Logo weiterlesen.de
Die Zutaten des Glücks

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Zitate
  6. Prolog
  7. Kuchen und Torten
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. Kleingebäck
  17. 9
  18. 10
  19. 11
  20. 12
  21. 13
  22. Brot
  23. 14
  24. 15
  25. 16
  26. 17
  27. 18
  28. 19
  29. 20
  30. 21
  31. Törtchen und Pasteten
  32. 22
  33. 23
  34. 24
  35. 25
  36. 26
  37. 27
  38. Desserts
  39. 28
  40. 29
  41. 30
  42. 31
  43. 32
  44. 33
  45. 34
  46. Die festliche Teetafel
  47. 35
  48. 36
  49. 37
  50. 38
  51. 39
  52. 40
  53. 41
  54. Epilog
  55. Danksagung

Image
BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

Alles zerfällt, die Mitte hält nicht mehr;
schiere Anarchie ergießt sich auf die Welt.

William Butler Yeats, Die Wiederkunft

Image

Ich glaube fest, dass Kuchen das Leben verbessert.

Dan Lepard, Short and Sweet

Stellen Sie sich das perfekte Heim vor: eine Wildhüterhütte oder ein verwinkeltes Bauernhaus, rankende Glyzinien, sonnenwarme Ziegelsteinmauern. Stellen Sie sich den Garten vor: Bienen, trunken vom Nektar der Stockrosen, schimmernde Sommerluft, ein raschelnder Apfelbaum, der unreife Früchte abwirft.

Jetzt stellen Sie sich das Haus aus Lebkuchen vor: die Seiten goldbraun, auf dem Dach Zuckerguss und Bonbons, in den Blumenbeeten Zuckerstangen, die Regenrinne aus Geleebonbons, die Wege aus Smarties. Halten Sie inne und bewundern Sie das kulinarische Puppenhaus: vollkommenes Heim und kurzlebige Köstlichkeit.

Kathleen Eaden legt den Füller hin und kaut unzufrieden auf der Unterlippe. Das war es nicht, was sie schreiben wollte.

Sie stellt ihre Schöpfung auf den Boden und streckt sich mit gebauschtem Tweedrock und kindlich gespreizten Beinen davor aus. Der Axminster-Teppich ist gemütlich, und sie kuschelt sich in den weichen Flor.

Auf die Ellbogen gestützt betrachtet sie das Haus und atmet den weihnachtlichen Duft ein: Ingwer, Zimt, Rübensirup, Rohrzucker, Orangenschale, eine Prise Nelke. Die Dachziegel sind mit Puderzucker bestäubt. Der herzförmige Türklopfer, der auf dem noch nassen Zuckerguss verrutscht ist, lässt sich behutsam zurechtrücken. Sie gibt ihm einen zarten Stups. So, jetzt ist es besser.

Es ist noch nicht perfekt, obwohl sie vier Stunden lang an dieser Kitschwonne gebaut hat. Die Dachziegel sitzen schief, und die Fensterausschnitte sollten eigentlich rechtwinklig sein. Sie neigt sich näher heran. Das Licht fällt hinein und wird vom Lebkuchendunkel verschluckt. Ach, so ein Schulmädchenfehler! Sie greift nach dem Füller: Setzen Sie die Fenster mit einem Lineal. Sollten sie vielleicht einen Mittelpfosten bekommen? Ihre Lippen bewegen sich stumm, während sie für die Leser von Woman and Home die Anleitung schreibt. Ihre Hand ist so schnell, dass sich das cremeweiße Basildon-Bond-Papier darunter kräuselt, aber ihre Schrift bleibt makellos: elegante Schleifen in königsblauer Tinte.

Sie liest noch einmal, was sie geschrieben hat. Das ist noch nicht das Richtige. Es macht nicht deutlich, warum sie so gern Lebkuchenhäuser backt, die keinerlei praktischen Nutzen haben. Sie bemüht sich, einen klaren Kopf zu behalten und die Angst vor dem Abgabetermin zurückzudrängen. Die schrägen Töne des neuesten Beatles-Hits klingen ihr ständig im Ohr. Die optimistische Melodie ist suchterzeugend. »I don’t care too much for money«, singen die Fab Four, und obwohl Kathleen mit siebenundzwanzig zu alt ist, um Jungen mit Pilzkopf hinreißend zu finden, wird sie durch die Spritzigkeit für einen Augenblick abgelenkt.

Sie muss weitermachen. Geduckt späht sie durch die Lebkuchenfenster. Vielleicht geht sie die Sache aus dem falschen Blickwinkel an? Warum würde Susan, ihre sechsjährige Nichte, das Häuschen lieben? Und wovon wird die Sechsjährige in ihr selbst angesprochen?

Ein Lebkuchenhaus ist mehr als die Summe seiner Teile, mehr als Süßigkeiten und mit dickem Zuckerguss zusammengeklebte Lebkuchenstücke. Es strahlt etwas Fantastisches, etwas Märchenhaftes aus …

Da hat sie ihre Antwort.

Tränen brennen. Sie blinzelt heftig. Nicht jetzt. Dafür ist keine Zeit. Sie muss die Kolumne fertig schreiben. Tief durchatmen, sagt sie sich: tief einatmen, langsam ausatmen, tief einatmen, langsam ausatmen.

Sie setzt sich auf, hebt das Haus auf den Schreibtisch und widmet sich ihren Unterlagen. Der Earl Grey ist nur noch lauwarm, und beinahe verschüttet sie ihn, als sie nach der Tasse greift. Das Selbstmitleid ist noch da. Es sitzt als harter Klumpen in ihrer schmalen Brust. Sie stellt ihn sich vor und versucht, ihn mit einem großen Schluck Tee aufzulösen. Noch da? Ja, natürlich. Immer nur einen Atemzug entfernt, gefährlich nah. Aber sie darf sich jetzt nicht davon überwältigen lassen. Sie muss es in den Griff bekommen.

Kathleen nimmt sich etwas von dem übrig gebliebenen Fondantkonfekt und drückt es mit der Zunge an den Gaumen. Die Süße verteilt sich und läuft ihr in den Rachen. Sie ist substanzlos, lenkt sie aber ab. Sie trinkt noch einen Schluck. So, jetzt geht es ihr besser.

Die »Doyenne der Backkunst mit der beneidenswerten Figur« würde sich nicht so benehmen, nicht wahr? Die Titulierung – ursprünglich aus dem Harper’s Bazaar – ruft bei ihr gewöhnlich ein zähnefletschendes Lächeln hervor. Jetzt möchte sie das Kompliment jedoch lieber für bare Münze nehmen. Mit flatternden Händen streicht sie sich den Rock glatt und richtet sich auf. Ihre Daumen liegen in den Mulden der Hüftknochen. Vielleicht hat es ja auch Vorteile.

Sie lehnt sich zurück und streicht das Papier glatt. Wenn sie jetzt noch die Traurigkeit ignoriert, die ihr den Magen zerfrisst, könnte sie den Text für die Kolumne fertig schreiben. Gut gelaunt zieht sie die Nase hoch und macht sich daran, den letzten Abschnitt zu lesen. Die Schrift verschwimmt.

Du meine Güte, Kathleen! Hastig zieht sie die Kappe des Füllers ab und beginnt zu schreiben, entschlossen, die Tränen zu ignorieren, die trotz allen Zusammenreißens schon wieder brennend aufsteigen.

Image

Man fragt mich häufig nach dem Geheimnis meiner Backkünste. Soll ich es Ihnen verraten? Es gibt keins. Backen kann jeder, vorausgesetzt, er beherrscht ein paar Grundlagen und hält sich, zumindest bis er es perfekt beherrscht, genau an das Rezept. Nirgendwo ist das so wichtig wie beim Kuchenbacken. Eine Abweichung bei der Ofentemperatur oder beim Abmessen der Zutaten, ungenügendes Sieben oder Unterheben können den miserabelsten Biskuit ergeben. Macht man es jedoch richtig, wird der himmlischste Kuchen daraus.

Hier die Regeln: Verwenden Sie immer Eier mit Zimmertemperatur und weiche Butter oder Margarine. Nehmen Sie Mehl mit Treibmittel, sieben Sie es, damit Luft hineinkommt, und heben Sie es leicht unter, um noch mehr Luft im Teig einzuschließen. Bereiten Sie die Formen stets zu Anfang vor, und vergessen Sie nicht das Vorheizen des Backofens. Stellen Sie die Form sanft hinein und schließen Sie die Tür so sacht, als wäre es die Zimmertür, hinter der Ihr Säugling selig schläft. Und prüfen Sie den Teig frühestens nach zwei Dritteln der Backzeit.

Wenn Sie Ihre goldgelbe Kreation herausgenommen haben, lassen Sie sie für einige Minuten ruhen. Dann stürzen Sie sie auf ein Kuchengitter, damit von allen Seiten Luft herankommt. Nach dem Abkühlen bestreichen Sie den Kuchen mit bester Marmelade und bestäuben ihn mit Puderzucker. Servieren Sie ihn zum Fünfuhrtee.

Der perfekte Victoria Sandwich Cake muss leicht und saftig sein und nach frischen Eiern und Vanille duften. Er sollte üppig, aber nicht übertrieben üppig wirken. Eine Scheibe Victoria Sandwich mit Himbeermarmelade oder im Sommer mit Schlagsahne und frischen Erdbeeren ist eine Köstlichkeit, die man täglich genießen kann. Nehmen Sie einfach drei Eier und jeweils hundertsiebzig Gramm Zucker, Fett und mit Backpulver vermischtes Mehl, und Sie haben den Himmel in einer Kuchenform.

Kathleen Eaden: Die Kunst des Backens (1966)

1

Januar 2012

Vicki Marchant haucht gegen ihr bodentiefes Fenster und malt ein Herz hinein. Ein dicker Tropfen Kondenswasser rinnt hinunter. Sie hält ihn mit der Fingerspitze auf und schreibt ein A für Alfie. Als der Buchstabe zerläuft, wischt sie den feuchten Fleck mit einem Stück Küchenpapier von der Scheibe.

Offenbar werde ich langsam verrückt, denkt sie. Oder ich bin einfach nur unglücklich. Draußen schlagen Hagelkörner das bereifte Gras flach.

Es ist schwierig, im Januar fröhlich zu sein. Die Weihnachtsfreude – die sie durch den dreijährigen Alfie so wunderbar erlebt – war von heute auf morgen zu Ende und wurde mit dem Baumschmuck weggepackt: dieses Jahr goldene Birnen und Rebhühner, Rokoko-Engel, Eiszapfen und Sterne.

Der Januar – der verfluchte Januar, wie sie meistens denkt – dreht sich nur um Verzicht, Reue und Scheinheiligkeit, da die Freundinnen einen Monat lang ohne Alkohol, Milch- und Weizenprodukte leben wollen. Im Januar will niemand zum Abendessen kommen – und wenn sie eine der anderen Mütter zum gemeinsamen Mittagessen überreden kann, dann wird das ein frugales Mahl: Brokkolisuppe ohne den leckeren Stiltonkäse, den es Weihnachten gab. Bietet sie selbst gebackenen Stollen, Florentiner und Mince Pie an, wird freundlich lächelnd, aber bestimmt abgelehnt. »Nein, wirklich, ich darf nicht«, beharrte gestern noch ihre Nachbarin Sophie, als Vicki ihr eine volle Keksdose hinhielt, und klang dabei ziemlich panisch, geradezu als fürchtete sie, zwangsernährt zu werden.

Doch nicht die allgegenwärtige Enthaltsamkeit frustriert sie derart, sondern dieser Wartezustand. Wegen der Minusgrade draußen kann Alfie nicht durch den Garten tollen, und man kann schließlich nicht jeden Tag zum Indoor-Spielplatz gehen. Ohne Schnee oder Sonnenschein ist »die große Kältewelle«, wie die Medien titeln, eine einzige Plackerei mit Eiskratzen und Salzstreuen. Ständig muss Vicki für ausreichend warme Kleidungsschichten sorgen und sich Alfies Gequengel anhören, wenn sie seine Stiefelsocken vergessen hat, was ihr jedes Mal passiert.

Sie stößt einen mächtigen Seufzer aus. Der Hagel hat abrupt ausgesetzt. Die Eiskörner bleiben im Gras liegen. Der graue Himmel ist so bleiern wie vorher, die Bäume kahl, der Boden gefroren. Von den Schneeglöckchen und Narzissen, die sie mit Alfie im Oktober gesetzt hat, ist noch nichts zu sehen. Ihr Garten wirkt trostlos.

Vicki schaltet die Kaffeemaschine ein und misst die Bohnen für einen doppelten Espresso ab, damit das Koffein sie munter und den Vormittag erträglich macht. Denn wenn sie sich selbst gegenüber ehrlich ist, und das versucht sie immer zu sein, dann hat ihre Frustration nichts mit dem Wetter zu tun.

Mein Name ist Vicki Marchant, sagt sie in ihrer Fantasie vor einer weiteren langweiligen Spielgruppe, und ich bin eine unaufrichtige, nicht berufstätige Mutter. Die Mutter eines Einzelkindes, die nicht mehrere Sprösslinge zufriedenzustellen braucht oder unter dem Druck lebt, arbeiten zu müssen. Ich habe einen hübschen, gesunden Jungen, der mich liebt, und ich bete ihn an. Aber ich bin nach wie vor nicht sicher, ob ich eine gute Mutter bin oder – im Flüsterton – das Mutterdasein immer genieße. Oh, und der Witz ist der: Nach Ansicht der Schulbehörde bin ich eine »hervorragende« Grundschullehrerin, also jemand, der wissen sollte, was er tut. Warum fällt es mir dann so schwer, mich um mein eigenes Kind zu kümmern?

So habe ich mir das nicht vorgestellt, denkt sie. Die Kaffeemaschine faucht und spuckt ihr dann heißes Kaffeepulver entgegen. Als Alfie geboren wurde, hatte sie vorgehabt, die Arbeit aufzugeben und sich ihm und den nachfolgenden Kindern zu widmen. In ihrer Shaker-Küche sollten Meisterwerke in Wasserfarbe hängen, in dem langen Garten Hühner umherlaufen, Kräuter und Blumen gedeihen, und jeder Tag sollte neue Abenteuer für ihr in Petit Bateau gekleidetes Kind bringen. Sie hatte sich nicht ausgemalt, wie es ist, als junge Mutter einen Jungen zu haben, der sich weigert zu schlafen, und einen Mann, der nicht aufstehen will. Sie hätte auch nicht gedacht, dass es sie so wütend macht, wenn ihr Kind Fingerspuren an den Farrow & Ball-Tapeten hinterlässt, oder wie ohnmächtig sie sich fühlt, wenn ein Fuchs die Hühner massakriert.

Man könnte meinen, eine Grundschullehrerin weiß, dass Kleinkinder am liebsten in die Kirchenspielgruppe gehen, wo es nur fette Kekse und dünnen Pulverkaffee gibt und nicht den Babyccino von Starbucks. Sie hätte auch wissen können, dass ein Ausflug in die Stadt immer zu dramatischen Trotzanfällen führt. Alfie macht sich steif wie ein Brett, wenn er nicht in den Buggy gesetzt werden will, und kann sich kraftvoll wie eine Sprungfeder aus ihren Händen winden.

Und selbstverständlich ist in der Küche ständig Glitter verteilt, und natürlich kann Alfie mit drei Jahren aus Pappmaché nur einen Klumpen formen. Doch der Gedanke war ihr gar nicht gekommen. Sie war naiv optimistisch gewesen, hatte geglaubt, jede Schwierigkeit mit ruhigem Ton und einem Endlosvorrat an Smiley-Stickern bewältigen zu können. Nein, das Mutterdasein ist nicht ganz so, wie sie es sich vorgestellt hat.

Es gibt nur eins, was mit Alfie reibungslos abläuft, denkt sie, während sie das Kaffeepulver von der Arbeitsplatte wischt und die Maschine neu befüllt: Backen. Und daher können sie das inzwischen ganz hervorragend. Mit Cupcakes, bei denen sie mehr oder weniger die Gestaltung in der Hand behielt, haben sie angefangen. Bald konnten sie Lebkuchenmänner und französische Mandelhippen backen, dann Pizza und Sauerteigbrot, Marmeladentörtchen und Tarte Tatin.

Alfie hat schnell gelernt, dass seine Mutter unangenehm schimpft, wenn er beim Malen Wasser auf den Boden kleckert oder beim Basteln Kleber auf den Tisch schmiert. Dagegen erntet er zufriedenes Lob, wenn er ein Ei richtig aufschlägt und das Eiweiß ohne Schalensplitter in die Kuchenschüssel gleitet. Mummy singt beim Backen, und wenn sich ihre Stirn in Falten legt, weil er beim Sieben zu ausgelassen wird und Mehl und Kakao auf die Holzdielen streut, dann verfliegt der Ärger schnell, weil es so gut aus dem Ofen duftet und weil sie es lieber genießt, gemeinsam mit ihm die Schüssel auszulecken.

Für Vicki ist das Backen mit ihrem Jungen der greifbare Beweis, dass sie eine gute Mutter ist.

»Hast du die gebacken – mit Alfie?«, fragte ihre Freundin Ali neulich noch, als Vicki ihr stolz eine nostalgische Plätzchendose reichte.

Und während die Freundin ihre Kreationen lobte und staunte, weil sie sie mit ihrem Kind fabriziert hatte, schwelgte Vicki in Zufriedenheit.

»Oh Gott, wie erträgst du das Durcheinander?«, wollte Ali weiter wissen. »Das muss die Lehrerin in dir sein! Ich backe nie mit Sam.«

Wie immer löste das bei Vicki leichtes Mitleid aus.

»Er ist begeistert bei der Sache.« Sie zuckte typisch selbstironisch mit den Schultern. Und aufs Stichwort hob ihr Junge den zerzausten Kopf, grinste ihr zu und schob die Hand in ihre, während er Alis Dreijährigem einen selbst gebackenen Keks anbot. »Und ich auch.«

Diese Zufriedenheit bleibt heute aus. Verärgert blickt sie auf ein Meer von Legosteinen, die Wäsche auf dem Wäscheständer, die Socken, die Alfie aus einer Laune heraus ausgezogen und einfach irgendwo hingeworfen hat. Einer davon hängt über Alfies ergonomischem Stuhl, den anderen hat er hinter eine Spielzeugkiste getreten, wo er krumm und kraus wie ein altbackenes Croissant darauf wartet, dass jemand ihn aufhebt.

Nach einem Seufzer zwingt sie sich, ruhig zu atmen und lieber den zitronigen Butterduft zu genießen, der sich in der Küche verbreitet. Als der Küchenwecker klingelt, öffnet Vicki die Ofentür und holt eine exquisite Tarte au citron heraus. Das dickflüssige Gelb leuchtet auf dem knusprig goldenen, zuvor blind gebackenen Boden. Sie ist perfekt gelungen. Und Vicki lächelt.

2

Beim Backen ist es wichtig, nicht an den Zutaten zu sparen oder das Verfahren abzukürzen. Glauben Sie nicht, Sie könnten mit minimalem Einsatz Erfolg haben! Ihre Familie verdient das Beste.

Ich bin wirklich für Maßhalten und Wirtschaftlichkeit, aber niemand möchte schlechten Biskuit oder ein nicht aufgegangenes Brot, eine knauserig gefüllte Pastete oder einen erbärmlichen Blätterteig essen. Denken Sie daran: Backen ist liebevolle Fürsorge.

In ihrer Bauernküche in Suffolk steht Jennifer Briggs an der Granitarbeitsplatte und bearbeitet den Hefeteig für die Focaccia mit den Fäusten. Sie hält inne, um in den Garten und über die Mauer zu schauen. Allmählich hat sie den Teig genug gestraft. Ihr tun schon die Arme weh. Man muss ihn geduldig dehnen und kneten und wieder dehnen. Ihr juckt die Nase, und sie kratzt sich mit den leicht bemehlten Fingerknöcheln.

Eine der beiden Katzen kommt neugierig herein und schreitet beharrlich miauend durch die Küche. Dann setzt sie sich und starrt auf den großen Kühlschrank.

»Nein, du bekommst noch nichts zu fressen«, erklärt Jennifer dem Tier und fügt amüsiert hinzu: »Oh, du wunderst dich darüber, ja? Nun, Tabby, ich glaube nicht, dass ich in diesem Punkt nachgeben werde.«

Die Katze blickt sie unergründlich an und beginnt, sich zu putzen, aber Jennifer schaut auf den sauber ausgeschnittenen Wettbewerbsaufruf aus dem Eaden’s Monthly, der unter einem Magnetherzen am Kühlschrank hängt.

Aufruf an Großbritanniens beste Bäcker, steht da. Und darunter in Anlehnung an das Kitchener-Plakat aus dem Ersten Weltkrieg: Ihr Land braucht Sie und Ihre Backkünste.

In kursiver Schrift gibt das Blatt bekannt, dass Eaden & Son nach der neuen Mrs. Eaden sucht, einer Amateurbäckerin, die aufgrund ihres großen Talents geeignet ist, in die Fußstapfen der Frau des Geschäftsgründers zu treten, die 1966 ihren Klassiker Die Kunst des Backens veröffentlichte und im vergangenen Jahr starb. Die Gewinnerin soll einen Vertrag über fünfzigtausend Pfund erhalten und den Supermarkt bei seinen Backprodukten beraten, eine Kolumne in der Monatszeitschrift schreiben und für die Werbekampagne posieren. Die neue Mrs. Eaden kann mit ihrer Backkunst Karriere machen.

Da Jennifer leidenschaftlich gern backt, fühlt sie sich durch den Wettbewerb angesprochen und hat sich tatsächlich beworben. Nun, sie ist mit der Kunst des Backens groß geworden, denn ihre Mutter war ein glühender Fan von Kathleen Eaden und ihren Oden an üppiges, erlesenes Gebäck.

Jennifer geht bei Eaden’s einkaufen und hält den Backwettbewerb für seriös – trotz der ziemlich albernen YouTube-Clips, für die sich jeweils die beiden Gewinner einer Kategorie zur Verfügung stellen müssen. Die Juroren sind sicherlich glaubwürdig: Dan Keller, der attraktive Artisan-Bäcker, und Harriet Strong, Autorin von über dreißig Kochbüchern und Star einer langjährigen Kochsendung. Das ist keine Reality-TV-Serie, sondern ein Wettbewerb, der von den exklusivsten Supermärkten des Landes veranstaltet wird: einem Unternehmen, das für hochwertige, frisch erzeugte Lebensmittel und Freilandprodukte wirbt und voraussetzt, dass seine Kunden nichts lieber tun als backen.

Jennifer ist solch eine Kundin und hat vor Weihnachten ein Bewerbungsformular ausgefüllt. Sie ärgert sich noch immer, weil sie nicht angeschrieben wurde. Und trotzdem überrascht es sie nicht. Im Kleingedruckten der Website hieß es, der Supermarkt behalte sich das Recht vor, Bewerber auszuwählen, die die demografischen Gruppen der Bevölkerung widerspiegeln. Es wurde auch ausdrücklich betont, wie wichtig es ist, dass die Kandidaten Fotos einreichen. Und daher ist sie mit zweiundfünfzig vermutlich zu alt und auch zu dick, um als Kandidatin infrage zu kommen.

Seufzend stellt sie sich vor, wie die Leute, die die Auswahl trafen, sie auf dem Foto wahrgenommen haben müssen. Das waren vielleicht junge Erwachsene, kaum älter als ihre drei Mädchen. Ihr kurzer, praktischer Bob ist wenig schmeichelhaft und langweilig, aber ungemein passend für die Gattin des örtlichen Zahnarztes und ein Mitglied des Frauenvereins. Jennifer hat ein breites, offenes, von Couperose gerötetes Gesicht, das ihre gesunde Lebensweise und ihren Mangel an Eitelkeit bezeugt, und eine Körperfülle, durch die mancher die Karikatur in ihr sehen könnte: die dicke, fröhliche, asexuelle Köchin.

Sie nimmt das Kneten wieder auf.

Ja, dick, denkt sie und knetet kräftiger, weil sie plötzlich wütend wird. Daran hat sie sich gewöhnt, seit ihre wachsende Leidenschaft fürs Backen mit ihrem Übergang ins mittlere Alter zusammenfiel.

»Trau keinem dünnen Koch«, sagt sie manchmal zwinkernd, wenn sie ihre noch hübschen Arme unter dem Busen verschränkt. Ein Busen ist es definitiv, keine deutlich unterscheidbaren Brüste mehr, und er schwillt weiter, wenn sie in die nächste Kleidergröße hineinwächst. Inzwischen hat sie Größe fünfzig und kann sich nicht mehr als kurvig oder mollig bezeichnen. Ihre Oberschenkel, die beim Gehen aneinanderreiben, sind grau von Dehnungsrissen, die jetzt auch in ihrer gedehnten Focaccia erscheinen. Ihr Bauch wabbelt wie halb fertig geschlagene Sahne.

Sofern sich ihre Töchter überhaupt darüber Gedanken machen, nehmen sie sicherlich an, dass ihre Mutter das gelassen nimmt. Jennifer sieht man an, was sie ist: eine exzellente Köchin, die mit den Eiern ihrer eigenen Sussex Whites ein Dutzend Scones oder einen Victoria Sandwich Cake zaubert, wenn man ihr zwanzig Minuten Zeit lässt. Sie ist die Mütterlichkeit in Person und die stets rührige Stütze ihrer Familie.

Nur Lizzie, ihre Jüngste, die gerade in Bristol mit dem Studium angefangen hat, fragt sich, ob ihre Mutter wirklich so glücklich ist, wie sie behauptet.

»Geht es dir gut, Mum?«, wollte sie an Weihnachten zaghaft wissen. »Macht es dir etwas aus, durch das leere Haus zu geistern und nur für Dad zu kochen, wo wir jetzt alle an der Uni sind?«

Jennifer lächelte. »Du fragst dich, was ich den ganzen Tag mit mir anfange?«

Lizzie wurde rot.

Die älteren Mädchen waren nicht so besorgt gewesen. »Ach, das tut sie doch gern, an uns denken und sich um den alten Griesgram kümmern, stimmt’s?«, warf Kate ein, die jetzt dreiundzwanzig ist.

»Natürlich. Sie ist doch unsere Glucke.« Emma, zweiundzwanzig und wie immer scharfzüngig, legte ihr einen schlanken Arm um die Taille und drückte sie. Jennifer fühlte sich durch den Begriff verunsichert, gab der Umarmung aber nach.

»Also, ich habe noch immer viel Arbeit. Da ist haufenweise Wäsche zu waschen und dann der Garten … und natürlich die Hühner.« Sie gab sich Mühe, eifrig zu klingen. Die Mädchen, die das Beste glauben wollten, lachten dazu.

»Mach nicht solchen Wirbel darum, Lizzie!«, befahl Emma ihrer jüngeren Schwester. »Du hast gehört, was sie sagt. Sie hält es weiter wie gehabt.«

Ihnen fiel offenbar nicht ein, dass ihre Mutter früher einmal einem Beruf nachgegangen ist. Aber zugegeben, sie hat die Krankenpflege nach der Geburt des ersten Kindes aufgegeben. Als die Mädchen in die Schule gingen, wollte keiner, dass sie wieder arbeitete, und so blieb sie zu Hause.

Jetzt schreibt Lizzy, wenn sie sich ihretwegen Sorgen macht, eine liebevolle SMS und wird mit einer schnellen, gut gelaunten Antwort beruhigt.

Schön, von dir zu hören, Schätzchen! Hatte einen wunderbaren Tag im Garten und mache gerade Sticky Toffee Pudding. Xxx

Jennifer, die sich abgequält hat, um in der SMS den richtigen Ton zu treffen, starrt das Telefon an und fleht im Stillen, es möge klingeln. Aber es bleibt stumm. Also steht sie weiter allein in ihrer Küche und backt unermüdlich.

3

Wenn Sie Kuchen servieren, legen Sie eine Kuchengabel und eine Serviette dazu. Und drängen Sie Ihre Gäste niemals zum Essen. Für Kuchen sollte man sich entscheiden, nachdem man die Auswirkung auf die Taille bedacht – und befunden hat, dass er köstlich und darum die Niederlage wert ist. Geben Sie der Versuchung aus ganzem Herzen nach, oder genießen Sie die Befriedigung, widerstanden zu haben.

Karen Hammond sitzt an der Kochinsel in ihrer schnörkellosen Küche und zieht geringschätzig die Brauen zusammen, während sie die Marmorplatte gegen das Licht betrachtet.

Durch das Dachfenster fällt blasser Sonnenschein, der ihre kupferfarbenen Strähnchen zum Leuchten bringt. Später wird die Putzfrau kommen. In den Sonnenstrahlen tanzen ein paar Stäubchen, und Karen verzieht das Gesicht.

Ein Fettfleck, ein verräterischer Daumenabdruck am Kopfende, verunziert die glänzend glatte Oberfläche. Wie konnte sie den verfehlen? Sie greift nach dem antibakteriellen Spray und reibt ihn weg. Betroffen hält sie inne, als sie ihr Spiegelbild sieht: ein Musterbeispiel für Konzentration, Unversöhnlichkeit, Anspannung.

Nachdem der Makel beseitigt ist, stellt sie die Putzmittel weg und blickt prüfend durch den Raum. Ihre Fingernägel, lackiert mit Chanel Rouge Noir, schlagen einen kleinen Trommelwirbel auf der Arbeitsfläche. Eine Aufforderung, tätig zu werden, perfekt zu sein.

Auf der Küchenzeile gegenüber steht ein Karottenkuchen mit glänzendem Zuckerguss. Dicke Sultaninen blinzeln ihr aus dem orangebraunen Teig zu: Sie riecht die Süße, die Gewürze, die Eier. Der Kuchen lockt sie wie ein arroganter Teenager, der an einer Straßenecke lehnt. Komm schon! Du willst mich doch. Nur mal naschen? Einen Krümel Zuckerguss? Sag mir, Schätzchen, was kann es denn schaden?

Aber Karen widersteht. Die Küchenhelfer sind in der Spülmaschine, die Rührschüssel mit den Zuckergussresten längst abgewaschen, abgetrocknet und in den Schrank gestellt. Kurz hat sie sich vorgestellt, mit dem Zeigefinger am Rand entlangzustreichen und die himmlische Mischung aus Mascarpone, Zucker und einem Spritzer Zitrone abzulecken. Doch schon bei dem Gedanken wusste sie, sie würde der Versuchung keinesfalls nachgeben. Selbstbeherrschung und Disziplin sind das Entscheidende bei allem. Sie weiß seit Langem, dass das kurze Hochgefühl des Genusses nicht mit dem Nervenkitzel des Widerstehens mithalten kann.

Jake, ihr siebzehnjähriger Sohn, schon ein halber Mann, kommt hereingeschlendert.

»Alles klar, Ma?«

Ihr missfällt sein Auftreten mit den in die Hosentaschen geschobenen Händen, wodurch die Jeans noch tiefer sitzt. Nun öffnet er den Kühlschrank, um den Inhalt zu mustern. Sein T-Shirt rutscht hoch, sodass die Spalte zwischen seinen schlanken Pobacken zu sehen ist. Karen möchte ihm die Jeans hochreißen, ihm sagen, er soll sich anständig anziehen. Stattdessen schaut sie weg.

»Gibt’s was zu essen?«

Eine rein rhetorische Frage. Er stapelt Käse, Schinken, Butter und Bagels in den Armen, eine unendliche Kalorienmenge, die er mit seinen Eins achtundachtzig gut verschmerzen kann. Angespannt sieht sie zu, wie er alles auf die Arbeitsplatte knallt und Unordnung erzeugt.

Sein Blick schweift durch die sterile Küche zu ihrer jüngsten Kreation.

»Ah … Kuchen. Du hast doch nichts dagegen, oder, Ma?« Er sticht mit dem Brotmesser hinein, schneidet sich ein beträchtliches Stück heraus und verschlingt es heißhungrig. Feuchte Krümel fallen auf den Boden, und von der Klinge rutscht ein Klumpen Zuckerguss, der noch nicht erstarrt ist.

Sie kann es nicht ertragen.

»Um Himmels willen, Jake! Wenn du schon so schlingen musst, dann wenigstens zivilisiert.«

Sie nimmt einen Teller und eine Kuchengabel aus dem Schrank.

»Wofür ist das?«

»Du weißt, wofür das ist. Das ist eine Kuchengabel. Iss anständig!«

Er sieht sie mit spöttischem Staunen an. »Mensch, Ma. Man vergisst völlig, dass du aus Sarfend kommst.« Er dehnt den Namen nach Essex-Art. »Seit wann tust du so vornehm?«

Sein Ton versetzt ihr einen Stich. Seit mein Sohn sich über mich lustig macht, möchte sie antworten. Seit er und seine Schwester in anderen gesellschaftlichen Kreisen verkehren, mit Rugbyspielen, Cello-Unterricht, Skiurlaub und lateinischen Gerundien. Seit sie in einer anderen Welt leben als ich.

Aber das sagt sie nicht. Stattdessen betrachtet sie ihren schönen Jungen, seine vornehmen Gesichtszüge, die von Akne verschont geblieben sind und jetzt durch Spott verdorben werden.

»Wenn du meinen Kuchen isst, dann nach meinen Regeln.« Mehr bringt sie nicht heraus. Es klingt wütender als beabsichtigt. Weniger wie eine klare Anweisung, sondern mehr wie ein zänkisches Fauchen.

Jake lacht schallend. »Bleib mal locker, Ma! Reg dich ab!« Er sieht sie an, als stammte sie von einem anderen Planeten, dann vertilgt er kraftvoll kauend das Stück Kuchen. »Schmeckt gut, übrigens. Hier, probier mal!« Er streckt es ihr entgegen.

Sie weicht plötzlich ängstlich zurück. »Nein, danke.« Es klingt angespannt. »Ich habe keinen Hunger.«

Er zuckt mit den Schultern und isst weiter. »Vielleicht etwas Zuckerguss?«, fragt er, während er sich ein zweites, schmaleres Stück abschneidet. »Hier, nimm es gleich so! Na los!« Seine Oberlippe kräuselt sich. Er hält ihr das Messer hin, eine Belohnung für Wohlverhalten.

Die Klinge ist gefährlich nah an ihrem Mund, aber sie weigert sich zurückzuzucken.

»Ich sagte nein.«

Es kommt laut. Er zieht eine Braue hoch. Sie zwingt sich, ihren Ton zu mäßigen, und atmet tief durch.

»Ich möchte nichts, danke, mein Liebling. Ich wünschte nur, du würdest auf mich hören.«

Um die Aufmerksamkeit von ihrem Ausbruch abzulenken, räumt sie die Lebensmittel wieder in den Kühlschrank. Dabei nimmt sie sich eine Dose Diät-Cola. Die braune Flüssigkeit schäumt im Glas, dann brennt die Kohlensäure in ihrer Kehle. Das ist jetzt das Gift ihrer Wahl, nachdem sie das Rauchen aufgegeben hat, ein Wundergetränk, das keine Kalorien hat, aber ein Sättigungsgefühl erzeugt.

Ihr Sohn beobachtet sie dabei mit bittend erhobenen Händen. »Ich verstehe dich nicht. Du backst köstliche Kuchen und willst sie nicht mal probieren? Was soll das? Du bist doch nicht dick.«

Er mustert ihre knabenhafte Figur, den flachen Bauch, das vorstehende Schlüsselbein, die straffe Gesichtshaut, die oberen Rippen. Dann schüttelt er den Kopf wie ein Vater, der über seine Tochter verwirrt ist, und schlendert aus der Küche.

Gerade will sie protestieren, ihm sagen, er soll seine Krümel wegwischen, als er ihr noch eine so beiläufig wirkende Bemerkung hinterherwirft, dass sie sich im ersten Augenblick fragt, ob sie sich verhört hat.

»Du machst keinem etwas vor, Ma«, sagt er in ihrem Dialekt, die Hände wieder tief in den Hosentaschen. Und noch einmal ganz leise: »Du machst keinem etwas vor.«

Was meinte er denn damit? Die Angst gibt ihr Kraft, während sie von ihrem echt viktorianischen Haus in Winchester zum Stadtrand joggt, was fünfundvierzig Minuten dauert und 565 Kalorien verbrennt und außerdem hoffentlich die Beschämung tilgt.

Sie hält ein flottes Tempo, rollt die Füße ordentlich ab, hält sich gerade, aber unverkrampft, atmet gleichmäßig und ruhig. Die Häuser werden eintöniger und billiger, je weiter sie sich von der Innenstadt entfernt: Nach den georgianischen Stadthäusern kommen kitschige Reihenhäuser, dann moderne Einzelhäuser. Die meisten sind nichtssagend, nur wenige ein Schmuckstück.

Ich habe es weit gebracht, sagt sie sich und rennt an Gerichtsgebäuden, den Bahngleisen und dem Krankenhaus vorbei auf die grüne Umgebung zu. Sie hat es weit gebracht und ist nicht gewillt, sich das zerstören zu lassen, nur weil ihr Sohn, dieser schöne angehende Mann, den sie oft ungläubig als ihr Produkt bestaunt, etwas zu wissen glaubt, das sie in seinen Augen herabsetzt.

Es brennt ihr im Magen. Du machst keinem etwas vor, Ma. Eine allgemeine Anspielung auf ihre Herkunft aus dem Arbeitermilieu, über die sie nicht spricht, oder eine Bemerkung, die auf etwas Konkretes zielt? Was weiß er? Welches ihrer zwei dunklen Geheimnisse hat er gelüftet? Oder war es nur ein Schuss ins Blaue?

Hat er es Oliver gesagt? Er ist zwar ihr Mann, und sie verbringt die Woche mit ihm in ihrer Londoner Wohnung, aber sie leben sich mehr und mehr auseinander. Manchmal fragt sie sich, ob ihm überhaupt etwas an ihr liegt, so sehr ist er in seine Arbeit vertieft, so sehr hat er sich schon von ihr entfernt. Was ist mit Livy? Sie denkt an ihre ernste Tochter, die so anders ist als sie selbst mit fünfzehn, und ballt unwillkürlich die Hände zu Fäusten, als könnte sie sich an der Unschuld des Mädchens festhalten.

Sie denkt zehn Jahre zurück. Jake, sieben Jahre alt, erzielte seinen ersten Versuch beim Tag Rugby, hatte zerschrammte Knie, schlammbespritzte Schienbeine. Er strahlte vor Stolz. Und der Mensch, den er im Hochgefühl des Sieges umarmte, war nicht Oliver oder sein Trainer, sondern sie, die frierend an der Seitenauslinie stand. Die Arme um sie geschlungen, flüsterte er an ihrem Hals: »Ich hab dich lieb, Mum.« Dabei war seine Stimme ungestüm vor Leidenschaft. Sie war seine Welt. »Die beste Mum der Welt – des ganzen Universums.« Die Leidenschaft ist ihr noch beträchtliche Zeit erhalten geblieben. Woher kommt jetzt diese Verachtung?

Die Frage nagt an ihr, und das Joggen wird anstrengender: ein steilerer Anstieg auf einen der hohen Hügel der Gegend und eine Gelegenheit, ihrem Körper etwas abzuverlangen. Hier gibt es keinen Bürgersteig, sodass sie auf der Straße läuft. Als ein Wagen dicht an ihr vorbeibraust, drängt sie sich an die Brombeerhecke.

Karen schaut auf ihre Jogginguhr. Halb geschafft. Fünf Kilometer, zweiundzwanzig Minuten, 272 Kalorien. Sie läuft weiter. Sie muss mehr verbrennen, schneller laufen. Sie sollte eigentlich schneller laufen können.

Inzwischen atmet sie ungleichmäßig und angestrengt. Sie versucht zu summen, um ihre Angst auszublenden. Lass dich nicht unterkriegen!, befiehlt sie sich. Er weiß nichts. Immer schön den Kopf oben behalten!

Ihr Puls geht in verlässlichem Takt gegen den Rhythmus in ihrem iPod. Nicht unterkriegen lassen! Kopf hoch! Er weiß nichts. Sie wiederholt das Mantra – und wünscht sich, sie könnte es glauben.

Und plötzlich gelangt sie auf die Hügelkuppe und stößt erleichtert und triumphierend einen Schrei aus. Hinter ihr liegt Winchester ausgebreitet: Wohlstand, Erbgüter, Privilegien. Du hast es weit gebracht, versichert sie sich. Du hast es weit gebracht.

Die überschwemmten Flussauen schimmern, und als sie wieder zu Atem kommt, bricht die Sonne durch die Wolken und bescheint die Kathedrale und die Eliteschule. Sie joggt weiter. Ihr Atem geht gleichmäßig, da sie eine Weile auf ebener Strecke läuft. Karen erhöht das Tempo. Du hast es weit gebracht, und daran wirst du festhalten.

4

Wenn Sie zum Vormittagskaffee einladen, nehmen Sie nur »Eaden’s Besten«, und Ihr Kuchen sollte, es bedarf eigentlich keiner Erwähnung, selbst gebacken sein. Schrauben Sie Ihre Ansprüche nicht herunter, selbst wenn Sie nur ein heißes Getränk anbieten. Sie wollen keine Gastgeberin sein, die Pulverkaffee serviert.

Drei Wochen später. Es ist ein nasser, windiger Februarmorgen, und Vicki flitzt durch den Regen auf der King’s Road in Chelsea. Sie ist unterwegs zum ersten Kandidatentreffen für die Suche nach der neuen Mrs. Eaden.

Ihrer Uhr nach hat sie noch reichlich Zeit, das heißt, sie ist eine Viertelstunde zu früh dran, aber sie kann Zuspätkommer nicht leiden, genauso wenig wie Unvorbereitete. Sie drückt den Korb an sich und linst unter das Geschirrtuch, als könnten sich ihre Heidelbeer-Muffins und Emmentaler-Croissants irgendwie verflüchtigt haben. Natürlich haben sie das nicht. Dicke Regentropfen klatschen auf die Blechdosen. Vicki hält den Schirm schräger und läuft schneller.

Sei nicht so nervös!, sagt sie sich, als der Flagship-Store von Eaden & Son mit seiner Glasfront und dem eleganten Schriftzug ins Blickfeld rückt. Du bist jetzt hier. Freu dich einfach! Du hast bekommen, was du wolltest: die Chance, dich mit Backen hervorzutun, etwas außerhalb deiner vier Wände zu erreichen.

Aber wird Alfie zurechtkommen? Sie verspürt den gewohnten schuldbewussten Stich, als sie an sein tränennasses Gesicht bei der Verabschiedung an Alis Haustür denkt. Er hat nur deinetwegen eine Show abgezogen, versichert die nüchterne Lehrerin in ihr. Doch stimmt das? Brütet er vielleicht etwas aus, und sie hat es nicht bemerkt? Hat er in den letzten Tagen deshalb so geklammert?

Kurz überlegt sie, Ali anzurufen, nur um noch mal nachzuhören, aber sie hat ihr schon, nachdem sie am Sloane Square ausgestiegen war, eine SMS geschrieben und fürchtet, neurotisch zu erscheinen. Ihr Handy pingt in der Tasche. Die Antwort von Ali:

Natürlich geht es ihm gut. Nun geh schon und mach dir einen schönen Tag!

Vicki grinst – sie hat die Erlaubnis einer anderen Mutter – und steigt schon unbeschwerter die letzten paar Stufen zum Geschäft hinauf. Na also. Sie ist keine schlechte Mutter. Eigentlich nicht. Sie ergreift nur die seltene Gelegenheit zu glänzen.

Als sie das Geschäft betritt, kommt es ihr unglaublich vor, dass sie zum Kandidatentreffen bestellt wurde. Sie hat sich erst in letzter Minute beworben, am einunddreißigsten Januar, dem Ende der Frist. Nicht, dass sie es nicht wollte. Die Ausschreibung, die sie aus Eaden’s Monthly ausgeschnitten hat, hängt schon seit Anfang Dezember am Kühlschrank, wo sie zwischen Alfies Kartoffeldruckbildern und Buntstiftzeichnungen um Platz ringt. Aber sie hat ständig hin und her überlegt, hat sich anfänglich gesträubt, an etwas teilzunehmen, für das sie ihren Jungen weggeben muss. Und dann kam ein besonders einsamer Vormittag, und während sie die Eisenbahnschienen und Legos, die Knete und die Bauernhofteile wegräumte, wurde ihr klar, dass sie demnächst vor schlechter Laune platzen oder verrückt werden würde, wenn sie nicht öfter rauskäme.

Also ist sie jetzt hier. Nicht gerade das kühnste Ausflugsziel, und trotzdem findet sie es absolut aufregend. Nervös bemerkt sie den Tisch am Eingang, auf dem Prosecco-Flaschen und elegant verpackte Trüffel aufgebaut sind, und atmet den Duft von frischem Rosinenbrot ein.

Überhaupt sieht ringsherum alles perfekt aus: Die Äpfel sind auf nachgemachten Marktständen zu Pyramiden gestapelt und haben keinen einzigen Fleck. Der Cavolo nero ist dunkel und knackig. Das Brot – Sauerteigstangen, in kunstvoll gerissenes braunes Papier eingewickelt – sieht aus wie in den frühen Morgenstunden von einem Handwerksbäcker gebacken. Die Fleischtheke präsentiert große Stücke Oberschale und Roastbeef, die gut abgehangen aussehen. Die Rotbarsche und Langusten glänzen auf einem Bett aus gestoßenem Eis.

Es ist noch keine zehn Uhr, und schon füllt sich der Laden mit zufriedenen Kunden, die frische Waren aussuchen und gründlich überlegen, bevor sie ihre Espressobohnen, Fairtrade-Teesorten, dunklen Schokoladen, Biohaferkekse und Cantuccini in den Korb legen.

In den breiten Gängen passen zwei Einkaufswagen bequem nebeneinander. Vicki beobachtet, wie drei Frauen mittleren Alters den Platz einnehmen. Als sich eine an den zwei anderen vorbeidrängt, wird keine ungehalten, kommt kein Groll auf. Die eine lächelt entschuldigend, die andern nicken höflich. Das ist kein Supermarkt, in dem Kunden fluchen, einander in die Hacken fahren oder versuchen, sich an der Kasse vorzumogeln. Eaden’s verkörpert traditionelle Werte wie guten Geschmack, Qualität, Kultiviertheit. Vor allem steht das Unternehmen für Zuvorkommenheit.

Im Augenblick ist niemand da, um Vicki zu begrüßen, und darum geht sie auf den Kundenservice zu. Unterwegs schaut sie in den Backwarengang.

Ein älterer Herr mustert die Backaromen. Senfgelbe Cordhose, Krawatte, ein Tweedjackett, das bestimmt schon seit vierzig Jahren hält und ihn allem Anschein nach bis ans Lebensende begleiten wird, rötliches Gesicht. Er wirkt völlig ratlos.

»Kann ich Ihnen helfen, Sir?« Eine schlanke junge Angestellte lächelt ihn an.

»Ich suche Vanilleschoten. Meine Frau braucht sie dringend. Aber ich kann keine finden.«

»Wenn Sie mir folgen wollen, Sir, dann zeige ich sie Ihnen.« Sie streckt lenkend den Arm hinter seinen Rücken, ohne ihn zu berühren. »Da haben wir sie, drei verschiedene Sorten. An Ihrer Stelle würde ich diese nehmen.«

»Tatsächlich?«

»Die sind nicht so teuer, stammen aber von derselben Plantage und haben dieselbe Qualität.«

»Wie ungemein …«

»Kann ich noch etwas anderes für Sie tun?«

»Nein danke … ich komme zurecht, vielen Dank.«

Die Angestellte überlässt ihn der Betrachtung der runzligen schwarzen Schoten in den Glasröhrchen und entfernt sich diskret.

»Vicki … Vicki Marchant?«

Eine junge Frau mit gepflegtem blondem Bob und Perlenohrringen lächelt sie an.

»Ja, oh, Verzeihung.« Sie fühlt sich auf dem falschen Fuß erwischt.

»Herzlich willkommen bei unserer Suche nach der neuen Mrs. Eaden!«

Vicki versetzt das in freudige Aufregung.

»Ich bin Cora Young, Marketing-Assistentin.«

Sie streckt ihr eine gepflegte Hand hin. Am kleinen Finger glänzt ein Siegelring. Vicki wischt sich nervös die Handfläche trocken.

»Das Kandidatentreffen findet in unserem Konferenzraum auf der Vorstandsetage statt. Darf ich Sie bitten mitzukommen?«

Im Konferenzraum über dem Geschäft wartet bereits jemand. Eine Frau mittleren Alters, die aussieht wie eine Bilderbuchbäckerin: freundliches Lächeln, breites Gesicht und ein stattlicher Busen, der sofort Vickis Blick anzieht.

Sie sieht nervös aus – und hübsch. Eine richtige Mum oder eine noch junge Granny. Alfie würde sie lieben. Er würde sich an ihre Brust schmiegen und von dem himmlischen Platz aus bewundernd zu ihr hochschauen.

»Hallo. Ich bin Jennifer.« Sie kommt ihr ein bisschen verlegen mit ausgestreckter Hand entgegen.

»Vicki.« Sie schüttelt ihr die Hand. Jennifers Finger sind kühl, der Händedruck überraschend fest für jemanden, der so schüchtern wirkt.

Lächelnd suchen beide nach einem Gesprächseinstieg und fangen gleichzeitig an zu reden.

»Haben Sie …?«

»Sind Sie …?«

»Bitte, nach Ihnen«, sagt Vicki.

»Ich wollte nur fragen, ob Sie auch so nervös sind. Ich jedenfalls bin es. Ich wurde erst vor zwei Tagen angerufen und kann es noch gar nicht glauben. Ich rechne ständig damit, dass es sich als Irrtum herausstellt.«

»Ach, das ist bestimmt keiner. Sie sehen aus, als könnten Sie sehr gut backen – oh, das war nicht unhöflich gemeint. Sie sehen einfach erfahren aus …« Vicki stockt verlegen. »Oh, jetzt reite ich mich wohl nur noch tiefer rein.«

Jennifer lacht. »Nein, gar nicht. Das ist die Nervosität. Tröstlich, dass es uns beiden so geht.«

Sie blickt durchs Fenster zu einem Schwarz-Weiß-Foto von Kathleen Eaden, das an der gegenüberliegenden Hauswand prangt.

»Sie dagegen sieht nicht aus, als wäre sie je nervös gewesen, nicht wahr?«

Vicki folgt ihrem Blick. Die Frau ist gekleidet wie Jackie Kennedy, die Stilikone der Sechziger: toupierter Bob mit Außenwelle, heller Lippenstift, dünner schwarzer Lidstrich. Ihr Gesicht ist eher markant als hübsch, ihr Blick intelligent, ihr Lächeln charmant. Sie trägt ein Ensemble aus einem knapp knielangen Shiftkleid und einem Mantel, dazu Pumps mit niedrigen Pfennigabsätzen, die bei ihren schlanken Waden gut aussehen.

»Das ist das gleiche Foto wie in dem Buch, oder?«

Vicki zieht ihr Backbuch aus der geräumigen Handtasche, einen hellblauen, gebundenen Band mit vielen Fotografien, dessen Erscheinen im vorigen Jahr mit Kathleen Eadens Tod zusammenfiel.

»Oh! Eine echte Kathleen-Enthusiastin.« Jennifer schwenkt ihr eigenes broschiertes Exemplar, das Eselsohren und Flecken hat und gut vierzig Jahre älter ist.

»Ist das eine Erstausgabe?« Vicki fühlt sich übertrumpft, obwohl das sicherlich nicht Jennifers Absicht war.

»Von meiner Mutter. Ich bin quasi mit Mrs. Eaden aufgewachsen. Daher dachte ich, ich nehme es mal mit.«

Sie reicht es ihr, und Vicki blättert für ein Weilchen darin. Rezepte für Rosinenschnecken, Bakewell Tart und Apfel-Charlotte erregen ihre Aufmerksamkeit, ebenso der Battenbergkuchen, die Zitronen-Meringe, die Quiche mit Lachs und Brunnenkresse. Der Band ist spärlich in Schwarz-Weiß bebildert. Meistens ist Kathleen Eaden zu sehen, die das fertige Backwerk präsentiert. Ihr Lächeln ist hypnotisch und lenkt den Blick des Lesers von Torten und Puddings weg.

»Ich liebe dieses Buch«, schwärmt Vicki. »Ich habe es erst vor ein paar Jahren entdeckt. Natürlich hatte ich vorher schon davon gehört, aber die Rezepte habe ich erst mit der Neuauflage ausprobiert.«

»In meiner Kindheit wollte jede Frau, die gern backte, so sein wie sie«, sagt Jennifer. »Ich weiß noch, dass meine Mutter immer sagte: ›Ich schlage gleich mal bei Kathleen nach‹, so wie wir uns heute nach Delia Smith richten. Wirklich erstaunlich, dass dieses Buch so einen Einfluss hatte!«

»Und sie scheint eine wunderbare Frau gewesen zu sein. Haben Sie das Interview mit ihrer Tochter Laura gelesen, das nach ihrem Tod im Eaden’s Monthly stand?«

»Ja, das kenne ich. Eine wundervolle Kindheit. Es klang geradezu idyllisch: Lagerfeuer am Strand, Wellenreiten, Drachensteigen und das viele Kuchenbacken.«

»Ich fände es toll, wenn mein Sohn mich so in Erinnerung behielte.«

Das rutscht Vicki heraus, ehe sie sich besinnen kann, und sie möchte am liebsten im Boden versinken. Jennifer blickt taktvoll zur Seite.

»Also, das wird er sicher, na ja, jedenfalls hoffe ich es. Aber ich kann es mir nicht ganz vorstellen«, hört Vicki sich plappern. »Mir fällt es anscheinend nicht so leicht wie Kathleen, obwohl ich ihn anbete. Ich finde es manchmal ganz schön schwer. Haben Sie Kinder?«, fragt sie hastig, um abzulenken. »Sie sehen ganz so aus, als …« Sie stockt und wird rot, als könnte Jennifer ihr den Gedanken von der Stirn ablesen: dass nämlich ihr Bauch unter der weiten Bluse sicherlich mehr als ein Kind ausgetragen hat.

Ihre Gesprächspartnerin scheint unempfindlich zu sein. »Drei Mädchen zwischen neunzehn und dreiundzwanzig, also erwachsene Töchter.«

»Ich habe nur ein Kind, einen dreijährigen Jungen«, erzählt Vicki, als müsste sie sich dafür rechtfertigen. Wie zur Bestätigung reagiert ihr Bauch mit einem dumpfen Ziehen.

»Beim ersten fällt einem alles noch schwer. Das ist ein Schock für den Körper. Meine erste Tochter war für mich eine echte Herausforderung. Beim zweiten Kind wird es schon leichter.«

Jennifer lächelt. Normalerweise würde Vicki die Bemerkung gönnerhaft finden, sie als Plattitüde einer Frau abtun, die mühelos mehrere Kinder geboren hat. Aber da es einfach nur freundlich klingt und nicht im Geringsten herabsetzend gemeint gewesen ist, fühlt Vicki sich sofort ermuntert und akzeptiert, so als hätte sie gerade eine künftige Freundin kennengelernt.

Es ist drei Minuten vor zehn. Vicki wird immer nervöser. Die Tür schwingt auf, und Cora geleitet einen Mann herein, der sich überschwänglich entschuldigt: Anfang vierzig, grau melierte, dunkle Haare, eine tolle Statur, leicht traurige dunkelbraune Augen.

»Gott sei Dank hab ich es geschafft!« Sein Gesicht – bemüht, angenehm, unauffällig – entspannt sich, als er sieht, dass erst zwei Kandidaten da sind. Die Falte zwischen seinen Brauen ist schon nicht mehr abgrundtief. »Es tut mir sehr leid, dass ich so spät komme.« Er setzt einen großen Rucksack ab, der wohl seine Backzutaten enthält, und zieht seinen feuchten Trenchcoat gerade. Das blaue Oberhemd darunter ist schlecht gebügelt.

»Kaffee?«, flötet Cora und deutet auf den Tisch mit den Tassen.

»Ein Espresso wäre schön«, antwortet er. Dann fällt sein Blick auf die große Glaskanne, in der der Filterkaffee bereits stand, als Vicki den Raum betreten hat. »Ach, dann nur einen Americano.«

Lächelnd nimmt er sich eine von den weißen Tassen und eine Untertasse und hat die Qual der Wahl bei dem Gebäckteller: weiche Hafer-Rosinen-Plätzchen, Mini-Heidelbeermuffins und kleine Rosinenbrötchen.

»Die schmecken gut«, sagt Vicki. Sie streift am Tisch entlang und zeigt auf die Plätzchen. »Sind zwar keine selbst gemachten, aber trotzdem.« Sie beißt sich auf die Lippe, als ihr bewusst wird, dass Cora sich gekränkt fühlen könnte. »Sicher sind sie unten frisch gebacken worden.«

Er wählt einen Muffin aus und fasst prüfend an seinen Rucksack. Was mag er da drin haben?, denkt Vicki. Panettone? Ein Dinkel-Honig-Brot? Oder etwas Alltäglicheres? Ich frage mich ja, wie gut er ist und was ihn bewogen hat, sich hier zu bewerben.

»Hallo.« Jennifer ist herzlicher.

»Verzeihung … Hallo. Mike. Mike Wilkinson.« Er gibt ihr die Hand.

»Jennifer.«

»Vicki.«

Breit lächelnd versichern sie einander, wie begeistert sie sind.

Mike nickt ermutigend, doch dann tritt Schweigen ein. Das Klirren der Tassen auf den Untertellern überbrückt die Stille.

»Ups.« Vicki verschüttet dünnen Kaffee über ihre Hand. Mit verlegener Miene greift sie nach einer Papierserviette und betupft erfolglos die Spritzer, mit denen ihr klassisches Nachmittagskleid nun eingeweiht ist. Jennifer beobachtet es mitfühlend. Mike dagegen dreht sich weg, um nicht Zeuge ihrer Demütigung zu werden.

»Ich bin auf einmal total nervös. Zu dumm, wirklich«, plappert Vicki zur Erklärung. Sie hat ständig Sodbrennen.

»Das sind wir alle«, versichert Jennifer. »Das ist doch ganz natürlich. Es gibt keine Garantie, dass wir als Kandidaten genommen werden, obwohl wir schon so weit gekommen sind. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich ist das eine Riesensache!«

Allmählich kommen sie ins Gespräch: warum sie der Wettbewerb angesprochen hat, was sie befürchten, was sie von dem Vorstellungsgespräch erwarten und was sie mitgebracht haben, um die Juroren zu beeindrucken. Bei Jennifer sind es Mandelcroissants und Schokoladentorte, bei Mike ein Devil’s Food Cake und Brioches.

»Aber wir müssten doch mehr sein, oder?«, fragt Vicki. »Cora sagte, sie suchen fünf Kandidaten aus. Bei weniger hätten sie für die YouTube-Clips nicht genug Abwechslung.«

Wie aufs Stichwort schwingt die Tür auf. Noch ein Kandidat? Ihr Geplauder verstummt.

Die hereinkommende Frau ist offenbar gerüstet: kniehohe Stiefel, frische weiße Bluse, dunkle Bluejeans. Sie hat eine Mähne teuer gesträhnter brünetter Haare, und ihr Gesicht strahlt von einem leichten Bräunungspuder und freudiger Erregung. Sie trägt einen grauen Weidenkorb und wirkt wie jemand, der ein köstliches Geheimnis hat und es kaum für sich behalten kann.

Mike errötet, was ihn zehn Jahre jünger macht. Jennifers Lächeln ist so herzlich wie immer, aber ein bisschen vorsichtiger. Vicki fühlt sich augenblicklich beklommen.

»Bin ich hier richtig bei der Suche nach der neuen Mrs. Eaden?«, fragt Karen überflüssigerweise und ein bisschen unsicher, um sogleich mit einem Hauch Ironie hinterherzuschieben: »Na, dann backen wir mal!«

Lieber würde ich jetzt Kuchen backen, denkt sie, als sie am Eingang der hundertsten Filiale steht, um gleich zur Eröffnung das Band durchzuschneiden.

Ringsherum warten erwartungsvoll lächelnde Angestellte, während die Herren von der Presse sich mühsam beherrschen, um nicht zu drängeln wie Kinder, denen man Cremetorte und Schokolade, Ingwerlimonade und warme Puddingtörtchen versprochen hat.

Ja, sie würde jetzt lieber backen – oder schreiben. Einfach etwas Kreatives tun. Einen verunglückten Windbeutel füllen, um ihn gleich zu verschlingen, oder eine Seite schreiben, die sie dann später zerreißt.

Stattdessen steht sie hier auf der King’s Road in Chelsea, wo sie einem scharfen Aprilwind ausgesetzt ist und sich wünscht, sie hätte etwas Wärmeres an als einen dünnen Mantel und Seidenstrümpfe. Ihre neuen Pumps drücken, und sie ist abgelenkt durch den ständigen, leisen Schmerz und die Kälte.

»Haben Sie ein Lächeln für uns, Mrs. Eaden?«, bittet ein Journalist. Blitzlichter flammen auf, als sie strahlend in die Kameras lächelt.

Was, wenn sie es verweigert hätte? Der Gedanke kommt ihr bei der nächsten Windbö, und sie greift prüfend an ihren Bob, der aus der Stirn frisiert und steif von Haarspray ist. Nun, natürlich würde sie das nicht tun. Als Mrs. Eaden – Georges Ehefrau, kulinarische Autorität und Eaden’s Aushängeschild – hat sie ihre Rolle zu spielen, auch wenn sie hin und wieder lieber schöne Sätze oder Zuckerfäden spinnt. Posieren, lächeln, nicken, das ist ihre Pflicht, und neuerdings schreiben und backen, was ihr eine Erleichterung ist und überraschend viel Freude bereitet.

Nur noch fünf Minuten, schätzt sie und reibt sich die Arme, um ein wenig warm zu werden, dann zwanzig Minuten im Laden, wo sie das Personal begrüßt und Höflichkeiten austauscht. Das ist nicht viel verlangt und für den Erfolg ihres Unternehmens wesentlich – und außerdem gut für ihre Karriere, wenn sie ihr Backbuch veröffentlichen will.

Das Argument wird ihr sogleich bestätigt, als eine ältere Dame den Hals reckt, um zu sehen, wem die Aufmerksamkeit der Fotografen gilt.

»Wer ist sie? Eine Filmschauspielerin?« Die Frage schallt zu ihr herüber.

»Nein. Das ist Kathleen Eaden. Die Besitzerin des Ladens, die diese überspannte Kolumne schreibt. Kennen Sie die nicht? In Woman and Home

»Hübsch ist sie, nicht wahr?« Ihre Freundin klingt ehrfürchtig. »Und viel jünger, als ich dachte.«

»Ein bisschen mager für meinen Geschmack, aber das ist ja jetzt Mode.«

»Sie ist eine Schönheit«, meint eine Dritte.

»Wer? Kathleen Eaden? Oh! Ich habe sie gar nicht erkannt.«

»Das ist Kathleen Eaden!«

»Wer?«

»Kathleen Eaden. Sie wissen schon: die Mrs. Eaden.«

»Oh.« Die Dame dämpft ihre Stimme. »Die mag ich.«

Die Bemerkung dringt vom Bürgersteig bis an den Eingang der neu eröffneten Filiale, in der die weiß getünchten Ziegelwände und Holzdecken und die herumstehenden Verkäufer auf die bezaubernde junge Kundschaft warten. »Mrs. Eaden«, raunt die Menge der Schaulustigen, und Kathleen fragt sich, wie lange sie diesem Druck gewachsen sein wird. Manchmal fühlt sie sich wie der Korken in einer Champagnerflasche.

»Bist du bereit, meine Liebe?« Es ist George, der sie rettet.

»Natürlich, Liebling.«

»Hier ist die Schere. Sei vorsichtig!«

Er reicht sie ihr mit der Spitze nach unten, die geschlossenen Scherenblätter in der Faust, als wäre sie ein schutzbedürftiges Kind. Einen Moment lang stellt sie sich die Katastrophe vor, wenn sie die Schere an sich risse und wild ins Leere schnitte.

»Liebling?« Georges Blick kündet von Unruhe und Liebe, so als könnte er sein Glück auch drei Jahre nach der Hochzeit immer noch nicht fassen.

»Sofort«, versichert sie ihm, während sie die Schere öffnet und an dem straff gespannten Seidenband ansetzt. Ich will mir nur schnell etwas wünschen. Ich will mir das eine wünschen, nach dem ich mich schon immer gesehnt habe. Für drei Sekunden schließt sie die Augen, dann wendet sie sich ihrer Pflicht zu. Sie zerschneidet das Band, und die Enden fallen unter Applaus und Jubelrufen zu Boden.

Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, denkt sie. Wenn Eaden’s sich so vermehren kann – von einer Hand voll Lebensmittelläden zu hundert Filialen in zehn Jahren –, dann kann ich es vielleicht auch. Andere Frauen tun es schließlich jeden Tag.

»Kathleen?« George lenkt sie mit einer Hand am Rücken in den Supermarkt der Zukunft: überall Neonlicht und Selbstbedienungskühltruhen.

Und Mrs. Eaden knipst ihr Lächeln an.

5

Glauben Sie nicht, Sie müssten an Kochkursen teilnehmen, um gut backen zu können. Sie brauchen weder zum örtlichen Frauenverein zu gehen noch an die Pariser Cordon Bleu. Backen kann jeder lernen. Ein guter Lehrer wird Ihnen sicherlich nutzen, aber Sie können sich auch selbst schulen. Von all dem feinen Gebäck, das ich schon gekostet habe, stammte das köstlichste mitunter aus ganz bescheidenen Haushalten.

Der Regen, der Vicki bespritzt und Mike durchnässt hat, geht auf die Kathedralenstadt Exeter nieder. Dicke Tropfen laufen die Hügel hinab und prasseln auf die Gehsteige, während die Gullys schon überfließen.

Claire Trelawney verbringt einen langweiligen Vormittag an der Eaden’s-Kasse, wo sie den Vorteil des Wolkenbruchs genießt: Der Laden ist nicht so voll wie sonst. Dafür zieht sich die Schicht nur langsam hin.

Die Mutter mit dem kleinen Baby, die gerade ihre Einkäufe auf das Band häuft, strahlt Claire kurz an. Meistens ist ihr Lächeln unpersönlich, nur die übliche Höflichkeit, zu der sie als Angestellte verpflichtet ist. Normalerweise bringt sie auch die mit einem gewissen Enthusiasmus auf, nicht jedoch an diesem Vormittag. Der Regen schlägt gegen die Scheiben. Der plötzliche Wolkenbruch hält bestürzte Kunden im Laden fest und treibt andere hinein ins Trockene, da es selbst durch die Markise vor dem Eingang tropft. Ich werde klitschnass werden, denkt Claire und betrachtet ihre dienstlich vorgeschriebene schwarze Hose, die im nassen Zustand kalt an den Beinen klebt, und ihre billigen Slipper, die schon einmal durchgeweicht wurden. Halbherzig versucht sie, sich aufzumuntern. Was kann in einem provinziellen Supermarkt an einem grauen Februarvormittag ein Lächeln hervorrufen?

Sie beginnt, die Waren zu scannen, sodass es in gleichbleibendem Abstand piept. Windeln, Feuchttücher, Milch, Butter, fünf Tafeln Vollmilchschokolade.

»Ein Sonderangebot.« Die Mutter grinst schuldbewusst.

Claire muss wohl das Gesicht verzogen haben. Anhand des Einkaufs lässt sich viel über einen Menschen sagen. Man erkennt nicht nur die Essgestörten und Alkoholiker, sondern auch die Zwanghaften, die sich sklavisch an ihren Einkaufszettel halten, ebenso die Leute, die nie kochen, und die, die ständig kochen.

Wie diese Mutter zum Beispiel. Jetzt wird ihre Ausbeute schon interessanter. Vielleicht war es falsch, sie nach dem Pfund Schokolade zu beurteilen, denn jetzt kommen Bioeier, Puderzucker, Streuzucker, Mascarpone, Sahnequark, Vanillezucker – der teure in den geschmackvollen braunen Tütchen, nicht der künstliche – und Vollkornkekse.

»Backen Sie einen New Yorker Käsekuchen?«, fragt sie unwillkürlich und senkt sodann verlegen den Kopf, um sich wieder aufs Scannen zu konzentrieren. Möhren und Zucchini aus Bio-Anbau, Rosinen und Mehl.

»Ja.« Die Mutter lächelt. Sie klingt kultiviert, aber freundlich. »Wie haben Sie das nur erraten?«

Ich kann das Rezept auswendig, denkt Claire. Nicht, dass ich mir die Zutaten leisten könnte. Allenfalls, wenn sie das Haltbarkeitsdatum überschritten haben und ich sie aus dem Personalraum schnorren kann. Backt sie die Version von Nigella, Rachel Allen oder Mary Berry?, überlegt sie.

Ehe sie sich zurückhalten kann, spricht sie es aus.

»Nigella«, antwortet die Frau verwundert, und die Frage steht unausgesprochen im Raum: Woher kennt sich jemand wie Claire mit so kostspieligen Kuchen aus?

»Backen Sie gern?«, fragt die Frau.

Doch Claire hat Margaret entdeckt, die Kassenaufsicht, und sie beobachtet sie. Eine Kassiererin soll achtzehn Produkte pro Minute scannen, und sie soll zwar freundlich sein, aber Plaudern senkt die Geschwindigkeit. »Äh … ich lese bloß Kochbücher. Fressporno«, fügt Claire mit einem raschen Lächeln hinzu.

Die Kundin wird rot. Fressporno. Hab ich das gerade gesagt? Claire krümmt sich innerlich. Die Frau tippt ihre PIN ein, und sie warten still, bis die Transaktion gelaufen ist.

»Also, auf Wiedersehen«, bringt die Kundin hervor. Sie zieht ihre Jutetaschen in den Einkaufswagen und eilt mit ihrem Baby von der dünnen jungen Kassiererin weg, die sie verstört hat, indem sie plötzlich persönlich wurde und eine witzige Bemerkung machte.

Es ist aber wahr, denkt Claire zu ihrer Verteidigung. Ich lese Kochbücher und sehe mir die Wiederholungen von Saturday Kitchen an. Und von The Great British Bake Off und Master-Chef. Was soll eine alleinerziehende Mutter eines neunjährigen Mädchens auch anderes tun, wenn sie kein Geld und kaum Freunde hat?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Zutaten des Glücks" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen