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Die dunkle Wahrheit des Mondes

Über den Autor

Andrea Camilleri ist der beliebteste zeitgenössische Autor Italiens und begeistert mit seinem vielfach ausgezeichneten Werk ein Millionenpublikum. Ob er seine Leser mit seinem unwiderstehlichen Helden Salvo Montalbano in den Bann zieht, ihnen mit kulinarischen Köstlichkeiten den Mund wässrig macht oder ihnen unvergessliche Einblicke in die mediterrane Seele gewährt: Dem Charme Camilleris vermag sich niemand zu entziehen.

Andrea Camilleri

Die dunkle Wahrheit
des Mondes

Commissario Montalbanos neunter Fall

Aus dem Italienischen von
Moshe Kahn

BASTEI ENTERTAINMENT

Eins

Der Wecker klingelte, wie jeden Morgen seit einem Jahr, um halb acht. Aber er war schon eine winzige Sekunde vor dem Gerappel wach geworden, das Klicken der Feder, die das Klingeln auslöst, hatte genügt. Daher konnte er vor seinem Sprung aus dem Bett noch einen raschen Blick aus dem Fenster werfen. Das Licht verriet ihm, dass der Tag schön würde, ganz ohne Wolken. Danach blieb gerade ausreichend Zeit, um einen Espresso aufzusetzen, eine Tasse zu trinken, zur Toilette zu gehen, sich zu rasieren und eine Dusche zu nehmen, noch eine Tasse zu trinken und um neun Uhr im Kommissariat zu sein: das Ganze mit der Geschwindigkeit eines Slapstickfilms von Ridolini oder Charlie Chaplin.

Bis vor einem Jahr allerdings war die Prozedur des morgendlichen Aufwachens noch nach anderen Regeln abgelaufen, insbesondere ohne die Hetzerei und ohne die Atemnot eines Hundertmeterläufers.

Vor allem ohne Wecker.

Montalbano hatte die Gewohnheit, nach dem Schlafen ganz von allein aufzuwachen, ohne irgendwelche äußeren Reize: Es gab zwar so etwas wie einen Wecker, aber der war in ihm, sicher verborgen in seinem Kopf. Er musste ihn nur vor dem Einschlafen richten, »denk dran, morgen musst du um sechs wach werden«, und Punkt sechs machte er seine Augen auf. Einen Wecker, so einen aus Metall, hatte er eigentlich immer als ein Folterinstrument betrachtet: Die drei oder vier Male, die er mit diesem Geräusch eines Bohrers aufgewacht war, weil Livia, die wieder abreisen musste, sich nicht auf seinen inneren Wecker verlassen wollte, hatte er den ganzen Tag über Kopfschmerzen. Daraufhin hatte Livia nach einem Geplänkel einen Plastikwecker gekauft, der anstelle des Klingelns einen elektronischen Ton von sich gab, eine Art biiiip, das überhaupt nicht mehr aufhörte, beinahe wie das Summen einer Fliege, die ins Ohr eingedrungen war und dort gefangen saß. Zum Wahnsinnigwerden. Er hatte das Ding zum Fenster rausgeworfen und damit einen anderen denkwürdigen Krach heraufbeschworen.

Außerdem war er gewolltermaßen immer mit einem Vorsprung von mindestens, allermindestens zehn Minuten von allein aufgewacht.

Und das waren die besten zehn Minuten des Tages, der ihn erwartete. Ach, war das schön, ausgestreckt unter der Bettdecke zu liegen und an unwichtiges Zeug zu denken! Kauf ich mir dieses Buch, von dem alle behaupten, es wäre ein Meisterwerk, oder kauf ich’s mir nicht? Geh ich heute in die Trattoria zum Essen oder fahre ich nach Marinella zurück und verputze, was Adelina mir vorbereitet hat? Sag ich’s Livia oder sag ich’s ihr nicht, dass ich die Schuhe, die sie mir gekauft hat, nicht anziehen kann, weil sie mir zu eng sind? Solche Dinge eben. Die Gedanken schweifen lassen. Damit genau vermied er es, dass ihm etwas durch den Kopf ging, das mit Sex und Frauen zu tun hatte: Das konnte zu dieser Stunde ein gefährliches Erkundungsterrain werden, sofern Livia nicht neben ihm schlief, die sicher sehr zufrieden gewesen wäre, die Konsequenzen auf sich zu nehmen.

Eines Morgens vor einem Jahr hatten die Dinge sich dann schlagartig verändert. Kaum hatte er die Augen geöffnet und sich ausgerechnet, dass er sich eine knappe Viertelstunde für seine gedanklichen Abschweifungen gönnen könnte, schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf, kein vollständiger, sondern eher der Anfang eines Gedankens, ein Gedanke, der mit genau diesen Worten anfing:

»Wenn der Tag deines Todes kommt …«

Und was suchte dieser Gedanke inmitten all der anderen Gedanken? Es war eine feige Attacke! Es war, als würde sich jemand, während er Liebe macht, plötzlich daran erinnern, dass er die Telefonrechnung noch nicht bezahlt hatte. Es war nicht so, dass der Gedanke an den Tod ihm sonderlich Angst gemacht hätte, doch morgens um halb sieben war er fehl am Platz. Wenn einer anfing, morgens um sieben über seinen Tod nachzudenken, dann war es sicher, dass er sich um fünf Uhr nachmittags entweder erschoss oder sich mit einem Stein am Hals ins Meer stürzte. Es gelang ihm, diesen Satz nicht fortzusetzen, er blockte ihn ab, indem er rasch begann, von eins bis fünftausend zu zählen, mit geschlossenen Augen, mit geballten Fäusten. Dann begriff er, dass es nur einen einzigen Weg gab, die Dinge zu tun, die er tun musste: sich so auf sie zu konzentrieren, als ginge es dabei um Leben und Tod. Am nächsten Morgen war die Sache hinterhältiger. Der erste Gedanke, der ihm kam, war, dass in dem Fischsud, den er abends zuvor gegessen hatte, ein Gewürz fehlte. Aber welches? Und genau in diesem Augenblick kehrte aus dem Hinterhalt der verdammte Gedanke zurück:

»Wenn der Tag deines Todes kommt …«

Von da an begriff er, dass dieser Gedanke nie wieder verschwinden würde, durchaus möglich, dass er, sich ständig windend und schlängelnd, sich in seinem Kopf für einen Tag oder auch zwei versteckte, um genau dann wieder hervorzuschießen, wenn er es am wenigsten erwartete. Doch wie immer man das verstehen mag, er gelangte zu der Überzeugung, es wäre für sein ureigenes Überleben notwendig, dass dieser Satz niemals vollendet werden dürfte, denn würde er vollendet, würde er mit dem letzten Wort sterben. Und daher der Wecker. Um diesem verdammten Gedanken auch nicht die feinste Zeitenschrunde zu bieten, in die er hätte eindringen können.

Während Livia, die für drei Tage nach Marinella gekommen war, ihren Koffer auspackte, deutete sie mit einem Finger auf das Nachtschränkchen und fragte:

»Was macht denn der Wecker da?«

Er erzählte ihr eine Lüge.

»Weißt du, vor einer Woche musste ich ganz früh aufstehen und …«

»Und eine Woche später ist dieser alte Wecker immer noch aufgezogen?«

Wenn sie sich hineinsteigerte, war Livia schlimmer als Sherlock Holmes. Ein bisschen beschämt erzählte er ihr die Wahrheit. Livia wurde wütend.

»Du bist doch irre!«

Und sie ließ den Wecker in einer Schublade des Kleiderschranks verschwinden.

Am nächsten Morgen war es nicht der Wecker, sondern Livia, die Montalbano weckte. Und es war ein wunderschönes Erwachen, denn er dachte ans Leben und nicht an den Tod. Doch kaum war Livia abgereist, nahm der Wecker wieder seinen Platz auf dem Nachtschränkchen ein.

»Dottori ah Dottori!«

»Was gibt’s denn, Catarè?«

»Da ist eine Frau, die auf Sie wartet.«

»Auf mich?«

»Auf Sie, Euer Gnaden, persönlich selber hat sie zwar nicht gesagt, sie hat nur gesagt, dass sie mit jemand von der Polizei sprechen will.«

»Konntest du’s dir denn nicht erzählen lassen?«

»Dottori, sie hat zu mir gesagt, dass sie mit einem Vorgesetzten von mir reden will.«

»Ist Dottor Augello denn nicht da?«

»Nein, Dottori, er hat angerufen und gesagt, dass er mit Verspätung kommen würde, weil er sich verspätet hat.«

»Und warum?«

»Er sagt, dass der Kleine sich diese Nacht schlecht gefühlt hat und dass heute Morgen der Dottore Arzt kommen würde.«

»Catarè, du brauchst nicht Dottore Arzt zu sagen, es reicht vollkommen, wenn du Dottore sagst.«

»Das reicht nicht, Dottori. Das stiftet nur Verwirrung. Sie, Euer Gnaden, sind zum Beispiel Dottore, aber Sie sind kein Arzt.«

»Und was ist mit der Mutter? Beba? Kann die nicht auf den Besuch des Dott … des Arztes warten?«

»Doch doch, Dottori, Signora Beba ist zu Hause. Aber sie sagt, dass auch er anwesend sein muss.«

»Und Fazio?«

»Fazio ist bei einem Jungen.«

»Was hat der Junge getan?«

»Der … Nichts, Dottori. Der ist tot.«

»Und wie ist er gestorben?«

»Überdosis, Dottori.«

»Na gut, dann gehe ich jetzt in mein Büro, du lässt zehn Minuten verstreichen und dann schickst du die Frau herein.« Er war wütend auf Mimì Augello. Seit der Kleine das Licht der Welt erblickt hatte, war er mehr hinter dem Jungen her als seinerzeit hinter den Frauen. Er hatte völlig den Kopf verloren wegen seines kleinen Salvo. Tja, sie hatten ihn, Montalbano, nämlich nicht nur zum Taufpaten gemacht, sondern ihm auch noch die schöne Überraschung bereitet, ihren Sohn nach ihm zu benennen.

»Mimì, könnt ihr ihm denn nicht den Namen deines Vaters geben?«

»Ach, du liebe Zeit, der heißt Eusebio.«

»Dann eben den Namen von Bebas Vater.«

»Schlimmer als nachts Auto fahren. Der heißt Adelchi.«

»Mimì, jetzt sag mir mal eins. Der eigentliche Grund, weshalb ihr ihn wie mich nennt, ist der, dass die anderen Namen Namen sind, die euch sonderbar vorkommen?«

»Ach, red doch keinen Blödsinn! Zuallererst ist da die Freundschaft und Liebe, die ich für dich empfinde, denn du bist für mich wie ein Vater, und dann …«

Ein Vater? Mit einem Sohn wie Mimì?

»Ach, leck mich doch!«

Bei der Nachricht, dass das Kind, das bald zur Welt kommen würde, Salvo heißen sollte, wurde Livia von einem furchtbaren Weinkrampf erfasst. Es gab hin und wieder Anlässe, die sie ziemlich bewegten.

»Wie sehr Mimì dich mag! Aber du …«

»Ach, er mag mich? Weißt du überhaupt, wer Eusebio und Adelchi sind?«

Und seit der Kleine auf der Welt war, tauchte Mimì im Kommissariat auf und verschwand gleich wieder im Handumdrehen, mal hatte Salvo (junior, natürlich) Durchfall, mal hatte er rote Flecken auf dem Po, dann wieder erbrach er sich, ein anderes Mal wollte er die Milch nicht saugen … Darüber hatte er sich am Telefon bei Livia beklagt.

»Ach, ja? Und was hast du gegen Mimì? Der ist doch ein liebevoller und verantwortungsbewusster Vater! Ich weiß nicht, ob du an seiner Stelle …«

Er hatte aufgelegt.

Er sah die Morgenpost durch, die Catarella ihm auf den Schreibtisch gelegt hatte. Aufgrund einer Vereinbarung mit dem Postamt wurde, weil er manchmal zwei Tage hierblieb und nicht nach Hause kam, seine nach Marinella adressierte private Post ins Kommissariat gebracht. Es waren nur offizielle Briefe, und die legte er zur Seite. Er hatte keine Lust, sie zu lesen, und würde sie an Fazio weiterleiten, sobald dieser zurückkäme.

Das Telefon klingelte.

»Dottori, Dottor Latte ist da, mit S am Ende.«

Lattes, der Kabinettschef des Polizeipräsidenten. Mit Entsetzen und Staunen hatte Montalbano vor einiger Zeit entdeckt, dass Lattes einen Klon in einem Abgeordnetensprecher hatte, der immer im Fernsehen auftauchte: das gleiche salbungsvolle Gehabe, die gleiche schweinchenrosa Haut wegen des fehlenden Bartes, den gleichen Mund, der aussah wie ein Arschloch, die gleiche schmierige Art – ein vollkommenes Ebenbild.

»Lieber Montalbano, wie geht’s, wie steht’s?«

»Gut, Dottore.«

»Und die Familie? Die Kinder? Alle wohlauf?«

Er hatte ihm eine Million Mal erklärt, dass er weder verheiratet war noch Kind und Kegel hatte. Aber nichts zu machen. Er war nicht davon abzubringen.

»Alle wohlauf.«

»Der Madonna sei Dank. Hören Sie, Montalbano, der Signor Questore würde Sie gerne heute Nachmittag sprechen, um siebzehn Uhr.«

Und wieso wollte er ihn sprechen? Signor Bonetti-Alderighi, der Polizeipräsident, wich einer Begegnung mit ihm doch geradezu aus, lieber berief er Mimì zu sich. Es musste sich um eine verdammt lästige Sache handeln.

Die Tür flog mit heftigem Schwung auf und schlug gegen die Wand. Er sprang von seinem Stuhl auf. Catarella erschien.

»Entschuldigen Sie, Dottori, die ist mir aus der Hand geflutscht. Die zehn Minuten sind genau jetzt gerade zu Ende, so wie Sie mir gesagt haben.«

»Ach, ja? Zehn Minuten sind vergangen? Und was kümmert mich das?«

»Die Frau, Dottori.«

Die hatte er völlig vergessen.

»Ist Fazio zurück?«

»Noch mitnichten, Dottori.«

»Lass sie hereinkommen.«

Eine etwa Vierzigjährige, auf den ersten Blick eine Überlebende des Laienordens der Töchter Mariens, niedergeschlagene Augen hinter Brillengläsern, Haare zum Pferdeschwanz gebunden, Hand fest auf der Handtasche, eingesackt in ein weites graues Kleid, das nicht erahnen ließ, was sich darunter befand. Doch die Beine waren, trotz der dicken Strümpfe und flachen Absätze, lang und schön. Sie blieb unentschlossen an der Tür stehen und blickte auf den weißen Marmorstreifen, der die Fußbodenfliesen des Korridors von denen in Montalbanos Büro trennte.

»Nur herein. Schließen Sie die Tür und nehmen Sie Platz.« Sie gehorchte und setzte sich auf die äußerste Kante des einen der beiden Stühle, die vor dem Schreibtisch standen.

»Wie kann ich Ihnen helfen, Signora …«

»Signorina. Michela Pardo. Und Sie sind Commissario Montalbano, oder?«

»Kennen wir uns?«

»Nein, aber ich habe Sie im Fernsehen gesehen.«

»Was gibt’s denn?«

Sie wirkte noch verlegener als vorher. Sie rückte ihre Pobacken etwas besser auf dem Stuhl zurecht, betrachtete die Spitze eines Schuhs, schluckte zweimal, öffnete den Mund, machte ihn zu und öffnete ihn dann erneut.

»Es geht um meinen Bruder Angelo.«

Und sie hielt inne, so als müsse es Montalbano genügen zu wissen, dass ihr Bruder Angelo hieß, um dann blitzartig die gesamte Angelegenheit zu erfassen.

»Signorina Michela, Sie verstehen sicherlich, dass …«

»Ja, gewiss. Angelo ist … Er ist verschwunden. Seit zwei Tagen. Verzeihen Sie, ich bin äußerst besorgt und verwirrt und …«

»Wie alt ist Ihr Bruder?«

»Zweiundvierzig.«

»Wohnt er bei Ihnen?«

»Nein, er hat eine eigene Wohnung. Ich wohne mit Mama zusammen.«

»Ist Ihr Bruder verheiratet?«

»Nein.«

»Hat er eine feste Beziehung?«

»Nein.«

»Warum sagen Sie, er sei verschwunden?«

»Weil kein Tag vergeht, an dem er Mama nicht besuchen kommt. Und wenn er nicht kann, ruft er an. Und wenn er verreisen muss, lässt er uns das wissen. Seit zwei Tagen meldet er sich nicht.«

»Haben Sie versucht, ihn anzurufen?«

»Ja, sowohl in seiner Wohnung als auch auf seinem Handy. Doch niemand antwortet. Ich bin auch zu ihm nach Hause gegangen. Ich habe lange geklingelt, bevor ich mich dann entschloss, die Tür zu öffnen.«

»Haben Sie die Schlüssel zur Wohnung Ihres Bruders?«

»Ja.«

»Und was haben Sie vorgefunden?«

»Alles in perfekter Ordnung. Ich hatte Angst.«

»Leidet Ihr Bruder an irgendeiner Krankheit?«

»Überhaupt nicht.«

»Was macht er beruflich?«

»Er ist Informant.«

Montalbano staunte. War Informant, ein Spitzel, denn ein anerkannter Beruf geworden, mit dreizehntem Monatsgehalt und bezahltem Urlaub, wie zum Beispiel der reuige Kronzeuge mit festen Bezügen? Das würde er anschließend herausfinden.

»Fährt er viel herum?«

»Ja, aber er kümmert sich um ein festes Gebiet. Praktisch verlässt er nie die Grenzen der Provinz.«

»Also kurz gesagt, Sie wollen eine Vermisstenanzeige aufgeben?«

»Ich … Ich weiß nicht.«

»Ich muss Sie allerdings darauf aufmerksam machen, dass wir uns nicht sofort mit der Sache beschäftigen können.« »Warum nicht?«

»Weil Ihr Bruder volljährig ist, unabhängig, gesund an Körper und Geist. Er könnte ja die Entscheidung getroffen haben, aus eigenem Willen für ein paar Tage wegzufahren, verstehen Sie? Und solange wir nicht sicher sind, dass …« »Verstehe. Was raten Sie mir?«

Und als sie ihm die Frage stellte, sah sie ihn endlich an. Montalbano spürte eine Hitze in seinem Inneren auflodern. Diese Augen waren wie ein blauvioletter tiefer See, in den einzutauchen und zu ertrinken jedem Mann wie etwas unendlich Schönes vorkommen musste. Ein Glück, dass Signorina Michela den Blick fast immer gesenkt hielt. Im Geist umarmte er sie zweimal und kehrte ans Ufer zurück.

»Na ja, ich würde Ihnen raten, zur Wohnung Ihres Bruders zurückzukehren und noch einmal nachzusehen.«

»Das habe ich gestern auch schon getan. Ich bin zwar nicht hineingegangen, aber ich habe lange geklingelt.«

»Schon, aber es könnte ja auch sein, dass er nicht in der Lage ist zu antworten.«

»Aber wieso?«

»Nun ja … Er könnte im Bad ausgerutscht und nun unfähig sein aufzustehen, er könnte einen Anfall von hohem Fieber haben …«

»Commissario, ich habe nicht nur geklingelt. Ich habe ihn auch gerufen. Wenn er im Bad gestürzt wäre, hätte er geantwortet. Angelos Wohnung ist schließlich nicht so groß.«

»Erlauben Sie mir, dass ich auf meinem Standpunkt beharre.«

»Alleine gehe ich da nicht hin. Könnten Sie nicht mitkommen?«

Wieder blickte sie ihn an. Und diesmal spürte Montalbano, wie er unterging, das Wasser stieg ihm bis zum Hals. Er dachte einen Augenblick nach, dann entschloss er sich.

»Hören Sie, machen wir doch Folgendes. Wenn Sie in der Zwischenzeit keine Nachricht von Ihrem Bruder erhalten haben, kommen Sie heute Abend gegen sieben noch einmal vorbei. Ich werde Sie dann begleiten.«

»Danke.«

Sie stand auf und reichte ihm die Hand. Montalbano ergriff sie zwar, hatte aber nicht den Mut, sie zu drücken. Sie war wie ein Stück lebloses Fleisch.

Keine zehn Minuten später kam Fazio zurück.

»Ein Siebzehnjähriger. Er ist auf die Terrasse des Wohnhauses gestiegen und hat sich eine Überdosis gesetzt. Wir haben nichts tun können, der Arme war schon tot, als wir ankamen. Er ist der zweite in drei Tagen.«

Montalbano sah ihn sprachlos an.

»Der zweite? Gab es denn einen ersten? Und wie kommt es, dass ich nichts darüber weiß?«

»Der Ingegnere Fasulo. Aber bei dem war’s Kokain«, sagte Fazio.

»Kokain? Was erzählst du mir denn da? Der Ingegnere ist an einem Infarkt gestorben!«

»Sicher. So steht’s auf dem Totenschein, so heißt es in der Familie, so heißt es bei seinen Freunden. Doch die ganze Stadt weiß, dass er an Drogen gestorben ist.«

»Schlecht gestrecktes Zeug?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Dottore.«

»Hör mal, kennst du jemanden, der Angelo Pardo heißt? Er ist zweiundvierzig und arbeitet als Informant.«

Fazio zeigte sich über Angelo Pardos Beruf nicht erstaunt. Vielleicht hatte er ja auch nicht richtig verstanden.

»Nein. Warum fragen Sie mich das?«

»Weil er seit zwei Tagen verschwunden ist, und seine Schwester macht sich Sorgen.«

»Wollen Sie, dass …«

»Nein, wenn er sich später immer noch nicht gemeldet hat, sehen wir weiter.«

»Dottor Montalbano? Hier ist Lattes.«

»Ja, ich höre.«

»Ihrer Familie geht’s gut?«

»Ich glaube, darüber haben wir vor knapp zwei Stunden geredet.«

»Ach ja, richtig. Hören Sie, ich muss Ihnen mitteilen, dass der Signor Questore Sie heute nicht empfangen kann, wie Sie gebeten hatten.«

»Schauen Sie, Dottore, es war der Signor Questore, der mich zu sich bestellt hat.«

»Ach ja? Na, wie auch immer. Können Sie morgen um elf kommen?«

»Ohne Weiteres.«

Bei der Vorstellung, dass er den Polizeipräsidenten nicht sehen würde, weiteten sich gleich seine Lungen, und ein ungeheurer Appetit kam auf, mit dem nur Enzo in seiner Trattoria fertig werden konnte.

Er verließ das Kommissariat. Der Tag leuchtete in den Farben des Sommers, war jedoch nicht so unerträglich heiß. Montalbano schlenderte in aller Gemütsruhe dahin, ein Schritt nach dem anderen, schon im Vorgeschmack auf das, was er essen würde. Als er vor der Tür der Trattoria stand, rutschte ihm das Herz vor Schreck in die Hose. Sie war verschlossen, verrammelt. Was, zum Teufel, war denn passiert? Voller Wut versetzte er der Tür einen Tritt, drehte sich um und machte sich fluchend wieder auf den Weg. Doch nach zwei Schritten wurde er gerufen.

»Commissario! Was machen Sie denn da? Haben Sie vergessen, dass wir heute unseren Ruhetag haben?«

Er hatte es vergessen, verflixt!

»Aber wenn Sie mit mir und meiner Frau essen wollen …« Montalbano stürzte hinein und aß so viel, dass er sich dafür schämte, aber er konnte nicht dagegen an. Am Ende beglückwünschte Enzo ihn fast:

»Und bewahren Sie sich weiterhin Ihren guten Appetit, Commissario!«

Der Spaziergang zur Mole war, notgedrungen, lang.

Den Nachmittag verbrachte er damit, dass seine Augen hin und wieder vor Müdigkeit flirrten und sein Kopf anfing, wegen der plötzlichen Schlafattacken nach vorne zu sacken. Da stand er auf und wusch sich das Gesicht.

Um sieben Uhr am Abend teilte Catarella ihm mit, dass die Frau vom Vormittag zurückgekommen sei.

Als Michela Pardo sein Büro betrat, sagte sie nur ein Wort: »Nichts.«

Sie setzte sich nicht, am liebsten wäre sie gleich in die Wohnung des Bruders geeilt, und diese Eile wollte sie auf den Commissario übertragen.

»Also gut«, sagte Montalbano. »Gehen wir.«

Als sie an dem Kabuff vorbeikamen, informierte er Catarella.

»Ich gehe jetzt mit Signorina Pardo weg. Wenn ihr mich später braucht, findet ihr mich in Marinella.«

»Fahren Sie in meinem Auto mit?«, fragte Michela Pardo und zeigte auf einen blauen Polo.

»Ist vielleicht besser, wenn ich meinen Wagen nehme und Ihnen folge. Wo wohnt Ihr Bruder?«

»Etwas außerhalb. Im neuen Viertel. Kennen Sie Vigàta 2?« Er kannte Vigàta 2. Ein Albtraum, der von einem Wohnsilo-Baulöwen auf Horrortrip aus dem Boden gestampft worden war. Dort hätte er nicht tot über dem Zaun hängen wollen.

Zwei

Nein, zu seinem Glück und dem des Commissario, der nie, wirklich nie länger als fünf Minuten in einem der engen, bedrückenden Zwei-mal-drei-Meter-Zimmer von Vigàta 2 hätte bleiben können, die in der Werbebroschüre als »großräumig und sonnendurchflutet« beschrieben worden waren, wohnte Angelo Pardo hinter der neuen Wohnanlage in einer restaurierten kleinen Villa aus dem neunzehnten Jahrhundert mit zwei Obergeschossen. Die Haustür war geschlossen. Während Michela sie mit dem Schlüssel öffnete, sah Montalbano, dass die Sprechanlage sechs Namensschildchen hatte. Es gab also sechs Wohnungen, zwei im Erdgeschoss und vier auf den anderen Etagen.

»Angelo wohnt auf der obersten, einen Aufzug gibt es nicht.«

Die Treppe hatte großzügig angelegte Stufen, das Haus wirkte unbewohnt, keine Stimme war zu hören, kein Laut aus einem eingeschalteten Fernsehgerät. Und doch war es die Zeit, zu der die Leute mit den Vorbereitungen für das Abendessen beschäftigt waren.

Auf dem Treppenabsatz der obersten Etage gab es zwei Türen. Michela bewegte sich auf die linke zu. Bevor sie öffnete, wies sie den Commissario auf ein vergittertes Fensterchen hin, das sich neben der gepanzerten Wohnungstür befand.

»Von hier habe ich nach ihm gerufen. Er hätte mich ganz sicher gehört.«

Sie schloss auf, zuerst mit einem Schlüssel, danach mit einem zweiten, vier Umdrehungen, aber sie ging nicht hinein, sondern trat zur Seite.

»Könnten Sie vorangehen?«

Montalbano stieß die Tür auf, suchte nach dem Schalter, machte Licht und trat ein. Er schnupperte in der Luft wie ein Hund. Und er war augenblicklich davon überzeugt, dass es in der Wohnung keinen Menschen gab, weder lebendig noch tot.

»Folgen Sie mir«, sagte er zu Michela.

Vom Eingang gingen sie durch einen langen Flur. Linker Hand ein Schlafzimmer mit Ehebett, ein Badezimmer, ein weiteres Schlafzimmer. Rechter Hand ein Arbeitszimmer, eine Küche, eine Toilette, ein kleines Wohnzimmer. Alles in vollkommener Ordnung, sauber und spiegelblank.

»Hat Ihr Bruder eine Putzfrau?«

»Ja.«

»Wann war sie zum letzten Mal hier?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Sagen Sie, Signorina, kommen Sie häufig hierher und besuchen Ihren Bruder?«

»Ja.«

»Warum?«

Die Frage brachte Michela in Verlegenheit.

»Was heißt hier warum? Er … ist doch mein Bruder!«

»Einverstanden, aber Sie haben gesagt, dass Angelo fast täglich bei Ihnen und Ihrer Mutter vorbeischaut. Und wenn nicht, dann gehen Sie ihn am anderen Tag hier besuchen. Ist das so?«

»Na ja, schon. Aber nicht mit dieser Regelmäßigkeit.«

»In Ordnung. Aber warum müssen Sie sich treffen, ohne dass Ihre Mutter anwesend ist?«

»Ach, du meine Güte, Commissario, so wie Sie das sagen … Das ist doch nur eine alte Gewohnheit seit Kindertagen … Zwischen Angelo und mir hat immer eine Art von …«

»Komplizenschaft bestanden?«

»Na ja, so könnte man es wohl nennen.«

Und sie kicherte ein bisschen. Montalbano beschloss, das Thema zu wechseln.

»Wollen Sie nachschauen, ob ein Koffer fehlt? Ob alle seine Anzüge da sind?«

Er folgte ihr ins Schlafzimmer mit dem Ehebett. Michela öffnete den Kleiderschrank und sah die Anzüge einzeln durch. Montalbano fiel auf, dass sie maßgeschneidert waren, fein und teuer.

»Es ist alles da. Auch der graue, den er anhatte, als er zuletzt bei uns war, vor drei Tagen. Ich glaube, es fehlt lediglich eine Jeans.«

Auf dem Kleiderschrank befanden sich, eingehüllt in Cellophan, zwei elegante Lederkoffer, ein großer und ein etwas kleinerer.

»Die Koffer sind hier.«

»Hat er ein Übernachtungsköfferchen?«

»Ja, normalerweise bewahrt er das im Arbeitszimmer auf.« Sie gingen ins Arbeitszimmer. Das Köfferchen stand neben dem Schreibtisch. Eine Wand des Zimmers war von einem Regal verdeckt, wie man es in Apotheken findet, verschlossen mit einer durchsichtigen Schiebeglastür. Und in dem Regal befand sich in der Tat eine Vielzahl von Medikamentenverpackungen, von Schachteln, Schächtelchen und Fläschchen.

»Hatten Sie mir nicht gesagt, Ihr Bruder sei Informant?«

»Genau. Er ist medizinisch-wissenschaftlicher Informant.« Und Montalbano verstand. Angelo war das, was man früher als Arzneimittelvertreter bezeichnet hatte. Doch sein Beruf war geadelt worden, indem man ihn nun mit einem anderen Namen belegte und damit der Eleganz der Zeit anglich, so wie die Straßenkehrer zu Ökotechnikern und die Haushaltshilfen zu haushaltstechnischen Mitarbeiterinnen avanciert waren. Die Substanz allerdings blieb unverändert.

»Er war … Er ist Arzt, aber er hat nur kurze Zeit praktiziert«, fühlte Michela sich verpflichtet hinzuzufügen.

»Gut. Wie Sie sehen, Signorina, ist Ihr Bruder nicht hier. Wenn Sie also wollen, können wir wieder gehen.«

»Dann gehen wir.«

Sie sagte es widerwillig und blickte sich dabei um, als rechnete sie damit, im letzten Augenblick noch zu entdecken, dass ihr Bruder sich in einer Schachtel mit Pillen gegen Leberschäden versteckt hatte.

Diesmal ging Montalbano ihr voraus und wartete, dass sie sorgfältig das Licht ausmachte und die Tür mit beiden Schlüsseln abschloss. Sie gingen schweigend die Treppe in der tiefen Stille dieses Hauses hinunter. Aber war es nun leer oder waren alle tot? Kaum waren sie draußen, wurde Montalbano, als er Michela so ungetröstet vor sich stehen sah, von einem starken Mitgefühl bewegt.

»Sie werden schon sehen, Ihr Bruder wird sich sehr bald melden«, sagte er leise und reichte ihr die Hand.

Michela ergriff sie nicht und schüttelte noch untröstlicher ihren Kopf.

»Hören Sie … Ihr Bruder … Trifft er sich mit … Hat er eine Beziehung?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

Sie sah ihn an. Und während sie ihn ansah und Montalbano verzweifelt mit den Armen ruderte, um nicht zu ertrinken, wurde das Wasser des Sees ganz plötzlich tiefdunkel, fast als hätte sich die Nacht herabgesenkt.

»Was ist?«, fragte der Commissario.

Sie antwortete nicht, riss die Augen weit auf. Und der See verwandelte sich in offenes Meer.

Schwimm, Salvo, schwimm.

»Was ist?«, wiederholte er zwischen einem Schwimmzug und dem nächsten.

Doch auch dieses Mal antwortete sie nicht. Sie kehrte ihm den Rücken zu, öffnete die Haustür wieder, stieg die Treppe hoch und gelangte zur obersten Etage, ohne dort innezuhalten. Da sah Montalbano, dass von einem Mauervorsprung eine Wendeltreppe weiter hinaufführte, die vor einer Glastür endete. Michela steckte den Schlüssel ins Schloss, konnte sie aber nicht öffnen.

»Ich mach’s schon.«

Er öffnete und befand sich auf einer Terrasse, die so groß war wie das gesamte Haus. Michela schob ihn beiseite und rannte auf eine Art quadratischen Kasten von der Größe eines Zimmers zu, der etwa in der Mitte der Terrasse stand. Er hatte eine Tür und auf der einen Seite auch ein Fenster. Beides war geschlossen.

»Ich habe keinen Schlüssel«, sagte Michela. »Ich habe ihn nie besessen.«

»Aber warum wollen Sie denn …«

»Das hier war früher einmal das Waschhaus. Angelo hat es mit der Terrasse gemietet und umgestaltet. Er kommt manchmal zum Lesen hierher oder um sich in die Sonne zu legen.«

»Verstehe, aber wenn Sie keinen Schlüssel haben …«

»Um Himmels willen, treten Sie doch die Tür ein.«

»Signorina, hören Sie, ich kann unter gar keinen Umständen …«

Sie sah ihn an. Das genügte. Mit einem Stoß der Schulter zertrümmerte er die Tür, die aus Sperrholz war. Er ging hinein, schaltete das Licht an und rief:

»Kommen Sie nicht rein!«

Denn in dem Zimmer hatte er den Geruch des Todes wahrgenommen.

Doch Michela musste selbst im Dunkeln etwas erkannt haben, denn Montalbano nahm zuerst eine Art ersticktes Klagen wahr, und dann hörte er, wie sie ohnmächtig zu Boden sank.

Und was mache ich jetzt?, fragte er sich fluchend.

Er bückte sich, richtete Michela mit aller Kraft auf und brachte sie bis zur Glastür. Doch wenn er sie so hielt, wie im Film, wo der Bräutigam die Braut auf den Armen trägt, wäre er nie in der Lage, mit ihr die Wendeltreppe hinunterzugehen. Die war zu eng. Da stellte er die Frau aufrecht hin, umfasste ihre Taille mit beiden Armen und hob sie vom Boden hoch. So konnte er es mit der nötigen Vorsicht schaffen. Manchmal war er gezwungen, sie noch fester an sich zu drücken, und hatte daher die Möglichkeit festzustellen, dass Michela unter diesem Kittelkleid den festen Körper einer jungen Frau verbarg. Endlich kam er zur Tür der anderen Wohnung auf der obersten Etage und klingelte, in der Hoffnung, dass es dort jemand Lebendigen gäbe oder der Klingelton einen Toten in seinem Sarkophag auferweckte.

»Wer ist da?«, fragte eine zornige Männerstimme.

»Ich bin Commissario Montalbano. Könnten Sie bitte öffnen?«

Die Tür ging auf, und König Vittorio Emanuele III. erschien, eine haargenaue Kopie, der gleiche Oberlippenbart, die gleiche Zwergenhaftigkeit. Nur dass er Zivil trug. Er sah, dass Montalbano Michela umschlungen hielt, und verstand alles genau falsch herum.

»Lassen Sie mich bitte rein«, sagte Montalbano.

»Was?! Ich soll Sie hereinlassen?! Sie sind doch wahnsinnig! Sie haben den Nerv, zum Vögeln in meine Wohnung zu kommen?«

»Nein, sehen Sie, Majestät, es ist …«

»Schämen Sie sich! Ich rufe jetzt die Polizei!«

Und er schlug die Tür zu.

»Riesenarschloch!«, tobte Montalbano und versetzte der Tür einen Tritt.

Es fehlte nicht viel, und er wäre mit Michela zu Boden gestürzt. Die Last der Frau brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Wieder nahm er Michela mit aller Kraft auf und ging äußerst vorsichtig weiter die Treppe hinunter. Er klopfte an die nächste Tür, die auf seinem Weg lag.

»Wer ist da?«

Die Stimme eines Kindes, allerhöchstens zehn Jahre.

»Ich bin ein Freund von Papa. Kannst du mal aufmachen?« »Nein.«

»Und wieso nicht?«

»Weil Mama und Papa mir gesagt haben, ich soll niemandem öffnen, wenn sie nicht da sind.«

Erst da merkte Montalbano, dass er sich, bevor er Michela vom Boden aufgehoben hatte, ihre Handtasche über den Arm gestreift hatte. Hier war sie, die Lösung. Er nahm Michela wieder hoch, stieg mit ihr die Treppe hinauf, stellte die Frau gegen die Wand, hielt sie aufrecht, indem er seinen Körper gegen sie presste, was keineswegs unangenehm war, öffnete die Handtasche, nahm den Schlüsselbund, schloss Angelos Wohnungstür auf, schleppte Michela in das Schlafzimmer mit dem Ehebett, legte sie aufs Bett, ging ins Badezimmer, nahm ein Handtuch, machte es unter dem Wasserhahn nass, kam zurück, legte das Handtuch auf Michelas Stirn und brach ebenfalls auf dem Bett zusammen, wie tot vor Müdigkeit und Anstrengung. Er keuchte und war schweißgebadet.

Und was jetzt? Schließlich konnte er die Frau nicht allein lassen und auf die Terrasse gehen, um nachzuschauen, wie die Dinge sich verhielten. Das Problem wurde sogleich für ihn gelöst.

»Da ist er!«, sagte Seine Majestät, der auf einmal im Türrahmen erschienen war. »Sehen Sie ihn? Er ist im Begriff, sie zu vergewaltigen!«

Hinter ihm Fazio, mit der Pistole in der Hand. Der fing an zu fluchen.

»Gehen Sie in Ihre Wohnung zurück, Signore.«

»Wie denn, was denn, Sie verhaften ihn nicht?«

»Gehen Sie in Ihre Wohnung zurück, auf der Stelle!«

Vittorio Emanuele III. hatte einen weiteren Geistesblitz. »Sie sind ein Komplize! Sie sind ein Komplize! Ich rufe jetzt die Carabinieri!«, verkündete er und lief eilig aus dem Schlafzimmer.

Fazio rannte ihm hinterher. Fünf Minuten später war er wieder zurück.

»Ich konnte ihn abhalten. Aber was ist eigentlich passiert?« Montalbano erzählte es ihm. Und er bemerkte, dass Michela wieder zu sich kam.

»Bist du allein gekommen?«

»Nein, unten im Auto sitzt Gallo.«

»Lass ihn hochkommen.«

Fazio rief ihn über Handy an, und Gallo kam herbeigeeilt. »Kümmer dich um diese Frau. Wenn sie wieder zu sich gekommen ist, lass sie unter gar keinen Umständen auf die Terrasse hinauf. Verstanden?«

Von Fazio gefolgt stieg er wieder die Wendeltreppe hoch. Auf der Terrasse herrschte völliges Dunkel. Inzwischen war es Nacht geworden.

Er betrat das Zimmer und schaltete das Licht ein. Ein Tisch, unter Zeitungen und Zeitschriften verborgen. Ein Kühlschrank. Ein Bettsofa für eine Person. Vier lange, an der hinteren Wand angebrachte Bretter, die als Bücherregal dienten. Ein kleines Möbel mit Flaschen und Gläsern. Ein Waschbecken in einer Ecke. Ein Bürosessel aus Leder, wie sie früher einmal Mode waren. Angelo hatte sich gut organisiert, und eben dieser Angelo saß versunken in dem Sessel. Der Schuss, der ihn getötet hatte, hatte ihm das halbe Gesicht weggerissen. Er war in Hemd und Jeans. Der Reißverschluss der Jeans war offen, das Geschlechtsteil hing ihm zwischen den Schenkeln herunter.

»Was soll ich tun, anrufen?«, fragte Fazio.

»Ruf an«, sagte Montalbano. »Ich gehe runter.«

Was sollte er auch hier? Schließlich würde in Kürze die gesamte Bagage eintreffen, der Ermittlungsrichter, der Gerichtsmediziner, die Spurensicherung, der neue Chef der Mordkommission, Giacovazzo, der die Ermittlung an sich reißen würde … Wenn sie ihn brauchten, wussten sie, wo sie ihn finden würden.

Als er das Eheschlafzimmer betrat, saß Michela aufrecht auf dem Bett, so blass, dass einem angst und bange wurde. Gallo stand zwei Schritte vom Bett entfernt.

»Geh auf die Terrasse und hilf Fazio. Ich bleibe hier.«

Erleichtert ging Gallo hinaus.

»Ist er tot?«

»Ja.«

»Wie?«

»Man hat auf ihn geschossen.«

»Ogottogottogott«, sagte sie und barg ihr Gesicht in den Händen.

Aber sie war eine starke Frau. Sie trank ein bisschen Wasser aus einem Glas, das Gallo ihr offensichtlich gebracht hatte. »Warum?«, fragte sie.

»Warum was?«

»Warum hat man ihn umgebracht? Warum?«

Montalbano öffnete die Arme. Doch Michela durchzuckte plötzlich ein anderer Gedanke.

»Mama! O mein Gott! Wie sag ich’s ihr nur?«

»Sagen Sie’s ihr nicht!«

»Aber ich muss es ihr doch sagen!«

»Hören Sie mir zu. Sie rufen sie an. Sie sagen ihr, wir hätten herausgefunden, dass Angelo einen schrecklichen Autounfall hatte. Dass er ins Krankenhaus eingeliefert worden sei und in Lebensgefahr schwebe. Dass Sie die Nacht im Krankenhaus bleiben würden. Sagen Sie ihr nicht, welches. Hat Ihre Mutter eine Verwandte?«

»Ja, eine Schwester.«

»Wohnt sie in Vigàta?«

»Ja.«

»Rufen Sie diese Tante an, sagen Sie ihr das Gleiche. Und bitten Sie sie, zu ihrer Mutter zu fahren und bei ihr zu bleiben. Sie bleiben heute Nacht am besten hier. Sie werden sehen, morgen früh finden Sie die Kraft und die richtigen Worte, um Ihrer Mutter die Wahrheit zu sagen.«

»Danke«, sagte Michela.

Sie stand auf, Montalbano hörte sie ins Arbeitszimmer gehen, wo das Telefon stand.

Auch er verließ das Eheschlafzimmer, ging in den kleinen Salon, setzte sich in einen Sessel und zündete sich eine Zigarette an.

»Dottore? Wo sind Sie?«

Das war Fazios Stimme.

»Ich bin hier. Was gibt’s?«

»Dottore, ich habe alle informiert. In maximal einer halben Stunde werden sie hier sein. Allerdings kommt Dottor Giacovazzo nicht.«

»Und wieso nicht?«

»Er hat mit dem Polizeipräsidenten gesprochen, und der Polizeipräsident hat ihn dispensiert. Sieht so aus, als hätte Dottor Giacovazzo eine heikle Sache zu bearbeiten. Kurz gesagt, mit der Ermittlung, zarazabara, müssen Sie sich beschäftigen.«

»In Ordnung. Wenn sie eintreffen, ruf mich.«

Er hörte, dass Michela aus dem Arbeitszimmer kam und sich ins Badezimmer zwischen den zwei Schlafzimmern einschloss. Zehn Minuten später hörte er sie kommen. Sie hatte sich gewaschen und einen Damenmorgenmantel angezogen. Michela bemerkte Montalbanos Blick.

»Der gehört mir«, erklärte sie. »Manchmal bin ich zum Schlafen hiergeblieben.«

»Haben Sie mit Ihrer Mutter gesprochen?«

»Ja. Sie hat es, alles in allem, gut aufgenommen. Und meine Tante ist schon auf dem Weg zu ihr. Sehen Sie, Mama ist nicht mehr so ganz klar im Kopf. Manchmal ist sie völlig präsent, andere Male ist sie wie weggetreten. Als ich ihr das von Angelo erzählt habe, war es, als hätte ich über einen Bekannten gesprochen. Besser so. Möchten Sie einen Espresso?«

»Danke, nein. Aber wenn Sie einen Whisky hätten …«

»Sicher. Ich nehme auch einen.«

Sie ging hinaus und kam mit einem Tablett wieder, auf dem zwei Gläser standen und eine Flasche, die noch geöffnet werden musste.

»Ich gehe nachsehen, ob es Eiswürfel gibt.«

»Ich trinke ihn ohne.«

»Ich auch.«

Wäre auf der Terrasse kein Erschossener gewesen, hätte diese Szene wie ein amouröses Vorspiel wirken können. Es fehlte nur noch ein bisschen Hintergrundmusik. Michela stieß einen tiefen Seufzer aus, lehnte ihren Kopf gegen die Rückenlehne des Sessels und schloss die Augen. In dem Augenblick traf Montalbano die Entscheidung, eine Salve abzufeuern.

»Ihr Bruder ist während oder unmittelbar nach dem Geschlechtsverkehr erschossen worden. Vielleicht hat er auch masturbiert.«

Auf der Stelle fuhr sie hoch wie eine Furie.

»Was reden Sie denn da, Sie Blödmann?«

Montalbano schien die Beleidigung nicht gehört zu haben.

»Was erstaunt Sie denn so?

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