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Die besten Ärzte 5 - Sammelband

Katrin Kastell, Liz Klessinger, Stefan Frank, Ina Ritter, Karin Graf

Die besten Ärzte 5 - Sammelband

Inhalt

Katrin Kastell
Dr. Holl - Folge 1770
Dr. Christian Knauer glaubt, schier verrückt zu werden, als seine geliebte Frau Evelin und seine kleine Tochter Lisa bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglücken. Er weiß nicht, wie er mit diesem entsetzlichen Verlust weiterleben soll.
Der Chirurg, der vor einem tiefen Abgrund der Trauer, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung steht, wahrt nach außen hin den Schein, doch in seinem Inneren spürt er nichts als Leere. Das Angebot von Dr. Holl, ihn vorerst zu beurlauben, lehnt er ab und stürzt sich wie ein Besessener in die Arbeit.
Mit einem gefährlichen Medikamentencocktail versucht Christian, der seiner Trauer hilflos ausgesetzt ist, Erschöpfung, Schlaflosigkeit und Schmerzen zu bekämpfen. Doch der Tag, an dem er seine Sucht nicht mehr kontrollieren kann, ist nicht mehr fern ...


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Liz Klessinger
Notärztin Andrea Bergen - Folge 1249
Seit Tagen schon wacht Tobias Imhof bei seiner Frau und seinem kleinen Sohn, die nach ihrer Meningokokken-Infektion ins künstliche Koma versetzt worden sind. Nichts erinnert mehr an die vitale, lebensfrohe Maren, und auch der vier Monate alte Leon ist nicht wiederzuerkennen: Seine runden Pausbäckchen sind eingefallen, die rosige Babyhaut ist blass und blau geädert. Zischend hebt und senkt sich Leons schmale Brust unter den Stößen des Beatmungsgerätes, und der Anblick des hilflosen Säuglings treibt Tobias heiße Tränen in die Augen.

Nein, er will und kann nicht glauben, dass er Leon und Maren jeden Moment zu verlieren droht! Doch die Ärzte des Elisabeth-Krankenhauses haben ihn längst auf das Schlimmste vorbereitet. In diesen Schicksalsstunden, in denen Tobias zu verzweifeln droht, wächst mit einem Mal in ihm ein Hoffnungsschimmer, und gegen jede Vernunft schließt er einen Handel mit Gott und allen Engeln, um die zu retten, die er liebt...


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Stefan Frank
Dr. Stefan Frank - Folge 2203
Um Anna zu retten, riskiert Christian sein Leben - und findet die Liebe.

Wie schön sie doch ist, denkt Christian ein ums andere Mal, wenn er Josefine begegnet. Ihre beiden Töchter Anna und Lilli gehen in denselben Kindergarten wie sein Sohn Daniel, und so laufen sich die beiden fast täglich über den Weg. Leider wechseln sie bisher nicht mehr als ein paar höfliche Worte miteinander.

Doch dann unternimmt der Kindergarten eines Tages einen Ausflug in den Münchner Tierpark Hellabrunn, und Christian und Josefine unterstützen die Erzieherin. Es wird ein vergnüglicher Tag für alle Beteiligen - bis Josefines Tochter Anna in das Elefantengehege klettert. Irritiert betrachten die Dickhäuter das kleine Mädchen. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, denkt Christian und überwindet ebenfalls den Sicherheitszaun. Aber kaum hat er das Mädchen über den Zaun gehoben, fühlt er einen heftigen Schmerz, und dann wird es schwarz um ihn herum ...


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Ina Ritter
Dr. Karsten Fabian - Folge 146
Es ist ein Sommer, den der junge Polizist Holger Gebel wohl nie vergessen wird. Um endlich einmal von dem Stress in seinem Job abschalten zu können, fährt er für ein paar Wochen aufs Land und macht Urlaub in dem idyllischen Heidedorf Altenhagen. Dort lernt er die faszinierendste Frau seines Lebens kennen.

Für Holger ist es Liebe auf den ersten Blick, und er versucht alles, um Annelie Rehahn für sich zu gewinnen. Aber ihr Vater steht zwischen ihnen. Von Anfang an mag er Holger nicht, und irgendwann erfährt der junge Mann auch den Grund ...


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Karin Graf
Der Notarzt - Folge 252
Aufgeregt kehrt die Schülerin Emma Thalmann aus den Reiterferien zurück. Sie brennt darauf, ihr neues Brüderchen kennenzulernen. Doch als Tobias Tahlmann seine Tochter vom Bahnhof abholt, ist der sonst so liebevolle Vater eigenartig wortkarg, und Emmas Fragen über das Baby weicht er aus.
Zu Hause angekommen, erkennt Emma, dass während ihrer Abwesenheit irgendetwas Schreckliches passiert sein muss: Das neue Babyzimmer ist leer, ihre Mutter scheint spurlos verschwunden zu sein, und der Vater versinkt in Schweigen. Emma weiß vor Sorge nicht mehr ein noch aus. Was ist hier nur passiert? Weshalb redet niemand mit ihr?

In den nächsten Tagen bemerkt Tobias Thalmann nicht einmal, dass seine Tochter nichts mehr isst. Ihr Magen ist wie zugeschnürt, und das früher so sportliche Mädchen magert rapide ab. Dann bricht Emma in der Schule zusammen und wird bewusstlos in die Notaufnahme eingeliefert.

Doch nicht nur Dr. Kersten will der jungen Emma helfen: Um Emma dabei zu unterstützen, ihre Essstörung in den Griff zu bekommen, fasst seine Freundin Lea einen ungewöhnlichen Plan ...


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Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Sich selbst konnte er nicht helfen
  4. Vorschau

Sich selbst konnte er nicht helfen

Roman um eine äußerst mutige Entscheidung

Von Katrin Kastell

Dr. Christian Knauer glaubt, schier verrückt zu werden, als seine geliebte Frau Evelin und seine kleine Tochter Lisa bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglücken. Er weiß nicht, wie er mit diesem entsetzlichen Verlust weiterleben soll.

Der Chirurg, der vor einem tiefen Abgrund der Trauer, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung steht, wahrt nach außen hin den Schein, doch in seinem Inneren spürt er nichts als Leere. Das Angebot von Dr. Holl, ihn vorerst zu beurlauben, lehnt er ab und stürzt sich wie ein Besessener in die Arbeit.

Mit einem gefährlichen Medikamentencocktail versucht Christian, der seiner Trauer hilflos ausgesetzt ist, Erschöpfung, Schlaflosigkeit und Schmerzen zu bekämpfen. Doch der Tag, an dem er seine Sucht nicht mehr kontrollieren kann, ist nicht mehr fern …

„So ein Pech, dass mein Auto ausgerechnet jetzt streikt und in die Werkstatt muss. Ich wäre übers Wochenende so gerne mit Lisa zu meinen Eltern gefahren. Du hast Dienst. Da bekommen wir dich ohnehin kaum zu Gesicht. Bei dem Wetter ist es am Chiemsee einfach herrlich. Schade!“ Evelin Knauer kam aus dem Badezimmer. Sie hatte sich für die Nacht gerichtet und cremte sich nur noch die Hände ein, bevor sie ins Bett ging.

„Bin ich sehr schlimm? Ich vernachlässige euch und denke nur an meine Patienten und meine Karriere.“ Dr. Christian Knauer saß am Bettrand und sah ihr dabei zu.

Sie war so schön! Er liebte seine Frau und seine Tochter über alles, aber als talentierter Chirurg wurde er von seiner Arbeit förmlich verschlungen. Die Zeit raste an ihm vorbei, ohne dass er zu dem kam, was ihm wirklich wichtig war. Seine Familie kam zu kurz.

„Du bist ein Desaster, mein Herz, aber du hast mir nie etwas anderes versprochen.“ Evelin ging zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Nasenspitze.

„Manchmal finde ich es nur sehr schade für dich, wie viel dir entgeht. All die scheinbar kleinen Entwicklungsschritte von Lisa. Jetzt ist sie schon zwei Jahre alt. Ihre ersten Worte, ihre ersten Schritte – du hast alles versäumt. Ich wünschte, du würdest mehr von ihr mitbekommen, denn sie wird schneller erwachsen sein, als uns lieb ist. Aber du bist Arzt mit Leib und Seele und dazu auch noch ehrgeizig. Das wusste ich, als ich dich geheiratet habe.“

„Womit habe ich dich verdient?“ Dankbar zog Christian seine Frau an sich und streichelte ihren Rücken, während er sein Gesicht in ihr Seidennegligee vergrub.

„Keine Ahnung!“ Sie lachte und räkelte sich genussvoll in seinen Armen. „Schön! Nicht aufhören!“

„Nicht einmal, wenn du darum flehen würdest.“ Er zog sie auf seinen Schoß und küsste und liebkoste sie mit wachsender Leidenschaft. Sie liebten sich.

„Ich habe eine Idee“, sagte er, als sie hinterher entspannt nebeneinander lagen. „Morgen Nachmittag habe ich keine Operation auf dem Plan und könnte früher gehen. Soll ich meine beiden Damen an den Chiemsee fahren? Leider kann ich nicht über Nacht bleiben, weil ich am Samstagmorgen schon recht früh in der Berling-Klinik sein muss. Ein kleiner Familienausflug wäre es trotzdem“, schlug Christian vor.

„Das wäre herrlich, Chris, aber ich muss am Sonntag pünktlich zurück. Lisa soll am Montag ausgeschlafen sein, sonst dauert es morgens eine Ewigkeit mit ihr und sie wird einfach nicht wach. Im Kindergarten hat sie sich toll eingewöhnt. Ist sie erst einmal mit den anderen Kindern zusammen, will sie nichts mehr von mir wissen. Das morgendliche Aufstehen zu einer bestimmten Zeit bereitet ihr dagegen noch Schwierigkeiten.“

„Kannst du sie nicht ein paar Minuten später bringen? Die sollen sich nicht so anstellen!“

„Hallo!“ Evelin klopfte mit den Knöcheln leicht gegen seine Stirn.

Verständnislos sah er sie an.

„Mein Mann! Am Montag habe ich das Vorstellungsgespräch, von dem ich dir seit zwei Wochen ständig erzähle. Danke fürs Zuhören!“

„Entschuldige!“ Er war das personifizierte schlechte Gewissen.

Lachend winkte sie ab. Evelin war es gewohnt, dass ihr Mann recht wenig von ihrem Leben mitbekam. Sie war selbstbewusst und unabhängig und kam damit klar.

„Am Sonntag habe ich bis vierzehn Uhr Dienst. Dann kann ich gleich los. Reicht das noch?“, fragte er ein wenig kleinlaut. Wie hatte er den Termin nur vergessen können, der ihr so wichtig war! Sie wollte nach der Kinderpause in einer neuen Kanzlei einsteigen und als Anwältin arbeiten. Ein Leben am Herd war nichts für sie.

Evelin überlegte kurz und nickte dann.

„Lisa wird begeistert sein. Mit dem Papa Auto fahren, das ist das Größte für sie. Bei mir mosert sie herum und langweilt sich, aber wenn du am Steuer sitzt, plappert sie die ganze Zeit und ist zufrieden.“

Christian wäre am Freitag gerne bei seiner Familie am Chiemsee geblieben, aber er hätte mitten in der Nacht aufbrechen müssen, um am anderen Morgen rechtzeitig in der Klinik zu sein.

„Bis Sonntag!“, verabschiedete er sich daher am Abend mit einem Kuss von Evelin und vielen kleinen Küsschen von Lisa, die den Papa nicht gehen lassen wollte. Sie winkten ihm, bis er sie im Rückspiegel nicht mehr sehen konnte.

Der Dienst am Samstag verlief recht ruhig. Bei einer Patientin, die am Freitag operiert worden war, setzten Blutungen ein, und Christian musste sie noch einmal aufmachen. Zwei Unfallopfer mussten chirurgisch versorgt werden. Anschließend konnte der Chirurg sich endlich einmal an seine Patientenblätter setzen und seinen Papierkram aufarbeiten, zu dem er ansonsten nicht kam. Zuhause erwartete ihn niemand, und das nutzte er.

Der Sonntag begann ähnlich ruhig, aber dann verwandelte sich die Chirurgische Abteilung der Berling-Klinik in das reinste Tollhaus. Die Hitze der vergangenen Tage entlud sich in einem heftigen Sommergewitter mit starken Regenfällen. Es kam zu einer Vielzahl von Verkehrsunfällen. Spaziergänger wurden von umgestürzten Bäumen getroffen.

Nicht nur der Bereitschaftsdienst musste gerufen werden. Die Pipernummer jedes Chirurgen und Anästhesisten der Klinik wurde angewählt. Wer sich in München aufhielt, eilte an die Berling-Klinik, um zu helfen. Es war ein absoluter Notfall, und jede Hand wurde gebraucht.

Dr. Christian Knauer und seine Kollegen operierten wie am Fließband. Als die Patientenflut abebbte, wurde sich der Chirurg erst wieder der Zeit bewusst. Entsetzt starrte er auf die Wanduhr im Operationssaal. Es war kurz nach achtzehn Uhr. Er hätte längst am Chiemsee sein müssen und auf der Rückfahrt nach München mit Frau und Kind.

Evelin war eine ungewöhnlich verständnisvolle Gefährtin und verlangte nie etwas von ihm, was er nicht leisten konnte. Christian wusste, wie wichtig ihr das Vorstellungsgespräch war. Sein Gewissen war rabenschwarz.

„Hat meine Frau angerufen?“, fragte er eine der OP-Schwestern.

„Ja, Dr. Knauer. Sie wollte nicht, dass ich Sie während der Operation störe. Ich soll Ihnen ausrichten, dass Ihr Schwiegervater einspringt“, informierte sie ihn. „Sie sollen sich keinen Kopf machen. Alles ist gut!“

Christian dankte ihr und lächelte gequält. Nichts war gut. Er fühlte sich wie ein Versager. Wieder hatte er Evelin enttäuscht. Er hatte sie nicht einmal angerufen, um ihr zu sagen, dass er nicht pünktlich da sein konnte. Es war unverzeihlich – wie so oft.

„Was für eine Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Kein Toter! Es ist einer der guten Tage. Wir haben gewonnen – für heute.“ Dr. Sarah Meister war eine Kollegin, mit der Christian befreundet war. Sie hatte ihren freien Sonntag für den Notfall geopfert und beschloss, gleich an der Klinik zu bleiben, denn in ein paar Stunden musste sie ohnehin zurück sein. Sie hatte Nachtdienst.

„Ich sollte Evelin und Lisa am Chiemsee abholen“, antwortete er niedergeschlagen. „Die spitzen Bemerkungen meines Schwiegervaters höre ich jetzt schon. Er fährt nicht mehr so gerne Auto und musste für mich einspringen. Irgendwann gibt mir Evelin den Laufpass. Dann bin ich ein Geschiedener mehr im Heer der geschiedenen Ärzte. Verdammt! Ich mache alles falsch, und dabei sehe ich doch theoretisch, auf was es ankommt!“

„Grau ist alle Theorie …“, spöttelte sie.

„Sarah, mir ist nicht nach Lachen zumute!“, beschwerte er sich.

„Sei nicht so hart mit dir! Es war ein Notfall“, meinte sie gelassen. „Außerdem ist Evelin ein Engel. Sie verzeiht dir. Tut sie doch immer.“

„Danke! Da geht es mir gleich viel besser“, brummte Christian.

„Ich weiß eben, wie man dich tröstet. Falls es zur Scheidung kommt, musst du mir unbedingt vorher noch Evelins Rezept für diesen traumhaften Nusskuchen besorgen!“

„Wer dich zur Freundin hat, kann auf Feinde verzichten“, schimpfte er, musste aber lachen. Er mochte ihren trockenen Humor.

„Wie machst du das? Wie bekommst du es hin, dass Leo nicht zu kurz kommt?“, fragte er.

„Offensichtlich gar nicht. Leo hat sich vor drei Monaten von mir getrennt“, erwiderte sie knapp.

„Wirklich? Nein, du machst Scherze!“ Er konnte es nicht glauben. Sarah und Leo hatten einen durch und durch glücklichen Eindruck auf ihn gemacht, als er sie das letzte Mal zusammen gesehen hatte. Das lag doch noch nicht so lange zurück.

„Leider nein. Leo hat andere Zukunftsvorstellungen. Da passe ich nicht hinein. Er möchte eine Frau und Kinder, und in seiner Version ist er derjenige, der abends lange arbeitet, und die Frau hütet Kinder und Haus. Mit meinen Arbeitszeiten kam er nicht klar.“

Sie seufzte. „Er fühlte sich vernachlässigt und bescheinigte mir, dass ich unweiblich sei. Jawohl! Ich bin eine Mogelpackung – außen Frau und innen Arbeitstier. Er hat die Konsequenzen aus seiner tiefenpsychologischen Erkenntnis gezogen und mir den Laufpass gegeben“, erzählte sie mit einem Anflug von Bitterkeit.

„Das tut mir leid!“

„Und mir erst! Für eine Weile dachte ich tatsächlich, er wäre der Richtige. Na ja, da war eindeutig mein Sehnen Vater der Wahrnehmung. Du hast mit Evelin einen Glücksgriff gelandet, Christian. Es gibt nicht viele, die so sind wie sie.“

„Ich weiß. Deshalb möchte ich es unter keinen Umständen vermasseln. Mit solchen Aktionen wie heute mache ich meine Ehe auf Dauer kaputt. Da muss sich etwas ändern, aber ich habe keine Ahnung, wie ich zurückschrauben soll. Wenn ich Chefarzt der Chirurgischen Abteilung werden möchte, muss ich weiter so ackern.“

„Du kannst dich nur bemühen, immer wieder irgendwie den Balanceakt hinzubekommen. Evelin wird das verstehen!“

„Ja, natürlich, aber wie lange? Es hilft alles nichts, ich fahre jetzt heim und trete meinen Bußgang nach Canossa an. Evelin mag mir verzeihen, ihr Vater tut es gewiss nicht. Er findet, seine Tochter hat etwas Besseres verdient als mich. Das Schlimme ist: Er hat recht!“

„Hat er nicht. Und jetzt sei ein Mann, fahr heim und zeige dich reumütig und bußfertig! Du machst das schon! Du bist ein Gewinner. Am Ende fallen dir immer alle Asse im Spiel zu.“

„Schön wäre es, aber danke für dein Vertrauen!“

***

Christian wunderte sich, dass der Mercedes seines Schwiegervaters nicht in der Einfahrt parkte. Der alte Herr war doch nicht etwa gleich wieder an den Chiemsee zurückgefahren? So viel Glück konnte ein Mensch nicht haben. Nein, der Herr Oberstudienrat würde sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, dem missratenen Schwiegersohn die Leviten zu lesen.

„Evelin?“, rief Christian, als er die Villa betrat.

Es blieb still, und Lisas glucksendes Kinderlachen erklang nicht wie sonst, wenn er nach Hause kam. In der Villa war es entsetzlich still. Konnten sie noch unterwegs sein? Sie waren doch schon vor Stunden losgefahren, wenn er die Krankenschwester richtig verstanden hatte.

Christian ging unruhig durch die Villa, als ob er seine Frau und sein Kind in einem der Räume finden müsste, aber sie waren nicht da. In der Küche machte er sich eine Tasse Kaffee und setzte sich an die Theke, an der Evelin und er immer frühstückten. Er versuchte, sich zu beruhigen, aber es gelang ihm nicht.

Sobald er etwas hörte, das auch nur entfernt nach einem Auto in der Einfahrt klang, sprang er auf und eilte zum Fenster. Wo blieben sie denn nur? So lange konnten sie einfach nicht für die Strecke brauchen. Es ging auf zwanzig Uhr zu. Standen sie im Stau?

Durch das Gewitter und die vielen Unfälle war die Autobahn vielleicht noch verstopft oder sogar gesperrt. Der Gedanke beruhigte ihn ein wenig. So musste es sein. Er schaltete das Radio ein, aber es kam keine Staumeldung. Seltsam!

Nach dem Gewitter waren die Temperaturen kaum gesunken, und es herrschte eine hohe Luftfeuchtigkeit. Christian hielt es im Haus nicht mehr aus und wollte von der Terrasse aus bei seinen Schwiegereltern anrufen. Bestimmt war es zu einer Planänderung gekommen. Er ging mit dem Handy hinaus auf die Terrasse, aber die unerträgliche Schwüle jagte ihn ins Haus zurück. Da draußen fühlte es sich an wie in einem Dampfkessel.

Hatte Evelin sich dafür entschieden, mit Lisa bei ihren Eltern zu übernachten? Bei so einem Wetter war es kein Vergnügen, mit einem Kind auf der Autobahn unterwegs zu sein trotz Klimaanlage. Wollte sie die Kleine vielleicht für ein paar Tage am Chiemsee lassen? Dann könnte sie am Morgen in aller Ruhe zu ihrem Vorstellungstermin fahren.

Möglich war es, aber warum hatte sie nicht angerufen? Sie wusste, dass er sich Sorgen machte, wenn sie nicht kamen. So etwas war nicht ihre Art. Christian merkte, wie etwas ihm die Kehle zuschnürte. Er hatte Angst. Als Chirurg erlebte er tagtäglich, wie das Schicksal bei den Menschen zuschlug.

Er konnte wie viele andere Ärzte auch nur damit umgehen, indem er das Gesehene nicht auf sein eigenes Leben übertrug. Doch der Damm, den er zwischen sich und der Unberechenbarkeit des Lebens errichtet hatte, war brüchig. Sein Schwiegervater war kein guter Fahrer. Was war, wenn …

„Halt! Unsinn! Nichts ist passiert! Alles ist in Ordnung!“, wies er sich zurecht.

Schließlich konnte er sich nicht mehr beherrschen und rief doch bei seinen Schwiegereltern an. Es schaltete sich nur der Anrufbeantworter ein. Evelins Smartphone war noch immer ausgeschaltet. Es war zum Verrücktwerden! Wo steckten sie nur? Am liebsten wäre Christian ihnen entgegengefahren, aber dabei hätten sie sich mit Gewissheit verpasst. Nein, er musste Geduld haben und warten.

Im Abstand von fünf Minuten wählte er die beiden Telefonnummern, aber niemand nahm ab. Gegen einundzwanzig Uhr klingelte es an der Tür, und er flog förmlich hin, weil er annahm, dass sie endlich angekommen waren. Zwei Polizeibeamte standen vor ihm. Ihre Mienen waren ernst.

Christian kannte diese Mienen und wusste genau, was sie bedeuteten. Als Chirurg musste er immer wieder Angehörigen mitteilen, wenn die Patienten es nicht geschafft hatten und auf dem Operationstisch geblieben waren. Er kannte sie alle, die vorsichtigen Formulierungen, mit denen man das Unerträgliche auf eine Weise ausdrücken wollte, die es erträglich machte. Der Versuch war sinnlos. Nichts machte Tod und Verlust erträglich.

„Herr Dr. Knauer, wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Frau einen schweren Unfall hatte. Sie ist in einen Ausläufer des Gewitters geraten und hat die Kontrolle über den Wagen verloren. Der Wagen hat sich mehrfach überschlagen und wurde …“

Christian hörte die Worte nicht mehr. Er sah nur den Mund des Beamten, der sich öffnete und schloss, öffnete und schloss, und der sein Urteil sprach. Evelin und Lisa mussten am Leben sein! Sie mussten leben! Solange sie noch lebten, konnte er sie retten. Oh ja, mochte Gott tun, was er wollte, er würde seine Familie nicht sterben lassen. Sie mussten leben!

„Ihre Frau und Ihre Tochter sind noch am Unfallort gestorben. Die Rettungshelfer konnten leider nichts mehr für sie tun“, schloss der Polizist.

Tod auf Lebenszeit – das war sein Schuldspruch. Christian bekam keine Luft mehr, und durch seinen Brustkorb fuhr ein stechender Schmerz. Mit einem tiefen Stöhnen sackte er bewusstlos in sich zusammen.

Sarah Meister saß an seinem Bett und hatte seine Hand in der ihren, als er zu sich kam. Das Mitgefühl in ihren Augen brachte die Erinnerung an das Unvorstellbare umgehend zurück. Er wollte schreien, sich wehren, wüten, weinen. Er wollte nicht wehrlos in diesem Bett liegen, aber es war, als ob alles in ihm gestorben wäre.

„Chris, es tut mir so leid!“, sagte sie hilflos.

Er schluckte. „Hatte ich einen Herzinfarkt?“

„Das EKG ist wieder normal. Es war eine Panikattacke. Wir haben dir etwas zur Beruhigung gegeben, und du wirst zur Beobachtung über Nacht auf der Wachstation bleiben, damit wir dich auf dem Monitor haben“, informierte sie ihn.

„Nein! Ich fahre nach Hause!“ Ihm schwindelte, als er sich im Bett aufrichtete, aber davon ließ er sich nicht aufhalten.

„Chris, sei vernünftig! Du warst fast eine Stunde lang ohne Bewusstsein und …“

„Ich fahre jetzt nach Hause. Wenn du es wünschst, unterschreibe ich dir, dass ich mich auf eigene Verantwortung entlassen habe“, erwiderte er kalt.

Sarah musterte ihn prüfend. „Es war nicht deine Schuld.“

Abwehrend hob er die Hände. Er konnte nicht darüber reden – nicht jetzt und vermutlich nie. Es war seine Schuld, ganz alleine seine Schuld, und das wusste Sarah so gut wie er selbst. Er hätte den OP-Saal pünktlich verlassen und zu seiner Familie fahren müssen.

„Weißt du, ob meine Schwiegereltern es geschafft haben?“, fragte er mit rauer Stimme.

Verwirrt sah Sarah ihn an, dann verstand sie. „Evelin saß am Steuer. Sie hat sich den Wagen geliehen und ist selbst gefahren. Deine Schwiegereltern waren nicht dabei. Die Polizei konnte sie bisher nicht erreichen. Es ist Sonntagabend – ich nehme an, sie sind irgendwo eingeladen.“

Christian war erleichtert. Die beiden ihm liebsten Menschen der Welt lasteten auf seinem Gewissen. Er glaubte, kein Gramm Schuld mehr verkraften zu können.

„Chris, du stehst unter Schock und solltest jetzt nicht …“

„Falls ich ein Formular für dich unterschreiben soll, tue ich das. Ansonsten rufe ich mir jetzt ein Taxi.“ Er stand auf und verließ mit schweren, schleppenden Schritten die Notaufnahme.

Sarah hielt ihn nicht auf und sah ihm nur traurig nach. Wie sollte er mit diesem Schicksalsschlag fertig werden? Evelin und Lisa waren das warme Zentrum seines Lebens gewesen. Sarah wollte alles tun, um für ihn da zu sein und ihm zu helfen, aber sie ahnte, dass er sich nicht helfen lassen würde.

Diesmal war Christian auf die lauernde Totenstille in der Villa vorbereitet. Er wusste, dass Lachen und Leben für immer in diesen Räumen verklungen waren. Er hatte sein Glück nicht fest genug in den Händen gehalten, hatte es nicht mit der gebührenden Sorgfalt und Fürsorge gehütet. Nun war es ihm genommen worden. Schmerz und Trauer zerrissen ihn, und doch nahm er die Strafe an.

Er hatte es nicht besser verdient. Er hatte seine Frau und sein Kind umgebracht. Hätte er am Steuer gesessen, wäre nichts passiert. Er war ein souveräner Fahrer. Und selbst wenn der Unfall unvermeidlich gewesen wäre, hätte er dann mit seinen Lieben sterben dürfen. So aber blieb er allein zurück. Das Überleben war seine Strafe.

Seine Schwiegereltern kamen von einer heiteren Abendgesellschaft zurück, und seine Schwiegermutter lachte in den Hörer, als sie die vertraute Nummer auf dem Display erkannte.

„Schläft die Prinzessin? Engelchen, ich drücke dir für morgen die Daumen. Die wären doch dumm, wenn sie dich nicht nehmen würden! Du bist die Beste!“

Christian musste sich beherrschen, um nicht wortlos aufzulegen. Er rang qualvoll nach Atem und suchte seinen Mut.

„Evelin? Schatz? Ist alles in Ordnung?“

„Ich bin es, Martha“, meldete sich Christian und sprach das Unaussprechliche das erste Mal laut aus.

„Nein!“, schluchzte sie, und dann fiel ihr der Hörer aus der Hand.

Christian hörte, wie sein Schwiegervater erschrocken zu ihr eilte und herauszubekommen versuchte, was geschehen war.

Christian legte auf. Er konnte ihnen nicht helfen.

***

Dr. Christian Knauer beerdigte Frau und Kind. Seiner Umwelt zeigte er ein ruhiges, sachliches Gesicht. Es schien fast so, als handelte es sich um eine unliebsame Pflicht, der er sich leider nicht entziehen konnte, bevor der Alltag weiterging, als ob nichts gewesen wäre. Was er fühlte, war tief in ihm verborgen.

„Meine Tochter hat dich geliebt und wollte mit dir ihr Leben verbringen. Als Vater war das alles, was für mich zählte“, sagte sein Schwiegervater, als er sich nach der Beerdigung am Grab von ihm verabschiedete.

„Für mich bist du einer dieser kaltherzigen Karriereärzte, von denen man lieber nicht behandelt werden möchte. Du hast kein Herz und keine Wärme. Als Vater habe ich meine Tochter in allem unterstützt, was sie sich wünschte. Nach ihrem Tod fühle ich mich dir nicht länger verpflichtet. Ich wünsche dir nichts Schlechtes, aber ich möchte nichts mehr mit dir zu tun haben. Lebe wohl!“

Martha Pflug zuckte bei den Worten ihres Mannes zusammen.

„Erich, das kannst du nicht machen. Christian hat Evelin und Lisa genauso verloren wie wir, und wir sind eine Familie. Du kannst …“

Wortlos ließ ihr Mann sie stehen und ging zu seinem Wagen, um dort auf sie zu warten.

„Der Kummer macht ihn hart und ungerecht, Christian. Es wird ihm bald leidtun, was er gerade zu dir gesagt hat. Bitte, verzeih ihm! Wir bleiben in Kontakt.“

Mutter und Tochter waren sich immer sehr ähnlich gewesen, und Christian hatte das Gefühl, Evelin würde zu ihm sprechen. Für einen Moment zuckte etwas in ihm, und er war nahe daran, sich zu öffnen und den Eispanzer aus Selbsthass und Schuldgefühlen zu brechen. Er wollte um seine Lieben weinen, aber es ging nicht. Selbst diese Erleichterung hatte er nicht verdient.

„Ich hätte am Steuer sitzen müssen. Evelin und Lisa sind tot, weil mir meine Arbeit wichtiger war. Erich hat guten Grund, mich zu hassen. Du solltest es auch tun“, sagte er und ertrug es kaum, ihrem kummervollen Blick standzuhalten, in dem kein Vorwurf lag, nur Schmerz.

„Evelin war eine gute Fahrerin und kein Kind. Sie brauchte keinen Chauffeur und war nur enttäuscht, weil sie sich auf die gemeinsame Fahrt mit dir gefreut hatte. Nachdem sie in der Klinik angerufen hatte und wusste, dass es sich um einen ernsten Notfall handelte, ließ sie nichts auf dich kommen“, erzählte sie ihm von den letzten, kostbaren Momenten, die sie mit ihrer Tochter verbracht hatte.

Christian ist Arzt und rettet genau jetzt Menschenleben. Willst du ihm das zum Vorwurf machen? Das hat sie zu ihrem Vater gesagt, bevor sie losgefahren ist. Belaste dich nicht mit falschen Schuldgefühlen! Trauere um deine Frau und dein Kind! Sie haben dich beide über alles geliebt“, versuchte Martha ihren Schwiegersohn zu trösten.

Christian hörte die Worte, aber er konnte sie nicht annehmen. Sein Herz verschloss sich wieder, und die Miene wurde ausdruckslos und leer. Martha Pflug sah, dass sie nichts ausrichten konnte. Traurig ging sie zu ihrem Mann. Sie konnte nur hoffen, dass es einen Menschen gab, der Christian erreichte und ihm dabei half, nicht an diesem Schmerz zu zerbrechen.

Scheinbar unbeteiligt nahm Christian die Beileidsbekundungen der Trauergäste entgegen. Ihre Anteilnahme berührte ihn nicht. Alle Gefühle waren in ihm erloschen. Er spürte nichts mehr. Da waren nur Leere, Kälte und ein schwarzer Abgrund, der über ihm zusammengeschlagen war. Es gab keinen Ausgang, und das wollte Christian auch nicht. Von nun an hatte sein Leben verloren in diesem Abgrund stattzufinden. Alles andere wäre ungerecht gewesen.

„Dr. Knauer, alle in der Berling-Klinik sind erschüttert. Wenn wir etwas tun können, dann sagen Sie es uns!“, bat Dr. Stefan Holl ihn, der Leiter der Klinik, der die Zusammenarbeit mit dem begabten Chirurgen sehr schätzte.

Der Chefarzt war gemeinsam mit seiner Frau Julia zu der Beerdigung gekommen, um seine Anteilnahme auszudrücken. Er kannte Evelin Knauer von einigen persönlichen Einladungen her und hatte ihre herzliche, heitere Art sehr gemocht.

„Danke, dass Sie gekommen sind!“, antwortete Christian mechanisch.

„Sie können sich die Zeit nehmen, die Sie brauchen. Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie wieder arbeiten möchten!“ Der Klinikleiter stellte ihn auf unbestimmte Zeit frei, obwohl er immer zu wenig Ärzte hatte, um seine Dienstpläne zu erstellen.

„Dr. Holl, danke für Ihr Angebot, aber ich werde meinen Dienst morgen wieder aufnehmen. Ich brauche die Arbeit, denn sie ist das Einzige, was mir an Normalität geblieben ist“, antwortete Christian bestimmt.

„Wollen Sie sich nicht etwas Zeit nehmen, um …“

„Um zu trauern?“, vervollständigte Christian den Satz mit kühlem Spott. „Und wenn ich zwei oder drei Wochen getrauert habe, dann ist alles, alles wieder gut? Erlauben Sie mir zu arbeiten! Bitte!“

Dr. Holl zögerte. „Kommen Sie morgen in mein Büro und lassen Sie uns darüber reden! Wenn Sie einen OP betreten, muss ich sicher sein können, dass Sie voll und ganz bei Ihrer Arbeit sind und Ihr Bestes für unsere Patienten geben.“

„Mein Verlust macht mich nicht zu einem schlechteren Chirurgen“, verteidigte sich Christian.

„So habe ich das auch nicht gemeint. Ich möchte nur verhindern, dass Sie etwas überstürzen. Hier sind nicht der Ort und die Zeit, um das zu klären. Wir reden morgen, und sollten Sie sich Ihrer Sache sicher sein, werde ich Ihnen gewiss nicht verbieten zu arbeiten. Wir brauchen Sie.“

„Danke! Ich bin mir sicher. Bis morgen!“

„Sie können Ihre Meinung jederzeit ändern“, sagte Dr. Holl, bevor er mit seiner Frau weiterging. Beide waren betroffen und sahen sich alarmiert an.

Am Tag nach der Beerdigung seiner Familie stand Dr. Christian Knauer wieder im Operationssaal. Er hatte operiert, anstatt Evelin und Lisa sicher nach Hause zu bringen. Nun blieb ihm nur die Arbeit, um sein leeres, sinnlos gewordenes Leben zu füllen. Auch das war Teil der Strafe, die er für sich annahm.

In den kommenden Wochen und Monaten arbeitete er mehr denn je. Er sprach mit niemandem über seinen Verlust, auch nicht mit Sarah, die ihn besorgt beobachtete. Von außen betrachtet hätte man annehmen können, dass er voll in seiner Arbeit aufging und mit dem Leben ohne seine Familie erstaunlich gut zurechtkam.

Sarah ließ sich nicht täuschen. Sie spürte den enormen Druck, unter dem Christian stand. Er litt, und um dieses Leid nicht fühlen zu müssen, stürzte er sich in die Arbeit. Brauchte jemand eine Vertretung, musste man nur ihn fragen. Christian machte Überstunden und war mehr in der Klinik als zuhause.

Für seine Patienten war er ein hervorragender Arzt wie immer. Sein Umgang mit Kollegen und OP-Personal dagegen hatte sich verändert. Christian unterhielt sich kaum noch mit jemandem und war äußerst zurückgezogen. Als Vorgesetzter war er ungeduldig und ruppig. Nichts konnte ihm schnell genug gehen und nichts war gut genug. OP-Schwestern und OP-Pfleger, die immer gerne in seinem Team gearbeitet hatten, begannen darum zu streiten, wer für seine Operationen eingeteilt werden musste.

Mehr als einmal glättete Sarah im Hintergrund die Wogen und bat um Verständnis für ihn. Zuerst waren alle geduldig und begegneten ihm mit ungewöhnlicher Sanftmut. Bei dem, was er hinter sich hatte, konnten sie sein Verhalten verstehen. Mit den Monaten ließ diese Nachsicht jedoch nach.

Christian war immer ein beliebter Arzt gewesen. Nun machten die Leute einen Bogen um ihn und wetzten oftmals gehässig die Zungen hinter seinem Rücken. Im Gegensatz zu Sarah bemerkte er das kaum. Ihn interessierte es nicht. Die Arbeit im OP war für ihn zum Galeerendienst geworden.

Erbarmungslos peitschte er auf sich ein und verlangte sich Höchstleistungen ab. In den Fachzeitschriften erschien ein Artikel von ihm nach dem anderen. Die Chefarztposition in der Chirurgischen Abteilung war ihm längst sicher. Als Dr. Holl es ihm mitteilte, bedankte er sich höflich für die anstehende Beförderung.

Freude war ihm keine anzumerken. Christian war die Karriere gleichgültig geworden. Er schuftete, um sich zu bestrafen, um sich an jedem Tag vor Augen zu führen, was ihm geblieben war und was er dafür geopfert hatte. Der Operationssaal war die persönliche Hölle, in der sein Fegefeuer flammte. Er rettete andere, damit sie lebten. Sein Leben aber war vorbei.

Seit der Beerdigung war er nicht mehr auf dem Friedhof gewesen und hatte die Pflege des Grabes an eine Gärtnerei übergeben. Er hätte sich geschämt, an Evelins und Lisas Grab zu treten.

Nein, er hatte das nicht verdient. Trauer war eine Gnade, die er sich nicht zugestand. Er wollte bestraft werden, und er bestrafte sich vierundzwanzig Stunden am Tag und selbst nachts in seinen Albträumen.

***

„Christian, ich habe dich immer als einen guten Freund betrachtet. Davon habe ich wenige und in München außer dir keinen“, begann Sarah, als sie irgendwann nicht mehr zusehen konnte, wie er sich selbst zerstörte.

Sie standen wieder einmal zusammen im Waschraum und hatten eine besonders schwierige Operation hinter sich. Sarah hatte ihm assistiert. Die Patientin hatte kaum Überlebenschancen gehabt und war von mehreren Chirurgen an anderen Kliniken als inoperabel abgewiesen worden.

Christian war das Risiko eingegangen, und es sah gut aus. Der Tumor konnte komplett entfernt werden, und die Frau hatte den Eingriff überstanden. Das grenzte an ein Wunder. Bei allen versteckten Feindseligkeiten hatte das OP-Team dem Arzt applaudiert, als die Frau aus dem OP geschoben worden war. So etwas war selten und signalisierte den höchsten Respekt vor dem Können eines Chirurgen.

„Sarah, ich weiß, dass du dir Sorgen um mich machst, aber dazu besteht kein Grund. Ich mache meine Arbeit. Es geht mir gut“, versuchte Christian das Gespräch abzuwenden, auf das er keinerlei Lust verspürte.

„Wen lügst du an? Dich oder mich?“, fragte sie direkt.

„Was willst du von mir? Habe ich gerade Medizingeschichte geschrieben, oder täusche ich mich da? Ich bin Chirurg, und das genügt mir. Wenn du enttäuscht bist, dass ich wunderbar klarkomme, tut mir das leid für dich. Du musst dir einen anderen suchen, den du retten kannst“, griff er sie aggressiv an.

„Mir gegenüber musst du nicht ehrlich sein. Der einzige Mensch, den du nicht anlügen solltest, bist du. Evelin und Lisa sind seit sechs Monaten tot und …“

Sie wollte ihm ins Gewissen reden, dass er endlich um seine Lieben trauern und sie gehen lassen musste, aber dazu kam es nicht.

„Wie kannst du es wagen, ihre Namen zu nennen? Glaubst du, ich habe das vergessen? Glaubst du, es gibt auch nur einen Tag, an dem ich nicht morgens als Erstes und abends als Letztes an sie denke? Lass mich in Ruhe!“, schrie er sie an und stürmte wutentbrannt aus dem Waschraum.

Sarah atmete tief durch. Es tat ihr weh, ihm wehtun zu müssen, aber sein Wutanfall eben war der erste natürliche und echte Ausdruck von Gefühlen, den sie seit dem Unfall bei ihm gesehen hatte. Vielleicht war das ein gutes Zeichen und die Erstarrung begann sich zu lösen. Sie hoffte es, denn er war eine tickende Zeitbombe.

Am anderen Tag war der Dienstplan geändert. Christian hatte dafür gesorgt, dass er nicht mehr mit Sarah zusammenarbeiten musste. Er nickte ihr knapp zu, wenn sie sich auf den Fluren begegneten, und machte sehr deutlich, dass er keinen Kontakt mehr zu ihr wünschte.

Sarah war traurig darüber, aber sie ließ es schweigend geschehen. Wenn Christian allein mit seinem Schmerz bleiben wollte, musste sie das akzeptieren. Nach ein paar Tagen hielt sie die schlechte Stimmung zwischen ihnen aber nicht mehr aus und beschloss, sich zu entschuldigen.

Der offizielle Operationsplan war abgearbeitet, und noch waren keine Notfälle gemeldet. Sarah hatte dienstfrei und konnte gehen. Sie wusste, dass Christian noch in seinem Arztzimmer saß und Papierkram erledigte. Diese Gelegenheit wollte sie nutzen, um unter vier Augen mit ihm reden zu können. Sie klopfte kurz an und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten.

„Christian, ich …“ Sarah verstummte. Hatte sie gerade wirklich gesehen, was sie gesehen zu haben glaubte? Hatte er in aller Eile eine Spritze im Papierkorb des Arztzimmers verschwinden lassen?

„Was willst du?“, fuhr er sie an. „Ich denke, ich habe es deutlich ausgedrückt, dass ich auf deinen Seelentrost verzichten kann.“

„Ja. Ja, das hast du“, stimmte sie verwirrt zu und bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen, während sich die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen. Hatte er sich etwas gespritzt? Nein, das glaubte sie nicht – nicht Christian! Er war viel zu verantwortungsbewusst und wusste, dass er unter Drogen unter keinen Umständen weiter als Arzt tätig sein konnte.

Selbst wenn er sich eben ein Medikament gespritzt hatte, konnte das doch so ziemlich alles sein. Es musste nicht bedeuten, dass er von Schmerzmitteln abhängig war. Vielleicht handelte es sich sogar um ein Schmerzmittel, aber woher wollte sie denn wissen, ob er es nicht aus medizinischen Gründen brauchte?

Sarah war klar, dass sie jede Ausrede suchte, um nicht an ihm zweifeln zu müssen. Wenigstens stand keine Operation mehr an, und soweit sie wusste, hatte auch er frei und keinen Bereitschaftsdienst. Er plante nicht, mit diesem Zeug im Blut zu operieren. Noch nicht. Eine Sucht ließ sich nicht lange kontrollieren, und das wusste er genau. Falls sie richtig lag, spielte Christian mit dem Feuer.

„Und? Ich habe zu tun. Was ist?“, fragte er in aggressivem, unfreundlichem Ton. Er benahm sich nicht wie ein Mensch, der bei etwas Verbotenem ertappt worden war.

Sarah entschied, dass sie sich getäuscht haben musste und durch die ganze Situation überreizt und übersensibel war. Christian bedeutete ihr wirklich viel. Sie wollte von ihrer Freundschaft retten, was zu retten war.

„Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Es war falsch, dich auf Evelin und Lisa anzusprechen und …“

Christian zuckte zusammen, als ob sie ihn geschlagen hätte, dann lief sein Gesicht vor Zorn rot an.

„Raus!“, brüllte er, sprang auf und stand mit zu Fäusten geballten Händen vor ihr.

„Aber ich wollte doch gar nicht … Ich meine, ich wollte doch nur …“

„Raus!“

Sarah stiegen Tränen in die Augen. Sie hatte die Spannungen lindern wollen und alles nur noch schlimmer gemacht. Hilflos blieb sie mitten in dem Raum stehen und wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte. Er jagte ihr Angst ein, und sie fürchtete, dass er sie gleich schlug, und doch konnte sie sich nicht bewegen.

Als Christian sie so sah, kam er zur Besinnung. Wie konnte er sie so behandeln? Sie waren Freunde, und sie hatte nichts getan, was nicht jeder gute Freund getan hätte. Woher sollte sie wissen, dass er jenseits von all diesen Dingen existierte? Wie sollte sie verstehen, dass er es nicht ertrug, wenn jemand die geliebten Namen in den Mund nahm?

„Verzeih!“, bat er gepresst und trat beherrscht einen Schritt von ihr zurück. „Du meinst es gut mit mir, und ich möchte dich nicht verletzen, Sarah. Bitte! Ich kann das nicht. Sollte ich je so weit sein, um über … über sie sprechen zu können, dann bist du der Mensch, an den ich mich wenden werde. Aber ich kann das noch nicht. Verstehst du das?“

Es war ein Flehen, aus dem eine so tiefe Verzweiflung sprach, dass es Sarah die Kehle zusammenpresste.

„Ich bin da, wann immer du mich brauchst!“

„Das weiß ich, und ich bin dir dankbar dafür.“

Sie lächelten sich traurig an, dann nickte Sarah ernst und ging. Nicht absichtlich fiel ihr Blick dabei in den Papierkorb. Er war frisch geleert worden, und die Putzfrau hatte es eilig gehabt. Die Plastiktüte war nicht sauber in den Eimer gestülpt und auf den Boden gedrückt worden. So kam es, dass Ampulle und Spritze, die Christian vor ihr hatte verbergen wollen, relativ hoch oben lagen und deutlich zu erkennen waren.

Es handelte sich um ein Schmerzmittel, das schnell abhängig machte und auch bei Drogenabhängigen begehrt war. Sie hatte sich nicht getäuscht. Christian stand ganz ruhig vor ihr. Er sagte nichts, erklärte nichts und versuchte nicht, sich zu rechtfertigen.

„Bis morgen“, verabschiedete sich Sarah und floh aus dem Zimmer.

„Bis morgen.“ Er ließ sie gehen, ohne sie zu fragen, was sie mit dem Wissen, das sie nun hatte, anfangen wollte. Ganz bewusst überließ er es Sarah, eine Entscheidung zu treffen. Fast war er erleichtert, dass sein Geheimnis nun kein Geheimnis mehr war.

Wenn Sarah ihn meldete, konnte er im schlimmsten Fall seine Zulassung als Arzt verlieren. Er würde auf jeden Fall nicht mehr operieren dürfen, bis er einen Entzug gemacht hatte. Meldete sie ihn nicht, machte sie sich moralisch schuldig. Er beneidete sie nicht um die Entscheidung, die sie treffen musste.

Seltsam gelassen setzte er sich wieder an den Schreibtisch und brachte bis spät in den Abend hinein seinen gesamten Papierkram mit allen Operationsberichten in Ordnung. Sollte er suspendiert werden, wollte er, dass die Übergabe problemlos ablief und er alles wohlgeordnet hinterließ. Es war ihm egal, was kam. Er war schrecklich müde, viel zu müde, um sich noch gegen das Leben zu wehren.

***

Als Christian kurz vor Mitternacht in der Villa ankam, stand er lange vor der Tür und schaffte es nicht hineinzugehen. Das schöne und luxuriös restaurierte Jugendstilgebäude war einmal sein Zuhause gewesen. Nun kostete es ihn Abend für Abend Überwindung, es zu betreten.

Es war wie eine Gruft, ein Mausoleum, in dem er zu ersticken glaubte, und doch schaffte er es nicht, die Villa zu verkaufen. Sie war der einzige Beweis für die glückliche Zeit, die er mit seiner Familie geteilt hatte. Sie war ein Mahnmal, das ihn zwang, die Rache nie aus den Augen zu verlieren.

Er hatte nichts in den Räumen verändert. Lisas Spielzeug lag noch auf dem Wohnzimmerboden, wo Evelin es liegen gelassen hatte. Sie war alles andere als eine perfekte Hausfrau gewesen, was Christian nie gestört hatte. Ihre Strickjacke hing über einem der Sessel. Vermutlich hatte sie die Jacke mit an den Chiemsee nehmen wollen und sie vergessen.

Manchmal glaubte Christian, ihre Stimmen zu hören. Dann erklangen Lisas Kinderlachen und das warme, melodische Lachen seiner Frau im Nebenraum. Oder er stand unter der Dusche und hörte, wie Evelin ihn vom Schlafzimmer aus rief und sich darüber lustig machte, dass er so lange brauchte.

Es schien nur einen Millimeter von seiner Dimension entfernt einen Ort zu geben, an dem die beiden lebten und an dem er glücklich war. Wie sehr hätte er sich gewünscht, in jene andere Dimension wechseln zu können. Oft schloss er die Augen, wenn er den Schmerz einfach nicht mehr ertragen konnte, und träumte sich dorthin.

Sarah hatte die Spritze gesehen und wusste, dass er abhängig war. Das Entsetzen in ihrem Blick ließ daran keinen Zweifel. Würde sie zu Dr. Holl gehen? Christian hoffte es. Gut, er hatte an diesem Tag in der Tat Medizingeschichte geschrieben, aber er hatte nur Glück gehabt. Als Arzt musste man seine Grenzen kennen, und das tat er schon lange nicht mehr.

Seine Kollegen hatten die Patientin aus gutem Grund abgewiesen. Sie hatten ihr geraten, die letzten Monate ihres Lebens mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern zu verbringen und sich zu verabschieden. Es sah im Moment sehr gut für sie aus, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Operation überlebte, war verschwindend gering gewesen.

Früher hätte auch Christian in so einem Fall von einer Operation abgeraten und sie vermutlich nicht durchgeführt. Unmerklich hatten die Drogen begonnen, seine Selbstwahrnehmung zu verändern.

Manchmal fühlte er sich wie Gott, wenn er ein Skalpell oder einen Laser führte. Dann hielt er sich für unbesiegbar. Der Tod hatte ihm doch schon alles genommen. Er konnte nicht mehr verlieren. Das war gefährlich und machte ihn zu einem Risiko für seine Patienten.

Die Sucht hatte ihn fest im Griff, auch wenn er sich das normalerweise nur in den schwachen Momenten kurz vor einer neuen Injektion eingestand. Er war aus Not hineingerutscht wie wohl die meisten, die sich in eine Sucht flüchteten. Bei ihm war es der Schlafmangel gewesen, der ihn mürbe gemacht hatte.

Nach der Beerdigung war es ihm für Wochen nicht mehr gelungen, nachts ein Auge zuzumachen. Er hatte die Decke angestarrt und irgendwie versucht, die Qual auszuhalten. Alles in ihm schrie vor Schmerz, aber er ließ keinen Trost gelten. Strafe und Rache an sich selbst waren das Einzige, was ihn aufrechterhielt. Selbst Schlaf wollte er sich nicht gönnen.

Irgendwann war er derart übermüdet, dass er merkte, wie sich seine Gedanken verwirrten. Er war dabei, aus Schlafmangel den Verstand zu verlieren. Das war der Moment, an dem er seinen Widerstand aufgab und entschied, ein Schlafmittel zu nehmen.

Dank der Chemie konnte er endlich schlafen, aber als der Wecker klingelte, war er erschöpfter als zuvor. Ohne ein aufputschendes Mittel hätte er nicht arbeiten können. Er wollte in den OP, und so folgte das eine auf das andere, und unmerklich rutschte er immer tiefer hinein.

Damit war der Teufelskreis abgesteckt, in dem er sich seit Monaten bewegte. Als Arzt war es leicht für ihn, die verschreibungspflichtigen Medikamente bei seinen Patienten abzuzweigen. Formell war alles korrekt. Es ließ sich kein unerklärlicher Fehlbestand in den Medizinvorräten nachweisen.

Christian hätte Sarahs Anschuldigungen als unbegründet zurückweisen können, wenn es dazu kam. Es stünde Wort gegen Wort, und er war an der Klinik eine Art Held wegen seiner Erfolge. Sarahs beruflichem Weiterkommen hätte er ungeheuer schaden können, aber diese Möglichkeit zog er nicht in Betracht.

Bei allem, was hinter ihm lag, war er doch in erster Linie Arzt. Der Punkt war längst überschritten, an dem er sein Handeln seinen Patienten gegenüber rechtfertigen konnte. Dr. Holl musste die Wahrheit wissen, um die Berling-Klinik zu schützen. Früher oder später musste es zur Katastrophe im OP kommen, wenn niemand Christian das Skalpell aus der Hand nahm.

Zuerst hatte er sich mit aller Macht gegen die Sucht gewehrt, weil er sie als eine Art Linderung und Erleichterung seiner seelischen Qualen verstand. Dann erkannte er, dass die Drogen seine Qualen nur verstärkten. Er arbeitete weit über jedes menschliche Maß hinaus, und die Drogen hielten ihn auf den Beinen, trieben ihn noch mehr an. Da gab es keinen Trost, kein Abklingen der Schuldgefühle. Im Gegenteil – es kamen noch Gewissensbisse dazu.

Als Christian endlich den Mut fand, in die Villa zu gehen, war fast eine halbe Stunde verstrichen. Ohne nach rechts oder links zu schauen, ging er gleich hoch in den ersten Stock ins Badezimmer. Er wollte nur kurz duschen und dann schlafen. So ertrug er es am besten. Manchmal machte er nicht einmal Licht, weil er sich in der Dunkelheit etwas sicherer fühlte.

Als er unter der Dusche stand, roch er plötzlich Evelins Parfüm im ganzen Badezimmer. Er erahnte ihre schlanke Gestalt am Waschbecken. Sie schminkte sich ab, bereitete sich für die Nacht vor und plauderte entspannt mit ihm, als ob nichts geschehen wäre. Er wusste, dass Lisa im Kinderzimmer lag und schlief. Alles war, wie es hätte sein sollen.

Christian kostete den Moment aus, ehe die vertraute Qual der Erkenntnis kam, dass er dieses Glück für immer verloren hatte – aus eigener Schuld. Es würde nie wieder sein, wie es sein sollte. Nie wieder. Er sackte in der Duschkabine in sich zusammen und glaubte zu ersticken, aber es war wieder nur eine Panikattacke, die allmählich wieder abklang.

Sarah würde ihn melden. Sie war eine gute Ärztin und hatte keine andere Wahl. Er würde seinen Beruf verlieren, und damit gab es nichts mehr, was ihn hielt. Die Villa, der Beruf, all das gehörte einem Leben an, mit dem ihn nichts mehr verband. Er hätte tot sein sollen. Dass er lebte, war ein Fehler.

Selbstmordgedanken gingen ihm durch den Kopf, aber er verwarf sie kategorisch. Er hatte kein Recht, es sich so einfach zu machen. Die Strafe musste weitergehen. Außerdem war das Leben ihm trotz allem heilig. Als Arzt kämpfte er gegen den Tod. Selbstmord war eine Art der Kapitulation, die nicht in Frage kam.

Die Nacht über lag er wach, und seine Gedanken trieben durch eine lichtlose Einöde, in der es keine Wege und Stege zu geben schien. Als er am anderen Tag zur Berling-Klinik fuhr, rechnete er damit, in Dr. Holls Büro beordert zu werden. Die Krankenschwester an der Aufnahme begrüßte ihn jedoch wie immer respektvoll.

Er sah die postoperativen Berichte durch und war erleichtert, dass es all seinen Patienten gut ging. Auf seinem Plan standen für diesen Vormittag vier Operationen. Noch blieb Sarah etwas Zeit, um zu verhindern, dass er einen Operationssaal betrat. Warum zögerte sie so lange? Er baute auf sie. Etwas in ihm wollte nur, dass es endlich vorbei war.

Kaum hatte er an sie gedacht, da klopfte sie an die Tür seines Arztzimmers und kam herein. Sie hatte offensichtlich so wenig geschlafen wie er und sah erschöpft und sehr traurig aus.

„Guten Morgen, Chris. Du weißt, warum ich hier bin, oder?“

Er nickte und blieb still.

„Du hast mehr durchgemacht, als ein Mensch erleiden sollte, und ich möchte dir nicht schaden. Aber ich kann auch nicht tatenlos zusehen, wie du unter Drogeneinfluss Patienten operierst. Verstehst du das?“

Wieder nickte er wortlos.

„Chris, sag mir, was ich tun soll!“, bat sie hilflos.

„Deine Pflicht!“, antwortete er knapp.

„Und welche meiner Pflichten meinst du – die Pflicht als Ärztin und Kollegin oder die Pflicht als gute Freundin? Als Freundin möchte ich dir beistehen und helfen, die Krise zu meistern. Ich möchte deiner Karriere nicht schaden und mit dir gemeinsam eine Lösung finden. Nimm deinen Jahresurlaub und mache einen körperlichen Entzug! Das ist hart, aber ich helfe dir. Du kannst bei mir wohnen und …“

Christian war gerührt. Mit so einem Vorschlag hatte er nicht gerechnet. Seine Augen wurden feucht. Womit hatte er so viel Loyalität und Freundschaft verdient? Er war ihr ein miserabler Freund gewesen. Selbst als sein Leben noch heiter und schön gewesen war, hatte er kaum nach ihr gefragt. Meist hatte sie zugehört. Er konnte sich nicht erinnern, auch nur einmal für sie da gewesen zu sein.

„Sarah, das geht nicht, aber es bedeutet mir viel, dass du das für mich tun würdest. Ich …“ Er brach ab.

„Warum kannst du die Chance nicht annehmen? Wir können es schaffen!“, drängte sie. „Ich kann dir zuhause bei mir Infusionen geben und den Entzug überwachen. Du wärst in einem geschützten Rahmen, und wenn das Gift aus deinem Körper draußen ist, müsstest du zu einer anonymen Selbsthilfegruppe gehen und …“

„Nein! Es geht nicht! Ich will nicht damit davonkommen, Sarah! Ich bin schon einmal davongekommen, obwohl ich schuldig war. Diesmal möchte ich die Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen tragen. Wenn du nicht zu Dr. Holl gehst und mich meldest, dann werde ich es selbst tun“, erklärte er.

„Du warst nicht schuld an …“ Sie stockte, erinnerte sich, dass er es nicht ertrug, auch nur Evelins und Lisas Namen zu hören. „Du warst nicht an dem Unfall schuld.“

Er winkte müde ab. Das Thema war ihm keine Diskussion wert. Er wusste, wo sein Platz gewesen wäre.

„Christian, du brauchst Hilfe. Du findest alleine nicht aus deinem Schmerz heraus. Mach eine Therapie! Lass dir helfen!“, flehte Sarah.

Christian hatte sich so weit von jeder Wärme und Menschlichkeit zurückgezogen in den vergangenen Monaten, dass ihre Zuneigung zu viel für ihn war. In dem Abgrund, in dem er existierte, war es eiskalt und feindselig.

Er wusste selbst nicht, was er tat, als er zu ihr trat und sie in seine Arme zog und küsste. Es war ein tiefes Sehnen nach Vergebung und einem Menschen, bei dem er endlich ruhen konnte, die ihn antrieben, ohne auf seinen wütenden Verstand zu achten.

Sarah versteifte sich in seinen Armen und wollte ihn sanft zurückschieben, aber die Gier seines Kusses überrumpelte sie. Bevor er sich auf den ersten Blick damals in Evelin verliebt hatte, waren Christian und sie schon Freunde gewesen. Heimlich hatte sie gehofft, dass er sich für sie interessieren könnte und dass mehr daraus wurde.

Nach seiner Hochzeit war er für sie nur noch ein guter Freund gewesen. Sein Kuss aber erinnerte sie an ihre Hoffnungen und daran, wie einsam sie war, seit Leo sie verlassen hatte. Die leere Wohnung ging ihr auf die Nerven. Sie sehnte sich nach einem Partner, hatte aber keine Lust, einmal mehr enttäuscht zu werden.

So kam es, dass ihre Gegenwehr erlahmte und sie sich nicht minder gierig an Christian presste. Für ein paar Minuten war es, als ob sie sich verschlingen wollten. Ihre Hände begannen, den Körper des anderen zu erforschen, und er hob sie auf den Schreibtisch und schob ihren Rock nach oben. Doch der Bann war so abrupt gebrochen, wie er gekommen war.

„Nein!“ Es war ein Wutschrei. Christian ließ sie los und taumelte zurück. „Nein!“, schrie er noch einmal, und der Ausdruck seiner Augen erinnerte an Wahnsinn. Dann stürmte er aus dem Zimmer.

Sarah blieb verstört zurück. Wie hatte das geschehen können? Sie schämte sich.

***

„Ich muss meine Arbeit umgehend niederlegen. Es tut mir leid! Die Berling-Klinik hat einen besseren Chirurgen verdient. Ich gefährde die Patienten.“ Mit diesen Worten betrat Christian Dr. Stefan Holls Büro, ohne zuvor auch nur anzuklopfen.

„Guten Morgen, Dr. Knauer! Bitte setzen Sie sich erst einmal! Was ist passiert? Sie sind ein hervorragender Chirurg und ich …“, versuchte der Klinikleiter den offensichtlich verstörten Kollegen etwas zu beruhigen.

Dr. Knauer war völlig außer sich. War im OP etwas vorgefallen?

„Nein, da gibt es nichts zu reden! Dr. Holl, ich bin abhängig von Amphetaminen und Schmerzmitteln, und das seit Monaten. Ohne das Zeug kann ich nicht mehr arbeiten. Es tut mir leid! Bitte, verzeihen Sie! Hiermit kündige ich fristlos und …“ Christian war schon wieder an der Tür und wollte gehen.

Dr. Holl musterte ihn erschüttert. Alle Anzeichen für eine Sucht waren deutlich zu erkennen. Zudem stand der Mann kurz vor einem Nervenzusammenbruch.

Warum hatte er das vorher nicht gesehen? Vermutlich hatte er es nicht sehen wollen. Nach der Beerdigung hatte der Klinikleiter mehrmals das Gespräch mit dem Chirurgen gesucht, aber Dr. Knauer hatte ihn höflich und bestimmt abgewiesen und signalisiert, dass er keine Hilfe brauchte und wollte.

Beruflich war der Arzt über sich hinausgewachsen. In der Fachwelt galt die Chirurgische Abteilung der Klinik nicht zuletzt wegen seines Einsatzes als mehr als empfehlenswert. Patienten kamen von weither, weil sie von Dr. Knauer operiert werden wollten. Er war dabei, zu einem Starchirurgen zu werden. Die Einladungen zu Konferenzen weltweit stapelten sich.

Dr. Holl hatte das mit gemischten Gefühlen beobachtet. Für den Ruf der Berling-Klinik war es erst einmal von Vorteil, eine Koryphäe im Ärztestab zu haben und in aller Munde zu sein. Dr. Holl persönlich war ein gutes, ausgewogenes Ärzteteam lieber. Christian Knauer war brillant, aber er war kein Teamplayer und stieß andere mit Vorliebe vor den Kopf.

„Dr. Knauer, bleiben Sie!“, befahl Dr. Holl und schaffte es, dass Christian immerhin an der Tür stehen blieb und ihn verzweifelt ansah.

„Es tut mir so leid, ich wollte das nicht!“, stieß er eine weitere Entschuldigung hervor.

„Sie haben Schweres durchgemacht. Natürlich kann ich Sie vorerst in keinen OP mehr lassen, aber indem Sie von sich aus zu mir kommen und sich melden, zeigen Sie, dass Sie das Problem erkannt haben. Ich möchte Ihnen helfen. Es gibt eine Rehabilitationsklinik, die sich ausschließlich auf Mediziner mit Ihrer Problematik spezialisiert hat. Machen Sie dort einen Entzug und dann …“

„Warum wollen mich nur alle retten? Warum glauben Sie, dass ich Rettung verdiene oder anstrebe? Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe! Ich will nicht mehr! Ich möchte kein Chirurg mehr sein!“ Wilde Wut flammte in Christian hoch. Er hätte Dr. Holl packen und schütteln mögen. „Ich stand im OP und habe irgendeinem Fremden das Leben gerettet mit meinem Können, während meine Frau und mein Kind auf der Straße verblutet sind. Ich hasse diesen elenden Beruf, der mir alles genommen hat! Ich hasse es, jeden Tag damit leben zu müssen, dass mir nur der OP geblieben ist“, tobte er, und all die düsteren Gedanken und Gefühle, die er so lange vor allen verborgen hatte, brachen hervor. „Nein, ich werde keinen heimlichen Entzug machen, um dann weiterzuarbeiten und den Schein zu wahren. Sie können mich der Ärztekammer melden und dafür sorgen, dass mir die Zulassung entzogen wird! Ich habe das verdient. Ich möchte das! Meine Karriere, mein Können, meine Patienten – das war alles, an das ich denken konnte. Darum hat sich immer alles gedreht, und meine Familie lief nebenher. Ich habe sie getötet. Ich habe die Zeit mit ihnen vergeudet und …“

Tränen stürzten aus seinen Augen, und er zitterte am ganzen Körper.

Dr. Holl stand auf und wollte ihn beruhigen, aber Christian wich vor ihm zurück und hob abwehrend die Hände. Sie waren zu Fäusten geballt. Aggression lag in der Luft. Der Klinikleiter wahrte Abstand.

„Ich gebe Ihnen jetzt etwas zur Beruhigung und rufe einen Psychologen. Sie brauchen therapeutische Unterstützung und …“

Christian wurde schlagartig ruhiger und lachte grimmig.

„Ja, es gibt für alles ein Mittelchen, wenn man sich selbst nicht mehr helfen kann. Es gibt ein Mittelchen zum Schlafen, eines zum Aufwachen, eines fürs Durchhalten und das nächste fürs Ruhighalten. Ich habe sie ohne Ausnahme eingeworfen, aber damit ist nun Schluss. Ohne mich! Ich steige aus und mache da nicht mehr mit. Leben Sie wohl, Dr. Holl!“

Mit diesen Worten ging er und ließ sich nicht mehr zurückhalten.

Betroffen sah der Klinikleiter ihm nach. Sollte er ihm folgen? Das hatte keinen Sinn. Dr. Knauer würde sich von ihm nicht aufhalten lassen. Es blieb nur die Möglichkeit, den Sicherheitsdienst der Klinik zu bitten, ihn an der Tür abzufangen. Aber was dann?

Natürlich brauchte Dr. Knauer psychologische Unterstützung, aber ohne seine Einwilligung war eine Einweisung auf die psychiatrische Station unmöglich. Selbst wenn es möglich gewesen wäre, war die Berling-Klinik für den Chirurgen der denkbar schlechteste Behandlungsort. Jeder an der Klinik kannte ihn. In einem anonymen Umfeld standen seine Chancen weitaus besser, Heilung zu finden.

Dr. Holl hätte gerne verhindert, dass sein Kollege in diesem Zustand ins Auto stieg, aber ihm waren die Hände gebunden. Solange Dr. Knauer sich und andere nicht nachweisbar gefährdete, war er ein freier Mensch, der tun und lassen konnte, was er für richtig hielt.

„Hat Dr. Knauer mit Ihnen gesprochen?“, kam es von der Tür her. Sarah hatte Christian noch weggehen sehen.

„Sie wussten es?“, fragte Dr. Holl.

„Seit gestern Abend. Er ist ein verantwortungsbewusster Arzt, und wenn er seine Familie nicht auf diese tragische Weise verloren hätte, wäre so etwas nie geschehen. Er braucht Hilfe und keine Strafe“, trat Sarah für Christian ein. Sie ging davon aus, dass Dr. Holl empört war und ihn umgehend der Ärztekammer melden wollte. Das galt es um jeden Preis zu verhindern.

„So sehe ich das auch, Dr. Meister, aber solange Dr. Knauer nicht bereit ist, sich helfen zu lassen, können wir ihm auch nicht helfen. Leider!“, stimmte der Klinikleiter ihr zu und lächelte beschwichtigend. Er war nicht der Feind.

„Dann haben Sie ihn nicht entlassen?“ Sie atmete auf.

„Nein, aber er hat gekündigt. Haben Sie privaten Kontakt zu ihm?“

Sarah hatte früher ein paar Mal im Jahr etwas mit Christian und Evelin unternommen. Sie hatten sich gut verstanden. Seit dem Unfall war sie allerdings nicht mehr in der Villa gewesen. Christian hatte sich in seiner Trauer vergraben und jeden weggebissen – auch sie.

„Ich werde ihn anrufen und versuchen, in Kontakt zu bleiben, aber ob mir das gelingt, weiß ich nicht“, antwortete sie ehrlich.

„Das werde ich auch versuchen, doch ich fürchte, meine Chancen stehen schlecht“, stellte Dr. Holl fest. Er hatte nicht vor, Dr. Knauer einfach aufzugeben, schätzte die Situation aber realistisch ein und kannte die Grenzen seiner Möglichkeiten.

„Danke, Dr. Holl! Dr. Knauer kann das vielleicht gerade nicht würdigen, aber ich sehe, wie fair Sie sich verhalten.“

Stefan Holl musterte sie nachdenklich. Sarah Meister war eine solide, gute Chirurgin, die er gerne im Team hatte, doch als Persönlichkeit war sie ihm bisher kaum aufgefallen. Er hatte sie für eine schöne, aber in gewisser Weise unscheinbare Frau gehalten, der es an Charisma mangelte. Nun musste er sein Urteil revidieren.

Dr. Knauer hatte Glück, sie zur Freundin gewonnen zu haben. Sie setzte sich bedingungslos für ihn ein und würde um ihn kämpfen. So einen Menschen brauchte er an seiner Seite, wenn er es schaffen wollte, wieder Fuß zu fassen.

„Falls Sie ihn dazu bringen könnten, sich in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen, wäre das gut für ihn. Er bewegt sich auf sehr, sehr dünnem Eis und ist psychisch und physisch am Ende. Sie können ihm sagen, dass ich die Kündigung diskret behandeln werde. Er ist sozusagen vom Dienst auf unbestimmte Zeit freigestellt. Sollte er seine Meinung ändern, hat er an der Berling-Klinik immer einen Platz. Natürlich muss er die Sucht zuvor überwinden, das versteht sich von selbst.“

„Selbstverständlich! Danke! Ich werde es ihm sagen.“

„Viel Glück!“, wünschte ihr Stefan Holl, als sie sein Büro verließ.

Sarah wäre am liebsten gleich zu Christian gefahren. Da er als Operateur ausfiel, wurde sie aber dringend in der Chirurgischen gebraucht. Zudem hatte der Kuss etwas zwischen ihnen verändert. Christian liebte seine verstorbene Frau und war nicht offen für eine neue Beziehung. In seinem Zustand waren Liebe und Beziehung so ziemlich das unwichtigste Thema überhaupt. Ihr war das vollkommen klar, und sie machte sich keine falschen Hoffnungen.

Sie ahnte auch, welchen Aufruhr dieser harmlose Kuss in Christian auslösen musste. Für ihn war es ein weiterer Verrat an Evelin. Indem er eine andere geküsst hatte, kam Untreue zu der endlos langen Liste an Vergehen hinzu, die er seiner Meinung nach gegenüber seiner Frau begangen hatte.

Sarah wünschte, Evelin hätte die Möglichkeit gehabt, noch einmal mit ihrem Mann zu reden und ihn zur Vernunft zu bringen. Evelin Knauer hatte ihren Mann über alles geliebt und genauso angenommen, wie er war. Sie hatte nicht erwartet, dass er sich zwischen ihr und seinem Beruf entschied. Sie war eine wundervolle, starke Frau gewesen. Was Christian sich gerade antat, war nicht in Evelins Sinn, da war Sarah sich absolut sicher.

Würde er noch mit ihr sprechen nach dem Kuss? Erlaubte er ihr noch, eine Freundin zu sein? Sie musste es auf sich zukommen lassen. Für den Moment rief die Arbeit. Christian brauchte Zeit, um sich zu beruhigen. Jetzt gerade würde er ohnehin nicht mit ihr sprechen und sie nur aus dem Haus werfen.

Unendlich traurig kehrte Sarah in die Chirurgische zurück. Sie wollte Christian zwei, drei Tage Zeit geben, bevor sie anrief und zur Villa fuhr. In seiner Verzweiflung konnte sie nur hoffen, dass er sich nichts antat.

***

Christian fühlte sich schmutzig. Er hatte den letzten winzigen Rest an Lauterkeit und Redlichkeit verloren, den er sich im Fegefeuer bewahrt hatte. Was hatte er getan? Wie hatte er eine andere Frau küssen können? Wie hatte er Evelin so einfach für tot und vergessen erklären können?

Er hasste sich und hatte schreckliche Angst, dass er ihre geliebte Stimme und ihr Lachen nun nie wieder hören durfte. So schlimm der Schmerz nach einer solchen Halluzination oder Erscheinung – wie immer man es nennen mochte, war ihm einerlei – auch war, so lebte er für diese kostbaren Sekunden der Nähe.

Es war nur eine Illusion, daran zweifelte er nicht, aber es war alles, was er noch hatte. Und nun hatte er auch darauf jedes Anrecht verloren. Ihm war, als ob er Evelin ein zweites Mal ins Grab gestoßen hätte.

Christian stand über eine Stunde unter der heißen Dusche, aber er konnte den Schmutz nicht abwaschen. Bange lauschte er hinaus in die Stille des Hauses. Nichts. Kein Laut aus jener anderen Dimension. Es war Tag. Er war nicht vom Arbeiten erschöpft und hatte seit dem Abend zuvor keine Drogen genommen. Da war nichts als die Leere. Was immer sein Leben bisher noch irgendwie aufrechterhalten haben mochte, brach weg.

„Verzeih mir, Evelin! Oh, bitte, verzeih mir!“ Schluchzend brach er zusammen und weinte, bis er keine Tränen mehr hatte. Der Panzer war aufgebrochen, und er konnte nicht mehr davor weglaufen, dass Evelin und Lisa tot waren. So grausam er sich auch bestrafen mochte, nichts machte sie wieder lebendig. Er hatte sie für immer verloren.

Es war kurz vor sechzehn Uhr, als er nach unten in die Küche ging, um sich einen Kaffee zu kochen. Wie ein unbeteiligter Fremder strich er noch einmal durch die Räume der Vergangenheit. Hier war er einst glücklich gewesen, aber das schien eine Ewigkeit zurückzuliegen. Er hoffte, bald würde eine andere Familie die Räume mit Frohsinn und Heiterkeit beleben. Wie sehr wünschte er ihnen, dass sie ihre Sache besser machten und ihr Glück hüteten.

Christian hatte eine Entscheidung getroffen. Er konnte so nicht weitermachen. Ohne Beruf und Verpflichtungen hielt ihn nichts in den Trümmern zurück, die er nicht mehr zusammenfügen konnte zu einem Leben. Es war an der Zeit zu gehen.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb ein paar Zeilen an seine Schwiegereltern. Sie hatten mehrmals versucht, ihn anzurufen, und einmal sogar vor seiner Tür gestanden. Minutenlang hatten sie geklingelt und gerufen. Er hatte nicht geöffnet. Das war feige, aber er konnte ihnen nicht unter die Augen treten.

Christian wusste, dass er mit Geld nichts gutmachen konnte, aber das war alles, was er ihnen geben konnte. Er teilte ihnen in dem Brief mit, dass er ihnen das Haus und sein gesamtes Vermögen schenkte, und bat sie um Verzeihung. Nachdem er das Blatt in ein Kuvert gesteckt hatte, rief er bei seinem Anwalt an, mit dem er lose befreundet war.

„Komm umgehend her! Ich muss ein Dokument aufsetzen und habe Anweisungen für dich“, befahl er nicht eben freundlich.

„Christian, schön, dass du dich nach all der Zeit meldest, aber ich habe einen vollen Terminkalender und stehe nicht auf Abruf für dich bereit“, erwiderte der Anwalt kühl. „Am besten machst du einen Termin mit meiner Sekretärin aus“, riet er noch ironisch und legte auf.

„Du mich auch!“, fluchte Christian. Dann fuhr er zu der Kanzlei und ging trotz des Protestes der Sekretärin direkt in das Büro des Anwalts.

„Das nenne ich Initiative ergreifen. Nun gut, da du schon einmal da bist. Was kann ich für dich tun?“, fragte der Anwalt gereizt. Er arbeitete an einem Schriftsatz, der am anderen Tag bei Gericht sein musste, und hatte eigentlich keine Zeit.

Nachdem Christian ihm eröffnet hatte, was er von ihm wollte, starrte er ihn ungläubig an.

„Das kann nicht dein Ernst sein! Und wovon willst du leben? Wo wirst du hingehen? Christian, ich befürchte, du hast den Verstand verloren, und ohne eine ärztliche Bescheinigung über deine Geistesverfassung hätte so ein Schriftstück keine rechtliche Gültigkeit.“

„Du lügst. Ich bin im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, und solange mir die Zurechnungsfähigkeit nicht aberkannt wird, kann ich mit meinem Besitz tun, was immer ich möchte. Ein netter Versuch, aber ich weiß, was ich tue.“

„Da bin ich mir nicht sicher. Du solltest mit einem Seelenklempner reden, bevor du …“

„Du verschwendest deine und meine Zeit. Untersteh dich, diese Informationen weiterzugeben, bevor ich dich dazu autorisiere, oder gar einen Arzt einzuschalten! Du unterliegst der Schweigepflicht, und glaub mir, ich werde dich ruinieren, ohne mit der Wimper zu zucken, wenn du mir in die Quere kommst“, warnte Christian.

Dem Anwalt blieb keine andere Wahl, als zu tun, um was er ihn bat.

„Was willst du damit erreichen? Das ist …“, begann er, als er ein entsprechendes Schriftstück aufgesetzt hatte.

„… mein Problem und meine Entscheidung“, unterbrach ihn Christian unwirsch und unterschrieb. „Du wirst für deine Arbeit entlohnt. Alles andere hat dich nicht zu kümmern.“

„Arrogant warst du schon immer, aber zumindest hattest du noch ein paar Manieren. Du bist nicht der einzige Mensch, der damit leben muss, alles verloren zu haben. Du hast kein Monopol auf Kummer und Leid. Bei aller Anteilnahme steht es dir nicht zu, mit anderen Menschen auf diese Weise umzugehen und mit mir schon gar nicht!“, explodierte der Anwalt.

„Ich konnte dich auch nie wirklich ausstehen. Wie erfrischend es doch ist, sich einmal zu sagen, was man wirklich denkt!“, konterte Christian, und fast glitt so etwas wie ein Lächeln über sein Gesicht. Aus allen Rahmen zu fallen hatte in der Tat ein paar kleine, aber feine Vorzüge.

„Du hast nicht etwa vor, dir das Leben zu nehmen?“

„Nein, aber ich kann nicht länger im Alten verhaftet bleiben. Ich muss weiterziehen. Setze dich am kommenden Montag mit meinen Schwiegereltern in Verbindung und gebe ihnen von mir noch diesen Brief! Danke für deine Dienste!“

„Werde ich dich wiedersehen?“ Der Anwalt sah ihm fest in die Augen.

„Kaum, aber ich verspreche dir, dass ich keine Hand an mich legen werde! Du kannst dein Gewissen abschalten.“

„Das sollte kein Problem sein.“

Sie schüttelten sich fest die Hände.

Christian packte einen Rucksack mit allem, was er für unbedingt erforderlich hielt. Im Schrank fiel ihm zufällig seine alte Klarinette in die Hände. In der Schulzeit und während des Studiums hatte er viel, gerne und gut gespielt. Dann war das Musizieren aus Zeitmangel wie so vieles in Vergessenheit geraten. Ohne lange nachzudenken, nahm er das Instrument mit.

Er schnürte sich eine Isomatte an den Rucksack, zog stabile Trekkingschuhe an und verließ die Villa. Den Schlüssel warf er in den Briefkasten. Er hatte nicht vor, jemals an diesen Ort zurückzukehren. Dieses Kapitel seines Lebens war für immer beendet.

Dr. Knauer, den erfolgsgierigen Chirurgen, gab es nicht mehr. Er war mit seiner Familie in jenem Sommergewitter auf der Autobahn gestorben. Chris, der Landstreicher und Musiker, war geboren. Er hatte keine Ahnung vom Leben auf der Straße und wie man überlebte ohne Besitz, aber das würde er nun bald herausfinden. Da war keine Angst in ihm, nur Gleichgültigkeit.

Was immer da auf ihn zukam, konnte er nicht abschätzen und auch nicht, ob er einem solchen Leben lange gewachsen war. Genau genommen hatte er da so seine Zweifel, aber das spielte keine Rolle. Alles, was er wusste, war, dass dieses Leben nun zu ihm passte.

Er hatte kein Zuhause und kein Ziel, keine Richtung mehr, die es anzusteuern galt. Er war allein im Nirgendwo verloren und konnte nur einen Fuß vor den anderen setzen und irgendwie überleben, bis er sterben durfte. Warum sollte er in seinem äußeren Leben etwas vortäuschen, was ihm nicht mehr entsprach? Lieber zog er aus, um seinem Tod entgegenzugehen.

Mit den ersten Schritten auf der Straße fiel eine gewaltige Last von Christian ab. Er gab sich keinen Illusionen hin. Es würde hart werden, aber seit Monaten fühlte er sich das erste Mal nicht wie ein Hochstapler und Lügner. Er drehte sich nicht nach der Villa und dem Vergangenen um. Er schritt kräftig aus und strebte fort, einfach nur fort. Das Wohin war ihm egal.

***

Sarah rief immer wieder vergeblich bei Christian an. Unter seiner mobilen Nummer kam die Nachricht, dass sie nicht mehr vergeben sei. Zuhause war der Anrufbeantworter nicht an, sodass sie ihm nicht einmal eine Nachricht hinterlassen konnte. Nach vier Tagen, ohne ihn erreicht zu haben, hielt sie es nicht mehr aus und fuhr zur Villa. Sollte er sie doch hinauswerfen! Solange sie sicher sein konnte, dass er in Ordnung war, nahm sie das gerne in Kauf.

Wie verlassen und leer das Gebäude wirkte! Sie hatte sich in der Villa immer sehr wohlgefühlt. Evelin hatte es verstanden, die hohen Räume mit einem warmen, stilvollen Leben zu erfüllen. Nun wirkte die Villa abweisend und feindselig. Die blicklosen, hohen Fenster hatten nichts Einladendes mehr. Sarah schauderte.

Auch der kleine Park war immer etwas Besonderes gewesen. Jetzt lag er unter einer dicken Laubschicht und wirkte ungepflegt und verwildert. Die Seele fehlte, die aus all dem ein Zuhause zauberte. Wie hielt Christian es aus, in diesem Haus der Toten zu leben?

Sarah schwor sich, dafür zu sorgen, dass er die Villa verkaufte und sich ein neues Zuhause schuf. In dieser Gruft konnte er die Trauer nicht überwinden und neu anfangen. Das hätte niemand geschafft. Sie bedauerte, dass seine abweisende Art sie so lange abgehalten hatte, sich um ihn zu kümmern. Wie dringend er Hilfe bedurfte, erkannte sie spätestens jetzt.

Christian öffnete nicht, obwohl sein Auto vor der Tür stand. Sarah klopfte und rief. Sie ging zu seinem Porsche und erschrak, als ihr aufging, dass der Wagen seit Tagen nicht mehr benutzt worden sein konnte. Er war zur Hälfte im Laub versunken, und Spinnen hatten die Spiegel in ihre kunstvollen Netze eingewoben.

Angst stieg in ihr hoch. Was war, wenn er sich etwas angetan hatte und tot in der Villa lag? Ängstlich spähte sie durch die Scheiben. Das war ein Museum, begriff sie, und ihr gruselte. Kinderspielsachen auf dem Boden, Frauenkleidung über Sessel und Stuhl – alles wirkte hingeworfen und liegen gelassen – von der Zeit vergessen.

Christian konnte nichts verändert haben, als ob er nach wie vor darauf wartete, dass Evelin mit Lisa zur Tür hereinkam. Warum nur tat er sich das an? Litt er denn nicht genug auch ohne solche Grausamkeiten? Sarah verstand nicht, was in ihm vor sich ging, aber ihre Angst wuchs sich zur Panik aus.

Widerstrebend gab sie das Klopfen und Rufen auf. Es hatte keinen Sinn. Lebte er, wollte er sie eindeutig nicht sehen. War er tot, konnte sie nur noch dafür sorgen, dass er gefunden wurde. Solange sie nicht bereit war, in die Villa einzubrechen, konnte sie nichts ausrichten. So weit wollte sie aber nicht gehen – zumindest nicht alleine und auf eigene Verantwortung. Etwas musste geschehen, und zwar sofort.

An ihr Auto gelehnt, überlegte sie lange, wen sie um Hilfe bitten konnte. Christian hatte keine Eltern mehr, und Evelins Eltern war sie nie persönlich begegnet. Sie wusste nur, dass Evelins Mädchenname Pflug gewesen und dass sie am Chiemsee aufgewachsen war, wo ihre Eltern noch immer lebten.

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