterte ihn weiterzusprechen.

Er sagte: »Ich brauche diesen Honig gar nicht.«

Ihr tiefes, kehliges Lachen war ganz anders als Maureens – Mos hatte wie die Glocke einer Ladentür geklungen –, doch er genoss es trotzdem. »Das war mir klar«, sagte sie.

»Wie es aussieht, haben Sie auch einiges gefunden.«

Sie sah auf den Korb an ihrem Arm, dann stellte sie ihn auf dem Boden ab. »In dieser Mall gibt es ein Diner«, sagte sie.

»Das hab ich auch gehört.« Er hielt ihr die Hand hin. »Ich bin Teddy.«

Sie zögerte, fürchtete vielleicht einen weiteren Stromschlagmoment übersinnlicher Intuition. Dann gab sie nach. »Graciella.«

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Teddy konvertierte im Sommer 1962 zur Kirche der Liebe auf den Ersten Blick, an dem Tag, an dem er jenen Seminarraum der University of Chicago betrat. Ein Dutzend Menschen befand sich in diesem Raum, und sie war die Einzige, die er sah, eine junge Frau im Spotlight, die mit dem Rücken zu ihm dastand, als würde sie sich jeden Moment umdrehen und anfangen, in ein Mikrofon zu singen.

Maureen McKinnon, neunzehn Jahre alt. Sie haute ihn um, ohne ihn auch nur anzusehen.

Ihren Namen kannte er natürlich noch nicht. Sie stand zehn Meter von ihm entfernt und sprach mit der Sektretärin, die hinter dem Dozentenschreibtisch am anderen Ende des großen Seminarraumes saß, der in diesem pseudo-gotischen Gebäude nicht mehr als ein Zimmerchen darstellte. Diese Höhle des Akademischen machte ihn nervös – er hatte sich nie von den zwei üblen Jahren auf einer katholischen Highschool erholt –, doch diese junge Frau war ein Licht, von dem er sich gerne leiten ließ. Er schlenderte den Mittelgang hinunter, ohne sich der Bewegung seiner Füße bewusst zu sein, und sog sie auf: eine zierliche, schwarzhaarige Elfe in einem ausgestellten Kleid, olivgrün mit dazu passenden Handschuhen. Oh, diese Handschuhe. Sie zog sie Finger für Finger aus, jedes einzelne Zupfen brachte sein Herz zum Schwingen.

Die Sekretärin reichte ihr einen Stapel Formulare. Die junge Frau drehte sich um, den Blick auf das oberste Blatt gerichtet, und lief fast in ihn hinein. Erschrocken sah sie auf, und damit war es um ihn geschehen: blaue Augen unter einem schwarzen Pony. Welcher Mann wäre dagegen gefeit?

Sie entschuldigte sich, während er den Hut zog und darauf bestand, dass es sein Fehler gewesen sei. Sie sah ihn an, als würde sie ihn kennen, was ihn zugleich erregte und verunsicherte. Hatte er sie irgendwann einmal übers Ohr gehauen? Diese süße, schwarzhaarige Irin hätte er sicher nicht vergessen.

Er meldete sich bei der Sekretärin an, einer Frau um die fünfzig, die das leuchtend rote, aufgebauschte Haar einer jüngeren Frau trug – offensichtlich eine Perücke. Sie reichte ihm seinen Formularstapel, und er schenkte ihr ein breites Lächeln und ein »Danke, meine Liebe«. Es konnte nie schaden, sich mit der Sekretärin gut zu stellen.

Er setzte sich an einen Tisch ein Stück hinter der jungen Frau in dem olivfarbenen Kleid, damit er sie beobachten konnte. Er nahm an, dass sie wegen derselben Zeitungsannonce hier war, die auch ihn zum Campus geführt hatte:

TESTPERSONEN FÜR STUDIE ZU
PSI-PHÄNOMENEN GESUCHT
.

Darunter, in kleinerer Schrift:

$ 5 HONORAR FÜR AUFNAHMEBEFRAGUNG, $ 20 PRO TAG FÜR DIEJENIGEN, DIE FÜR DIE LANGZEITSTUDIE AUSGEWÄHLT WERDEN. ZENTRUM FÜR FORTGESCHRITTENE KOGNITIONSWISSENSCHAFT, UNIV. OF CHICAGO

Er ging davon aus, dass es sich bei der Studie um den üblichen Universitätsquatsch handelte, der die beiden Arten von Menschen ausnutzte, die auf eine solche Annonce reagieren würden: die Verzweifelten und die Geblendeten. Diese vier Gehirnakrobaten da, in ihren Hemdsärmeln und Latzhosen, die sich lachend über ihre Tische beugten und sich gegenseitig anstachelten? Die brauchten die Knete. Der Student mit dem Maulwurfgesicht, dem billigen Anzug und dem wippenden Knie, den fettigen Haaren und der dicken Brille: Der war von der Vorstellung geblendet, etwas Besonderes zu sein. Der schwarze Typ in Hemd, Krawatte und Sonntagsschuhen: verzweifelt. Und das alte Ehepaar, das sich gegenseitig beim Ausfüllen der Unterlagen half? Beides.

Teddy war wegen des Geldes hier. Aber was war mit der jungen Frau? Was war ihre Geschichte?

Teddy sah immer wieder zu ihr hinüber, während er seine Unterlagen ausfüllte. In den ersten paar Formularen wurden demografische Informationen abgefragt, von denen er sich mehrere ausdachte. Erst einige Blätter später wurde es interessant, als sie anfingen, Wahr-oder-falsch-Fragen zu stellen wie »Manchmal weiß ich, was andere Menschen sagen werden, bevor sie es sagen«. Und: »Uhren und elektronische Geräte stellen manchmal in meiner Gegenwart die Arbeit ein«, zwanzig Fragen später gefolgt von »Kaputte Uhren und elektronische Geräte funktionieren manchmal in meiner Gegenwart plötzlich wieder«. Der reine Blödsinn. Er füllte schnell alles aus, trug sein Klemmbrett nach vorne und gab es der Sekretärin mit der roten Perücke zurück.

»War das alles?«, fragte er.

»Der Fünf-Dollar-Scheck wird an die Adresse geschickt, die Sie im Formular angegeben haben«, sagte sie.

»Nein, ich meine, was ist mit dem Rest der Studie? Wie geht es jetzt weiter?«

»Ach so. Sie werden kontaktiert, sollte man sich für Sie entscheiden.«

Er lächelte. »Ich glaube, sie werden mit mir reden wollen.«

»Das entscheidet Dr. Eldon.«

»Wer ist das?«

Das schien sie ein wenig zu irritieren. »Das hier ist sein Projekt.«

»Ach! Moment. Ist er groß, eher kräftig, mit Einsteinfrisur und einer großen, eckigen Brille?«

Treffer. Das spürte er. »Haben Sie den Herrn Doktor bereits kennengelernt?«, fragte sie.

»Nein, nein. Es ist bloß … na ja, als ich die Formulare ausfüllte, hatte ich immer wieder dieses Bild vor Augen. Von jemandem, der sich sehr dafür interessiert, was heute hier passiert. Es kam immer wieder, deshalb habe ich angefangen, ein bisschen zu zeichnen. Darf ich?« Er streckte die Hand nach dem Klemmbrett aus, das er ihr gerade zurückgegeben hatte. Er blätterte ein paar Seiten zurück. »Ist er das?«

Teddy war kein Künstler, doch für seine Zwecke reichte sein Zeichentalent aus. Es war sogar hilfreich, wenn man nicht zu gut war, zu akkurat. Was er gezeichnet hatte, war kaum mehr als ein Kreis, der an ein dickes Gesicht erinnerte, zwei Quadrate für die Brille und ein wildes Gewirr aus Haaren darüber.

Die Sekretärin sah ihn mit diesem Blick an, den er so mochte, Verwirrung, die mit dem Fahrstuhl ganz langsam in Richtung Staunen unterwegs war.

Er senkte die Stimme. »Und das Verrückte ist: Ich sah mich in einer Sitzung mit ihm. Er, ich und die Dame da –« Er nickte in Richtung der jungen Frau mit dem olivfarbenen Kleid und dem schwarzen Haar und den blauen Augen. »Wir alle sitzen um einen Tisch herum und lächeln.«

»Ach«, sagte die Sekretärin.

»Deshalb muss ich unbedingt an dieser Studie teilnehmen«, sagte er ernst. »Solche Sachen passieren mir andauernd.«

Er erwähnte nicht, dass ihm solche Sachen normalerweise in Bars passierten, wenn es um ein paar Dollar ging. Betrunkene um Fünfer zu erleichtern war nicht schwer, aber leben konnte man davon nicht. Es war höchste Zeit, die Nummer weiterzuentwickeln.

Als er die Annonce in der Sun-Times gesehen hatte, war ihm klar gewesen, dass der erste Schritt darin bestehen musste, die Echtheit seines Könnens von echten Wissenschaftlern bescheinigen zu lassen. Er hatte seine Hausaufgaben gemacht, bevor er dort aufkreuzte: ein Besuch in der Bibliothek der U of C; ein paar Fragen zum Zentrum für fortgeschrittene Kognitionswissenschaft; einmal durchs Fakultätsverzeichnis blättern, um sich ein Foto von Dr. Horace Eldon anzusehen; und voilà. Ein bald-schon-übersinnlicher Geistesblitz, einschließlich Kritzelei. Der letzte Teil, die junge Frau in seine vorausahnende Vision miteinzubeziehen, war spontan improvisiert gewesen.

Er verließ den Seminarraum, ohne ein weiteres Wort zu der jungen Frau zu sagen. Trotzdem wusste er, mit unerklärlicher Gewissheit, dass sie sich wiedersehen würden.

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Graciella war eine Frau, die Lust hatte zu reden. Während ihre Kaffees vor ihnen dampften, stellte er Fragen, und sie antwortete ausführlich, was sie selbst zu überraschen schien; sie wirkte auf ihn wie eine angespannte Frau, die normalerweise reserviert war und sich gerade vor ihrer inneren Aufsichtsperson drückte.

Sie war, wie er vermutet hatte, Hausfrau – oder vielmehr, angesichts der Größe mancher Häuser in Oak Brook, dem Vorort, in dem sie wohnte, Villafrau –, deren Hauptaufgabe darin bestand, die Leben ihrer drei schulpflichtigen Söhne zu organisieren, darunter das Sorgenkind Julian. Ihre Tage wurden komplett von deren Bedürfnissen bestimmt: Fußballtraining, Mathenachhilfe, Taekwondo.

»Klingt anstrengend«, sagte er. »Das allein zu machen.«

»Man gewöhnt sich dran«, sagte sie, über die Frage hinweggehend, die ganz offensichtlich mitschwang. »Ich bin der Fels.« Sie hatte noch immer nicht ihren Ehemann erwähnt. »Aber warum erzähle ich Ihnen das alles? Ich muss Sie langweilen.«

»Ich versichere Ihnen, Sie sind das am wenigsten Langweilige, was ich seit Monaten erlebt habe.«

»Erzählen Sie von sich«, sagte sie entschieden. »Woher kommen Sie, Teddy? Wohnen Sie hier in der Nähe?«

»Gleich die Straße hoch, meine Liebe. In Elmhurst.«

Sie fragte ihn nach seiner Familie, und er erzählte ihr von seinen erwachsenen Kindern, ohne die Enkel zu erwähnen. »Nur drei, zwei Jungs und ein Mädchen. Meine Frau war irisch-katholisch. Wäre sie nicht gestorben, hätten wir bestimmt ein Dutzend, wenn nicht mehr.«

»Ach, das tut mir leid«, sagte Graciella.

»Sie war die Liebe meines Lebens. Sie starb, als die Kinder noch klein waren, und ich habe sie allein großgezogen.«

»Das war damals vermutlich ungewöhnlich«, sagte sie.

Bei ihr klang es, als sei es vor ewig langer Zeit gewesen. Das war es wohl auch, doch er wollte nicht, dass sie sich allzu lang mit dem Altersunterschied zwischen ihnen beschäftige; das machte keinen Spaß. »Schwierig, klar, sehr schwierig«, sagte er. »Aber man tut, was man tun muss.«

Sie nickte nachdenklich. Er hatte gelernt, eine solche Stille nicht vorschnell zu füllen. Er sah, dass ihr die Rolex an seinem Handgelenk auffiel, doch statt diese zu kommentieren, sagte sie: »Ich mag Ihren Hut.«

Er hatte ihn an den Rand des Tisches gelegt und geistesabwesend die Krone gestreichelt, während sie sich unterhielten. »Das ist ein Borsalino«, sagte er. »Der beste aller –«

»Ach, ich kenne Borsalino.«

»Natürlich tun Sie das«, sagte er vergnügt. »Natürlich tun Sie das.«

»So«, sagte sie. Endlich kam sie zur Sache. »Machen Sie was Psi-Mäßiges.«

»Das ist nichts, was man einfach so anschalten kann«, sagte er. »An manchen Tagen fällt es mir leicht, kinderleicht. An anderen …«

Sie zog eine Augenbraue hoch, ermunterte ihn wieder. Sie konnte mit einer Augenbraue einiges anstellen.

Er schürzte die Lippen. Dann nickte er, als sei er zu einer Entscheidung gekommen. Er zog eine Papierserviette aus dem Spender und riss sie in drei Teile.

»Ich möchte, dass Sie drei Dinge aufschreiben, die Sie sich für Ihre Familie erhoffen.«

»Was meinen Sie?«

»Nur zwei Worte, zwei Worte auf jedes Stück Papier, so etwas wie ›mehr Geld‹. Nennen wir sie Wünsche.« Er bezweifelte, dass sie sich Geld wünschen würde. Das war eindeutig nicht ihr Problem. Sie öffnete ihre Handtasche, um nach einem Stift zu suchen, und er reichte ihr den, den er in seiner Jacketttasche bei sich trug. »Lassen Sie sich Zeit. Schreiben Sie kräftig, in Großbuchstaben – mit Leidenschaft. Das ist wichtig.«

Graciella biss sich auf die Lippe und starrte auf den ersten Schnipsel. Es gefiel ihm, dass sie es ernst nahm. Ihn ernst nahm. Als sie zu schreiben begann, drehte er sich um und blickte über die leeren Plastiknischen hinweg. Es war Nachmittag, die Zeit, zu der nichts los war.

»Fertig«, sagte Graciella.

Er bat sie, jeden der Schnipsel in der Mitte zu falten und dann noch einmal. »Achten Sie darauf, dass ich auf keinen Fall lesen kann, was Sie geschrieben haben.« Er drehte den Borsalino um, und sie warf die Papierschnipsel hinein.

»Jetzt kommt es auf Sie an, Graciella. Sie müssen sich auf das konzentrieren, was Sie geschrieben haben. Stellen Sie sich die Dinge auf dem Papier vor – alle drei Wünsche.«

Sie sah zur Decke hinauf. »In Ordnung.«

Hinter ihm öffnete sich die Tür, und sie war für einen Augenblick abgelenkt. Ein Mann in einem schwarzen Mantel setzte sich an einen Tisch schräg gegenüber. Er saß direkt hinter Graciellas linker Schulter, das Gesicht von ihnen abgewandt. Gott im Himmel, dachte Teddy.

»Konzentrieren Sie sich«, sagte er – genauso an sich selbst gerichtet wie an sie. »Haben Sie alle drei?«

Sie nickte.

»Gut, sehen wir mal, was wir da haben.« Er schüttelte die drei Schnipsel aus dem Hut und ordnete sie in einer Reihe auf dem Tisch an. »Nehmen Sie den ersten und legen Sie ihn in meine Hand. Nicht öffnen. Legen Sie einfach ihre Hand darauf.«

Ihre Handflächen lagen aufeinander, dazwischen das Papier.

»Graciella«, sagte er. Sie sah ihm in die Augen. Sie fand das Ganze aufregend, ja, wirkte aber auch nervös. Schien sich vor dem zu fürchten, was sie geschrieben hatte. Vor dem, was gleich laut ausgesprochen werden würde.

»Schule«, sagte er. »Neue Schule.«

Ihr entfuhr ein überraschtes Schnaufen.

»Das betrifft vermutlich Julian«, sagte er. »Sie hatten sich also doch schon entschieden, was?«

»Das war zu einfach«, sagte sie. »Ich habe Ihnen ja schon von ihm erzählt. Das könnten Sie erraten haben.«

»Möglich«, sagte er. »Gut möglich. Und doch –« Der Mann hinter Graciella hustete. Er war massig, mit einem Bürstenschnitt, der sich wie grauer Rasen über die Speckrollen in seinem Nacken zog. Teddy versuchte, ihn zu ignorieren. Er faltete den Zettel auf und las. »›Neue Schule‹. Ein guter Wunsch.«

Er legte das Papier zur Seite und bat sie, den nächsten Schnipsel zu nehmen. Wieder bedeckte sie seine Handfläche. Seine Finger berührten ihr Handgelenk, und er konnte ihren Puls spüren.

»Hmm. Dieser ist schwieriger«, sagte er.

Ihre Hand zitterte. Wovor hatte sie solche Angst?

»Das erste Wort ist ›keine‹«. Er schloss die Augen, um sich zu konzentrieren. »Keine … Kaninchen?«

Sie lachte. Erleichtert jetzt. Er hatte also nicht den Schnipsel erwischt, der ihr Sorgen bereitete.

»Sagen Sie’s mir«, sagte sie.

Er sah sie an. »Ich sehe ›Keine Kaninchen‹. Ist das ein Code? Moment.« Seine Augen weiteten sich in gespielter Überraschung. »Sind Sie schwanger?«

»Was?« Sie lachte wieder.

»Vielleicht haben Sie Angst, dass das Kaninchen sterben könnte.«

»Nein! Ich will unbedingt, dass sie sterben. Die haben meinen kompletten Garten aufgefressen.«

»Es geht ums Gärtnern?« Er schüttelte den Kopf. »Sie brauchen größere Wünsche, meine Liebe. Vielleicht jetzt. Stecken Sie diesen an mein Hutband. Hier. Lassen Sie mich ihn nicht berühren.«

Sie steckte den Zettel vorne ans Band. »Wie machen Sie das?«, fragte sie. »Konnten Sie das schon immer?«

Der Mann hinter ihr schnaubte. Er studierte mit großem Gewese die Plastikspeisekarte.

»Ich muss mich konzentrieren«, sagte Teddy. Er setzte den Borsalino auf, doch hielt seine Finger vom Hutband fern. »Ja. Das ist eindeutig ein größerer Wunsch.«

Der Mann lachte.

»Mein Gott«, sagte Teddy. »Könntest du dich mal zusammenreißen?«

Der Mann drehte sich um. Graciella warf einen Blick nach hinten, dann sagte sie zu Teddy: »Kennen Sie beide sich?«

»Leider«, sagte Teddy.

»Destin Smalls«, sagte der Mann und hielt ihr die Hand hin.

Sie weigerte sich, ihm die Hand zu geben. »Sie sind Polizist, oder?«

Bamm! Teddys Herz ging auf wie ein geknackter Safe.

»Ich arbeite für die Regierung«, sagte Smalls.

»Ist das eine Falle?«, fragte Graciella. »Geht’s hier um Nick?«

»Wer ist Nick?«, fragte Smalls Teddy.

»Mein Ehemann«, sagte Graciella.

»Ich habe keine Ahnung, warum er hier ist«, sagte Teddy zu Graciella. »Ich hab den Kerl seit Jahren nicht gesehen.«

»Lassen Sie sich nicht reinlegen«, riet Smalls ihr. »Das nennt man den Umschlagtrick. Eine alte Masche, fast so alt wie er selbst.«

Es tat weh, dass er ihn vor dieser jüngeren Frau bloßzustellen versuchte. Doch zum Glück schien sie Smalls gar nicht zuzuhören. »Ich muss los«, sagte Graciella. »Die Jungs kommen bald.«

Teddy stand mit ihr auf. »Ich entschuldige mich für meinen Bekannten hier.«

»Es war mir eine Freude, Sie kennenzulernen«, sagte sie zu Teddy. »Glaube ich jedenfalls.« Sie ging zur Tür.

Teddy sah Smalls finster an, dann sagte er: »Graciella, nur eine Sekunde. Eine Sekunde.« Sie war so nett, auf ihn zu warten.

»Der letzte Wunsch«, sagte er, so leise, dass Smalls es nicht hören konnte. »Ging es da um Sie? Muss man sich um Sie Sorgen machen?«

»Um mich muss man sich keine Sorgen machen«, sagte sie. »Ich bin der Fels.«

Sie marschierte über den Parkplatz. Er hatte so viele Fragen. Die beiden Worte, die sie auf den letzten Papierschnipsel geschrieben hatte, lauteten NICHT SCHULDIG.

Zu Teddys Verdruss setzte sich Destin Smalls auf Graciellas Platz.

»Immer noch mit der Carnac-Nummer unterwegs, Teddy?«

»Du siehst aus wie der Pförtner des Todes«, sagte Teddy. Es war vier Jahre her, dass er den Agenten zuletzt gesehen hatte, doch er sah aus, als sei er doppelt so schnell gealtert. Eine harte Zeit. So lief es immer. Ein Körper konnte ein Jahrzehnt lang standhalten, das Weihnachtsfoto sah genauso aus wie die zehn zuvor, und dann – Rumms – holten die Jahre dich ein und machten dich platt wie ein Bulldozer. Die letzten Reste seiner Football-Star-Attraktivität waren von Alter und Kohlenhydraten aufgezehrt worden. Jetzt war er ein kantiger Kopf auf einem großen, rechteckigen Körper, eine Mikrowelle auf einem Kühlschrank.

»Dir muss klar sein, dass du über die First Base nie hinauskommen wirst«, sagte Smalls. »Du bist ein alter Mann. Die reden mit dir, weil du keine Gefahr darstellst.«

»Im Ernst, deine Haut hat eine schlimme Farbe. Woran liegt das? Sackkrebs? Leberschaden? Ich hab dich schon immer für einen heimlichen Säufer gehalten.«

Die Kellnerin kam zurück. Falls es sie überraschte, dass eine attraktive Vorstadtdame durch einen siebzigjährigen Agententypen ersetzt worden war, dann ließ sie es sich nicht anmerken.

»Kaffee für meinen Freund hier«, sagte Teddy.

»Nein danke«, sagte der. »Wasser mit Zitrone, bitte.«

»Ich vergaß, dass er Mormone ist«, sagte Teddy. »Könnten Sie bitte darauf achten, dass das Wasser entkoffeiniert ist?«

Sie starrte ihn einen Moment lang an und ging dann ohne ein Wort.

»Ich nehm alles zurück. Mit deinem Charme kriegst du sie immer noch rum«, sagte Smalls. »Und, was machen die Hände?«

»Es gibt gute Tage und schlechte«, sagte Teddy.

»Gut genug für den Umschlagtrick«, sagte Smalls.

Teddy ging nicht darauf ein. »Also, was treibt dich nach Chicago? Ist es dir in D.C. zu heiß geworden?«

»Die versuchen, mich rauszudrängen«, sagte Smalls. »Sie machen Star Gate dicht. Haben meine Mittel komplett zusammengestrichen.«

»Star Gate läuft immer noch?« Teddy schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht glauben, dass sie euch nicht längst aus dem Tempel gejagt haben.«

»Der Kongress stampft jedes einzelne Projekt unter dem SG-Schirm ein. Zu viel Gegenwind von den Medien.«

»Du meinst, überhaupt zu viel Medienaufmerksamkeit.« Teddy lehnte sich zurück, fügte sich entspannt in das altbekannte Gestichel. »Ihr konntet doch noch nie ertragen, dass jeder ehrliche Bericht euren absoluten Mangel an Ergebnissen erwähnen musste.«

»Du weißt so gut wie ich, dass –«

Teddy hielt die Hand hoch. »Abgesehen von Maureen. Aber außer ihr hattet ihr nichts.«

Die Kellnerin kam mit dem Wasser und der Kaffeekanne zurück. Sie füllte Teddys Becher auf und verschwand wieder.

»Auf Maureen«, sagte Smalls und hob sein Glas. »Auf ewig jung.«

»Maureen.«

Nach einer Weile sagte Teddy: »Tut mir leid wegen des Jobs. Keiner will der sein, der das Licht ausmacht.«

»Das ist ein Verbrechen«, sagte Smalls. »Ein strategischer Fehler. Glaubst du, die Russen hätten SCST dichtgemacht?«

»Wieso nicht? Die haben doch ihr ganzes Land dichtgemacht.«

»Das Ex-KGB schmeißt noch immer den Laden. Es ist keine fünf Jahre her, da haben wir erfahren, dass das Landwirtschaftsministerium uns bei der Entwicklung einer Mikroleptonen-Kanone voraus war.«

»Gott, ihr versucht immer noch, eine zu bauen? Wie viel Regierungsknete habt ihr schon dafür rausgehauen?«

»Das ist geheim.«

»Aber irgendwer im Kongress weiß Bescheid, richtig? Kein Wunder, dass sie euch den Laden dichtmachen. Außer dir glaubt keiner an Fernwahrnehmung und Psychokinese.«

»Apropos, hält sich Frankie von Casinos fern?«

»Lass Frankie aus dem Spiel.«

Smalls nahm kapitulierend die Hände hoch. »Und wie geht’s ihm? Und Buddy und Irene?«

»Denen geht’s gut«, log Teddy. Frankie lieh sich ständig Geld bei ihm, Irene war depressiv, und Buddy – Gott, bei Buddy wurde es jeden Tag schlimmer. Ein stummer Einsiedler. Vor ein paar Monaten hatte er plötzlich angefangen, das Haus auseinanderzunehmen, wie jemand, der nur einen halben Zaubertrick beherrschte. Sehen Sie, Ladies and Gentlemen, wie ich diese Armbanduhr zertrümmere! Gut, und jetzt werde ich, verdammt … wie ging das noch mal? »Buddy ist ein richtiger Handwerker geworden«, sagte Teddy.

»Was du nicht sagst. Und die Enkel? Wie viele hast du inzwischen?«

»Dreieinhalb«, sagte Teddy.

»Einhalb?« Smalls guckte überrascht. »Ist Irene wieder schwanger?«

»Gott, ich hoffe nicht. Nein. Ich meinte Lorettas Tochter, Mary Alice.«

»Das kannst du nicht machen. Solche Abstufungen vornehmen. So was wie Stief-Enkel gibt es nicht.«

»Du bist nicht den ganzen Weg nach Chicago gekommen, um nach meinen Enkeln zu fragen«, sagte Teddy. »Nein, falsch. Genau deshalb bist du hier, richtig?«

Smalls zuckte mit den Schultern. »Gibt es bei einem von ihnen … irgendwelche Anzeichen?«

»Ich dachte, die machen dein Programm dicht, Agent Smalls.«

»Noch ist es nicht tot.«

»Gut, solange es nicht tot oder am Leben ist, lass die Kinder aus dem Spiel. Das war die Abmachung, die du mit Maureen und mir getroffen hast. Und für unsere Enkel gilt das doppelt.«

»Die Abmachung hat zwei Seiten«, sagte Smalls. »Du sollst dafür sorgen, dass sie nicht in Schwierigkeiten geraten.«

»Du meinst, dafür sorgen, dass sie ihre großen, verheerenden Kräfte nicht für das Böse einsetzen.«

»Oder überhaupt.«

»Gott, Smalls. Von den Enkelkindern kann keines auch nur die Speisekarte lesen, wenn sie nicht direkt vor ihm liegt. Außerdem ist der Kalte Krieg vorbei.«

»Und trotzdem ist die Welt gefährlicher denn je. Ich brauche – wir brauchen – Star Gate und Menschen wie Maureen.«

Teddy war es nicht gewohnt, Smalls verzweifelt zu sehen. Doch ein verzweifelter Regierungsagent, selbst einer, der kaum noch eine Rolle spielte, konnte nützlich sein. »Gut«, sagte Teddy. »Gib mir deine Nummer.«

Die plötzliche Kapitulation überraschte Smalls. Er brauchte einen Moment, um eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche zu ziehen. Darauf stand nur Smalls’ Name und eine Nummer. Vorwahl D.C.

»Die haben dir den Flug bezahlt, nur damit du zehn Minuten mit mir redest? Ich dachte, sie hätten dir die Mittel gestrichen.«

»Vielleicht dachte ich ja, dass es das wert sein würde.«

»Als ob du sie überzeugen könntest –« Teddy sprach nicht weiter. Smalls’ Stirnrunzeln sagte ihm, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Teddy lachte. »Du hast dein eigenes Sparschwein dafür geplündert? Junge, du musst für die Rente sparen. Was sagt denn Brenda dazu?«

Smalls strich mit dem Daumen über sein Wasserglas.

»Oh Mann«, sagte Teddy. »Tut mir leid. Sie war eine gute Frau.«

»Ja. Nun.« Er stand auf und steckte den Papierschnipsel ein. »Du und ich haben bessere Frauen abbekommen, als wir verdient haben.«

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Wäre nach dem Tag, an dem er Maureen McKinnon zum ersten Mal sah, nichts weiter geschehen – hätte Dr. Eldon seine Zeichnung nie gesehen und seine Bewerbung nicht für die Teilnahme an der Studie markiert; hätte er nicht auch Maureen ausgewählt; hätte Teddy sich nicht, ein paar Wochen später, an ihrer Seite wiedergefunden – nun, vielleicht wäre ihr Zauber dann verflogen.

Zunächst jedoch musste er allein bei Dr. Eldon vorsprechen. Zwei Wochen nach der ersten Befragung war Teddy zum Campus geladen worden, um über »seine Begabung« zu reden, und fand sich im merkwürdig angelegten Büro des Doktors wieder, einem gebogenen L, in das Stützbalken, Rohre und Leitungen hineinragten.

»Ich sehe einfach Dinge«, sagte Teddy. Er machte keine große Sache daraus. »Vor allem auf Papier. Beim Schreiben oder Zeichnen konzentrieren sich die Leute besonders, und das lässt es mich deutlicher erkennen.«

Dr. Eldon nickte und notierte etwas auf seinem Block. Eldon war mindestens zehn Jahre älter und fünfundzwanzig Kilo schwerer als auf dem bereits wenig schmeichelhaften Foto im Fakultätsverzeichnis. »Meinen Sie, Sie könnten mir das, äh, einmal demonstrieren?«, fragte der Doktor. Seine Stimme war leise und ernst, er klang beinahe unterwürfig.

»Okay, klar«, sagte Teddy. »Ich denke, ich fühle mich stark genug, um es zu probieren. Haben Sie einen Zettel für mich?« Natürlich hatte er. »Zeichnen Sie drei Dinge, die man sich leicht vorstellen kann. Etwas Bekanntes oder eine einfache Zeichentrickfigur oder geometrische Formen, was immer Sie wollen.«

Teddy stand auf, trat ein paar Schritte vom Tisch zurück und drehte sich weg. »Ich halte mir die Augen zu«, sagte er. »Sagen Sie mir einfach, wenn Sie fertig sind.«

Dr. Eldon zog vor Konzentration die Stirn kraus, dann zeichnete er seine erste Figur. Teddy konnte nicht glauben, wie gut es lief. Er war sich sicher gewesen, dass Eldon darauf bestehen würde, seine eigenen Tests durchzuführen, unter verschiedensten Laborbedingungen, doch stattdessen ließ er Teddy komplett freie Hand. Das war einfacher als die Arbeit in Bars, wo die Opfer ihm immer in den Ärmel guckten – oder in seine hohle Hand, in der er jetzt gerade einen winzigen Spiegel hielt, mit dem er den Forscher beobachten konnte. Eldon kam nicht auf die Idee, sich zu fragen, warum jemand, der ihm den Rücken zuwandte, sich außerdem noch die Augen zuhalten musste.

Als der Professor fertig war, ließ Teddy den Spiegel zurück in seine Tasche rutschen und bat ihn, die Zettel zu Quadraten zu falten.

»Ich werde es nicht der Reihe nach machen«, sagte Teddy. »Ich gehe einfach durch die Bilder, so wie sie mir kommen, und Sie sagen mir, ob ich völlig danebenliege oder nicht.«

Teddy drückte das erste Papierquadrat gegen die Vorderseite seines Hutes. Gab vor, sich zu konzentrieren. Dann legte er den Zettel beiseite und nahm den nächsten, dann den nächsten, und jedes Mal wand er sich und kniff die Augen fest zusammen.

»Ich empfange Bilder«, sagte Teddy. Das Erste, was Dr. Eldon gemalt hatte, war ein Micky-Maus-Gesicht. Typisch. Wenn man jemanden bat, »eine einfache Zeichentrickfigur« zu malen, war diese die erste, die ihnen einfiel. Auch die anderen Zeichnungen waren naheliegend. Die zweite war eine Pyramide. Und die dritte ein Flugzeug.

»So viele Dinge«, sagte er. »Ich sehe einen Vogel, der über einen Berg fliegt. Nein, es ist ein Dreieck. Ein dreieckiger Berg? Und ein großer Kreis, vielleicht der Mond? Nein, da ist mehr als ein Kreis. Die liegen irgendwie übereinander, und der Vogel …« Er schüttelte den Kopf, als wäre er verwirrt. »Der Vogel ist … aus Metall? Ah!« Fast schnippte er mit den Fingern. »Es ist ein Flugzeug. Ein Dreieck und ein Flugzeug. Aber was sind das für Kreise?« Er tippte sich an die Stirn. »Da sind zwei Kreise hinter einem mittleren. Wie die olympischen Ringe, nur nicht so viele, ja? Es kommt mir so vertraut vor, so …«

Teddy ließ sich in seinen Stuhl zurücksinken, als würde er sich geschlagen geben. Dr. Eldon starrte ihn an, das Gesicht verkrampft, so sehr bemühte er sich, sein Vergnügen zu verbergen.

»Tut mir leid, Doc«, sagte Teddy. »Mehr hab ich nicht anzubieten.«

»Das ist schon in Ordnung«, sagte der Professor sanft. Dann: »Sie waren sehr gut.«

»Wirklich?«

Dr. Eldon reichte ihm die Zettel, und Teddy tat so, als sei er genauso erstaunt, wie der Forscher es war. »Micky Maus! Na klar!«

Dr. Eldon grinste zufrieden. »Also, wären Sie bereit, weiter mitzumachen?«

Teddy konnte beinahe das Ka-Plink einer Registrierkasse hören. Er antwortete nicht sofort. »An den meisten Tagen muss ich arbeiten«, sagte er entschuldigend. »Ich kann es mir nicht leisten, mir allzu oft frei zu nehmen.«

Eldon sagte: »Alle Teilnehmer an der Studie werden ein Honorar erhalten.«

»Genug, um einen Tag ohne Arbeit auszugleichen?«

»Ein beträchtliches Honorar.«

»Na, das klingt doch gut«, sagte Teddy.

Dr. Eldon sagte: »Ich fürchte, wir müssen jetzt Schluss machen; es warten noch andere Teilnehmer. Wenn Sie rausgehen, könnten Sie dann, äh, die nächste Person reinschicken?« Dann, mit einem ironischen Lächeln, das er sich nicht verkneifen konnte: »Ich glaube, Sie können sich denken, wer das ist.«

Teddy stellte sich dumm, obwohl sich das Herz in seiner Brust zusammenzog. »Verzeihung? Ist das Teil des Tests?«

»Sie hatten Beatrice gegenüber – das ist meine Sekretärin – erwähnt, dass Sie das Bild einer jungen Frau gesehen haben, die sich mit mir trifft.«

»Ach, stimmt!«, sagte Teddy. »Ist sie da draußen?« Er war stolz, wie fest seine Stimme war. »Nach wem soll ich fragen?«

Dr. Eldon warf einen Blick auf eine Namensliste, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Bis auf die letzten drei waren alle bereits abgehakt. »Sie heißt Maureen McKinnon.«

Dies war das erste Mal, dass er ihren Namen laut ausgesprochen hörte. Ihm gefiel, wie er klang. »Kein Problem, der Herr.« Er beugte sich über die Liste, als müsse er sich den Namen noch einmal ansehen. »Miss McKinnon. Alles klar.«

Er ging durch den Flur zum Seminarraum zurück, demselben Raum, in dem er zwei Wochen zuvor die Bewerbungsformulare ausgefüllt hatte. Vor seinem Gespräch war es dort leer und düster gewesen, doch jetzt saßen drei Menschen dort: der schwarze junge Mann, mit derselben Krawatte und vielleicht demselben Hemd, der weiße Maulwurftyp mit den Fetthaaren und die Frau seiner Träume. Sie saß in der ersten Reihe, die Beine unter einem blauen Rock mit gelben Punkten übereinandergeschlagen. Ein eleganter gelber Schuh, wie ein Balletschläppchen, wippte nervös.

Der schwarze Mann saß einige Reihen weiter hinten, doch der Maulwurftyp hockte direkt neben ihr und redete eifrig auf sie ein. Wie hätte es auch anders sein sollen? Kaum sitzt ein Mädchen allein in einem Raum, und sofort schmeißt sich irgendein Pickelgesicht an sie heran.

Der Junge hielt einen kupferfarbenen Schlüssel in der Hand und sagte: »Das ist alles Konzentrationssache. Es geht darum, seinen Willen aufzuzwingen.«

»Was machst du da?«, fragte Teddy Maureen. Den Jungen ignorierte er.

Sie blickte auf und lächelte. »Er versucht, einen Schlüssel zu verbiegen.«

»Mit meinen Gedanken«, sagte der Typ.

»Was du nicht sagst! Heißt du Russell Trago?«

»Das stimmt, ja.«

Teddy hatte den Namen auf der Liste gesehen und geraten, dass dieser hier Russell war. Womit der Schwarze Clifford Turner heißen musste. »Du bist dran, Russell. Viel Glück da drin.«

»Okay! Danke.« Er legte den Schlüssel auf den Tisch und sagte zu Maureen: »Denk dran, was ich gesagt habe. Du musst deinen Willen aufzwingen.«

Teddy ließ sich auf den Platz fallen, den der andere freigegeben hatte, und griff nach dem Schlüssel. Komisch, dass er ihn nicht eingesteckt hatte. Normalerweise gab man seine Requisiten nie aus der Hand. »Immer noch gerade«, sagte er.

»Er hatte gerade erst angefangen«, sagte Maureen.

»Wirklich schade; es sah faszinierend aus, sehr faszinierend. Ich bin übrigens Teddy. Teddy Telemachus.«

»Ich bin –«

»Nicht sagen. Mary. Nein. So was wie Mary, oder Irene …« Vor ihr auf dem Tisch lagen ein Stift und ein Blatt Papier – die Einladung von Dr. Eldon. Wenn es sein musste, könnte er das Blatt benutzen. Vielleicht die Drei-Wünsche-Nummer für sie aufführen. »Warte, heißt du Maureen?«

»Was ein schlaues Kerlchen«, sagte sie. Er mochte das Leuchten in ihren Augen. »Russell ist gar nicht dran, oder? Die haben dich rausgeschickt, um mich zu holen.«

»Ah. Du bist zu klug für mich, Maureen McKinnon.«

»Was musstest du machen?«

Er erzählte ihr von dem Zeichnungen-Ratespielchen, verzichtete jedoch darauf zu erklären, wie er es gemacht hatte – und wie leicht es gewesen war.

»Die schienen ziemlich begeistert zu sein, als ich das Erste genannt habe«, sagte er. »Ich dachte, es sei ein Dreieck, aber es sollte eine Pyramide sein.«

»Ach. Tatsächlich?« Sie kam ihm ein bisschen zu überrascht vor.

»Was denn? Glaubst du, der alte Trago ist der Einzige, dessen Kräfte die der Sterblichen übersteigen?«

»Das nicht«, sagte sie. »Es ist nur –«

Er nahm den Schlüssel und sagte: »Lass es mich mal versuchen.«

»Du kannst auch Schlüssel verbiegen?«

»Unter anderem«, sagte er. Er schloss die Faust um das Metall. »Aber ich brauche dabei vielleicht deine Hilfe.« Er schob seinen Tisch näher an sie heran. »Es geht nicht darum, seinen Willen aufzuzwingen. Du musst den Gegenstand bitten, sich zu verbiegen. Der Gegenstand will dir zuhören. Du musst nur denken, verbieg dich … verbieg dich … Und weißt du, was dann passiert?«

»Ich hoffe, ›explodieren‹ steht nicht zur Auswahl«, sagte sie.

Er lachte. »Nur, wenn du ihn anschreist. Du musst sehr freundlich fragen.«

Es war ein einfacher Trick. Er hatte den Schlüssel gleich in seine linke Hand wandern lassen. Als er den Tisch verrückte, hatte er die Schlüsselspitze unter die Tischplatte geschoben und ihn nach unten gedrückt. Er war nicht stark verbogen, nur um zwanzig oder dreißig Grad, doch auch die besten Zaubertricks haben einst klein angefangen.

»Sehen wir mal, wie weit wir sind«, sagte er. Er rieb seine geschlossene Faust, wodurch er den Schlüssel wieder in die rechte Hand schieben konnte. Er ließ die Spitze des Schlüssels zwischen Daumen und Zeigefinger herausragen.

»Jetzt sag es«, sagte Teddy. »Verbieg dich

»Ver ...

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