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Die besten Tantenretter der Welt

Der Tag, als unsere Tante die Bank ausraubte, war der erste Tag unserer Sommerferien im letzten Jahr. Fabi war mit der dritten Klasse fertig und ich mit der fünften. Wir fanden beide, dass wir ein bisschen Ruhe verdient hatten. Aber es kam ganz anders.

Vielleicht hängt es mit dem Namen unserer Tante zusammen. Sie heißt Erdmute. Ich kenne sonst niemanden, der so heißt. Tante Erdmute sagt, wenn man Erdmute heißt, dann ist das ein Wink des Schicksals und dann muss man mit beiden Beinen auf der Erde stehen und mutig sein. Wenn sie nicht so mutig wäre, hätte sie die Bank wahrscheinlich gar nicht ausgeraubt, glaube ich. Aber ich finde immer noch nicht, dass es eine gute Idee war, denn wir hatten eine Menge Stress davon.

Der Bankraub hatte mit dem Brief zu tun, den Tante Erdmute damals kurz vor unseren Sommerferien bekam. Wahrscheinlich hat sie gedacht, dass dieser Brief auch ein Wink des Schicksals war, obwohl sie zuerst so wütend wurde, dass sie fast geheult hätte. Immer wieder hörten wir sie murmeln: „Diese Schweine! Diese Schweine!“

Wenn etwas ein Wink des Schicksals ist, dann ist es nicht so schlimm, wie es zuerst scheint. Und es hat vielleicht sogar eine gute Seite, die man zuerst gar nicht sieht.

Wie damals, als Fabi vom Kirschbaum fiel und sich das Bein brach und nicht Fußball spielen konnte. Dabei spielt er im Sturm und ist unentbehrlich, sagt sein Trainer. Da hat Tante Erdmute gesagt, das ist ein Wink des Schicksals. Und sie hat ihn zu allen Spielen seines Vereins gefahren und ihm beigebracht, wie man eine Reportage macht. Jetzt will Fabi Fußballreporter werden.

Tante Erdmute war nämlich auch mal Reporterin, sie war fast alle Berufe schon mal. Jetzt hat sie gerade einen Laden für Second-Hand-Kleider unten in dem Haus, wo wir wohnen. Tante Erdmute liebt Kleider. Sie ist immer total schick angezogen, obwohl sie fast überhaupt kein Geld hat und an jedem Monatsende betrübt in ihrem Portemonnaie herumstochert. Dann kocht sie Pellkartoffeln mit Quark und Schnittlauch aus dem Garten für uns.

Trotzdem geht sie in diese Geschäfte mit den riesengroßen, blitzeblank geputzten Schaufenstern, wo jedes einzelne Kleid ausgestellt ist wie im Museum.

Die Verkäuferinnen dort tragen die Nase so hoch, dass es in ihre Nasenlöcher reinregnen könnte, wenn es im Laden regnen würde. Aber Tante Erdmute kann ihre Nase noch höher tragen, wenn sie will. Sie geht mutig und kerzengerade in solche Läden, als ob sie ihr gehörten. Sie probiert die schönsten Kleider an und dreht und wendet sich vor dem Spiegel, und dann sagt sie mit ihrer zickigsten Stimme: „Ach nein, ich hatte mir doch etwas anderes vorgestellt!“

Draußen zieht sie ihr Notizbuch aus der Tasche und zeichnet blitzschnell ein Kleid auf, und dann kauft sie Stoff im Ausverkauf und näht es selbst.

Später, wenn sie keine Lust mehr hat, das Kleid anzuziehen, kommt es in ihren Second-Hand-Laden. Aber an jedem Kleid – und das ist das Besondere, sagt Tante Erdmute, und deswegen sind ihre Kleider auch so teuer, dass sie fast nie jemand kauft –, also an jedem Kleid hängt eine Karte. Auf der hat Tante Erdmute genau aufgeschrieben, wie viele Männer sie auf der Straße angelächelt haben, als sie das Kleid anhatte. „Persönlich getestet“, steht auf den Karten. „3 Männer mit coolen Brillen“, „5 Studenten“, „7 Männer mit Laptoptaschen“.

Es kommen viele Frauen in Tante Erdmutes Laden, aber nur wenige kaufen die Kleider, weil sie eben so teuer sind.

„Aber billiger“, sagt Tante Erdmute, „kann ich die nicht machen, denn persönlich getestet ist persönlich getestet.“ Also sitzen die Kundinnen oft einfach nur da und trinken Kaffee mit Tante Erdmute, und hinterher kaufen sie ein paar Knöpfe für 77 Cent. Deswegen hat Tante Erdmute nicht viel Geld, und wir auch nicht.

Aber das war nicht der Grund, warum Tante Erdmute die Bank ausgeraubt hat. Der Grund war dieser Brief.

Sie hat uns zuerst nicht gesagt, was drinsteht, obwohl wir sie natürlich gefragt haben. Sie hat nur abgewinkt, und als sie genug geschnieft und gemurmelt und geschimpft hatte, hat sie den Brief genommen, so mit zwei Fingern, als ob er etwas total Ekliges wäre, was gerade in Hundekacke gefallen ist, und ihn in ihre Schreibtischschublade getan und die Schublade abgeschlossen.

Danach saß sie mit zusammengezogenen Augenbrauen da, in ihrem Korbsessel mit den bunten Kissen, die sie selbst bestickt hat. Sie schaute vor sich hin, zwirbelte ihre schwarzen Locken noch runder und knibbelte sich den Lack von den Fingernägeln, aber man merkte deutlich, dass sie an den Lack überhaupt nicht dachte.

Fabi und ich haben uns echt Sorgen gemacht, denn so hatten wir Tante Erdmute noch nie erlebt.

Tante Erdmute hat eigentlich immer gute Laune, sie fegt auf ihren roten Schuhen durch die Welt, als hätte sie Rückenwind, sogar, wenn es ganz windstill ist.

Bis auf die Tage natürlich, an denen ihr Herz zerbricht. „Männer!“, schnaubt Tante Erdmute an solchen Tagen. Sie rennt nach nebenan zu Herrn Sündal und kauft sich eine riesige Tüte extrascharfe Paprikachips. Herr Sündal reicht ihr die Chips mit einer kleinen traurigen Verbeugung, denn er weiß natürlich, was es bedeutet, wenn Tante Erdmute sich Paprikachips kauft.

In der Wohnung schmeißt sich Tante Erdmute auf ihren Sessel, zermalmt jeden einzelnen Chip zwischen den Zähnen, dass es nur so kracht, weint ein bisschen und trinkt Apfelschorle dazu. Wenn die Tüte leer ist, steht sie mit einem Ruck auf. Sie bürstet ihre Haare, bis sie knistern und um ihr Gesicht tanzen wie eine schwarze Wolke. Sie schminkt sich neu und sagt: „So, Erdmute. Das ist ein Wink des Schicksals, da wartet irgendwo jemand viel Tolleres auf dich.“ Und dann singt sie.

„Erdmute, du Gute,

jetzt zieh keine Schnute.

Das Herzweh, vergiss es,

der Nächste, der is’ es.“

Tante Erdmute singt oft solche Lieder, die sie sich selber ausgedacht hat. Fabi bekommt dann immer seinen panischen Blick, denn wenn Tante Erdmute besonders laut schmettert in ihrem Zimmer, dann verheißt das meistens nichts Gutes. Wie damals, als meine eine Lehrerin zu mir gesagt hat, aus mir würde vermutlich nie was, man hätte das oft bei elternlosen Kindern. Da hat Tante Erdmute gesungen, dass die Wände noch drei Tage danach gewackelt haben. Und sie hat Haselnussleckerli mit Senffüllung gebacken und die meiner Lehrerin überreicht. Ich hatte eine Woche zu tun, um meine Lehrerin davon zu überzeugen, dass Tante Erdmute schlecht sieht und den Senf mit dem Apfelmus verwechselt hat.

Tante Erdmute findet natürlich, dass es gerade etwas Gutes verheißt, wenn sie singt. Sie sagt, davon bekommt man rosa Laune und Fabi und ich sollen es auch mal probieren. Aber uns fallen keine Lieder ein, und zum Glück haben wir auch so meistens rosa Laune. Das haben wir von Papa und Mama.

Unser Papa und unsere Mama waren Forscher und Wissenschaftler. Sie waren einer bahnbrechenden Erfindung auf der Spur, sagt Tante Erdmute. Bahnbrechend heißt, dass diese Erfindung die ganze Welt verändert hätte. So als ob man auf der Erde schon im Himmel ist. Aber etwas ist schiefgegangen, und aus Versehen haben Papa und Mama sich eines Tages selbst direkt in den Himmel geforscht. Das war vor acht Jahren, als wir noch ganz klein waren, und seitdem leben wir bei Tante Erdmute.

Aber zum Glück, sagt Tante Erdmute, sind unsere Eltern ja trotzdem da, auch wenn wir sie nicht sehen, und haben ein Auge auf uns. Denn sie kann unmöglich ständig alleine auf uns aufpassen, sagt Tante Erdmute, und da ist es gut, dass Papa und Mama immer ein bisschen mitaufpassen.

Und das muss wohl so sein, denn bisher ist uns wirklich noch nichts Schlimmes passiert, bis auf Fabis Beinbruch, der aber ein Wink des Schicksals war, wie ich ja schon gesagt habe.

Auch damals, als Fabi unter dem Bett ein Feuerchen gemacht hat mit Tante Erdmutes silbernem Feuerzeug und den alten Zeitungsartikeln, die Tante Erdmute sich extra aufgehoben hatte, ist nichts passiert. Denn Tante Erdmute ist noch rechtzeitig nach Hause gekommen und hat aus der riesigen Vase mit den Kirschzweigen, die im Flur stand, die Zweige rausgerissen und das Wasser – wusch – unters Bett geschleudert. Zum Glück war es nur ein kleines Feuerchen, und es war gleich aus. Bloß die Artikel waren natürlich weg. „Das ist ein Wink des Schicksals!“, sagte Tante Erdmute. „Ich hab’ sowieso keine Zeit, diesen ganzen alten Kram zu lesen. Leben statt lesen, so sieht es nämlich aus!“ Und dann hat sie noch gesagt, was für ein Glück, dass Papa und Mama aufgepasst haben, dass die Flammen nicht schon vorher auf das Bett und die ganze Wohnung übergegriffen haben.

Oder als ich einen wissenschaftlichen Versuch gemacht habe und die Glühbirne aus der Fassung in der Küche geschraubt hatte und mit der eisernen Gardinenstange in der Fassung rumgestochert habe, um zu sehen, ob das Funken gibt. Es gab welche, aber passiert ist mir trotzdem nichts.

Da hat Tante Erdmute gesagt: „Ich weiß nicht, was ich ohne eure Eltern anfangen sollte, ich würde das ja nie schaffen mit euch!“

Ich musste ihr hoch und heilig versprechen, so was wie das mit der Glühbirne nie wieder zu machen.

„Wenn du nicht auf dem Holztisch gestanden hättest“, rief Tante Erdmute, „ich möchte mir gar nicht ausdenken, was dann passiert wäre!“

Sie hat mir dann erklärt, wie das ist mit der Elektrizität und der Erdung und dass auch ein Forscher gut auf sich aufpassen muss. Gerade ein Forscher! Denn immer, sagte sie, könnten Papa und Mama sich auch nicht um uns kümmern, sie hätten ja auch mal was anderes zu tun.

„Was denn?“, habe ich gefragt.

„Singen“, hat Tante Erdmute gesagt. „Singen auf einer Wolke, das ist überhaupt das Schönste, was es gibt.“ Weil die Wolke weich und kuschelig ist und man sitzt da so, ganz weich und bequem angelehnt, und singt vor sich hin, und das wäre das Schönste.

Ich bin ja jetzt schon elf und glaube nicht mehr daran, dass Leute auf Wolken sitzen können. Wolken bestehen aus Wasserdampf, da würde man ja sofort durchfallen. Aber trotzdem sehe ich, innen in meinem Kopf, immer noch meinen Papa und meine Mama auf ihrer Wolke sitzen und ein bisschen singen und es schön haben. Und alle Lieder verheißen nur Gutes.

Kein ganz normaler Nachmittag

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An diesem Tag vor fast genau einem Jahr, als Tante Erdmute mit dem Bankraub fertig und wieder zu Hause war, also an dem Tag, als unser Leben sich total veränderte, kamen Fabi und ich gerade vom Fußballspielen.

Natürlich wussten wir da noch nicht, dass unsere Tante gerade eine Bank ausgeraubt hatte. Wir hörten zwar Polizeisirenen und sahen auch Polizeiautos durchs Viertel rasen, aber wir dachten uns nichts dabei. Wir dachten, es wäre ein ganz normaler erster Ferientag, und freuten uns, dass wir jetzt wochenlang Fußball spielen konnten, so viel wir wollten.

Bei uns im Viertel ist nämlich ein Bolzplatz, auf dem wir uns immer mit den anderen treffen. Gummiplatz heißt der. Er hat einen Gummibelag, da tut es nicht so weh, wenn man hinfällt. Unser Viertel ist überhaupt toll. Es gibt den Gummiplatz, und es gibt einen Park, und es gibt einen riesigen Spielplatz, wo wir oft sind, obwohl wir natürlich zu alt sind für Spielplätze. Und es gibt Luigis Eisladen und ein Kino, wo wir am Sonntagnachmittag oft mit Tante Erdmute hingehen. Denn sie sagt, man muss die deutsche Kulturlandschaft unterstützen. Und hinter unserem Haus ist ein kleiner Garten mit einem Kirschbaum, wo wir sitzen und Kuchen essen und Waffeln, denn Tante Erdmute ist die beste Waffelbäckerin der Welt.

Im Garten, in einem Drahtgehege, wohnt auch unsere Schildkröte. Sie heißt Gunilla und ist so alt, dass Tante Erdmute sie schon als Kind hatte.

Tante Erdmute hat sie mal auf einer Wiese gefunden. Gunilla ist eigentlich eine Wanderschildkröte, und wir müssen gut auf sie aufpassen, wenn wir sie im Garten rumkriechen lassen. Sie darf nicht durch den Zaun kriechen und abhauen. Das versucht sie immer wieder, denn das ist anscheinend ihre Natur.

Ich habe gefragt, warum wir sie dann nicht einfach wandern lassen, wenn das ihre Natur ist. Aber Tante Erdmute hat gesagt, die Stadt ist zu gefährlich für Schildkröten. Und so passen wir gut auf Gunilla auf und füttern sie mit Salat und Blüten von dem Hibiskusstrauch, der am Zaun wächst.

Nur Nacktschnecken darf sie nicht fressen. Einmal hat sie das versucht, und da hatte sie weißen Schaum im Gesicht, und ihr Maul war so zusammengeklebt, dass Tante Erdmute eine halbe Stunde und sehr viel warmes Wasser gebraucht hat, um alles wieder aufzulösen.

„So ähnlich wie bei den Karamellbonbons, die ich mal gegessen habe“, hat Fabi gesagt. „Weißt du noch? Da konnte ich eine halbe Stunde nur mümmeln und nicht sprechen.“

„Das war ja nicht so schlimm, du redest ja sowieso meistens nur Quatsch“, habe ich gesagt.

Dann haben wir uns gehauen, bis Tante Erdmute gesagt hat, sie haut gleich mit! Sie haut uns nie, aber wenn sie sagt, sie haut gleich mit, heißt das trotzdem, dass wir aufhören müssen.

Wir haben uns wieder vertragen und probiert, wer höher in den Kirschbaum klettern kann, ohne dass der Ast abbricht. Es war dann der Ast von Fabi, der abbrach.

Also, an diesem ersten Ferientag kamen wir vom Fußballspielen nach Hause und waren von oben bis unten voll Dreck und hinterließen schwarze Fußspuren im Treppenhaus. Frau Steindröbel, die gerade ihren Müll rausbrachte, sagte: „Na, gut, dass eure Tante morgen dran ist mit Treppeputzen.“

Aber diese Treppe sollte nicht mehr geputzt werden, jedenfalls nicht am nächsten Tag und schon gar nicht von Tante Erdmute.

„Schuhe aus!“, hat Tante Erdmute gerufen, als sie uns in die Wohnung kommen hörte.

Wir haben die Schuhe ausgezogen und unsere Filzschuhe angezogen, die Tante Erdmute für jeden von uns mit seinem Namen bestickt hatte. Es ist ja eigentlich nichts für Jungs, Hausschuhe mit gestickten Vornamen anzuhaben, weil das uncool ist, aber unsere Freunde sehen es nicht, weil Tante Erdmute unsere Namen unter die Hausschuhe gestickt hat, unter die Sohle.

Tante Erdmute saß im Wohnzimmer in dem kleinen Ledersessel, den sie auf dem Flohmarkt gekauft hat. Sie hatte ihr schickstes rotes Kleid und ihre roten hochhackigen Schuhe an, und ihr Gesicht war auch ein bisschen rot, obwohl uns das erst später auffiel. Ich weiß noch, dass ich mich wunderte, dass sie mitten in der Woche ihr schönstes Kleid anhatte, aber sie konnte ja schließlich anziehen, was sie wollte, dachte ich.

Neben ihr auf dem kleinen Tisch, wo sonst ihr Kaffeebecher steht, lag ein prallvoller Leinenbeutel, auf dem stand: „Rettet unsere Erde“. Er war zugebunden, und Tante Erdmute legte immer wieder die Hand auf den Beutel.

Der Kaffeetisch war gedeckt, und es roch nach Haselnussleckerlis. Ich liebe Haselnussleckerlis. Tante Erdmute backt die oft für mich. Fabi ist allergisch gegen Haselnüsse, und deswegen ist er dann immer sauer. Aber am nächsten Tag macht sie Würstchen im Schlafrock extra für Fabi, und die mag ich nicht.

Fabi mag alles, deshalb ist er auch ziemlich dick. Schon immer, schon als er noch ganz klein war. Auf jedem Foto aus dieser Zeit nagt er mit dicken Backen an irgendeinem Brötchen. Eigentlich hat er ständig was im Mund, und wenn er nichts Richtiges isst, dann kaut er Kaugummi.

„Tante Erdmute, ich will Cola!“, hat Fabi gerufen, obwohl er genau weiß, dass es bei uns keine Cola gibt, es ist ein Spiel zwischen ihm und Tante Erdmute.

„Cola zerfrisst die Magenwände“, sagt Tante Erdmute dann immer und hebt den Zeigefinger, „und außerdem kaufe ich keine amerikanischen Produkte, man darf den amerikanischen Imperialismus …“

„… nicht auch noch unterstützen!“, ergänzt Fabi. Das ist seine Rolle, und dann kriegt er Limo, die er sowieso viel lieber mag als Cola.

Aber an diesem Tag hat Tante Erdmute das Spiel nicht mitgespielt. Das kam mir noch komischer vor als das rote Kleid.

„Hol dir aus dem Kühlschrank was zu trinken“, hat sie gesagt, und Fabi hat zuerst gedacht, er hätte sich verhört, und hat noch mal gesagt, dass er Cola will. Aber Tante Erdmute hat nur gesagt „Heute nicht“ und die Schleife von dem Leinenbeutel noch etwas fester zugezogen.

Fabi hat mir seinen Was-ist-denn-jetzt-los-Blick zugeworfen und sich Limo aus dem Kühlschrank geholt. Und dann habe ich gesagt, wie toll es ist, dass Tante Erdmute Haselnussleckerlis gebacken hat. Und Fabi hat gerufen, dass er dann morgen aber bestimmt Würstchen im Schlafrock will. Wir haben genau das gesagt, was wir immer sagen, wenn es Haselnussleckerlis gibt. Als könnten wir dadurch wieder alles normal machen. Denn es war nicht alles normal. Es war gar nichts normal. Es war alles so anders, dass ich spürte, wie sich mir die Härchen auf meinen Armen aufstellten. Dabei war ja eigentlich noch gar nichts passiert.

Es passierte erst wirklich etwas, als Tante Erdmute unter dem Beutel den Brief herauszog. „Okay“, sagte sie. „Einmal müsst ihr es ja doch wissen.“

Unheilvolle Tantenlieder, ein Leinenbeutel und kein Strumpf

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„Wir müssen nämlich weg“, hat Tante Erdmute gesagt.

„Wie, weg?“, hat Fabi gefragt.

„Weg“, hat Tante Erdmute wiederholt. „Weg aus der Wohnung. Unser Haus wird saniert. Steht hier in dem Brief. Und danach – wartet, ich lese es euch vor.“ Tante Erdmute glitt mit ihrem rot lackierten Fingernagel an den Zeilen entlang. „Dadam“, murmelte sie, „dadadadam – genau, hier: … haben Sie im Anschluss an die Sanierungsmaßnahmen die Möglichkeit, Ihre Wohnung als Eigentumswohnung zu erwerben.“

„Wie jetzt?“, fragte Fabi.

Ich war froh, dass er fragte, denn ich hatte es auch nicht so richtig verstanden.

Tante Erdmute sah den Brief an, als wäre er eine besonders schleimige Nacktschnecke. „Das heißt, sie machen die Wohnungen hier im Haus total neu und schick, und dann kann man sich seine frühere Wohnung kaufen.“

„Und was kostet das?“, fragte ich. Aber noch bevor Tante Erdmute geantwortet hatte, wusste ich, dass wir uns das niemals leisten konnten. Wir hatten ja so schon kaum genug Geld, um die Miete zu zahlen.

Tante Erdmute knüllte den Brief zusammen. „Zweihunderttausend Euro“, sagte sie. Ihre Stimme war dunkel und wütend. „Plus noch mal zweihunderttausend Euro für den Laden.“

„Vier-hundert-tausend Euro!“, rief ich erschrocken. „Das ist ja ein Riesenberg Geld! So viel Geld haben wir nie!“

Tante Erdmute zuckte die Achseln. „Haben wir auch nicht“, sagte sie. „Und deswegen werden sie uns kündigen.“

„Was?“, schrie Fabi empört. „Die haben ja wohl einen Knall in der Birne! Die können uns doch nicht einfach so kündigen! Und unser Garten? Und der Kirschbaum? Und Gunilla? Die will hier auch nicht weg!“

„Tja“, sagte Tante Erdmute schnippisch. Aber man merkte, dass sie mit dem schnippischen Ton die Sanierungsleute und nicht uns meinte. „Das können die schon. Im Prinzip. Aber nicht mit jemandem, der Erdmute heißt.

Erdmute, Erdmute,

die unsagbar Gute,

die eben noch ruhte,

die wird jetzt mal wach,

die steigt jetzt aufs Dach.

Ja, jetzt macht sie KRACH!“,

grölte Tante Erdmute so laut, dass die Blütenblätter der Rosen auf dem Tisch mit leisem „Plopp“ auf die Tischdecke fielen.

Fabi bekam sofort seinen panischen Gesichtsausdruck. Wenn Tante Erdmute besonders laut singt, verheißt das nichts Gutes, das habe ich ja schon gesagt. Aber so unbehaglich wie jetzt war auch mir noch nie bei einem Lied von ihr geworden. Ich bekam ganz graue Laune. Tante Erdmute merkte es nicht.

„Und so“, fuhr sie fort, „habe ich meine Maßnahmen getroffen. Vielleicht war das ja ein Wink des Schicksals.“

Tante Erdmute streichelte den Leinenbeutel, als wäre er ein ungewöhnlich niedlicher Kater. Fast wartete ich darauf, dass er anfing zu schnurren. Mir wurde noch unbehaglicher zumute.

„Was denn für Maßnahmen?“, fragte ich nervös.

„Zuerst“, sagte Tante Erdmute, „noch ein Lied. Das klärt die Gedanken und macht rosa Laune.“

Sie sprang auf, warf die Haare aus dem Gesicht und sang:

„Das neue Gemäuer,

das ist viel zu teuer,

wie soll ich das zahlen?

Was sind das für Qualen!“

Die Fensterscheiben klirrten.

„Das ist aber kein Lied, das rosa Laune macht“, sagte ich. Ich merkte, dass meine Stimme ganz klein geworden war.

„Mir schon!“, rief Tante Erdmute und klackerte mit ihren hohen Hacken einen wilden Wirbel aufs Parkett. „Dunkelrosa Laune! Lila Laune!“

„D-d-du könntest ja trotzdem einfach ein anderes Lied singen“, stotterte Fabi. Sein Blick war panischer denn je. „Zum B-B-B-Beispiel eins über Ka-Ka-Ka-Karamellbonbons!“

„Karamellbonbons!“, schnaubte Tante Erdmute. „Diese Situation erfordert keine Karamellbonbonlieder!“

Tante Erdmute machte einen Tanzschritt zur Seite und stieß die Stehlampe um. Wir zuckten zusammen.

Fabi trank hastig einen großen Schluck Limo. „Vielleicht – ähhh – vielleicht – vielleicht könnten wir Gunilla Kunststücke beibringen und mit ihr im Zirkus auftreten“, schlug er vor. Seine Stimme zitterte etwas. „Gunilla und die zwei Zwillinge. Wir können uns ja ganz gleich anziehen, Jonas und ich, und Gunilla …“

„Wie stellst du dir das vor“, rief Tante Erdmute, „soll sie vielleicht durch einen brennenden Reifen springen? Nein, dieses Problem muss an der Wurzel gepackt werden. Ich war ja schon ganz gelb und säuerlich vor Sorge!

Ich sah schon ganz krank aus,

jetzt raub ich die Bank aus!“

Tante Erdmute machte noch einen Tanzschritt, riss die umgefallene Stehlampe an sich und wirbelte mit ihr durchs Zimmer. Fabis Mund stand so weit offen, dass man bequem ein Haselnussleckerli hätte reinwerfen können. Meine Laune wechselte von grau zu tiefschwarz. Tante Erdmute stellte die Stehlampe mit einem Ruck wieder hin, zupfte ihr Kleid zurecht und sang weiter.

„Das ist zwar nicht fein, nein, nein,

jedoch es muss sein!“

In meinem Magen grummelte es wie vor einem Gewitter. „D-d-d-das machst du aber nicht wirklich, oder, Tante Erdmute?“

Tante Erdmute blieb stehen und schaute uns an. „Nein“, sagte sie. „Das mache ich nicht. Aus dem einfachen Grund nämlich, weil ich es schon gemacht habe.“

Sie knotete die Henkel des Leinenbeutels auf. Ihre rechte Hand verschwand in dem Beutel. Als sie wieder auftauchte, war sie voller Geldscheine. Tante Erdmute warf sich in ihren Sessel, schwang die Beine über die Armlehne, hielt sich die Hand über den Kopf und ließ die Geldscheine auf sich herunterregnen.

„So“, sagte sie entschieden. „Jetzt haben wir Geld.“

Mein Magen hob sich, bis er fast aus meiner Kehle sprang. Dann sauste er nach unten wie ein kaputter Fahrstuhl und schlug mit einem Klatsch irgendwo in mir auf.

„Ein Bankraub!“, jammerte Fabi. „Wenn das rauskommt!“

Er rannte zum Fenster und ratschte die Vorhänge vor. Ich sprintete in den Flur und checkte, ob wir die Korridortür ordentlich zugemacht hatten. Ja, sie war zu – Frau Steindröbel konnte nicht unerwartet in die Wohnung kommen.

„Tante Erdmute!“, flüsterte ich. „Du hast – hast du – du hast wirklich eine Bank ausgeraubt?!“

Tante Erdmute nickte.

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