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Die ängstliche Supermacht

ERIC T. HANSEN MIT
ASTRID ULE

DIE ÄNGSTLICHE
SUPERMACHT

WARUM DEUTSCHLAND
ENDLICH ERWACHSEN WERDEN
MUSS

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

INHALT

  1. Goodbye Deutschland, hallo Supermacht
  2. ERSTER TEIL
  3. Deutschland, werd erwachsen
  4. Europa ist eine deutsche Idee
  5. Spieglein, Spieglein an der Wand, guck mich nicht so böse an
  6. Kulturelle Nekrophilie
  7. Das Dornröschensyndrom
  8. Deutschland, du Opfer
  9. Dafür bin ich nicht zuständig
  10. Nimmerland ist abgebrannt
  11. ZWEITER TEIL
  12. Wie geht das: Supermacht?
  13. Supermacht? Ohne mich!
  14. Darf Deutschland führen?
  15. Eine Supermacht ist eine Idee
  16. Die Kuschel-Imperialisten
  17. German noise
  18. Kaiser, go home
  19. Kommt ein Viertes Reich?
  20. Etwas Größeres als man selbst
  21.   
  22. Und noch was …

Goodbye Deutschland, hallo Supermacht

Meiner Freundin standen die Tränen in den Augen.

Sie hatte ferngesehen. Ich saß im Büro, mit dem Rücken zur Tür, und irgendwann merkte ich, dass sie hinter mir stand. Sie hatte nichts gesagt. Ich drehte mich um. Der Ausdruck in ihrem Gesicht war traurig und verwundert zugleich.

»Sie verbrennen schon unsere Fahne«, sagte sie.

Meine Freundin und Co-Autorin Astrid Ule ist alles andere als nationalistisch gesinnt, und naiv ist sie auch nicht. Sie ist eine moderne, aufgeklärte Frau, die schließlich für die Hälfte meines Geschreibsels verantwortlich ist, steht wie alle Intellektuellen Deutschlands eher links, hat viele Demos und soziale Bewegungen im Leben kommen und gehen sehen und versteht, was in Griechenland los ist.

Das Phänomen »Fahne verbrennen als Protest« kennt sie auch, und zwar von meiner Heimat. Wenn sie sieht, dass meine Fahne – die amerikanische – irgendwo auf der Welt in Flammen aufgeht, hat sie kein Problem damit. Selbst wenn ich sage, dass mir das wehtut, antwortet sie ungerührt: »Dann sollte dein Land vielleicht etwas daraus lernen.« Doch die eigene Fahne – das war etwas anderes.

Das war der Moment, in dem mir klar wurde, wie sehr Deutschland sich gerade verändert. Ohne dass viele Menschen es überhaupt wahrnehmen, macht es gerade eine umwälzende Wandlung durch.

Diese Veränderung hängt mit der Euro-Krise zusammen und mit der neuen Verantwortung, die Deutschland zunehmend in Europa übernimmt. Vor wenigen Jahrzehnten noch hatte es die halbe Welt in Schutt und Asche gelegt und war aus gutem Grunde unbeliebt. Heute schauen alle europäischen Länder nach Deutschland in der Hoffnung auf Hilfe und Führung. Ein erstaunlicher Wandel hat sich vollzogen: Ein schuldiges, verachtetes Täterland ist zu einem verantwortungsbewussten Führungsstaat in einer Staatengemeinschaft geworden.

Plötzlich verstand ich, was das für die Zukunft bedeutet: Alles, was Amerika als Supermacht, als Weltpolizei, als mächtige Wirtschaftskraft, als verhasste und geliebte Idee, als Standard, an dem man sich misst und reibt, gegen den man anrennt, in den letzten 70 Jahren hinter sich gebracht hat, steht Deutschland ab jetzt in Europa bevor. Es war ein aufregender Moment. Das Verbrennen der Fahne durch jene Menschen, denen Deutschland eigentlich nur helfen will, ist nur der Anfang.

Ich sah sie mir an, meine Freundin, wie sie verwirrt dastand, und sagte nur: »Baby, willkommen im Klub.«

In der Griechenland-Krise hat Deutschland zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg ganz eigenständig massiv in das Schicksal eines anderen Landes eingegriffen. Natürlich handelte das Land dabei nicht im Alleingang. Deutschland war mit rund einem Viertel des Euro-Rettungsschirms in der Euro-Krise zwar nicht der alleinige Geldgeber, sondern nur der wichtigste und großzügigste; das Geld ist auch nicht geschenkt, sondern bloß geliehen. Auch mit der Doktrin des strengen Sparkurses steht Deutschland nicht allein: Keine Entscheidung wird ohne Kompromisse getroffen. Doch finanziell und politisch ist Deutschland eindeutig der wichtigste Partner: Alles steht und fällt mit ihm. Ganz Europa blickt deshalb gerade auf dieses Land.

Bisher war solch ein Verhalten allein Supermächten wie den USA oder der früheren UdSSR vorbehalten. Denn mit dem Kredit, den Deutschland für Griechenland und andere strauchelnde europäische Staaten bereitgestellt hat, kamen auch strikte Bedingungen für die Kreditnehmer. Das hört sich eigentlich nur logisch an, doch es ist ein Präzedenzfall. Es war ein Diktat Deutschlands an andere souveräne Länder, die das bereitwillig akzeptiert haben. Das ist einmalig in der Geschichte der BRD, und, nur gut 70 Jahre nach Kriegsende, einmalig in Europa.

Das bedeutet, ausgerechnet Deutschland übernimmt Verantwortung für das Wohl anderer Länder und für das Wohl Europas als Ganzes. Und je mehr Verantwortung es übernimmt, desto deutlicher zeigt sich, wie das Land mehr oder weniger freiwillig in eine neue Führungsrolle hineinwächst.

Gleichzeitig macht Europa eine erstaunliche Wandlung durch. Denn es wird immer klarer: Will die Europäische Union überleben, muss sie sich von einer rein wirtschaftlichen Einheit zu einer politischen entwickeln. Irgendwann in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts wird die EU entweder in Dutzende kleine, ohnmächtige Einzelstaaten zurückfallen, oder sie wird zu einem föderalen Vielvölkerstaat mutieren, zu einer Art Vereinigte Staaten von Europa. Und den größten politischen und wirtschaftlichen Einfluss darin wird Deutschland besitzen.

Eine europäische Föderation ist keine neue Idee. Sie wurde schon 1948 diskutiert, doch so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sie sich nicht umsetzen. Heute sind die Verhältnisse anders: Europa bekriegt sich nicht mehr, sondern gewinnt gemeinsam den Friedensnobelpreis. Ja, man könnte sagen, die Gelegenheit ist günstig.

Die Vereinigung Europas zu einem »Superstaat« würde einen radikalen Schnitt in der deutschen Geschichte bedeuten. Allerdings sollte das für die Deutschen nichts Neues sein. Historisch gesehen wechselt dieses Volk seine Staatsform wie andere Völker ihr Hemd. Das Kaiserreich hat nur 49 Jahre überlebt; die Weimarer Republik nur 15; die Nazi-Utopie nur etwa 1 Prozent ihrer vorgesehenen 1000 Jahre, die DDR kam nur auf 41 Jahre. Die BRD hat es sage und schreibe 64 Jahre ausgehalten.

Die Zeit für einen erneuten Wechsel ist also längst überfällig.

Und siehe da: Er zeichnet sich schon am Horizont ab.

Die Griechenland-Krise hat den Wendepunkt eingeläutet. Der ist diesmal nicht so klar abzugrenzen wie 1918, 1933 oder 1949. Denn er kommt Schritt für Schritt: Zuerst macht Deutschland ein wenig Geld für Griechenland locker. Das ist nichts Besonderes. Damit einher geht aber die Forderung, dass Griechenland seine Fiskalpolitik nach deutschen Vorstellungen ändert. Na ja, eigentlich auch logisch. Irgendwann hat man sich an die Idee gewöhnt, dass Deutschland etwas für Europa tun muss, aber auch, dass Deutschland die Spielregeln bestimmt. Schon jetzt ist das für die meisten Deutschen – und für die meisten Europäer – keine so abwegige Vorstellung mehr.

Dann muss an einem vereinten Europa gebastelt werden:

Die Europäische Zentralbank wird nach und nach die gesamten Nationalbanken ersetzen, denn nur so kann eine gemeinsame Währung verwaltet werden. Dazu wird ein gemeinsames Wirtschaftsministerium eingerichtet. Irgendwann wird es so weit sein, dass die Europäer grummelnd die Vorteile der Einigung anerkennen werden und endlich den nächsten Schritt gehen, nämlich die nie ratifizierte EU-Verfassung von 2004 aus der Schublade zu holen, zu überarbeiten und diesmal geschlossen zu unterschreiben. Spätestens dann wird klar, was für ein auch politisch vereintes Europa noch fehlt: ein gemeinsames Präsidentenamt – und der Zusammenschluss aller souveränen Nationen der EU zu einem vereinigten europäischen Staatengebilde.

Selbst wenn die Vereinigten Staaten von Europa dann offiziell immer noch »Europäische Union« heißen sollten, werden sie die wirtschaftlich größte und politisch einflussreichste Macht der Welt sein, so mächtig wie sonst nur die Vereinigten Staaten von Amerika, höchstwahrscheinlich sogar angesehener: eine neue Supermacht für das 21. Jahrhundert, und die Deutschen werden als Primus inter Pares die Führungsrolle innehaben.

Wie das föderale Europa genau aussehen wird, kann keiner sagen. Vielleicht wird es von der Staatsform her gar nicht so anders sein als heute, was ich aber bezweifle. Ich glaube, die Vereinigten Staaten von Europa werden so radikal neu sein, dass man es sich heute kaum vorstellen kann. Man muss die Fantasie spielen lassen.

Hier ein kleiner Vorgeschmack auf das Leben als Deutscher in einer europäischen Supermacht: In absehbarer Zeit wird Deutschland aufhören zu existieren. Das Gebiet gibt es noch, auch die Menschen, ebenso Städte wie Hamburg, Frankfurt oder Schnackenburg. Der Rhein fließt romantisch wie immer durch die Täler. Die Staus auf den Autobahnen zu Ferienbeginn sind so schlimm wie eh und je, vielleicht noch schlimmer, und selbstverständlich gibt es noch den Tatort. Deutschland ist lediglich keine Nation mehr.

Auch der Reichstag steht noch in Berlin, aber da residiert keine Bundeskanzlerin beziehungsweise kein Bundeskanzler, sondern ein Gouverneur. Dieser darf hier und da eine Brücke bauen, Investoren ködern oder Weinköniginnen küren, aber zu den großen Fragen – Steuern, Außenpolitik, Gesundheitswesen – hat er oder sie nicht viel zu sagen. Denn Deutschland ist nur noch eine Region innerhalb der Vereinigten Staaten von Europa, so wie heute Bayern Teil der Bundesrepublik ist.

Der deutsche Gouverneur ist nicht mal Deutscher. Er kommt ursprünglich aus Litauen. Oder vielleicht Malta oder Rumänien. Er ist, wie viele Menschen in Berlin und weiteren deutschen Städten, aus einer anderen europäischen Region hierhergekommen, hat sich zu Hause gefühlt und sich irgendwann gesagt: »He, hier läuft was schief.« Also ist er Politiker geworden. Er hat keine deutsche Staatsangehörigkeit, das macht aber nichts, denn er ist europäischer Staatsbürger, und damit kann er in jeder Region Europas nicht nur wählen, sondern auch gewählt werden. Heute ist das ja auf Landesebene nicht anders: Selbstverständlich kann sich ein Thüringer in Düsseldorf zur Wahl aufstellen lassen. Morgen ist das Gleiche auf europäischer Ebene möglich – sogar üblich. Man wird sich nur noch wundern, dass dies früher so unglaublich kompliziert war.

Der Gouverneur spricht nicht einmal einwandfreies Deutsch. Dafür finden die Wähler seine Sprüche einfach charmant: »Da haben wir den Gulasch!« ist bereits zum geflügelten Wort geworden.

Fremdsprachler in politischen Ämtern sind nichts Ungewöhnliches mehr. Deutsch wird zwar noch gesprochen und geschrieben, aber sobald man sich nicht mehr zu Hause oder auf dem Lande befindet, kommuniziert man in Europa nur noch in einer Zweitsprache: Englisch ist die Sprache der Politik, der Wirtschaft, der Kultur, der großen europäischen Zeitungen und TV-Serien. Der Tatort ist nun auf Englisch, hat 27 verschiedene Ermittlerteams und ist der Hit auf dem ganzen Kontinent. Er wird am Sonntagabend gleichzeitig in Aalborg, Malaga, Sofia, Brno, Nikosia, Marseille und in Friedrichsthal (Saar) geschaut. Die deutschen Produktionsteams müssen sich ganz schön anstrengen, um mit ihren britischen, französischen und spanischen Kollegen mitzuhalten, wobei ich sagen muss, ich persönlich finde die teuren westeuropäischen Produktionen zu glatt: Mein Herz schlägt für Tatort: Riga.

Englisch ist auch die Sprache der Singlebars in Berlin, Paris, Rom, Budapest, Warschau, Prag und Istanbul, denn die Einwohner der großen Städte sind längst keine homogene Gruppe mehr. Nur etwa ein Drittel bis die Hälfte der Einwohner sprechen als Muttersprache Deutsch, der Rest ist eine wilde Mischung aus allen möglichen Sprachen. Und alle wollen sie in Deutschland Karriere und Geschäfte machen, am Stammtisch über Politik und Popkultur streiten und natürlich einander auch an die Wäsche. Dafür brauchen sie die Sprache Europas: Englisch. Oder auch, wie der alte, dann vergessene Vordenker Europas Wolfgang Schäuble 2012 in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Sonntag sagte: Schlechtes Englisch – »die meistgesprochene Sprache der Welt«.

Stört Sie diese Vorstellung von diesem Deutschland im 21. Jahrhundert? Haben Sie das beängstigende, ohnmächtige Gefühl, Ihre Kultur, Ihre Heimat, Ihre Identität zu verlieren? Dass Ihnen Ihr Deutschsein von einer wilden, ausländischen Mischpoke geraubt wird?

Falls ja, lassen Sie uns einen Blick auf das restliche Europa werfen. Denn dort hat man das Gefühl, man verlöre seine Identität, Geschichte und Heimat ausgerechnet an die Deutschen.

Am meisten ärgert man sich über die deutschen »Heuschrecken«. Es ist schlimm genug, dass die Deutschen von Brüssel aus den anderen Mitgliedstaaten immer alles vorschreiben müssen, was mit Wirtschaft zu tun hat, aber damit nicht genug: Ähnlich wie damals nach der Wende in der DDR, kommen immer mehr Deutsche nach Ljubljana, Bratislava, Bukarest, Sofia, Tallinn oder gar Lissabon und übernehmen gleich ganze Firmen dort. Na gut, manche bringen die Unternehmen auf Vordermann, andere aber kassieren nur europäische Fördergelder, kloppen den ganzen Laden in die Tonne und hauen wieder ab. Überhaupt, wie viele Manager gibt es noch in den großen Firmen im Osten von Europa, die keinen deutschen Nachnamen haben?

Nicht nur in den ländlichen, eher ärmlichen Gebieten von Europa ärgert man sich über die Deutschen: In Brüssel erst recht. Zum vierten Mal hintereinander hat ein Deutscher das Amt des europäischen Präsidenten inne. Seit dieses oberste Amt in einer Direktwahl entschieden wird, scheint ständig ein Deutscher in der schicken neuen Brüsseler Präsidentenvilla, »Türmchen zu Babel« im Volksmund, zu residieren. Vor allem die konservative deutsch-französische CDU/UMP, auch »Kraut-und-Crêpes-Partei« genannt, schafft es immer wieder an die Macht. Das finden viele Bundesstaaten wie Lettland und Bulgarien unfair, aber was soll man machen? Es ist ja ausgerechnet die eigene Partei – die osteuropäische Drei-Länder-Partei GERB – die immer wieder mit der CDU/UMP koaliert und ihnen dadurch die absolute Mehrheit verschafft.

Im Übrigen ist die Koalitionslandschaft viel interessanter als damals in der BRD: Seit die Türkei den Status eines vollwertigen Mitgliedstaats erreicht hat, wählt ein Großteil der europäischen Muslime die AKP, die damit zu einem wichtigen Verhandlungspartner in Koalitionsgesprächen geworden ist. Überraschenderweise ist ganz nebenbei die Popularität der radikalen Islamisten in Europa stark zurückgegangen, seit Muslime ein Mitspracherecht in der europäischen Politik haben.

Die Deutschen allein wären in Europa zwar zahlenmäßig unterlegen, aber zusammen mit den Franzosen, den Italienern und den Spaniern machen sie die Hälfte der EU-Bevölkerung aus, und ihre Parteien ergattern erstaunlich oft das Präsidentenamt. Und ebenso erstaunlich oft stammt deren Spitzenkandidat eben aus Deutschland. Na ja, das kennen wir ja schon von Griechenland 2012/2013: Wer das Geld hat, bestimmt die Regeln.

Wer will da noch zu Hause bleiben, wenn woanders die Musik spielt? Sobald die Kinder in Ungarn erwachsen sind, hauen sie ab nach Deutschland und heiraten auch noch einen oder eine von dort. Zu Weihnachten besuchen sie mit ihren Kindern Oma und Opa, aber die Kleinen können keine ungarischen Weihnachtslieder mehr singen, wünschen »Frohe Weihnachten« statt »Kellemes karácsonyi ünnepeket!« und wollen keine Pogatschen essen, sondern Pommes und Spaghetti bolognese. Und sprechen nur noch Englisch und Deutsch.

Deutsch ist schon lange die beliebteste Zweitsprache in und über Europa hinaus. Zwar ist Englisch die Lingua franca, aber die Deutschen haben so viel Gewicht in Europa, dass man auf den Straßen in Brüssel, ja selbst in New York und Peking, mehr Deutsch als Französisch oder Japanisch hört, oft mit den merkwürdigsten Akzenten. Studenten weltweit kreuzen automatisch Deutsch an, wenn es darum geht, nach Englisch eine zweite Fremdsprache zu erlernen. Man spricht gar von einer »deutschen Renaissance«: Mit dem Interesse an Volk und Sprache geht eine neue Begeisterung für die deutschen Klassiker einher, und in den schicken New Yorker Lesezirkeln ist es Trend, neuere deutsche Literatur in englischer Übersetzung, aber mit dem deutschen Original auf dem Schoß zu lesen und zu diskutieren. Junge deutsche Autoren jonglieren mit ihrer Muttersprache, dass dem Rest der Welt schwindelig wird. Die Ungarn, die Bulgaren, die Dänen können das nicht von ihrer Sprache sagen, und das ärgert sie, denn ihre Sprache ist doch auch schön.

Die Deutschen haben so viel Einfluss, sie haben so schnell und so selbstverständlich die Führungsrolle übernommen, dass andere Länder die Europäische Union inzwischen ganz offen »die Vereinigten Staaten von Deutschland« nennen. In Frankreich munkeln sie ab und zu von »Euromagne«, und auf der ganzen Welt kommt man mit »Krautropa« durch.

Ohne »Krautropa« läuft gar nichts mehr. Wenn es um Unruhen in Nahost geht; um Sanktionen gegen irgendeinen Diktator, der sein Volk in einen Bürgerkrieg treibt, um den IWF, die Weltbank, um eine bevorstehende Entscheidung in der UNO, um eine Wirtschaftskrise wie die von 2008, Umweltkontroversen oder die Regulierungen des Internets, wendet man sich als Erstes an die Supermächte Amerika sowie »Krautropa« und dann und wann auch China.

Allerdings will ich nicht verschweigen, dass es auch einen gravierenden Nachteil gibt: Die Fußball-WM ist langweilig geworden. Seitdem Europa als ein Land gilt, ist die Zahl der teilnehmenden Mannschaften auf eine Handvoll geschrumpft, und die Europäer gewinnen immer.

Immer diese Deutschen! Wie haben sie es nur geschafft, wieder ganz oben zu sein? Und zwar mit dem, wenn auch ein bisschen widerwilligen, aber doch erleichterten Einverständnis der anderen Europäer? Das soll einer verstehen!

In ganz Europa spürt man diese kommende Veränderung wie ein sanftes, aber stetiges Erdbeben. Vor allem die Deutschen spüren es. Je näher die Vereinigten Staaten von Europa rücken, desto unruhiger werden sie. Denn sie ahnen nicht nur, dass ihnen mit der Führungsrolle eine ungeheuere Verantwortung in den Schoß gelegt wird, sie wissen, dass sie darauf nicht vorbereitet sind. Sie ahnen richtig: Seit dem Zweiten Weltkrieg – ach was, seit Anfang des 19. Jahrhunderts – haben die Deutschen eher das Gegenteil von Führungsqualitäten verinnerlicht: Furchtsamkeit statt Mut, Ausreden erfinden statt Verantwortung übernehmen und sich selber so kleinzumachen, dass keiner da draußen bemerkt, dass sie da sind.

Dieses Buch handelt von Europa, aber nicht von der Bürokratie in Brüssel oder den Details aus dem Vertragswerk, aus dem die Europäische Union entstand. Das Buch liefert auch keine Argumente für oder gegen Europa, denn die Vereinigten Staaten von Europa, in welcher konkreten Form auch immer, werden so oder so zustande kommen. All das ist seit der Griechenlandkrise Nebensache. Wichtig für mich als amerikanischer Beobachter ist die Frage: Was bedeutet das für die Deutschen?

Für dieses Volk, das sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor jeder Verantwortung auf der internationalen Bühne weggeduckt hat. Für all die braven Bürger, die während der letzten 20 Jahre verinnerlicht haben, dass sie aus ganz klaren, logischen, persönlichen wie auch politischen Gründen bloß nie wieder den Kopf aus dem Sand ziehen dürfen. Für dieses Land, das als Überlebensstrategie gelernt hat, sich klein und unsichtbar zu machen, das seine Angst vor Verantwortung zu einer politischen Philosophie erhoben hat. Für jene Deutschen, die all das gar nicht gewollt haben – aber keine Wahl mehr haben.

Dieses Buch handelt von ihrem Land und seiner neuen Rolle als führende und verantwortliche Kraft in einer kommenden Supermacht und davon, was auf sie zukommt. Wie ihr Leben und ihre Gesellschaft sich durch ihre neue Aufgabe verändern werden. Welche lieb gewonnenen, aber selbstzerstörerischen Gewohnheiten wie Angst, Selbsttäuschung und Wirklichkeitsflucht sie dafür ablegen müssen, und was notwendig ist, um dieser Rolle gerecht zu werden.

Wenn Sie jetzt denken, so weit wird es nicht kommen, nie im Leben, dann liegt das möglicherweise daran, dass Sie einen veralteten Begriff von »Supermacht« haben …

ERSTER TEIL

Deutschland, werd erwachsen

Europa ist eine deutsche Idee

Warum ich überzeugt bin, dass die Vereinigten Staaten von Europa unter deutscher Führung unvermeidbar sind? Weil ausgerechnet die Deutschen vor fast 200 Jahren schon einmal vorgemacht haben, wie so ein Verbund zustande kommen kann.

Viele denken, das Zeitalter der Supermächte sei so viele Jahre nach dem Fall der Mauer längst vorbei. Doch stattdessen geht es gerade in die zweite Runde.

Der Begriff »Superpower« wurde 1943 von dem holländisch-amerikanischen Geostrategen Nicholas Spykman erfunden. Seiner Meinung nach verdienten damals drei Staaten diese Bezeichnung: Großbritannien, die USA und die Sowjetunion. Schon wenige Jahre später sprach man nur noch von den USA und der UdSSR, und nach dem Zerfall der Sowjetunion glaubte man einen Augenblick lang, dass es ab jetzt nur noch eine Supermacht gäbe: die USA.

Erst dann fragten sich viele Politwissenschaftler, ähnlich wie ein Kurzsichtiger, der erst langsam kapiert, dass er seine Brille seit einer Weile gar nicht mehr auf der Nase, sondern zu Hause vergessen hat, ob das keine überholte Sichtweise sei, die des Kalten Krieges nämlich, als sich zwei übergroße Kontrahenten gegenüberstanden – Kontrahenten, die heute gar keine Feinde mehr sind.

Im Kalten Krieg sagte man zwar »die USA« und »die UdSSR«, meinte aber mehr, nämlich: »die westliche Welt« und »die kommunistische Welt«. Der komplette Planet wurde in unseren Köpfen in zwei »Superblöcke« aufgeteilt: Der Warschauer Pakt beherrschte die eine Hälfte, die NATO die andere. So definierte man auch »Supermacht«: ein Staat zusammen mit der Welthälfte, die zu ihm gehörte.

Doch diese Zweiteilung währte nicht lange. Nach dem Zerbröckeln der Sowjetunion zerfiel nicht nur der Warschauer Pakt, auch die NATO verlor an Bedeutung. Die UdSSR schrumpfte, bis nur noch Russland blieb, und Westeuropa wandte sich in den Jahren des Irakkrieges von seinem einstigen Verbündeten Amerika ab, bis die USA nicht mehr »die freie Welt« waren, sondern bloß ein sehr großes Land in der freien Welt. Im Kalten Krieg, das sah man jetzt, hatten Amerika und die Sowjetunion imposanter gewirkt, als sie wirklich waren. Heute sehen sie nur noch so groß aus, wie sie wirklich sind.

Zwar ist Amerika noch das mächtigste Land der Welt, aber nicht mehr 1000 Prozent, sondern vielleicht nur noch 10 Prozent mächtiger als andere Länder. Seien wir ehrlich, das haut keinen mehr so recht vom Hocker. Mit ein wenig Mühe können andere Nationen, sofern sie nicht in Ehrfurcht oder Unentschiedenheit erstarrt sind, aufholen. Es ist heute möglich geworden, mit Amerika um die Wette zu rennen.

Genau auf diesen Bedeutungsverlust spielt der sogenannte »Fall Amerikas« an. Aber in Wahrheit »fällt« es nicht, sondern es ist für andere Länder heute lediglich leichter, mit dem einstigen Koloss auf Augenhöhe zu kommen. Plötzlich fiel auf, dass China ebenfalls verdammt groß ist, und nicht vorhat, mit dem Wachsen aufzuhören, Einkindpolitik hin oder her. China wird wohl nicht so schnell hundertmal mächtiger sein als Amerika, aber es kann bald in derselben Liga mitspielen: auf dem Niveau der Supermächte.

Eine Supermacht war im Kalten Krieg so übergroß, dass man sie als einen Staat definieren konnte, der in der Lage ist, die halbe Welt plattzumachen, wie Paul Dukes es noch in seinem Buch The Superpowers: A Short History tat. Das war rückblickend wohl etwas dick aufgetragen: Die USA hatten im Kalten Krieg beispielsweise genug Atomwaffen, um theoretisch große Teile der Welt zu zerstören, waren aber praktisch nicht mal in der Lage, die Guerilla-Kämpfer eines kleinen Landes wie Vietnam zu besiegen oder auch nur einen Mini-Diktator wie Fidel Castro von seiner hübschen Insel zu verjagen. Und wie man in der Kubakrise 1962 gesehen hat, waren weder die USA noch die UdSSR bereit, ihre Atomwaffen auch einzusetzen.

Das Geheimnis einer Supermacht ist, dass alle Welt glaubt, dass sie viel mehr Einfluss hat, als sie tatsächlich ausübt. Sie ist wie eine Katze, die einen Buckel macht und faucht, wenn sie eine andere Katze sieht: Die andere weiß es nicht mit Sicherheit, aber ihr Gegenüber ist in Wirklichkeit gar nicht so groß. Sogenannte »Schurkenstaaten« wie der Iran und Nordkorea verstehen dieses Prinzip: Sie spielen seit Jahren meisterhaft mit lancierten Informationen, halb wahr, halb Gerücht, über ihre nuklearen Fähigkeiten. Die Chancen sind verschwindend klein, dass sie jemals wirklich was damit anstellen, trotzdem muss man sie ernst nehmen. Was Amerika betrifft, glauben viele Menschen in Deutschland, es überziehe die ganze Welt mit seinen Produkten, und fühlen sich »amerikanisiert«. In Wahrheit exportieren die USA wenig mehr als Popkultur und ein paar sehr bekannte Markenprodukte. Gefühlt jedoch ist Amerika immer noch ein modernes Rom, das die ganze Welt dominiert und sich alles erlaubt, was es will. Warum? Weil man von seinem Image wie magisch angezogen ist. Das Gleiche galt für die damalige UdSSR: Wenn so viele von einem solch imposanten und attraktiven Staatengebilde fasziniert sind, wirkt dieses weit mächtiger, als es tatsächlich ist. Die Macht, die eine Supermacht weltweit ausübt, ist zu 90 Prozent gefühlt.

So lässt sich also eine Supermacht besser definieren: ein Staat, dem mehr Einfluss zugestanden wird, als er faktisch besitzt.

Allen Unkenrufen zum Trotz gibt es keine ernst zu nehmenden Hinweise, dass Amerika seine faktische Macht oder seinen Status als Supermacht maßgeblich einbüßt. Allerdings mehren sich die Zeichen, dass sich in absehbarer Zeit neue Supermächte dazugesellen werden. Wer auf der internationalen Bühne ein wenig näher hinschaut, kann sogar eine Art Wettrennen der Nationen beobachten, und viele Journalisten, Politologen und Politiker spekulieren darüber, welche der großen Staaten es schaffen werden, neben Amerika die zweite, dritte oder gar vierte Supermacht des 21. Jahrhunderts zu werden. Ich bin sicher, die Briten haben schon Wetten laufen, denn im Rennen ist mehr als nur ein Kandidat:

Der beliebteste und wirtschaftlich stärkste ist China. Nachdem das Land dem Kommunismus als ökonomischem System abgeschworen und den Kapitalismus angenommen hat, wurde es mit einer rasend schnell wachsenden Wirtschaft belohnt, die die westliche Welt das Fürchten lehrt. Mit seinem Militär, seinem Weltraumprogramm und wachsenden ökonomischen Verbindungen in alle Welt macht das Land klar, welche Ambitionen es hat.

Neben China beweist kein Land der Welt einen so starken Willen zum Supermachtstatus wie Russland unter Wladimir Putin. Die Russische Föderation ist reich an Bodenschätzen, ihre Wirtschaft boomt, und die oft kritisierte autoritäre Politik Putins macht das Land genauso stabil wie China. Dazu kommt die nicht gerade zimperliche Militärpolitik des Landes, ähnlich wie bei den USA.

China und Russland sind wirtschaftlich stark, aber Geld ist nicht alles. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich Japan ähnlich wie Deutschland auf seine Wirtschaft konzentriert und erwirtschaftet heute das dritthöchste Bruttonationaleinkommen der Welt. Sein Geheimnis ist jedoch ein ideelles: Es ist – neben den USA – das innovativste Land weit und breit. Als einzige fernöstliche Kultur kommt die japanische im Westen zu einem beachtlichen Grad bei Groß und Klein an: nicht nur Mangas, Animes, Godzilla, Karate, Banzeis oder Sushi, sondern auch Mode- und Designtrends, ganz zu schweigen von Autos, Unterhaltungselektronik und Hello Kitty.

Ein ähnlicher Vorteil zeichnet den Vielvölkerstaat Indien aus: Auch er pflegt eine erstaunlich stabile Demokratie und liegt beim Bruttonationaleinkommen in den internationalen Top Ten, aber sein Geheimnis ist sein ungeheuer dynamischer Lebensgeist. Seine Wirtschaft wandelt sich rasch und ehrgeizig: Ob man die indischen Call-Center, die die westlichen Firmen am Laufen halten, oder die endlose Kreativität Bollywoods anschaut, man kann von Indien nur beeindruckt sein. Das Wichtigste: Seine Kraft wird nicht von oben aufgezwungen wie in China, sondern kommt von unten, von den Millionen Menschen, die unaufhörlich nach sozialer Besserstellung streben.

In der westlichen Welt ist es beliebt, die Länder Südamerikas als Gegenspieler der USA zu bewundern, aber die wenigsten nehmen den lateinamerikanischen Kontinent so ernst, dass sie glauben, auch aus ihm könne einmal eine Supermacht hervorgehen, die gleichberechtigt in der westlichen Welt mitmischt. Doch mit dem siebthöchsten Bruttonationaleinkommen der Welt, möglicherweise sehr bald auch mit Atomkraft und dem wachsenden Drang, aktiver in der internationalen Politik mitzumischen, wird Brasilien schon jetzt von manchen Fachleuten »die erste Supermacht Lateinamerikas« genannt.

Allerdings wird keinem dieser aussichtsreichen Kandidaten etwas geschenkt. Für jedes dieser Länder kann sich das Blatt schlagartig wenden: Noch vor ein paar Jahren galt als sicher, dass China die nächste Supermacht sein wird, dann kam die Weltwirtschaftskrise, und heute hegen viele Beobachter Zweifel.

Möglichen Supermächten stehen immense Hürden bevor, die nicht allein durch Wirtschaftskraft zu bewältigen sind. China leidet unter einer unbeweglichen und korrupten Regierung, zeigt keinerlei Interesse an Innovation oder politischer Modernisierung und wird als menschenverachtende Diktatur selbst von vermeintlichen Verbündeten misstrauisch beäugt. An der extremen Kluft zwischen Arm und Reich in Indien wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern, und Ähnliches gilt für Brasilien und Russland. Dazu kommen oft starke soziale Ungerechtigkeiten, hohe Kriminalität, Korruption, eine unfähige Regierung und Verwaltung, weit verbreitete Probleme im Gesundheitssektor, hoher Analphabetismus sowie eine unprofessionelle oder zensierte Presse, die das Land an seiner Entfaltung hindert.

Das Beispiel Japans zeigt, wie schwer es ist, eine Supermacht zu werden: In den 1980er Jahren waren das Wachstum und der Innovationsgeist Japans so beeindruckend, dass man voraussagte, das Land werde innerhalb weniger Jahre ganz oben sein. Doch dann ist nichts mehr passiert. Heute leidet Japan unter riesigen Staatsschulden, Deflation und wirtschaftlicher Stagnation.

Nur weil ein Land wirtschaftlich mit den USA konkurrieren kann, ist es nicht automatisch eine Supermacht. Dazu gehört die Fähigkeit, mehr Einfluss als tatsächliche Macht auszuüben.

Mit Ausnahme von Japan kann keines dieser Länder einen bedeutenden Innovationsgeist aufweisen, der namhafte Wissenschaftler, Kulturschaffende oder Wirtschaftsmanager aus dem Ausland anziehen könnte – und jede Supermacht braucht frische intellektuelle Kraft, um global konkurrieren zu können.

In China kann man gut Geld verdienen, aber das Land steht für nichts, es inspiriert niemanden, fungiert nicht als Vorbild oder Messlatte. Kein Mensch in Deutschland sagt in Bezug auf die eigene Politik oder Gesellschaft je so etwas wie: »Na, da sind die Chinesen aber schon viel weiter!« Im Gegenteil: Wer nach China, Russland, Indien oder Brasilien einwandert, geht davon aus, dass er auf bestimmte Dinge wie Meinungsfreiheit, Menschenrechte oder eine unbestechliche Polizei, die in der westlichen Welt vorausgesetzt werden, verzichten muss. Er sagt sich nicht: »Endlich ein Land, wo man lebt, wie man leben sollte«, sondern: »Ich will dort bloß so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich verdienen, und dann nichts wie weg da.« Demzufolge haben einige dieser Länder eher Probleme mit Aus- denn Einwanderung.

Mit Europa ist das anders.

Schon im Jahre 2000 hat Tony Blair, der damalige englische Premierminister, mit seiner Rede in Polen seine Landsleute empört, weil er Europa aufforderte, die Rolle einer Supermacht anzunehmen: »Das heutige Europa dreht sich nicht mehr allein um den Frieden. Es geht um das Ausüben kollektiver Macht. Europa ist ein Europa von freien, unabhängigen, souveränen Nationen, die sich freiwillig zusammenschließen, um einerseits ihre eigenen Interessen zu verfolgen, andererseits aber auch das gemeinsame Wohl, weil sie zusammen mehr erreichen als allein. Ein solches Europa kann, in seiner wirtschaftlichen und politischen Stärke, eine Supermacht sein.« Interessant ist Blairs Definition von »Supermacht«: eine Föderation freier Nationen, die sich zusammentun, um gemeinsam ihre Interessen zu verfolgen und Einfluss in der Welt auszuüben.

Auch der britische Journalist und Europa-Beobachter Timothy Garton Ash sieht in der EU eine von drei künftigen Supermächten, auch wenn er 2009 in The Guardian kritisierte, Europa sei noch »versunken im Narzissmus des kleinsten gemeinsamen Unterschieds«, würde sich gemütlich »wie die Hobbits in seine nationalen Höhlen kuscheln« und das Heranwachsen der Giganten um sie herum nur verschwommen wahrnehmen, wenn nicht gar ignorieren.

Der Politikwissenschaftler Andrew Moravcsik von der Princeton University tippt sogar, dass es heute sowie in absehbarer Zeit nur zwei Supermächte gibt beziehungsweise geben wird: Die USA und Europa. Von militärischen Einsätzen über wirtschaftlichen Druck bis hin zu »europäischen Werten« verfüge nur Europa über genauso viele Möglichkeiten, Einfluss auszuüben, wie die USA.

Die Eigenschaften, die Europa zur Supermacht befähigen, gehen weit über wirtschaftliche Macht hinaus. Aber genau das sehen viele EU-Kritiker nicht, wenn sie die EU als einen rein ökonomischen Club abstempeln. Wie viele ökonomische Clubs haben denn eine so feste Beziehung zur Demokratie und eine tiefe innere Verpflichtung zu Menschenrechten; wie viele haben ein so starkes soziales Netz und den Willen, Armut, Korruption und soziale Ungerechtigkeit zu bekämpfen? Durch die gemeinsam erlebten politischen Umwälzungen seit 1914 pflegen die Europäer ein ganz eigenes, hoch entwickeltes Verständnis von Machtpolitik und politischer Verantwortung. Der Zusammenprall verschiedener Kulturen hat das Potenzial, ein Feuerwerk an wirtschaftlicher, politischer und kultureller Innovation hervorzubringen – statt wie ehedem und heute noch in anderen Regionen der Erde ein Feuerwerk an Kriegen. Zwar fehlt Europa zurzeit eine innovative Kraft, doch das ist korrigierbar, wenn die verschiedenen Kulturen erst einmal anfangen, einander zu befruchten. Vor allem die Paarung der reichen, aber kulturell stagnierenden Länder im Westen mit den ärmeren, aber weniger festgefahrenen Mitgliedstaaten im Osten birgt ein höchst kreatives Potenzial: Das gleiche Potenzial, das Europa im 18. und 19. Jahrhundert zu einer führenden Kraft in Wissenschaft, Technik, Politik und Kultur gemacht hat.

Schon heute ist die Europäische Union die größte Wirtschaftsgemeinschaft der Welt. Und alles andere, was sie zur Supermacht benötigt, hat sie auch. Will die EU die stärkste und einflussreichste politische Supermacht der Welt werden, braucht sie nur weiter den Weg zu gehen, den sie längst eingeschlagen hat. Der Rest folgt von selbst.

Wie weit Europa auf diesem Weg schon ist – wie nah die Vereinigten Staaten von Europa unter deutscher Führung sind –, kann man mit einem Blick in die deutsche Geschichte leicht einschätzen. Denn den Prozess, den Europa jetzt durchmacht, hat Deutschland auf einzigartige Weise schon hinter sich. Deshalb müssten die Deutschen eigentlich besser als die anderen wissen, was auf sie zukommt.

Der Mann, der Europa im Kopf entwarf, ohne es zu wissen, hieß Friedrich List. Er ahnte nicht, dass es um Europa ging, da er glaubte, er würde nur ein neues Deutschland entwerfen.

List war einer der wenigen deutschen Denker der Geschichte, die beides zugleich hatten: eine Vision und einen gesunden Menschenverstand. Die Gedanken von Nietzsche und Hegel sind nur auf Papier lebensfähig, bei Marx’ Theorien hat man dummerweise erst zu spät gemerkt, dass sie nie für die Realität bestimmt waren. List aber, der wahrscheinlich wichtigste Ökonom Deutschlands, interessierte sich nur für die Realität und war trotzdem Utopist.

Als Sohn eines Handwerkers arbeitete er sich in der Staatsverwaltung hoch und wurde in Tübingen 1817 zum Professor ernannt, obwohl er keinen Uni-Abschluss hatte. Wie so oft bei Wirtschaftswissenschaftlern, hatte er einen Hang zu großen Ideen. Er begann, Artikel und Bücher zu veröffentlichen, in denen er für so neumodisches, abgefahrenes Zeug wie Demokratie und einen vereinigten Nationalstaat plädierte.

Er wusste auch, wie dieses langfristige Ziel praktisch zu erreichen wäre: einfach durch die Schaffung einer Wirtschaftsunion. Einer deutschen Wirtschaftsunion.

Der deutschsprachige Raum bestand damals aus unzähligen kleinen und großen Fürstentümern, vom Kaisertum Österreich über das Herzogtum Sachsen-Hildburghausen bis hin zur Freien Stadt Lübeck, und jeder Kleinstaat hatte eigene Grenzen. Wer Schuhe in einer bestimmten Landgrafschaft herstellte und sie in einem benachbarten Großherzogtum verkaufen wollte, musste an der Grenze Zollgebühren entrichten. Wie will man profitabel Waren hin und her exportieren, wenn man bei jedem Grenzübergang Zoll bezahlen muss? »Achtunddreißig Zoll- und Mautlinien in Deutschland lähmen den Verkehr im Innern und bringen ungefähr dieselbe Wirkung hervor, wie wenn jedes Glied des menschlichen Körpers unterbunden wird, damit das Blut ja nicht in ein anderes überfließe«, schrieb List 1819.

Sein Vorschlag: ein Zollverein.

Ein Zollverein – also ein deutscher Wirtschaftsraum, in dem Freihandel herrscht – würde jedem Bürger das Leben bereichern, denn ohne Zölle würde es sich für auswärtige Händler endlich lohnen, Konsumgüter von überall auf der Welt bis auf den letzten abgelegenen Bauernhof zu verschicken.

»Ich bin innig überzeugt«, schrieb er, »dass die Menschheit den höchsten Gipfel des physischen Wohlbefindens, gleichwie der geistigen Vervollkommnung, nur dadurch zu erreichen vermag, wenn auf der ganzen Oberfläche der Erde zivilisierte Völker der Natur ihre Schätze abgewinnen und den Überfluss ihrer Erzeugnisse im freien Verkehr gegenseitig austauschen.« Damit beschrieb er die Vorteile der Globalisierung, von denen unter anderem die Deutschen heute profitieren.

Er erkannte, was schon Äsop und Caesar verstanden hatten: Gemeinsam ist man stark, alleine muss man scheitern. Erst dann, wenn der deutsche Binnenmarkt durch die Abschaffung der vielen Zollgrenzen eine bestimmte Größe erreicht, könne so etwas wie Industrialisierung in Deutschland stattfinden. Vor allem England lag damit bereits weit vorne. Die Deutschen hinkten schon wieder hinterher.

Es war eine geniale Idee, aber die Obrigkeit hasste ihn dafür.

Die Territorialfürsten hielten ihn nicht für einen Spinner. Sie wussten, dass er recht hatte. Doch ob die Wirtschaft angekurbelt wurde oder nicht, und welche tollen Vorteile der einzelne Bürger davon hätte, war zweitrangig für sie: Sie wollten ganz einfach ihre Zölle behalten. Was ihnen vorschwebte, war im Grunde ein mittelalterliches Wirtschaftssystem. Klar, denn in einem solchen hatte der Fürst das Sagen. Je freier die Wirtschaft, desto unfreier der Fürst. Dabei nahmen sie den Pauperismus in Kauf – die langfristige Armut großer Teile der Bevölkerung, vor allem der wie Sklaven gehaltenen Leibeigenen –, aber das war ja für sie persönlich kein Problem.

In diesem Sinne wetterten die Obrigkeit und die intellektuelle Elite unaufhörlich gegen Liberalismus, Kapitalismus, Industrialisierung sowie die Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft. »Warum sollen wir denn mit England konkurrieren können?« war ein Lieblingsargument. »Wir haben, was wir brauchen; wir mögen unsere Welt lieber klein und überschaubar.« Heutzutage glauben wir, dass Kapitalismuskritik und das Klagen über Leistungsdruck ein typisches Zeichen unserer Zeit sei. Doch schaut man genauer hin, handelt es sich im Wesentlichen um 200 Jahre alte Argumente der Obrigkeit, die den Machtverlust fürchteten – lange, bevor sie die Industrialisierung tatsächlich kennenlernten.

Schon 1822 landete der nervige List in Haft, konnte aber seine Strafe verkürzen, indem er versprach, nach Amerika auszuwandern. Eine gute Idee, denn dort konnte er ein erfolgreiches Kohlebergwerk sowie – wichtiger noch – eine Eisenbahnlinie zum Abtransport der geförderten Kohle gründen. Als er einige Jahre später nach Deutschland zurückkehrte, war er amerikanischer Staatsbürger und amerikanischer Konsul – die deutsche Obrigkeit konnte ihm nichts mehr anhaben, und er ärgerte sie weiterhin mit seinen neumodischen Schnapsideen.

Es lohnte sich: Obwohl er sein Leben lang mit denen da oben auf Kriegsfuß stand, hat man seine Idee eines Zollvereins nach und nach tatsächlich verwirklicht.

Als List anfing, für die Idee die Trommel zu rühren, war es noch nicht möglich, die Zollgrenzen zwischen den Territorien aufzuheben. Das wussten die Fürsten zu verhindern. Aber es war möglich, die Zölle innerhalb eines einzigen Fürstentums aufzuheben. Richtungsweisend war Preußen, der größte der Kleinstaaten.

Preußen hatte ein interessantes Problem. Es war das gleiche Problem, das Europa heute hat: Im Westen war das Königreich gewerblich stark entwickelt, im Osten nicht. Wie könnte man die beiden Regionen einander angleichen? Eine Lösung war, die internen Zollgrenzen abzuschaffen. Das sollte den Wirtschaftsaustausch zwischen den preußischen Regionen ankurbeln. Ab 1818 hob Preußen also seine Binnenmarktzölle auf.

Preußens Nachbarländer spürten den Druck zuerst. Für Händler und Produzenten war Preußen mit einem Schlag viel interessanter geworden als all die kleinen Staaten drum herum. Man musste Zoll zahlen, um in Preußen reinzukommen, aber wer einmal drin war, konnte sich in einem riesigen Markt frei bewegen. Also machte man ab jetzt einen Bogen um die kleinen Fürstentümer.

Die Kleinen protestierten: Preußen wäre unfair, wolle nur die Konkurrenz ausschalten. Heute nennt sich so etwas »Verdrängungswettbewerb«. Preußen aber blieb unfair, und bald hatten die Kleinen keine Wahl, als sich der zollfreien Zone anzuschließen und selbst unfair zu werden.

Es muss eine merkwürdige Änderung in der Perspektive gewesen sein: Vor dem Beitritt in den Verein fühlten sich diese kleinen Fürstentümer vom übermächtigen Nachbarn bedrängt, bedroht und übervorteilt. Schon kurz nach dem Beitritt ging es ihnen aber wirtschaftlich besser. Wie schnell muss der Groll gegen Preußen verflogen, wie lächerlich muss ihnen ihre Abwehr im Nachhinein vorgekommen sein. Zuvor waren sie stolz, ein kleines, aber unabhängiges Land zu sein; nachher waren sie stolz, einem größeren, stärkeren und erfolgreicheren Verbund anzugehören.

Bis die größeren Fürstentümer beitraten, dauerte es noch ein wenig. Manche von ihnen, zum Beispiel am Main und in Norddeutschland, gingen dickköpfig einen anderen Weg: Sie organisierten sich in antipreußischen Zollbündnissen. Doch sie waren Amateure. Wo die gut organisierten Preußen 24 Groschen pro Kopf an Zolleinnahmen erwirtschafteten, brachte es der Süddeutsche Zollverein auf lächerliche 10 Groschen. Endlich mussten auch sie klein beigeben. Trotz so namhafter Ausnahmen wie Österreich und Liechtenstein trat ein Kleinstaat nach dem anderen unauffällig dem Zollverein bei, und bis 1854 lebten in der ersten bedeutenden deutschen Freihandelszone rund 30 Millionen Einwohner. Das war schon fast Deutschland.

Man nannte es nur nicht so. Der Zollverein war faktisch die wirtschaftliche Einigung Deutschlands lange vor der politischen. Dass diese unweigerlich folgen würde, wusste man, auch wenn wenige es laut aussprachen, damit niemand verschreckt wurde. Laut Thomas Nipperdey in seinem Deutsche Geschichte 1800–1866 ahnte der preußische Finanzminister Friedrich von Motz schon früh, dass die »Einigung dieser Staaten zu einem Zoll- und Handelsverband zugleich auch Einigung zu ein und demselben politischen System mit sich führt«.

Neben vielen Kleinstaaten fürchtete vor allem das Kaisertum Österreich um seine Unabhängigkeit. Österreichs Genie des Rückschritts, Graf von Metternich, sagte ebenfalls voraus, dass auf die wirtschaftliche Vereinigung auch eine politische Einigung käme, die einen Elefantenstaat direkt neben Österreich schaffen würde, und nannte den Zollverein besorgt eine »höchst nachteilige, unheildrohende Erscheinung«.

Die politische Annäherung ging nicht von heute auf morgen. Nein, sie wuchs langsam und in alle möglichen Richtungen. Parallel zum Zollverein wurden immer wieder diverse politische Bündnisse ausprobiert: beispielsweise der Deutsche Bund und der Norddeutsche Bund. Die endgültige Einigung Deutschlands kam bekanntlich erst 1871 nach einem spektakulären Sieg über Frankreich, aber auch ohne diesen Krieg hätten sich die meisten deutschen Staaten irgendwann geeinigt: Der Trend war schon lange da. Der Norddeutsche Bund hatte zum Beispiel bereits eine eigene föderale Verfassung und war damit mindestens theoretisch der erste deutsche Staat vier Jahre vor dem Kaiserreich.

Doch all diese Einigungsversuche wären höchstwahrscheinlich ohne den Zollverein nie überlebensfähig gewesen: Der Zollverein war als wirtschaftliche Union Voraussetzung für die politische Einigung. Erst durch ihn hatten die Mitgliedstaaten erfahren, dass sie von einem Zusammenschluss tatsächlich greifbare Vorteile hatten, und die Fürsten konnten ihre Macht ohne größeren Gesichtsverlust Stück für Stück abgeben. Auch Preußen konnte sich nach und nach als führende Kraft positionieren: Als es nach dem Krieg 1871 sagte, was Sache ist, hatten die anderen Mitgliedstaaten schon genug Vertrauen zu ihm gewonnen, seiner Politik zu folgen und die Ausrufung des Deutschen Reiches mit einem preußischen König als deutschem Kaiser zu akzeptieren.

Wer verstehen will, was heute in Europa vor unseren Augen passiert, muss sich nur den Zollverein näher anschauen. Die Parallelen zwischen dem Zollverein und der Europäischen Union sind erstaunlich:

Genau wie die EU entstand auch der Zollverein aus einer rein wirtschaftlichen Notwendigkeit. Doch kaum waren die deutschen Territorialfürsten in einer wirtschaftlichen Union vereinigt, gab es kein Zurück mehr, und die politische Einigung rückte immer näher. Sie konnten die Tatsache ignorieren und leugnen, ähnlich wie viele Deutsche es heute tun, aber es war nur eine Frage der Zeit. Genauso wie der Zollverein aus einem Haufen streitender Kleinterritorien ein starkes, vereinigtes Deutschland und einen der größten Staaten der Welt schuf, macht heute die EU aus einem Haufen zersplitterter Kleinstaaten nach und nach die Vereinigten Staaten von Europa – die erste europäische Supermacht. EU-Kritiker behaupten gerne, dass diese Idee Utopie bleiben wird, da keine Nation willens sein werde, ihre Souveränität aufzugeben. Nun, die Fürsten damals mochten das auch nicht. Trotzdem hat Deutschland entstehen können.

Der Zollverein war nur möglich, weil das größte Königreich, nämlich Preußen, gegen alle Bedenken damit anfing. Erst, als der wirtschaftliche Erfolg nicht mehr zu übersehen war, schlossen sich andere Länder an. Obwohl alle Mitglieder vom Zollverein profitierten, hatte Preußen als das größte Mitglied die meisten Vorteile, darunter den höchsten politischen und kulturellen Einfluss. Im Zollverein verschwieg man vornehm, dass es sich eigentlich um einen preußischen Club handelte, denn es sollte sich ja niemand auf den Schlips getreten fühlen. Aber nichts bewegte sich ohne Preußen, und Preußen hatte das größte Interesse daran, dass sich etwas bewegt. Allerdings hatte es damit auch die größte Verantwortung: Es musste automatisch den Kopf für alle Mitglieder hinhalten.

Heutzutage ist das in der Europäischen Union genauso: Deutschland ist als stärkste Wirtschaftsmacht automatisch die führende Kraft in der Europäischen Union. Einerseits profitiert Deutschland als Exportland am meisten von der wirtschaftlichen Vereinigung, denn die anderen EU-Mitgliedstaaten sind seine Kunden, und der Zugang zu ihnen ist nicht mehr durch Zölle und nationale Währungen erschwert. Zugleich aber trägt Deutschland auch die größte Verantwortung: Wenn Staaten wie Griechenland und andere drohen, im Chaos zu versinken, muss Deutschland vor allen anderen eingreifen.

Selbst die organisatorischen und politischen Probleme im Zollverein und in der Europäischen Union ähneln sich.

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