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Die erotische Wette

* * *

London, 1785

In dem Spielsalon herrschte unerträgliches Gedränge. Die Gäste waren vorwiegend Männer, doch seit die berüchtigte Duchess of Devonshire den Karten offen huldigte, galt das Glücksspiel bei den Damen als modisches Muss, und es fand sich immer häufiger auch die holde Weiblichkeit ein.

Die Atmosphäre war erstickend, getränkt mit dem Duft von Haarpuder und schwerem Parfüm, den Ausdünstungen von Alkohol und schwitzenden Körpern. Darunter mischte sich der Geruch vom heißen Wachs der Kerzen, die flackerten und qualmten und verzerrte Schatten an die Wände malten.

„Die Acht gewinnt.“ Mit Groll im Blick schob die füllige Frau, die beim Faro die Bank hielt, einen Stapel Spielmarken über den Tisch.

Isabella Mansfield, ganz darauf konzentriert, ihren Gewinn abzuschätzen, ignorierte die wachsende Feindseligkeit der Dame. Herrgott, wie heiß es war! Nicht einmal mit dem Fächer konnte sie sich ein wenig Kühlung verschaffen. Ihre Kopfhaut juckte von dem ungewohnten Haarpuder, zu dem sie nur äußerst selten einmal griff, und das Rouge, das sie für diesen Anlass so sorgsam auf Wangen und Lippen auf getragen hatte, reizte ihre zarte Haut. Zusätzlich bereitete ihr der steife Stoff der Abendrobe mit seinen lächerlichen Unterbauten beträchtliches Unbehagen. Leider war all dies unumgänglich, damit sie in diesem speziellen Umfeld nicht aneckte, sondern aussah wie all die anderen weiblichen Gäste hier. Abgesehen davon, dass sie keinerlei Schmuck trug. Ihren einzigen Besitz von Wert, die Perlen ihrer Urgroßmutter, hatte sie diskret verkauft, um für den heutigen Abend den Spieleinsatz zu haben. Noch zweimal musste Fortuna ihr lachen, zweimal noch musste sie richtig tippen, dann würde ihr Gewinn ausreichen.

Captain Ewan Dalgleish beobachtete interessiert, wie die junge Dame ihren gesamten Gewinn auf die Zwei setzte, was unter den anderen Gästen rings um den Tisch aufgeregtes Tuscheln auslöste. Ihrem Gebaren haftete etwas Getriebenes an, anders als der unbekümmerte Leichtsinn des echten Spielers. Sie war sichtlich angespannt. Ihre schlanken Finger spielten mit den Stäbchen ihres Fächers, und sie hatte den Blick auf das Kartenpaket der Bankhalterin geheftet, als steckte darin der Schlüssel zu ihrem Schicksal. Was höchstwahrscheinlich auch der Fall ist, dachte er, während er kritisch den Stapel Spielmarken musterte, den sie gesetzt hatte. Er war fasziniert.

Nach dem Tod seines Vaters hatte er seinen Abschied vom Militär genommen, und das jährte sich heute. Außerdem war sein dreißigster Geburtstag, und diese Anlässe hatten ihn nun auf der Suche nach Zerstreuung in diese erst vor Kurzem eröffnete Spielhölle geführt, die von dem bekannten Mr Fox und dessen speichelleckerischem Anhang populär gemacht worden war. Während des letzten Jahres hatte er jedes nur mögliche Vergnügen, legal oder illegal, gekostet, das die Hauptstadt bot, war über die Stränge geschlagen und hatte seinen Kritikern genüsslich seine frisch ererbte Ehrbarkeit vorgeführt. Sport, Frauen, Glücksspiel in Clubs wie diesem hier, das alles bot ihm einen vorübergehend gewissen Nervenkitzel – der dennoch nicht mit der elektrisierenden Spannung vor einer Schlacht, der packenden, fordernden Erregung eines Gefechts verglichen werden konnte. Nach und nach kam er zu der Ansicht, dass der Dienst in der Armee alle Empfindungen in ihm abgetötet hatte. Tödliche Langeweile drohte ihn zu vereinnahmen.

Bisher hatte er beim Kartenspiel teuflisches Glück gehabt, doch das bedeutete ihm wenig. Sein Vater hatte ihm ein immenses Vermögen hinterlassen. Und was die Menge Brandy anging, die er getrunken hatte, so mochte er ganz leicht berauscht sein, doch nicht genug, um seine vergiftete Laune zu besänftigen. Zur Hölle auch! Selbst sein brennendes Verlangen, die Übel der Welt zu richten, verschaffte ihm keinen Trost. Was er brauchte, war ein etwas exotischeres Gegengift.

Und ein solches war definitiv die Schönheit da am Farotisch. Geschminkt und gepudert wie sie, der Mode entsprechend, war, hatte sie dennoch etwas Besonderes an sich. Kühn geschwungene schwarze Brauen über kobaltblauen Augen, in denen Klugheit funkelte. Der Mund nicht die winzige, puppenhafte Rosenknospe, wie es derzeit verlangt wurde, sondern mit voller, sinnlicher Unterlippe. Ein langer, schlanker Hals, anmutig geschwungen, marmorweiß wie die Haut des Dekolletés, das den Ansatz eines wohlgerundeten Busens zeigte. Ebenso weiß die bloßen Arme mit den zarten Handgelenken. Schlummernde Sinnlichkeit, gepaart mit Hochmut, mit dem Anflug von ‚Rühr-mich-nicht-an‘. Eine provozierende, verlockende Mischung.

Am Farotisch nahm Mrs Bradley, die Bankhalterin, die Wette der Schönheit nicht an, offensichtlich aus Furcht, dass die Bank gesprengt würde. Ihr Doppelkinn wabbelte, so heftig schüttelte sie den Kopf. „Tut mir leid, Madam, das ist doppelt so viel wie der maximal erlaubte Einsatz.“

„Aber …“ Peinlich berührt sah Isabella, dass aller Augen auf sie gerichtet waren. Ungeduldig, abwägend, neugierig, höhnisch. Nicht alle anwesenden Damen gehörten dem ton an. Nicht alle Spieler waren Gentlemen. Sie errötete unter ihrer Schminke. Schweren Herzens nahm sie die Hälfte der Spielmarken wieder an sich. Wenn sie nur so wenig setzen durfte, würde sie nie auf die erhoffte Gewinnsumme kommen. Zu schnell konnte das Glück sich wenden. Zum Wochenende musste sie zahlungsfähig sein, oder es war alles verloren. Heute Abend musste sie einfach genug gewinnen!

„Wenn die Bank erlaubt, nehme ich die Wette an, und jede weitere der jungen Dame, so lange es ihr gefällt.“ Der Mann mit der tiefen Stimme sprach mit einem Hauch schottischen Akzents.

Verdutzt schaute Isabella auf und in die faszinierendsten Augen, die sie je gesehen hatte. Bernsteinfarben wie Herbstlaub, mit winzigen braunen Sprenkeln. Für einen Moment kreuzte sich sein Blick mit dem ihren, und ihr rann ein zarter Schauer den Rücken hinab. Der Mann hatte seinen scharf geschnittenen Mund zu einem ironischen Lächeln verzogen.

„Captain Dalgleish!“, rief Mrs Bradley verwundert. „Das ist höchst ungewöhnlich.“

Er schenkte ihr einen verführerischen Blick. „Ungewöhnlich ja, aber ich bin mir sicher, Sie werden einen Weg finden, mir gefällig zu sein.“

Kokettierend erwiderte die Bankhalterin seinen Blick. „Captain Dalgleish, ich bin überzeugt, jede einzelne Dame in London wäre nur zu gern bereit, Ihnen auf jede Weise gefällig zu sein. Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre, wäre ich vielleicht gar selbst versucht.“

Ewan verneigte sich leicht. „Madam, mit diesem Bedauern müssen wir beide leben.“ Die Zuhörer, die bisher nur gekichert hatten, lachten nun laut. „Vielleicht tröstet Sie dies hier ein wenig“, ergänzte er und schob ihr ein Trinkgeld zu, das sie rasch einsteckte, um dann als Zeichen der Zustimmung neckisch mit den Lidern zu klimpern.

Angesichts dieser unerwarteten Entwicklung ging ein Raunen durch den Raum. Abgehärtete Spieler schoben die Hüte, die ihre Augen vor dem grellen Licht der Kerzen schützen sollten, aus der Stirn, um zu gaffen. Auf vornehm getrimmte leichte Dämchen und echte Damen lugten gleichermaßen neugierig hinter ihren bemalten, spitzenverzierten Fächern hervor. Dem kurzen, verblüfften Schweigen folgte aufgeregtes Wispern. „Hat den Jungen mit eigener Hand gerettet. Und soll dessen Meister mit der Peitsche traktiert haben.“ „Ist im Gefängnis kein Unbekannter. War mehr als einmal über Nacht mit gewöhnlichen Schurken zusammen eingesperrt.“

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