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Die Herren auf Kimbara-Die englische Rose

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Es war bereits Spätnachmittag, als Grant Cameron auf Kimbara vorsichtig mit dem Hubschrauber auf der Rückseite des Hauses aufsetzte. Die Rotoren wirbelten Sand, Gras und heruntergefallene Blütenblätter der nahe stehenden Bauhinia-Sträucher auf und blieben stehen. Nachdem Grant einen letzten Blick auf das Instrumentenbrett geworfen hatte, nahm er den Kopfhörer ab und stieg aus.

Das hier war die historische Rinderzuchtfarm Kimbara, die wie eine Festung in der Wüste lag und sich seit der frühen Besiedlung Australiens im Besitz der Familie Kinross befand. Sie befand sich gleich neben seiner Farm, Opal Plains, die etwa hundert Meilen nordöstlich lag.

Sein älterer Bruder Rafe, den er über alles liebte und sehr schätzte, verbrachte gerade mit seiner frisch angetrauten Braut und großen Liebe Alison Cameron, geborene Kinross, die Flitterwochen in den USA. Rafe leitete die Farm. Er, Grant, hatte einen eigenen Hubschrauber-Flugdienst aufgebaut, den er von Opal Plains aus mit großem Erfolg betrieb. Ihre Berufe entsprachen auch ihren Neigungen. Rafe war der Farmer. Er, Grant, war der Pilot.

Schon als Kind war er ganz verrückt nach Flugzeugen gewesen. Selbst der Schmerz über den tragischen Tod ihrer Eltern, die bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren, hatte seiner Liebe zum Fliegen keinen Abbruch getan. Im australischen Outback gehörte das Fliegen zum Leben dazu.

Grant nahm seinen Akubra und setzte ihn unbewusst so schief auf, dass er ihm etwas Verwegenes verlieh. Die Sonne hatte immer noch viel Kraft, und er musste an seinen ohnehin dunklen Teint denken, das Markenzeichen der Camerons. “Ein Rudel Löwen” hatte man seinen Dad, Douglas Cameron, Rafe und ihn immer genannt.

Ein Rudel Löwen!

Einen Moment lang war ihm die Kehle wie zugeschnürt. Er wünschte, sein Dad wäre noch am Leben. Mum und Dad. Sie wären stolz auf ihn gewesen. Er war immer ein Wildfang gewesen und hatte etwas im Schatten seines Bruders gestanden. Dass Rafe einmal die Farm übernehmen würde, hatte von Anfang an festgestanden.

Grant ging um den Hubschrauber herum, um sich zu vergewissern, ob alles in Ordnung war. Der gelbe Rumpf mit dem breiten braunen Streifen und dem Firmenlogo in Blau und Gold knackte, als das Metall abkühlte. Zufrieden tätschelte Grant das Logo, bevor er sich auf den Weg zum Haus machte.

Es war ein anstrengender Tag gewesen, denn er hatte eine Herde besonders widerspenstiger Tiere von dem abgelegenen Sixty Mile in der Nähe von Jarajara, einem riesigen Monolithen, der die westliche Grenze von Kimbara kennzeichnete, zu dem Lager getrieben, das Brods Männer in der Nähe von Mareeba Waters mit seinen gewundenen Wasserläufen errichtet hatten. Das Lager würde wieder verlegt werden, solange das Zusammentreiben der Rinder andauerte. Vermutlich würden sie drei Wochen dafür brauchen. Was er jetzt brauchte, waren ein kühles Bier und der Anblick einer schönen Frau.

Francesca.

Nicht unbedingt in der Reihenfolge, dachte Grant amüsiert. In letzter Zeit dachte er zu oft an Francesca. Lady Francesca de Lyle, die Cousine von Brod Kinross, dem Besitzer von Kimbara und Bruder von Ally, seiner neuen Schwägerin. Die Namen Cameron und Kinross waren legendär in diesem Teil der Erde.

Mit der Hochzeit von Rafe und Alison waren die Familien zur Zufriedenheit aller endlich vereint worden – mit Ausnahme vielleicht von Lainie Rhodes von der Farm Victoria Springs, die schon seit ihrer Pubertät für Rafe schwärmte. Lainie wäre keine schlechte Ehefrau gewesen, doch für ihn hatte es immer nur Ally gegeben.

Bereits als Kinder waren sie unzertrennlich gewesen. Nun waren sie Mann und Frau und überglücklich.

Ihm, Grant, war allerdings klar, dass er sich etwas überlegen musste. Er hatte nicht die Absicht, seinen Bruder und Ally zu stören, auch wenn Opal Plains groß genug war und sie ihm ständig versicherten, es gäbe Platz für sie alle. Er hatte Anspruch auf seinen Anteil, mit dem er auch seine Firma finanziert hatte, aber das Haus wollte er den beiden überlassen. Außerdem wollte Ally es renovieren lassen.

Wie es wohl ist, verheiratet zu sein, überlegte er, während er an dem Flügel mit den ehemaligen Küchen und Dienstbotenunterkünften vorbeiging, den man wegen seines historischen Wertes erhalten hatte und der von Bäumen und Büschen umgeben war. Er war durch einen überdachten Weg mit dem Hauptgebäude verbunden, den er nun entlangschritt.

Wie es wohl war, jeden Abend zu der Frau, die man liebte, nach Hause zu kommen? Zu der Frau, die dieselben Hoffnungen und Träume hatte wie er und die genauso zu ihm gehörte wie er zu ihr.

Als er Francesca de Lyle als Teenager das erste Mal begegnet war, hatte er sich ihr gleich zutiefst verbunden gefühlt, und nun, Jahre später, träumte er von ihr. Warum war er dann überzeugt davon, dass eine intime Beziehung für sie beide gefährlich gewesen wäre? Möglicherweise war er noch nicht bereit, sich zu binden. Verdammt, eigentlich durfte er nur an seine Arbeit denken!

Neuerdings transportierte Cameron Airways auch Post und Frachtgut, und er hatte vor Kurzem mit Drew Forsythe von Trans Continental Resources im etwa tausend Meilen entfernten Brisbane über den Aufbau einer Hubschrauberflotte verhandelt, die für die Erforschung von Mineralien-, Öl- und Gasvorkommen eingesetzt werden sollte.

Er war Forsythe, der in Brisbane sehr bekannt war, und dessen schöner Frau Eve vorher mehrmals begegnet, doch es war das erste Mal gewesen, dass sie über geschäftliche Dinge gesprochen hatten. Und das hatte er ausgerechnet Francesca zu verdanken.

Francesca, die PR-Beraterin war und offenbar keine Gelegenheit ausließ, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, hatte den Vorschlag während einer Wohltätigkeitsveranstaltung gemacht, als sie alle zusammen an einem Tisch saßen.

Ihre wundervollen blauen Augen hatten gefunkelt, als sie sich an Forsythe wandte: “Klingt das nicht gut? Grant kennt das Outback wie seine Westentasche und denkt in großen Dimensionen, stimmt’s, Grant?” Daraufhin hatte sie sich zu ihm, Grant, herübergebeugt. In ihrem trägerlosen Satinkleid hatte sie so bezaubernd ausgesehen, und ihre liebliche, kühle Stimme hatte so ermutigend geklungen. Alles an ihr verriet ihre privilegierte Herkunft!

Und sie war klug. Falls es zu einem Vertragsabschluss kam, schuldete er ihr etwas. Ein romantisches Wochenende zu zweit, überlegte er. In einem Bungalow am Strand auf einer der wunderschönen Inseln am Great Barrier Reef. Allerdings würde er aufpassen müssen, dass sie sich nicht zu lange in der Sonne aufhielt, denn sie hatte den Porzellanteint vieler Rothaariger. Umso seltsamer war es, dass sie sich durchaus vorstellen konnte, am Rand der Wüste zu leben. Es war fast, als würde man versuchen, einen Rosenbusch in unfruchtbarem Boden zu ziehen. Sosehr er sich auch zu ihr hingezogen fühlte, sie passten einfach nicht zusammen. Und das durfte er nicht vergessen.

Er vergaß es weniger als zwei Minuten später, als Francesca erschien. Sie lief die Veranda an der Seite des Hauses entlang und beugte sich über das weiße schmiedeeiserne Geländer, eine Blüte in der Hand, die einen betörenden Duft verströmte.

“Grant!”, rief sie und winkte ihm fröhlich zu. “Wie schön, dich zu sehen! Ich habe den Hubschrauber gehört.”

“Komm her”, befahl Grant sanft und streckte den Arm aus, um ihren Kopf zu sich herunterzuziehen. Allen guten Vorsätzen zum Trotz konnte er an nichts anderes denken als daran, sie zu küssen. Unwillkürlich flüsterte er sogar ihren Namen, bevor er die Lippen auf ihre presste. Die intensivsten Gefühle durchfluteten ihn. Was war bloß in ihn gefahren?

Als er sie losließ, war sie außer Atem, ihre Wangen waren gerötet, und ihr Haar hatte sich gelöst und fiel ihr über die Schultern. “Das ist ja eine Begrüßung!”, sagte sie leise.

“Du solltest mich nicht so ansehen”, warnte er sie.

“Wie?” Sie lachte unsicher und ging auf der Veranda neben ihm her zum Eingang.

“Das weißt du genau, Francesca”, brachte Grant hervor. Seine braunen Augen, die, seiner Stimmung entsprechend, auch grau oder grün wirken konnten, schimmerten jetzt grün unter dem Rand seines schwarzen Akubra, als er den Blick bewundernd über ihre Figur schweifen ließ.

Francesca war wunderschön und unwiderstehlich. Sie trug Reitsachen und war der Inbegriff der jungen aristokratischen englischen Gutsherrin.

Ihre kleinen Brüste zeichneten sich unter der kurzärmeligen cremefarbenen Seidenbluse ab, zu der sie eine gleichfarbige Reithose und auf Hochglanz polierte teure braune Reitstiefel trug. Sie war gertenschlank, hatte einen hübschen Po und lange, wohlgeformte Beine. Fasziniert betrachtete er sie, und es schien ihm, als würde sie schweben.

“Hattest du einen harten Tag?”, fragte sie ungewohnt aufgeregt, als er die Verandatreppe hochging.

Lässig lehnte Grant sich ans Geländer und blickte sie mit funkelnden Augen an. “Jetzt, wo ich dich sehe, bin ich überhaupt nicht mehr müde”, gestand er. “Und was hast du heute gemacht?”

“Komm, dann erzähle ich es dir.” Francesca deutete auf die bequemen weißen Korbmöbel. “Bestimmt möchtest du ein kühles Bier, oder?”

Er nickte, nahm seinen Hut ab und warf ihn so geschickt, dass er auf einer Holzskulptur landete.

“Rebecca kommt gleich.” Sie setzte sich auf den Stuhl, den er ihr zurechtrückte. Rebecca war Brods Frau und die Herrin von Kimbara. “Wir waren heute fast den ganzen Tag damit beschäftigt, ein Rennen mit Picknick zu organisieren. Wir dachten, es wäre mal eine Abwechslung zu dem üblichen Poloturnier. Rebecca hat immer Angst um Brod, wenn er spielt. Er ist so ein Draufgänger. Du auch.” Francesca schauderte bei der Erinnerung daran.

Grant blickte sie eindringlich an. “Du machst dir also Sorgen um mich?”

“Ich mache mir um euch alle Sorgen”, erwiderte sie lässig und betrachtete ihn. Mehr denn je fiel ihr auf, wie ähnlich Grant und Rafe sich waren. Beide waren groß und schlank und sehr attraktiv. Allerdings war Grant dunkelblond und hatte einen dunkleren Teint.

Beide hatten Charisma. Beide wirkten sehr erfolgreich. Falls es überhaupt einen Unterschied gab, dann den, dass Rafe ausgesprochen höflich war, während Grant entschlossen und energiegeladen, ja manchmal unbeherrscht war. Kurz gesagt, Grant Cameron konnte sehr schwierig sein. Außerdem sagte er immer, was er dachte. Und er hatte etwas Machohaftes, das typisch für die Männer im Outback war. In gewisser Hinsicht erschien er ihr wie ein Wesen aus einer anderen Welt, in der es keine Grenzen gab. Er erinnerte an einen jungen Löwen. Sie wusste, dass ihre Gefühle für Grant Cameron außer Kontrolle gerieten.

Jetzt zog er die Brauen zusammen und blickte sie starr an. Die muskulösen, gebräunten Arme hatte er auf die Glasplatte des Tisches gestützt. Er trug einen khakifarbenen Firmenoverall mit dem blauen und goldfarbenen Logo auf der Brusttasche. Sein dichtes dunkelblondes Haar wehte in der leichten Brise. Er sah toll aus.

“Und, wie lautet das Urteil, Lady?” Grant beugte sich vor und nahm ihre Hand.

Francesca lachte und errötete gleichzeitig. “Habe ich dich angestarrt? Tut mir leid. Ich habe gerade überlegt, wie ähnlich Rafe und du euch seid. Und ihr werdet euch immer ähnlicher, je …”

“Je reifer wir werden?” Sein Tonfall war nun nicht mehr ganz so lässig.

“O Grant”, tadelte sie ihn sanft. Sie wusste, wie sehr er und Rafe aneinander hingen, doch Grant musste unter der Autorität seines älteren Bruders gelitten haben. Da ihre Eltern tot waren, hatte Rafe vermutlich in jungen Jahren fast die Elternrolle übernommen. Grant war sehr ehrgeizig und versuchte ständig, sich etwas zu beweisen. “Je älter ihr werdet, wollte ich eigentlich sagen”, erwiderte sie und beobachtete, wie er sich entspannte.

“Natürlich.” Er lächelte schief, und seine perfekten weißen Zähne blitzten. “Manchmal bin ich vom Teufel geritten, Francesca.”

“Ja, ich weiß”, bestätigte sie sanft.

“Ich liebe Rafe, wie man einen Bruder nur lieben kann.”

“Das weiß ich”, sagte sie verständnisvoll, “und ich weiß auch, was du meinst.” Spannungen gab es in den besten Beziehungen. So auch in denen zwischen Müttern und Töchtern. Sie wandte den Kopf, als Schritte in der Eingangshalle erklangen. “Das ist bestimmt Rebecca.”

Einen Moment später erschien Rebecca. Sie strahlte förmlich und berührte Francesca an der Schulter, bevor sie sich an Grant wandte, der sofort aufstand. “Bleib ruhig sitzen, Grant. Hast du jetzt Feierabend?”

“Zum Glück.” Er lächelte ironisch.

“Wie wär’s dann mit einem kühlen Bier?”

Lachend setzte er sich wieder. “Brod hat seine Frauen ja gut erzogen. Francesca hat mir auch schon eins angeboten. Ja, gern, Rebecca. Ich bin völlig ausgetrocknet.” Einmal mehr fiel ihm auf, wie sehr Rebecca sich verändert hatte. Als sie nach Kimbara gekommen war, um Fees Biografie zu schreiben, war sie eine ausgesprochen rätselhafte junge Frau gewesen. Fee Kinross, Francescas Mutter, war eine ehemalige berühmte Bühnenschauspielerin, und ihre Biografie sollte in diesen Tagen erscheinen.

Seit ihrer Heirat mit Brod war Rebecca nett und warmherzig und wirkte überglücklich. Diese Ehe wird funktionieren, überlegte Grant zufrieden. Er wusste, wie schwer Brod und Ally es mit ihrem Vater gehabt hatten. Gegen Rafe hatte Stewart Kinross nichts gehabt, doch er hatte die Heirat seiner einzigen Tochter mit ihm nicht mehr miterlebt.

Ihn, Grant, hätte Stewart Kinross niemals gutgeheißen. Er hatte ihn als Hitzkopf bezeichnet und von seiner “unerträglichen Gewohnheit, seine unreifen Ansichten kundzutun” gesprochen.

Nachdem Rebecca mit seinem Bier und zwei Eistee für sich und Francesca zurückgekehrt war, plauderten sie über den neusten Klatsch und Familienangelegenheiten, so auch über Fee und David Westbury, den Cousin von Francescas Vater, der gerade zu Besuch in Australien war. Die beiden waren mittlerweile unzertrennlich, und Francesca gestand, es würde sie nicht überraschen, wenn sie spontan heiraten würden. Es wäre Fees dritter Versuch gewesen.

Sie unterhielten sich immer noch über Fee und ihren geplanten Gastauftritt in einem neuen australischen Film, als das Klingeln des Telefons sie unterbrach. Rebecca ging hin und nahm ab. Als sie zurückkehrte, war das fröhliche Funkeln aus ihren grauen Augen verschwunden. “Es ist für dich, Grant. Bob Carlton.” Bob Carlton war sein Vertreter. “Einer der Piloten ist nicht ins Basislager zurückgekehrt und hat sich auch nicht gemeldet. Bob klang ein bisschen besorgt. Du kannst den Anruf in Brods Arbeitszimmer entgegennehmen.”

“Danke, Rebecca.” Grant stand auf. “Hat er gesagt, um welche Farm es sich handelt?”

“Oh, tut mir leid! Ich hätte es dir gleich sagen sollen. Es ist Bunnerong.”

Die Farm lag etwa sechzig Meilen nordwestlich von Kimbara. Er ging durch das Haus, das ihm seit seiner Kindheit vertraut war. Im Gegensatz zu dem der Camerons war es sehr prachtvoll ausgestattet.

Bob war Mitte fünfzig und ein prima Kerl. Er hatte großes Organisationstalent, war ein hervorragender Mechaniker und bei allen beliebt. Er, Grant, konnte sich voll und ganz auf ihn verlassen, doch Bob war ein Pessimist und glaubte fest an Murphy’s Law, das Gesetz, demzufolge alles, was schiefgehen konnte, auch schiefging. Gleichzeitig war er aber davon überzeugt, dass “seinen Jungs” nichts zustoßen würde.

Am Telefon versicherte er ihm, dass der Hubschrauber routinemäßig gewartet worden sei und der Pilot gegen vier auf Bunnerong hätte landen müssen. Man habe ihm von dort aus per Funk Bescheid gesagt, doch er habe den Piloten über Funk nicht erreichen können.

“Ich würde mir keine allzu großen Sorgen machen”, erwiderte Grant.

“Du kennst mich, Grant, ich kann nicht anders”, sagte Bob. “Charly ist sonst immer überpünktlich.”

“Stimmt”, bestätigte Grant, “aber es ist nicht ungewöhnlich, wenn das Funkgerät mal ausfällt. Außerdem wird es bald dunkel. Charly ist bestimmt irgendwo runtergegangen und hat sein Lager aufgeschlagen. Er hat alles dabei, was er braucht, und wird im Morgengrauen weiterfliegen. Wahrscheinlich ist er genauso kaputt wie ich. Es ist noch etwa eine Stunde hell”, fuhr er schließlich fort. “Ich fliege jetzt los und sehe mich ein bisschen um. Allerdings komme ich aus einer anderen Richtung und muss hier auftanken, wenn ich Bunnerong erreichen will.”

“Wir sollten wohl bis morgen warten”, räumte Bob seufzend ein. “Vielleicht taucht Charly ja noch auf. Wenn ich etwas Neues erfahre, sage ich dir Bescheid.”

Obwohl er darauf vertraute, dass Charly sich zu helfen wusste, fühlte Grant sich für ihn verantwortlich, denn er wusste immer gern ganz genau, wo seine Piloten und seine Hubschrauber sich befanden.

Schnell kehrte er auf die Veranda zurück und erzählte Francesca und Rebecca, was er vorhatte.

“Warum lässt du mich nicht mitfliegen?”, fragte Francesca schnell, da sie ihm gern helfen wollte. “Vier Augen sehen schließlich mehr als zwei.”

Rebecca nickte zustimmend. “Ich konnte Brod auch mal bei einer Suchaktion helfen. Erinnerst du dich?”

“Da wart ihr mit der Beech Baron unterwegs”, gab Grant zu bedenken. “Francesca ist es nicht gewohnt, im Hubschrauber zu fliegen. Es ist laut, warm, und es stinkt. Sie könnte luftkrank werden.”

Francesca, die aufgestanden war, machte einen Schritt auf ihn zu. “Mir wird nie schlecht, Grant – weder in der Luft noch auf dem Wasser. Bitte nimm mich mit. Ich möchte dir gern helfen.”

Leider reagierte er nicht so, wie sie gehofft hatte. Der Ausdruck in seinen Augen verriet, dass Grant befürchtete, sie könnte ihm zur Last fallen. Schließlich nickte er jedoch lakonisch. “Also gut, Lady. Gehen wir.”

Wenige Minuten später drehten sich die Rotoren, und sie hoben ab und flogen zum Rand der Wüste. Francesca saß, ebenfalls angeschnallt und mit einem Kopfhörer, auf dem Kopilotensitz und fand es sehr aufregend, die endlose Wildnis mit den unterschiedlichsten Felsformationen aus der Vogelperspektive zu betrachten. Selbst als sie über der Wüste in thermische Winde gerieten und der Hubschrauber geschüttelt wurde und absackte, bewahrte sie die Ruhe.

“Alles in Ordnung?”, fragte Grant über das Mikrofon und warf ihr einen besorgten Blick zu.

“Aye, aye, Skipper!” Francesca salutierte zum Spaß. Glaubte er wirklich, sie würde in Ohnmacht fallen? Auch in ihren Adern floss Pionierblut. Ihr Vorfahre mütterlicherseits, Ewan Kinross, war ein legendärer Viehbaron gewesen. Sie war zwar auf einem beschaulichen Landsitz in England aufgewachsen und hatte ein exklusives Internat besucht, aber das bedeutete nicht, dass sie einem Leben in einer gefährlicheren Umgebung nicht gewachsen gewesen wäre. Sie wollte sein Leben kennenlernen. Sie wollte alles über das Leben erfahren, das Grant Cameron führte.

Sie suchten so lange, bis sie zurückkehren mussten. Als sie landeten, wartete Brod auf sie. In wenigen Minuten würde es stockdunkel sein.

“Kein Glück gehabt?”, erkundigte sich Brod, als Grant heraussprang und sich umdrehte, um Francesca aus dem Hubschrauber zu heben.

“Wenn Charly nicht morgen auf Bunnerong auftaucht, werden wir weitersuchen. Hat Bob sich gemeldet?”

“Nein.” Brod schüttelte den Kopf. “Du bleibst über Nacht hier.” Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. “Es ist sowieso besser, weil es von hier nach Bunnerong nicht so weit ist. Charly hat jetzt bestimmt den Gaskocher angeworfen.”

“Das würde mich nicht überraschen”, ging Grant auf Brods Scherz ein. “Wer mich viel mehr überrascht, ist Francesca.”

“Wieso?” Brod wandte sich lächelnd an seine englische Cousine. Im Gegensatz zu ihm war er dunkelhaarig.

“Er dachte wohl, ich würde in Panik ausbrechen, als wir in thermische Winde geraten sind”, meinte Francesca und versetzte Grant einen Knuff.

“Ich hätte es dir jedenfalls nicht verdenken können”, erwiderte er neckend. “Ich habe schon immer gesagt, du hättest mehr als nur ein hübsches Gesicht.”

“Wir haben im Lauf der Jahre die Erfahrung gemacht, dass dieses zarte Persönchen eine Menge Courage hat”, meinte Brod liebevoll.

Rebecca wies Grant ein Gästezimmer auf der Rückseite des Hauses zu. Von dort aus hatte man einen herrlichen Blick auf den Fluss, der sich durch den Garten schlängelte und im Mondlicht silbern schimmerte. Wenige Minuten später kam Brod mit einem Stapel frisch duftender Sachen aus seinem Kleiderschrank herein.

“Hier, die müssten dir passen”, verkündete er und legte den Stapel aufs Bett. Es handelte sich um ein blauweiß gestreiftes Baumwollhemd, eine beigefarbene Baumwollhose und Unterwäsche, die unbenutzt aussah. Sie waren beide um die einsneunzig und sehr muskulös.

“Vielen Dank”, erwiderte Grant und wandte sich lächelnd an den besten Freund seines Bruders. Da beide einige Jahre älter waren als er, hatte er immer versucht, ihnen nachzueifern – mit Erfolg, wie er fand.

“Kein Problem.” Brods Augen funkelten. “Du hast mich auch schon oft gerettet. Ich brauche jetzt eine Dusche. Du sicher auch. Es war ein anstrengender Tag.” Brod wandte sich zum Gehen, blieb an der Tür jedoch noch einmal stehen. “Ich glaube, ich habe mich noch gar nicht richtig dafür bedankt, dass du so großartige Arbeit geleistet hast. Du bist nicht nur ein brillanter Pilot, sondern auch ein guter Farmarbeiter.”

“Danke, Kumpel.” Grant lächelte jungenhaft. “Ich möchte den besten Service bieten. Und der ist nicht billig, wie du bald feststellen wirst. Wann müssen wir morgen los – vorausgesetzt, Charly meldet sich, und es geht ihm gut?”

Brod runzelte die Stirn. “Jedenfalls nicht so früh wie heute. Die Männer wissen, was sie zu tun haben. Warten wir mal ab, was morgen ist. Ich würde gern warten, bis wir wissen, was mit Charly ist.”

“Das wäre mir lieb, Brod. Eine Suchaktion mit Fahrzeugen kommt nicht infrage. Falls er in Schwierigkeiten ist, können wir ihn nur aus der Luft suchen.”

“Probleme mit dem Funkgerät wären nichts Außergewöhnliches.” Brods Miene hellte sich auf. “Wie wär’s mit einem Barbecue? Meine Steaks sind nicht zu verachten. Dazu könnten wir Kartoffeln grillen, und die Frauen könnten einen Salat machen. Was könnte ein Mann sich mehr wünschen?”

Grant strahlte. “Nur zu! Gegen das beste Steak, das Kimbara zu bieten hat, hätte ich nichts einzuwenden.”

“Das wirst du auch bekommen”, versicherte Brod.

Unter der Dusche zu stehen war der reinste Luxus nach einem Tag wie diesem. Die nächsten beiden Tage würden genauso anstrengend werden. Doch er, Grant, hatte vor, sich mehr auf die Expansion seines Unternehmens zu konzentrieren. Er würde die Flotte und das Team vergrößern, vor allem jedoch mehr Dienstleistungen anbieten.

Grant nahm etwas von dem Shampoo, das er in dem Schrank unter dem Waschbecken gefunden hatte. Die Kinross wissen, wie sie ihre Gäste verwöhnen, dachte er. Es gab eine ansehnliche Reihe von Dingen, die einem Gast den Aufenthalt angenehmer machten – duftende Seifen, Badezusätze, Duschgels, Bodylotion, Puder, Zahnbürsten, Zahnpasta, sogar einen Föhn und einen Elektrorasierer. Und jede Menge großer Badetücher.

Er trat aus der Dusche und wickelte sich eines der Tücher um. Allmählich fiel der Stress von ihm ab. Wie immer musste sein Haar dringend geschnitten werden, aber in der Wüste waren Friseure rar. Um sich sehen lassen zu können, beschloss er, es zu föhnen.

Ihm war klar, wie stark er sich zu Francesca hingezogen fühlte – und wie unklug es war. Die Camerons und die Kinross hatten immer wie Wüstenbarone gelebt, doch ihre Welt war jenseits der Zivilisation, wie Lady Francesca de Lyle sie kannte. Zweifellos hatte der Ruf der Wildnis sie erreicht. Schließlich hatte sie eine australische Mutter, die in diesem Haus zur Welt gekommen war. Doch Francesca war im Urlaub und sah daher alles durch eine rosarote Brille. Daher war ihr nicht bewusst, wie einsam das Leben hier wirklich war, wie hart der Kampf gegen Dürre, Überschwemmungen und die unerträgliche Hitze sein konnte, dass es Unfälle und auch tragische Todesfälle gab. Ein Mann konnte all das ertragen. Eine englische Schönheit wie Francesca hingegen, zart wie eine Rose, würde es unerträglich finden, auch wenn sie behauptete, sich anpassen zu können.

Grant legte den Föhn weg und überlegte, dass es besser gewesen wäre, ihn nicht zu benutzen, denn sein Haar sah jetzt richtig wild aus. Dann zog er die Sachen an, die perfekt passten. Wenn er gewusst hätte, dass es Charly gut ging, hätte er sich sogar auf den Abend gefreut.

Ohne Rafe hatte er sich zu Hause einsam gefühlt. Er freute sich auf den nächsten Brief oder Anruf von den beiden. Ally hatte ganz begeistert von ihrem Aufenthalt in New York erzählt. “Und wir haben tolle Geschenke für dich gekauft”, hatte sie hinzugefügt. Das war typisch Ally, und sie hatte auch das Geld.

Die Camerons waren nie so reich wie die Kinross gewesen, obwohl Opal Plains zu den größten Rinderzuchtfarmen des Landes gehörte und ...

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