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Die dunkle Macht des Mondes

Susan Krinard

Die dunkle Macht des Mondes

PROLOG

An seinen Händen klebte Blut.

Dorian rannte blind durch die Wälder. In seinem Kopf rauschte die Stille. Die Zweige rissen an seiner Kleidung und zerkratzten seine Haut. Blutige Wunden überzogen sein Fleisch und schlossen sich, noch ehe er weitere hundert Schritte gerannt war. Er spürte keinen Schmerz. Er spürte nur, dass sein Verstand sich auflöste.

Raoul ist tot.

Die Waffe war zu einem Teil seiner Hand geworden. Das Metall hatte sich wie ein Brandzeichen in seine Handfläche geätzt.

Raoul war tot, und nichts konnte das ungeschehen machen.

Er wusste nicht, wie weit er gerannt war, ehe er wieder zu sich kam. Er hielt am Rand einer kleinen, von Sterblichen bewohnten Stadt an, die schläfrig in der warmen Sommersonne lag. Die Menschen starrten ihm hinterher, als er mit schlammigen Schuhen und in zerlumpte Kleidung eingehüllt die Hauptstraße entlangging. Ein einziger guter Samariter, ein Mann mittleren Alters mit tiefen Lachfalten um seine Augen und von der Arbeit rauen Händen, rief nach Dorian, als er an ihm vorbeikam.

„Alles in Ordnung, Mister?“, fragte er. „Brauchen Sie Hilfe?“

Dorian drehte sich nach dem Sterblichen um. Er verstand das Angebot kaum. Niemand hatte ihm je so eine Frage gestellt. Aber als er dem Mann in die Augen sah, zuckte der Sterbliche zusammen, stolperte ein paar Schritte zurück und ließ Dorian schnell wieder in Ruhe.

So war es immer gewesen. Sie hatten immer Angst.

Mit diesem düsteren Wissen wurde auch Dorians Verstand wieder klar. Er fand einen Zwanzigdollarschein in seiner Brieftasche und ging zum Bus-Terminal der Stadt. Niemand im Bus erwiderte seinen Blick. Er saß ruhig auf seinem Platz, bis der Bus in Manhattan ankam. Er stieg aus und begann wieder zu gehen. Er ließ sich von seinen Füßen tragen, wo immer sie hinwollten.

Er konnte nicht nach Hause gehen. Es gab kein Zuhause mehr, jetzt, da Raoul tot und der Clan zerschlagen war.

Er konnte sich hinterher nicht mehr daran erinnern, wie er an den East River gelangt war.

Am Flussufer surrten die Sterblichen, und die Luft war angefüllt mit einem schweren Geruch nach Öl, Schweiß und abgestandenem Wasser. Dorian ging langsam am Ufer entlang und sah auf die schwarze, ölig schimmernde Oberfläche hinab.

Es war schwer, einen Vampir zu töten. Es war noch schwerer für einen Vampir, sich selbst umzubringen. Aber an Willenskraft hatte es Dorian nie gemangelt.

Er stand am Rand der Mole. Die Zehen seiner Schuhe ragten über den Rand hinaus. Ein Schritt noch, das war alles.

„Das würd ich lassen, wenn ich du wär.“

Der alte Mann kam, ein Bein hinter sich herziehend, von hinten auf Dorian zu und blinzelte ihn an. Er war sehnig wie ein alter Jagdhund und in wild zusammengewürfelte Lumpen gehüllt.

Und er hatte keine Angst.

„So schlimm kann das alles nicht sein“, sagte der Mann und bot Dorian ein Lächeln an, in dem mehrere Zähne fehlten. „Ist es nie.“ Er schob die Hände in seine löchrigen Taschen. „Jedem geht es irgendwann mal schlecht. Deshalb müssen Leute wie wir zusammenhalten.“

Dorian starrte den Mann an. Der starrte zurück.

„Walter heiß ich, Walter Brenner.“ Er streckte die Hand aus. Dorian zögerte. Auch das hatte noch kein Sterblicher getan.

„Ich hab keine ansteckenden Krankheiten, falls du davor Angst hast“, sagte Brenner, „aber ich hab ein bisschen was zu essen, falls du Hunger hast. Und ’ne Stelle zum Pennen, wenigstens für heute Nacht. Dann kannst du dich immer noch entscheiden, was du als Nächstes machst. Morgens sehen die Dinge immer besser aus.“

Langsam nahm Dorian die raue Hand. „Dorian“, sagte er, „Dorian Black.“

„Na, Dorian Black, du kommst lieber mal mit mir mit. Braver Junge. Der alte Walter wird sich schon um dich kümmern.“

Dorian ging mit. Was hätte er sonst tun sollen.

Er war frei, aber sein Leben war zu Ende.

1. KAPITEL

26. Oktober 1926, New York City

Das dumpf glucksende schwarze Wasser schlug über ihrem Kopf zusammen. Sie schlug wild um sich, doch ihre Arme und Beine waren so schwer und unbeweglich wie Baumstämme. Hinter ihren Augenlidern zuckte aggressives rotes Licht, sie konnte nicht denken, konnte nichts tun, außer sich auf ihren Instinkt zu verlassen, der sie davon abhielt, den Mund zu öffnen und die widerliche Brühe zu schlucken, die um sie herum waberte.

So also fühlt sich Sterben an?

Der Gedanke kam und ging in einem kurzen lichten Moment, ehe sie ihn begreifen konnte. Sie sank tiefer. Ihre Muskeln gehorchten den schwachen Befehlen ihres Gehirns nicht länger. Ein Fisch driftete neben sie und sah sie erstaunt an. Dann verschwand er in den tintenschwarzen Tiefen. Ihre Lungen begannen zu brennen.

Atme. Atme. Atme …

Ein Strahl aus Luftblasen löste sich von ihren Lippen. Plötzlich kam die Erinnerung zurück. Sie sah hinauf auf den fernen, blassen Schimmer des Mondlichts, das sich auf der Oberfläche des Flusses spiegelte. Es schien Millionen Meilen entfernt zu sein.

Schwimm. Schwimm doch, verdammt.

Aber sie hatte keine Luft mehr. Erlösung schien nicht mehr erreichbar. Sie streckte die Arme aus und klammerte sich an eine Substanz, die ihr durch die Finger glitt. Ein dunkler Vorhang legte sich über ihre Augen. Sie strengte sich ein letztes Mal an und versuchte, ihren schmerzenden Körper ein kleines Stück näher an den Himmel zu schieben.

Etwas griff nach ihrer Hand und packte sie. Ihr Schrei leerte ihre Lungen völlig. Das Letzte, was sie sah, war ein Gesicht … ein Gesicht, das einem Engel gehören mochte … oder dem attraktivsten Teufel, den die Hölle je hervorgebracht hatte.

„Atmen Sie!“

Die Stimme war rau und doch schön, wie eine Musik aus einer anderen Welt. Sie kam von sehr weit weg, einem Ort außerhalb von Raum und Zeit, und doch zog sie sie aus der verführerischen Dunkelheit.

Grobe Hände drehten sie um. Flüssigkeit stieg in ihrem Rachen hoch und ergoss sich aus ihrem Mund. Sie hustete kräftig, und blitzende Funken schwirrten durch ihr Gehirn.

„Atmen!“

Sie keuchte. Gesegneter Sauerstoff strömte in ihre Lunge. Die Hände, die sie geschüttelt und bearbeitet hatten, wurden sanfter und hoben sie gegen eine warme, feste Oberfläche. Sie hörte einen Herzschlag, langsam und gleichmäßig, spürte Muskeln unter einem früher einmal eleganten schwarzen Hemd, roch einen leicht stechenden, aber nicht unangenehmen Duft, als trüge die Person, die sie festhielt, seit Wochen dieselbe Kleidung.

Immer noch benommen und zitternd im kalten Morgenwind, ließ sie sich einfach halten. Es war absurd, sich in den Armen eines vollkommen Fremden so sicher zu fühlen, auch wenn er ihr gerade das Leben gerettet hatte. Verrückt, dass es sich so anfühlte, als könnte sie für immer dort bleiben.

Sie wand sich in den Armen ihres Retters. Er ließ sie los und half ihr, nicht hinzufallen, als sie sich auf dem betagten Holz der Mole hinzusetzen versuchte.

Zum ersten Mal konnte sie sein Gesicht erkennen. Es war der teuflische Engel, den sie im Fluss gesehen hatte. Dort hatte das Brackwasser seine Züge verzerrt. Jetzt, da sie ihn deutlicher erkennen konnte, wusste sie immer noch nicht, ob er nun in den Himmel oder an den anderen Ort gehörte.

Seine Züge waren die eines jungen Mannes. Er war ansehnlich im wahrsten Sinne des Wortes, und das helle Mondlicht betonte noch seine vollkommenen Gesichtszüge. Seine Haut war glatt und frei von Bartstoppeln, auch wenn alles andere an seinem Aussehen darauf schließen ließ, dass er tagelang keinen Rasierer in der Hand gehalten hatte. Seine Wangenknochen waren hoch, das Kinn fest und kantig, sein Haar war dunkel und musste dringend geschnitten werden, die Augenbrauen gerade. Er hatte tief umschattete Augen.

Die Augen waren es, die ihre Aufmerksamkeit am stärksten auf sich zogen. Gwen konnte keine Farbe erkennen, aber das war auch nicht wichtig. Sie gehörten einfach nicht ins Gesicht eines guten Samariters, der wahrscheinlich sein Leben riskiert hatte, um eine ihm vollkommen Fremde zu retten. Sie gehörten nicht zu einem Mann Mitte zwanzig, der noch wenigstens vierzig gute Jahre vor sich hatte. Sie waren so gefährlich wie ein Sturm, kurz bevor er losbricht, grauenvoll. Wenn er je gelächelt hatte, dann lag das sicher so weit zurück, dass sie es sich kaum vorstellen konnte.

Die meisten Frauen – ja, sogar die meisten Männer – hätten sich unter diesem unbarmherzigen Blick gekrümmt. Nicht aber Gwen Murphy. Sie betrachtete ihn weiter, bemerkte die ausgefransten Manschetten seines Hemdes, die Jacke, die schon bessere Tage gesehen hatte, die geflickte Hose und die abgelaufenen Schuhe. Dieser Kerl hatte es nicht leicht im Leben, wahrscheinlich war er arbeitslos. Menschen wie ihn gab es in New York immer noch, auch wenn die Geschäfte blendend liefen und fast jeder am allgemeinen Wohlstand teilzuhaben schien.

Jeder, bis auf einige Unglückliche: Männer, die im Krieg gewesen waren, Witwen, die ihre Kinder ohne Vater aufziehen mussten, Immigranten, die sich noch nicht zurechtgefunden hatten, Alkoholiker, die ihr Geld nicht zusammenhalten konnten.

Ihr Retter sah gesund und unversehrt aus. Er schien nicht betrunken zu sein. Er konnte ein Ausländer sein, der nicht genug Englisch sprach, um einen vernünftigen Job zu bekommen.

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.

„Sie haben mir das Leben gerettet“, sagte sie keuchend, „danke.“

Der Mann bewegte den Kopf und sah ihr immer noch direkt in die Augen.

Sie räusperte sich und zog sich den nassen Handschuh von der zitternden Hand. „Ich bin Gwen Murphy“, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen.

Er sah auf ihre zitternden Finger, als vermutete er, sie habe eine widerliche und ansteckende Krankheit. Gwen wollte die Hand gerade wieder fortziehen, als er sie mit dem gleichen starken Griff packte, mit dem er sie aus ihrem wässrigen Grab gezogen hatte.

„Dorian“, sagte er und erfüllte die Luft wieder mit dieser seltsamen Musik. „Dorian Black.“

Gwen musste fast lachen. Sie merkte, dass unter ihrer erzwungenen Ruhe die Hysterie lauerte, und schluckte das Lachen hinunter. Wenn sie erst einmal damit anfing, würde es ihr vielleicht schwerfallen, wieder aufzuhören. Und Mr. Black sah nicht so aus, als würde er so eine Reaktion gutheißen.

„Mr. Black“, sagte sie und erwiderte seinen Händedruck, so fest sie konnte, „ich weiß nicht, wie Sie es geschafft haben, genau dann aufzutauchen, als ich Sie am dringendsten brauchte, aber ich bin Ihnen sehr dankbar.“

Er ließ ihre Hand los. „Es war mir keine Mühe.“ Er betonte jedes Wort sehr genau, als wäre Englisch eine Fremdsprache. „Benötigen Sie einen Arzt?“

Sie unterdrückte ein Zittern. „Es geht mir gut. Ich bin nur etwas durchgefroren. Und voller Wasser.“

Immer noch erhellte kein Lächeln seine wie gemeißelten Züge, aber er runzelte die Stirn, sodass sein Gesicht fast sorgenvoll aussah. Er zog seine Jacke aus und legte sie Gwen um die Schultern. Sie war nicht ganz sauber, aber Gwen war dankbar für die Wärme und die Geste.

„Danke.“

Er hob eine Schulter und zeigte damit, wie unangenehm ihm diese Situation wirklich war. „Wie konnte das passieren?“

Die Frage überraschte Gwen. Black war so wortkarg. Vielleicht interessierte es ihn auch gar nicht, aber sie musste es ihm anrechnen, dass er es wenigstens versuchte.

„Ich bin Reporterin für den Sentinel“, sagte sie. „Ich war auf den Docks, weil ich einer Sache auf der Spur war. Und dann haben mich auf einmal ein paar Gangster angesprungen.“ Plötzlich war ihr das Ganze sehr peinlich. Sie befühlte die anschwellende Beule an ihrem Hinterkopf. „Aber so leicht habe ich es ihnen nicht gemacht. Als ich mich gewehrt habe, hat mir einer von denen eins übergezogen und mich in den Fluss geworfen.“

Black kniff die Augen zusammen. Er sah den Pier hinauf über die Uferpromenade, als könnte er dort noch die jungen Männer finden, die ihr das angetan hatten. Sogar wenn sie geblieben wären, um sicherzugehen, dass ihr Opfer ertrunken war, würde man sie nicht mehr sehen, die nächste Straßenlaterne war fast hundert Meter entfernt, und es gab eine Menge Verstecke. Die Sonne würde gleich aufgehen, die ersten Matrosen und Hafenarbeiter liefen bereits in den Docks. Wenn nicht gerade diese Mole einigermaßen verlassen gewesen wäre, wären die Gangster mit ihrem Angriff gar nicht erst so weit gekommen.

„Ist es eine Angewohnheit von Ihnen, sich mitten in der Nacht in Hell’s Kitchen aufzuhalten?“, fragte Black, der sich ihr mit einer gewissen Bedrohlichkeit wieder zuwandte.

Gwen setzte sich aufrechter hin. „Gewisse Aktivitäten fallen in der Dunkelheit weniger auf. Ich wollte nicht gesehen werden.“

Jemand hat Sie gesehen.“

„Aber niemand von denen, die mich nicht sehen sollten.“

„Und wer wäre das genau, Miss Murphy?“

Plötzlich spürte Gwen, dass ihr übel wurde. „Das ist streng vertraulich“, sagte sie. Ihr waren die Knie weich, als sie versuchte aufzustehen. „Ich glaube, ich … sollte mir lieber ein Taxi rufen.“

Black sprang sicher wie ein Athlet auf und packte ihren Arm, als sie wankte und fast fiel. „Sie sind nicht in der Verfassung, um allein zu gehen, Miss Murphy. Ich werde Sie bis zum nächsten Telefon begleiten.“

„Wirklich, es geht mir gut.“

Ohne zu antworten, zog er sie näher an sich und führte sie einige Schritte vorwärts. Die Übelkeit nahm zu. Es musste das Zusammenspiel mehrerer Faktoren sein: das dreckige Wasser, das sie aus Versehen geschluckt hatte, die Kopfverletzung und der Schock. Gwen sollte darüber hinwegkommen können. Sie war Eamon Murphys Tochter, verdammt noch mal …

Black blieb stehen. „Sie werden es nicht schaffen“, sagte er offen.

„Doch, werde ich. Ich brauche nur noch etwas mehr Zeit.“

Ihr Retter warf einen Blick gen Osten, wo die Sonne über Queens aufzugehen begann. „Keine Zeit“, murmelte er, bevor er lauter hinzufügte: „Sie kommen mit mir mit.“

Gwen fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, um den dumpfen Kopfschmerz zu vertreiben. „Wohin?“

„An einen Ort, wo Sie sich ausruhen können.“

Sie verspürte ein seltsames Kribbeln. „Ich bin Ihnen dankbar, wirklich, Mr. Black. Ich werde Ihnen sicher …“ Die Übelkeit wurde unerträglich. „Ich würde mich Ihnen gern erkenntlich zeigen, aber ich muss zurück. Wenn Sie nur vielleicht …“

Plötzlich konnte sie nicht mehr dagegen ankämpfen. Sie riss sich von Black los und übergab sich. Die Peinlichkeit war schmerzhaft. Sie war keine verdammte Anfängerin, die bei der kleinsten Unwegsamkeit zusammenbricht.

Eine Hand berührte ihren Ellenbogen, um sie zu stützen. Sie schob sie von sich. „Es geht mir gut!“

„Sie kommen mit mir, Miss Murphy.“

Sie schüttelte den Kopf, und plötzlich sah sie nicht mehr klar. Sie konnte nicht atmen. Wieder die Dunkelheit, die sie in sich hinabzog wie die hinterlistigen Strömungen des Flusses. Das Wasser schlug über ihrem Kopf zusammen, und dieses Mal gelangte sie nicht wieder an die Oberfläche.

Sie wurde von Stimmen geweckt. Das Erste, was Gwen merkte, war, dass sie auf einer einigermaßen weichen Unterlage lag. Sie horchte einen Augenblick, ehe sie die Augen öffnete, und erkannte die Stimme des rätselhaften Fremden, der sich Dorian Black nannte. Die andere Stimme war älter und nicht so fest, sie klang lallend und freundlich geschwätzig. Sie redeten zu leise, als dass Gwen etwas hätte verstehen können, und als sie die Augen öffnete, sah sie nur ihren dunkelhaarigen Retter, der im Licht einer altmodischen Gaslampe kauerte.

Seine Augen waren grau. In der Nacht waren sie ihr farblos erschienen, und doch hatte sie an Stahl denken müssen. Sie hatte richtig geraten. Sein granitharter Blick verschonte niemanden und verlangte auch nicht, geschont zu werden.

Gwen versuchte, sich aufzusetzen. Black drückte sie fest zurück, presste ihr die Hand auf die Brust. Seine Handfläche zu spüren, seine Haut, nur durch den dünnen Georgettestoff ihrer Bluse von ihr getrennt, das erschreckte Gwen.

Anscheinend hatte er beschlossen, dass sie es ohne ihre Jacke bequemer haben würde, aber wenigstens hatte er ihr sonst bis auf die Schuhe nichts ausgezogen. Ihr Rock, ihre Strümpfe und die Bluse waren fast trocken, was auf die Länge ihres Aufenthalts in Blacks Gewahrsam schließen ließ. Gwen hasste schon allein die Vorstellung, so hilflos gewesen zu sein.

„Wo bin ich?“, verlangte sie zu wissen.

Er erwiderte ihren Blick herausfordernd ruhig. „An einem sicheren Ort.“

Tolle Antwort, dachte Gwen, drehte den Kopf und versuchte, mehr von ihrer Umgebung zu erkennen. Zu ihrer Linken eine solide, fensterlose Holzwand. Rechts beugte sich Black über sie und nahm ihr die Sicht. Gwen hätte außerhalb des Bereichs, den die Lampe beleuchtete, sowieso nicht viel erkennen können, aber sie spürte dort einen offenen Bereich, der durch gestapelte Kisten abgetrennt war, die eine Art Zimmer schufen, gerade groß genug für ihr improvisiertes Bett, einen wackligen Schemel und eine kleinere Kiste. Von Nägeln, die in die gestapelten Kisten geschlagen waren, hingen ein paar fleckige, fadenscheinige Hemden, eine geflickte Jacke und ein zusammengefaltetes Paar zerrissener Hosen. Es war offensichtlich, dass Black sich hier, an diesem Ort, den die meisten Menschen Spinnen und Ratten überlassen hätten, sein Zuhause geschaffen hatte.

Sie hatte schon Männer getroffen, die unter schlechteren Bedingungen lebten, aber nicht sehr oft. „Sind wir noch bei den Docks?“, fragte sie.

Er nickte. Offenbar hielt er eine weitere Erklärung für unnötig.

Gwen stützte sich auf die Ellenbogen. „Ich bin wohl in Ohnmacht gefallen“, stellte sie, ihren Stolz hinunterschluckend, fest.

„Sie haben das Bewusstsein verloren“, erwiderte Black.

„Sie sind nicht für mich verantwortlich, nur weil Sie mir das Leben gerettet haben.“

Er hob eine Augenbraue auf ihren scharfen Ton hin, und für einen Moment glaubte sie, den Anflug eines Lächelns auf seinen Lippen zu erkennen. „Jetzt, wo ich Ihr Leben gerettet habe“, sagte er, „wäre es mir lieb, wenn meine Mühen nicht ganz umsonst gewesen wären.“

„Es muss bereits Tag sein. Irgendjemand hätte mich schon gefunden.“

Er verlagerte das Gewicht und ließ die Hände zwischen seine gespreizten Knie fallen. „Sie scheinen mir nicht die Art von Frau zu sein, die auf dem Gehsteig, noch dazu in einer Lache ihres eigenen Erbrochenen liegend, gefunden werden möchte.“

Seine Offenheit erstaunte sie, aber das konnte Gwen ihm nicht vorwerfen. Sie war genauso ein Freund der klaren Worte – auch wenn das ihre männlichen Mitarbeiter beim Sentinel immer wieder verblüffte.

„Na ja“, lenkte sie ein, „wenn Sie es so sehen …“ Sie befeuchtete sich die Lippen. „Sie hätten nicht zufällig etwas Wasser da?“

Er drehte sich um, nahm einen angeschlagenen Krug von der Kiste, die als Tisch diente, und schenkte etwas Wasser in den Becher. Gwen nahm ihn zögerlich, roch verstohlen daran und trank dann. Das Wasser war erstaunlich frisch.

„Danke“, sagte sie und gab ihm den Becher zurück. Sie öffnete den Mund, um ein weiteres Argument anzubringen, damit er sie gehen ließ, aber die Worte erstarben in ihrem Hals. Stattdessen starrte sie ihn an … starrte wie ein kleines Mädchen, das plötzlich ihrem Lieblingsfilmstar gegenübersteht. Es war die lächerlichste Sache der Welt. Und Gwen konnte einfach nicht anders.

„Wer sind Sie?“, fragte sie. „Ich meine, was ist das hier für ein Ort, und was tun Sie hier?“

Er sah sie einen Augenblick lang abschätzig an. Schließlich lehnte er sich gegen die Kisten und streckte die Beine aus. „Ich habe Ihnen meinen Namen bereits genannt. Ich und ein paar andere leben in diesem verlassenen Lagerhaus. Wir stören niemanden.“

Sie fragte sich, warum er den letzten Satz hinzugefügt hatte. Hatte er den Verdacht, dass sie etwas Gefährliches in seinen Augen entdeckt hatte? „Die meisten Menschen würden nicht so leben, wenn sie die Wahl haben“, meinte sie.

Sein Blick wirkte mit einem Mal leer, als würde er sich an etwas Tragisches aus seiner Vergangenheit erinnern. „Ich denke nicht, dass Sie das etwas angeht.“

Stolz. Sogar Männer ohne Obdach hatten ihn, manchmal mehr davon als diejenigen, die alles besaßen. Gwen wusste, dass sie die Sache auf sich beruhen lassen sollte. Schließlich würde sie Dorian Black wahrscheinlich nie wiedersehen, wenn sie diesen Ort erst einmal verlassen hatte. Aber sie hatte viel Zeit damit verbracht, mit Menschen auf der Straße zu sprechen, die nicht wussten, wie es ist, ein Vermögen an der Wall Street zu machen oder die neueste Limousine zu fahren – die nicht einmal wussten, woher ihre nächste Mahlzeit kommen sollte. Die Geschichten der vergessenen Männer und Frauen von New York zu erzählen war zu Gwens persönlichem Kreuzzug geworden. Jedenfalls bis ihr Vater gestorben war und ihr seine Besessenheit vermacht hatte.

Dorian Black hatte etwas an sich, das ihr einfach keine Ruhe ließ. Etwas, das ihr sagte, dass sie nicht nur einen Arbeitslosen mit den üblichen Empfindlichkeiten vor sich hatte. Sie hätte fast gewettet, dass er eine kriminelle Vergangenheit hatte.

Aber ein typischer Kleinkrimineller ließ sich normalerweise nicht in die Armut abgleiten. Er war entweder im Knast oder bereitete einen neuen Coup vor. Und vor allem würde er niemand anderen vor dem Ertrinken retten. Außerdem fanden sich Typen, die mit der Mafia zu tun hatten, nur selten auf der Straße wieder. Sie arbeiteten entweder für eine Gang, oder die Mafiabosse entledigten sich ihrer.

Also was, zum Henker, war er? Sie nahm sich zusammen und achtete darauf, in neutralem Ton zu sprechen. „Sie haben es zurzeit nicht leicht.“

Er zuckte die Schultern.

„Sie haben Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden“, bohrte sie weiter.

Etwas Großes raschelte zwischen den Kisten, und Gwen glaubte einen Blick auf einen langen, nackten Schwanz erhascht zu haben. Sie schauderte.

Black ignorierte das Geräusch. „Warum glauben Sie, dass ich eine Anstellung suche?“, fragte er.

Sie setzte sich auf. „Sie sind jung und gesund, offensichtlich intelligent. Gebildet“, sagte sie, um ihn zu prüfen.

„Und?“

Diese Frage hätte einen Zug in voller Fahrt aufhalten können. Gwen hielt seinem Blick stand. „Sagen wir einfach, ich wüsste gern mehr über einen Mann, der einer vollkommen Fremden das Leben rettet.“

„Zweifeln Sie an der angeborenen Galanterie des starken Geschlechts?“

Sie unterdrückte ein Seufzen. „Ich bin keine Romantikerin, Mr. Black.“

„Ich ebenfalls nicht.“

„Wie dem auch sei, ich wüsste wirklich gern, wie es kommt, dass Sie hier leben. Sind Sie allein in der Stadt?“

Seine Miene blieb ausdruckslos. „Kann es sein, dass Sie vorhaben, einen rührenden Artikel für Ihre Zeitung zu verfassen, Miss Murphy? Einen Essay über die Misere der arbeitslosen Männer bei den Docks?“

Überdrüssiger Zynismus tränkte seine Worte. Sie fühlte sich fast schuldig. „Wenn ich so einen Artikel schreiben sollte, Mr. Black, dann würde ich Ihren Namen nicht benutzen. Aber das habe ich nicht vor.“ Sie rutschte herum, bis sie sich gegen die Wand lehnen konnte, zog die Knie an und legte ihren Mantel darüber, um ihren Anstand zu wahren. „Waren Sie im Krieg, Mr. Black?“

„Nein.“

Wenn es etwas gab, worin Gwen wirklich gut war, dann darin, zu sagen, ob jemand log. Sie las die richtige Antwort in Blacks Augen, noch bevor er den Mund öffnete, um zu sprechen. Sie trübten sich und verloren ihre Schärfe. Als fürchtete er, dass ein weiteres Wort ihn in eine Welt zurückschicken könnte, die er nie ganz verlassen hatte.

Sie schluckte und vertrieb die eigenen Erinnerungen. Black hatte ihr das Leben gerettet, doch sie glaubte nicht, dass er erfreut gewesen wäre, wenn sie blieb und Erinnerungen über die Vergangenheit ausgrub. Gwen wollte noch ein Thema ansprechen, ehe er sie wieder auf die Straße setzte. „Sie müssten doch über so ziemlich alles Bescheid wissen, was hier so vor sich geht“, sagte sie.

Er runzelte die Stirn. „Vielleicht.“

„Haben Sie schon von den Morden gehört?“

Plötzlich stand er auf. Seine Bewegungen waren ruckartig. „Sind Sie deshalb hier, Miss Murphy? Um Nachforschungen wegen der Morde anzustellen?“

Nun war Gwen sicher, dass er nicht nur von den bizarren Toden wusste, sondern dass sie ihn auch persönlich interessierten. Vielleicht hatte er etwas gesehen. Vielleicht war er Zeuge bei einem der Angriffe gewesen, oder er hatte einen Verdacht, wer diese Verbrechen verübt hatte. Vielleicht … Halt, dachte Gwen. Auch wenn ihr Instinkt sie normalerweise nicht täuschte, war jetzt nicht der Moment dafür. „Laut Aussage des Leichenbeschauers“, sagte sie vorsichtig, „müssen die Leichen schon mehrere Stunden auf dem Steg gelegen haben, ehe die Polizei verständigt worden ist.“

Black drehte den Kopf von einer Seite zur anderen, als würde er nach einem Fluchtweg Ausschau halten. „Sie sollten die Sache auf sich beruhen lassen, Miss Murphy.“

„Das kann ich nicht. Sie hatten recht, Mr. Black. Es ist mein Job, herauszufinden, wie solche schrecklichen Dinge passieren konnten und wer sie verbrochen haben könnte.“

„So eine Aufgabe überlassen die einer Frau?“

„Es dürfte Sie überraschen, wie gut wir darin sind, Blickwinkel zu finden, die Männer nicht einmal in Betracht ziehen.“

„Zum Beispiel, indem sie allein und unbewaffnet zu den Docks gehen?“

„Der voraussichtliche Zeuge, den ich dort treffen wollte, ist nicht gekommen.“ Sie betrachtete aufmerksam sein Gesicht. „Sie kennen nicht zufällig einen Mann, der sich Flat Nose Jones nennt, oder?“

„Nein.“

Wieder gelogen, auch wenn er sehr gut darin war. „Ich nehme an, er hat entweder die Nerven verloren oder einen Unfall gehabt, ehe er seine Geschichte erzählen konnte, wie auch immer sie gelautet haben mag.“

„Vielleicht hätte er diskreter vorgehen sollen.“

„Ich kann niemandem einen Vorwurf machen, der unter diesen Umständen lieber schweigt. Die Leichen wurden offensichtlich als eine Art Nachricht liegen gelassen. Von jemandem, der einen sehr tiefen Groll hegt.“

„Sie scheinen bereits jemanden zu verdächtigen, Miss Murphy.“

„Ich habe einige Einfälle. Wer auch immer diese Männer umgebracht hat, war offensichtlich geistig verwirrt.“

Black sagte nichts. Er ging in dem kleinen Raum auf und ab und hatte die Hände zu Fäusten geballt. „Sind Sie sicher, dass die Schurken, die Sie angegriffen haben, nicht versucht haben, Ihren Nachforschungen ein Ende zu bereiten?“

„Diese Kinder? Das waren Amateure. Die werfen vielleicht jemanden, der ihnen Ärger machen könnte, in den Fluss, aber sie würden ihre Opfer nicht bis auf den letzten Tropfen zur Ader lassen. Die Leichen waren vollkommen …“

Sie verstummte, als er sich plötzlich versteifte. Er wurde erst rot, dann blass. Seine Pupillen zogen sich zu Stecknadelköpfen zusammen, obwohl sein improvisiertes Zimmer dunkel blieb. Er öffnete und schloss die Faust, in einem scharfen, unheimlichen Rhythmus.

„Mr. Black?“

Das Atmen schien ihm schwerer zu fallen. „Nein“, presste er aus zusammengebissenen Zähnen hervor. „Ich war nicht …“

Gwen begann aufzustehen. „Dorian, geht es Ihnen …“

Er wirbelte mit gebleckten Zähnen zu ihr herum. Grausamkeit und Wut ersetzten Schmerz und Verwirrung. Die Sehnen seines Halses standen hervor, sein Puls schlug sichtbar an seiner Kehle. Seine Muskeln waren angespannt. Seine Finger krümmten sich wie Klauen. In seinem Gesicht war nichts Menschliches mehr. Nichts, das sie als irgendetwas anderes als einen Feind betrachtete.

Oder Beute.

2. KAPITEL

Gwen schob sich an der Wand hoch und ließ ihren Mantel auf den Boden fallen. Vielleicht wäre es besser gewesen, sich ruhig zu verhalten, aber sie hatte vor, bereit zu sein. Auch wenn sie gegen ihn keine Chance haben konnte.

„Mr. Black“, sagte sie. „Dorian, ich bin es, Gwen.“

Er fletschte die Zähne. Ihr fiel auf, dass seine Schneidezähne ungewöhnlich spitz waren. Wie bei einem Wolf, dachte sie. Oder einem Tiger auf der Lauer, kurz bevor er ein unglückliches Wildtier in einem fernöstlichen Dschungel aufreißt. Einen Augenblick lang fragte sie sich, ob sie nicht an den falschen Stellen nach den Mördern gesucht hatte. Vielleicht waren sie keine Gruppe Wahnsinniger. Vielleicht war ein einziger Mann – ein ausreichend starker, kluger und wahnsinniger Mann – für das Blutbad verantwortlich.

Dann erinnerte sie sich jedoch daran, wie sanft er sie gehalten hatte, an seine Miene, verzerrt von der Erinnerung an vergangenen Schmerz, und ihr wurde klar, dass ihr Verdacht schlimmer als wahnsinnig war. Dorian Black hatte etwas Schlimmes erlebt. Er war verstört und krank, aber er war kein Mörder.

„Sie wollen mir nicht wehtun, Dorian“, sagte sie und berührte das Kreuz an ihrem Hals. „Sie sind ein guter Mann. Ich will Ihnen helfen.“

Er stieß einen wütenden und verzweifelten Laut aus, wirbelte herum und schlug gegen die Holzkisten. Sie fielen um wie die Holzbausteine. Als er sich umdrehte, war sein Gesicht so entspannt wie das eines Mannes kurz vor dem Einschlafen. „Gehen Sie“, sagte er heiser, „machen Sie, dass Sie verschwinden.“

„Ich lasse Sie so hier nicht allein.“

Langsam hob er den Blick, doch er hätte genauso gut blind sein können. „Bitte.“

Wieder sein Stolz. Stolz und Furcht und Angst. Hier stand ein Mann, der gelitten hatte, der die Kontrolle verloren hatte, der sich für seine Schwäche hasste. Gwen hatte das alles schon einmal erlebt. Barry hatte dem Krieg alles geopfert. Er war mit einer so heftigen Kriegsneurose zurückgekehrt, dass eine Hochzeit auf keinen Fall mehr infrage gekommen war. Sogar seine Familie hatte sich nicht mehr um ihn kümmern können. Er hatte noch zwei Jahre in einer Klinik verbracht, ehe er sich erschossen hatte. Männer, die ohne sichtbare Verletzungen aus dem Krieg zurückkamen, hatten manchmal tiefere Wunden als alle anderen.

Sie haben sich in Sicherheit geglaubt, Mr. Black, dachte Gwen. Weit entfernt von den anderen Menschen, immer am Rande des Lebens schwebend. Aber ist es Ihnen wirklich gelungen zu entkommen? „Es ist schon in Ordnung“, sagte sie laut, „ich habe keine Angst.“

„Das sollten Sie aber.“

„Sie würden mir nichts zuleide tun, Dorian, da bin ich mir sicher.“

Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und brachte sein dunkles Haar in Unordnung. „Naiv. Naiv, leichtsinnig …“

„Nicht so naiv, wie Sie denken. Sie brauchen einen Arzt, Dorian. Jemanden, mit dem Sie reden können.“

„Kein Arzt kann mir helfen.“

Wie konnte sie glauben, dass sie ihn überzeugen könnte, wenn auch die besten Ärzte in New York Barry nicht geholfen hatten? „In Ordnung“, sagte sie, „ich kann Sie nicht zwingen.“ Aber ich kann Sie verdammt noch mal weich klopfen, Dorian Black. Weil ich es Ihnen schulde. Ich bezahle meine Schulden.

Und wenn Sie mir dann noch helfen könnten, die Mörder zu finden … Sie schüttelte den Gedanken als unter ihrer Würde ab und warf sich den Mantel über die Schultern. „Ich werde jetzt gehen. Aber wenn ich etwas für Sie tun kann, egal was …“ Plötzlich erinnerte sie sich daran, dass zusammen mit ihrer Handtasche auch ihre Papiere fort waren. Ohne Zweifel hatten die jungen Hooligans sie gestohlen. Na ja, wenigstens lebte sie noch und war auch wieder in der Lage zu gehen, jetzt, da die Übelkeit vorüber war. Gwen konnte es zu Fuß zur nächsten Polizeiwache schaffen und von dort aus telefonieren.

Sie sah Dorian an, und plötzlich überkam sie das starke Bedürfnis, ihm die Haarsträhnen aus der Stirn zu streichen. Eine solche Vertrautheit wäre ihm gewiss alles andere als recht. Vielleicht bedauerte er sogar schon, sie aus dem Fluss gezogen zu haben.

„Hören Sie“, sagte sie, „ich würde gern irgendwann wiederkommen. Vielleicht kann ich nie ganz zurückzahlen, was Sie für mich getan haben, aber …“

„Ich will Ihre Almosen nicht.“

„Könnten Sie nicht wenigstens einen Haarschnitt annehmen? Ich bin ein Ass mit der Schere.“

Sein Blick war immer noch verhangen und trüb von Erschöpfung und dieser merkwürdigen Lähmung, die sie so oft bei Barry gesehen hatte, ehe er gestorben war. Er erwiderte ihren Blick nicht. „Kommen Sie nicht wieder.“

Gwen seufzte. Manchmal bringt es nichts, zu widersprechen, hatte ihr Dad ihr mehr als einmal gesagt. Lerne loszulassen, Gwen. Übe dich in Geduld. Manchmal ist Geduld das, was ein Reporter am meisten braucht.

Nur war Geduld eine Tugend, die sie sich immer noch nicht vollkommen zu eigen gemacht hatte. Aber Gwen war bereit, der Sache noch einmal eine Chance zu geben. Für Dorian. „Okay“, sagte sie, „wie komme ich hier raus?“

„Ich zeige es Ihnen.“

Die Stimme gehörte dem anderen Mann, den sie sprechen gehört hatte, nachdem sie aufgewacht war. Er trat aus dem Schatten. Ein alter Herr, dessen Kleidung ebenso abgetragen war wie Dorians. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, seine Nase war offenbar schon an mehreren Stellen gebrochen gewesen, und in seinen Augen stand diese gewisse sanftmütige Unschuld.

„Mein Name is’ Walter“, sagte er und tippte sich gegen seinen mottenzerfressenen Filzhut. „Walter Brenner. Wir bekommen hier nicht oft Damenbesuch. Nicht dass Sie glauben, wir hätten kein Benehmen.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Walter“, sagte Gwen und streckte ihm die Hand entgegen, „ich bin Gwen Murphy.“

„Hab ich schon gehört.“ Seine Handfläche war trocken und pergamentartig. „Sie haben ein bisschen im Fluss geplanscht, wie?“

„Das reinste Vollbad.“ Sie verließ an seiner Seite das Lagerhaus. „Ich hatte Glück, dass Mr. Black zur Stelle war.“

Er senkte verschwörerisch den Kopf. „Dorian ist nicht immer so, wissen Sie, so aufbrausend. Das ist nur seine Laune … Kommt und geht, regelmäßig, alle paar Wochen, so um den Dreh. Am besten lässt man ihn in Ruhe, bis es vorbei ist.“

„Ich verstehe. Kennen Sie Dorian schon lange?“

„Ungefähr so lange, wie er am Fluss ist. Drei Monate oder so.“

„Wissen Sie irgendetwas über seine Vergangenheit?“

„Er hat was Schreckliches durchgemacht, Miss Gwen. Ich weiß nicht, was. Er redet nicht drüber.“

„Den Krieg hat er nie erwähnt?“

„Nee. Könnte sein, dass es das ist. Trotzdem, ich mach mir Sorgen um ihn. Er geht nur nachts raus. Verkriecht sich hier tagsüber wie die Ratten. Und isst kaum. Er bringt mir was, nimmt aber selber nur ein paar Brocken.“

Gwen dachte an den kargen Raum. Dort war nichts Essbares zu sehen gewesen. „Sie sind sein Freund“, sagte sie. „Sie wollen ihm doch helfen?“

„Klar. Er hat sich um mich gekümmert, als ich krank war. Mein Herz, wissen Sie. Macht ab und zu schlapp. Weiß nicht, was ich ohne Dory anstellen sollte.“

Gwen beschloss, es mit einer etwas riskanteren Frage zu wagen. „Haben Sie die Leichen gesehen, Walter?“

Der alte Mann schüttelte sich. „Hab von ihnen gehört. Aber er hat sie gesehen. Hat’s noch schlimmer gemacht, als er das nächste Mal einen von seinen Anfällen hatte.“ Er berührte vorsichtig Gwens Arm. „Er ist kein schlechter Kerl. Das haben Sie selber erkannt. Bis er Sie hergebracht hat, hab ich nie erlebt, dass er sich so für einen anderen interessiert hat.“

Interesse. Unter normalen Umständen hätte Gwen Dorians Verhalten für kaum mehr als widerwillige Toleranz gehalten. Doch sie hatte gerade erst angefangen, zu erkennen, was sich noch alles in Dorians Seele verbergen mochte. Und sie wusste, dass sie weitergraben musste, bis sie gefunden hatte, was ihn bewegte … und bis sie wusste, warum er ihre Neugier geweckt hatte wie kein anderer, seit Barry gestorben war.

„Sie kommen doch wieder, oder?“, fragte Walter, als er Gwen hinaus ins Sonnenlicht führte. „Würde ihm guttun, das weiß ich.“

Gwen sah den alten Mann an. „Sogar wenn ich keine anderen Gründe hätte, zurück ans Flussufer zu kommen, würde ich ihn nicht vergessen. Er hat mir das Leben gerettet.“

„Aber da ist schon noch mehr, was?“ Walter sah sie überraschend verständnisvoll an. „Dory macht es einem nicht einfach, ihn zu mögen, aber Sie tun es trotzdem.“

Tat sie das? Gwen sah zur Seite. Mitch und die anderen Reporter hielten sie für zu impulsiv und zu emotional wie alle Frauen. Aber wenn es um Männer ging … Ihn mögen? Vielleicht. Und wenn sie ganz ehrlich war, wie sie es immer zu sein versuchte, musste sie zugeben, dass Dorian Black auf merkwürdige Art attraktiv war. Sein Aussehen hatte etwas damit zu tun, aber es ging noch tiefer.

Du bist ein Kreuzritter, das sagte Mitch ihr immer wieder – auch dass es ihr Untergang sein würde. Gwen wusste verdammt genau, dass sie die Welt nicht retten konnte. Vielleicht jedoch einen Teil davon.

„Machen Sie sich keine Sorgen, Walter. Ich verspreche Ihnen, ich tue, was ich kann.“

Offenbar zufrieden zog Walter sich in die Schatten zurück, höchstwahrscheinlich um den Rest des Nachmittags zu trinken. Mit einem halben Schulterzucken machte Gwen sich auf den Weg zur nächsten Polizeiwache.

Dorian beobachtete, wie sie sich entfernte. Er achtete darauf, den Schutz, den ihm die Tür des Lagerhauses gab, nicht zu verlassen. Gwen ging mit langen, selbstsicheren Schritten davon. Ihr Kostüm mit der quadratischen Jacke und dem knielangen Faltenrock sah schlicht und geschäftsmäßig aus, aber es lenkte weder von ihren Kurven noch von ihrem schwungvollen Gang ab.

Gwen Murphy. Er hatte ihren Namen vor letzter Nacht nie gehört. Auch als er noch für Raoul gearbeitet hatte, hatte er nicht viel auf die Zeitungen geachtet. Das war nicht sein Ressort gewesen. Dorian hatte seine Arbeit erledigt, ohne Leidenschaft, aber effektiv, so lange, bis seine Welt zusammengebrochen war.

Und das wiederholte sich gerade, so wie jedes Mal bei Neumond. Dorian hatte vor einigen Tagen die ersten Anzeichen gespürt: Er war ungehalten, verwirrt, seine Gedanken wirbelten durcheinander. Und seine Gefühle … denen konnte er am wenigsten trauen. Er musste sich nur daran erinnern, wie er sich gegen Gwen gewendet hatte und bereit gewesen war, sie bis auf den letzten Tropfen leer zu saugen.

Er schüttelte sich, als er an die Leichen auf dem Anleger dachte. Wenigstens war er sich einigermaßen sicher, dass er mit diesen Morden nichts zu tun hatte. Soweit er sich erinnern konnte, hatte er seit Raouls Tod niemanden mehr umgebracht.

Nein, diese Taten hatte höchstwahrscheinlich eine der verfeindeten Splittergruppen zu verantworten, die sich gebildet hatten, nachdem der Clan sich aufgelöst hatte. Auch wenn Dorian sich bewusst aus allen Affären der Strigoi heraushielt, zweifelte er nicht daran, dass die Gewalttaten, die von den Vampiren der Stadt gegen ihre eigene Art verübt wurden, in den letzten drei Monaten zugenommen hatten. Das Blutvergießen war den Anführern nicht länger nur ein Mittel, um ihre Untergebenen und menschlichen Angestellten im Zaum zu halten. Zwei gleichstarke Koalitionen hatten sich gebildet, die sich gegenüberstanden und um Raouls sorgsam aufgebaute Schwarzbrennerei kämpften – und um die Macht, die sie bedeutete.

Eines stand fest. Egal, was der Grund für die Morde gewesen und wer auch immer für sie verantwortlich sein mochte, derjenige war entweder unglaublich dumm oder so übereifrig, dass er gefährlich war. Ein so ungewöhnliches Merkmal hob die Morde von den gewöhnlichen Taten der Mafia ab – und erregte die Aufmerksamkeit von neugierigen Sterblichen, wie zum Beispiel die von Miss Gwen Murphy.

Dorian drehte sich um. Das Schicksal der New Yorker Strigoi hatte ihn nicht länger zu kümmern. Sein Leben war zu einer Folge von erschöpfenden Nächten geworden, in denen er gerade genug jagte, um genug Energie zu haben, und zu Tagen, an denen er sich in seiner stinkenden Behausung verkroch, nur in der Gesellschaft eines alten Mannes, der keine Ahnung hatte, was er war. Einzig der Überlebensinstinkt, der am tiefsten verwurzelte und mächtigste Impuls des Vampirs, hatte ihn bisher davon abgehalten, sich einfach vergehen zu lassen.

Aber jetzt war da noch etwas anderes. Etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte. Etwas, das angefangen hatte, als er Zeuge geworden war, wie das Mädchen unter die Oberfläche des Flusses gesunken war. Und etwas, das ihn dazu gebracht hatte, ein menschliches Leben zu retten. Gwen Murphy. Sie hätte ihm nicht mehr bedeuten sollen als das, was die Sterblichen eine „gute Tat“ nannten, eine Handlung, die nicht die kleinste Kerbe in den Berg aus Schuld schlug, den er in einem Dreivierteljahrhundert angehäuft hatte.

Dorian rieb sich das Gesicht und spürte die Knochen seiner Wangen und seines Kiefers. Er begriff immer noch nicht ganz, was geschehen war und welcher unbekannte Impuls ihn dazu gebracht hatte, sie herzubringen und über sie zu wachen. Es war kein einfacher Hunger gewesen, er hatte nicht einmal an Nahrung gedacht, als er sie gerettet hatte. Es war auch nicht die beunruhigende Anziehung gewesen, mit der er jetzt zu kämpfen hatte.

Wenn Miss Murphy zu einem hysterisch schluchzenden Haufen auf dem Steg zusammengebrochen wäre, nachdem er sie aus dem Fluss gezogen hatte, hätte er sie vielleicht einfach liegen lassen. Alte Gewohnheiten vergaß man nur schwer, und er brauchte menschliche Gesellschaft ebenso wenig wie die seiner Art. Aber Gwen war nicht zusammengebrochen. Sie hatte tapfer akzeptiert, was man ihr angetan hatte, und wenn ihr Körper keine Schwäche gezeigt hätte, wäre sie einfach weitergegangen, als wäre nichts geschehen.

Und darin lag der entscheidende Unterschied. Ihr Mut hatte Dorians Gefühle geweckt, wie nichts anderes, seit er mit der Waffe in der Hand etwas Bösem ein Ende bereitet hatte, das nur wenige Menschen begreifen konnten. Gwens Weigerung, sich der Angst zu ergeben, hatte ihn an die einzige andere Frau erinnert, der es gelungen war, sein Herz zu berühren.

Dorian kehrte in seine Ecke zurück, stellte die Holzkisten wieder aufeinander und lehnte sich gegen die Wand. Natürlich war ihm sein Fehler klar geworden, sobald sie angefangen hatte, Fragen zu stellen und sich so zu verhalten, als hätte seine unbedachte Tat irgendeine Verbindung zwischen ihnen geschaffen. Er hatte versucht, Gwen loszuwerden, noch bevor seine vage Bewunderung zu einer viel perfideren Reaktion geworden war: Er begann sich ihrer Schönheit bewusst zu werden, dem Duft ihrer Haut und ihrer Sinnlichkeit.

Wenn es nur der Durst nach ihrem Blut gewesen wäre, hätte er ihn schnell stillen und Miss Murphy fortschicken können, ohne dass sie etwas bemerkt hätte. So hatte er es schon mit Tausenden anderer Menschen getan. Aber sein Begehren war ein gefährlicher Wahn, der noch tödlicher wurde, als er gemerkt hatte, wie leicht er ihr wehtun konnte und wie schmal der Grat war.

Er wollte ihr nicht wehtun. Er wollte nicht die Verantwortung für das tragen, was sie fühlen mochte, wenn sie nicht mehr nur ihren edlen Willen, ihm zu helfen, vor Augen hatte und merkte, dass er sie begehrte – in der menschlichsten Bedeutung dieses Wortes. Nein, ihre Beziehung würde nie so weit gehen. Es würde keine Beziehung geben, keine Gefühle, keine Vereinigung, egal welcher Art. Falls sie überhaupt zurückkam …

„Würd gern wissen, was du denkst.“

Walter kam ins Zimmer geschlendert und hockte sich neben Dorian, eine halbleere Whiskeyflasche in der Hand. „Sag es mir nicht“, fuhr er fort, „ich kann es schon erraten. Sie ist ’ne ganz schöne Pracht, was?“

Dorian seufzte. Es hatte keinen Sinn, zu versuchen, vernünftig mit Walter zu reden. So unbeschwert er daherkam, er war doch genauso irrational wie jeder andere Mensch auch. Im Grunde war er schlimmer als die meisten. Er sah alles durch eine rosa Brille, optimistisch und wohlwollend.

„Sie ist eine ungewöhnliche Frau“, gab Dorian zu. Mit dem unangenehmen Gespräch musste er sich wohl abfinden. „Es wäre schön, wenn sie nicht ohne eine passende Begleitung hierher zurückkehrt.“

„Ha, du kennst die Frauen nicht, Dory. Auch wenn ich nie verstehen werde, wie einer wie du so wenig Ahnung vom schönen Geschlecht haben kann.“ Er kratzte sich. „Du gewöhnst dich lieber gleich dran, dass sie ein Auge auf dich geworfen hat.“

„Ich glaube nicht, dass ihr Interesse von Dauer sein wird.“

„Das Leben gerettet zu bekommen macht einen meistens ziemlich dankbar.“

„Ich habe ihr bereits verdeutlicht, dass ich ihre Dankbarkeit nicht will.“

„Du kannst niemandem vorschreiben, was er zu fühlen hat. Hast du schon mal überlegt, dass sie dir vielleicht auch guttun könnte?“

„Ich fände es bedauerlich, ihr Leben gerettet zu haben, nur um es danach zu ruinieren.“

„Dein Problem ist, dass du nicht an dich glaubst. Nur weil du ein Problem hast, heißt das nicht, dass man es nicht lösen kann. Vielleicht brauchst du ja nur ein wenig Ermunterung.“

„Die bekomme ich haufenweise von dir.“

„Das reicht nicht. Sie ist die Sorte, auf die du hören würdest. Sie ist mutig und klug. Ich bin nur ein dummer alter Mann.“

Und so harmlos wie ein Skorpion, dachte Dorian. „Vielleicht bin ich nicht da, wenn sie zurückkommt.“

Walter stand auf. „Oh, du wirst da sein. Du kannst ja nirgendwo anders hin.“ Er trank einen Schluck aus der Flasche, bot sie Dorian an, wie er es immer tat, und zuckte die Schultern, als Dorian ablehnte. Walters Gang war ein wenig unsicher, als er sich in seine dunkle Ecke zurückzog.

Eine gedämpfte Stille legte sich über das Lagerhaus. Andere kamen und gingen, aber die meisten fühlten sich in Dorians Gegenwart unwohl, selbst wenn er vollkommen bei Sinnen war. Sie zogen nach ein paar Wochen weiter und überließen ihn seiner willkommenen Einsamkeit. Einsamkeit, von der er nur hoffen konnte, dass Gwen Murphy sie nicht noch einmal störte.

Als Gwen in der Lokalredaktion ankam, ging es hektisch zu, wie fast zu jeder Tageszeit. Reporter brüllten in Telefonhörer und hämmerten auf ihren Tastaturen herum, Bleistifte hinter die Ohren geklemmt. Eifrige Laufjungen huschten hin und her, führten Aufträge aus und überbrachten Nachrichten für ihre Vorgesetzten. Mr. Spellman, schon ganz rot im Gesicht, gestikulierte hinter den Glasscheiben seines Büros wild vor einem der Redakteure.

Alles war ihr tröstlich vertraut. Niemand hatte ihr Kommen bemerkt. Mitch war nicht an seinem Schreibtisch, aber das war er selten. Er zog die Beinarbeit dem Verfassen von Artikeln vor. Gwen winkte einem der freundlicheren Reporter zu und ging aus der Lokalredaktion in das kleine Büro, in das man sie und die anderen weniger privilegierten Angestellten abgeschoben hatte.

Lavinia feilte ihre Fingernägel und sah sich den Tumult auf der anderen Seite des Flurs amüsiert an. Sie bemerkte Gwen und winkte. Gwen schlängelte sich zwischen den Schreibtischen hindurch bis in Lavinias ruhige Ecke und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

„Was ist los, Süße?“, fragte Lavinia und musterte Gwen eingehend. „Du siehst aus wie etwas, was die Katze von draußen reinschleppt.“

Gwen lachte. „So fühle ich mich auch.“

Und das war noch milde ausgedrückt. Sie hatte den Geschmack des Flusswassers noch auf der Zunge, obwohl sie ein Bad genommen und sich umgezogen hatte. Im Taxi zurück ins Büro hatte sie zu zittern begonnen, als ihr endlich aufgegangen war, wie knapp sie dem Tod entwischt war.

„So schlimm, was?“ Lavinia bot Gwen eine Zigarette an. „Nimm eine, Süße. Davon geht es dir gleich besser.“

„Danke, Vinnie, aber du weißt, ich rauche nicht.“

„Dein Pech.“ Lavinia steckte sich die Zigarette an. „Wo warst du den ganzen Tag? Ich hab angefangen, mir Sorgen zu machen.“

„Du weißt, ich bin runter an den Fluss …“

„Trotz Spellmans Emahnung.“

„Die Gesellschaftsseiten sind dein Ressort, nicht meines.“

„Du meinst, sie sind nicht gut genug für dich. Nein, ich mache dir keine Vorwürfe. Es ist saulangweilig, sogar für eine alte Frau wie mich.“

Gwen stützte die Ellenbogen auf den Schreibtisch. „Niemand macht das besser als du, Vinnie.“

„Klar.“ Die ältere Frau drückte ihre Zigarette aus. „Und, was ist aus der Sache geworden?“

„Mein Informant ist nicht aufgetaucht.“

„Das tut mir leid.“

„Ich habe aber vielleicht eine andere Spur gefunden.“

„Erzähl.“

Gwen erschauerte. Seit sie das Lagerhaus verlassen hatte, hatte sie nicht aufgehört, an Dorian Black zu denken. „Erst mal sehen, wie sich die Sache entwickelt.“

„Du meinst, du willst nicht darüber reden.“

„Nimm es nicht persönlich. Hewitt ist derjenige, dem ich nicht vertraue.“

„Du glaubst immer noch, du kannst die Sache schneller aufdecken als er?“

„Und wenn es mich umbringt.“

„Oder Spellman dich rauswirft.“ Vinnie lächelte schief. „Behalt deine Geheimnisse für dich, ich finde sie sowieso irgendwann raus.“

„Das weiß ich doch, Vinnie.“ Sie stand auf. „Pass auf, ich habe noch einiges zu erledigen. Lass uns demnächst mal zusammen Mittag essen.“

„Sag einfach wann, Süße.“

„Bis dann.“ Gwen schob den Stuhl zurück, ging durchs Büro und zu ihrem Schreibtisch. Er war genauso unordentlich wie die der Männer, nur ein kleiner Bereich war frei – die Ecke, in der das gerahmte Bild von Eamon Murphy stand.

Sie warf ihre Aktentasche auf einen Papierstapel, setzte sich und las die Schlagzeilen der Spätausgabe, die man ihr auf den Tisch gelegt hatte. Noch mehr über Ross Kavanaghs Gerichtsverhandlung. Gwen schüttelte den Kopf. Ihr Dad hatte immer behauptet, dass Kavanagh einer der wenigen guten Cops in Manhattan wäre. Man hatte ihm mit Sicherheit etwas angehängt. Gwen zweifelte nicht daran, dass man ihn fälschlich für den Mord an der Geliebten von Councillor Hinckley angeklagt hatte, höchstwahrscheinlich weil er nicht bereit gewesen war, mit der korrupten Stadtverwaltung zusammenzuarbeiten.

Wie auch immer, dagegen konnte sie nichts tun, höchstens beten, dass Kavanagh freigesprochen wurde. Sie schob die Zeitung zur Seite, ließ sich tiefer in ihren Stuhl sinken und öffnete eine Schreibtischschublade. Darin befanden sich die Ausschnitte, Artikel und Notizen, die ihr Vater während seiner langen Zeit bei der Zeitung sorgfältig aufbewahrt hatte. Gwen sah sich verstohlen um, zog einen Ordner heraus und öffnete ihn halb verborgen auf ihrem Schoß.

Das vergilbte Zeitungspapier knisterte. Die Story war in den hinteren Seiten der Morgenausgabe des 5. Juni 1924 verborgen gewesen. Ein Mann war schwer verletzt in ein Krankenhaus getaumelt und hatte von Verrückten gemurmelt, die Blut tranken. Er war kurz darauf gestorben. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, den bizarren Behauptungen des Mannes nachzugehen.

Der Rest der Artikel und Meldungen drehte sich um ähnliche Themen. Geschichten über merkwürdige Morde, die man berüchtigten Gangs zuschrieb. Interviews mit Zeugen, die Dinge gesehen oder gehört hatten, die niemand, der bei Verstand war, glauben würde. Absätze aus jeder Zeitung in New York, die meisten auf den ersten Blick bedeutungslos.

Zum Ende hin hatte jeder beim Sentinel gewusst, dass etwas mit Eamon Murphy nicht stimmte. Er hatte seinen Biss verloren. Er war abgelenkt, gab seine Aufträge zu spät ab und war immer über Papiere gebeugt, die niemand außer ihm sehen durfte. Spellman hatte ihn zu einem langen Gespräch zu sich bestellt, aber nichts hatte sich geändert. Eamon Murphy war ein Besessener gewesen.

„Wenn mir etwas passiert“, hatte er zu Gwen gesagt, „lass nicht zu, dass die Besessenheit eines alten Mannes deine Karriere vorzeitig beendet. Finde deine eigenen Geschichten, Gwennie. Du bist ein genauso guter Reporter, wie ich es war. Das hast du doch immer gewollt.“

Er hatte recht gehabt. Sie hatte seit ihrem vierzehnten Geburtstag davon geträumt, Reporterin zu werden, seit ihr Vater sie mit ins Büro genommen hatte. Damals hatte keine einzige Frau bei der Zeitung gearbeitet, aber darum hatte Gwen sich keine Sorgen gemacht. Sie hatte das College besucht und jeden Kurs über Schreiben und Journalismus belegt. Sie hatte Stunden damit verbracht, ausgedachte Geschichten zu verfassen, und sich um Dutzende von Jobs beworben.

Niemand hatte sie eingestellt. Aber ihr Dad hatte nicht zugelassen, dass sie ihren Traum begrub. Zwei Wochen nach Eamons Tod hatte Spellman Gwen eine Stelle als Nachwuchsreporterin angeboten. Natürlich waren ihr die Aufträge übertragen worden, die jeder Mann im Büro als unter seiner Würde betrachtete, aber Gwen hatte sich daran geklammert, dass ihr Vater sie immer unterstützt und fest an ihre Fähigkeiten geglaubt hatte. Sie hatte weitergelernt und beobachtet. Und als man die drei Leichen am Flussufer gefunden hatte, jede blutleer bis auf den letzten Tropfen, hatte sie sich seine Akten noch einmal angesehen.

Es tut mir leid, Dad. Ich kann nicht damit aufhören. Wenn es so wichtig für dich war, dann ist es mir auch wichtig. Und ich werde die Antworten finden.

„Wie ich sehe, sind Sie zurück aus dem Schönheitssalon, Miss Murphy.“ Randolph Hewitts Stimme war durchdringend wie ein Nebelhorn.

„Ach, Mr. Hewitt, wie ich sehe, sind Sie zurück aus dem Mittelalter.“

Das spottende Grinsen ihres ärgsten Rivalen wurde ein bisschen weniger freundlich. „Sehr lustig, Murphy.“ Er stellte sich vor ihren Schreibtisch. „Was haben wir denn da? Noch mehr von den verrückten Theorien Ihres Vaters?“

Gwen schob die Ausschnitte zurück in die Schublade und schloss sie mit einem Knall. „Sie können mit mir machen, was Sie wollen, Hewitt, aber lassen Sie meinen Vater da raus.“

Hewitt hob die Hände. „Ziehen Sie die Krallen wieder ein, Missy. Ich habe für Ihren Vater nur den größten Respekt übrig.“

„Klar haben Sie das – solange Sie keinen Weg finden, ihm ein Messer in den Rücken zu rammen.“

„Was für unhaltbare Anschuldigungen. Ich glaube, Sie haben sich einige schlechte Angewohnheiten angeeignet, Miss Murphy.“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist wohl eine der unangenehmen Folgen, wenn eine Frau versucht, der Männerwelt Konkurrenz zu machen.“

Gwen stand auf und warf dabei einen Stapel Papier zu Boden. „Ich sehe Sie nicht als Konkurrenz an, Hewitt.“

Sein runder Bauch bewegte sich, als Hewitt lachte. „Ich will Ihre Illusionen nicht zerstören.“ Sein Gesicht nahm einen harten Zug an. „Denken Sie nur an Spellmans Worte: Lassen Sie Ihre hübschen Finger von meiner Story.“

Offensichtlich zufrieden, schlenderte er davon. Gwen kochte regelrecht vor Wut. Aber es brachte nichts, die Beherrschung zu verlieren. Hewitt würde das nur als weiteren Beleg für die natürliche Schwäche der Frau ansehen. Wenn sie ihm das Gegenteil beweisen wollte, dann musste sie ruhig bleiben und ihren Verstand benutzen.

Sie nahm das Foto ihres Vaters in die Hand. Ich könnte wirklich deinen Rat brauchen, Dad.

Auf der Aufnahme lächelte er. Es wird Zeiten geben, in denen du aufhören willst, hatte er gesagt. Es ist kein leichter Job, auch für einen Mann nicht. Aber du wirst es schon schaffen. Und eines Tages findest du einen Kerl, der all die guten Eigenschaften, die du von deiner Mutter geerbt hast, zu schätzen weiß. Gib dich nur nicht mit weniger zufrieden, Gwennie.

Ihr Dad hatte sich unter Vorbehalt mit Mitch einverstanden erklärt, der ein Jahr vor Eamons Tod beim Sentinel angefangen hatte. Er hatte nichts dagegen gehabt, als Mitch angefangen hatte, mit ihr zu flirten.

Gwen stellte die Fotografie wieder hin. Sie hätte fast vergessen, dass Mitch sie am nächsten Abend zum Dinner ausführen wollte. Bei dem Gedanken daran verspürte sie eher Ergebenheit als Vorfreude. Gwen empfand jetzt nichts anderes als vor ein paar Monaten oder Wochen. Mitch war ein guter Freund, aber sie war nicht bereit, einen Mann zu heiraten, ohne sich sicher zu sein, dass sie ihn liebte.

Seufzend setzte sie sich an die unwichtigen Artikel, die Spellman ihr aufgetragen hatte. Sie würde das Beste daraus machen, wie immer. Sie würde denen keinen Grund liefern, sie zu entlassen. Und wenn sie die Geschichte ihres Vaters beweisen konnte, dann würden sie schon sehen, dass Gwen Murphy durchaus mithalten konnte.

Morgen würde sie noch einmal zu Dorian Black gehen. Der Gedanke daran heiterte sie auf, auch wenn es absurd war. Sogar wenn er ihr nicht weiterhelfen konnte, sagte ihr ihr Spürsinn als Reporter doch, dass seine Geschichte es wert war, erzählt zu werden. Und was seine „Unpässlichkeit“ anging, die ihn anscheinend alle paar Wochen heimsuchte: Sie würde einfach auf sich achtgeben.

Zum zwanzigsten Mal schlug der Gürtel auf Sammaels Rücken. Und der Schmerz war ihm willkommen. Er hob die Geißel erneut.

Vergib mir, betete er. Vergib mir meine Dummheit und meinen anmaßenden Stolz. Du hast mich einer Prüfung unterzogen, und ich habe gezögert. Gewähre mir noch einmal dein Wohlgefallen.

Er zählte noch weitere neun Schläge ab, ließ den Gürtel dann fallen und massierte sich die Hände. Sein Rücken brannte … mit heiligem Feuer, mit dem Versprechen von Erlösung, die nur mit Schmerz und Blut zu erlangen war. Er stand langsam auf und ging zu dem Waschbecken seiner Zelle, wo er sich Wasser ins Gesicht spritzte. Am Morgen würde er weder Schrunden noch Narben auf dem Rücken haben. Dann würde er wieder von vorn beginnen.

Er streifte sich ein Hemd über, ließ den Kragen offen und setzte sich an den Schreibtisch. Das Buch lag offen vor ihm, bereit, von ihm verändert zu werden. Aber als er seinen Stift hob, klopfte es an der Tür.

„Herein!“

Der Wachposten, der eintrat, war jung und stark, wie alle neuen Rekruten … Sammael und der Synode treu ergeben, ohne Fragen zu stellen. Er deutete eine Verbeugung an und stand stramm.

„Wir haben Neuigkeiten über das Mädchen“, sagte der jüngere Mann. „Sie wurde am Flussufer gesehen, in Begleitung von einem von Raouls ehemaligen Vollstreckern.

„Wirklich?“ Sammael lehnte sich zurück. „Und welcher von ihnen ist es?“

„Dorian Black, Meister.“

„Ah, ja. Ich habe von ihm gehört. Wie sind er und Miss Murphy sich begegnet?“

„Unsere Informanten haben berichtet, dass er sie vor dem Ertrinken gerettet hat.“

„Wie ist es dazu gekommen?“

„Sie wurde angegriffen. Einige junge Männer wurden beobachtet, wie sie den Steg fluchtartig verließen.“

Sammael schüttelte den Kopf. „Der Herr hat bestimmt, dass die Menschen die Erde erben sollen, egal wie unwürdig sie unsereinem erscheinen mögen.“ Er nahm einen Stift und rollte ihn zwischen den Fingern. „Mein Eindruck von dem Vollstrecker war, dass er sich nicht mit Sterblichen einlassen wollte.“

„Er hat sie in seine Behausung mitgenommen. Sie hat sie unbeschadet wieder verlassen.“

„Er hat sie nicht umgewandelt?“

„Es war nicht genug Zeit und immer noch helllichter Tag, als sie gegangen ist.“

„Ah.“ Sammael machte eine Handbewegung. „Solange Black isoliert bleibt, interessiert er uns nicht. Aber sollte er das Mädchen noch einmal treffen …“

„Verstanden, Meister.“

„Was ist mit Miss Murphys Recherchen?“

„Sie scheinen nicht vorwärtszukommen. Wir glauben, dass sie am Flussufer jemanden treffen wollte, der nicht erschienen ist.“

Sammael legte den Stift ab. „Vielleicht bleibt sie so unbedeutend wie ihr Vater, dennoch sollten wir uns ihr Apartment nochmals anschauen. Es ist immer möglich, dass beim ersten Mal etwas übersehen wurde. Und geht auf Nummer sicher. Gebt ihr keinen Grund, Verdacht zu schöpfen.“

„Wie Ihr befehlt, Meister.“ Der Wachposten verbeugte sich und zog sich zurück.

Sammael beugte sich über das Buch, doch er spürte pochenden Kopfschmerz. Miss Murphy war im Moment nur eine kleine Sorge, aber sie und Hewitt wären vollkommen harmlos gewesen, hätte Sammael nicht den Fehler gemacht, die Leichen in einem Zustand zurückzulassen, der so viele Fragen aufwarf. Und es war nicht sein erster Fehler gewesen. Er hatte das Original des Buchs nicht sicher aufbewahrt, und nun war es nicht mehr in seinen Händen. Aadon war tot, aber das Buch war immer noch verloren. Bis man es gefunden hätte, bestand große Gefahr, dass die Menschen und Zivilisten von Pax auf den falschen Weg gerieten.

Sie dürfen nicht zweifeln. Sie dürfen niemals zweifeln.

Das brüchige Papier raschelte, als Sammael die Seiten glatt strich. Über die Hälfte von Micahs Schrift war bereits durchgestrichen und durch die Worte, die Sammael in seinen Visionen erfahren hatte, ersetzt worden. Einige Wochen noch, und sein Werk würde vollendet sein.

„Und diejenigen, die das Blut des Menschen gekostet haben, sollen sterben“, schrieb er vorsichtig über Micahs geschwärzte Reihen. „So steht es geschrieben. So soll es geschehen.“

3. KAPITEL

Dorian spürte ihre Anwesenheit, noch ehe er an die Tür des Lagerhauses getreten war.

Das Sonnenlicht fiel auf ihr lockiges rotes Haar, als Gwen Murphy über den Pier spaziert kam. Über einem Arm trug sie einen Korb, aus dem weißes Leinen quoll. Ihre blasse Miene wirkte entschlossen, als bereitete sie sich auf einen mehr als kühlen Empfang vor.

Wenn Dorian auch nur noch einen Funken Verstand besessen hätte, er hätte einen Weg gefunden, zu verschwinden. Aber der Sonnenuntergang war nur noch Stunden entfernt, und er war es nicht gewohnt, sich im Angesicht des Feindes zurückzuziehen. Denn sie war der Feind, und er wagte es nicht, das zu vergessen.

Er trat zurück in die Dunkelheit und wartete ab.

„Mr. Black?“ Gwens Absätze klickten auf dem Boden des Lagerhauses, während sie zu Dorians Ecke ging. „Sind Sie da?“

„Miss Murphy“, sagte er.

Sie zuckte zusammen. Sein plötzliches Auftauchen erschreckte sie offensichtlich. „Mr. Black. Dorian.“ Sie sah ihm neugierig und für einen Moment misstrauisch in die Augen.

Dorian bemerkte, dass ihre Wimpern dunkler als ihre Haare waren und ihre grünen Augen perfekt umrahmten. Seine verräterischen Gedanken waren fast sein Untergang. Er wandte den Blick ab und ermahnte sich im Stillen. Es war jedoch so gut wie nutzlos. Denn er war bereits aufs Neue verzaubert und kämpfte gegen das überwältigende Bedürfnis an, sie zu berühren, ihr Haar zu streicheln, die Wärme ihrer vollen, ausdrucksstarken Lippen zu spüren …

„Ich habe ein Picknick mitgebracht“, sagte Gwen und brach damit den Zauber, „es ist etwas spät zum Mittagessen, aber …“

„Sie hätten nicht herkommen sollen.“

„Warum überrascht es mich nicht, das von Ihnen zu hören?“ Sie lächelte unsicher. „Trotzdem bin ich hier. Und ich werde nicht gehen, ehe Sie nicht etwas von diesem Picknick verspeist haben.“

„Ich habe keinen Hunger.“

„Das glaube ich Ihnen nicht. Walter sagt, dass Sie kaum mehr essen, als ein Vogel zum Leben braucht.“

„Und trotzdem bin ich noch hier.“

Sie stellte den Korb ab und verschränkte die Arme vor der Brust. „Oh, wie ich Männer bewundere, die nicht viele Worte machen.“ Sie hielt seinem Blick stand. „Sie haben gestern versucht, mich abzuschrecken, und es hat nicht funktioniert. Daran hat sich nichts geändert.“

Er presste die Lippen aufeinander und versuchte, sich zu beherrschen. „Sie sind hier nicht willkommen, Miss Murphy.“

„Das hat mich noch nie aufgehalten.“ Sie zögerte. Vielleicht erinnerte sie sich daran, wie er sie am Tag zuvor angefahren hatte. Doch dann straffte sie die Schultern. „Sie wollen keine Hilfe aus Wohltätigkeit. Das verstehe ich. Aber von meiner Seite ist es nicht nur oberflächliche Freundlichkeit. Ich habe immer noch das Gefühl, dass Sie mehr über diese Morde wissen, als Sie zugeben.“

„Sie irren sich.“

„Vielleicht. Besprechen wir die Sache bei einer Flasche Wein.“ Sie beugte sich über ihren Korb und zog eine Flasche hervor. „Ich bin mir sicher, wir finden draußen einen schönen Fleck Erde, auf dem wir unser Festmahl ausbreiten können.“

Dorian trat einen Schritt zurück und warf einen schnellen Blick auf die offene Lagerhaustür. „Ich würde es bevorzugen hierzubleiben.“

Sie seufzte ungeduldig. „Kein Wunder, dass Sie so blass sind, wenn Sie sich immer hier in der Dunkelheit verstecken. Das Sonnenlicht wird Ihnen guttun.“ Sie fasste nach seinem Arm. „Kommen Sie.“

Ihre Finger streiften seinen Ärmel. Dorian hob die Hand, um nach ihr zu schlagen. Doch ihr mutiger Blick ließ ihn innehalten. Es wäre so einfach gewesen, ihr wehzutun. So einfach, seine Zähne in ihren zarten Hals zu senken und die Süße ihres Blutes zu schmecken. Die Füße versagten ihm den Dienst, Dorian taumelte. Gwen packte ihn am Arm.

„Das reicht“, sagte sie knapp, „wenn Sie nicht rauskommen, dann essen wir eben hier.“ Mit erstaunlicher Kraft drehte sie ihn um und zog ihn hinter die Kisten, die die Wände seines Zimmers bildeten. Als er sicher auf dem Boden saß, holte sie ihren Korb, stellte ihn vor Dorian hin und setzte sich neben ihn.

Der Duft von frischem Brot, kräftigem Käse und herzhaftem Fleisch stieg aus dem Korb, als Gwen das weiße Tischtuch auf dem Boden ausbreitete und ihr Mahl auftrug. Dorian wurde flau im Magen angesichts des aufgezwungenen Verzichts. Kein Vampir konnte lange ohne Blut leben, egal welche anderen Arten der Nahrungszufuhr er für sich auftat. Aber da das Blut die Strigoi dazu befähigte, menschliche Nahrung aufzunehmen, aßen die meisten von ihnen regelmäßige Mahlzeiten.

„Walter“, sagte er heiser. „Er braucht das hier mehr als ich.“

„Es ist genug für Sie beide da.“ Sie schnitt eine großzügige Scheibe Brot ab, belegte sie mit Roastbeef sowie dünn geschnittenem Käse und drückte sie Dorian in die Hand. „Essen Sie.“

Ihre Finger berührten sich, als er das Sandwich annahm. Er ließ es fast fallen. Wieder begegneten sich ihre Blicke, und Dorian sah dort die Anteilnahme und das Mitleid, dass sie zu verbergen versuchte.

„Ist schon gut“, sagte sie.

Er konnte das Verlangen nicht länger bekämpfen. Er biss ab und schloss die Augen, als das Brot ihm auf der Zunge zerging. Innerhalb von Sekunden war das Sandwich verzehrt, und Gwen machte ihm ein weiteres. Während er aß, benutzte sie einen Korkenzieher, um den Wein zu öffnen, und füllte zwei Gläser.

„Es ist nicht die beste Sorte, aber hoffentlich finden Sie ihn auch nicht zu enttäuschend.“

Dorian nahm ein Glas, achtete diesmal besonders darauf, sie nicht zu berühren, und starrte in die dunkelrote Flüssigkeit. „Warum glauben Sie, ich würde den Unterschied zwischen gutem und schlechtem Wein erkennen?“

„Sie sprechen wie ein gebildeter Mann.“

„Das beweist kaum etwas.“

Sie sah ihn über den Rand ihres Glases hinweg an. „Wo sind Sie zur Schule gegangen?“

Der Wein wurde ihm im Mund sauer. Es fiel ihm schwer, ihn zu schlucken. „Meine Vergangenheit hat Ihre Aufmerksamkeit nicht verdient, Miss Murphy.“

„Das lassen Sie meine Sorge sein.“ Sie wickelte den übrig gebliebenen Käse und das Fleisch wieder ein und legte beides zurück in den Korb. „Sie haben ein College besucht. Sie haben einen Beruf gehabt, der sowohl Talent als auch Intelligenz von Ihnen verlangte.“

Dorian spürte, wie eine Welle aus Resignation über ihm zusammenschlug. Gwen Murphy würde nicht aufgeben.

Er konnte sie nicht zwingen zu verschwinden, ohne Gewalt anzuwenden, und er war bereits zu nahe daran, die Kontrolle zu verlieren. „Ich habe kein College besucht“, antwortete er und stellte sein Glas ab. „Ich wurde in Hell’s Kitchen geboren und habe eine öffentliche Schule besucht, bis ich zehn Jahre alt war. Danach habe ich in einer Fabrik gearbeitet. Es gab weder Zeit noch Geld für höhere Bildung.“

Gwen warf ihm einen langen Blick zu. „Na“, sagte sie schließlich, „das ist eine der längsten Ansprachen, die Sie seit unserem ersten Treffen gehalten haben.“

„Ich nehme an, sie beschwichtigt Ihre Neugierde.“

„Eigentlich nicht. Es erklärt nicht, warum ein Kind aus Hell’s Kitchen Wörter wie ‚beschwichtigen‘ in einem einfachen Gespräch verwendet.“

Dorian ertappte sich dabei, wie er den feinen Schwung ihrer Augenbrauen und ihre Stirn betrachtete. „Es ist möglich, zu lernen, ohne dabei angeleitet zu werden. Es gibt so etwas wie öffentliche Bibliotheken, Miss Murphy.“

„Haben Sie es so gemacht? Sich alles selbst beigebracht?“

Er zuckte die Schultern und achtete darauf, ihr nicht ins Gesicht zu sehen. Sie aß ihr Sandwich, klopfte sich die Krümel vom Rock und stand auf. „Sehe ich da etwa Bücher?“ Ohne die Antwort abzuwarten, machte sie einen Schritt und bückte sich, um eines der Bücher aufzuheben, die er auf der an die Wand gelehnten Planke aufgereiht hatte.

„Frankenstein“, sagte sie und drückte sich das geschundene Buch an die Brust. „Lesen Sie gern Klassiker, Mr. Black?“

„Dann und wann.“

„Es ist eine traurige Geschichte. Sowohl die Kreatur als auch ihr Schöpfer werden am Ende zerstört.“

„Ist das so überraschend, Miss Murphy, wenn doch der Schöpfer sich als Gott aufspielt?“

Sie lächelte. „Dann sind Sie also nicht nur Autodidakt, sondern auch Philosoph.“

„Sie scheinen meine Vorliebe für längere Wörter zu teilen, Miss Murphy.“

„In meinem Beruf, beim Schreiben für die Zeitung, kann ich sie nicht oft benutzen. Ich habe als Kind oft im Wörterbuch gelesen.“

Dorian zuckte überrascht zusammen. Er erinnerte sich an das weggeworfene Wörterbuch mit schimmligen, zerrissenen Seiten, das er auf einem Müllhaufen vor dem Mietshaus seiner Eltern gefunden hatte. Er hatte sich mindestens zwei neue Wörter pro Tag beigebracht und die Aussprache sorgfältig geübt. Sein Vater hatte ihn deswegen ausgelacht.

Das bringt dir gar nichts, Junge. Du wirst es nie zu etwas bringen. Nicht, solange du lebst … Er hatte nicht wissen können, wie lange das noch sein würde.

„Was haben wir hier noch?“ Sie stellte das Buch zurück und griff sich ein anderes. „Dantes Inferno. Mit leichter Lektüre haben Sie es wohl nicht so?“

„Ich bin am Boden zerstört, dass ich Ihren Unwillen erregt habe.“

„Nein. Das ist es nicht.“ Sie tippte sich mit der Kante des Buchs gegens Kinn. „Glauben Sie an ewige Verdammnis, Mr. Black?“

„Und Sie, Miss Murphy?“

Sie berührte das Kreuz, das an einer silbernen Kette um ihren Hals hing. „Ich glaube an die Möglichkeit der Wiedergutmachung.“

Die Enge, die Dorian vorher gespürt hatte, kehrte zurück. „Manche Seelen können nicht erlöst werden.“

„Sprechen Sie von sich?“ Ihr Blick war durchdringend, fast schonungslos, so viel Verständnis zeigte sie. „Was ist geschehen, Dorian? Warum glauben Sie, dass Sie verdient haben zu leiden?“

Er stand auf. Sein Mund war fast zu trocken, um zu sprechen. „Sie setzen zu viel voraus.“

„Ich sehe, dass Sie sich bestrafen, indem Sie hier leben, sich menschlicher Gesellschaft verweigern und kaum etwas essen. Hält Sie nur noch Ihre Sorge um Walter am Leben?“

Dorian schloss die Augen. Er konnte spüren, wie es näher kam. Vollkommene Dunkelheit zu einer Zeit, in der die meisten Strigoi frei herumliefen und ihre Macht feierten. Doch für ihn war es eine Art Tod. Ein zeitlich begrenzter Tod, der ihn nie ganz mit sich riss, sondern ihn überleben ließ, damit er sich noch einen weiteren Tag lang verachten konnte. Oh, ja. Er glaubte an die Hölle.

„Es kann nicht so schlimm sein, wie Sie es sich vorstellen“, sagte sie.

Plötzlich stand sie neben ihm, ihre Wärme liebkoste seine kalte Haut, und ihr Atem strich sanft über sein Ohr. „Sie haben es geschafft, Hell’s Kitchen zu entkommen. Sie haben etwas aus sich gemacht. Aber Sie haben irgendwo einen falschen Weg eingeschlagen. Und jetzt glauben Sie, dass Sie nicht mehr zurückkönnen.“

Er musste alle seine Selbstdisziplin aufbringen, um nicht auf den Lockruf des Blutes in ihren Adern zu reagieren, auch wenn ihr Duft ihm verriet, dass sie es wollte. „Ist Ihnen nie in den Sinn gekommen“, fragte er leise, „dass ich nicht ganz bei Verstand bin?“

„Sie meinen wegen dem, was gestern geschehen ist?“

Er lehnte sich zurück. „Ja.“

„Wenn Sie mir wirklich hätten wehtun wollen, hätten Sie Gelegenheiten dazu gehabt.“ Ihr unerbittlicher Tonfall hämmerte auf ihn ein. „Was auch immer Sie getan haben und was auch immer Sie erlebt haben, Sie wollen es wiedergutmachen. Aber zuerst müssen Sie wieder in die Welt hinausgehen und sich ihr stellen – und auch sich selbst.“

Seine Muskeln schienen zu erschlaffen. Irgendwie blieb er dennoch aufrecht stehen.

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