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Die Zisterne

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Zisterne

Eine Serie brutaler Anschläge versetzt Laurel in Angst und Schrecken. Über Nacht verwandelt sich ihr Leben in einen Albtraum. Schutzlos ist sie dem Hass eines Unbekannten ausgeliefert, dessen heimtückische Übergriffe nicht nur ihr zu gelten scheinen, sondern auch ihrem Geliebten Alec. Um wenigstens Alec zu schützen, sieht sie nur einen Ausweg: Sie muss sich von ihm trennen. Doch genau darauf hat der Täter nur gewartet. Denn jetzt hat Laurel niemanden mehr, der sie retten kann …

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen

sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Wie der Blitz kam sie aus dem hell erleuchteten Haus gerannt. Mit durchdringender, klarer Sopranstimme rief sie irgendetwas dem riesigen schwarzen Schäferhund zu, der bedrohlich laut knurrte. Zu dem Zeitpunkt, als die morsche Fliegengittertür wieder hinter ihr zufiel, war sie schon fast die ganze Treppe an der Vorderveranda heruntergestürmt. Dem Mann kam sie beinahe wie ein Racheengel vor, als sie so in ihrem hauchdünnen, wehenden Nachthemd auf ihn zurannte. Ihr langes Haar wehte wie eine Fahne im Wind, es schimmerte silberblond im Mondlicht. Kaum schienen ihre Füße den Boden zu berühren; die makellos reinen Züge ihres Gesichts wirkten angespannt. Alec Stanton glaubte, niemals zuvor ein so faszinierendes Geschöpf gesehen zu haben.

„Sticks! Bei Fuß!“ rief sie, während sie sich geschmeidig unter den tief hängenden Zweigen der Magnolie hindurchduckte. Sie hielt den Blick fest auf den Hund gerichtet, der nun auf der niedrigen moosbewachsenen Mauer stand und wütend das Anwesen verteidigte. Das Tier knurrte wieder; das Grollen schien aus den tiefsten Tiefen seiner mächtigen Brust zu kommen. Sticks ließ Alec nicht aus den Augen und fletschte die Zähne, das Nackenfell gesträubt. Als die Frau näher kam, schob sich der Hund schützend vor sie. „Was ist denn, mein Junge? Warum regst du dich so auf?“ Ihre Stimme klang wachsam, aber nicht ängstlich.

Dann entdeckte sie Alec. Sie blieb so abrupt stehen, dass ihr langes Haar nach vorn wehte und sich wie ein Umhang aus Mondstrahlen um ihre bloßen Arme schmiegte. Sie ballte die Hände zu Fäusten, straffte sich und stand schließlich so erstarrt da wie eine bleiche Marmorstatue.

Für Alec hörte der Hund plötzlich auf zu existieren. Auch vergaß er völlig, weshalb er eigentlich hier war, in dieser wuchernden Wildnis, die ursprünglich einmal der Vorgarten der alten Villa „Ivywild“ gewesen war. Wie in Trance trat er einen Schritt aus der Dunkelheit heraus.

Mit einem Satz griff der Hund an; vierzig Kilo Muskeln, Sehnen und todbringende Wut. „Aus! Sticks, aus!“ schrie die Frau, doch es war offensichtlich, dass das Tier nicht mehr gehorchen konnte oder wollte.

Alles, was Alec je gelernt hatte, kam ihm instinktiv und schlagartig wieder in Erinnerung. Er wich zurück, um den Aufprall des schweren Hundekörpers abzuschwächen; gleichzeitig umfasste er den massigen Schädel mit eisenhartem Griff. Sofort fand er die entscheidenden Punkte und drückte fest zu, während er in die Knie ging. Innerhalb weniger Sekunden war alles vorbei. Als Alec sich aufrichtete, lag das Tier benommen und flach atmend auf dem Weg.

Die Frau kniete sich mit einem Schreckenslaut hin und zog den Kopf des Hundes auf ihren Schoß.

„Keine Sorge, der wird wieder“, beschwichtigte Alec sie sanft.

Sie antwortete nicht, aber er merkte, wie sie den Atem anhielt, als sich der Hund leise jaulend zu bewegen anfing. Abrupt hob sie den Kopf, ihre Augen schimmerten feucht. „Sie hätten ihn umbringen können!“

„Wenn ich das gewollt hätte, wäre er jetzt tatsächlich tot. Ich habe ihn nur für ein paar Minuten außer Gefecht gesetzt, damit wir ungestört ein paar Dinge besprechen können.“ Er hätte sie auch darauf hinweisen können, dass ihr kostbarer Sticks im Begriff gestanden hatte, ihm die Kehle zu zerfleischen, doch das hätte momentan wohl wenig gebracht.

Sie umschlang den Hund fester. „Sie befinden sich auf Privatbesitz. Wenn Sie nicht sofort verschwinden, rufe ich die Polizei. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?“

Die ganze Sache lief so ganz anders als geplant. Er hatte ganz höflich anklopfen und ihr dann in aller Ruhe auf der Veranda den Grund für seinen Besuch erklären wollen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es ihm den Atem verschlagen würde beim Anblick dieser in ein Nichts gehüllten Frauengestalt. In seinen kühnsten Träumen hatte er sich nicht ausgemalt, dass ihm so etwas je passieren könnte, nicht ihm, und schon gar nicht bei dieser Frau hier. Dass er ihren Hund ausgeschaltet hatte, war ein ganz miserabler Anfang gewesen. „Es tut mir Leid, falls ich ihm wehgetan haben sollte“, entschuldigte er sich.

„Ja, das merkt man!“ Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

„Er hätte mich eben nicht angreifen dürfen.“

„Er hat doch nur … Er wollte mich doch nur beschützen!“

Natürlich, das hätte unter Umständen ja auch angebracht gewesen sein können. Alec geriet etwas aus dem Gleichgewicht und versuchte, Boden zu gewinnen. „Sie sind Mrs. Bancroft, Laurel Bancroft, nicht wahr?“

„Na und?“

„Ich wollte eigentlich mit Ihnen sprechen.“ Das war wirklich sein ursprüngliches Anliegen gewesen, doch nun war irgendwie alles anders geworden. Wer wusste, wohin das führen mochte.

Sie blieb unnachgiebig. „Ich wüsste nicht, was wir zu besprechen hätten.“

„Ihre Haushälterin, Maisie Warfield, ist eine enge Freundin meiner Großmutter. Sie meinte, Sie bräuchten unbedingt Hilfe für Ihren Garten, den Sie seit dem Tod Ihres Mannes ziemlich vernachlässigt hätten.“ Seine Großmutter hatte noch sehr viel mehr erzählt. Hätte er doch nur etwas besser zugehört! „Ich bin nicht ganz unerfahren, was Gartenarbeit betrifft“, fügte er hinzu.

Sie betrachtete ihn eine ganze Weile überaus aufmerksam. „Sie sind Miss Callies Enkel?“ stieß sie plötzlich verblüfft hervor.

Ihr Erstaunen verletzte ihn ein wenig, daher nickte er nur kurz.

„Aber Sie sind doch kein Gärtner!“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin Ingenieur. Während des Studiums habe ich jedoch nebenbei als Gärtner gejobbt, um mir etwas dazuzuverdienen.“ Sie sollte nur nicht glauben, es machte ihm etwas aus, vorschnell eingestuft zu werden.

„Ich kann mir keinen Ingenieur leisten“, wandte sie ein.

Er fühlte sich versucht ihr zu sagen, dass sie seine Dienste gern umsonst in Anspruch nehmen könnte – jede Art von Dienst und zu jeder Zeit. Zum Glück besaß er noch so viel Verstand, das nicht auszusprechen. „Ich biete Ihnen Gartenarbeit zum üblichen Tarif an.“

„Warum?“

Dieses eine Wort hing für eine Weile zwischen ihnen in der Luft, während Sticks den Kopf hob und sich schüttelte. Der Hund sah Alec kurz an und wandte dann den Blick ab, fast als schämte er sich. Er jaulte erneut leise auf und begann, wie um Entschuldigung bittend, die Hand seiner Herrin zu lecken.

Alec beobachtete ihn stumm. „Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, aber sagen wir einfach einmal – weil ich Geld brauche.“

„Sie könnten doch jederzeit einen lukrativeren Job finden!“

„Ich brauche eine gewisse Flexibilität und möchte mich nicht durch eine Vollzeitbeschäftigung binden.“

Sie streichelte den Kopf des Hundes und erhob sich dann. „Weil Sie nicht gern Anzüge tragen? Oder ist es wegen Ihres Bruders?“

Sie wusste alles über ihn und Gregory; das hätte er sich denken können. Das war einer der Vorteile von Kleinstädten. Und gleichzeitig der größte Nachteil. Er gestattete es sich, sie einmal flüchtig anzusehen, ehe er den Blick wieder abwandte, dennoch brannte sich ihr Bild, der Anblick ihrer schmalen Gestalt, in sein Bewusstsein ein. Er schluckte.

„Falls Sie mein Mitgefühl erwarten …“

„Nein.“ Er brachte sie mit einer abrupten Handbewegung zum Schweigen. „Mitgefühl brauchen wir nicht. Keiner von uns beiden.“

Sie erstarrte. „Meine Situation hat nicht das Geringste mit Ihrer zu tun!“

Er neigte den Kopf zur Seite. „Ich meinte meinen Bruder und mich“, korrigierte er sie sanft. „Obwohl ich Sie tatsächlich auch hätte mit einbeziehen können.“

Sie erwiderte nichts darauf und sah ihn nur wortlos an. Der Mondschein erhellte ihr Gesicht, das so zart und durchscheinend wirkte, dass sich alle Gefühlsregungen darauf widerzuspiegeln schienen. Er sah ihre Augen, dunkelblau wie die Ägäis und gleichzeitig so klar und tiefgründig, als wüsste sie besser Bescheid über die Menschen, als ihr lieb war. Vor allem über die Männer und ihre niederen Instinkte.

Und seine waren im Moment absolut niedrig. Sie muss gerade eben erst geduscht haben, dachte er; er konnte noch den frischen Duft nach Seife wahrnehmen. Und dieser Duft wirkte erregender auf ihn als alles, was er bisher erlebt hatte. Sein Verlangen nach ihr steigerte sich beinahe ins Unerträgliche. Sie machte einen so zerbrechlichen Eindruck, und doch ging eine ungeheure innere Stärke von ihr aus, wie sie jetzt so vor ihm stand, eine unnahbare Fremde in der Dunkelheit. Sie war ein Wesen aus Fleisch und Blut; ein wenig scheu vielleicht, aber dennoch in höchstem Maß selbstbeherrscht, ja, beinahe hoheitsvoll. Sie war auch nicht vollkommen; feine Fältchen zeichneten sich um ihre Augenwinkel ab, und ihre Oberlippe war nicht so voll wie ihre Unterlippe. Trotzdem fand er sie so schön, dass er den Blick kaum von ihr wenden konnte. Nein, es würde niemals klappen. Bestimmt wollte sie nichts mit dem kalifornischen Hippie-Enkel von Callie Stanton zu tun haben. Auf sie wirkte er sicher wie ein großer Junge mit mehr Muskeln als Köpfchen. Es war ja auch wirklich geradezu lachhaft. Nur, dass er das Ganze nicht zum Lachen fand.

Laurel erschauerte ein wenig unter seinem eindringlichen Blick. Wie schwarz seine Augen waren, als bestünden sie nur aus Pupillen, als seien sie tiefe, schwarze, unergründliche Seen. Er war groß und breitschultrig, ein solider Fels in der Dunkelheit, die sie beide umgab. Instinktiv wusste sie, dass er in der Lage war, sie vor allem zu beschützen, was im Dunkel auf sie lauern mochte. Dennoch fühlte sie sich in seiner Gegenwart nicht sicher. Er war einfach zu groß, zu stark, zu – schnell. Wie rasch und wirkungsvoll er den armen Sticks ausgeschaltet hatte, war ein gefährlicher Trick gewesen. Darüber hinaus sah er auch zu exotisch aus mit seinem langen schwarzen Haar, das er mit einem Lederriemen zum Pferdeschwanz gebunden hatte; dazu die dichten, langen Wimpern, das kantige Gesicht und der wie ein Blitz geformte silberne Ohrstecker, den er im linken Ohrläppchen trug … Er war ganz in Schwarz gekleidet, von den Stiefeln und den Jeans bis zu dem ärmellosen T-Shirt, das nicht nur seine muskulösen Arme und Schultern zur Geltung brachte, sondern auch eine kunstvolle Tätowierung über Brust und Oberarm – soweit sie erkennen konnte, handelte es sich dabei wohl um einen Drachen.

Sie wich seinem dunklen Blick aus, betrachtete flüchtig die Tätowierung und musste ihm dann doch wieder in die Augen sehen. Ihre Fingerspitzen begannen zu kribbeln, und sie kämpfte mit aller Macht gegen den Impuls an, diesen eintätowierten Drachen zu berühren, dessen – nein, Alecs – warme, glatte Haut zu streicheln und die Muskeln darunter zu spüren. Wenn sie es gewagt hätte, hätte sie das Ungeheuer vielleicht mit einer gespreizten Hand bedecken und sich vorstellen können, seinen Herzschlag – Alecs? – zu fühlen.

Sie hielt den Atem an und wich vor diesem Gedankengang zurück, als hätte sie sich verbrannt. War sie denn völlig von Sinnen? Mit ihren einundvierzig Jahren war sie doch mindestens zehn Jahre älter als er! Sie war zu lange allein gewesen, das stand zumindest fest. Sie hatte sich so sehr an ihre Einsamkeit und Isolation hier in „Ivywild“ gewöhnt, dass sie, ohne nachzudenken, einfach nur im Nachthemd aus dem Haus geeilt war. Und noch schlimmer – plötzlich schwelgte sie in den wildesten Fantasien, nur weil sie allein mit einem attraktiven Mann war. Kein Zweifel, sie wurde langsam sonderlich.

Die warme Frühlingsnacht schien sie förmlich zu dem Mann vor ihr hinzudrängen. Überdeutlich nahm sie den betörenden Duft der Magnolienblüten wahr. Das Gezirpe der Grillen bildete dabei eine endlose, monotone Untermalung der Gefühle, die sie durchströmten. Sticks war wieder auf die Beine gekommen und schmiegte sich nun an ihre Knie. Diese Berührung war eine willkommene Ablenkung von dem seltsamen Bann, der sie gefangen zu halten schien.

„Hören Sie“, sagte sie, und ihre Stimme klang rauer als beabsichtigt. „Eigentlich wollte ich einen älteren Mann einstellen, damit er die Bäume beschneidet, die Hecke schert und eventuell ein oder zwei Rosenbeete anlegt …“

Er fiel ihr ins Wort. „Ich kann das alles in der halben Zeit schaffen.“

„Dessen bin ich mir sicher; das Problem ist nur …“

„Das Problem ist, dass Sie Angst vor mir haben. Ich entspreche nicht ganz den Vorstellungen des hinterwäldlerischen Hillsboro, Louisiana. Ich sehe nicht so aus, wie man hier aussehen sollte. Ich bin nicht der grobschlächtige, aber blitzsaubere Typ, der nichts anderes im Kopf hat als Angeln, Jagen und Biertrinken. Ich passe einfach nicht hierher.“ Sein Tonfall wurde versöhnlicher. „Sie allerdings auch nicht, Laurel Bancroft.“

Sie presste die Lippen hart aufeinander. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen“, meinte sie schließlich.

„Wirklich nicht?“ Sein Lächeln verlosch so rasch, wie es gekommen war, und doch hatte der kurze Augenblick seine Züge weicher wirken lassen und ihm das Aussehen und die verheerende Anziehungskraft eines dunklen Engels verliehen. Güte hatte in seinem Blick gelegen – und grenzenloses Verstehen. Das bestärkte sie einerseits in ihrer Unabhängigkeit, gleichzeitig zog es diese in Zweifel; es lobte ihren Mut und tadelte zur selben Zeit ihre Unnachgiebigkeit; es lotete den Grad ihrer Einsamkeit aus, bot Trost und versprach Linderung. Dann war es vorbei. Sie kämpfte gegen die Kälte an, die sie befiel. Vergebens. Sie atmete tief durch. „Das ist es nicht; beziehungsweise möchte ich nicht gern annehmen, dass ich so kleinlich bin. Es ist nur so, dass ich momentan keine weiteren Probleme brauchen kann.“

„Sie benötigen Hilfe, und ich brauche Geld. Das macht uns zu einer Interessengemeinschaft.“ Er klang ganz sachlich; es war eher eine Erklärung als eine Bitte.

Sie streckte ärgerlich die Hand aus. „So einfach ist das nicht!“

„Nein, nicht ganz. Mein Bruder hat Krebs im Endstadium. Wussten Sie das? Ich habe unbezahlten Urlaub von meiner Firma in Los Angeles genommen, um mit ihm zusammen Grannie Callie besuchen zu können. Jetzt möchte er gern hier bleiben. Gute Hausmannskost und ein ruhiges Leben mögen helfen oder auch nicht, den Versuch wert ist es allemal. Trotzdem soll mich der Teufel holen, wenn ich hier auf Kosten meiner Großmutter lebe. Natürlich könnte ich einen dauerhafteren und vor allem lukrativeren Job bekommen, keine Frage. Aber dann wäre ich wohl den ganzen Tag außer Haus, und genau das kann ich nicht brauchen. Sie wohnen ganz in der Nähe, die Arbeit dürfte nicht zu einengend sein. Ich arbeite schnell und zügig, und ich bin nicht zu stolz, Anweisungen zu befolgen. Ich kann eine Rose von einer Steckrübe unterscheiden, ich verstehe etwas von Maurerarbeiten und kann klempnern, je nach Bedarf. Was verlangen Sie denn sonst noch?“

Ja, in der Tat, was wollte sie mehr? Nichts, außer endlos weiter dieser tiefen, wohlklingenden Stimme zu lauschen … Was Grund genug zur Wachsamkeit war. „Es ist keine große Sache“, wehrte sie ab. „Ich hätte irgendwann gern einen kleinen Brunnen in der Mitte der Rosenbeete, sobald alles in Ordnung gebracht worden ist. Doch dafür täte es mir Leid um Ihre Zeit, geschweige denn um Ihre Fähigkeiten.“

Da war es wieder, dieses Lächeln, das sie gegen ihren Willen wärmte. „All das ist unter diesen Umständen nicht so wichtig. Mir täte es noch mehr Leid, wenn Sie mir eine Absage erteilen würden.“

„Ich glaube nicht, dass …“

„Ich sage Ihnen mal etwas.“ Er kam einen Schritt auf sie zu. „Den ersten Tag arbeite ich umsonst. Wenn Sie dann meinen, es bringt nichts – ist die Sache erledigt. Gefällt Ihnen aber, was ich getan habe, verhandeln wir noch einmal neu.“

„Das geht doch nicht!“ protestierte sie.

„Ein faires Angebot. Mehr nicht. Sagen wir, morgen früh um acht?“

Sie musste verrückt sein, denn allmählich kam ihr das Ganze tatsächlich beinahe vernünftig vor. Was spielte es für eine Rolle, ob sie nun ihn einstellte oder den alten Pender von nebenan oder gar den jungen Randy Nott, der auch für ihre Schwiegermutter Gelegenheitsarbeiten übernahm? Dieser Mann hier würde eine gute Hilfe sein, eine fähige und tüchtige noch dazu. Womöglich war er mehr als nur fähig, aber darüber wollte sie lieber nicht nachdenken. Nur ein paar Tage, allenfalls eine Woche, dann war er ohnehin wieder fort. Einem plötzlichen Entschluss folgend, sagte sie: „Lieber um sieben, damit Sie möglichst viel schaffen, ehe es zu heiß wird.“

„Sie sind der Chef.“

Irgendwie kam sie sich nicht so vor. Er nickte einmal kurz, dann verschwand er in der Dunkelheit. Kurz darauf hörte Laurel, wie ein Motorrad angelassen wurde, der Motor heulte auf, ein Blitzstart, und wenig später umgab sie wieder die Stille des Abends. Obwohl es warm war, fröstelte sie. Fest schlang sie die Arme um sich. Sticks jaulte auf, als empfände er ihr Unbehagen. „Was sagst du dazu, alter Junge?“ flüsterte sie kaum hörbar. „Habe ich jetzt einen Fehler gemacht?“ Der Hund sah schwanzwedelnd in die Richtung, in der Alec Stanton verschwunden war. Laurel schloss die Augen und seufzte. „Das dachte ich mir.“

Ihr neuer Angestellter erschien pünktlich am nächsten Morgen. Kaum war Laurel in ihre alten Jeans und das verwaschene gelbe T-Shirt geschlüpft, da hörte sie sein Motorrad auch schon in der Zufahrt zum Haus.

Maisie Warfield, die Haushälterin, war noch nicht da. Ehe sie morgens kam, musste sie immer erst ihren „Alten“ – so pflegte sie ihren kurz vor der Pensionierung stehenden Mann zu nennen – zur Arbeit fahren. Laurel wollte nicht abwarten, bis Alec Stanton an der Haustür klingelte. Sie nahm ihre Schuhe und ging zum Seiteneingang des Hauses. Wenigstens brauchte sie sich keine Gedanken wegen Sticks zu machen. Der Hund war noch auf der verglasten hinteren Veranda eingeschlossen, wo er die Nacht verbracht hatte.

Die knallrote Harley-Davidson nahm sich vor dem alten viktorianischen Haus so auffallend aus wie ein poppiger Sticker auf einem alten Spitzenkleid. Alec Stanton selbst war nirgends zu sehen, weder in der Zufahrt noch im Vorgarten. Doch dann vernahm Laurel ein Geräusch und ging ihm nach. Er hatte bereits zu arbeiten angefangen und riss gerade die wild wuchernden grünen Kletterpflanzen von der Seitenwand des Hauses. Als er Laurel kommen hörte, drehte er sich um und nickte kurz zur Begrüßung.

„Das ganze Haus sollte dringend gestrichen werden, aber vorher müssten mindestens ein Dutzend Bretter von der Verkleidung wieder festgenagelt werden. Wenn Sie das nicht bald machen lassen, fallen noch mehr herunter.“

„Ich weiß“, erwiderte sie knapp.

„Ich könnte …“

„Das kann ich selbst veranlassen“, fiel sie ihm abwehrend ins Wort. „Sie habe ich wegen des Gartens eingestellt.“

Er riss eine weitere lange Ranke herunter, die Wurzeln würde er später ausgraben. Dann zog er sich die Gartenhandschuhe aus und steckte sie sich in den Hosenbund. Mit kritischem Blick betrachtete er das Haus; die Veranden mit ihren Holzbalustraden und den kunstvoll geschnitzten Stützpfosten; den runden Turm auf dem Dach. „Was für eine herrliche alte Villa“, meinte er. „Es wäre ein Jammer, sie verfallen zu lassen.“

„Das habe ich auch nicht vor“, teilte sie ihm gereizt mit. „So, und wenn Sie sich jetzt bitte wieder …“

„Es gehörte der Familie Ihres Mannes, nicht wahr? Ich meine mich zu erinnern, so etwas von Grannie gehört zu haben. Wie sind Sie bloß daran gekommen?“

„Es wollte sonst niemand haben.“ Und das war tatsächlich die Wahrheit. Das Haus hatte so gut wie leer gestanden, als Laurel es zum ersten Mal gesehen hatte. Sadie Bancroft, ihre Schwiegermutter, war ausgezogen, nachdem ihr Mann sie in den sechziger Jahren verlassen hatte. Und Zelda, die Schwester ihres Mannes, hatte sich ebenfalls nicht dafür interessiert. Ihr hatte es gereicht, in dem großen, alten Kasten aufwachsen zu müssen, und ihr war unverständlich gewesen, warum Laurel inständig darum gebeten hatte, dort einziehen zu dürfen, nachdem sie und Howard geheiratet hatten. Selbst Howard hatte sich über den aufwendigen Unterhalt des Hauses beschwert und oft während ihrer fünfzehnjährigen Ehe davon gesprochen, sie sollten sich doch lieber ein kleineres, moderneres Haus zulegen. Aber dabei war es dann auch geblieben.

„Es ist ziemlich groß für eine Person.“

„Ich habe es gern groß“, entfuhr es Laurel.

Alec schmunzelte nachdenklich, und sie errötete grundlos. „Womit soll ich anfangen?“

„Wie bitte?“ Sie zuckte zusammen.

„Sie wollten mir doch sagen, was ich zuerst tun soll.“

„Ach, ja. Ja, natürlich.“ Sie drehte sich hastig um und lief voraus in den Vorgarten. Sie hatte vorgehabt, ihm zu helfen und ihm in erster Linie zu sagen, was sie gern behalten wollte und was entfernt werden musste. Schon bald merkte sie, dass das unnötig war. Er kannte sich ausgezeichnet aus mit Pflanzen, seine Zeit als Gärtner hatte sich offenbar bezahlt gemacht. Auch war er sehr gewissenhaft. Er fing nicht zu arbeiten an, ehe er nicht alle Gartengeräte inspiziert und sie anschließend gereinigt, geölt oder geschliffen hatte.

„Sie könnten eine neue Heckenschere gebrauchen“, schlug er vor und strich mit dem Daumen über die breite Scherenklinge. „Das würde Ihnen die Arbeit wesentlich erleichtern.“

Er hatte Recht, das wusste sie selbst. „Ich werde Maisie bitten, mir eine mitzubringen, wenn sie das nächste Mal in die Stadt geht.“

„Es ist auch kein Benzin mehr für den Rasenmäher da.“

„Das kann sie dann gleich mitbesorgen.“

Eine Weile sah er sie aus dunklen, unergründlichen Augen an. „Wissen Sie, dass Ihr Auto einen Platten hat? Die anderen Reifen sind ebenfalls schon so brüchig, dass Sie wohl nicht mehr sehr weit damit kommen werden.“

„Ich gehe nicht oft aus“, erwiderte sie und wich seinem Blick aus.

„Wie ich von Granny hörte, gehen Sie niemals aus, schon seit Jahren nicht mehr. Sie lesen nur oder töpfern im Schuppen hinter der Garage. Warum?“

„Es gibt keinen besonderen Grund dafür. Ich bin einfach sehr gern allein. „Sie warf ihm einen kühlen Blick zu, ehe sie sich abwandte. „Ich bin im Haus, falls Sie etwas benötigen.“

Ihr Rückzug war reiner Selbstschutz. Sie musste keine Erklärung darüber abgeben. Es ging diesen Mann gar nichts an, ob sie nun zu Hause blieb, ausging, töpferte oder auf einem Besen zum Mond flog. Und erst recht konnte sie auf jemanden verzichten, der sie beobachtete, ihr ungebetene Ratschläge erteilte und sich in ihre Privatangelegenheiten einmischte. Sie würde ihn für seine heutige Arbeit bezahlen und ihn dann entlassen. Sie war vorher ohne Alec Stanton zurechtgekommen, sie würde es auch weiterhin schaffen.

Im Laufe des Tages wurde es jedoch immer unübersehbarer, was er alles leistete. Er entfernte Dutzende von wild nachwachsenden Kiefernablegern und Sassafraslorbeer, so dass der ungestrichene Gartenzaun plötzlich wieder in seiner ganzen Länge sichtbar wurde. Er befreite die alte Bauernrose in der Ecke aus einem Gewirr von Geißblattranken, und unter einem dichten Gestrüpp von Schlingpflanzen kam eine verwitterte Gartenbank aus Zypressenholz zum Vorschein. Die Zweige, Äste und Ranken warf er auf einen Haufen, den er schließlich anzündete. Schon bald stieg eine schmale Rauchsäule zum Himmel.

Laurel zwang sich, nicht zu ihm hinüberzusehen. Doch trotz aller guten Vorsätze fand sie seltsamerweise immer wieder irgendetwas in der Nähe des Fensters zu tun. Warum auch nicht. Es war schließlich ganz normal, wenn man ab und zu aus dem Fenster sah.

Irgendwann am Vormittag hatte er sich das Hemd ausgezogen. Sein breiter Rücken glänzte vor Schweiß, an seinen muskulösen Armen klebten vertrocknete Blätter. Schweißtropfen rannen ihm auch über die Brust und den straffen Bauch in den Hosenbund. Ihm war heiß, er schwitzte, er war schmutzig – und er war atemberaubend. Laurel nahm es ihm übel, dass er sie dazu brachte, das zu registrieren.

Das Letzte, was sie wollte, war, sich in Gedanken mit einem Mann zu befassen. Sie war wunderbar ohne Mann zurechtgekommen; seit dem Tod ihres Mannes hatte sie kaum mehr an Liebe oder Sex gedacht. Und so würde sie es auch beibehalten.

„Ich habe kaltes Huhn und etwas Obstsalat zum Mittagessen vorbereitet“, verkündete Maisie jetzt. „Soll ich für Sie und Alec den Tisch draußen auf der Veranda decken?“

Laurel fuhr herum und errötete schuldbewusst. Die rundliche weißhaarige Maisie Warfield stand in der Tür und trocknete sich gerade die Hände an einem Küchenhandtuch ab. In ihren blauen Augen lag ein heimlich belustigter Ausdruck.

„Nein. Nein, lieber nicht. Sie können ihm ein Sandwich und etwas Kaltes zu trinken in den Garten bringen.“

Maisies Lächeln erstarb, sie stemmte eine Hand auf die Hüfte. „Warum? Haben Sie etwas gegen Alec?“

„Selbstverständlich nicht. Ich möchte nur lieber allein sein.“ Laurel drehte sich wieder zum Fenster und ignorierte Maisies sichtliches Befremden.

„Er wird schon nicht beißen!“

Sie wandte sich abermals um und sah ihre Haushälterin an. „Ich weiß. Trotzdem habe ich nicht vor, mit ihm zu essen.“

„Sie bleiben also lieber im Haus, statt ihm Gesellschaft zu leisten.“

„So ist es.“

Maisie zuckte mit den Schultern. „Sie wissen gar nicht, was Ihnen entgeht.“

Laurel erwiderte nichts darauf. Sie hatte zu große Angst, ihre Haushälterin könnte Recht haben.

2. KAPITEL

Alec arbeitete wie ein Besessener. Die Sonne brannte auf ihn herab, der Schweiß floss ihm in Strömen den Oberkörper herunter. Er band sich ein Tuch um die Stirn und schuftete weiter. Das Hemd klebte ihm klatschnass am Körper und behinderte ihn in seinen Bewegungen, also zog er es aus. Auf seinen Armen brannten die Kratzer, die er sich bei der alten Bauernrose zugezogen hatte, doch er schenkte dem Schmerz keine Beachtung. Es tat gut, endlich mal wieder die Muskeln bewegen zu können. Ihm gefiel, wie die Sonne heiß auf seinen Rücken brannte, er liebte den Geruch von Holz, Erde, Gras und Laub. Es erfüllte ihn mit tiefer Befriedigung, die alten Sträucher und Pflanzen zurechtzuschneiden und zu sehen, wie aus dem Chaos allmählich wieder so etwas wie eine gewisse Ordnung entstand.

Er musste beweisen, dass er etwas von dieser Arbeit verstand, damit er den Job bekam, doch das war noch nicht alles. Vor allem wollte er Laurel Bancroft davon überzeugen, dass er wirklich besser war als die Einheimischen. So wie sie heute Morgen angezogen war, hatte er zunächst geglaubt, sie würde ihm vielleicht bei der Arbeit helfen. Darauf hatte er sich gefreut, doch dann war sie ins Haus gegangen und hatte die Tür hinter sich geschlossen. Seitdem hatte er sie nicht mehr gesehen. Nach allem, was man so hörte, zog sie sich gern zurück. Grannie Callie hatte ihm erzählt, dass sie seit dem Tod ihres Mannes das Haus kaum noch verlassen hatte. Die Leute fanden, sie sei ein wenig wunderlich geworden. Sie hielten sie zwar nicht direkt für verrückt, aber sie entsprach auch nicht dem gewohnten Bild einer jungen Hausfrau, die zum Einkaufen ging, sich Seifenopern im Fernsehen ansah oder im Club Tennis spielte.

Seine Arbeit erforderte nicht besonders viel Konzentration, und so schweiften seine Gedanken immer wieder ab. Laurel Bancroft kam ihm fast vor wie eine verzauberte Prinzessin. Sie war gefangen in ihrem alten Schloss und schlief, während das Leben draußen weiterging. Und er war der Ritter, der sich durch Dornen und Gestrüpp kämpfte, um sie zu befreien. Donnerwetter, die Sonne musste ihm doch ganz schön zugesetzt haben! Ein feiner Ritter war er. Einer ohne Rüstung. Mit einer Heckenschere bewaffnet statt mit einem Schwert. Und edel waren seine Motive ganz bestimmt nicht.

Er hörte die Fliegengittertür am Seiteneingang zuschlagen, kurz darauf kam Maisie ums Haus herum. „Essenszeit, Junge. Oben auf der Veranda stehen die Sandwiches. Möchtest du lieber Tee oder Wasser?“

Alec hielt inne, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah sie stirnrunzelnd an. „Junge?“

Sie schmunzelte gutmütig, wobei sich unzählige Lachfältchen um ihre Augen bildeten. „Gefällt dir das nicht? Ich hätte dich auch Dummkopf nennen können, weil du ohne Kopfbedeckung in dieser heißen Sonne arbeitest! Was denn nun – Wasser oder Tee?“

„Wasser, bitte.“ Er hätte sich gleich denken können, dass es ihm nicht gelingen würde, eine Frau einzuschüchtern, die behauptete, ihm als Baby die Windeln gewechselt zu haben. „Wo ist Mrs. Bancroft?“

Maisie wich seinem Blick aus. „Sie isst nicht zu Mittag. Wenn du dich frisch machen willst – gleich neben der Küche ist ein Badezimmer.“

Es hatte wirklich den Anschein, als ginge Laurel Bancroft ihm aus dem Weg. War das nun ein gutes Zeichen, weil es bedeutete, dass er sie aus der Fassung brachte? Oder war es ein schlechtes, weil es ihm zeigen sollte, dass sie ihn nicht ausstehen konnte? Er hatte keine Ahnung, war aber entschlossen, etwas zu unternehmen.

Wenigstens leistete Maisie ihm Gesellschaft. Sie holte ihren Salat und ihren Eistee und setzte sich zu ihm auf die schattige Veranda. Während Alec aß, zog er sie wegen ihrer Diät auf und sagte, es könne doch bestimmt nicht im Interesse ihres Mannes liegen, wenn sie alle ihre reizvollen Rundungen verlor. Schließlich kam er jedoch zu dem, was er in Wirklichkeit wissen wollte.

„Sag, was ist eigentlich mit der Dame des Hauses los? Führt sie tatsächlich so ein Einsiedlerdasein, oder ist sie einfach nur hochnäsig?“ Er lehnte sich im Sessel zurück und versuchte, gleichgültig zu wirken.

Maisie warf ihm einen vorsichtigen Blick zu. „Sie macht sich nicht viel aus anderen Menschen.“

„Und wie kommt das?“

„Du weißt sicher, dass ihr Mann gestorben ist.“

Er nickte und rieb sich die Muskeln im rechten Oberarm, der zu schmerzen angefangen hatte.

„Aber weißt du auch, dass sie ihn umgebracht hat?“

Er fuhr entsetzt hoch. „Du bist … Ich meine, das kann doch gar nicht sein!“

„Doch, leider.“ Maisie schüttelte bekümmert den Kopf. „Natürlich hat sie es nicht absichtlich getan. Er trat hinter ihr Auto, als sie gerade rückwärts aus der Garage fuhr. Es gab jedoch Leute, die fest davon überzeugt waren, es sei Vorsatz gewesen. Unter anderem auch ihre Schwiegermutter.“

„Ernsthaft kann das doch niemand geglaubt haben! Ich meine, sieh sie dir nur mal an!“

„Es gibt Menschen, die glauben alles. Jedenfalls hatten Laurel und Howard wohl Probleme. Und dann war da noch diese hohe Lebensversicherung.“

„Man hat ihr aber nichts nachweisen können, oder?“

„Es gab keine offiziellen Schritte, keine Ermittlungen. Sadie Bancroft, die Mutter ihres Mannes, behauptete, das hätte nur daran gelegen, dass Sheriff Tanning ein Exfreund von Laurel gewesen war. Vielleicht, vielleicht auch nicht, ich weiß es nicht. Jedenfalls verlief die Sache im Sand.“

„Bis auf die Gerüchte.“

„Nun ja, das gehört in solchen Fällen immer dazu.“

Er neigte nachdenklich den Kopf zur Seite. „Also versteckt sie sich. Ich frage mich nur, warum? Wenn sie es wirklich nicht absichtlich getan hat?“

„Wenn du das wissen willst, musst du sie schon selbst fragen.“ Maisie wich seinem Blick aus, und Alec überlegte, weshalb.

„Glaubst du, sie würde es mir erzählen?“

„Möglich.“ Maisie stand auf und begann, die Teller zusammenzustellen. „Kommt darauf an, wie du an die Sache herangehst und warum du es wissen willst.“ Sie verschwand mit dem Geschirr und überließ ihn sich selbst.

Alec blieb noch eine Weile sitzen. Er trank das Wasser, in dem die Eiswürfel zu schmelzen anfingen, und blickte in den Garten auf das, was er bereits geschafft hatte und was er noch zu tun hatte. Nur schemenhaft konnte man die charakteristischen Konturen dessen erkennen, was früher einmal ein typischer Vorgarten gewesen war. Man hatte einen weißen Lattenzaun darum gezogen, um die damals noch frei grasenden Kühe davon fern zu halten; durch ein Tor gelangte man zur Straße, die am Anwesen vorbeiführte und dann scharf nach rechts zur separat gelegenen Garage abbog. Vom Tor erstreckte sich ein gerader, gepflasterter Weg bis zur Veranda, dort gabelte er sich und führte in sanftem Schwung um das Haus herum zum hinteren Teil des Grundstücks.

Die Pflanzen hatte man offensichtlich eher nach dem Zufallsprinzip gesetzt, bis auf die hohen, schon fast baumähnlichen Kamelien, die Rosen am Zaun und dem Tor sowie die Jasminsträucher in den Zaunecken. Überall hatte Alec Blumenzwiebeln gefunden, vorwiegend Narzissen und Iris. Früher einmal war die Erde zwischen den Pflanzen bestimmt völlig unkrautfrei und ordentlich geharkt gewesen. Vor vielen Jahren hatte wohl jemand Schilfgrasbüschel in die freien Flächen gepflanzt, noch immer waren hier und da ein paar davon zu sehen; der Rest war erstickt unter Schlingpflanzen und so vielen Kiefernsprösslingen, dass man fast einen kleinen Wald damit hätte aufforsten können.

Alec gab sich einen Ruck; er musste vorankommen. Er leerte sein Glas, nahm die verschwitzten Gartenhandschuhe und machte sich wieder an die Arbeit.

Maisie ging am frühen Nachmittag; sie winkte ihm noch einmal zu, ehe sie in ihr altes Auto stieg und davonfuhr. Alec grub die Wurzeln einer ganzen Reihe von wilden Rosen aus, die sich um einen Pfosten zu ranken versuchten, und ließ eine gewisse Zeit verstreichen. Er wollte nicht, dass es so aussah, als hätte er nur das Fortgehen der Haushälterin abgewartet, um das Haus stürmen zu können. Doch schließlich zog er sich sein Hemd wieder über, ging zur Haustür und klingelte.

Der harte, schrille Ton hallte durchs Haus, und sofort fing Laurels Schäferhund zu bellen an. Vormittags hatte Alec den Hund auf der hinteren Veranda eingeschlossen gesehen, durch die Scheibe hatten sie einander gemustert. Jetzt fragte Alec sich, ob Laurel Bancroft ihn vor dem Hund beschützen wollte oder das Tier vor ihm.

Laurel wäre am liebsten nicht an die Tür gegangen. Sie fühlte sich bedroht, ja, beinahe belagert in ihrem eigenen Haus. Wenn sie Maisie gegenüber doch nur nie etwas von dem Garten erwähnt hätte, dann wäre dieser Alec Stanton auch nie bei ihr erschienen. Sie hätte so weitermachen können wie in den vergangenen fünf Jahren, in angenehmer Einsamkeit und ohne größeren Kontakt zur Außenwelt, von Maisie, den Kindern und dem Mann, der ihr die Versandhauslieferungen zustellte, einmal abgesehen.

Kataloge waren zu ihrer Hauptverbindung mit dem Draußen geworden. Ein Katalog über alte Rosensorten hatte sie auf die Idee gebracht, sich nach langer Zeit einmal wieder des Gartens anzunehmen. Das hatte sie nun davon.

Mit einer seltsamen Mischung aus Furcht und Gereiztheit riss sie nach dem dritten Läuten die Tür auf. Ihre Stimme klang angespannt und nicht gerade einladend. „Ja?“

„Es tut mir Leid, wenn ich Sie störe“, sagte der dunkelhaarige Mann, der entspannt am Türpfosten lehnte. „Ich müsste Ihnen nur ein paar Fragen stellen.“

Es tat ihm überhaupt nicht Leid, das sah sie ihm an. Was sie allerdings nicht verstand, war, weshalb er nicht gekommen war, ehe Maisie Feierabend gemacht hatte. Das Bedürfnis, ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen, war überwältigend; sie erschauerte. Das Einzige, was sie davon abhielt, war ihre Befürchtung, er könnte sie daran hindern, wenn sie es versuchte. „Und zwar?“ gab sie gepresst zurück.

„Ob Sie mir wohl zeigen könnten, wo Sie den Springbrunnen hin haben möchten? Auch wäre es ganz hilfreich, wenn Sie mir erklärten, wie Sie die von Ihnen erwähnten Rosenbeete angelegt haben wollen. Abgesehen davon bin ich mir nicht ganz sicher, was ich erhalten und was ich beseitigen soll.“

Mit zweifelnder Miene sah sie an ihm vorbei in den Garten. „So weit können Sie doch unmöglich schon sein! Ich dachte, Sie wären noch beim Jäten und Saubermachen.“

Er verzog die sinnlichen Lippen zu einem Lächeln, das sie den Atem anhalten ließ. „Es schadet nie, von Anfang an einen gewissen Plan zu haben. Hätten Sie etwas dagegen, für eine Minute herauszukommen und mir ein paar Dinge zu erklären?“

Wie hätte sie eine so höfliche und vernünftige Bitte ausschlagen können? Nein, das ging nicht. Darüber hinaus war sie schon jetzt begeistert, wie klar sich nun der Weg abzeichnete, nur weil Alec die Einfassung von wucherndem Unkraut befreit hatte.

Ehe Laurel sich versah, war sie bereits die Stufen hinabgestiegen. Alec redete; er wies sie auf verblühte Narzissen längs des Weges hin, erkundigte sich, ob sie den rankenden gelben Jasmin in der Nähe des Seitentors behalten wollte, und stellte unzählige weitere Fragen.

Sie antwortete zwar, dennoch war sie sich beinahe schmerzlich der Tatsache bewusst, dass sie sich im Freien befand, schutzlos einem anderen Menschen ausgeliefert. Gleichzeitig wurde sie zunehmend aufgeregter. Schon konnte sie den Garten, wie sie ihn sich ausgemalt hatte, aus all dem Durcheinander entstehen sehen. An nur einem einzigen Tag hatte es dieser Mann geschafft, den Vorgarten so zu säubern, dass sie bereits erkennen konnte, wie er einmal ausgesehen haben musste und wie sie ihn wieder anlegen wollte.

Rosen. Ja, sie wollte Rosen. Nicht die steifen, unpersönlichen, allzu perfekten Hybriden, die in den meisten Gärten blühten, sondern die alten Arten längst vergangener Zeiten. Solche Rosen waren für sie Überlebenskünstler. Man hatte sie entdeckt auf alten Friedhöfen, im Schatten verlassener Häuser, wo sie ungezählte Jahre vernachlässigt weitergeblüht hatten. Sie waren zäh, widerstandsfähig und klammerten sich an das Leben. Dann, im Frühling, aber auch im glutheißen Sommer und Herbst entfalteten sie Blüten von unnachahmlicher, zarter Schönheit, die ihren süßen Duft so reich verströmten, als gäben sie ihre Seelen frei.

Laurel blieb in der Mitte des Vorgartens stehen. „Ich möchte, dass der Brunnen hier hinkommt. Der Weg soll an beiden Seiten um ihn herumführen und dann wieder zusammenlaufen. Eine niedrige Einfassung aus Buchsbaum wäre schön, so wie man das in französischen Gärten findet, dazu ein paar Stauden wie blaue Salvien, rosa Gartennelken und Margeriten. Ansonsten nur Rosen, Rosen und nochmals Rosen.“

Sie warf Alec einen ängstlichen Blick zu, weil sie befürchtete, zu Ausgefallenes verlangt zu haben. Er betrachtete sie eine ganze Weile nachdenklich aus nachtschwarzen Augen, und schließlich begann er zu lächeln. „Das schaffe ich“, versicherte er.

„Glauben Sie, dass das gut aussieht?“

„Es wird perfekt.“

Er hörte sich aufrichtig an, aber sie traute ihm nicht ganz. „Das sagen Sie nur, weil Sie wissen, dass die Arbeit viele Wochen in Anspruch nehmen wird.“

Sein Lächeln erstarb. „Das würde ich niemals tun. Ehrlich gesagt, ich bin sehr erleichtert. Ich hatte befürchtet, Sie wollten pflegeleichte Beete mit Kriechwacholder, die Zwischenräume bedeckt mit ordentlichem Rindenmulch.“

Laurel verzog spontan das Gesicht. „Wie entsetzlich spießig.“

„Genau.“ Sein Blick ruhte warm auf ihr.

Einen flüchtigen Moment lang empfand sie eine so starke Bindung zu dem Mann neben ihr, dass es sie selbst erstaunte. Sie waren beide so grundverschieden, und doch schienen sie in diesem Augenblick die gleiche Wellenlänge zu haben. Vielleicht funktionierte das Ganze ja doch, natürlich nur, solange ihre Beziehung streng geschäftlich blieb. Laurel wünschte sich diesen Garten nicht nur, sie brauchte ihn. In letzter Zeit hatte sie sich oft bei dem Gedanken ertappt, dass sie ohne diesen Garten womöglich eines Tages ganz in ihrem Haus verschwinden und nie wieder zum Vorschein kommen würde.

„Ich möchte Ihnen noch etwas anderes zeigen“, unterbrach Alec ihre Gedanken. Er führte sie hinter das Haus, wo sich einmal die alte Außenküche befunden hatte, ehe sie vor dem Zweiten Weltkrieg ins Innere des Hauses verlegt worden war. Laurel verlangsamte ihre Schritte, als ihr klar wurde, welches Ziel er ansteuerte.

Mit dem Fuß schob er einige Ranken und Gräser zur Seite. Darunter befand sich ein niedriges, gemauertes Rund, das mit einer schweren Betonplatte abgedeckt war. Er bückte sich und hob die schwere Platte mit erstaunlicher Kraft an.

„Nicht!“ rief Laurel erschrocken und wich zurück.

Er richtete sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. „Sie wissen, was das ist?“

„Eine Zisterne, natürlich!“ erwiderte sie aufgebracht. „Aber mein Mann hat nie … Das heißt, er sagte immer, sie sei extrem gefährlich. Niemand wagt sich je in ihre Nähe.“

Alec runzelte die Stirn. „Es ist nichts anderes als ein ausgemauertes Loch in der Erde. Es ist ja nicht einmal mehr Wasser darin.“

„Howard hatte stets Angst, eins der Kinder oder sonst jemand könnte hineinfallen.“

„Dann hätte er die Zisterne zuschütten lassen sollen. Aber jetzt könnte man einen Gartenteich daraus machen, wenn Sie wollen. Es ist nicht besonders schwer, das Mauerwerk so zu versiegeln, dass es wasserdicht wird.“

„Der Teich wäre aber so tief“, protestierte sie.

„Nicht tiefer als ein Swimmingpool“, gab er achselzuckend zurück. „Was die Leute nicht davon abhält, sich einen bauen zu lassen. Außerdem gibt es hier keine Kleinkinder mehr, die hineinfallen könnten.“

Sie schüttelte erschauernd den Kopf. „Lieber nicht.“

„Wie Sie meinen. Es war nur so eine Idee.“

Jetzt ist er enttäuscht, dachte sie. Die Begeisterung war aus seinem Gesicht gewichen, mit beinahe steifen Bewegungen schob er die Platte wieder über die Zisterne. „Haben Sie den Bach gesehen?“ fragte sie ihn unvermittelt.

„Es gibt einen, der hier ganz in der Nähe unter der Straße durchfließt. Meinen Sie den?“

Sie nickte und führte ihn zu dem gewundenen Bach, der am Grundstück von „Ivywild“ vorbeifloss. Hohe Buchen, Lorbeerbüsche und dichter Farn säumten sein Ufer. Laurel war schon fast dort, bis ihr überhaupt bewusst wurde, was sie da eigentlich tat. Sie hatte tatsächlich das eingezäunte Grundstück verlassen. Mit jedem Schritt entfernte sie sich weiter von der Sicherheit, die es für sie verkörperte. Wie lange war es her, seit sie das mit solcher Unbefangenheit gewagt hatte? Sie bekam eine Gänsehaut. Sie fühlte sich nackt, als hätte sie bewusst ihr schützendes Schneckenhaus verlassen. Panik stieg in ihr auf, doch sie kämpfte dagegen an, indem sie sich zwang, gleichmäßig ruhig ein- und auszuatmen.

Ihr konnte doch gar nichts passieren. Der breitschultrige, große Mann an ihrer Seite strahlte so viel Sicherheit aus. Er war wie ein Zaun oder eine Mauer, die zwischen ihr und jedweder Gefahr stand. Bereits am vergangenen Abend hatte sie das gespürt, nun spürte sie es noch intensiver. Nicht, dass hier draußen irgendeine Gefahr auf sie gelauert hätte. Solche Gefahren gab es ausschließlich in ihrem Kopf, und davon musste sie sich unbedingt befreien. Das wusste sie, und sie war fest entschlossen, sich das so lange einzureden, bis sie es glaubte. Abgesehen davon würde sie ja nicht lange von zu Hause fort bleiben, sondern nur für die kurze Zeit, die sie brauchte, um Alec den Bach zu zeigen.

Als sie ihm voraus den mit Büschen und Sträuchern bewachsenen Abhang hinunterlief, war sie sich überdeutlich seiner warmen, beruhigenden Gegenwart bewusst. Er bewegte sich mit der natürlichen Anmut und Geschmeidigkeit eines Indianers. Fast glaubte sie, plötzlich einen leichten Kupferton seiner Haut wahrzunehmen.

Weiterhin herrschte eine gewisse Befangenheit zwischen ihnen beiden, aber sie war jetzt, während sie zusammen zum Bach liefen, von anderer Beschaffenheit als vorher. Wie lange schon war sie sich nicht mehr so stark der Nähe eines anderen Menschen bewusst gewesen? Das einzige männliche Wesen, für das sie sich in den letzten Jahren interessiert hatte, war ihr Sohn gewesen, der inzwischen zum Teenager herangewachsen war.

Alec zeigte sich sehr beeindruckt von dem Bach. Er stand bis zu den Knien im Farn am Ufer, und die Sonne, die durch das Laub der Bäume fiel, zeichnete goldene Muster auf seine gebräunte Haut. Mit einem atemberaubenden Lächeln drehte er sich nun zu Laurel um. „Hier sehe ich einige Möglichkeiten.“

„Ich weiß“, stimmte sie stockend zu. Auf einmal fürchtete sie diese Möglichkeiten mehr als alles andere in den letzten fünf Jahren.

Er neigte den Kopf und sah sie beinahe treuherzig an. „Heißt das, ich bekomme den Job?“

Was hatte er nicht alles in so kurzer Zeit vollbracht. Er konnte „Ivywild“ von all dem wuchernden Gestrüpp befreien. Er konnte für sie den Rosengarten anlegen. Wenn sie sich nicht nach draußen gewagt und mit eigenen Augen gesehen hätte, wie viel versprechend all das war, was er tat, hätte sie ihm vielleicht eine andere Antwort gegeben. Doch jetzt hatte sie keine Wahl mehr. „Ja, das heißt es wohl.“

Ein Leuchten ging über sein Gesicht. „Gut“, meinte er sanft. „Nicht nur gut, sondern fantastisch!“

Laurel war sich dessen nicht so sicher.

Und noch weniger sicher war sie sich, als es Nacht wurde und Alec auf seiner Harley davongebraust war. Sie hatte sich so daran gewöhnt, allein zu sein, und doch empfand sie das Alleinsein heute bewusster denn je. Es war ein warmer Abend, dennoch fröstelte sie. Sie schlang die Arme um sich und fragte sich, wie es wohl sein musste, von einem Mann im Arm gehalten zu werden, sich an eine breite Brust schmiegen, sich geborgen fühlen zu können. Es war schon so lange her.

Howard war nie sonderlich gut gewesen, wenn es darum ging, zärtliche Zuneigung zu zeigen. Wenn sie versucht hatte, sich an ihn zu kuscheln, hatte sie für gewöhnlich stattdessen Sex bekommen. In der Hinsicht hatte ihre Ehe funktioniert, es war weder berauschend gewesen noch katastrophal. Geredet hatten sie auch miteinander – meist über praktische Dinge, über die sich Eheleute eben so unterhalten: über Reparaturarbeiten am Haus, die Fortschritte der Kinder in der Schule, was es zum Essen geben sollte.

Manchmal waren sie abends zum Essen ausgegangen oder hatten Freunde besucht. Anschließend waren sie in freundschaftlichem Schweigen nach Hause gefahren. Ab und zu hatte Howard ihre Hand gehalten. Aber nein, zärtliche Liebkosungen waren weniger seine Art gewesen; er hatte kein Interesse an dem von keinerlei Leidenschaft geprägten Bedürfnis gehabt, den anderen einfach nur im Arm zu halten und seine Nähe zu genießen. Vielleicht war es töricht, etwas zu vermissen, das man nie gehabt hatte.

Sie war einsam, daran lag es wohl. Die Nacht erstreckte sich leer, still und trostlos vor ihr. Es gab nichts Sehenswertes im Fernsehen, und die interessantesten Bücher im Bücherschrank hatte sie längst gelesen. Sie war nicht müde, nicht einmal schläfrig.

Laurel konnte nicht aufhören, an Alec Stanton zu denken. Die Art, wie er sie ansah, wie er langsam zu lächeln anfing, die tief liegenden Augen unter den dichten Brauen, die hohen Wangenknochen, die ihm das Aussehen eines Indianers verliehen, seine geschmeidigen Bewegungen, die Kraft, die sich hinter dieser trügerischen Sanftheit verbarg, das Glänzen seiner samtigen Haut, wenn er schwitzte, der eintätowierte Drache, der durch die Bewegungen seiner Muskeln zum Leben zu erwachen schien …

Wie albern, wegen eines Angestellten in solche Schwärmereien zu verfallen, wegen eines so jungen Angestellten noch dazu. Und weitaus alberner war es, einer solchen Anziehungskraft nachzugeben. Wenn sie etwas objektiver hätte sein können, dann hätte sie wahrscheinlich gelacht über diesen Streich, den ihr ihre Fantasie da spielte; dann hätte sie sich womöglich aufgeregt über einen so unpassenden Partner. Sie war doch wirklich wie ein Kanarienvogel, den die schillernde Farbenpracht eines Goldfasans faszinierte.

Ihre Hormone waren daran schuld, das war alles. Das Ganze hatte doch gar keine Zukunft. Alec Stanton würde seine Arbeit zu Ende bringen, fortgehen, und danach würde alles wieder so sein wie vorher. Nein, nicht alles. Sie würde einen neuen Rosengarten besitzen. Damit musste sie sich wohl zufrieden geben.

Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihr Haus zu verlassen. Es gab mehr als nur eine Form von Sicherheit, mehr als nur eine Art von Gefahr. Wenn sie jetzt im Haus blieb, bis Alec mit dem Garten fertig war, konnte sie wenigstens nicht verletzt werden. Wirklich nicht?

3. KAPITEL

Laurel Bancroft überwachte ihn vom Fenster her; er wusste es genau, denn er hatte sie dabei erwischt. Das gefiel ihm nicht. Er kam sich dabei fast vor wie ein Verbrecher, von dem sie sich unbedingt fern halten musste. Oder noch schlimmer wie einer, der nicht gut genug für sie war und mit dem sie nichts zu tun haben wollte. So ging das nun schon seit drei Tagen, und allmählich reichte es ihm gründlich.

Es war ihm gleich, ob sie nun Witwe war; es kümmerte ihn auch nicht, ob sie ihren Mann tatsächlich umgebracht hatte und sich jetzt deswegen versteckte. Es spielte nicht einmal eine Rolle, dass sie nie mit einer anderen Menschenseele außer Maisie zusammen war. Er wollte, dass sie aus diesem Haus herauskam. Er wollte, dass sie mit ihm redete.

Der Zorn, der in ihm brodelte, während er verbissen jätete und umgrub, war irgendwie seltsam. Seit Jahren schon machte es ihm nichts mehr aus, was die Leute von ihm hielten oder wie sie sich ihm gegenüber benahmen. Laurel Bancroft jedoch hatte alte Wunden bei ihm aufgerissen. Bei ihr fühlte er sich auf einmal wieder unsicher wie ein Teenager. Abgesehen davon weckte sie seinen Beschützerinstinkt, und das war noch etwas, das er ihr übel nahm. Er wusste auch nicht, was an ihr so Besonderes war. Es lag nicht allein daran, dass sie sehr hübsch war, denn in Kalifornien gab es hübsche Frauen wie Sand am Meer, und er hatte mit genügend von ihnen zu tun gehabt. Auch lag es nicht daran, dass er, wie sein Bruder manchmal behauptete, eine Schwäche für problembeladene Frauen hatte. Sicher, er half gern, wenn jemand in Schwierigkeiten steckte, aber das hatte nichts mit der Besitzerin von „Ivywild“ zu tun.

Da war sie wieder. Natürlich stand sie nicht unmittelbar am Fenster, und sie gab sich große Mühe, den Vorhang nicht zum Schwingen zu bringen, doch Alec hatte gelernt, diese schattenhafte Bewegung dahinter wahrzunehmen.

Das gab ihm den Rest. Er ließ den Spaten fallen, zog sich die Handschuhe aus und steckte sie in die Hosentaschen. Er würde sich nicht länger bespitzeln lassen. Entweder sie kam aus dem Haus, oder er ging hinein.

Maisie öffnete ihm auf sein Klopfen hin. Als sie seinen grimmigen Gesichtsausdruck sah, zog sie die Augenbrauen hoch. „Was ist?“ fragte sie und wischte sich die nassen Hände an der Schürze ab.

„Ich möchte kurz mit Mrs. Bancroft sprechen.“

„Sie hat zu tun“, teilte ihm die Haushälterin mit, ohne sich von der Stelle zu rühren. „Brauchst du etwas?“

„Ein paar Antworten“, gab er zurück. „Könntest du sie bitte holen?“

Maisie betrachtete ihn prüfend, schließlich nickte sie. „Warte hier.“

Alec stemmte die Hände in die Hüften und sah ihr nach. Warte hier, hatte sie gesagt. Wie sich das für einen braven Jungen gehörte. Oder für einen Angestellten. Er presste die Lippen aufeinander. Nach einigen Sekunden vernahm er gedämpftes Murmeln, dann wieder Stille und schließlich das Schlurfen von Maisies Schuhen.

„Ich soll dich fragen, was du genau willst.“

„Ich will mit ihr reden“, wiederholte er gefährlich sanft.

„Nun, sie will aber nicht mit dir reden, also lass es lieber!“

„Und wenn ich das nicht tue? Wirst du mich daran hindern? Oder mich etwa bei Grannie anschwärzen?“ Er tat einen Schritt in den Flur.

„Du bringst sie noch so weit, dass sie dich entlässt!“ warnte Maisie, wich aber dennoch ein Stück zurück.

„Und wenn schon.“

„Ich dachte, du wolltest diesen Job unbedingt haben?“

„Wo ist sie?“ Er ging an ihr vorbei weiter ins Haus hinein, und Maisie folgte ihm.

„In ihrem Schlafzimmer“, antwortete sie etwas atemlos. „Dort kannst du nicht hinein!“

„Ich denke doch.“ Er steuerte auf die Tür zu, zu der Maisie eben beim Sprechen geblickt hatte.

„Gut, aber dann auf deine eigene Gefahr!“ In ihre warnende Stimme mischte sich ein Unterton widerwilliger Bewunderung.

Alec nickte, klopfte kurz und drückte die Klinke der Schlafzimmertür herunter. Laurel saß auf einer Chaiselongue. Sie hatte sich ein paar Kissen hinter den Rücken gesteckt, die Beine angezogen und hielt ein Buch in der Hand. Sie errötete und blickte ihm mit großen Augen entgegen. Das Zimmer passt zu ihr, dachte Alec. Die vorherrschenden Farben waren Beige, Blau und Rosa, dazu ein paar solide aussehende viktorianische Möbelstücke und zarte, sinnlich wirkende Stoffe. Dies hier war ein Zufluchtsort, und er war darin eingedrungen. Darüber hinaus hatte er sie unvorbereitet angetroffen, ehe sie sich noch gegen sein Erscheinen hatte wappnen können. Sie war barfuß, hatte weiße Shorts an und trug ganz sicher keinen BH unter dem überweiten T-Shirt. Das Haar fiel ihr über eine Schulter, und nicht der kleinste Hauch von Make-up störte die makellose Klarheit ihres Gesichts. Er glaubte, nie etwas Verführerischeres als sie gesehen zu haben.

In Bruchteilen von Sekunden hatte sie ihre Fassung wiedergewonnen. Sie legte das Buch zur Seite und erhob sich von der Chaiselongue. Ihre Stimme klang nervös. „Was ist? Haben Sie ein Problem?“

„Das könnte man so sagen, ja. Ich möchte wissen, warum Sie solche Angst vor mir haben.“ Er hatte sie nicht so direkt darauf ansprechen wollen, doch nun kam es auch nicht mehr darauf an.

„Das habe ich doch gar nicht!“ bestritt sie augenblicklich.

„Ach nein? Es sieht aber ganz so aus! Es sei denn, es gibt einen anderen Grund, weshalb Sie sich hier im Haus verstecken.“

Ihr Blick ruhte eine Sekunde zu lange auf ihm, ehe sie antwortete. „Wer sagt, dass ich mich verstecke? Nur weil ich nicht das Bedürfnis habe, jeden einzelnen Handgriff von Ihnen zu überwachen …“

„Sie lassen mich diesen Garten ganz allein anlegen, und das wissen Sie. Wenn ich damit fertig bin, wird es eher mein Garten sein als Ihrer.“

Sie zuckte flüchtig mit den Schultern. „Dann mache ich ihn eben wieder zu meinem, sobald Sie fort sind.“

„Das ist nicht nötig! Ich kann dafür sorgen, dass er genau so wird, wie Sie ihn sich vorstellen. Sie müssen nicht einen Finger dafür krumm machen, sondern brauchen mir nur zu sagen, was ich tun soll. Ich habe jetzt alles herausgerissen, was offensichtlich nicht bleiben sollte, doch nun ist es Zeit für Entscheidungen.“

„Dann entscheiden Sie eben“, meinte sie gepresst. „Sie kennen sich ohnehin viel besser mit solchen Dingen aus als ich.“

„Ich weiß aber nicht, was Ihnen gefällt und was Sie wollen!“ Er hatte das ganz ohne Hintergedanken sagen wollen, trotzdem wurde ihm auf einmal heiß.

„Tun Sie, was Sie für richtig halten.“

Er starrte sie an und gab sich dann innerlich einen Ruck. Sie dachte dabei an Blumen und Sträucher, an nichts anderes. „Nehmen Sie an, ich reiße alles heraus und lasse gar nichts mehr stehen.“

„Das können Sie nicht machen!“

„Oh, doch“, grollte er. „Nichts leichter als das.“

„Aber da sind Kamelien, die sind über achtzig Jahre alt, und dann der alte Olivenbaum …“ Sie verstummte, und ihre Augen wurden schmal. „Das wissen Sie doch selbst ganz genau!“

„Ja, ich weiß, was da ist. Ich weiß nur nicht, was Ihnen besonders am Herzen liegt.“

„Das kann ich Ihnen sagen …“

„Zeigen Sie es mir“, fiel er ihr kurzerhand ins Wort.

Um ihre Lippen trat ein harter Zug. „Ich glaube nicht, dass …“

„Es sei denn, es liegt an mir“, unterbrach er sie erneut, diesmal mit ganz sanfter Stimme. „Wenn Sie keine Angst haben, dann ist es wohl so, dass Ihnen an meiner Gesellschaft nichts liegt.“

Überraschung spiegelte sich in ihren blauen Augen wider. „Aber nein, das ist es ganz und gar nicht!“

„Wo liegt dann das Problem?“

„Nirgends!“

„Das nehme ich Ihnen nicht ab.“

„Nun, zumindest hat es nichts mit Ihnen zu tun. Ich weiß gar nicht, warum Sie das alles so interessiert!“

„Nennen Sie mich albern, aber ich möchte einfach gern wissen, wo ich stehe.“

„Im Moment dort, wo Sie nicht hingehören, nämlich in meinem Schlafzimmer.“ Sie warf ihm einen gereizten Blick zu und wandte sich ab.

„Geben Sie mir eine befriedigende Antwort, und ich bin weg“, beharrte er.

Seufzend verschränkte sie die Arme vor der Brust. „An Ihnen liegt es nicht, okay? Wenn Sie es unbedingt wissen wollen – es liegt an mir. Ich bin nicht sehr geschickt im Umgang mit Menschen.“

„Ist das so?“ Er zog die Brauen hoch. „Sie müssen mit mir auch keinen Umgang pflegen, sondern einfach nur reden. Ich bin nicht kompliziert, ich beiße auch nicht, ich hasse es nur, wenn man mich ignoriert.“

„Ich ignoriere Sie doch gar nicht!“

„Vielleicht können Sie nur einfach nichts mit mir anfangen.“

„Nein, das ist es nicht! Ich weiß gar nicht mehr, was ich sagen soll.“

Er fing an zu lächeln, ganz langsam, aber sehr siegessicher, als er zur Tür ging, sie aufhielt und auf Laurel wartete. „Dann gibt es keine Ausrede mehr, denn reden kann ich für uns beide, und gegen Ihre Gesellschaft habe ich nichts.“

Der Blick, mit dem sie ihn bedachte, war gleichzeitig wütend und resignierend. Er hatte gewonnen, und sie wusste es. Sie war nicht der Typ Frau, der grausam sein konnte, nur um sich selbst zu schützen, ganz gleich, wie sehr man sie auch provozierte. Damit hatte er gerechnet, ja, sich sogar darauf verlassen. Das sagte zwar nicht viel über seine Menschenkenntnis aus, aber noch weniger Menschenkenntnis besaßen offenbar all die, die dumm genug waren, ihr einen Mord zuzutrauen. Er beobachtete sie aufmerksam, wie sie in die Schuhe schlüpfte und dann an ihm vorbei in den Flur ging.

Ja, er hatte es geschafft. Er hatte Laurel aus ihrem Zimmer und sogar aus dem Haus gelockt. Und wie sollte es nun weitergehen? Eine gute Frage, und er stellte sie sich oft während der nächsten Woche. Er mochte so arrogant sein zu glauben, er wüsste, was für sie am besten war, doch davon wollte er sich nicht in seinen Bemühungen beirren lassen. Immerhin war es ihm gelungen, sie dazu zu bringen, jeden Morgen mit in den Garten zu kommen. Viel Geduld war dazu nötig gewesen, endlose törichte Fragen, die er sich mühelos auch selbst hätte beantworten können. Doch am sechsten Tag, erst gestern, hatte er sie lange genug im Garten aufgehalten, bis sie einen leichten Sonnenbrand auf der Nase und Schmutz unter den Nägeln ihrer langen, schlanken Finger gehabt hatte. Es war ihm wie eine Belohnung für seine Anstrengung vorgekommen, als sie dann heute Morgen mit Handschuhen und einem Strohhut nach draußen gekommen war.

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