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Die andere Seite des Himmels. Roman

HoCa-eBook-Burg

Jeannette Walls

Die andere Seite des Himmels

Roman

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Hoffmann und Campe Verlag

1

Meine Schwester rettete mir das Leben, als ich noch ein Baby war. Und das kam so: Mom hatte Krach mit der Familie und beschloss, mitten in der Nacht abzuhauen und uns mitzunehmen. Ich war erst ein paar Monate alt, also packte Mom mich in den Babytragesitz. Den stellte sie auf dem Autodach ab, während sie ein paar Sachen im Kofferraum verstaute, dann setzte sie Liz, die drei Jahre alt war, auf die Rückbank. Mom war damals in einer schwierigen Phase und hatte den Kopf voll – Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn, sagte sie später. Sie hatte komplett vergessen, dass ich noch auf dem Dach war, und fuhr los.

Liz fing prompt an, meinen Namen zu kreischen und nach oben zu zeigen. Zuerst verstand Mom nicht, was Liz meinte, doch dann begriff sie und stieg auf die Bremse. Der Tragesitz rutschte nach vorn auf die Motorhaube, aber da ich angeschnallt war, passierte mir rein gar nichts. Ich heulte nicht mal. Immer wenn Mom in den Jahren danach die Geschichte erzählte, die sie zum Schreien komisch fand und mit Vorliebe hochdramatisch nachspielte, sagte sie, Gott sei Dank habe Liz alle fünf Sinne beisammen gehabt, sonst wäre der Sitz im hohen Bogen runtergeflogen und mit mir wäre es aus gewesen.

Liz erinnerte sich lebhaft an die ganze Sache, aber sie fand sie nie lustig. Sie hatte mich gerettet. So eine Schwester war Liz. Und deshalb machte ich mir an dem Abend, als das ganze Chaos anfing, auch keine Sorgen, dass Mom seit vier Tagen weg war. Ich machte mir eher Sorgen wegen der Hühnerpastetchen.

Ich konnte es nicht ausstehen, wenn die Kruste von unseren Hühnerpastetchen verbrannte, aber die Uhr an unserem Minibackofen war kaputt, und deshalb starrte ich an dem Abend durch die kleine Glasscheibe vom Ofen, weil man nämlich, sobald die Pasteten anfingen, braun zu werden, aufpassen musste wie ein Luchs.

Liz deckte den Tisch. Mom war nach Los Angeles gefahren, zu irgendeinem Aufnahmestudio, wo sie für ein Engagement als Backgroundsängerin vorsingen wollte.

»Meinst du, sie kriegt den Job?«, fragte ich Liz.

»Ich hab keine Ahnung«, sagte Liz.

»Ich aber. Diesmal hab ich ein gutes Gefühl.«

Seit wir nach Lost Lake gezogen waren, einer südkalifornischen Kleinstadt in der Colorado-Wüste, war Mom sehr oft nach Los Angeles gefahren. Meistens blieb sie dann nur ein oder zwei Nächte weg, nie so lange wie diesmal. Wir wussten nicht genau, wann sie zurückkommen würde, und weil uns das Telefon abgestellt worden war – Mom lag wegen einiger Ferngespräche, von denen sie behauptete, sie hätte sie nicht geführt, im Clinch mit der Telefongesellschaft –, konnte sie uns nicht anrufen.

Trotzdem, es war noch nicht besonders beunruhigend. Moms Karriere hatte immer ganz schön viel von ihrer Zeit in Anspruch genommen. Als wir noch kleiner waren, engagierte sie einen Babysitter oder bat eine Freundin, auf uns aufzupassen, während sie irgendwohin düste, nach Nashville oder so. Deshalb waren Liz und ich daran gewöhnt, allein zu sein. Liz hatte das Sagen, weil sie schon fünfzehn war und ich gerade erst meinen zwölften Geburtstag gefeiert hatte, aber ich war kein Kind, das behütet werden musste.

Wenn Mom unterwegs war, aßen wir immer nur Hühnerpastetchen. Ich war ganz verrückt nach den Dingern und hätte sie jeden Abend essen können. Liz meinte, wenn man dazu ein Glas Milch trank, hatte man ein Abendessen, bei dem alle vier Nahrungsgruppen vertreten waren – Fleisch, Gemüse, Getreide und Milch –, und somit waren die Pastetchen die ideale Kost.

Außerdem machte es Spaß, sie zu essen. Du kriegtest dein eigenes Pastetchen in dem hübschen kleinen Aluförmchen und konntest damit machen, was du wolltest. Ich stieß gern den knusprigen Deckel auf und zermatschte ihn mit den Möhrenstückchen und den Erbsen und der gelben Soße. Liz fand es unappetitlich, alles zusammenzumatschen. Außerdem wurde die Kruste dann pampig, und was ihr an Hühnerpastetchen so gefiel, war der Kontrast zwischen der knusprigen Kruste und der glibberigen Füllung. Also ließ sie die Kruste ganz und schnitt sich für jeden Bissen niedliche kleine Tortenstückchen heraus.

Sobald die Kruste so richtig schön goldbraun war und die kleinen geriffelten Ränder ganz knapp davor waren, anzubrennen, meldete ich, dass sie fertig waren. Liz zog sie aus dem Minibackofen, und wir setzten uns an den roten Resopaltisch.

Wenn Mom nicht da war, spielten wir beim Abendessen oft Spiele, die Liz sich ausgedacht hatte. Eines hieß Schluck-und-Spuck. Dabei musste man warten, bis die andere den Mund voll mit Essen oder Milch hatte, und dann versuchen, sie zum Lachen zu bringen. Liz gewann fast immer, weil es ziemlich leicht war, mich zum Lachen zu bringen. Manchmal kam mir vor lauter Lachen die Milch aus der Nase geschossen.

Ein anderes Spiel, das sie sich ausgedacht hatte, war das Lügenspiel. Dabei musste eine von uns zwei Behauptungen aufstellen, von denen eine stimmte, die zweite nicht, und die andere durfte fünf Fragen dazu stellen und musste dann raten, welche Behauptung gelogen war. Meistens gewann Liz auch beim Lügenspiel, aber genau wie bei Schluck-und-Spuck war es eigentlich egal, wer von uns gewann. Hauptsache, wir hatten unseren Spaß. An dem Abend war ich ganz aufgeregt, weil ich dachte, ich hätte eine richtig harte Nuss auf Lager: Einem Frosch rutschen beim Schlucken die Augäpfel ins Maul, oder Froschblut ist grün.

»Kinderleicht«, sagte Liz. »Das grüne Blut ist gelogen.«

»Das gibt’s doch nicht! Woher weißt du das?«

»Wir haben in Bio Frösche seziert.«

Ich redete noch immer darüber, wie saukomisch und seltsam es doch war, dass ein Frosch seine Augäpfel zum Schlucken braucht, als Mom zur Tür hereinkam. Sie hatte eine weiße Schachtel mit einer roten Schleife drum in der Hand. »Limettentorte für meine Mädchen«, verkündete sie und hielt die Schachtel hoch. Ihr Gesicht glühte, und sie lächelte irgendwie albern. »Wir haben Grund zu feiern; von heute an ändert sich nämlich unser Leben.«

Während Mom die Torte anschnitt und die Stücke verteilte, erzählte sie uns, dass sie in dem Aufnahmestudio einen Mann kennengelernt hatte. Er war Plattenproduzent und hieß Mark Parker, und er hatte ihr erklärt, sie würde nur deshalb keine Engagements als Backgroundsängerin kriegen, weil ihre Stimme zu markant war und sie den Frontsängern die Schau stahl.

»Mark meint, ich bin nicht dafür geschaffen, hinter irgendwem die zweite Geige zu spielen«, erklärte Mom. Er hatte ihr erzählt, sie habe das Zeug zum Star, und an dem Abend hatte er sie zum Essen eingeladen, und sie hatten darüber geredet, wie sie ihre Karriere in Schwung bringen könnten. »Er ist so klug und witzig«, sagte Mom. »Ihr zwei werdet ihn lieben.«

»Ist er was Ernstes oder auch bloß so ein Blechklopfer?«, fragte ich.

»Ich warn dich, Bean«, sagte Mom.

 

Bean ist natürlich nicht mein richtiger Name, aber so nennen mich alle. Bean – das Böhnchen.

Meine Idee war das nicht. Als ich geboren wurde, gab Mom mir den Namen Jean, aber als Liz mich das erste Mal sah, nannte sie mich Jean Bean, weil ich so winzig wie ein Böhnchen war und weil es sich reimte – Liz reimt andauernd –, und dann einfach nur Bean, weil das kürzer war. Aber manchmal verlängerte sie Bean auch wieder und nannte mich Beaner oder Bean Head oder auch Clean Bean, wenn ich gerade gebadet hatte, Lean Bean, weil ich so dünn war, Queen Bean, einfach nur, um mir eine Freude zu machen, oder Mean Bean, wenn ich schlecht gelaunt war. Einmal, als ich von einem Teller verdorbenem Chili eine Lebensmittelvergiftung hatte, nannte sie mich Green Bean, und später dann, als ich über der Kloschüssel hing und mich noch schlechter fühlte, hieß ich für sie Greener Beaner.

Liz spielte unheimlich gern mit Wörtern. Deshalb gefiel ihr der Name unseres Städtchens auch so, Lost Lake – also verlorener oder auch verirrter See. »Komm, wir gehen ihn suchen«, sagte sie gern, oder: »Würd mich echt interessieren, wer ihn verloren hat«, oder: »Vielleicht sollte der See mal nach dem Weg fragen.«

Wir waren vier Monate zuvor, am Neujahrstag 1970, von Pasadena nach Lost Lake gezogen, weil Mom meinte, ein Tapetenwechsel wäre ein schöner Auftakt für das neue Jahrzehnt. Lost Lake war ein ganz nettes Örtchen, fand ich. Die meisten Leute, die da wohnten, waren Mexikaner, die Hühner und Ziegen in ihren Gärten hielten, wo sie praktisch auch selbst lebten, denn sie kochten draußen auf dem Grill und tanzten zu mexikanischer Musik, die aus ihren Radios dudelte. Hunde und Katzen schlichen auf den staubigen Straßen herum, und Bewässerungskanäle beförderten Wasser raus zu den Feldern. Keiner sah dich schief an, weil du die aufgetragenen Sachen deiner großen Schwester anhattest oder deine Mom einen alten braunen Dart fuhr. Unsere Nachbarn wohnten in kleinen Lehmziegelhäuschen, aber wir hatten einen Bungalow aus Zementsteinen gemietet. Es war Moms Idee gewesen, die Zementsteine türkisblau und Tür und Fensterbänke orangerot anzustreichen. »Lasst uns bloß nicht so tun, als wollten wir dazugehören«, sagte sie.

Mom war Sängerin, Songschreiberin und Schauspielerin. Sie hatte noch nie richtig in einem Film mitgespielt oder eine Platte aufgenommen, aber sie hasste es, wenn man sie als »angehende« Irgendwas bezeichnete, und, ehrlich gesagt, sie war ein bisschen älter als die Leute, die in den Filmzeitschriften, die Mom andauernd kaufte, so bezeichnet wurden. Moms sechsunddreißigster Geburtstag stand bevor, und sie jammerte, dass die Sängerinnen, die gerade so viel Furore machten, wie Janis Joplin und Joni Mitchell, mindestens zehn Jahre jünger waren als sie.

Trotzdem behauptete Mom immer, ihr großer Durchbruch würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Manchmal wurde sie nach einem Vorsingen ein zweites Mal ins Studio gebeten, aber meistens kam sie dann kopfschüttelnd wieder nach Hause und sagte, die Männer da wären alle bloß Blechklopfer, die ihr noch einmal in den Ausschnitt glotzen wollten. Mom bastelte also an ihrer Karriere, aber viel Geld brachte sie damit nicht nach Hause – noch nicht. Wir lebten überwiegend von Moms Erbe. Das war von Anfang an nicht gerade ein Vermögen gewesen, und als wir nach Lost Lake zogen, waren wir schon ziemlich knapp bei Kasse.

Wenn Mom nicht nach L.A. fuhr – was ein ziemlicher Schlauch war, denn hin und zurück brauchte sie jeweils fast vier Stunden –, schlief sie meistens lange und verbrachte den Rest des Tages damit, Songs zu schreiben und sie auf einer ihrer vier Gitarren zu spielen. Ihre Lieblingsgitarre, eine 1961er Zemaitis, kostete ungefähr so viel wie eine Jahresmiete. Außerdem hatte sie eine Gibson Southern Jumbo, eine honigfarbene Martin und eine spanische Gitarre aus brasilianischem Rosenholz. Wenn sie nicht ihre Songs übte, arbeitete sie an einem Musical, das auf ihrem Leben basierte. Es handelte davon, wie sie sich von ihrer spießigen alten Südstaatenfamilie getrennt, ihren bescheuerten Ehemann und eine ganze Reihe von nichtsnutzigen Partnern – samt den vielen Blechklopfern, die nie Partnerstatus erreicht hatten – abserviert und ihre wahre Stimme in der Musik entdeckt hatte. Sie nannte das Musical »Magische Entdeckungen«.

Mom redete ständig davon, dass magische Entdeckungen der Schlüssel zum kreativen Prozess wären. Und sie wären auch für das Leben wichtig, sagte sie. Magische Entdeckungen. In musikalischer Harmonie, im Regen auf deinem Gesicht und in der Sonne auf deinen nackten Schultern, im Morgentau, der deine Turnschuhe durchnässt, und in den Wildblumen, die du gratis am Straßenrand pflückst, in der Liebe auf den ersten Blick und in den traurigen Erinnerungen an den einen, den du nicht gekriegt hast. »Macht magische Entdeckungen«, sagte Mom immer. »Und wenn das nicht geht«, fügte sie hinzu, »dann seid selbst magisch.«

Wir drei zusammen sind magisch, sagte Mom oft. Sie versicherte uns, selbst wenn sie noch so berühmt würde, wäre ihr nichts je wichtiger als ihre beiden Mädchen. Wir gehörten zusammen wie Indianer zu ihrem Stamm, sagte sie, wir wären der »Stamm der drei«. Drei sei eine vollkommene Zahl, erklärte sie weiter. Überlegt doch mal. Die Heilige Dreifaltigkeit, drei Musketiere, drei Könige aus dem Morgenland, drei kleine Schweinchen, drei Fragezeichen, drei Schwestern, drei Wünsche, aller guten Dinge sind drei, zum Ersten, zum Zweiten und zum DRITTEN. Wir drei sind uns genug, sagte Mom.

Das hinderte sie aber nicht daran, sich immer mal wieder mit Blechklopfern zu verabreden.

2

In den nächsten Wochen redete Mom ständig davon, wie Mark Parker sie »entdeckt« hatte. Sie meinte das als Scherz, aber man merkte, dass da was Märchenhaftes mit im Spiel war, das ihr gefiel. Es war ein magischer Moment.

Mom fuhr auf einmal öfter nach Los Angeles – manchmal nur für einen Tag, manchmal auch für zwei oder drei –, und wenn sie zurückkam, schwärmte sie pausenlos von Mark Parker. Für sie war er ein ganz besonderer Mann. Er arbeitete mit ihr an der Partitur für »Magische Entdeckungen«, straffte den Text, forderte bessere Phrasierungen von ihr und feilte an den Arrangements. Mark hatte schon viele Songtexte als Ghostwriter geschrieben, erzählte sie uns. Einmal brachte sie eine LP mit nach Hause und zog das Begleitheft heraus. Mark hatte den Text eines Liebeslieds umkringelt und daneben gekritzelt: »Das hab ich über Dich geschrieben, noch bevor ich Dich kannte.«

Arrangements waren Marks Spezialität. Ein anderes Mal brachte Mom wieder ein Album mit. Es war von den Tokens, mit ihrem Hit »The Lion Sleeps Tonight«. Mark hatte den Song, der schon ein paarmal aufgenommen worden war, ohne richtig einzuschlagen, neu arrangiert, erklärte Mom. Zuerst wollten die Tokens Marks Version nicht, aber er konnte sie überreden und machte sogar beim Backgroundgesang mit. Wenn man genau hinhörte, konnte man seinen Bariton in den Harmonien erkennen.

 

Für eine Mom war Mom noch immer hübsch. An ihrer Highschool in Virginia war sie mal zur Schönheitskönigin gekürt worden, und man konnte sehen, warum. Sie hatte große braune Augen und sonnengebleichtes blondes Haar, das sie zu Hause als Pferdeschwanz trug, aber auskämmte und auftoupierte, wenn sie nach Los Angeles fuhr. Sie hatte ein paar Pfund zugelegt seit der Highschool, das gab sie zu, aber sie meinte, dadurch hätte sie auch etwas mehr Oberweite, und was das anging, konnte eine Sängerin nie genug haben. Zumindest brachte es ihr manchmal eine zweite Chance ein, wenn sie irgendwo vorgesungen hatte.

Mark stünde auf ihre Kurven, erzählte Mom uns, und seit sie ihn kennengelernt hatte, sah sie plötzlich jünger aus und benahm sich auch so. Ihre Augen sprühten vor Leben, wenn sie nach Hause kam und uns erzählte, wie Mark sie zum Segeln mitgenommen oder für sie Jakobsmuscheln pochiert hatte und wie sie ihm die Tanzschritte für den Carolina Shag beigebracht hatte. Mom hieß mit Vornamen Charlotte, und Mark hatte für sie einen Cocktail mit Pfirsichlikör, Bourbon, Grenadine und Cola erfunden, den er Shakin’ Charlotte nannte.

Doch nicht alles an Mark war perfekt. Er hätte eine dunkle Seite, erklärte Mom. Er wäre launisch, wie alle echten Künstler, aber das war sie ja auch, und ihre Zusammenarbeit hatte schon so manche stürmische Auseinandersetzung erlebt. Manchmal rief Mom ihn spätabends an – sie hatte die strittigen Gebühren bezahlt, sodass wir wieder telefonieren konnten –, und Liz und ich hörten sie Sachen wie »Bei dem Song muss am Schluss ein Akkord kommen, keine Ausblendung!« ins Telefon schreien. Oder: »Mark, du erwartest zu viel von mir!« Das waren kreative Differenzen, wie Mom sagte. Mark wollte möglichst bald ein Demoband von ihren besten Songs produzieren und den großen Plattenfirmen vorspielen, und es war ganz normal, dass Künstler sich heftig in die Haare gerieten, wenn ein Termin drängte.

Ich fragte Mom immer wieder, wann Liz und ich Mark Parker endlich kennenlernen würden. Mom erklärte, dass Mark sehr beschäftigt war, ständig nach New York oder London jettete und keine Zeit hatte, den weiten Weg nach Lost Lake rauszukommen. Ich schlug vor, wir könnten doch mal am Wochenende nach Los Angeles fahren und uns dort mit ihm treffen, aber Mom schüttelte den Kopf. »Bean, ehrlich gesagt, er ist eifersüchtig auf Liz und dich«, erklärte sie. »Er meint, ich rede zu viel über euch Mädchen. Mark ist leider manchmal ein bisschen besitzergreifend.«

Als Mom ein paar Monate mit Mark zusammen war, kam sie eines Tages nach Hause und erzählte uns, dass Mark trotz seines vollen Terminkalenders und trotz seiner besitzergreifenden Ader eingewilligt hatte, am nächsten Mittwoch nach Lost Lake zu kommen und Liz und mich nach der Schule kennenzulernen. Wir drei verbrachten den Dienstagabend damit, wie wild den Bungalow zu putzen, Sachen in den Schrank zu stopfen, Moms lila Fledermaussessel über die Stelle im Teppich zu schieben, wo sie mal Tee verschüttet hatte, die Türklinken und Fensterrahmen zu wienern, Moms Windspiel zu entwirren und die getrockneten Spuren von Schluck-und-Spuck vom Boden zu kratzen. Während wir arbeiteten, sangen wir »The Lion Sleeps Tonight« zuerst alle drei zusammen: »In the jungle, the mighty jungle …« Dann übernahm Liz den Refrain: »O-wim-o-weh o-wim-o-weh o-wim-o-weh«, Mom das hohe »A-wuuu-wuuu-wuuu«, und ich fiel mit dem Bass ein: »Ii-dam-bam-baway.«

 

Am nächsten Tag rannte ich sofort nach Schulschluss zurück zum Bungalow. Ich war in der sechsten Klasse der Grundschule, und Liz ging schon zur Highschool, deshalb kam ich immer als Erste nach Hause. Mom hatte uns erzählt, dass Mark einen gelben Triumph TR3 mit Speichenrädern fuhr, aber das einzige Auto, das an dem Nachmittag vor unserem Bungalow parkte, war unser alter brauner Dart, und als ich reinkam, saß Mom auf dem Fußboden, mitten in einem Haufen Bücher, Schallplatten und Notenblätter, die aus den Regalen gerissen worden waren. Sie sah aus, als hätte sie geweint.

»Was hast du?«, fragte ich.

»Er ist weg«, sagte Mom.

»Wieso denn das?«

»Wir haben uns gestritten. Ich hab ja gesagt, er ist launisch.« Um Mark nach Lost Lake zu locken, hatte sie ihm gesagt, dass Liz und ich bei Freunden übernachten würden. Aber als er ankam, hatte sie ihm erzählt, es hätte sich anders ergeben und Liz und ich würden nach der Schule nach Hause kommen. Mark war in die Luft gegangen. Er sagte, er fühle sich hintergangen und eingeengt, und weg war er.

»Was für ein Blödmann«, sagte ich.

»Er ist kein Blödmann. Er ist leidenschaftlich. Er hat Charisma. Und er ist verrückt nach mir.«

»Dann kommt er wieder.«

»Ich weiß nicht«, sagte Mom. »Die Sache ist ziemlich ernst. Er hat gesagt, dass er nach Italien fährt, in seine Villa.«

»Mark hat eine Villa in Italien?«

»Die gehört ihm nicht wirklich. Der Besitzer ist ein Freund von ihm, ein Filmproduzent, aber er lässt Mark da wohnen.«

»Wow«, sagte ich. Mom hatte schon immer mal nach Italien gewollt, und jetzt hatte sie einen Typen, der einfach rüberjetten konnte, wenn er Lust dazu hatte. Abgesehen davon, dass er Liz und mich nicht kennenlernen wollte, war Mark Parker offenbar alles, was Mom je bei einem Mann gesucht hatte. »Wenn er uns nur mögen würde«, sagte ich, »aber dann wär es ja zu schön, um wahr zu sein.«

»Was soll das heißen?« Mom zog die Schultern hoch und starrte mich an. »Meinst du, ich denk mir das alles bloß aus?«

»Aber nein, nie im Leben«, sagte ich. »Einen Freund zu erfinden wäre einfach zu behämmert.« Doch in dem Moment, als mir die Worte über die Lippen kamen, schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass Mom sich das tatsächlich alles bloß ausdachte. Plötzlich wurde mir heiß im Gesicht, als würde ich Mom nackt sehen. Wir blickten uns an, und sie merkte, dass ich sie durchschaute: Sie hatte sich alles nur ausgedacht.

»Du kannst mich mal!«, schrie Mom. Sie war aufgesprungen und fing an rumzuzetern, was sie alles für mich und Liz getan hatte, wie sehr sie sich abrackerte, wie viel sie für uns opferte, was für undankbare Parasiten wir zwei waren. Ich versuchte, sie zu beruhigen, aber das machte sie nur noch wütender. Sie hätte nie Kinder bekommen sollen, wetterte sie, und mich schon gar nicht. Ich war ein Fehler. Sie hatte ihr Leben und ihre Karriere für uns weggeworfen, ihr Erbe für uns durchgebracht, und wir waren noch nicht mal dankbar.

»Ich halt das nicht mehr aus!«, schrie sie. »Ich muss hier weg.«

Ich überlegte gerade noch, was ich sagen sollte, um sie zu beschwichtigen, als Mom sich auch schon ihre große Handtasche von der Couch schnappte und türenknallend aus dem Haus stürmte. Ich hörte, wie sie den Dart startete und mit aufheulendem Motor wegfuhr, und dann war es bis auf das leise Klimpern des Windspiels still im Bungalow.

 

Ich fütterte Fido, die kleine Schildkröte, die Mom mir bei Woolworth zum Trost gekauft hatte, weil ich keinen Hund haben durfte. Dann rollte ich mich in Moms lila Fledermaussessel zusammen, in dem sie so gern saß, wenn sie Songs schrieb, starrte zum Panoramafenster hinaus, streichelte Fidos Köpfchen mit dem Zeigefinger und wartete darauf, dass Liz von der Schule kam.

Um ehrlich zu sein, Mom konnte schnell aus der Haut fahren und neigte dazu, auszurasten und hysterisch zu werden, wenn ihr die Dinge über den Kopf wuchsen. Die Anfälle waren meistens schnell wieder vorbei, und dann machten wir alle weiter, als wäre nichts gewesen. Aber diesmal war es anders. Mom hatte Dinge gesagt, die sie noch nie gesagt hatte, zum Beispiel, dass ich ein Fehler war. Und diese ganze Mark-Parker-Geschichte war total merkwürdig. Ich brauchte Liz’ Hilfe, um das alles zu kapieren.

Liz wurde aus allem schlau. Sie war eine Intelligenzbestie, begabt und schön und lustig und vor allem unglaublich klug. Ich sag das alles nicht bloß, weil sie meine Schwester ist. Wenn ihr sie kennenlernen würdet, würdet ihr mir recht geben. Sie war groß und schlank, hatte blasse Haut und langes, welliges, rötlich goldenes Haar. Mom bezeichnete sie oft als eine präraffaelitische Schönheit, worauf Liz dann die Augen verdrehte und sagte, es wäre ein Jammer, dass sie nicht vor über einhundert Jahren gelebt hatte, zur Zeit der Präraffaeliten.

Liz war eine von der Sorte, bei der Erwachsenen, vor allem Lehrern, der Unterkiefer runterklappte, und wenn sie wieder sprechen konnten, benutzten sie Wörter wie »Wunderkind« und »frühreif« und »hochbegabt«. Liz wusste alles Mögliche, was andere nicht wussten – zum Beispiel, wer die Präraffaeliten waren –, weil sie immerzu las, meistens mehrere Bücher gleichzeitig. Außerdem verstand sie vieles auch ohne Bücher. Sie konnte schwierige mathematische Berechnungen im Kopf anstellen. Sie konnte so richtig knifflige Denksportaufgaben lösen und sprach gern Wörter rückwärts aus – Mark Parker beispielsweise hieß bei ihr »Kram Rekrap«. Sie liebte Anagramme. Dabei werden die Buchstaben umgestellt, damit sich ein neues Wort ergibt; so wird zum Beispiel aus »Frauen« »raufen«, aus »Fehler« »Helfer« und aus »Eifersucht« »Feuerstich«. Und sie fand Schüttelreime toll, wie wenn du »Staubsauger« sagen willst und »Saugstauber« herauskommt oder wenn du statt »Meisterklasse« »Kleistermasse« sagst oder statt »Kosake« »Sokacke«. Außerdem war sie im Scrabble fast unschlagbar.

Liz’ Schule war bloß eine Stunde nach meiner aus, aber an dem Nachmittag schien es mir wie eine Ewigkeit. Als sie endlich nach Hause kam, ließ ich sie nicht mal ihre Bücher weglegen, sondern erzählte ihr sofort in allen Einzelheiten von Moms Wutausbruch.

»Ich kapier einfach nicht, wieso sie dieses ganze Mark-Parker-Zeug erfunden hat«, sagte ich.

Liz seufzte. »Mom hat doch schon immer geflunkert«, sagte sie. Mom erzählte uns andauernd irgendwelche Sachen, und Liz kaufte ihr vieles davon nicht ab, wie zum Beispiel, dass sie öfter mit Jackie Kennedy in Virginia auf Fuchsjagd war, als sie beide noch klein waren, oder dass sie mal die tanzende Banane in einer Cornflakes-Werbung war. Oder die Geschichte von der roten Samtjacke. Mom gab gern zum Besten, dass June Carter Cash sie mal in einer Bar in Nashville hatte singen hören, zu ihr auf die Bühne gekommen war, worauf die beiden dann ein Duett sangen, das das Publikum von den Sitzen riss. June Carter Cash, so erzählte Mom, hatte ihr diese rote Samtjacke noch auf der Bühne geschenkt.

»Ist nie passiert«, sagte Liz. »Ich hab gesehen, wie Mom die Jacke auf einem Flohmarkt der Kirche gekauft hat. Sie wusste nicht, dass ich es mitbekommen hab, und ich hab nie was gesagt.« Liz sah aus dem Fenster. »Mark Parker ist auch nur so eine tanzende Banane.«

»Ich hab’s vermasselt, was?«

»Mach dir keine Vorwürfe, Bean.«

»Ich hätte meine große Klappe halten sollen. Aber eigentlich hab ich ja gar nichts gesagt.«

»Sie hat gemerkt, dass du es gemerkt hast«, sagte Liz, »und damit konnte sie nicht umgehen.«

»Mom hat aber nicht bloß eine kleine Geschichte über irgendeinen Typen erfunden, den sie angeblich kennengelernt hat«, sagte ich. »Da waren die Telefongespräche. Und das Begleitheft von dem Album.«

»Ich weiß«, sagte Liz. »Das ist echt bedenklich. Ich glaube, sie hat fast ihr ganzes Geld ausgegeben, und deshalb hat sie jetzt so eine Art Nervenzusammenbruch.«

Liz schlug vor, dass wir das Haus aufräumen sollten, und wenn Mom zurückkam, könnten wir dann so tun, als wäre dieser ganze Mark-Parker-Mist nie passiert. Wir stellten die Bücher zurück in die Regale, stapelten die Notenblätter und schoben die LPs zurück in die Hüllen. Mein Blick fiel auf das Begleitheft, auf das Mark Parker angeblich für Mom geschrieben hatte: »Das hab ich über Dich geschrieben, noch bevor ich Dich kannte.« Es war echt unheimlich.

3

Wir rechneten damit, dass Mom noch am selben Abend oder am nächsten Tag zurückkommen würde, aber dann war Wochenende, und wir hatten noch immer nichts von ihr gehört. Immer wenn ich anfing, mir Sorgen zu machen, sagte Liz, ich sollte ganz ruhig bleiben, Mom käme immer wieder. Und dann bekamen wir den Brief.

Liz las ihn zuerst, dann gab sie ihn mir und setzte sich in den Fledermaussessel am Panoramafenster.

Meine liebste Liz, meine süße Bean,

es ist drei Uhr morgens, und ich schreibe Euch aus einem Hotel in San Diego. Ich weiß, ich war in letzter Zeit nicht gerade in Topform, und um meine Songs fertig zu schreiben – und die Mutter zu sein, die ich sein will –, brauche ich ein bisschen Zeit und Raum für mich. Ich muss wieder magische Entdeckungen machen. Und außerdem bete ich um Ausgeglichenheit.

Ihr beide müsst wissen, dass mir nichts auf der Welt wichtiger ist als meine Mädchen und dass wir bald wieder zusammen sein werden, und dann wird das Leben besser, als es je war!

Für die beiliegenden 200 Dollar bekommt Ihr genug Hühnerpastetchen, bis ich wieder da bin. Kopf hoch, und immer schön die Zähne putzen!

 

In Liebe

Mom

Ich ging zu Liz ans Fenster, und sie drückte meine Hand.

»Kommt sie wieder?«, fragte ich.

»Natürlich«, sagte Liz.

»Aber wann? Sie hat nicht geschrieben, wann.«

»Ich glaub, das weiß sie selbst nicht.«

 

Für zweihundert Dollar konnten wir jede Menge Hühnerpastetchen kaufen. Es gab sie bei Mr Spinelli, drüben auf der Balsam Street, einem Lebensmittelladen mit Klimaanlage, Holzboden und einer riesigen Tiefkühltruhe ganz hinten, in der auch die Pasteten lagen. Mr Spinelli, ein dunkeläugiger Mann mit haarigen Unterarmen, der immer mit Mom flirtete, verkaufte sie manchmal im Sonderangebot. Dann bekamen wir acht für einen Dollar und schlugen richtig zu.

Wir aßen unsere Pastetchen abends an dem roten Resopaltisch, aber uns war nicht nach Schluck-und-Spuck oder dem Lügenspiel zumute, deshalb räumten wir nach dem Essen auf, machten unsere Hausaufgaben und gingen ins Bett. Wir hatten uns auch vorher schon selbst versorgt, wenn Mom weg war, aber bei dem Gedanken, dass sie vielleicht viele, viele Tage weg sein würde, nahmen wir unsere Pflichten irgendwie ernster. Wenn Mom zu Hause war, ließ sie uns manchmal länger aufbleiben, aber ohne sie gingen wir immer früh schlafen. Weil sie nicht da war, um uns Entschuldigungen zu schreiben, kamen wir nie zu spät zur Schule und machten auch nie einen Tag blau, was sie uns manchmal erlaubte. Nie ließen wir schmutziges Geschirr in der Spüle stehen, und immer putzten wir uns die Zähne.

Liz hatte etwas Geld mit Babysitten verdient, doch nachdem Mom eine Woche weg war, beschloss sie, sich zusätzlich Arbeit zu suchen, und ich ergatterte einen Job als Zeitungsbotin für Grit, eine Zeitschrift mit vielen praktischen Tipps, zum Beispiel, dass man Eichhörnchen davon abhält, die Kabel in Automotoren anzunagen, indem man Mottenkugeln in einen alten Nylonstrumpf steckt und den unter die Haube hängt. Vorläufig war Geld kein Problem. Die Rechnungen stapelten sich zwar, aber Mom zahlte sie sowieso immer mit Verspätung. Trotzdem, wir wussten, dass wir nicht ewig so leben konnten, und ich hoffte jeden Tag, wenn ich von der Schule kam und in unsere Straße bog, den braunen Dart neben dem Bungalow parken zu sehen.

 

Eines Tages – Mom war jetzt schon fast zwei Wochen weg – ging ich nach der Schule in Mr Spinellis Laden, um uns wieder mit Hühnerpastetchen einzudecken. Ich hatte gedacht, ich würde Hühnerpastetchen nie leid werden, aber ich musste zugeben, dass ich sie allmählich nicht mehr sehen konnte, besonders weil wir sie auch schon zum Frühstück aßen. Ein paarmal hatten wir Rindfleischpasteten gekauft, aber die gab’s fast nie im Angebot, und Liz meinte, man bräuchte eine Lupe, um das Fleisch darin sehen zu können.

Mr Spinelli hatte hinter der Theke einen Grill, wo er Hamburger und Hotdogs machte, die er dann in Alufolie wickelte und unter ein warmes Rotlicht legte, sodass die Brötchen vom Dampf so richtig schön durchweicht wurden. Sie rochen unheimlich lecker, waren aber für uns unerschwinglich. Ich stockte also unsere Vorräte an Hühnerpastetchen auf.

»Hab deine Mom schon länger nicht mehr gesehen, Miss Bean«, sagte Mr Spinelli. »Was macht sie denn so?«

Ich erstarrte und antwortete dann: »Sie hat sich ein Bein gebrochen.«

»Das tut mir leid«, sagte er. »Weißt du, was? Nimm dir eine Eisschnitte. Geht aufs Haus.«

Als Liz und ich an diesem Abend an dem Resopaltisch saßen und unsere Hausaufgaben machten, klopfte es an der Tür. Liz machte auf, und Mr Spinelli stand draußen. Er hatte eine braune Papiertüte in den Händen, aus der oben ein Laib Brot ragte.

»Das ist für eure Mutter«, sagte er. »Ich wollte mal hören, wie’s ihr geht.«

»Sie ist nicht da«, sagte Liz. »Sie ist in Los Angeles.«

»Bean hat doch gesagt, sie hätte sich ein Bein gebrochen.«

Liz und Mr Spinelli schauten zu mir rüber, und ich guckte überallhin, nur nicht in ihre Augen. Ich weiß, ich benahm mich so auffällig wie ein Jagdhund, der einen Schinkenknochen geklaut hat.

»Sie hat sich das Bein in Los Angeles gebrochen«, sagte Liz glattzüngig. Sie war schon immer sehr schlagfertig. »Aber es ist nichts Ernstes. Ein Freund bringt sie in ein paar Tagen nach Hause.«

»Gut«, sagte Mr Spinelli. »Dann komm ich sie später besuchen.« Er hielt Liz die Tüte mit den Lebensmitteln hin. »Hier, nimm du das.«

 

»Was sollen wir jetzt machen?«, fragte ich Liz, sobald Mr Spinelli gegangen war.

»Ich überleg mir was«, sagte Liz.

»Meinst du, Mr Spinelli hetzt die Fliegelflagel auf uns?«

»Könnte sein.«

»Fliegelflagel« war das Wort, das Liz aus ihrem Lieblingsbuch Alice hinter den Spiegeln hatte und mit dem sie die übereifrigen Wichtigtuer vom Jugendamt meinte, die überall rumschnüffelten und dafür sorgten, dass Kinder genau die Art von Familie hatten, die sie nach Ansicht der Wichtigtuer haben sollten. Letztes Jahr in Pasadena, ein paar Monate bevor wir nach Lost Lake zogen, war ein Fliegelflagel aufgetaucht und hatte blöde Fragen gestellt, weil der Schuldirektor irgendwie auf die Idee gekommen war, Mom würde uns vernachlässigen, nachdem ich einer Lehrerin erzählt hatte, dass uns der Strom abgestellt worden war, weil Mom vergessen hatte, die Rechnung zu bezahlen. Mom ging an die Decke. Sie sagte, der Direktor wäre bloß einer von diesen aufdringlichen Gutmenschen, und sie beschwor uns, in der Schule ja nichts von zu Hause zu erzählen.

Falls die Fliegelflagel uns tatsächlich holen kamen, sagte Liz, würden sie uns zwei vielleicht in eine Pflegefamilie oder in eine Besserungsanstalt stecken. Sie könnten uns trennen. Sie könnten Mom ins Gefängnis werfen, weil sie ihre Kinder allein gelassen hatte. Aber Mom hatte uns nicht verlassen, sie brauchte einfach nur mal eine kleine Pause. Wir kamen bestens klar, solange die Fliegelflagel uns nur in Ruhe ließen. Probleme gab’s nur, wenn die sich einmischten.

»Ich hab eine Idee«, sagte Liz. »Wenn’s sein muss, können wir nach Virginia fahren.«

Mom stammte aus Virginia, aus einer Kleinstadt namens Byler, wo ihr Vater eine Baumwollweberei gehabt hatte, die so Sachen herstellte wie Handtücher, Socken und Unterwäsche. Moms Bruder, unser Onkel Tinsley, hatte die Weberei vor ein paar Jahren verkauft, aber er und seine Frau Martha lebten noch immer in Byler in einem großen alten Haus, das Mayfield hieß. Mom war in dem Haus aufgewachsen, hatte es aber vor zwölf Jahren verlassen. Da war sie dreiundzwanzig, und das war die Nacht, als sie mich aufs Autodach stellte und losfuhr. Seitdem hatte sie nicht mehr viel mit ihrer Familie zu tun gehabt, war nicht mal nach Byler gefahren, als ihre Eltern starben, aber wir wussten, dass Onkel Tinsley noch immer in Mayfield wohnte, weil Mom ab und zu jammerte, es wäre ungerecht, dass er das Haus geerbt hatte, bloß weil er älter und ein Mann war. Falls Onkel Tinsley je was passierte, würde es ihr gehören, und sie würde es auf der Stelle verkaufen, weil sie nur schlechte Erinnerungen an das Haus hatte.

Ich erinnerte mich weder an Mayfield noch an Moms Verwandte, weil ich ja erst ein paar Monate alt gewesen war, als wir da weggingen. Aber Liz hatte ein paar Erinnerungen, und die waren überhaupt nicht schlecht. Eigentlich waren sie sogar irgendwie magisch. Sie erinnerte sich an ein weißes Haus auf einem Hügel inmitten von hohen Bäumen und bunten Blumen. Sie erinnerte sich, dass Tante Martha und Onkel Tinsley Duette auf einem Flügel gespielt hatten und durch offene Verandatüren das Sonnenlicht hereinfiel. Onkel Tinsley war ein großer, fröhlicher Mann, der sie an den Händen fasste und herumwirbelte oder sie hochhob, damit sie Pfirsiche vom Baum pflücken konnte.

»Und wie kommen wir dahin?«, fragte ich.

»Mit dem Bus.« Liz hatte am Busbahnhof angerufen und sich erkundigt, wie viel die Fahrt nach Virginia kostete. »Die ist nicht billig«, sagte sie, »aber wir haben genug Geld für zwei Fahrkarten. – Falls nötig«, fügte sie hinzu.

 

Als ich am nächsten Tag von der Schule nach Hause ging und in unsere Straße bog, sah ich einen Streifenwagen vor unserem Bungalow stehen. Ein Polizist in blauer Uniform schirmte die Augen mit den Händen ab und spähte durch das Panoramafenster ins Haus. Dieser Mr Spinelli hatte uns also verpfiffen. Ich überlegte, was Liz in meiner Lage tun würde, und schlug mir dann klatschend auf die Stirn, damit jeder, der mich vielleicht beobachtete, sofort dachte, dass ich was vergessen hatte. Sicherheitshalber rief ich noch laut: »Ich hab meine Hausaufgaben in der Schule liegenlassen!«, drehte mich um und ging zurück.

Ich wartete vor der Highschool, bis Liz die Stufen herunterkam. »Was glotzt du denn so?«, fragte sie.

»Die Bullen«, flüsterte ich.

Liz zog mich von den anderen Schülern weg, die an uns vorbeidrängten, und ich erzählte ihr von dem Polizisten, der bei uns durchs Fenster geschaut hatte.

»Das war’s«, sagte Liz. »Beaner, wir fahren nach Virginia!«

Liz hatte unser Geld immer unter dem Innenfutter in ihrem Schuh, also gingen wir schnurstracks zum Busbahnhof. Liz sagte, das Schuljahr wäre so gut wie zu Ende, und deshalb würden uns unsere Lehrer nicht vermissen. Wir waren ja auch mitten im laufenden Schuljahr aufgetaucht. Außerdem war jetzt Haupterntezeit für Erdbeeren, Aprikosen und Pfirsiche, und die Lehrer waren es gewohnt, dass die Familien von Wanderarbeitern zur Erntezeit sang- und klanglos wieder verschwanden.

Während Liz die Fahrkarten kaufte, wartete ich vor dem Bahnhof und studierte das silbrige Symbol des rennenden Greyhound-Windhundes. Es war Anfang Juni, die Straßen waren ruhig, und der Himmel war reines kalifornisches Blau. Nach ein paar Minuten kam Liz wieder heraus. Wir hatten befürchtet, die Frau am Schalter könnte sich darüber wundern, wieso ein Kind Fahrkarten kaufte, aber Liz berichtete, sie habe sie, ohne mit der Wimper zu zucken, über die Theke geschoben. Es gab also tatsächlich auch Erwachsene, die sich nicht um Sachen scherten, die sie nichts angingen.

Der Bus fuhr um Viertel vor sieben am nächsten Morgen ab. »Sollen wir Onkel Tinsley nicht vorher anrufen?«, fragte ich.

»Ich find’s besser, wenn wir unangemeldet auftauchen«, sagte Liz. »Dann kann er nicht nein sagen.«

 

An dem Abend aßen wir unsere Hühnerpastetchen, und danach holten Liz und ich die Koffer hervor, von denen Mom sagte, sie stammten noch aus der Zeit, als sie zum Debütantinnenball ging. Es handelte sich um ein passendes Set aus einem hellbraunen, tweedartigen Stoff mit dunkelbraunen Krokodillederleisten und -griffen, mit Scharnieren und Schlössern aus Messing. Sie trugen ein Monogramm mit den Anfangsbuchstaben von Moms Namen: CAH, Charlotte Anne Holladay.

»Was sollen wir mitnehmen?«, fragte ich.

»Klamotten, aber sonst nichts«, sagte Liz.

»Was ist mit Fido?«

»Gib ihm extra viel Futter und Wasser und lass ihn hier«, sagte Liz. »Er hält schon durch, bis Mom wiederkommt.«

»Und wenn Mom nicht wiederkommt?«

»Sie kommt wieder. Sie lässt uns nicht im Stich.«

»Und ich will Fido nicht im Stich lassen.«

Was sollte Liz dagegen sagen? Sie seufzte und schüttelte den Kopf. Fido kam mit nach Virginia.

 

Während wir die beiden Debütantinnenzeit-Koffer packten, musste ich an die vielen Male denken, die wir schon Hals über Kopf alles zusammengepackt hatten und abgereist waren. Das machte Mom immer, wenn sie unzufrieden damit war, wie die Dinge liefen. »Wir treten auf der Stelle«, erklärte sie dann, oder »In dieser Stadt gibt es nur Verlierertypen«, oder »Die Luft hier schmeckt schal«, oder »Wir stecken in einer Sackgasse«. Manchmal lag es an Streitigkeiten mit Nachbarn, manchmal an irgendeinem Lover, der sich aus dem Staub gemacht hatte. Manchmal war sie von dem Ort enttäuscht, in den wir gezogen waren, und manchmal schien sie sich einfach in ihrem eigenen Leben zu langweilen. Ganz gleich, woran es lag, sie erklärte jedenfalls, dass es Zeit für einen Neuanfang war.

Im Laufe der Jahre waren wir nach Venice Beach, Taos, San Jose, Tucson gezogen, plus die kleineren Orte, von denen die wenigsten Leute überhaupt je gehört hatten, wie zum Beispiel Bisbee und Lost Lake. Vor Pasadena hatten wir in Seattle gewohnt, weil Mom meinte, es würde ihre kreative Energie in Schwung bringen, wenn wir in einem Hausboot auf dem Puget Sound lebten. Als wir dort ankamen, stellten wir fest, dass Hausboote viel teurer waren, als man meinen sollte, also landeten wir in einem muffigen Apartment, und Mom jammerte ständig über das schlechte Wetter. Drei Monate später waren wir wieder weg.

Liz und ich waren zwar schon oft und lange allein gewesen, aber wir hatten noch nie ohne Mom eine weite Reise unternommen. Das an sich machte mir noch keine großen Sorgen, aber ich fragte mich immer wieder, was uns wohl erwarten würde, wenn wir erst in Virginia ankamen. Mom hatte nie irgendwas Gutes über ihre Heimat erzählt. Immer meckerte sie nur über die hinterwäldlerischen Fusselköpfe, die Autos fuhren, deren Stoßstangen von Klebeband gehalten wurden, und über die Cocktail-Szene, Leute, die in großen alten Villen wohnten, Porträts aus der Ahnengalerie verkauften, um ihre Steuern zu bezahlen und ihre Foxhounds zu füttern, und derweil von der guten alten Zeit schwärmten, als die Farbigen noch wussten, wo sie hingehörten. Das war lange her, als Mom noch ein Kind war. Inzwischen hatte sich vieles verändert, und ich dachte mir, dass das auch für Byler galt.

Nachdem wir das Licht ausgemacht hatten, lagen Liz und ich nebeneinander im Bett. Solange ich zurückdenken konnte, hatte ich mir mit Liz das Bett geteilt. Das fing an, nachdem wir Virginia verlassen hatten, als ich noch ein Baby war und Mom feststellte, dass ich zu weinen aufhörte, wenn sie mich zu Liz ins Bett legte. Später dann lebten wir manchmal längere Zeit in Motels mit nur zwei Betten oder in möblierten Apartments mit einem Klappbett. In Lost Lake war unser gemeinsames Bett so schmal, dass wir nur aneinandergeschmiegt auf der Seite liegen konnten, weil wir uns sonst dauernd die Decke wegzogen. Wenn mein Arm allmählich taub wurde, stupste ich Liz sachte an, sogar im Schlaf, und wir drehten uns gleichzeitig auf die andere Seite. Die meisten Kinder hatten eigene Betten, und manch einer hätte es vielleicht seltsam gefunden, mit der eigenen Schwester in einem Bett zu schlafen – ganz abgesehen davon, dass es eng war –, aber ich fand das schön. Man fühlte sich nachts nie einsam, und man hatte immer jemanden zum Reden. Genau genommen waren das die besten Gespräche, wenn wir wie zwei Löffelchen in der Dunkelheit lagen und uns mit gedämpfter Stimme unterhielten.

»Meinst du, Virginia wird uns gefallen?«, fragte ich.

»Du wirst es mögen, Bean.«

»Mom hat’s gehasst.«

»Mom hat an jedem Ort, wo wir gewohnt haben, was zu meckern gehabt.«

 

Ich schlief schnell ein, wie meistens. Als ich die Augen wieder aufschlug, war es noch dunkel, aber ich fühlte mich hellwach und ausgeruht, so wie man sich fühlt, wenn man aus dem Bett springt und in die Gänge kommen muss, weil man einen wichtigen Tag vor sich hat und keine Zeit verlieren darf.

Liz war schon auf. Sie machte das Licht an und setzte sich an den Küchentisch. »Wir müssen Mom einen Brief schreiben«, sagte sie.

Während ich unsere Hühnerpastetchen warm machte und den letzten Rest Orangensaft in Gläser goss, arbeitete Liz an dem Brief. Sie müsse ihn so schreiben, dass Mom ihn verstehen würde, aber sonst keiner, sagte sie.

Der Brief war typisch Liz.

Liebe Herzkönigin,

aufgrund des plötzlichen Auftretens von Fliegelflageln in der näheren Nachbarschaft hielten wir es für ratsam, die Örtlichkeiten zu verlassen, um dem verrückten Hutmacher Tinsley und Martha, der Haselmaus, einen Besuch abzustatten. Wir warten hinter den Spiegeln auf Dich, im alten Spukschloss Deiner Spukgeschichten, dem Gefilde der Fusselköpfe, wo Bean geboren wurde und die Pluckerwank gar elump sind.

 

Gruß und Kuss

Zwiddeldum und Zwiddeldei

Wir legten den Brief auf den Küchentisch und beschwerten ihn mit der dunkelblau glasierten Tasse, die Mom gemacht hatte, als sie in ihrer Töpfer-Phase war.

4

Als der Bus am Bahnhof hielt, stiegen zwei Leute aus, und wir konnten uns ihre spitzenmäßigen Sitzplätze gleich vorne rechts schnappen, wo man besser sehen konnte als auf der linken Seite hinter dem Fahrer. Liz ließ mich ans Fenster, und ich hielt Fido in seiner runden Tupperdose auf dem Schoß. Wir hatten ein bisschen Wasser reingetan und eine umgedrehte Untertasse, auf der er sitzen konnte, und wir hatten Löcher in den Deckel gestanzt, damit er Luft bekam.

Als wir abfuhren, schaute ich aus dem Fenster, weil ich irgendwie hoffte, dass Mom doch noch rechtzeitig zurückgekehrt war und gleich die Straße runtergerannt kommen würde, ehe wir in unbekannte Fernen davonrollten. Aber die Straße blieb leer.

Der Bus war voll, und weil ja jeder der Fahrgäste seine Reise aus irgendeinem Grund machte, spielten wir Welche Geschichte steckt dahinter? Das war noch so ein Spiel, das Liz sich ausgedacht hatte. Wir versuchten zu erraten, wohin die anderen fuhren und warum, ob sie glücklich oder ängstlich waren, ob sie ein wunderbares Ziel hatten oder vor irgendwelchen Gefahren oder Pleiten flüchteten, ob sie jemanden besuchen wollten oder ihr Zuhause für immer verließen. Bei manchen war es leicht. Der junge Soldat, der den Kopf auf seinen Seesack gelegt hatte und schlief, war auf Heimaturlaub und unterwegs zu Familie und Freundin auf dem Land. Die zarte Frau mit der kleinen Tochter sah gehetzt aus und hatte eine Hand in Gips. Liz vermutete, dass sie auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann war. Ein dünner Typ in einer karierten Jacke, der sich das strähnige Haar hinter die Segelohren gestrichen hatte, saß auf der anderen Seite des Gangs hinter dem Fahrer. Während ich ihn anschaute und rätselte, ob er ein zerstreutes Mathematikgenie oder bloß ein hergelaufener Trottel war, fing er meinen Blick auf und zwinkerte mir zu.

Ich sah schnell weg – es war mir immer total peinlich, wenn mich Leute dabei ertappten, wie ich sie anstarrte –, aber als ich kurz darauf wieder zu ihm rüberschielte, glotzte er mich noch immer an. Er zwinkerte wieder. Ich dachte, ach du Schande, und ich hatte recht: Als Liz aufstand, weil sie zum Klo musste, kam der Trottel rüber, setzte sich neben mich und legte einen Arm auf die Rückenlehne von meinem Sitz. Er drückte mit einem Finger auf Fidos Tupperdose.

»Was hast du denn da drin?«, fragte er.

»Meine Schildkröte.«

»Hat die auch eine Fahrkarte?« Er beäugte mich und zwinkerte mir dann wieder zu. »War bloß Spaß«, sagte er. »Fahrt ihr Mädchen weit?«

»Virginia«, sagte ich.

»So ganz allein?«

»Unsere Mutter hat’s erlaubt.« Und dann schob ich nach: »Und unser Vater auch.«

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