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Die Zeitwanderer

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Zitat
  6. ERSTER TEIL
  7. ERSTES KAPITEL
  8. ZWEITES KAPITEL
  9. DRITTES KAPITEL
  10. VIERTES KAPITEL
  11. FÜNFTES KAPITEL
  12. SECHSTES KAPITEL
  1. ZWEITER TEIL
  2. SIEBTES KAPITEL
  3. ACHTES KAPITEL
  4. NEUNTES KAPITEL
  5. ZEHNTES KAPITEL
  6. ELFTES KAPITEL
  7. ZWÖLFTES KAPITEL
  8. DREIZEHNTES KAPITEL
  1. DRITTER TEIL
  2. VIERZEHNTES KAPITEL
  3. FÜNFZEHNTES KAPITEL
  4. SECHZEHNTES KAPITEL
  5. SIEBZEHNTES KAPITEL
  6. ACHTZEHNTES KAPITEL
  7. NEUNZEHNTES KAPITEL
  1. VIERTER TEIL
  2. ZWANZIGSTES KAPITEL
  3. EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  4. ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  5. DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  6. VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  7. FÜNFUNDZWANZIGTES KAPITEL
  8. SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  9. SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  1. FÜNFTER TEIL
  2. ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  3. NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  4. DREISSIGSTES KAPITEL
  5. EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  6. ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  7. DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  8. VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  9. FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  10. SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  1. EPILOG
  2. DANKSAGUNG
  3. NACHWORT
  4. Über den Autor

Stephen R. Lawhead

Die schimmernden Reiche
Erster Band

DIE
ZEITWANDERER

Roman

Aus dem Englischen von
Arno Hoven

ERSTES KAPITEL

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Wenn Kit gewusst hätte, dass er noch vor Tagesende die verborgenen Dimensionen des Universums entdecken würde, dann wäre er vielleicht besser vorbereitet gewesen. Zumindest hätte er einen Regenschirm mitgenommen.

Wie die meisten Bewohner Londons erduldete Kit wie ein Märtyrer die täglichen Mühen, sich durch eine Stadt zu navigieren, deren Komplexität und Verworrenheit legendär waren. Er wusste nur allzu gut, welche Gefahren selbst mit dem belanglosesten Ausflug einhergehen konnten. Sich in die Welt jenseits der eigenen Türschwelle hinauszuwagen war das moderne städtische Äquivalent zum alten Gerichtsverfahren des Gottesurteils - ein abenteuerliches Unterfangen, für das er sich wappnete, so gut er nur konnte.

Schon vor langer Zeit hatte Kit »seinen« kleinen Fleck in dieser Großstadt, die sich so gewaltig ausgedehnt hatte, gründlich studiert. Er wusste, wo die für das Überleben notwendigsten Dinge zu finden waren und wie man zu ihnen gelangte. Er hatte eine kleine Bibliothek mit Straßenkarten, Busstrecken und Fahrplänen im Kopf parat. Den Streckenplan der für ihn relevanten Abschnitte der Londoner U-Bahn hatte er sich fest eingeprägt; zudem kannte er die schnellsten Wege zu seiner Arbeitsstelle und von dort zu seinen Lieblingskneipen, den Lebensmittelläden, dem Kino sowie dem Park, wo er joggte.

Betrüblicherweise reichte dieses Wissen in der Mehrzahl der Fälle nicht aus.

Der heutige Morgen war dafür ein perfektes Beispiel. Nur wenige Minuten zuvor hatte er die Türschwelle seiner Wohnung in Holloway überschritten, um einen Ausflug zu machen: Er wollte seine Freundin bei einem Shopping-Trip begleiten, was er ihr schon vor Langem versprochen hatte. Während er zur nächsten U-Bahn-Station marschierte, war er sich der Tatsache nicht bewusst, dass er sich bereits auf eine Reise ohne Wiederkehr begeben hatte. Vor der Eingangsschranke zückte er seine Oyster card. Mit dem elektronischen Ticket berührte er das Kartenlesegerät und stürmte dann die Treppe hinunter, weil er das ratternde Geräusch der einfahrenden U-Bahn hörte. Die piependen Türen begannen sich bereits zu schließen, als er in den Waggon sprang. Er zählte die ersten beiden der vier Haltestellen bis zu seinem Ziel ab. Gerade als er sich - an der dritten Station seiner U-Bahnfahrt - der Vorstellung hingab, dass alles nach Plan verlief, erhielt er die Information, dass die Strecke vor ihm wegen routinemäßiger Wartungsarbeiten geschlossen war.

»Alle Passagiere bitte aussteigen!«, krächzte eine blecherne Stimme aus den Lautsprechern. »Dieser Zug endet hier.«

Kit schloss sich der murrenden Menschenmenge an und gelangte wieder nach oben auf die Straße. Man hatte einen Sonderbus für die U-Bahn-Passagiere bereitgestellt, mit dem sie ihre Reise fortsetzen konnten. Um es ihnen jedoch nicht allzu leicht zu machen, wartete dieser Bus raffiniert versteckt auf der anderen Seite der U-Bahn-Station King's Cross. Erst als Kit einen Blick auf den wartenden Bus und die Schlange von Tottenham-Fans warf, die sich über die halbe Euston Road erstreckte, erinnerte er sich, dass heute Sonntag war und Tottenham Hotspur gegen Arsenal London spielte. Da er nicht bereit war, eine halbe Stunde zu warten, dachte er sich schnell einen Alternativplan aus, um zu Wilhelmina zu kommen: Er würde über die Straße flitzen und mit der Northern Line von King's Cross nach Moorgate fahren, dort die U-Bahn zur Liverpool Street nehmen, in die Central Line umsteigen und an der Haltestelle Bethnal Green aussteigen. Von dort wäre es nur eine kurze Busfahrt zur Grove Road. Dann ein strammer Marsch durch den Victoria Park - und schon bald würde er vor Wilhelminas Wohnung in der Rutland Road stehen. Das wird kinderleicht, dachte er, als er die Treppe zur U-Bahn-Station hinunterstieg.

Erneut angelte Kit seine Oyster card aus der Tasche und wischte sie über das Lesegerät vor der Eingangsschranke. Doch anstatt eines grünen Pfeils leuchtete diesmal ein rotes Licht auf. Kit bemerkte, dass sich hinter ihm bereits ein Passagierstau gebildet hatte, der rasch größer wurde, und drückte seine Chipkarte ein weiteres Mal gegen den Sensor. Zur Belohnung leuchtete die gefürchtete elektronische Anzeige WENDEN SIE SICH AN DIE AUFSICHT auf. Wie schrecklich! Er seufzte innerlich und begann, sich durch die Menschenschlange zurückzuarbeiten. Dabei schlugen ihm der Hohn und die Beschimpfungen seiner murrenden Mitreisenden entgegen; die meisten von ihnen trugen eines der Fußballtrikots der rivalisierenden Clubs.

»Tut mir leid«, murmelte er, während er sich durch das Gewühl kämpfte. »Entschuldigen Sie bitte … Tut mir echt schrecklich leid.«

Er sauste auf die nächste Ticketverkaufsstelle zu. Nachdem er eine Hindernisstrecke aus Absperrungen und Gittern bewältigt hatte, stellte er fest, dass hinter dem Schalterfenster niemand war. Mehrfach klopfte er gegen die Scheibe, und als das erfolglos blieb, rannte er zum nächsten Fahrkartenschalter. Durch heftiges Trommeln gegen das Fenster gelang es ihm schließlich, einen Angestellten herbeizuscheuchen.

»Meine Oyster card funktioniert nicht mehr«, erklärte Kit.

»Da ist bestimmt kein Geld mehr drauf«, entgegnete der Mann.

»Aber ich habe das Guthaben auf dem Ticket erst vor ein paar Tagen wieder aufgeladen. Können Sie das nicht überprüfen?«

Der Angestellte nahm die Chipkarte und schaute sie sich an. Dann zog er sie durch ein Lesegerät, das neben dem Fenster stand. »Tut mir leid, Kumpel.« Er schob das Ticket durch den Schlitz im Fenster zurück. »Der Computer ist außer Betrieb.«

»Okay, macht nichts«, lenkte Kit ein. Er begann, in seinen Taschen herumzuwühlen. »Ich lasse noch fünf Pfund auf die Karte laden.«

»Das können Sie online machen«, teilte ihm der Angestellte mit.

»Aber jetzt bin ich hier«, hob Kit hervor. »Höchstpersönlich.«

»Online ist billiger.«

»Das mag ja so sein«, stimmte Kit zu. »Aber ich muss jetzt fahren - heute noch.«

»Sie können an einem Ticketautomaten bezahlen.«

»Richtig«, sagte Kit, der hören konnte, wie auf dem Gleis unter ihm ein Zug in die U-Bahn-Station einfuhr. Sogleich eilte er zum nächsten Ticketautomaten. Doch auch nach mehreren Versuchen weigerte sich das Gerät, Kits Fünf-Pfund-Note anzunehmen: Jedes Mal spuckte es den zerknitterten Lappen wieder aus. Der Automat daneben war nur mit Kreditkarten benutzbar, und das letzte der drei Geräte war außer Betrieb.

Kit rannte zum Fahrkartenschalter zurück. »Der Ticketautomat nimmt meinen Geldschein nicht an«, erklärte er und schob seinen Fünfer durch die Öffnung im Fenster. »Können Sie mir etwas Kleingeld geben? Oder ein anderes Ticket?«

Der Angestellte betrachtete den zerknitterten Geldschein. »Tut mir leid.«

»Was tut Ihnen leid?«

»Der Computer ist außer Betrieb.«

»Aber ich sehe doch, dass da drüben Kleingeld ist«, sagte Kit mit wachsender Frustration. Er zeigte durch die Scheibe auf ein Gerät mit einer Wechselgeldkassette voller Münzen, die nur darauf warteten, ausgeteilt zu werden. »Können Sie nicht einfach etwas Geld da herausnehmen?«

»Es ist nicht erlaubt, einfach dort Geld herauszunehmen.«

»Warum nicht?«

»Hier läuft alles computergesteuert ab, und der Com -«

»Ich weiß, ich weiß«, fiel Kit dem Mann ins Wort. »Der Computer ist außer Betrieb.«

»Sie können es ja bei einem der anderen Fahrkartenschalter versuchen.«

»Aber an den anderen Schaltern ist niemand.«

Der Angestellte blickte ihn voller Mitleid an. »Es ist Sonntag.«

»Ja, und?«

»Eingeschränkter Service.«

»Im Ernst!«, schrie Kit. »Warum machen Sie sich überhaupt die Mühe, zur Arbeit zu kommen?«

Der Angestellte zuckte mit den Schultern. Er richtete seinen Blick auf einen Punkt hinter Kit und rief: »Der Nächste, bitte!« - obwohl sich niemand dorthingestellt hatte.

Kit nahm seine vorübergehende Niederlage hin und stieg wieder zur Straße hoch. Es gab zahlreiche Läden, wo er seine Fünf-Pfund-Note hätte wechseln können. Allerdings bestand nach wie vor das Problem, dass heute Sonntag war, und alle Geschäfte hatten entweder mehrere Stunden oder gleich den ganzen Tag geschlossen.

»Mal wieder typisch«, schnaubte Kit und gelangte zu der Entscheidung, dass es einfacher und zweifellos schneller sein würde, die rund drei Meilen bis zu Wilhelminas Wohnung zu Fuß zu gehen. Mit diesem Gedanken im Kopf marschierte er los, vorbei am Straßenverkehr und den morgendlichen Passanten. Er war der aufrichtigen Überzeugung, dass er immer noch rechtzeitig Minas Zuhause erreichen könnte. Während er die Pentonville Road entlangging, stellte er sich in seinem Geist eine Straßenkarte der Umgebung vor und dachte sich eine Wegstrecke zum Ziel aus. Doch kaum hatte er einige wenige Hundert Schritte zurückgelegt, sah er sich irritiert um: Er hatte sich irgendwie vertan - es musste ihm vorhin im Niemandsland von King's Cross passiert sein - und einen falschen Weg eingeschlagen.

Ihm war klar, dass er sich in nordwestliche Richtung orientieren musste, und so bog er nach links, westwärts, in die Grafton Street ab. Er hastete voran, wich einer wegen Straßenarbeiten errichteten Absperrung aus und erreichte schnell den nächsten Weg, der nach Norden führte - eine seltsame kleine Gasse namens Stane Way.

So weit, so gut, dachte Kit, als er den schmalen Fußgängerweg entlanglief. Der Stane Way war wirklich nur ein Gässchen, das Lieferanten einen verborgenen Zutritt zu den Läden bot, deren Vordereingänge an den parallel verlaufenden Straßen lagen. Nach rund zwei Minuten begann Kit, nach der nächsten Straße Ausschau zu halten, die das Gässchen kreuzte. Weitere zwei Minuten verstrichen … Inzwischen hätte er längst das Ende dieser Gasse erreichen sollen - oder etwa nicht?

Auf einmal begann es zu regnen.

Kit legte einen Zahn zu, als das Wasser aus den wabernden, niedrigen Wolken über ihm in die Gasse herabschüttete. Er zog die Schultern hoch und den Kopf ein - und rannte weiter. Wie aus dem Nichts kam ein heftiger Wind auf. Der Sturm peitschte der Länge nach durch die Schlucht aus Ziegelsteinen und trieb ihm den Regen in die Augen.

Kit blieb stehen.

Eilig zog er sein Handy aus der Tasche und klappte das Display auf. Kein Empfang!

»Verdammtes nutzloses Ding!«, brummte er.

Er spürte, dass er bis auf die Haut durchgeweicht war und das Wasser ihm von den Haarenden und der Nasenspitze herabtropfte. Verärgert schob er das Telefon wieder in die Tasche. Ich hab die Nase voll, dachte er. Abbruch der Mission. Auf der Stelle machte er kehrt und eilte den Weg zurück, den er gekommen war; bei jedem Schritt gaben die Schuhe schmatzende Geräusche von sich. Auf einmal gab es gute Neuigkeiten: Der Wind ließ beinahe augenblicklich nach, und auch der Regen hörte auf; der Sturm verschwand so rasch, wie er gekommen war.

Während Kit zurückjoggte, musste er einer öligen Pfütze nach der anderen ausweichen. Fast hatte er die Stelle wieder erreicht, wo die Gasse von der Grafton Street abzweigte, als er hörte, wie jemand ihn rief - oder zumindest glaubte er das. Er konnte sich dessen nicht sicher sein, da von den Dachvorsprüngen und Regenrinnen der Gebäude um ihn herum immer noch das Wasser spritzte.

Augenblicklich verringerte er sein Lauftempo. Ein paar Schritte weiter hörte er den Ruf erneut - und diesmal gab es keinen Zweifel.

»Hallo!«, hörte er jemanden schreien. »Warte!«

Sogleich befahl ihm eine innere Stimme: Lauf weiter! Das war eine allgemeine Lebensregel, die ihn davor schützte, in irgendwelche Verrücktheiten der Londoner Obdachlosen verwickelt zu werden. Vorsichtig blickte Kit über die Schulter nach hinten. Er sah, wie ein weißhaariger Mann aus der dunstigen Häuserschlucht auftauchte und auf ihn zustolperte. Von wo war der Mann gekommen? Höchstwahrscheinlich handelte es sich um einen Penner, der in einem Hauseingang seinen Rausch ausgeschlafen hatte. Er war wohl vom Sturm geweckt worden und hatte dann Kit bemerkt, den er für ein leichtes Opfer hielt. So ist eben das Leben, dachte Kit und machte sich darauf gefasst, von dem Kerl belästigt zu werden.

»Tut mir leid, Kumpel!«, rief Kit über die Schulter nach hinten und drehte den Kopf sogleich wieder nach vorn. »Ich bin selbst pleite.«

»Nein! Warte!«

»Kein Kleingeld dabei. Tut mir leid. Ich muss weiter.«

»Bitte, Cosimo.«

Das war alles, was der Obdachlose sagte. Doch es führte dazu, dass Kit wie angewurzelt stehen blieb.

Dann drehte er sich langsam um und sah sich den Mann an.

Der Alte war groß gewachsen, hatte volles silbernes Haar und einen ordentlich geschnittenen Kinnbart. Sein Outfit schien aus den Kleidersammlungen von Wohlfahrtseinrichtungen zu stammen: Er trug ein einfaches weißes Hemd und eine dunkle Drillichhose, die beide ziemlich robust wirkten und abgetragen waren. Die Tatsache, dass die Enden der Hosenbeine in seine Halbstiefel gestopft waren und er einen altertümlichen Paletot mit kurzem Schulterumhang trug, ließ ihn wie eine Figur aus einem Sherlock-Holmes-Roman aussehen.

»Sollte ich Sie etwa kennen?«, fragte Kit, als der Mann herbeihastete.

»Das möchte ich doch hoffen, mein Junge«, antwortete der Fremde. »Man sollte doch meinen, dass ein junger Kerl seinen eigenen Urgroßvater kennt.«

Kit trat einen Schritt zurück.

»Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe«, fuhr der alte Mann fort. »Ich musste mich erst vergewissern, dass mir niemand gefolgt war. Das hat länger gedauert, als ich angenommen hatte. Ich begann schon zu befürchten, ich würde dich ganz verpassen.«

»Wie bitte?«

»So, jetzt sind wir hier. Ende gut, alles gut, nicht wahr?«

»Hör zu, Kumpel«, protestierte Kit. »Ich glaube, du bist an den Falschen geraten.«

»Was für eine Freude, dich zu guter Letzt doch noch zu treffen, mein Sohn«, verkündete der alte Gentleman und bot Kit die Hand an. »Die reinste Freude. Aber natürlich sind wir uns noch nicht richtig begegnet. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Cosimo Livingstone.« Bei den letzten Worten beugte er ein wenig den Oberkörper vor.

»Okay, und wo liegt jetzt die Pointe?«, verlangte Kit zu wissen.

»Oh, das ist kein Witz«, versicherte der alte Mann. »Das ist die reine Wahrheit.«

»Nein, Sie irren sich«, widersprach Kit energisch. »Ich bin Cosimo Livingstone. Aber wie auch immer - woher kennen Sie meinen Namen?«

»Würde es dir sehr viel ausmachen, wenn wir das im Gehen besprechen? Wir sollten wirklich nicht hier stehen bleiben.«

»Das ist Unsinn! Ich werde nirgendwo mit Ihnen hingehen.«

»Also, ich denke, du wirst schon herausfinden, dass du keine große Wahl hast.«

»Das stimmt nicht.«

»Wie bitte?«

»Hör mir gut zu, Kumpel. Ich weiß nicht, wie du an meinen Namen herangekommen bist, aber du musst mich mit irgendjemand anderem verwechselt haben.« Kit hoffte, dass er sehr viel gelassener klang, als er sich tatsächlich im Moment fühlte. »Ich möchte wirklich nicht unhöflich sein. Doch ich kenne dich nicht und habe nicht die geringste Absicht, mit dir irgendwohin zu gehen.«

»Wohlan«, entgegnete der Fremde. »Aber was könnte dich zu einer Meinungsänderung bewegen?«

»Vergiss es!«, erwiderte Kit und wandte sich ab. »Ich verdufte.«

»Welche Art von Beweisen würde dich überzeugen? Namen, Geburtstage, Verwandtschaftsbeziehungen - vielleicht so etwas?«

Kit marschierte los. »Und tschüss.«

Der Greis folgte ihm. »Dein Vater heißt John, deine Mutter Harriet. Du bist in Weston-super-Mare geboren worden, und kurz darauf ist deine Familie nach Manchester gezogen. Dort ist dein Vater als Abteilungsleiter bei einer Versicherungsgesellschaft tätig gewesen, und deine Mutter hat in der Verwaltung einer Schule gearbeitet. Als du zwölf warst, zog deine Familie erneut um und ließ sich in London nieder …«

Kit blieb in der Mitte der Gasse stehen. Er war hin- und hergerissen zwischen Furcht und ungläubigem Staunen. Langsam drehte er sich um.

Der alte Mann war ebenfalls stehen geblieben und lächelte ihn an. »Wie habe ich mich bisher geschlagen?«

Selbst in dem schlechten Licht, das in dieser Gasse herrschte, war die Familienähnlichkeit deutlich zu erkennen: die kräftige Nase, der starke Kiefer, die breite Stirn, das sich wellenförmig kräuselnde Haar, die vollen Lippen und dunklen Augen - wie bei seinem Vater und dem widerlichen Onkel Leonard. All das waren Grundmerkmale, die Kit während seines ganzen Lebens wiederholt bei anderen Familienmitgliedern mit größeren oder geringeren Abweichungen gesehen hatte.

»Seit deiner Universitätszeit in Manchester - Studium der Medienwissenschaft, was auch immer das ist - hast du mal hier, mal dort gearbeitet und nichts gemacht, was wirklich von Wert -«

»Wer bist du?«, fiel Kit ihm ins Wort. »Woher weißt du das alles?«

»Aber das habe ich dir doch schon gesagt«, antwortete der alte Gentleman kichernd. »Ich bin dein Urgroßvater.«

»Ach ja? Etwa der Urgroßvater, der eines Morgens rausging, um in einem Geschäft einen Laib Brot zu kaufen, und niemals zurückkehrte? Derselbe, der 1893 in Marylebone seine Frau und drei Kinder verließ?«

»Du liebe Zeit, du weißt wirklich davon? Nun, beklagenswerterweise … genau der bin ich. Allerdings wollte ich nicht einen Laib Brot kaufen, sondern Milch und Wurst.« Der Blick des alten Mannes wurde durchdringend. »Sag mir, weshalb bist du heute Morgen nach draußen gegangen?«

Kits Mund wurde ganz trocken.

»Hmm«, brummte der Fremde. »Was wolltest du besorgen? Eine Dose mit Bohnen? Eine Tageszeitung? Genau auf diese Weise geschieht es immer, siehst du das nicht?«

»Nein …«, entgegnete Kit, der von Sekunde zu Sekunde verstörter wurde.

»Man kann sagen, dass es eine Familienschwäche ist. Oder ein Talent.« Der alte Mann trat einen Schritt auf Kit zu. »Komm mit mir.«

»Warum - bei allem, was heilig ist - sollte ich mit dir irgendwo hingehen?«

»Weil du, mein lieber Junge, ein einsamer siebenundzwanzigjähriger Junggeselle bist - mit einer wertlosen Ausbildung, einem langweiligen Job ohne Perspektiven, einem festgefahrenen Liebesleben und mit sehr geringen Aussichten, dein trauriges Los zu verbessern.«

»Wie kannst du es wagen, so was zu sagen! Du weißt überhaupt nichts über mich.«

»Im Gegenteil, ich weiß alles über dich, alter Schwede.« Der Greis kam noch einen Schritt näher. »Ich dachte, das hätten wir bereits bewiesen.«

»Ach ja? Was sonst noch?«

Der ältere Gentleman seufzte. »Ich weiß, dass du ein gestresster Arbeitsesel in einem Großraumbüro bist, das die Seelen der Menschen zerstört, die sich dort abquälen müssen. In den letzten neun Monaten hat man dich zweimal bei einer Beförderung übergangen. Vom letzten Mal weißt du übrigens nichts, weil sie sich noch nicht einmal die Mühe gemacht haben, es dir zu sagen.«

»Das glaube ich nicht.«

»Du verbringst viel zu viel Zeit alleine - und vor dem Fernseher. Und du wendest zu wenig Zeit auf, um den inneren Menschen zu kultivieren. Du lebst in einer armseligen kleinen Wohnung, die auch als No-go-Area bezeichnet wird und vor der all deine Freunde, die du immer weniger siehst, die Flucht ergriffen haben. Schon seit Langem leben sie mit ihren Frauen und Sprösslingen in Vororten. In der Liebe bist du über alle Maßen unglücklich. Du hast jetzt mehrere Jahre in eine Liebesbeziehung investiert, die - wie du selbst nur zu gut weißt - weder eine befriedigende Gegenwart noch eine aussichtsreiche Zukunft hat. Kurz gesagt, die Perspektiven für dein geselliges Dasein und für dein Privatleben sind die eines Gartenzwergs.«

Kit musste sich eingestehen, dass der alte Knacker - mit Ausnahme der nicht sehr witzigen Bemerkung über sein Liebesleben - der Wahrheit bemerkenswert nahegekommen war.

»Reicht das jetzt, oder soll ich weitermachen?«

»Wer bist du?«

»Ich bin der Mann, der gekommen ist, um dich von einem Leben der stillen Verzweiflung und der Reue zu erretten.« Erneut lächelte der Greis. »Komm, mein Junge! Lass uns bei einer Tasse Kaffee zusammensitzen und die Angelegenheit wie Gentlemen besprechen. Ich hatte sehr große Mühe, dich zu finden. Zumindest ein paar Minuten deines geschäftigen Lebens könntest du für mich erübrigen.«

Kit zögerte.

»Eine Tasse Kaffee und dreißig Minuten. Was würde dich das kosten?«

Angst und Neugierde rangen einen Moment lang gegeneinander. Die Neugierde gewann. »Einverstanden«, lenkte Kit ein. »Zwanzig Minuten.«

Die zwei marschierten los in Richtung Straße.

»Ich muss meine Freundin anrufen und ihr mitteilen, dass ich etwas später komme«, sagte Kit und zog sein Telefon aus der Tasche. Er klappte das Display auf, drückte die Kurzwahltaste für Minas Nummer und hielt sich das Handy ans Ohr. Als nichts passierte, blickte er auf das Display: Die Mitteilung KEIN NETZEMPFANG blinkte ihm entgegen. Er schwenkte das Handy in der Luft hin und her. Erneut schaute er auf das Display: Die winzigen Striche, die sonst den Signalempfang anzeigten, waren immer noch nicht zu sehen.

»Funktioniert es nicht?«, fragte der Alte mit klammheimlicher Genugtuung.

»Müssen die Gebäude sein«, murmelte Kit und zeigte auf die nahen Ziegelmauern auf beiden Seiten. »Die blockieren das Signal.«

»Zweifellos.«

Sie spazierten weiter. Als sie sich dem Ende der Gasse näherten, glaubte Kit ein Geräusch zu vernehmen, das ihm sogleich sehr vertraut und doch seltsam vorkam. Er benötigte ganze zwei Sekunden, um es zu identifizieren. War es das Lachen von Kindern? Nein, nicht Kinder. Das waren Möwen!

Er hatte jedoch wenig Zeit, sich darüber zu wundern. Denn in diesem Augenblick verließen sie die schummrige Gasse und betraten die verwirrendste und ungewöhnlichste Landschaft, die Kit jemals gesehen hatte.

ZWEITES KAPITEL

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Kit traute seinen Augen nicht. Vor ihm breitete sich eine Szenerie aus, die er bisher nur in Filmen zu sehen bekommen hatte: eine geschäftige Werft mit einem dreimastigen Segelschoner, der im Dock vertäut war, und dahinter eine glitzernde blaugrüne Bucht, die sich in einem gewaltige Bogen erstreckte. Die strahlende, sonnenüberflutete Luft war erfüllt von dem lauten, gackernden Geschrei der Möwen, die über dem Wasser schwebten und sich immer wieder nach unten stürzten, um Fischreste oder andere Abfälle zu ergattern. Fischer hatten ihre kleinen Boote am Kai befestigt und hievten Weidenkörbe voller silberner Fische nach oben, wo sie von Frauen entgegengenommen wurden, die blaue Hauben und über ihren langen Baumwollkleidern graue Umhänge trugen. Auf den beiden Seiten der groß angelegten Bucht erhoben sich breite schwarze Landzungen - zerklüftete Hügelketten, an deren Abhängen sich ein malerisches Städtchen aus kleinen weißen Häusern emporzog. Stämmige Männer, die in kurze, ausgebeulte Hosen und schlaff herabhängende Hemden gekleidet waren und Strohhüte auf den Köpfen trugen, schoben Handwagen oder fuhren mit Maultiergespannen das Ufer entlang. Sie halfen das große Schiff zu entladen und schafften in Sackleinen gewickelte Bündel fort.

Verschwunden war King's Cross mit seinen Bürotürmen und den schmalen, von Autos und Doppeldeckerbussen verstopften Straßen mit ihren zahllosen Coffeeshops, kleinen Lokalen, Wettannahmestellen und Zeitungsverkäufern; auch das Betjeman Arms, das Postamt und die Volkshochschule gab es nicht mehr. In der Ferne waren auch nicht mehr die imposanten Gebäude der einst weltbeherrschenden Metropole London zu sehen - oder ihre dichten Ansammlungen von Stadtteilen und Einkaufsvierteln, die durch große Straßen für den Durchgangsverkehr und durch vierspurige Autobahnen miteinander verbunden wurden.

Alles Vertraute, das für Kit als reale, konkrete Wirklichkeit mit absoluter Gewissheit existiert hatte, hatte sich in Luft aufgelöst. Und damit hatte auch sein eigenes Realitätsempfinden, gemäß dem handfeste Dinge unzweifelhaft existent waren, jegliche Sicherheit verloren. Die bekannte Umgebung war durch ein malerisches Küstenpanorama ersetzt worden, das so bezaubernd, so aufrüttelnd, so idyllisch und so anziehend aussah, dass es ein Gemälde in der Londoner Nationalgalerie hätte sein können. Dann aber traf ihn der Gestank - die strengen Ausdünstungen von Fischeingeweiden, verfaulendem Gemüse und von Teer. Ihm wurde ganz schummrig im Kopf, und er hatte ein flaues Gefühl im Magen.

Hastig drehte Kit sich um und sah, dass die Gasse immer noch existierte, immer noch schmal war und immer noch gerade verlief. Ihr Ende allerdings lag in dunklen Schatten verborgen, als ob dort ein schreckliches Geheimnis verdeckt werden sollte.

»Wo …?«, fragte Kit und schluckte schwer. »Wo sind wir?«

»Du brauchst nicht zu sprechen, bevor du nicht dazu bereit bist.«

Kit wandte sich erneut um und richtete seinen erstaunten Blick auf das geschäftige Treiben vor ihm: das große Schiff, die muskulösen Hafenarbeiter, die Fischer in ihren Schlapphüten aus Filz, die Fischverkäuferinnen in ihren Holzschuhen und Kopftüchern. Verzweifelt bemühte er sich, mit dem Verstand zu verarbeiten, was seine Augen erblickten. Angesichts der schockierenden Veränderung der Realität suchte er Halt in äußerer Gelassenheit: »Was ist mit King's Cross passiert?«

»Alles zu seiner Zeit, mein lieber Junge. Kannst du gehen? Vielleicht sollten wir den Kaffee vergessen und stattdessen einen Drink nehmen. Hast du Lust auf ein Pint?«

Kit nickte.

»Es ist nicht allzu weit«, teilte der alte Gentleman ihm mit. »Hier entlang.«

Kit versuchte, sein aus der Fassung geratenes Ich in den Griff zu bekommen, und folgte seinem Führer in Richtung Hafen. Er hatte das Gefühl, als wollten die Beine ihm nicht mehr richtig gehorchen oder als wären sie nur geborgt und gar nicht mehr seine eigenen. Bei jedem seiner plumpen Schritte schien der Uferweg ins Schlingern zu geraten und sich zu verändern.

»Du kriegst das wunderbar hin. Als es mir zum ersten Mal passiert ist, konnte ich noch nicht einmal aufrecht stehen.«

Sie gingen an einer Reihe von winzigen Läden, Bootshäusern und einfachen Behausungen vorbei. Kit wurde schwindlig bei dem Versuch, alle Sinneseindrücke gleichzeitig zu verarbeiten. Als sie sich von dem übel riechenden Weg entfernten, wurde die Luft sauberer, obwohl sie immer noch von den Gerüchen des Meeres erfüllt war: Es roch nach Fisch und Seetang, nach nassem Hanf, Salz und Gestein.

»Um deine vorhergehende Frage zu beantworten«, nahm der Alte den Faden wieder auf, »dieser Ort wird Sefton-on-Sea genannt.«

Nach dem zu urteilen, was Kit sah, schien das Städtchen eine jener vergessenen Küstensiedlungen zu sein, in denen die Zeit stehen geblieben war, weil irgendein Gemeinderat beschlossen hatte, aus dem Fremdenverkehr Kapital zu schlagen. Oder vielleicht eher eine Ortschaft, die von der Zeit vergessen worden war. Sefton-on-Sea wirkte auf eine authentische Weise antiquierter und malerischer als jedes Fischerdorf an der Westküste, das Kit je zu Gesicht bekommen hatte. Wie ein Freizeitpark mit nachgestellten Szenerien, der alle anderen seiner Art in den Schatten stellte.

»Wir sind da«, sagte der alte Mann. »Folge mir! Wir beide werden uns einen Drink genehmigen und uns gegenseitig besser kennenlernen.«

Kit schaute sich um und stellte fest, dass sie vor dem Eingang eines echten Backsteinhauses standen, an dem ein bemaltes Holzschild mit der Aufschrift Old Ship Inn hing. Er ließ sich durch die Tür führen und betrat einen dunklen Raum mit niedriger Decke, einigen wenigen Tischen und Bänken sowie einer Bar mit Blechauflage. Ein paar Eingänge zu Nebenräumen waren zu erkennen. Der Pub wurde von einer stämmigen jungen Frau geleitet, die eine Haube aus schlichtem Leinen und eine lange weiße Schürze voller Bierflecken trug - eine wahrhaft überzeugende Kostümierung. Sie begrüßte die beiden Gäste mit einem Lächeln. In dem Raum befand sich sonst niemand.

»Zwei Pints von deinem Besten, Molly!«, rief der alte Mann und führte seinen fügsamen Begleiter zu einem Stuhl in der Ecke. »Setz dich, mein Junge. Wir werden dir jetzt etwas Bier einflößen. Danach fängst du an, dich mehr wie du selbst zu fühlen.«

»Kommst du öfters hierher?«, fragte Kit und zwang sich dabei, seine Stimme etwas unbeschwerter zu lassen. Oder versuchte es zumindest.

»Wann immer ich hier in der Gegend bin … sozusagen.«

»Und diese Gegend hier ist wo? In Cornwall? Pembrokeshire?«

»Sozusagen.«

Die Bedienung erschien und trug zwei bis zum Rand gefüllte Zinnkrüge herbei, die sie auf den Tisch stellte.

»Danke, Molly«, sagte der Alte. »Hast du etwas zu essen da? Vielleicht etwas Brot und Käse?«

»Hinten bei uns gibt's noch Käse, un' ich kann wegen dem Brot zum Bäcker geh'n, wenn Ihr dat möchtet.«

»Würdest du das bitte tun? Dann bekommst du auch einen Penny zusätzlich. Bist ein braves Mädchen.«

Die junge Frau schlurfte davon.

Der weißhaarige Gentleman hob seinen Krug und sprach: »Auf zwielichtige Abenteuer mit anrüchigen Verwandten!«

Kit gelang es nicht, den Witz in diesem Trinkspruch zu erkennen, doch er freute sich über das Getränk. Er nahm einen kräftigen Schluck, füllte seinen Mund mit dem blumig-süßen Ale und ließ es die Kehle hinuntergleiten. Der Geschmack war auf beruhigende Weise vertraut, und nach einem weiteren Schluck fühlte es sich noch besser an.

»Wir sollten mit dem Anfang beginnen, nicht wahr?«, sagte der alte Mann und setzte seinen Krug ab. »Nun denn.« Er zeichnete mit seinen Zeigefingern ein unsichtbares Viereck auf die Tischplatte: »Was weißt du über die alten Spuren, die sich schnurgerade durch das Land ziehen?«

Kit hatte keine Ahnung, was der Alte meinte. »Na ja, so was ist wohl unübersehbar, oder?«, versuchte er Zeit zu gewinnen.

»Gut«, befand sein Urgroßvater. »Vielleicht war ja deine Erziehung doch nicht völlig nutzlos.« Erneut zeichnete er das Viereck. »Diese Pfade sind wie Trassen und bilden etwas, das man Weichen zwischen den Welten nennen könnte, und als solche -«

»Warte einen Moment!«, unterbrach ihn Kit. »Trassen und Weichen … Sprechen wir vielleicht über Züge?«

»Züge!« Der Alte richtete sich auf. »Auch, du gütiger Himmel! Es hat nichts mit diesen Rauch ausstoßenden Ungetümen zu tun.«

»Oh.«

»Ich spreche von dem Alten Geraden Pfad - von jungsteinzeitlichen Wegen. Kurz gesagt, ich spreche über Ley-Linien.« Er beobachtete genau den Gesichtsausdruck des jungen Mannes. »Darf ich annehmen, dass du noch nie etwas davon gehört hast?«

»Äh … nicht so genau«, erwiderte Kit ausweichend.

»Noch kein einziges Mal«, widersprach der Alte.

»Nein«, gestand Kit.

»Ach du meine Güte! Du meine Güte!« Der alte Mann betrachtete ihn mit einem missfälligen Blick. »Du hättest dich wirklich deinen Studien widmen sollen, junger Cosimo.«

Kit trank noch etwas mehr; mit jedem Schlückchen lebte er ein wenig mehr auf. »Also, was sind denn nun diese Leitlinien?«

Der alte Mann zog in dem unsichtbaren Quadrat eine gerade diagonale Linie. »Eine Ley-Linie«, er redete nun ganz langsam, so wie man vielleicht zu einem Hund oder begriffsstutzigem Kind sprechen würde, »ist etwas, das auch als Kraftfeld oder als Spur tellurischer Energie bezeichnet werden könnte. Es gibt Hunderte von ihnen, vielleicht sogar Tausende, und zwar überall in Großbritannien. Schon seit der Steinzeit. Ich dachte, du könntest schon einmal auf so etwas gestoßen sein.«

Kit schüttelte seinen Kopf.

»Die frühen Menschen erkannten diese Linien der Kraft und markierten sie in der Landschaft … nun ja … durch alles Mögliche: Stehende Steine - sogenannte Megalithen oder Menhire -, Gräben, Erdaufschüttungen, kleine Hügel, heilige Brunnen und derlei Dinge. Später dann durch Kirchen, Marktkreuze, Wegkreuzungen und was weiß ich nicht alles …«

»He, warte einen Moment«, unterbrach ihn Kit. »Ich glaube, ich weiß jetzt, wovon du sprichst. Da gibt es so Leute, die an öffentlichen Feiertagen draußen in Wiltshire mit Zauberstäben und Tamburinen um uralte Steinblöcke herumlatschen, mit ihrem Singsang die Erdgöttin verehren und -« Plötzlich bemerkte er, dass der alte Mann ihn finster anblickte. »Doch nicht?«

»Noch nicht einmal annähernd. Diese armen, verblendeten Tölpel, die solchen neuheidnischen Quatsch daherfaseln, sind zu bemitleiden. Nein …« Nachdrücklich schüttelte er den Kopf. »Wir sprechen nicht von irgendwelchem okkultistischen Unsinn, sondern von Wissenschaft - ungefähr in der Art von: ›Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt …‹« Ein Leuchten trat in seine Augen, das ein wenig an das eines Wahnsinnigen erinnerte. »Wahrheit, mein lieber Junge. Wissenschaft!«

»K-korrekt«, stimmte Kit ihm zu, doch seine Stimme verriet seinen Argwohn. »Ich dachte, du hättest gesagt, es gehe um irgendeine Art von Kreuzungen zwischen den Welten.«

»Genau«, erwiderte sein Urgroßvater. »Weißt du, dieses Universum, das wir bevölkern, besteht aus unzähligen Galaxien - unzählig im Sinne des Wortes. Und das ist nur ein Universum.«

»Es gibt noch mehr?«

»O ja … Möglicherweise. Vielleicht. Wir sind uns dessen nicht sicher.«

»Wir?«

»Die Quästoren. Aber was das bedeutet, soll dir jetzt egal sein; ich werde später darauf zurückkommen.« Der alte Mann schlug mit der Hand durch die Luft, als ob er so den Begriff beiseiteschieben wollte. »Nun denn - wo waren wir stehen geblieben?«

»Unzählige Galaxien«, antwortete Kit, der in seinen Krug starrte. Falls er auch nur einen Augenblick lang die Möglichkeit als denkbar empfand, dass er sich in einem netten Pub mit einem leutseligen alten Mann unterhielt, der nach realistischer Berechnung weit über hundertfünfundzwanzig Jahre alt sein musste … Der rationale Gedanke löste sich in Luft auf und wurde durch eine ständig anschwellende Angst verdrängt. Und dieses Gefühl basierte nicht nur auf den absonderlichen, verrückten Abschweifungen des alten Knackers. Was Kit zum Schwitzen brachte, war etwas anderes: Trotz allem konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass ihm hier ein Geheimnis offenbart wurde, welches er aus innerem Empfinden als wahr erkannte. Doch zugleich sagte ihm sein Instinkt, es würde weitaus einfacher und vor allem viel sicherer sein, wenn er dieses Geheimnis ignorierte - umso mehr, als er den starken Verdacht hegte, dass diese Wahrheit sein Leben von Grund auf verändern würde.

Andererseits war ihm bewusst, dass Cosimo vorhin mit seinen Ausführungen richtig gelegen hatte: Er, Kit, war nichts anderes als ein gestresster Arbeitsesel in einem Großraumbüro, ein untergeordnetes Rädchen in der tristen Maschinerie eines drittklassigen Unternehmens - jemand, den man einfach übersah, den keiner mochte und der bei dem großen Karrierespiel bereits aus dem Rennen war. Und wie hatte der Alte es noch gesagt? Er, Kit, war ein einsamer Junggeselle mit dem Liebesleben eines Gartenzwergs. Was hatte er also zu verlieren?

Kit löste sich von seinen grüblerischen Gedanken. »Nichts für ungut - aber wenn du wirklich mein Urgroßvater bist, warum bist du dann nicht schon längst tot?«

»Ich vermute, die einfachste Erklärung besteht darin, dass all das Hin- und Hereilen zwischen den Welten seltsame Auswirkungen auf den Alterungsprozess hat. Ley-Reisen scheinen das Altern in irgendeiner Weise zu hemmen.«

»Oh.«

»Können wir nun fortfahren?« Der alte Mann tauchte eine Fingerspitze in eine kleine Bierlache und zeichnete einen großen Kreis auf der Tischplatte. »Das sichtbare Universum mit seinen zahlreichen Galaxien füllt eine Dimension unserer gewöhnlichen Realität aus. Aber es gibt noch andere Dimensionen - viele sogar.«

»Wie viele?«

»Unmöglich zu sagen. Aber jede Dimension hat ihre eigenen Welten und Galaxien und so weiter. Und wir wissen, dass diese Dimensionen in Kontakt miteinander stehen. Sie berühren sich. Sie durchdringen sich gegenseitig. Und dort, wo eine Dimension eine andere berührt oder durch sie hindurchgeht, bildet sich in der Landschaft eine Kraftlinie.« Er schaute auf und sah, dass er mit seiner Erklärung auf totales Unverständnis traf. »Hast du jemals mit Seifenblasen im Bad gespielt?«

»Äh … schon mal.«

»Nun, du kannst dir diese verschiedenen Dimensionen als Anhäufungen von Seifenblasen vorstellen. Dort, wo eine Blase eine andere berührt oder in sie eindringt, bildet sich eine Linie. Das stimmt wirklich - schau es dir beim nächsten Mal genau an.«

»Ich werde versuchen, mich beim nächsten Bad daran zu erinnern.«

»Wenn also jede Seifenblase eine Dimension wäre, könntest du dich entlang jener Linie von einer zur anderen bewegen.«

»Entlang einer Ley-Linie.«

»Genau.« Sein Urgroßvater lächelte. »Ich habe gewusst, dass du es verstehen würdest.«

»Verstehen wäre zu viel gesagt.«

»Du und ich, wir sind auf eine Art und Weise gereist, die noch zu erklären ist. Über eine Ley-Linie sind wir von einer Welt - oder Dimension - zur anderen gewandert.«

»Stane Way«, mutmaßte Kit, der begann, einen winzigen Teil von dem zu begreifen, was der alte Bursche erzählte. »Diese Gasse war eine Ley-Linie?«

»War und ist.« Der Alte lächelte triumphierend. »›Stane‹ - eine Ableitung des altenglischen Wortes für ›Stein‹ - ist buchstäblich der ›Steinweg‹: benannt nach der Reihe von Megalithen, die in einem früheren Zeitalter den Pfad markierten. Inzwischen sind die Steine verschwunden, aber der Weg ist immer noch da.«

Kit nahm einen weiteren Schluck aus dem Krug. Durch das Bier wurde er langsam mutig, sodass er es nun wagte zu widersprechen. »Sei's drum. Nehmen wir einmal an, dass alles, was du sagst, auf eine seltsame Weise wahr ist: Wie konnte es dann geschehen, dass eine solch gewaltige Entdeckung von keinem einzigen angesehenen Wissenschaftler bemerkt worden ist?«

»Aber sie ist keinesfalls unbemerkt geblieben«, entgegnete der alte Gentleman. »Die Menschen wissen davon seit -«

»Der Steinzeit. Ja, das hast du schon gesagt. Aber wenn es schon so lange bekannt ist, wieso macht man denn ein Geheimnis daraus?«

»Es ist von niemandem als Geheimnis bewahrt worden. Es ist so uralt, dass die Menschen es bei ihrer überstürzten Hast in die Modernität und den Fortschritt einfach vergessen haben. Es wurde aus dem Reich der Wissenschaft in das Reich der Folklore abgeschoben, könnte man sagen, sodass es nun eher eine Sache des Glaubens ist. Das heißt, manche Leute glauben an Ley-Linien, und manche eben nicht.«

»Die meisten glauben nicht an so etwas«, erwiderte Kit.

»Das ist wohl wahr«, pflichtete der alte Mann ihm bei und schaute auf, da Molly gerade eintrat. Sie erschien mit einem Holzteller, auf dem ein Haufen Schwarzbrotscheiben und ein paar Stücke hellgelber Käse lagen. »Danke schön, meine Gute.« Er nahm den Teller und bot ihn seinem Urenkel an. »Hier, schieb dir etwas davon zwischen die Kiemen. Es wird dein inneres Gleichgewicht wiederherstellen.«

»Danke.« Kit nahm eine Scheibe Brot sowie ein Stück bröckligen Käse. »Was wolltest du noch sagen?«

»Denk an die Pyramiden, Cosimo. Fantastische Werke - sie zählen zu den beeindruckendsten architektonischen Meisterstücken in der Weltgeschichte. Warst du jemals dort? Nein? Du solltest sie dir eines Tages ansehen. Eine erstaunliche Leistung! Selbst mit den heute zur Verfügung stehenden Kränen und Hydraulik- und Erdbaumaschinen wäre es ein Jahrhundertwerk, solche Bauten zu errichten. Aber mit den technologischen Möglichkeiten der alten Ägypter? Völlig unmöglich - meinst du nicht auch?«

»Klingt jedenfalls so.« Kit zuckte mit den Schultern. »Worauf willst du hinaus?«

»Der Punkt ist, mein lieber Junge, dass es sie tatsächlich gibt! Obwohl niemand heute noch weiß, wie man sie erbaut hat, und obwohl die Methoden ihrer Konstruktion, die einst weit verbreitete Kenntnisse waren, mit der Zeit verloren gegangen sind, sind die Pyramiden da. Sie stehen einfach in der Landschaft, vor aller Augen. Und genau so ist es mit den Ley-Linien. Sie waren tot und vollkommen vergessen wie die Menschen, die sie einst markiert und genutzt hatten - bis sie in neuerer Zeit wiederentdeckt wurden. Doch genau genommen sind die Ley-Linien viele Male wiederentdeckt worden. Alfred Watkins war nur ihr letzter Entdecker.«

»Alfred wer?«

»Watkins. Der gute Alf war ursprünglich Fotograf, und zwar kein schlechter. Hatte ein Auge für Landschaften. In den Anfangstagen des Fotografierens reiste er zu Pferde herum und schoss mit seiner Kamera Bilder: blubbernde Moore, in Nebel gehüllte Berge und ähnliche Motive. Das half ihm gewaltig bei seiner Entdeckung.« Der alte Mann biss ein Stück Käse ab und fuhr dann fort: »Er machte eine detaillierte Untersuchung über Ley-Linien und veröffentlichte ein Buch darüber.«

»Ich verstehe«, meinte Kit. »Aber wie dem auch sei - ich kann nicht erkennen, was all das mit mir zu tun hat.«

»Ach ja, darauf wollte ich gleich kommen, junger Cosimo.«

»Und das ist noch so eine Sache«, beschwerte sich der junge Mann. »Schon einige Male hast du mich Cosimo genannt.«

»Cosimo Christopher Livingstone - ist das nicht dein Name?«

»Zufällig ja. Aber ich ziehe es vor, Kit genannt zu werden.«

»Die Kurzform von Christopher. Ich verstehe.«

»Ich weiß zwar nicht, wie es bei dir war, aber wo ich zur Schule gegangen bin, hat ein jeder, der mit einem Namen wie Cosimo herumgelaufen ist, quasi darum gebeten, ihm den Kopf in eine Kloschüssel zu stecken.«

»Schade!«, schnaubte der alte Gentleman. »Wirklich traurig. Namen sind schließlich sehr wichtig.«

»Es ist sicher nur eine Frage des Geschmacks.«

»Das ist es keineswegs«, erwiderte der ältere Cosimo. »Die Leute benennen einfach sämtliche Arten von Dingen, ohne viel darüber nachzudenken - das gebe ich zu. Eine aktuelle Laune, pure Unwissenheit oder eine plötzliche Eingebung, all das mag dabei eine Rolle spielen. Aber wenn irgendjemand ahnen würde, von welcher gewaltigen Bedeutung die Namengebung einst gewesen war, nähme man diesen Vorgang sehr viel ernster. Hast du gewusst, dass es Stämme im Dschungel von Borneo gibt, die sich weigern, einem Kind einen Namen zu geben, bevor es vier Jahre alt geworden ist? Verstehst du? Ein Kind muss sich weit genug entwickelt haben, um die Eigenschaften zu zeigen, durch die es sich auch als Erwachsener auszeichnen wird. Dann wird das Kind nach diesen Merkmalen benannt. Das ist eine Methode, um wünschenswerte Charaktereigenschaften zu verstärken und sicherzustellen, dass sie im Stamm nicht verloren gehen.«

»Aber … Cosimo?«

»Ein schöner Name. Daran ist nichts verkehrt.« Der alte Mann musterte seinen jungen Verwandten mit ernstem Blick. »Nun, ich nehme an, dass du nicht ganz unrecht hast.«

»Wirklich?«

»Schließlich können wir nicht beide Cosimo genannt werden. Da wir zwei von nun an sehr viel Zeit miteinander verbringen werden, würde es alles viel zu mühsam und verwirrend machen.« Er klopfte mit den Fingerspitzen auf den Tisch. »Also gut dann - bleiben wir bei Kit.«

Obgleich er den Grund dafür nicht zu nennen vermochte, fühlte Kit sich ein wenig erleichtert, dass er in diesem Punkt die Oberhand behalten hatte. »Du hast mir immer noch nicht gesagt, was all das mit mir zu tun hat.«

»Man könnte sagen, es handelt sich um eine Familienangelegenheit. Hier bin ich - dein lieber Ur-Opa.« Der alte Mann blinzelte Kit zu und lächelte entwaffnend. »Und ich brauche deine Hilfe bei einem Projekt, an dem ich bereits seit längerer Zeit arbeite. Du bist das Einzige an Familie, was mir geblieben ist.«

Kit dachte darüber nach. Trotz allem konnte er immer noch kaum glauben, dass es auch nur eine rudimentäre familiäre Verbindung zwischen ihm und diesem Relikt aus der Vergangenheit gab, das ihm am Tisch gegenübersaß. Sein Gesichtsausdruck verriet seinen Zweifel.

Der alte Mann beugte sich nach vorne und umfasste Kits Hände.

»Du musst eines begreifen, junger Cosimo …«, flüsterte er mit ernster Stimme, die heiser und eindringlich klang. »Entschuldigung … Kit. Es wird das Abenteuer deines Lebens sein - ein Abenteuer für mehr als ein Leben. Und es wird dich für immer verändern.« Der alte Gentleman schwieg kurz; immer noch hielt er die Hände des Jüngeren und starrte ihn mit fiebrigem Blick an. »Ich brauche dich, mein Junge. Und ich habe mir sehr viel Mühe gemacht, um dich zu finden. Nun, was sagst du dazu?«

»Nein.« Kit schüttelte den Kopf, als ob er gerade aus einem Traum erwachen würde. Er befreite seine Hände aus der Umklammerung, fuhr sich mit ihnen durch die Haare und packte seinen Krug. »Das ist verrückt. Es muss sich um irgendeine Art von Halluzination handeln - ja, genau das ist es. Bring mich zurück. Ich will nach Hause.«

Der ältere Cosimo seufzte. »Also gut - wenn es das ist, was du wünschst.«

Kit atmete erleichtert auf. »Du meinst es wirklich ernst?«

»Natürlich, mein lieber Junge. Ich werde dich zurückbringen.«

»Schön.«

»Es gibt nur etwas Seltsames an dieser Geschichte: Ich denke, du wirst herausfinden, dass es kein Zurück gibt, sondern immer nur ein Weiter. Trotzdem - wenn es das ist, was du möchtest. Trink aus, und dann lass uns gehen.«

Kit schob seinen Krug zur Seite und stand auf. »Ich bin bereit.«

Der alte Mann erhob sich, wühlte in seiner Manteltasche und holte zwei Münzen daraus hervor. Er schnipste sie dem Mädchen zu, das sie bedient hatte, und versprach, wieder hier einzukehren, wenn er das nächste Mal vorbeikomme.

Sie gingen hinaus und spazierten wieder durch das Hafengelände. Schließlich kamen sie zu der schmalen Gasse, die hier zwischen zwei Lagerhäusern endete.

»Wir sind da«, sagte der ältere Cosimo. »Du brauchst nur den Weg entlangzugehen, und im Nu wirst du zu Hause sein.«

»Danke.« Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, begann Kit, die Gasse entlangzulaufen.

Als er in den Schatten zwischen den beiden großen Gebäuden eilte, hörte er, wie der alte Gentleman hinter ihm herrief: »Wenn du deine Meinung ändern solltest, weißt du ja, wo du mich finden kannst.«

Nein, danke, fuhr es Kit durch den Kopf, während er weiter durch die enge Gasse hastete. Er warf einen Blick über die Schulter und sah, dass der Eingang bereits weit weg war und im Dunklen lag. Ein böiger Wind wehte durch die schmale Häuserschlucht, und die Schatten wurden immer düsterer. Am Himmel zogen urplötzlich Wolken auf, und es begann zu regnen; zudem fielen spitze, stechende, kleine Hagelkörner wie Geschosse von oben herab.

Über den Geräuschen des sich rasch zusammenbrauenden Sturms vernahm Kit die weit entfernte und doch klare Stimme seines Urgroßvaters: »Lebe wohl, mein Junge. Bis wir uns wiedersehen!«

DRITTES KAPITEL

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Nass bis auf die Haut und vollkommen desorientiert tauchte Kit aus dem Stane Way auf. Er hatte das Gefühl, als hätte er gerade einen kleinen Ausflug durch eine Autowaschanlage gemacht - allerdings ohne in einem Fahrzeug zu sitzen. Während er sich das Wasser aus dem Gesicht wischte, stolperte er vorwärts und wäre beinahe mit einer jungen Mutter zusammengestoßen, die einen Kinderwagen vor sich herschob. »Tut mir leid!«, sprudelte es aus ihm heraus. Die Frau funkelte ihn zornig an, als er unverzüglich weiterhastete.

Kit blickte sich um: Die Bürgersteige waren von großen Gebäuden gesäumt, und der Verkehr wälzte sich durch die Straße. Er war zurück.

Erleichterung durchfuhr ihn. Es hat funktioniert, dachte er. Ich bin wieder zu Hause!

Ohne Vorwarnung wurde ihm plötzlich übel, und der Inhalt seines Magens wurde nach oben gepresst. Rasch hielt er sich die Hand vor den Mund, taumelte zum nächsten Rinnstein und übergab sich.

»Wie widerlich«, murmelte ein Mädchen im Teenageralter, das in diesem Moment an ihm vorbeistolzierte. Sie und ihr Freund machten einen großen Bogen um ihn. »Werd endlich erwachsen, Ekelpaket!«

Ich versucht, sagte sich Kit im Stillen. Er spie noch einmal aus und wischte sich anschließend den Mund mit dem Ärmel ab. Das Gefühl, seekrank zu sein, ließ allmählich nach. Er schickte sich an, auf wackligen Beinen zu seiner Wohnung zurückzukehren, um seine Kleidung zu wechseln. Doch auf halber Strecke gab er seinen Plan auf. Er drehte sich um und ging nun Richtung Clapton, wo Mina auf ihn wartete. Seine Kleidung würde auf dem Weg dorthin trocken werden.

Während er so bei normalem Tageslicht durch vertraute Straßen eilte, war es ihm beinahe möglich, sich selbst einzureden, dass die ganze Serie von unwirklichen Geschehnissen eher durch irgendeine Form von eigenartigem Wahn hervorgerufen worden war als durch reale Sachverhalte. War die Fremdartigkeit des Erlebten nicht etwas gewesen, das genau den absonderlichen Eigenschaften eines Traumes entsprach? Das stimmt wirklich, redete er sich ein. Und war es nicht allgemein bekannt, dass Halluzinationen oftmals außerordentlich lebendig wirkten? Offensichtlich war der ganze Vorfall eine Halluzination, die durch eine starke Unzufriedenheit verursacht worden war - ausgelöst durch Erschöpfung und angetrieben von Gefühlen der Frustration. Und trotzdem …

Und trotzdem besaßen die Geschehnisse nicht die surreale, halluzinatorische Qualität eines Traumes. Der Boden an jenem Ort hatte sich unter seinen Füßen völlig fest angefühlt; die Sonnenstrahlen, die Kit auf seinem Gesicht gespürt hatte, waren so warm wie immer gewesen und die Gerüche in der Luft typisch für die See. Dies und alles andere hatte er als so real empfunden wie die Welt, die er sonst im Wachzustand erlebte - als so fest und wirklich wie das Pflaster des Londoner Bürgersteigs, über das er gerade ging. Was von dem, das er erlebt hatte, ähnelte einem Traum?

Aber was sonst könnte es gewesen sein? Kit hatte über Alternativwelten und Ähnliches gelesen. Aber waren das nicht bloß überspitzte Spekulationen von theoretischen Physikern, die zu viel Zeit besaßen und zu viele öffentliche Fördermittel erhielten? Jedenfalls konnten Menschen nicht so einfach, wie es ihnen gefiel, unvermittelt an einem Ort verschwinden, plötzlich an einem anderen auftauchen und jederzeit ebenso rasch wieder zurückkehren. Nein, es musste irgendeine Art von Geistesverwirrung gewesen sein - zugegebenermaßen in einer extremen Form. Vielleicht eine Hysterie. Oder waren es die Folgen einer Hypnose? Möglicherweise hatte der alte Cosimo ihn hypnotisiert und ihn dazu gebracht, sich das Städtchen an der Küste und alles andere auch vorzustellen. Als Kit dies bedachte, drängte sich eine andere, düstere Aussicht in seine Überlegungen: Bin ich vielleicht schizophren?

Zunächst weigerte sich Kit, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Nichtsdestoweniger war er gezwungen, sich einzugestehen, dass Leute, die unter einer derartigen psychischen Störung litten, oft Menschen sahen, die in Wirklichkeit gar nicht anwesend waren, und sich sogar mit ihnen unterhielten. Zudem hatten diese Geistesgestörten große Schwierigkeiten, ihre Umwelt zu erkennen. Auch war es eine Tatsache, dass die Schizophrenie häufig bei jungen Männern seines Alters erstmals zutage trat - und das ohne jede Vorwarnung. Die Folgen waren genau jene Arten von Dislokation und Orientierungsstörung, die er erfahren hatte.

Doch welche Erklärung auch zutreffen mochte: Je weniger er über diese sogenannten Reisen erzählte, umso besser. Er würde sich dabei nur den Mund verbrennen. So viel war klar. Er würde, so schwor er sich, eher unter der Folter sterben - mit roten, heißen Schürhaken in den Augen -, als irgendjemandem offenbaren, was er erlebt hatte.

Als Kit die nächste U-Bahn-Station erreichte, wischte er seine Oyster card über das Lesegerät vor der Eingangsschranke und erhielt abermals die gefürchtete Anzeige WENDEN SIE SICH AN DIE AUFSICHT. Anstatt sein vorheriges Abenteuer zu wiederholen, erstand er pflichtgemäß aus einem der Ticketautomaten eine Fahrkarte. Mit ihr kam er durch die Eingangsschranke und eilte dann die Stufen zum Bahnsteig hinunter. Nachdem der Zug hereingerauscht war, stieg Kit ein und suchte sich einen Platz.

Die anschließende Fahrt nach Clapton verlief ereignislos. Er stieg aus und ging geradewegs zu Wilhelminas Wohnung. Inzwischen hatte er den festen Entschluss gefasst, das ganze seltsame Zwischenspiel hinter sich zu lassen und es zu vergessen. Niemals in seinem gesamten Leben würde er gegenüber einem anderen Menschen auch nur mit einem einzigen Wort andeuten, was ihm vorhin geschehen war. Während des ganzen Weges zum Hochhaus-Wohnsilo seiner Freundin und zu ihrer Eingangstür hatte er diesen Entschluss im Kopf.

Er klopfte an.

Ein Klicken war zu hören, dann schwang die Tür auf. »Gibt es dich auch noch?«

»Was? Kein Kuss? Kein fröhlicher Gruß?«

Wilhelmina runzelte die Stirn. Dann gab sie ihm einen sehr flüchtigen, trockenen Kuss auf die Wange. »Trotzdem - warum kommst du so spät?«

»Ja, tut mir leid. Ich hatte diesen -« Er hielt abrupt inne und dachte kurz nach. »Ich meine, meine Oyster card war leer, und so musste ich zu Fuß gehen.«

»Und dafür hast du acht Stunden gebraucht?«

»Hä?«, stieß er verblüfft aus. »Nein, nicht wirklich.«

Sie gab den Eingang frei. Kit trat ein und streifte seine klammen Schuhe ab. Ihre Wohnung war für Londoner Verhältnisse ziemlich geräumig und so sauber wie das Behandlungszimmer einer Dentalhygienikerin - und beinahe auch genauso kalt. Wilhelmina war absolut sauber und ordentlich: Das verdankte sie möglicherweise der Tatsache, dass sie wirklich einmal Dentalhygienikerin gewesen war. Allerdings hatte sie diesen Beruf nur kurz ausgeübt - sie war dabei einfach mit zu vielen Leuten und zu vielen Mündern in Kontakt gekommen. Daher hatte sie ihren Job aufgegeben, um Bäckerin zu werden.

Somit füllte sie immer noch die Münder der Leute, allerdings in einer ganz anderen und für sie sehr viel befriedigenderen Weise.

Als Kit zuschaute, wie sie sich wieder auf ihrem großen blauen Sofa zusammenkrümmte, das ihr ständiges Nest darstellte, sagte er sich zum wiederholten Male, dass er sich bei der erstbesten Gelegenheit eine bessere Freundin an Land ziehen müsse. Mina war mit einer schwarzen Schlabberhose und einem gleichfarbigen Rollkragenpulli bekleidet; dazu trug sie wie immer den schrecklichen, schäbigen, handgestrickten lilafarbenen Schal, und ihre Füße hatte sie in schaflederne Stiefel mit flachen Absätzen gesteckt - ein Outfit, in dem sie wie eine Doppelgängerin der anämischen Tochter eines Leichenbestatters aussah. Warum, fragte er sich, musste sie so schmucklos und herb aussehen? Was war mit ihrem Lebensschwung geschehen? Wenn er die Eigenschaften aufzählte, die er sich bei einer Freundin wünschte, standen Schwung und Elan, Lebensfreude, Leidenschaftlichkeit und Intelligenz ganz oben auf der Liste. Wilhelminas Vorstellung von Begeisterung bestand in einer Extrabeigabe von Sultaninen in den Zimthefeschnecken. Ihr Verstand mochte ja scharf genug sein - falls es jemand schaffte, sie lange genug wachzuhalten, um ihr eine intelligente Konversation zu entlocken.

Ihr Job bei Giovanni's Rustic Italian Bakery - »Unsere Spezialität: Handwerkerbrote« - brachte es mit sich, dass sie jeden Werktag schon in den frühen Morgenstunden aufstand. Denn sie musste um vier Uhr bei der Arbeit sein, um die Backöfen zu heizen und den ersten Teig des Tages zu mischen. Mittags direkt nach eins beendete sie ihre Arbeit, abends um sechs war sie vollkommen erschöpft, und gegen acht schlief sie in der Regel bereits tief und fest. All das bedeutete: Wenn man mit ihr zusammen war, war sie entweder gerade dabei zu gähnen, ein Gähnen zu unterdrücken, oder sie hatte soeben gegähnt. Wäre Schlafen eine olympische Disziplin, würde Wilhelmina Klug dem britischen Olympia-Team angehören.

Ihre Augenlider hingen herab - ebenso wie ihre Schultern. Wie viele groß gewachsene Mädchen hatte sie eine nach vorn gebeugte Haltung mit runden Schultern entwickelt, die sich mit der Zeit zu einem Witwenbuckel ausbilden würde. Bei Wilhelmina allerdings, für die eine Ehe sehr weit entfernt zu sein schien, würde es ein Junggesellinnenbuckel sein.

Alles an ihr zog sich zurück. Selbst ihr Kinn wich zurück.

Ihr Haar erinnerte an das einer Maus - sowohl von der Farbe als auch von der Beschaffenheit her: Es war sehr dünn, blank gewetzt und ein wenig struppig. Zudem trug sie es auf eine geradezu aggressive Weise kurz. Umso besser könne man es vom Teig fern halten, behauptete sie; doch die Frisur war alles andere als schmeichelhaft. Sie hatte große, dunkle Augen, die vielleicht, für sich genommen, hübsch gewesen wären, wenn es nicht die dazu passenden großen, dunklen Augenringe gegeben hätte.

Wilhelmina war kein guter Fang. Einer von Kits Kollegen, der an einem der seltenen gemeinsamen Abende mit dem unglücklichen Paar zusammen gewesen war, hatte es anschließend so formuliert: »Mit Blick auf Wärme und Zuneigung, mein Freund, wärst du mit einem Paar Frettchen und einer Wärmflasche besser dran.«

Kit konnte ihm nicht widersprechen.

Aber bis etwas Besseres vorbeikommen würde, war sie seine Freundin. Und trotz ihrer vielen offensichtlichen Fehler und trotz seines ständig neu gefassten Entschlusses, sich nach einer besseren Partnerin umzusehen, kreuzte er unerklärlicherweise immer wieder vor ihrer Wohnungstür auf. Es war, als ob seine Füße ein eigenes Bewusstsein hätten und nicht allzu wählerisch dabei wären, unter wessen Tisch sie sich abstellten.

»Ja, was denn nun?«, fragte sie.

»'tschuldigung? Hab ich was verpasst?«

»Schon vergessen, du Blödmann? Du hattest mir versprochen, heute Morgen mit mir einkaufen zu gehen. Du wolltest mir helfen, Vorhänge für das Bad auszusuchen.«

»Nun, hier bin ich. Lass uns losgehen.«

»Ist das ein lahmer Versuch von dir, witzig zu sein?«

»Sonntagmorgen - und das Geschäft, zu dem du gehen willst, ist John Lewis, nicht wahr? Also, lass uns aufbrechen und ein paar Vorhänge aussuchen.«

»Jetzt verarschst du mich, oder? Du weißt nämlich ganz genau, dass sie sonntags um fünf schließen.«

»Augenblick!« Er trat näher heran. »Was hast du gesagt?«

Verbittert blähte sie ihre Wangen auf. »Ich bin zu müde für so etwas.«

»Nein, ich meine es ernst. Wie viel Uhr ist es?«

»Es ist halb fünf, verdammt noch mal!« Sie starrte ihn zornig an, eine Frau am Rande des Wutausbruchs, doch dann fiel sie auf der Couch in sich zusammen. »Du Schwachkopf.«

»Das kann nicht sein.« Kit zog sein Handy aus der Hosentasche und blickte auf das Display. Er sah die Ziffer Vier, gefolgt von zwei Dreien - und spürte einen Anflug von Fassungslosigkeit. Rasch schob er das Telefon in die Tasche zurück.

»Willst du mich verarschen? Du hast dich den ganzen Tag irgendwo rumgetrieben, und als einzige Entschuldigung sagst du locker: ›Ach nee, da hab ich doch glatt vergessen, wie viel Uhr es schon ist …‹ Das ist jämmerlich.« Sie rollte ihre großen braunen Augen. »Kannst du dir nichts Besseres einfallen lassen?«

»Nein, wirklich, Mina.« Plötzlich wollte Kit unbedingt etwas erklären. »Hör mir zu, da ist etwas passiert …«

»Natürlich ist was passiert. Ich habe die Möglichkeit verpasst, an dem einzigen Tag der Woche, den ich frei habe, einkaufen zu gehen. Und das nur wegen dir! Wo bist du überhaupt gewesen? In einem Pub? Ich habe versucht, dich anzurufen, doch ich bekam keine Verbindung mit deinem Handy.«

»Wir gehen nächste Woche«, schlug er vor.

»Nein, danke. Dann geh ich lieber alleine - wie üblich.«

»Nein, Mina, hör mir zu! Ich versuche doch, dir die Wahrheit zu sagen.« Noch während er sprach, konnte er spüren, wie sich sein früherer Entschluss in der Hitze von Minas gerechter Empörung in Luft auflöste. Er setzte sich neben sie auf die Couch. »Etwas ist passiert. Ich habe es selbst nicht geglaubt … Ich bin sogar immer noch nicht sicher, ob ich es tatsächlich glaube. Aber ich kann alles erklären. Wirklich!«

»Da bin ich aber gespannt!«, blaffte sie. Dann verschränkte sie die Arme über ihrer tief liegenden Brust, stieß ihr Kinn vor und sah ihn trotzig an. »Dann leg mal los.«

»In Ordnung.« Sein Schwur, nichts über seine Halluzination auszuplaudern, verblasste nun angesichts der Notwendigkeit, dass Mina ihm Glauben schenkte. »Aber du darfst es niemandem weitererzählen, versprochen?«

»Ja klar. Als ob ich so was tun würde!«

»Nun, ich war auf dem Weg hierher, doch auf meiner Oyster war nichts mehr drauf …« Sie öffnete schon den Mund, um zu protestieren, doch er schnitt ihr das Wort ab, noch bevor sie eines aussprach. »Nein, jetzt sei still und hör mir zu! Der Ticketautomat wollte meinen Geldschein nicht annehmen, und ich konnte kein Kleingeld bekommen, klar? Also habe ich mich entschieden, zu Fuß zu gehen. Unterwegs kam ich am Eingang zu einer kleinen Seitengasse vorbei und beschloss, eine Abkürzung zu nehmen. Plötzlich gab es einen schrecklichen Sturm, mit starkem Regen und Hagel: Und genau da wurde es bizarr. Aber du musst mir glauben - ich sage die Wahrheit, ich schwöre es … Ich habe meinen Urgroßvater getroffen.«

»Deinen was?« Ihre Stimme klang schrill.

»Meinen Urgroßvater … Ich habe ihn getroffen …«

»Ich wusste ja gar nicht, dass du noch einen Urgroßvater hast.«

»Ich auch nicht. Es hat sich herausgestellt, dass er auch Cosimo heißt. Und er hat mich zu einem altmodischen Pub geführt, der in einem Küstenort namens Sefton-on-Sea ist, und er -«

»Wie seid ihr denn dorthingekommen?«, verlangte Wilhelmina zu wissen.

»Wir sind gelaufen«, antwortete er ausweichend.

»Den ganzen Weg von London aus?«

»Nun ja, irgendwie schon.«

Ihre Augen verengten sich. »Was meinst du mit ›irgendwie schon‹?«

Er hatte gehofft, den Teil seines Erlebnisses nicht ansprechen zu müssen, da er mit Recht fürchtete, dass sie ihm nicht glauben würde. »Die Sache ist so«, gestand er. »Ich bin mir nicht genau sicher, was passiert ist.«

Ihre Augen verengten sich noch mehr.

»Was auch immer es war, es geschah, als wir in dieser Gasse waren. Es hat etwas mit Ley-Linien und ähnlichem Zeug zu tun. Verstehst du … Wir gingen immer weiter, und als wir das Ende der Gasse erreichten, waren wir … anderswo.«

»Anderswo?« Minas Augen verengten sich nun zu Schlitzen, die größten Argwohn zum Ausdruck brachten. »Junge, du gibst es nicht auf, was.«

»Ich glaube, wir waren in Cornwall«, fuhr Kit fort. »Oder Devon.« Er sah, wie sich ihr Gesicht versteinerte; sie war fassungslos. »Möglicherweise auch Pembrokeshire. Jedenfalls sind wir auf diese Weise in dieses antiquierte Fischerdorf und den Pub gekommen.«

Mina schüttelte ihren Kopf.

»Du glaubst mir nicht.«

»Oh, ich glaube dir«, erwiderte sie mit süßlicher Stimme. Dann brüllte sie verärgert: »Du Idiot! Warum sollte ich diesen Haufen Blödsinn glauben? Gib mir einen guten Grund dafür.« Sie starrte ihn herausfordernd an. »Aber lüg mich nicht an!«

Dass sie ihm nicht glaubte, ärgerte ihn; und er wurde von einem heftigen Drang erfasst, ihr alles verständlich zu machen. In diesem Augenblick begriff Kit, dass er die Last seines Erlebnisses nicht alleine tragen konnte. Es zählte jetzt nur eines: Sie sollte wissen, dass er die Wahrheit sagte - als ob es das Geschehene auch für ihn glaubhafter machen würde, wenn er einen anderen Menschen dazu bringen könnte, es zu akzeptieren.

Diese Überzeugung überfiel ihn mit solcher Macht, dass er auf die Füße sprang und erklärte: »Ich werde etwas viel Besseres machen, als dir einen guten Grund zu geben. Ich werde es dir zeigen.«

»Ja klar.« Sie gähnte. »Zieh eine andere Nummer ab.«

»Nein, wirklich. Ich werde es dir zeigen.« Er marschierte durch den Raum und hob ihren grünen Blazer vom Kleiderständer. »Hier, zieh das an. Es wird wahrscheinlich regnen, wenn wir dorthinkommen.«

»Meinetwegen. Der Tag ist eh im Eimer.« Sie gähnte erneut, erhob sich lethargisch und tapste hinter ihm her. »Wie hieß noch mal der Ort, wo wir hingehen?«

»Du wirst schon sehen.«

Wenig später, nach einer kurzen Fahrt mit der U-Bahn, gingen die beiden die Grafton Street entlang und suchten den Stane Way.

»Es ist genau hier in der Gegend«, versicherte Kit.

»Ich kann nicht glauben, dass ich mich von dir hab bequatschen lassen«, maulte Mina. »Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte.«

»Ehrlich, du hast nichts Besseres zu tun«, erwiderte er. Ihre Missmutigkeit zwang ihn, ein leidenschaftlicher Verfechter der Expedition zu werden. »Glaub mir, das wird wirklich Spaß machen.«

»Hör auf, so was zu sagen, denn sehr spaßig war es bis jetzt nicht.«

»Komm schon, Mina«, umgarnte er sie. »Denk doch nur: Du wirst eine bezaubernde Landschaft zu sehen bekommen, irgendwo einen netten Nachmittagstee trinken und einen Spaziergang an der frischen Seeluft genießen. Es wird dir gefallen. Ganz bestimmt.«

Als Antwort guckte sie mürrisch und verpasste ihm einen Schlag auf den Arm.

»Au! Wofür war das?«

»Ich habe dich gewarnt«, antwortete sie und schob ihre Hände tief in die Taschen ihrer Jacke. »Ich jedenfalls will nicht an die Küste. Nein, danke!«

»Du musst das einfach sehen.«

»Er wird also dort sein?«

»Wer?«

»Dieser Typ!«

»Du meinst meinen Urgroßvater?«

»Wen sonst?«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Andererseits - vielleicht doch.« Er zuckte die Schultern. »Ich weiß es nicht.«

»Wenn ich sagen würde, dass ich dir glaube - müssen wir das hier dann durchziehen?«, fragte Mina vorsichtig.

»Bei dir klingt es wie eine Tortur«, entgegnete er. »Es wird« - er sah ein gefährliches Glimmen in ihren Augen und änderte schlagartig seine Taktik - »eine lehrreiche Übung sein.«

Sie spazierten weiter. Wenige hundert Yards weiter entdeckte Kit das Straßenschild STANE WAY. »Schau! Hier an dieser Stelle ist es passiert - oder zumindest in der Nähe.« Er bog in die lange, dunkle Gasse ein. »Dieser Weg, hier war's. Und hab keine Angst: Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht.«

Sie gingen eine kurze Strecke schweigend nebeneinander. Die Schatten um sie herum wurden immer dunkler.

»Meine Güte, das ist ja wirklich ein hübsches Fleckchen«, spottete Mina und trat über eine Plastiktasche hinweg, aus der Sandwichbehälter und Tüten mit Knabberzeug auf den Bürgersteig gefallen waren. »Warum hast du mich nicht früher schon einmal hergebracht?«

»Geh einfach nur weiter.«

»Das wirst du bei mir wiedergutmachen müssen, mein Junge«, erklärte Mina drohend. »Und zwar mit mehr als nur einer Tasse Tee und Gebäck, das du in der Mikrowelle aufgetaut hast.«

Kit marschierte nun mit übertrieben großen Schritten in der Mitte der Gasse. Sie folgte ihm und imitierte - mehr aus Langeweile denn aus Überzeugung, dass es irgendeinen Sinn hätte - seine Art zu gehen.

»Ich weiß nicht, ob es funktionieren wird!«, rief Kit über die Schulter hinweg. »Es muss ungefähr hier gewesen sein, als es passierte.«

»Als was genau passierte?«

»Dieser heftige kleine Sturm, der wie aus dem Nichts aufkam und -«

»Was?«, fragte sie mit lauter Stimme, um trotz des brausenden Windes gehört zu werden, der in diesem Moment durch die Gasse blies.

»Ich sagte …«, schrie er zurück, »dass plötzlich ein Sturm aufkam -«

»Du meinst, so wie jetzt?«, brüllte sie, so laut es ihre Lungen zuließen.

Kit hielt an. Der Sturm! Schwarze Wolken ballten sich über ihnen zusammen, und ein stürmischer Wind pfiff laut durch die Gasse, die wie eine Kluft zwischen Gebäuden wirkte. Dann begann es zu regnen. »Genau so!«, schrie er. »Fühlst du es?«

»Was?«, rief Wilhelmina. Sie strengte sich an, trotz des unheimlich kreischenden Sturms etwas zu hören und gehört zu werden.

»Mir nach!«, brüllte er. »Bleib dicht hinter mir! Du willst bestimmt nicht verloren gehen.«

Er begann zu laufen, um aus dem Regen herauszukommen. Er spürte, dass der Weg unter ihm seine feste Form verlor: Es war, als würde er über den Boden einer Hüpfburg joggen. Im selben Augenblick vermochte er nur noch verschwommen zu sehen und fühlte, wie er stürzte - nicht weit nach unten, wie sich herausstellte: Es war so, als ob er von einer Treppenstufe auf den Boden fallen würde.

Er wischte sich mit den Handballen das Wasser aus dem Gesicht und schrie: »Hier! Hier bin ich!«

Als er keine Antwort erhielt, drehte er sich zur Gasse hinter ihm um. Wilhelmina war nirgendwo zu sehen.

VIERTES KAPITEL

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Der Sturm verzog sich heulend und ließ Kit nass und mit einem ekelhaften Gefühl im Magen zurück. Zudem hatte Kit den unangenehmen Eindruck, dass sein Kopf um zwei Größen zu dick geworden war. Mit einem durchnässten Ärmel wischte er sich den Sabber vom Kinn und wartete einen Moment; währenddessen lauschte er auf das Geräusch des rasch verschwindenden Sturmes.

»Mina?«, rief er.

Keine Antwort.

Erneut schrie er ihren Namen und begann, einen Teil des Weges zurückzugehen, den er gekommen war. Dabei suchte er nach einem Eingang, einer Mauernische oder nach irgendeinem noch so winzigen Raum, wo sie Schutz gesucht haben könnte. Er fand nichts als glatte Ziegelsteinmauern auf beiden Seiten. Als er schließlich wieder zum Ende der Gasse zurückkehrte, musste er sich eingestehen, dass Mina nicht mehr da war.

Kit hatte sich zuvor so manches vorgestellt, was eintreten könnte, aber diese Möglichkeit hatte er nicht mit einkalkuliert: dass ihm der Sprung zu dem anderen Ort gelingen würde - wie es ihm nun schien -, während sie in der realen Welt zurückblieb. Der Gedanke, dass Mina sich jetzt klatschnass auf den Heimweg begab, seinen Namen in alle vier Himmelsrichtungen schrie und ihn laut verfluchte, ärgerte und frustrierte ihn. Es ärgerte ihn beinahe genauso stark wie zuvor, als sie ihm nicht geglaubt hatte. Doch vielleicht glaubte sie ihm jetzt. Nachdem sie gesehen hatte, wie er vor ihren Augen verschwunden war - was konnte sie da anderes denken, als dass er ihr die ganze Zeit über die Wahrheit gesagt hatte?

Andererseits hatte er sie in einer schmutzigen Gasse in King's Cross zurückgelassen. Das könnte alles zunichte machen, was ihm möglicherweise zugute gehalten wurde, weil er tatsächlich die Wahrheit gesagt hatte. Bei Wilhelmina konnte man so etwas nie wissen.

Doch dann fiel ihm ein, dass der Ausweg aus dieser Zwickmühle klar auf der Hand lag: Er würde einfach zurückgehen.

Kit atmete tief ein, sammelte seine Kräfte und machte sich bereit für einen weiteren Lauf. Gerade als er in die tiefdunklen Schatten der Gasse hineinrennen wollte, vernahm er, wie jemand seinen Namen rief. Er drehte sich um, blickte auf den Zugang zur Gasse und sah die nunmehr vertraute Gestalt des alten Mannes herbeieilen, der behauptete, sein Urgroßvater zu sein.

»Hallo, Kit!«, rief Cosimo. Wie zuvor trug er einen langen dunklen Mantel und einen breitrandigen Filzhut, den er sich tief ins Gesicht gezogen hatte. »Ich wusste, dass du zurückkommen würdest«, sagte er, als er vor seinem Urenkel stehen blieb. »Darf ich annehmen, dass du deine Meinung geändert hast? Dass du deine Angelegenheiten geordnet und allen für dich wichtigen Personen Lebewohl gesagt hast? Und dass du bereit bist, bei dem lebenswichtigsten Unterfangen mitzuwirken, das deinen höchsteigenen und ganz persönlichen Einsatz erfordert?«

»Okay, okay«, lenkte Kit ein. »Immer langsam.«

»Hör auf, der Frage auszuweichen. Bist du bereit, dich mir anzuschließen?«

»Na ja … Es gibt da ein kleines Problem. Das Mädchen, das ich kenne - meine Freundin Mina -, wartet zu Hause auf mich … Eigentlich im Stane Way. Wir hatten vorgesehen, zusammen hierherzukommen, und -«

»Was?«

»Ich wollte es ihr nur zeigen; aber sie hat den Sprung nicht mitgemacht.«

»Nicht mitgemacht?«, wiederholte Cosimo und zog die Augenbrauen nach unten, sodass sein Gesicht sich verfinsterte. »Was hast du angerichtet, Kit«

»Nichts!«, protestierte der junge Mann. »Ich wollte es ihr nur zeigen! Sie hat mir nicht geglaubt, deshalb wollte ich ihr die Ley-Linie zeigen, verstehst du. Nun, es passierte das Gleiche wie beim letzten Mal, und ich bin hier gelandet. Sie allerdings ist auf der anderen Seite zurückgeblieben.«

»Du dummer Junge!«, brüllte Cosimo. »Wie konntest du nur so etwas Törichtes tun?«

»Mir schien es vorhin eine gute Idee zu sein«, verteidigte sich Kit wenig überzeugend. »Jedenfalls gibt es keinen Grund, das Schlimmste anzunehmen. Nichts ist passiert.«

»Das solltest du wirklich hoffen.«

»Sie wird mit der U-Bahn nach Hause gefahren sein. Meine Güte, wahrscheinlich ist sie furchtbar sauer auf mich. Aber ihr ist nichts passiert.«

»Du weißt wirklich nicht, was du da angerichtet hast, nicht wahr? Du hast nicht die leiseste Ahnung, wie unglaublich gefährlich das ist.«

»Nein, ich -«, begann Kit und brach den Satz ab. »Wieso gefährlich?«

»Gefährlicher, als du es dir möglicherweise vorstellen kannst.«

»Aber du hast gesagt, ich sollte zurückkommen, wenn ich meine Meinung geändert hätte, und so -«

»Ich habe nicht damit gerechnet, dass du versuchen würdest, deine Geliebte mitzubringen. Ich nehme an, du hast ihr alles erzählt? Warum erzählst du es nicht halb London, wenn du schon dabei bist - gib eine Annonce in der Times auf, lass es von der BBC ausstrahlen?« Der alte Mann schüttelte bestürzt seinen Kopf. »Nun, es lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Uns bleibt jetzt nur noch, den Schaden in Grenzen zu halten. Hoffen wir, dass es nicht eine totale Katastrophe ist.«

Kit runzelte die Stirn. »Okay, okay, ich hab's begriffen. Es tut mir leid. Lass uns weitermachen.«

»Versteh doch, mein Junge: Tellurische Energie ist eine der subtilsten Kräfte im Universum - und auch eine der stärksten«, erklärte Cosimo. »Und sie gehört zu den Kräften, die am wenigsten berechenbar sind. Du bist durch etwas gereist, was manche ein Niedrigfrequenz-Fenster nennen - eine Schwelle zwischen den Dimensionen, wenn man so will. Du bist, wie erwartet, hier gelandet; aber es gibt keine Möglichkeit, zu erkennen, wo deine Freundin hingegangen ist.«

»Aber sie ist nirgendwo hingegangen«, widersprach Kit. »Sie ist mir nicht gefolgt. Sie ist auf der anderen Seite geblieben …« Ein Blick ins Gesicht des alten Mannes genügte, und Kit verlor jeglichen Glauben daran, dass seine letzte Behauptung richtig war. Am Ende sagte er schwach: »Das stimmt doch, oder?«

»Es ist möglich, aber keineswegs sicher. Du hast weder die Fertigkeit noch die Erfahrung, um andere mitzubringen. Mit der Zeit - wenn du lange genug leben solltest - wirst du vielleicht deine Talente entwickeln. Aber bis dahin musst du wirklich jeden Versuch unterlassen, andere herüberzuziehen, auch wenn es dir im Augenblick als eine gute Idee erscheint. Die Ergebnisse sind unkalkulierbar.«

»Du kannst also nicht feststellen, ob Mina dageblieben ist oder nicht?«, knurrte Kit gereizt.

»Ich vermute, deine Freundin ist ebenfalls auf dem Pfad gewandert«, erklärte Cosimo. »Aber da sie nicht hier angekommen ist, müssen wir annehmen, dass sie irgendwo anders ausgekommen ist.«

»Und wo?«

»Genau das ist das Problem. Versteh doch - die Möglichkeiten sind endlos. Deine Freundin könnte an jedem Ort und in jeder Zeit sein.«

»In jeder Zeit?«

»Wenn man sich von einer Welt oder Dimension in eine andere bewegt, reist man unvermeidlich auch in der Zeit. Es führt kein Weg daran vorbei. Glaub mir, ich habe es versucht.«

»Eine Zeitreise! Natürlich …« Kit begriff nun, warum er vorhin acht Stunden später in London angekommen war, als er geglaubt hatte - und auch, dass Sefton-on-Sea etwas völlig anderes als eine malerische Touristenattraktion darstellte.

»Bleib genau hier stehen!«, befahl der alte Mann. »Beweg keinen Muskel. Kannst du das zwei Minuten lang?«

»Kapiert, Professor.«

»Gut«, sagte Cosimo und hastete fort. Doch nach nur wenigen Schritten drehte er sich um und fragte: »Wie sieht deine Mina überhaupt aus?«

Kit gab ihm eine kurze Beschreibung und nannte sogar die Farbe ihrer Jacke und ihrer Hose, die sie heute trug.

»Das genügt«, meinte der Alte, wandte sich um und spazierte in die dunklen Schatten.

Sein Körper wurde immer verschwommener - als ob man ihn durch eine reifbedeckte Fensterscheibe sähe. Plötzlich kam eine Windböe auf, und er verschwand vollständig.

Kit wartete. Er fragte sich, wie lange er wohl in der Gasse würde stehen müssen. Der Gedanke ging ihm noch immer durch den Kopf, als er erneut eine Brise verspürte. Sogleich sah er, wie Cosimo aus den Schatten herbeieilte.

»Sie ist nicht da.«

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